Genossin Kaltmamsell

Mittwoch, 2. Juli 2014 um 17:03

140629_Kartoffelkombinat

Zum ersten Mal im Leben habe ich als Mitglied an einer Generalversammlung teilgenommen (also nicht als Berichterstatterin oder Organisatorin). Das hat nicht zufällig so lange gedauert: Dazugehören ist für mich nicht sehr attraktiv, und dass ich mich innerlich generell gegen Mitgliedschaft sträube und umgehend Vereinnahmung fürchte, mag zu meinen schlechteren Eigenschaften gehören.

Doch seit vergangenem Jahr bin ich Teil der Genossenschaft Kartoffelkombinat. Und nun trafen wir uns in einem Gewächshaus der Gärtnerei, aus der wir den größten Teil unseres Ernteanteils beziehen, zur regulären Generalversammlung über das Geschäftsjahr 2013. Ich kam mit S-Bahn und Fahrrad, hatte mir die 20 Minuten Radeln zum Gemüsehof allerdings deutlich sommeridyllischer vorgestellt als im Dauerregen des vergangenen Sonntags. Zumindest ist jetzt die Hürde des Erstbesuchs genommen, jetzt müsste ich viel einfacher den Hintern hochkriegen zum zweiwöchentlichen Mitgärtnern, auf das ich sehr neugierig bin.

Es ging um Geschäftszahlen (Bilanz, Gewinn- und Verlustrechnung), um Lagebericht und Zukunftspläne – vieles kannte ich aus meiner Geschäftsberichtsvergangenheit. Aufsichtsratsvorsitzender Horst Bokelmann führte locker und zu 100 Prozent dem Publikum angemessen durch die Versammlung. Er erklärte viel, zum Beispiel die Pflichtschritte dieser Generalversammlung, auch missverständliche Begriffe wie „Entlastung“ von Vorstand und Aufsichtsrat.

Spätestens seit Lagebericht und Ausblick weiß ich, wie bedacht und sorgfältig die Geschäftsführer und Gründer Simon Scholl und Daniel Überall dieses Projekt steuern. Außerdem kenne ich jetzt den Status Quo unserer Genossenschaft.

Noch gehört uns kein Land, sind wir auch nicht selbst Pächter. Das Kartoffelkombinat arbeitet hauptsächlich mit einem Gemüsehof in Eschenried zusammen, von dort kommt das meiste unseres Ernteanteils (aber nicht die Kartoffeln, dafür eignet sich der Boden nicht). Seit 2014 sind wir der solidarischen Landwirtschaft einen Schritt näher: Der Anbau des Gemüsehofs wird von Genossenschaftsgeld vorfinanziert. Auch die Gehälter eines Teils des Gärtnereipersonals werden von uns gezahlt (und ja: auf angemessene Höhe wird geachtet, wir sind ja nicht Marktwirtschaft). Nach und nach werden alle Partnerbetriebe in die Prinzipien der solidarischen Landwirtschaft gebracht.
Unsere Ernteanteile stimmen die Geschäftsführer ab auf Boden, Jahreszeit, Wetter sowie auf die Pläne und Prioritäten der Partnerhöfe. Doch erst wenn wir selbst Vollpächter oder Besitzerinnen sind, können wir zum Beispiel ganz bestimmen, was genau angebaut wird. Dazu gibt es Verhandlungen, aber kein zeitliches Ziel (gut so, wir sind ja nicht Marktwirtschaft).
Auch dieses Jahr wird es so vernünftige Aktionen geben wie das Einkochen von Ernteüberschüssen in Sugo: Statt Fluten an Tomaten und Zucchini auf die Genossinnen aufzuteilen, die sich jede und jeder einzeln in die Küche stellen und einkochen, wird das zusammen in einer Großküche gemacht. Die Gläser mit Sugo waren zwischen dem Lagergemüse im Winter eine echte Bereicherung, und der Sugo war köstlich.
Außerdem sind Simon und Daniel sehr konkret an einer ganzen Anzahl möglicher Kooperationen und Zukunftsprojekten – alles klang großartig (und nach einem Rätsel, wie sie das bloß zeitlich schaffen).

Die Genossenschaft ist deutlich schneller gewachsen als bei der Gründung Mitte 2012 erwartet, derzeit sind wir um die 500 Haushalte. Welch ein logistischer Aufwand dahinter steckt, kann ich nur ahnen. Doch immer noch machen Simon und Daniel das Ganze gründlich überlegt, nicht nur mit Leidenschaft und Idealismus (außerdem von einem sehr kompetent wirkenden Aufsichtsrat beraten). Für Herbst ist eine neue Testphase für Interessenten geplant. Wer das nicht verpassen möchte, abonniert am besten den Feed des Kartoffelkombinatblogs oder Facebook.

Über die Stunden der Versammlung, durch das Kennenlernen von Vorstand, Aufsichtsrat und Mitgenossinnen spürte ich, wie das eine oder andere Band um mein Herz sprang. Mir wurde klar, welche Verheerungen das Erleben der New Economy und der nachfolgenden Jahre in der großen freien Wirtschaft an meinem Weltbild angerichtet hatten. Dem Lob der Leidenschaft misstraue ich: Einfach nur Leidenschaft für eine Idee oder Sache ist erst mal weder gut noch schlecht, sondern sehr wahrscheinlich persönliche Veranlagung. Die Start-up-Gründer in der New Economy waren zum größten Teil leidenschaftlich, begeistert, einsatzbereit. Aber ihnen fehlte zum allergrößten Teil jegliches Verantwortungsbewusstsein. Und ohne dieses bringt kein leidenschaftlicher Einsatz der Welt die Welt weiter. Auch in Unternehmen habe ich visionäre, begeisterte und begeisternde Menschen ohne übergreifende Werte und verwurzelten Anstand kennengelernt. Und mich immer schneller vor ihnen zurückgezogen. Mittlerweile bin ich für die Gedanken sachlicher Langweiler deutlich offener als für Menschen, die auf Begeisterung abzielen.

Die Menschen hinter dem Kartoffelkombinat erlebte ich als sachlich. Ich bin mir bewusst, dass mir das Ziel einer lokalen Versorgungsstruktur deshalb vernünftig erscheint, weil ich die Prämissen teile. Aber ich glaube ihnen, dass es wirklich darum geht. Ich beginne, eine Art von Vertrauen zu fassen, die ich für dauerhaft kaputt gehalten hatte.

Disclaimer: Ich bin keine Expertin in Genossenschaftsrecht noch in solidarischer Landwirtschaft und habe möglicherweise das eine oder andere missverstanden. Alle sachlichen Fehler gehen auf meine Kappe, über Korrekturen freue ich mich.

die Kaltmamsell

14 Kommentare zu „Genossin Kaltmamsell“

  1. Anke meint:

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  2. adelhaid meint:

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  3. Kirsten meint:

    So wie Sie, liebe Frau Kaltmamsell, das Projekt beschreiben, klingt das alles hochinteressant.
    Aber die Webseite sollte man besser nicht lesen. Könnten Sie bitte bei der nächsten Versammlung einen Antrag auf Entschwurbelung der Website-Texte stellen? Wäre schön, wenn man das auch ohne Krampfanfall lesen könnte. Wer weiß, vielleicht würde man dann sogar verstehen, worum es bei dem Projekt geht.

  4. Uschi meint:

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  5. Pippilotta meint:

    Danke für den Bericht! Tolle Sache das. Vor allem, wenn sich – wie hier – Leidenschaft mit Weitsicht und Verantwortungsgefühl verbindet und das Ganze dann auch noch praktisch umgesetzt wird. Viel Spaß beim Mitgärtnern!

  6. Croco meint:

    Ich steh ja außerordenlich auf Genossenschaften. Der Arbeitgeber meines Vaters war eine, meine Bank ist eine und meine Gegend ist das Herzsstück.
    Lange Jahre wurde ich belächelt ob meiner glänzenden Augen bei diesem Thema.
    Jetzt nicht mehr.
    Genossenschaften funktionieren mit kaufmännisch denkenden Menschen, aber egoistisch und habgierig dürfen sie nicht sein. Die Menschen, die ich kenne, die da arbeiten, sind vorsichtiger, meinetwegen langweiliger als andere Geschäftsleute, aber sie denken immer daran, dass sie mit den Einlagen anderer Menschen wirtschaften.
    Ich hätte gerne mehr davon. Und ich vertraue auch.

  7. oachkatz meint:

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  8. Gaga Nielsen meint:

    Nicht unsympathisch.
    (im Gegenteil)

  9. Sebastian meint:

    Danke fürs Dortsein und Berichterstatten, jetzt verstehe ich es besser und kann es auch besser erklären – als Verteiler bin ich von außen dazugekommen.

    Die Website kommt eher von innen und ja, Kirsten, da gibt sie sich ein bisschen spröde gegenüber dem Bedürfnis nach klaren Worten und flutschendem Service auf einen Blick, mich erinnert sie erfrischend an Frankfurter Pflasterstrandzeiten.

    Wenn aber das Mitmachen und die Menschen dazukommen (und das gehts ganz simpel und unverkrampft zu), dann passt das gut zusammen und lohnt das Weiterlesen und die Geduld dafür. Und der wöchentliche Zettel in der Kiste ist erstaunlich reich an handfesten Informationen zum Projekt und vor allem zum Gemüse – simpeltolle Rezepte inklusive.

    Wann fahren wir zum Gärtnern, kaltmamsell?

  10. Daniel meint:

    jajaja, die Texte überarbeiten wir bei Gelegenheit :-)
    @Kaltmamsel: danke für den Beitrag!

    LG, Daniel

  11. Jule meint:

    Trifft ziemlich genau meine Stimmung vom letzten Sonntag… Sehr schön geschrieben.

    PS: Ich glaube, wir haben uns schon mal beim Bilanz-Seminar für Journalisten in der Münchner Börse getroffen – ihr Name ist mir im Kopf geblieben. Mir zumindest hat das Seminar ein bisschen geholfen, beim Geschäftsbericht-Lesen im KK…

  12. die Kaltmamsell meint:

    19. Juli habe ich ins Auge gefasst, Sebastian.

  13. ilse meint:

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  14. Sylvia meint:

    Danke fürs Hingehen und Berichten! Zur HV habe ich es wegen Urlaubs leider nicht geschafft.
    Danke für den Tipp mit dem KK! Ich habe seit Ihrem letzten Post die Testphase mitgemacht und bin jetzt auch Genossin. :-)

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