Journal Mittwoch, 22. April 2015 – Beruhigungsmittel am Frühlingshimmel

Donnerstag, 23. April 2015 um 7:37

Dritter Morgen, an dem ich mich von einer Schlaf-App wecken ließ (irgendwann schreibe ich im Techniktagebuch darüber): Ich hatte am Vorabend das Smartphone neben mein Kopfkissen gelegt, die späteste Weckzeit eingestellt (5:50 Uhr), und die App sollte anhand meines Schlafablaufs berechnen, wann in den 30 Minuten davor der ideale Weckzeitpunkt war. Die App entschied sich für 5:20 Uhr und riss mich aus tiefen Träumen. Am Morgen davor war ich einige Zeit vor der frühesten Weckzeit wach gewesen, doch die App hatte beschlossen, dass ich noch weiterzuschlafen hatte. Mal sehen, wie lange ich dieses Spiel aus reiner Neugier mitspiele.

Na, wenn ich schon wach war, konnte ich ja Kaffeetrinken UND eine Runde an der Isar laufen vor der Arbeit. Der Morgenlauf dauerte dann etwas länger als geplant, weil er an diesem strahlenden Frühlingsmorgen so wundervoll war und es so viel zu fotografieren gab.

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Dass ich danach mit einem ziemlich dämlich entspannten Lächeln heim kam, lag aber sicher hieran:

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Mittwoch ist unser Ernteanteiltag des Kartoffelkombinats, es waren diverse Salate angekündigt. Nachmittags erinnerte ich mich, dass mir eine Kommilitonin vor 20 Jahren erzählt hatte, bei ihnen in Norddeutschland fülle man Pfannkuchen gerne mit süß angemachtem Kopfsalat. Ich probierte eine Abwandlung: Den Salat aus dem Ernteanteil (kein Kopfsalat) machte ich mit Dosenmilchdressing (wegen Norddeutschland) und Schnittlauch an, füllte frische Pfannkuchen damit. Es stellte sich heraus: Eine großartige Sache, und deutlich sättigender, als ich gedacht hätte.

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Kluges von Antje Schrupp zum Unterschied zwischen Schuld und Verantwortung:
„Verantwortlichkeiten“.

Es ist meines Erachtens ein echtes Problem bei vielen deutschen politischen Debatten, dass alles quasi innerhalb von Nanosekunden auf die Schuldfrage zugespitzt wird. Über Politik, so scheint es mir manchmal, können wir gar nicht anders als moralisch sprechen, also immer vor dem Hintergrund der Frage, wo Gut und Böse jeweils liegen und wer in den Himmel kommt und wer in die Hölle.

Es geht aber bei politischen Debatten nicht um moralische Schuld, sondern um Verantwortung. Gerade in Deutschland sollten wir angesichts der Notwendigkeit, den Nationalsozialismus aufzuarbeiten, eigentlich inzwischen gelernt haben, zwischen beidem einen Unterschied zu machen. Nicht persönlich an etwas „schuld“ zu sein, enthebt niemanden der Verantwortung.

(…)

Frauen, die ihren Töchtern beibringen, sie müssten erstmal „Nein“ sagen, um sich bei Männer interessanter zu machen; Frauen, die sich sexualisiert aufbretzeln, nicht weil es ihnen so gefällt, sondern weil sie meinen, sie müssten das tun, um anerkannt zu sein; Frauen, die schweigend zuschauen, wie andere Frauen von Männern belästigt werden; Frauen, die als Mitarbeiterinnen von Werbeagenturen Kampagnen mit objektivizierten Frauenkörpern mittragen und so weiter und so weiter – sie alle [tragen] aktiv zur Stabilisierung von Vergewaltigungskultur bei. Die Beispiele ließen sich natürlich vervielfachen.

Aber auch das festzustellen bedeutet nicht, dass alle Frauen, die sich so verhalten, auch in einem moralischen Sinne schuldig sind. Möglicherweise haben sie ja gute Gründe, die ihr Verhalten rechtfertigen. Oder sie befinden sich in einer Situation, in der sie keine andere Möglichkeiten haben. Oder sie haben noch nie über das Thema nachgedacht. Es gibt hundert Gründe, die ihr Verhalten erklären, viele davon sind struktureller Natur und damit in der Logik individueller Schuld nicht hinreichend zu erfassen.

(…)

Feminismus ist jedenfalls umso wirkungsvoller und interessanter, je mehr wir uns nicht in einer Politik der Forderungen verlaufen, sondern uns selbst und andere Frauen dazu anregen, etwas Sinnvolles zu tun. Wenn wir Praktiken erfinden, die uns (und vielleicht auch anderen) dabei helfen, angesichts der Verhältnisse verantwortlich zu handeln und uns für das einsetzen, was wir für richtig halten. Zum Beispiel indem wir uns darüber austauschen, welches Handeln Erfolg hat und was nicht und so weiter. Indem wir also gerade nicht moralische Anforderungen an uns selbst oder gar an andere Frauen stellen, sondern durch eine realistische Betrachtungsweise die Wahrscheinlichkeit erhöhen, dass jede im Rahmen ihrer Möglichkeiten tut, was sie kann. Dafür ist es ja gerade nötig, dass wir ernst nehmen, was Frauen daran hindert. Und es ist unabdingbar, nicht ständig in jedem Vorschlag zum politischen Handeln gleich einen moralischen Druck zu sehen, was natürlich nur zu reflexhafter Ablehnung führt (in der Regel eine Begleiterscheinung von schlechtem Gewissen). Es geht im Feminismus darum, Wege zu finden, wie wir die Möglichkeiten und Handlungsoptionen von Frauen erweitern können. Moral hilft uns dabei nicht, aber Realismus.

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Für die Sprachnerds unter der geschätzten Leserschaft: Katrin Scheib über die armenische Schrift (sie war gerade eine Zeit lang in Armenien).
„Ceci n’est pas un U“.

Im Gegensatz zum Georgischen, das aussieht wie eine ausgeschüttete Tüte Erdnussflips, besteht das Armenische in großen Teilen aus Us, Us mit kleinen Schwänzchen und U-Bögen, die jemand gekippt, gedreht oder vervielfacht hat. Was kein U ist, erinnert gerne mal an lateinische Schrift oder auch ans Kyrillische, aber das heißt nichts.

§

Wie geht’s eigentlich einer Dicken, nachdem sie dünn geworden ist?
Traurig und ein wenig gruslig: Dünnsein macht nicht glücklich.
„The ‚After‘ Myth“.

Truthfully, I have no idea who I am without “needs to lose weight” being one of the primary parts of my identity.
(…)
Losing weight does not mean you no longer struggle with your weight; I wish I had truly understood that. I still struggle with food. I still struggle with me.

via @midoridu

die Kaltmamsell

9 Kommentare zu „Journal Mittwoch, 22. April 2015 – Beruhigungsmittel am Frühlingshimmel“

  1. adelhaid meint:

    ja, memrise ist eine tolle sache. damit habe ich mir das hebräische alphabet eingeprägt – mehr oder weniger, weil ja nur die gedruckte schrift erscheint. und die handgeschriebene eben noch mal eine ganz andere geschichte ist.

    und das georgische – ich bin immer wieder entzückt, wenn es auf meinem tisch landet. und ich meine zu beobachten, dass diese muttersprachlerInnen dann auch besonders schön gerundete handschriften im deutschen haben.
    armenisch hatte ich noch gar nicht so auf dem schirm. sieht man hier auch nicht so oft, denke ich..

  2. oachkatz meint:

    Die Bilder fangen wunderbar die Frühlingsfarben ein. Da bekomme ich Lust aufs Selberlaufen. Leider ist keine Isar in der Nähe…

  3. Gaga Nielsen meint:

    Ich muss mal ganz neugierig nach dem detaillierten Ablauf eines solchen Morgens inclusive aufwändigem Dauerlauf vor einem Arbeitstag fragen. Das erscheint mir so zeitaufwändig, dass ich mir nur denken kann, dass Abstriche gemacht werden müssen, die ich nicht machen würde, bei solchen outdoor-Aktionen. Nun bin ich ja auch nicht als Dauerläuferin oder sonstwie trainiert.

    Meine Vorstellung ist wie folgt: Wecker klingelt also irgendwann um fünf rum, an dem Tag also um 5:20 Uhr (was wahrscheinlich schon den Rückschluss zulässt, dass die Bettruhe vor Mitternacht, irgendwann zwischen zehn und elf, eingenommen wurde). Aufstehen, Toilettengang, (Zähneputzen?), Kaffee kochen, Verzicht auf Dusche(?), Laufklamotten anziehen. Ungeschminkt und ungewaschen zur U-Bahn, die zur Startposition der Laufstrecke fährt, wo die Isar in unmittelbarer Nähe ist. Es dürfte bei Ankunft an der Starposition inzwischen 6:00 Uhr sein. Dann loslaufen, zwischendurch anhalten und die Bilder knipsen, dann wieder zurück oder eine andere U-Bahn-Haltestelle anpeilen, um zurück zur Wohnung zu fahren. Sagen wir: eine Stunde Laufen, wieder U-Bahn fahren, von der U-Bahn zur Wohnung laufen – ca. anderthalb Stunden? Es dürfte inzwischen 7:30 Uhr sein oder sogar etwas später. Unter die Dusche, abtrocknen (15 Minuten), vielleicht noch mal Kaffee kochen(?), Haare trocknen, frisieren, Wimpern tuschen, Puder, Lippenstift, Garderobe auswählen (gut und gerne dreißig Minuten), Handtasche checken, vielleicht noch Proviant einpacken (inzwischen dürfte es ca. 8:15 – 8:30 Uhr sein), Fußweg (Dauer?) zur Arbeit. Arbeitsbeginn ca. 9:00 Uhr.

    O.k. das könnte hinkommen. Aber hat man nach so viel Erlebnis und Aktion wirklich den Schwung, um acht bis neun Stunden zu arbeiten? Für meinen Kräftehaushalt wäre die Aktion des Dauerlauf-Ausflugs mit An- und Rückfahrt schon gefühlt ein Tagespensum, von dem ich danach erst einmal in Ruhe zehren müsste und alles verarbeiten und mich ausruhen. Aber vielleicht geht das ja irgendwie am Schreibtisch. Nun bin ich aber auch schwer vor Mitternacht ins Bett zu kriegen. Bitte mal verifizieren, inwieweit meine timing-Mutmaßungen stimmen oder komplett daneben liegen! (bin gleichermaßen regelmäßig fasziniert wie erschrocken ob dieses Pensums in aller Herrgottsfrüh!)

  4. die Kaltmamsell meint:

    Viiiiiielen Dank für die Detailfrage, Gaga Nielsen, ich bin ja sonst überzeugt, solche Weltlichkeiten könnten langweilen. Denn selbstverständlich ist ein solcher Morgen durchgetaktet.

    5:20: Aufstehen, Schlumpfklamotten anziehen (ich schlafe ohne), Cafetera anstellen (am Vorabend gefüllt), Milch erhitzen, Milchkaffee für zwei bereiten. Internet lesen, Kaffee und ein großes Glas Wasser trinken.

    6:25: Zähneputzen inkl. Zahnseide, Achsel- und Gesichtswäsche, Laufkleidung anziehen.

    6:40: Mit dem Fahrrad auf dem kürzesten Weg zur Isar, also in ca 10 Minuten zur Wittelsbacherbrücke (in München ist ja alles halb so weit wie in Berlin). Rad abstellen, absperren, loslaufen.

    8:20: Zurück zum Rad kommen, etwa 10 Minuten später als geplant – weil’s halt so schön war. Ein wenig dehnen, heimradeln, großes Glas Wasser trinken, sehr schnell duschen, abtrocknen, cremen, Haare föhnen, anziehen (Kleidung während des Laufs überlegt), schminken (alles so ineinander verschachtelte, dass dazwischen noch Bettmachen passt).

    8:48: Aufs draußen gelassene Fahrrad steigen, in 10 Minuten in die Arbeit radeln.

    In diesem konkreten Fall keine Brotzeit eingesteckt, im Bürokühlschrank war noch Hüttenkäse, in der Schublade waren Nüsse für den ersten schlimmste Hunger vor zwölf (davor habe ich einfach keinen Appetit). Sonst habe ich eventuell bereits am Vorabend die Brotzeit hergerichtet.

    Wenn der Wecker erst um 5:50 klingelt (ja, ich bin gegen 22:30 Uhr bettmüde), fällt der Kaffee weg, dann trinke ich vor dem Laufen nur Wasser.

    Mein Naturell ist so gestrickt, dass ich nach einem solchen Morgen bis in die Armhaarspitzen energetisiert bin. (Das ist sogar mein Problem mit Abendsport: Ich komme danach nicht zur Bettschwere runter.) Alles, was danach kommt, ermüdet mich.

  5. Gaga Nielsen meint:

    Na, da habe ich ja nicht so sehr daneben gelegen.

    Aber:
    incl. ZAHNSEIDE

    und BETTMACHEN.

    Ich bin ja auch multitaskingmäßig unterwegs, wenn ich mich in der Früh fertig mache (die Gratwanderung zwischen möglichst spät schlafen gehen, möglichst lang schlafen (aber natürlich meistens zu kurz) und trotzdem möglichst ausgeschlafen aussehen zu wollen). Aber BETTMACHEN!!! Ich habe in den letzten zwölf Monaten genauso oft mein Bett gemacht, wie ich Kaufinteressenten, Immobiliensachverständige und Handwerker zur Begutachtung meiner Wohnung hatte. Mir langt es erst einmal mit Bettenmachen. Das mit der Zahnseide finde ich allerdings beneidenswert. Also nicht, dass es keine Zahnseide in meinem Badezimmer gäbe. Aber die routinierte Benutzung, da hapert es. Tolle Sache, weiter so.

    Ich kann mir das natürlich schon auch lebhaft vorstellen, dass so ein morgendlicher Ausflug mit so schönen Ansichten und dem herrlichen Sonnenlicht die Lebensgeister ankurbelt. Ich verbinde nur mit solchen schönen Ausflügen immer die Situation von einem sich anschließendem zeitlichem Freiraum, ein mentales Stadium, das nach hinten raus keine Eintrübung mehr erfährt. Heute morgen habe ich aber auch die Sonne im Gesicht bei einem außerordentlichen Spaziergang sehr genossen. Ich ging nicht zur S-Bahn wie sonst, sondern zur U-Bahn am Rosenthaler Platz und hatte dabei dauernd die Sonne im Gesicht. Wegen des (S-)Bahnstreiks musste ich eine andere Route wählen. Auch ein schönes Erlebnis, wenn auch bedeutend kürzer. Tapetenwechsel ist einfach immer eine gute Idee. Eine Weile habe ich mal Anflüge gehabt, am Wochenende spaßeshalber ganz früh aufzustehen um den rosa Sonnenaufgang zu sehen. Hat sich aber schnell wieder gelegt. Der Schweinehund war stärker! Bin halt eine Nachteule. Jedenfalls hier in Mitteleuropa.

  6. die Kaltmamsell meint:

    Ja, das mit der morgendlichen Energie ist definitiv Veranlagung, Gaga, ich bin die Lerche (wie mein Vater).

    Bettmachen habe ich mir angewöhnt, als ich merkte, wie sehr es mich freut, nach der Arbeit ein gemachtes Bett vorzufinden (heißt ja auch nur Kissen und Bettdecke aufschütteln, Bettdecke apart aufs Bett legen). Ich beschloss, mir diese Freude täglich zu bereiten.

  7. Gaga Nielsen meint:

    Das mit dem schönen Bett ist natürich ein überzeugendes Argument, das ich komplett nachvollziehen kann. Ich habe für mich privat die Variante „dekorativ zerwühltes Lotterbett“ (also schon mit aparter Bettwäsche und die Bettdecke so hübsch impulsiv zurückgeschlagen, wie es meinen aparten impulsiven Bewegungsabläufen entspricht, nicht wahr) entdeckt. Für die fremden Leute bei den Besichtigungen fand ich das einfach zu apart. Man könnte auch sagen: intim. Ich habe aber zwei psychologisch ähnlich gelagerte Aufräum-Vorlieben, also aus Gründen der Seelenhygiene und Kultiviertheit: vor dem Schlafengehen muss das Geschirr abgespült und verräumt sein, und am Freitag vor dem Schlafengehen müssen die Anziehsachen, die sich die Woche über gerne auf der kleinen Polsterbank vor dem Kleiderschrank ansammeln, verräumt sein. Dann kann das Wochenende kommen! Morgen ist es wieder so weit! Ich glaube, dass Leute, die sehr offen für viele Eindrücke sind, gerne eine aufgeräumte Umgebung haben. Außer dem ungemachten Bett und den Klamotten auf der Bank ist natürlich alles an seinem Platz.

  8. Sigourney meint:

    Ich finde das sehr interessant, vielen Dank für die Details.
    Aber, oh mein Gott, für das, was Sie zwischen 8:20 und 8:48 machen würde ich locker eine Stunde brauchen. Und ich wäre nach dem Programm den Rest des Tages komplett unbrauchbar.
    Also in der Theorie, in der Realität bin ich ohne 30min Frühstück mit Kaffeetrinken zu gar nichts fähig, schon gar nicht zum Joggen.
    Dass Lerchen SO anders sind war nicht bewusst, Danke für die Horizonterweiterung.

  9. adelhaid meint:

    alles veranlagung.

    ich würde es vermutlich morgens in den park zum laufen schaffen, aber nach 100m stehen bleiben und mich ernsthaft fragen, ob ich eigentlich völlig durchgeknallt sei.

    und am nächsten tag würde ich mein bett in jeder morgenminute sehr genießen. da genieß ich es ohnehin am meisten.


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