Archiv für November 2015

Krieg. Eine archäologische Spurensuche – Ausstellung in Halle

Sonntag, 15. November 2015

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„Kriege gehören ins Museum“ – das ist zwar der Leitsatz des Heeresgeschichtlichen Museums in Wien, taugt aber als Überschrift für jede seriöse Ausstellung über Schlachten und Kriege. Weswegen ihn der Landesarchäologe von Sachsen-Anhalt, Harald Meller, auch gerne zitiert, wenn er über die Ausstellung „Krieg. Eine archäologische Spurensuche“ im Landesmuseum für Vorgeschichte in Halle spricht. Kuratiert hat diese Ausstellung die Archäologin Anja Grothe, die vergangenen Sonntag eine kleine Freundesgruppe durchführte.

Das zentrale Exponat der Ausstellung ist ein Massengrab aus der Schlacht von Lützen 1632. Gleich beim Betreten der Räume ist es mit seinen 47 Toten der riesige Blickfänger. Das ist die Hauptfolge von Krieg: Tod, Leid, Zerstörung.

(Die Fotos sind der Pressemappe zur Ausstellung entnommen: Im Museum ist Fotografieren verboten – ich habe aber erfahren, dass Presse nach vorheriger Anmeldung eine Fotoerlaubnis bekommt.)

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© LDA Sachsen-Anhalt, Foto: Juraj Lipták
Eine Hälfte des Massengrabs, das aufgestellt ausgestellt ist.

In Halle hat man die technischen Möglichkeiten der Blockbergung: Der Fundort wird mit ausgegraben und als Block (bei diesem Massengrab erinnere ich mich an die Größe zweimal 27 Tonnen) in die Museumswerkstatt gebracht. Dort wird er so präpariert, dass die Funde genau wie gefunden sichtbar sind. Hier ein Bild während der Restaurationierung. Das Ergebnis ist sehr beeindruckend, als Besucherin kommt man ganz nah an die archäologische Arbeitsweise. (Was die meisten vermutlich nicht bemerken: Der Fund liegt frei, er ist nicht durch eine Glasscheibe abgedeckt.)

Die Ausstellung Krieg. Eine archäologische Spurensuche ist zweifach zweigeteilt. Zum einen gibt es den Ausstellungsteil über die Schlacht von Lützen 1632, die zum 30-jährigen Krieg gehörte, zum anderen den Ausstellungsteil Vorgeschichte, der sich archäologisch mit den Anfängen menschlicher Gewalt gegen Menschen und mit der Entstehung von Krieg befasst. Die andere Zweiteilung ist die, auf die Anja Grothe in ihren Erklärungen immer wieder zu sprechen kam: Historische Schriftquellen auf der einen Seite, ihre archäologische Überprüfung auf der anderen. Historikerinnen und Historiker gehen ja nicht gerne raus (wie ich bereits im ersten Semester meines Geschichtsstudiums leidvoll feststellte, diese Geschichte muss ich auch mal aufschreiben), umso wichtiger ist die Arbeit von Archäologinnen und Archäologen, die immer wieder an Dingen und Spuren nachsehen: Kann das überhaupt sein, was da steht?

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Funde vom Schlachtfeld bei Lützen auf einer zeitgenössischen Darstellung der Schlacht.
© LDA Sachsen-Anhalt, Foto: Juraj Lipták

Der Ausstellungsraum zu 1632 ist nicht nur wegen des Massengrabs beeindruckend: An den Wänden verläuft als Band ein Panoramafoto vom Schlachtfeld heute. Die Vitrinen und Texte erklären die Waffen und die Munition der Zeit, der Schlachtverlauf selbst wird als Zeichenfilm in Stop-Motion-Optik erläutert. Jeder der 47 Toten im ausgestellten Massengrab wurde untersucht, seine wahrscheinliche Herkunft und der wahrscheinliche Verlauf seines Lebens ist dargestellt. Anja erklärte uns ein wenig zur Methode dahinter: Da im 17. Jahrhundert die Menschen noch ausschließlich das Wasser ihres Lebensraums tranken, die Früchte des Bodens aßen, auf dem sie wohnten, lässt sich anhand von Strontiumisotopenanalysen des Zahnschmelzes die Herkunftsgegend ziemlich genau eingrenzen.

Als weitere wichtige Quellen über den Alltagshintergrund der Zeit zeigte die Archäologin uns zwei ausgestellte BlogsTagebücher: Eines des Kusins des Schwedenkönigseines regionalen Fürsten, ein deutlich kleineres eines Soldaten Nachtrag: – das einzige von einem Soldaten geschriebene Tagebuch überhaupt.

Ein eigener Ausstellungsraum (von dem aus man Teile der freigelegten Unterseite des Massengrabs sieht) beleuchtet die Heeresführer der Schlacht: Den schwedischen König Gustav II. Adolf und den kaiserlichen General Albrecht von Wallenstein.

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Reitjacke König Gustav II. Adolfs aus der Schlacht von Lützen.
© Livrustkammaren Stockholm, Schweden

Anja war besonders stolz darauf, dass sie dieses Koller des Schwedenkönigs zeigen konnte – das als Ding allein schon eine abenteuerliche Geschichte hat. In der Ausstellung sieht man es allerdings nicht wie oben auf dem Foto, sondern liegend in einer Vitrine und kann es dadurch sehr genau betrachten, einschließlich der Spuren der tödlichen Verletzungen. Hätte er seinen Panzer getragen, so erklärte Anja, hätte dieser Gustav Adolf das Leben gerettet. Doch zum einen habe er eine Wunde am oberen Rücken gehabt (dabei fasste sie sich über die Schulter an genau die Stelle), die einen Panzer unangenehm machte. Zum anderen habe es ihm in den Monaten davor wohl besonders gut geschmeckt: Er habe nicht mehr recht in den Panzer gepasst. (Wenn das die Diätredaktion der Brigitte mitbekommt – PR-Fest!)

Zur Verdeutlichung sieht man eigens angefertigte Illustrationen von Karl Schauder – im Stil sehr 70er Was ist was? und damit ein wenig aus der Zeit gefallen. Manche Details widersprachen dann auch den Erklärungen der Archäologin: Sie hatte zum Beispiel die typischen Hygieneumstände und Krankheiten des Soldatenlebens geschildert, doch auf dem Bild trägt der Soldat einen Hipster-Vollbart – wegen der Läuseplage sehr unwahrscheinlich.

Dieser Teil der Ausstellung endet mit dem Friedensvertrag von Münster. Anja war als Schlusspunkt wichtig: Am Ende jedes Kriegs steht ein Frieden, Frieden ist immer möglich.

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Da der vorgeschichtliche Teil von Krieg. Eine archäologische Spurensuche nicht von Anja, sondern von Michael Schefzik kuratiert wurde, erzählte sie auch weniger darüber. Hier ist unter anderem das erste Zeugnis menschlicher Gewalt gegen Menschen dokumentiert, die Entstehung von Waffen (über Werkzeug, das als Waffe genutzt wurde, zum Menschentöter), die Entstehung von Krieg.

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Schädel mit Hiebverletzung, Fund vom ältesten bekannten Schlachtfeld Europas im Tollensetal (Mecklenburg-Vorpommern). Bronzezeit, um 1200 v. Chr.
© LDA Sachsen-Anhalt, Foto: Juraj Lipták

Auch hier ist mit archäologischen Funden eine Schlacht dokumentiert: Sie fand prähistorisch im harmlosen Tollensetal (Mecklenburg-Vorpommern) statt – Anlass und genauen Verlauf kennt man allerdings noch nicht. In der aktuellen Süddeutschen schreibt Hans Holzhaider dazu eine große Geschichte mit Details:
„Gemetzel in der Bronzezeit“.

Aber am Ende auch dieses Ausstellungsteils steht der Frieden: Der älteste bekannte Friedensvertrag der Welt.

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Sie merken hoffentlich: Ich finde die Ausstellung großartig, auf vielen Ebenen, und empfehle sie sehr. Neben den Texterklärungen und multimedialen Darstellungsformen gibt es einen Audioguide, den die Kuratoren Anja Grothe und Michael Schefzik konzipiert und getextet haben. Anja schrieb mir dazu:
„Er enthält immer ein paar Infos mehr als die Texte, aber wir haben uns bemüht, nicht länger als anderthalb Minuten, selten einmal zwei Minuten pro Station zu bringen.“
Zudem wurde ein umfangreicher Begleitband zur Ausstellung herausgegeben.

Mehr zu Krieg. Eine archäologische Spurensuche unter anderem auf der Website des mdr.

Sollte hier etwas sachlich falsch dargestellt sein, liegt das nicht an Anjas Ausführungen, sondern an meinem Laientum und geht ganz auf meine Kappe. Ich freue mich über Korrekturen (bitte in die Kommentare schreiben oder per E-Mail an mich).
Nachtrag 16.11.2015 – Archäologin Anja Grothe war so nett, ein paar Schnitzer des ursprünglichen Posts zu korrigieren: Das eine Tagebuch wurde nicht von einem Kusin des Schwedenkönigs geschrieben, sondern von einem Fürsten aus der Region, das andere Tagebuch ist das einzige von einem Soldaten überhaupt. Und es heißt nicht Restauration, sondern Restaurierung. Danke!

Journal Samstag, 14. November 2015 – Weltereignisüberschattung

Sonntag, 15. November 2015

Noch bevor ich den Rechner aufgeklappt hatte, holte ich die Süddeutsche herein – und erfuhr zum ersten Mal seit Jahren von einem Weltereignis aus der Tageszeitung.

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Alle Pläne fahren lassen, erst mal hinterhergelesen, was da passiert war, genauer: was man zu diesem Zeitpunkt darüber wusste. Große Niedergeschlagenheit, gleichzeitig Angst, dass diejenigen den Terroranschlag würden büßen müssen, die vor genau solchem Terror geflohen sind.

Irgendwann doch zum Laufen aufgerafft, vielleicht würde mich das beruhigen.

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Half nicht wirklich. Außerdem ärgerte ich mich, dass meine Laufschuhe nach gerade mal zwei Jahren Nutzung im Schnitt alle zwei Wochen bereits auseinander fallen. Ich habe nachgerechnet: Das waren etwa 1.150 Kilometer. Muss ich mich damit etwa genauso abfinden wie mit abfallenden Wanderschuhsohlen? Diese Laufwebsite nennt 500-1000 Kilometer als Lebensdauer – schaut wohl so aus. Zefix.

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Nach dem Frühstück versuchte ich es mit therapeutischem Bügeln.

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Als ich dabei dieses Etikett im neuen Oberteil von Manomama entdeckte, war ich sehr gerührt.

Zum Cinema in die Nachmittagsvorstellung des neuen Bond-Märchens Spectre geradelt. So wenig ich die Begeisterung für die Star Wars-Reihe nachvollziehen kann (was ich allerdings noch deutlich besser kann als die Begeisterung für Lord of the Rings): Ich mag den James-Bond-Kosmos schon sehr. Eigenartigerweise durfte ich Bond-Filme schon verhältnismäßig jung fernsehen (Sie erinnern sich: Mein TV-Konsum war sehr reglementiert und verknappt.), und während meine Mutter neben mir nicht müde wurde sich zu echauffieren, wie „völlig unrealistisch“ und „so ein Schmarrn“ die Filme waren, war ich angezogen von der 007-Coolness und
-Lebensart. Gestern genügte bereits wieder der swagger, mit dem Bond auf den mexikanischen Mauern zum Töten geht, und ich beschloss sofort, mir genau diesen Gang anzutrainieren.

Ansonsten: Ja, schon ein ganz guter Bond. Ich fand ihn nicht so gut wie Skyfall, doch auch diesmal bekam ich einiges geboten. Immer wieder begeistert bin ich vom aktuellen Q, Ben Wishaw (kennengelernt im Remake von Brideshead Rivisted). Verschwendet fand ich Christoph Waltz als Bösewicht – da hatten wir schon interessanter gezeichnete. Und wenn mir jetzt noch jemand erklären könnte, wie Madeleine im Hotelzimmer in Tangier im Kleid einschlafen und im Nachthemd aufwachen kann?
Selbstverständlich bis zum Schluss des Abspanns sitzengeblieben: Wir Alten wissen, dass ein Bond erst zu Ende ist, wenn „James Bond will return“ auf der Leinwand steht. In Zeiten des abspannlosen Fernsehens geht dieses Wissen wahrscheinlich verloren.

Journal Samstag/Sonntag, 7./8. Oktober – Wochenende in Halle (Saale)

Montag, 9. November 2015

Dieser Wochenendausflug stand fest, seit ich Archäologin Anja Grothe vor anderthalb Jahren mit einer gemeinsamen Freundin in Halle besucht hatte: Sie kuratierte dort eine Ausstellung, die ich unbedingt sehen wollte. „Krieg. Eine archäologische Spurensuche“ eröffnete an diesem Wochenende, und Anja war so zauberhaft, sie einer ausgewählten Schar selbst zu zeigen.

Da im Landesmuseum für Vorgeschichte Fotografieren verboten ist, warte ich für meinen Bericht über diese Führung noch die Lieferung der offiziellen Pressefotos ab. Kurzfassung vorab: Dicke Empfehlung.

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Mein Zug fuhr Samstag um bequeme 11 Uhr ab, das gab mir genug Zeit, morgens ein Stündchen auf dem Crosstrainer zu strampeln. Ich richtete mir Brotzeit für die Fahrt her und spazierte durch weiterhin laueste Luft und durch Sonne zum Bahnhof.

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Mit meinem reservierten Fensterplatz hatte ich allerdings Pech.

In Naumburg wurde endlich ein Platz am Fenster vor mir frei, ich setzte mich für die letzte halbe Stunde (Ankunft pünktlich) an Aussicht.

Zur Unterkunft ging ich zu Fuß: Ich wollte möglichst viel von Halle mitbekommen. Schon im Mai vorigen Jahres hatte ich nämlich den Eindruck gewonnen, dass das eine wirklich hübsche und lebendige Stadt ist.

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Das Hotel City am Wasserturm war hübsch und sympathisch – nur dass das Internet nicht bis in mein Zimmer reichte. Beim Auschecken am nächsten Tag sprach ich das an: Die Dame am Empfang entschuldigte sich mehrfach, sie hätten mit allen möglichen Dienstleistern schon alles Mögliche zur Behebung dieses Umstands versucht. Sie bat mich, ich möchte doch beim nächsten Besuch den Wunsch Zimmer mit guten Internetempfang angeben.
Also las ich statt Internet Buch – das eigentlich als Vorrat für die Heimfahrt gedacht war.

Abends Treffen in der Altstadt mit Archäologin Anja und besuchenden Bloggerinnen im Halleschen Brauhaus (es herrschte so viel Trubel in der Altstadt, dass Anja Mühe beim Tischbuchen gehabt hatte).

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Da ich in der letzten Stunde vor Halle durch Weinanbau gefahren war, dachte ich eher an Wein denn an Bier. Ich bekam einen Müller Thurgau aus dem örtlichen Anbaugebiet Saale Unstrut, aus Freyburg. War so gut, wie man es von einem Müller Thurgau verlangen kann. Dazu aß ich Rostbrätel: Ein Stück mariniertes Schweinernes unter vielen weichgegarten Zwiebeln mit gebratenen Kartoffelstücken – durchaus schmackhaft.

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Frühstück hatte ich im Hotel keines bestellt. Zum einen habe ich morgens keinen Appetit, zum anderen enthalten Hotelfrühstücke praktisch nie die eine Sache, die ich morgens gerne zu mir nehme: Espresso-basierte Heißgetränke. Statt dessen folgte ich der Archäologinnenempfehlung und spazierte durch laue und sonnige Luft zu einem Café.

Schöne Überraschungen unterwegs:

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Ein sensationeller Stoffladen namens Patch&Work (es gibt am Ort eine Schule für Gestaltung, die eine ganze Reihe von Materialgeschäften nach sich zieht).

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Und der beste Friseurname überhaupt jemals.

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Das empfohlene Café, Fräulein August, war ganz wunderbar. Nach einem Croissant und zwei Cappuccinos spazierte ich gemütlich zum Museum für Vorgeschichte.

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(Die unrenovierten Häuser waren in kleiner Minderheit – aber dieses sah gar zu märchenhaft aus.)

Anja Grothe sammelte uns am Seiteneingang des Museums ein, stellte die Beteiligten einander vor und erklärte dann drinnen Hintergrund und Durchführung der Ausstellung.

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Bei einem Päuschen im Café des Museums probierte ich die Spezialität Hallesche Amsel, ein köstliches Marzipanküchlein.

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Zur Ausstellung später mehr.

Auf der Rückfahrt hatte ich einen tatsächlichen Fensterplatz und genoss Landschaft samt vielfarbigem Sonnenuntergang.

Journal Sonntag, 1. November 2015 – Allerheiligenleuchten

Montag, 2. November 2015

Erst als ich durch die strahlende Sonne zum Olympiabad radelte, fiel mir ein, was fehlte: Dieses Jahr hatte ich an die Augsburger Seelenbrezen zu Allerheiligen nicht mal gedacht (große Brezen aus süßem Hefeteig, gibt es nur zu Allerheiligen). Halloween hatte ich lediglich über Meldungen anderer auf Twitter mitbekommen, mein Eck der Stadt ist davon völlig unbehelligt.

Die Wanderung vom Vortag machte sich in Ansätzen von Muskelkater bemerkbar. Ich schwankte, ob jetzt Lage Ruhe oder Bewegung besser war, doch meine Lust aufs Schwimmen siegte unabhängig davon – zumal ich wusste, dass ich kommende Woche kaum Gelegenheit zu Sport finden würde. Nach nebligen Morgenstunden war der Himmel wolkenlos, ich genoss sowohl das Radeln zum und vom Olympiabad als auch die gut 3.000 Meter darin (verzählte mich mehrmals, rundete immer ab). Mit der neuen Schwimmbrille bin ich noch nicht zufrieden: Damit sie dicht saß, musste ich ihren Sitz mehrfach korrigieren und sie schmerzhaft fest ziehen.

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Nachmittag im lichtdurchfluteten Wohnzimmer: Internetlesen, Zeitunglesen, Wanderstiefel eingewintert, Bügeln mit Andrea Dieners Erzählung von ihrer Transsib-Reise im Ohr, Telefonat mit Mutter.

Zum Abendessen kochte ich Kartoffelsuppe mit Steinpilzen (meine Mutter hatte erzählt, dass meine polnische Oma eine solche gelegentlich machte, um das Aroma der kostbaren getrockneten Steinpilze möglichst ergiebig zu nutzen – kann es sein, dass Trüffel die Steinpilze des großen Mannes sind?), Herr Kaltmamsell briet Roschtbief, dazu Endivienreste aus Ernteanteil. Im Fernsehen ließen wir Unheimliche Begegnung der dritten Art laufen: Zu meiner großen Überraschung hatte der Science-Fiction-Buff an meiner Seite den Film nie gesehen.

§

Sigrid Löffler hat die Laudatio auf Daniela Strigl zur Verleihung des Berliner Preises für Literaturkritik gehalten:
„Die Rettung der Kritik“.

Daniela Strigl ist möglicherweise die klügste Literaturkritikerin, die mir je begegnet ist, und ich habe sie samt ihrem Humor ohne jede Albernheit in Klagenfurt sehr vermisst. Sigrid Löffler zitiert sie zum Beispiel mit folgendem Klugen:

„Der Journalismus ist inzwischen so vordringlich mit dem eigenen Überleben beschäftigt, dass er Probleme der Sprache als Luxusprobleme begreift. Gegenüber Fragen des Stils, aber auch banalen Grammatik- und Rechtschreibfehlern herrscht eine lähmende Gleichgültigkeit. Nichts ist wirklich peinlich. Der schreibenden Zunft ist die Zunftehre abhanden gekommen. Sichtbar wird dies in einer kollektiven Kapitulation vor der Phrase, dem Modewort, dem Jargon. Denn die sprachliche Uniformierung ist ein Symptom für den Verzicht auf eigene Denkarbeit. Dort, wo man sich selber nichts denkt, übernimmt man das Vorgedachte, das heißt: das von der Macht einem Zugedachte. In diesem Sinne ist Sprachkritik demokratische Geistesschärfung.“

§

Sowas mag ich einfach:
„Auto Mechanics Recreate Renaissance Paintings in this Charming Photo Series“.

§

Sowas mag ich auch sehr: Stevan Paul berichtet vom Food Photo Festival 2015, und es waren die Bilder von Marie Cecile Thijs, die mich umhauten. (Auch ihre anderen Sujets gefallen mir sehr gut.)

Journal Samstag, 31. Oktober – Wandern am Tegernsee

Sonntag, 1. November 2015

Die vergangenen Tage hatte sich München trotz angekündigten schönen Herbstwetters unter einer Hochnebeldecke versteckt. Dem entfloh ich gestern mit Herrn Kaltmamsell, indem wir mit dem Zug hinauf über diese Decke fuhren: nach Tegernsee zum Wandern. Ich hatte ein wenig recherchiert, wo es am Tegernsee überhaupt Bahnhöfe gab (auf den Umstand zusätzlicher Regionalbusse hatte ich keine Lust), und dort Wanderungen gesucht. Nach kurzem Abwägen (Länge der Strecke, Aussicht auf Aussichten) fiel die Wahl auf die Tour Alpbachtal und Neureuth.

Es war sehr schön, aber auch anstrengend: Wandern in den Bergen unterscheidet sich halt doch von dem Wandern vor Bergkulisse, wie wir es bisher gemacht hatten. Vor allem fast eine Stunde einen Forstweg steil abwärts zu gehen (Rodelstrecke Neureuth-Tegernsee) kostete mich so viel Kraft, dass ich öfter Pausen brauchte als während der anfänglichen zwei Stunden Forstweg bergauf. Eine Mischung von Aufwärts und Abwärts ist mir deutlich lieber; ich muss wohl lernen, mir Höhenprofile einer Wanderung anzusehen.

Der Zug vormittags von München nach Tegernsee war übervoll besetzt, Passagiere waren neben Wanderern (schon jetzt fielen mir die vielen Wanderspieße und die im Vergleich zu Flachlandwanderern massiveren Wanderschuhe an den Menschen auf) auch Gruppen von Menschen in Bayernverkleidung und mit offenen Bierflaschen – wahrscheinlich nicht zum Zweck des Wanderns unterwegs. Eine Gruppe junger Frauen in Wanderkleidung richtete erst einmal aus einem richtigen Picknickkorb Frühstück auf mitgebrachten Tischdecken an und vesperte ausführlich.

Aussichten bekamen wir nach dem Aufstieg durch schattigen Wald tatsächlich reichlich geboten – keine Überraschung, dass die Strecke sehr frequentiert war (mir schoss „Touristen-Highway“ durch den Kopf). Und das sehr international: Ich hörte Englisch, Amerikanisch, Hessisch, Spanisch, Türkisch, Griechisch.

Auch der Zug zurück nach München war dicht besetzt, allerdings fast ausschließlich mit Menschen in Wanderkleidung. Nach der lauten Fröhlichkeit der Hinfahrt fiel auf, wie ruhig es in den Wagen war; die Atmosphäre erinnerte mich sehr an die Rückfahrten im Reisebus von Tagesskifahrten, fehlte nur noch der Geruch nach feuchten Skisocken, gut gelagerten Wurstbroten und Tee mit Rum.

Apropos Wanderkleidung: Meine zur Wanderhose deklarierte Jeans (weil sie Stretch enthält) desintegriert nun ernsthaft. Ich bin durchaus bereit, mir eine richtige Wanderhose zu kaufen. Nur finde ich, was heute als Wanderhosen verkauft wird, ästhetisch unakzeptabel. Ich hätte bitte gerne eine Kniebundhose, wie sie meine Mutter auf diesem Foto trägt, und dazu die passenden dicken Wanderkniestrümpfe (in diesem Wanderbekleidungsberater wird die damalige „Knickerbocker“ zwar noch beschrieben, jedoch nicht erklärt, warum sie von Polyester-Fliesenlegerhosen abgelöst wurde). Ich plane derzeit weder Mehrtages- noch Hochalpintouren – wo bekomme ich wohl Kniebundhosen und Wanderstrümpfe?

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Mein Plan ging auf: Ab hinter Holzkirchen sah ich immer öfter blaue Flecken in der Wolkendecke, über Tegernsee knallblauen Himmel.

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Aussichten von der Kreuzbergalm Richtung Tegernsee…

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… und Richtung Schliersee.

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Am Ende des gachen und langen Abstiegs.

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Abschließend in den letzten Sonnenstrahlen Brotzeit im Lieberhof: Radler mit gemischtem Presssack (sauer mit wunderbar milden Zwiebeln) für mich und Rindfleischsalat für den Mitwanderer.

Familienalbum – 33: Wanderkleidung

Sonntag, 1. November 2015

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Meine Eltern 1965 oder 1966, auf jeden Fall vor der Hochzeit. Beachten Sie bitte die stilsichere Wanderkleidung meiner späteren Mutter.


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