Journal Mittwoch, 18. Februar 2015 – Sonderseiten

Donnerstag, 19. Februar 2015 um 10:26

Nach unruhiger Nacht morgens Crosstrainer (Eichhörnchen vor dem Fenster), tagsüber ruhige Arbeit, abends Feldsalat aus Ernteanteil und frische Scones, damit wir endlich die von Herrn Kaltmamsell selbst hergestellte Clotted Cream probieren konnten (gut!).

Radeln durch kalten Nebel nach Haidhausen (der ganze Tag war hochnebelgrau gewesen), dort Treffen mit Freundin über Cocktails.

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Aufgeregt über den Start des Techniktagebuchbuchs. Besonders bezaubernd finde ich die Ansammlung an Vorwörtern. Oder Nachwörtern. Vielleicht Zwischenwörtern? Weswegen sie sehr bald “Vornachzwischenwort” hießen. Die können Sie auch gesammelt lesen.

Unter anderem ist mir durch das Beobachten der anderen bei ihrer Arbeit am Techniktagebuchbuch (die zugehörigen Auszüge aus dem Techniktagebuchredaktionschat werden möglicherweise irgendwann gesondert veröffentlicht) nun auch sehr bewusst geworden, dass keiner so recht weiß, was bitte ein E-Book ist. Denn einige Dinge, die wir uns von der elektronischen Form statt Papier erhofft hatten, gingen nicht.
Seit ich ein Kindle (bitte immer schwäbisch aussprechen) habe, hege ich ja den wachsenden Verdacht, dass die E-Book-Technik von der Papierlobby gesteuert wird: Keine mir bekannte Technik ist so hartnäckig userunfreundlich wie diese. (Na gut: Von SAP höre ich Ähnliches.)

Mario Sixtus versuchte schon vergangenes Jahr vergeblich, E-Book-Offizielle auf eine praktikable Definition festzunageln:
“Das Phantom namens Ebook”.

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Deprimierende Geschichte eines chief political commentator1 des britischen Telegraph:
“Why I have resigned from the Telegraph”.
(Hier Stephen Frys Kommentar zum lahmen Dementi.)

Ich weiß, dass derzeit in Deutschland die Enthüllungen von Sebastian Heiser diskutiert werden – doch daran überrascht mich eher die Überraschung. “Sonderseiten” hatte man mir während meines Zeitungsvolontariats als nicht wirklich journalistisch beigebracht; die Sachtexte, mit denen Anzeigen akquiriert wurden, sollten durchaus fachlich belastbar sein, aber auf keinen Fall konfrontativ. Von PR-Seite kenne ich Sonderseiten in Tageszeitungen als den Ort, an dem man Kundentexte (gerne auch erfundene Interviews) zuliefert; wenn sie sachlich genug verfasst sind, werden sie praktisch ohne Änderung verwendet. Manchmal kostet die Veröffentlichung Geld (deutlich weniger als Anzeigen), manchmal nicht. (Als PR-Maßnahme ist das wegen vager Glaubwürdigkeit durchaus umstritten.)
Erst aus dem Artikel von Heiser erfuhr ich, dass die Süddeutsche einen anderen Anspruch an ihre Sonderseiten erhebt.

  1. Verzeihung, die Aufgabenverteilung in einer Redaktion ist im angloamerikanischen Sprachraum so anders als im deutschen, dass jeder Übersetzungsversuch scheitert. []
die Kaltmamsell

15 Kommentare zu „Journal Mittwoch, 18. Februar 2015 – Sonderseiten“

  1. Liisa meint:

    Oh, mich würde sehr interessieren, wie Herr Kaltmamsell die Clotted Cream selbst herstellt!? Wäre es möglich, da bitte mehr zu erfahren?

  2. Hamleys meint:

    Es ist zwar gerade Fastenzeit, aber als großer Freund der britischen Inseln im allgemeinen und des cream tea im speziellen wäre ich sehr dankbar für ein tried & tested recipe für die clotted cream…

  3. Norman meint:

    Denn einige Dinge, die wir uns von der elektronischen Form statt Papier erhofft hatten, gingen nicht.

    Das interessiert mich. Können Sie bitte Beispiele nennen? Danke.

  4. die Kaltmamsell meint:

    Ich glaube, Liisa, Hamleys, er hat sich an der Backofenversion hiervon orientiert:
    http://www.herr-rau.de/wordpress/2015/02/so-viel-zeit-muss-sein-2015.htm#comment-132851
    So, wie ich ihn kenne, wird er sich aber noch mit präziseren Angaben melden.

    Nein, kann ich nicht, Norman: Ich habe die gesamte Arbeit am E-Book den anderen überlassen und nur mitbekommen, dass einige Dinge nicht gingen, die als Vorteil von E-Books vorausgesetzt wurden.

  5. Feathers McGraw meint:

    Scones (essen) ist uebrigens mein Spezialgebiet in London: ich hab schon 60 verschiedene Afternoon-Teas hier besucht, die sind meiner Meinung nach das tollste was es gibt auf der Welt. Einer meiner persoenlichen Hoehepunkte war, als mich die Fug-Girls auf meinen Vorschlag hin nach weiteren Empfehlungen gefragt haben und jetzt wohl Afternoon Tea in deren neuen Buch eine grosse Rolle spielt. Falls sie mal in London sind teile ich gerne mein Google-Map zu dem Thema.

  6. Liisa meint:

    Vielen Dank! Ich hab mir den Link mal angeschaut. Ich fürchte, für eine eigene Herstellung bin ich dann doch nicht ausgerüstet bzw. talentiert genug.

  7. die Kaltmamsell meint:

    Feathers McGraw – ein Sconologe! Ich bitte innigst um dieses Google-Map: Cream Tea hatte ich nur einmal, nämlich auf einer Wanderung in den South Downs, und man stellte mir BUTTER! in Folienwürfel dazu. Indiskutabel.

  8. Hamleys meint:

    Kann mich der Kaltmamsell nur anschließen: eine afternoon tea map für London ist eine großartige Idee!!
    Und danke auch für den Rezeptlink, ist auf jeden Fall einen Versuch wert, fernab der Insel….

  9. Feathers McGraw meint:

    Kurze Begriffskunde:

    Cream Tea: Scones, clotted cream, preserve + Tee, sonst nichts.
    Afternoon Tea, auch: Low Tea (weil an Wohnzimmertisch): Finger Sandwiches, Scones, clotted cream, preserve und Auswahl kleiner Kuchen
    High Tea: Entweder normal Abendessen (weil an hohem Esszimmertisch) oder Afternoon tea aus herzhaften Dingen bestehend (dann auch manchmal: Gentleman’s Afternoon Tea)

    Meine Map ist nur London; gruen war ich schon, rot muss noch. (ausserhalb Londons ist meine Afternoon Tea Erfahrung auf Bangkok und ein Irisches Landschloss begrenzt):
    https://www.google.com/maps/d/edit?mid=z7tWLByKd8jQ.kTaxf5_UBKyk

    Da sind nur Wertungen aus bis zu 5 Sternen drin, wobei einzelne Laeden dann doch Alleinstellungsmerkmale haben. Besonders gute Scones: Haymarket/Soho Hotel. Besonders Amuesant: The Delaunay, weil die “Austrian” sind, das heisst neben klassisch britischen Scones bieten sie auch Miniguglhupfe mit Schlagsahne und Marillenmarmelade an (und eine einige andere optionale Veroesterreichungen). Schwesterrestaurrant The Wolseley ist dagegen nur Britisch, aber ebenfalls exzellent: diese beiden sind die einzigen die nicht nur unlimited Sandwiches und scones anbieten sondern auch unbegrenzt Kuchen. Gong ist im Shard, da kann man sich die Aussichtsplattform sparen. Die Fug Girls haben sich fuer das Dorchester und Sketch entschieden, letzteres ist optisch quirky aber geschmacklich solide. The Connaught hat 10 oder so verschiedene Sorten an Preserves, the Langham ist geschmacklich am anspruchvollsten/spannendsten (und hat Afternoon Tea in London erfunden).

    Es gibt hier viel interessante Auswahl, falls die Ansprueche spezieller werden (Sake Afternoon Tea im Hyde Park? Alice im Wunderland themed mit “Eat Me” Kuchen und Wackelpuddingbuffet?) helfe ich gerne mit spezielleren Empfehlungen aus.

    Tut mir leid wenn das hier ausartet, es koennte sein dass das mein einziges wirkliches Fachgebiet ist.

  10. Lempel meint:

    Ich schau jetzt mal ein bisschen verschämt: Ich weiß gar nicht genau, was der Afternoon-Tea” genau ist. Klar, irgendeine Vorstellung habe ich schon. Aber es wäre schön, wenn Sie für absolute Anfänger noch etwas genauer ins Detail gehen könnten. Meine Fragen: 1. Wann? 2. Was kostet es? 3. Was zieht man an?

  11. habicht meint:

    danke für Ihre 5 Cent zum Thema “Heiserleaks”. Mich schockiert nämlich auch in erster Linie die kollektive Überraschung und die Naivität des jungen Herren. (Von seinem weinerlichen Ton mal ganz abgesehen, aber so etwas ist ja Geschmackssache…)

  12. Feathers McGraw meint:

    Aber ja doch. ich hoffe Links auf fremde Seiten gehen hier ein bisschen:

    http://www.visitwinchester.co.uk/sites/default/files/afternoon_tea.jpg

    Also der Sage nach ging das so. Früher gab es als Mahlzeiten nur Frühstück und Abendessen, zumindest im England des 19. Jahrhunderts. also Frühstück eher spät und Abendessen eher früh aber trotzdem. Eine gewisse Herzogin von Bedford fühlte am Nachmittag immer so ein “sinking feeling” in der Magengegend und entschloss sich, eine Nicht-Mahlzeit auszudenken, also nur so ein Snack eigentlich. Die sollte im Wohnzimmer gegessen werden und aus Häppchen bestehen. Daraus entwickelte sich Afternoon Tea als Trend in den 1840ern: Eine Etagere mit Fingersandwiches (länglichen belegte Häppchen mit abgeschnittener Rinde, traditionell Gurkensandwich, Lachs, Schinken und Eiersalat mit Kresse), Scones mit clotted cream und Preserves (die man in Deutschland als Marmalade bezeichnen würde) sowie eine Auswahl kleiner Kuchen (traditionell zumindest Battenberg und Victoria Sponge, sonst wechselnd).

    Das Langham Hotel in London hat den dann als Hotelspezialitaet eingeführt, dort gibt es ihn seit 1865. Andere Hotels in London zogen dann nach und jetzt ist das hier z.B. zu Geburtstagen üblich, wenn man es gerne etwas schicker hat (und es schadet auch nichts wenn man eine ältere Dame ist).

    Normalerweise gibt es Afternoon Tea so zwischen 14:30 und 17:00, das variiert etwas von Hotel zu Hotel. Auch Restaurants bieten den natürlich an, aber eigentlich gehört er in Hotels. Afternoon Tea isst man nämlich zuhause, und wenn man auf Reisen ist, dann im Hotel.

    Dazu gereicht, und daher kommt der Name, Tee in einer eigenen Kanne pro Person. Üblicherweise wird heisses Wasser nachgeschüttet, am besten ungefragt. Auch Sandwiches und Scones gibt es normalerweise soviel wie man will, nur Kuchen sind meistens begrenzt. Dazu kommt natürlich noch die ganze Scones Folklore. Kurzabriss: Nicht mit dem Messer schneiden sondern aufdrehen (man schneidet kein Brot am Tisch mit dem Messer, daher auch Fingersandwiches), dann mit dem zugehörigen Löffel Clotted Cream und Preserve auf den eigenen Teller. Dort wird dann der Scone (sprich: Skonn) mit dem eigenen Messer mit beidem bestrichen. In Devonshire zuerst clotted cream dann Preserve, in Cornwall umgekehrt (das nehmen die beiden Regionen sehr ernst; ich halte es mit Devon).

    Gerne gibt es zu feierlichen Anlässen dazu auch Champagner oder Cocktails.

    In London ist Afternoon Tea natürlich in allen Preisklassen zu erhalten. Der günstigste Tee der vollständig und gut ist kostet so etwa £25, das ist mit allem inklusive und Nachschlag. Richtiger guter Afternoon Tea geht bis etw £50 + Alkoholische Getränke. Ich spare mir damit immer 2 Mahlzeiten – ich hungere etwas bis 15:00, muss dann aber den Rest des Tages nichts mehr essen.

    Kleiderordnung ist vom Hotel/der Örtlichkeit abhängig. Da ist man in London gar nicht so streng, ausser in Touristenfallen wie dem Ritz: da gehen keine Jeans/Turnschuhe, ohne Anzug kommt man gar nicht durch die Tür. Der £25 Tea im Wolseley z.B. ist ohne Kleiderordnung aber in sehr schicker Atmosphäre und mit Kuchennachlieferung. Schafft man aber meistens eh nicht.

    Jetzt hab ich den Kommentarbereich aber ordentlich mit Tee geflutet/gekapert, tut mir leid!

  13. die Kaltmamsell meint:

    Ich danke von Herzen, Feathers McGraw! Das beeinflusst die Planung des Osterurlaubs entscheidend! Ich nehme an, Reservierung empfiehlt sich immer?

  14. Feathers McGraw meint:

    In London braucht man eigentlich immer Reservierungen wenn etwas auch nur halbwegs interessant ist. Bis auf manche der Museenrestaurants hatte ich auch immer welche. Das geht je nach Beliebtheit auch mehr oder weniger kurzfristig. Bei Claridge’s z.B. kann man nur 90 Tage im Voraus buchen, und für einen Geburtstags-Wochenendtermin musste ich genau 90 Tage vorher bei Öffnung der Telefonbuchung um 8 Uhr anrufen damit ich meinen Tisch für 7 Personen kriegen konnte. Oft reichen aber auch ne Woche oder zwei.

  15. Lempel meint:

    Feathers Mc Graw, vielen Dank für Ihre Ergänzungen!

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