Archiv für Januar 2016

Journal Mittwoch, 13. Januar 2016 – Nilpferdsport

Donnerstag, 14. Januar 2016

Eigentlich ein Tag, zu dem es wegen Gewöhnlichkeit nichts zu schreiben gibt. Aber Novemberregen hat recht, man kann auch White Noise festhalten.

Eigentlich war ich extra früh aufgestanden, um vor der Arbeit eine halbe Stunde Krafttraining unterzubringen. Ich fühlte mich aber zu erschlagen dafür und blieb Internet lesend sitzen.

Mit dem Rad zur Arbeit, gegen scharfen Wind aber trocken.

Ein paar Dinge weggearbeitet, ein paar andere Dinge gingen nicht.

Nach Feierabend zur Turnstunde in Giesing geradelt, sehr vereinzelte Schneeflocken abbekommen. Schon die halbe Stunde auf dem Crosstrainer machte keinen rechten Spaß, die Hoffnung, dass die Stepaerobicstunde mich aufmuntern würde, erfüllte sich auch nicht: Schmerzen in Achillessehne links und Hüfte rechts hielten mich davon ab, richtig in Schwung zu kommen, ich fühlte die Schwerkraft eines Nilpferds. Hinter mir ein halbes Dutzend Neulinge, so weit weg von der Vorturnerin, wie es nur ging. Hielten alle trotz großer Probleme bis zum Ende der Stunde durch, Respekt.

Daheim Salat aus dem ersten Ernteanteil nach der Weihnachtspause, frisch gesäbelten Jamón, den Rest vom Christstollen.

Völlig erschlagen früh ins Bett, nicht mal mehr gelesen.

Fragebogen 11

Dienstag, 12. Januar 2016

(Mir scheint, das hatten wir eben erst, aber egal: STÖCKCHEN! Danke schön.)

Frau Nessy hat gefragt:

1. Lieblingskuchen?
Jetzt gerade hätte ich am meisten Lust auf saftigen Marmorkuchen. Ich habe meistens Lust auf saftigen Marmorkuchen. Wenn ich nicht gerade Lust auf Käsekuchen habe (außer er riecht nach künstlichem Vanillearoma). Oder auf Apfelkuchen. MIT Rosinen.

2. Wenn ich nicht meinen aktuellen Beruf ausübte, wäre ich…
Privatgelehrte.

3. Schonmal vom Zehner gesprungen?
Nein. Und zuletzt vor 35 Jahren auch nur oben gestanden.

4. Welche Sprache(n) würdest du gerne lernen?
Lernen am liebsten Italienisch. Können gerne auch noch Türkisch und Französisch.

5. Berge oder Meer?
Berge am Meer sind die besten, südenglische Kliffe zum Beispiel oder die andalusischen Alpujarras.

6. Wer hat dir schwimmen beigebracht?
Mein Vater (der selber damals wirklich kein Meisterschwimmer war). Ich habe meine Erinnerungen erst kürzlich verifiziert, unter anderem, dass ich dabei noch sehr klein war (höchstens drei). Mein Vater bestätigte: “Musste ich ja! Du bist ja überall einfach reingesprungen!”

7. Und Fahrradfahren?
Meine Eltern; mal hielt meine Mutter den Gepäckständer meines orangen Miniradls fest, mal mein Vater. Wer dann losließ, weiß ich nicht mehr.

familienalbum_fahrradfahren

8. Drei Reiseziele für die nächsten 10 Jahre:
– England (vielleicht auch mal woanders als Brighton)
– Madrid (ich wünsche mir sehr, sehr, nochmal mit meinem Vater dort zu sein)
– San Francisco

9. Angela Merkel?
Sie ist mir völlig irrational schon immer ungeheuer sympathisch. Dabei sollte man Politikerinnen und Politikern, vor allem in echten Machtpositionen meiner Überzeugung nach möglichst wenig Gefühle entgegenbringen, sondern sie kritisch distanziert beurteilen.

10. Parfum/Eau de toilette? Falls ja, welches?
Immer seltener, unter anderem, weil ich künstliche Düfte an anderen als immer aufdringlicher empfinde. Wenn überhaupt, dann ins Dekolleté gesprüht, so dass ich es vor allem selbst rieche: abwechselnd Jungle (Kenzo), Organza (Ginvenchy), seltener Obelisk (MCM), im höchsten Hochsommer Life (Esprit).

11. Dschungelcamp – ja oder nein?
Nein: Wie bei den meisten Fernsehformaten fehlt mir jeglicher Zugang. Hier kommt dazu, dass ich Häme für schädlich halte, in jeder Form und auch ironisch: Davon wird die Welt ein kleines Bisschen schlechter.

Das Spiel geht so, dass ich mir als nächstes selbst Fragen ausdenke:

1. Welcher Körperteil schmerzt dich am häufigsten?

2. Welche Bewegung machst du am liebsten?

3. Welches ist dein Lieblingsfrühstück?

4. Zurückschlagen oder wegrennen?

5. Was siehst du gerade, wenn du deinen Kopf nach links wendest?

6. Duschen oder Vollbad?

7. Wo sitzst du am liebsten in der Sonne?

8. Welches Kleidungsstück ist der kürzlichste Neuzugang in deinem Schrank?

9. Was entspannt dich mehr: Musik oder Stille?

10. In welcher Sportart wärst du gerne richtig gut?

11. An welchen Urlaub erinnerst du dich am liebsten zurück?

Vielleicht mögen ja darauf antworten: creezy (weil ich neugierig auf ihre Antworten bin), Anke (weil sie zumindest früher mal Fragelisten mochte), texas-jim (weil’s so gar nicht zu passen scheint), Anne (weil sie gern Spiele spielt) (oder?).

Journal Sonntag, 10. Januar 2016 – Lesetag

Montag, 11. Januar 2016

Ein regnerischer Tag, zum Glück erwischte ich für meine Radfahrten Regenlücken.

Vormittags hinaus zum Ostbahnhof, dort eine Stunde glückseliges Hopsen um einen Step herum, eine Stunde doofes Wackeln auf dem Balance Pad. Ich bilde mir ein, dass mich diese blöde Wackelei (gestern zusätzlich mit diesem doofen halbleeren Ball) wirklich gesundheitsförderlich kräftigt.

Nachmittags Internet gelesen und die SZ am Wochenende (erleichtert über die Entschuldigung der Chefredaktion für die entgleiste Illustration der Übergriffe am Kölner Hauptbahnhof, zumal ich die Berichterstattung bislang sehr schätzte, unter anderem den Kommentar von Vera Schroeder “Unter Männern”). Richard Yates’ Cold Spring Harbor ausgelesen, ich musst immer wieder an Jane Austen denken (mehr dazu nach der Leserunde, in der wir darüber sprechen werden).

Nach dem Abendessen Tatort laufen lassen, mich wieder bewusst daran erinnern müssen, dass ich aus anderen Filmen weiß, wie gut Eva Mattes und Sebastian Bezzel eigentlich schauspielen können.

Zu essen war noch reichlich vom Samstag da.

Journal Samstag, 9. Januar 2016 – Mehrgängiges nahöstliches Menü für zwei

Sonntag, 10. Januar 2016

Auf diesen Samstag hatte ich mich gefreut: Vor ein paar Wochen hatte ich die Idee, nach Jahren mal wieder ausführlich nur für Herrn Kaltmamsell zu kochen, ein Abendessen in mehreren Gängen. Ich entschied mich für ein nahöstliches Menü, als Hauptgang zum ersten Mal Harira, die mir in Tel Aviv sehr gut geschmeckt hatte.

Außerdem hatte ich rechtzeitig mit dem Ansetzen des Vorteigs für das große Bauernbrot aus dem Plötzblog begonnen: Ein Brot, das die Anweisung “und 3-4 Tage bei 3-5°C im Kühlschrank lagern” enthält, bäckt man nicht spontan – fürs Anrühren des Roggensauerteigs hatte ich sogar Herrn Kaltmamsell am Freitagnachmittag um Hilfe bitten müssen, da ich zur erforderlichen Zeit in der Arbeit war.

Mir stand also ein ganzer glückseliger Tag in der Küche bevor. Zumal das Wetter regnerisch und greislich war.

§

Eine Unterbrechung war Shred Level 3. Vorsorglich hatte ich mich mehr als fünf Minuten aufgewärmt und meinen Puls schon mal erhöht, dennoch war das Programm für mich fast nicht machbar. Das mag daran liegen, dass es mir keinerlei Freude bereitet, um Luft zu ringen, vor Schwindel Sterne zu sehen, echte Schmerzen zu haben – vielleicht unterscheiden sich Bewegungsbegeisterte in diesem Punkt grundsätzlich. Ich habe nichts dagegen, wenn Muskeln brennen und es zieht, wenn ich meinen Puls hin und wieder bis zum roten Kopf bringe. Aber Leiden genieße ich nicht, es macht mich böse. Und ich fühle mich danach nicht gut, sondern wütend.

Die wenigen Male, die mich ein Isarlauf so anstrengt, dass ich fast keinen Spaß daran habe, muntere ich mich nicht mit “Quäl dich! Nur so kommst du weiter!” auf, sondern mit: “Ach, notfalls kannst du das letzte Stück ja spazieren. Ist auch schön.” Was ich dann doch noch nie getan habe.

Nach dem Shred-Gehetze strampelte ich noch auf dem Crosstrainer, unterbrochen von Brotbackhandgriffen (Temperatur senken, Dampf ablassen).

§

Abends hörte ich in der Küche während der Zubereitung der letzten beiden Vorspeisen BBC 1 – ich hatte Lust auf Radiomusik, die später Aerobicmusik würde. Ich geriet in die “Dancefloor Charts”, die gefühlt immer noch klingen wie während meines Jahrs in Wales vor 25 Jahren. Und dann hörte ich auch noch einen Nachrichtensprecher mit so brutalem walisischen Akzent, wie ihn meine Barmaid-Kolleginnen im Duke of York sprachen: Das transportierte mich endgültig in die Vergangenheit, ich tanzte an der Arbeitsfläche.
Belehrung: Der Bezeichnung “BBC-English” für received pronunciation ist schon lange überholt. Wie sehr, zeigte dieser Nachrichtensprecher.

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Als Aperitif reichte ich frisch gepressten Grapefruitsaft mit Wodka.
Es gab als Vorspeise Vorspeisen:

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Und zwar:

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Bulgursalat

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Tsatsiki (ich habe den Nahen Osten seeehr frei interpretiert)

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Karottensalat mit Koriander, frei nach diesem Rezept.

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Salat nach Freundeskreis-der-80er-Rezept: Türkische Paprika aus dem Glas, Zwiebeln, schwarze Oliven, Feta, Olivenöl.

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Baba Ganoush (Auberginenpuree mit Tahini)

Dazu stilbrüchig das Bauernbrot, das sehr gut schmeckte, aber einen Fehler hatte (Luftschicht unter der Kruste oben).

160109_02_Bauernbrot

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Zur Harira (sehr gut! aber ich glaube, statt Rinderfond tut es auch Wasser) gab es einen israelischen Barkan Pinot Noir.

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Nachtisch, vielleicht hätte die Zuckerkruste dicker sein können.

Journal Dienstag, 5. Januar 2016 – WMDEDGT 1/16

Mittwoch, 6. Januar 2016

Ausführliche Tagesschilderung, weil Frau Brüllen wissen möchte: “Was machst Du eigentlich den ganzen Tag?”

Es war der Tag der Aussetzer.
Nach einer Nacht mit mehrstündiger Schlafpause ab halb vier war ich bei Weckerklingeln um sieben ziemlich gerädert. Erst um sieben, weil ich ja noch Urlaub hatte, den letzten Tag. Und Urlaub heißt Sport, der an einem Arbeitstag nicht möglich ist. Gestern sollte das eine vormittägliche Stunde “Hot Body” (es tut mir leid) im Sportstudio am Ostbahnhof sein. Bei Sonnenaufgang hatte es noch geregnet, doch nach Milchkaffee und Bloggen sah es trocken aus. Zähneputzen und Katzenwäsche, Teile meiner Sportkleidung anziehen (Sport-BH, Sport-Top, Sportsocken) sowie Jeans, T-Shirt, Pulli, Janker, Halstuch, Leuchtweste, Mütze, wattierte Handschuhe. Ich steckte den Rucksack mit Sportsachen in den Fahrradkorb (wenn ich ihn auf längeren Radlstrecken dem Rücken trage, schwitze ich drunter zu sehr) und radelte los.

Als ich nach einer knappen halben Stunde am Sportstudio eintraf und mein Fahrrad absperren wollte, stellte ich fest, dass ich meinen Schlüsselbund vergessen hatte (Herr Kaltmamsell hatte mir die Wohnungstür aufgehalten und hinter mir geschlossen). Meine Sportpläne wollte ich nicht streichen, also bat ich an der Rezeption des Sportstudios um ein zweites Vorhängeschloss (beim Einchecken bekommt man eines für den Spind in der Umkleide). Das hängte ich in die Speichen meines Fahrrads.

Auf dem Weg von der Umkleide zum Aufwärmen auf dem Crosstrainer erhielt ich Einblick in ein Paralleluniversum neben meiner Filterblase. Ich hörte, wie eine junge Frau im Gespräch mit der Thekenfrau sehr ernsthaft und überzeugt sagte: “Ein Mann muss alles tun, um eine Frau zu erobern, wirklich alles. So MUSS es sein.” Ich erstarrte und sorgte dafür, dass sie meinen entgeisterten Blick sah. Auf dem Crosstrainer ärgerte ich mich dann über mich: Das hatte gar nichts gebracht, ich hätte entweder eine richtige Diskussion initiieren müssen oder gar nicht reagieren. Doch gerade in Verbindungen mit den Übergriffen am Kölner Bahnhof in der Silvesternacht verdeutlicht die Steinzeit-Äußerung der jungen Frau eine Kultur, in der davon ausgegangen wird, dass Frauen nunmal Widerstand leisten und sich entziehen, und dass es an Männern ist, diese Widerstände zu ignorieren, sich über sie hinweg zu setzen, zu “erobern”. Wie soll man bitte auf diese Weise zu einer Partnerschaft auf Augenhöhe oder auch nur zu respektvollem Umgang kommen?

Ich hatte mich für das Krafttraining namens “Hot Body” (Entschuldigung) entschieden, weil es als Langhanteltraining beschrieben war und ich etwas ähnliches wie mein gewohntes “Hot Iron” erwartete. Das stellte sich als teilweiser, aber entscheidender Irrtum heraus: Zwar wurde mit Langhanteln in einem festen Ablauf trainiert (gestern laut Vorturnerin ein neuer Ablauf), jedoch nahezu ohne Anweisungen (wie muss die Übung ausgeführt werden, um den gewünschten Trainingseffekt zu erzielen) oder Informationen (welcher Muskel wird als nächstes trainiert), ohne Rücksicht auf Rückenverletzungen (hektischer Übungsablauf sowie ungestütztes Heranziehen und Umwuchten schwerer Gewichte). Ich war ständig unsicher, wie viel Gewicht ich idealerweise auflud, weil ich ja nie wusste, welche Übung nun kommen würde. Also dachte ich: Ich bin ja fortgeschritten, und der Muskel soll ermüdet werden, also immer nur drauf damit, Pause kann ich ja immer noch machen (Dosengelächter einsetzen). Ich werde heute vor lauter Muskelkater den Arm nicht zum Lidstrich heben können.
Gleichzeitig waren die wenigen Anweisungen der Vorturnerin oft den in “Hot Iron” gelernten komplett entgegen gesetzt, was mich weiter verunsicherte.

Anschließend noch eine Weile auf dem Crosstrainer gestrampelt, um meinen Bewegungsdrang auszuleben.

Unter der Dusche fiel mir ein weiterer Aussetzer ein: Ich hatte zwar das zweite Vorhängeschloss an den Speichen meines Fahrrads befestigt, aber den Schlüssel nicht abgezogen. In völliger Verblödung hatte ich sogar noch kurz gestutzt, ob das Gebämsel mit Nummer und Klipp (damit man den Schlüssel beim Sport irgendwo befestigen kann) nicht sehr auffällig war. In Hochgeschwindigkeit trocknete ich mich ab und zog mich an, warf meine Sachen in den Rucksack und stürmte hinunter zu meinem Fahrrad, im Kopf die Gedankenschleife: “Hoffentlich sind Fahrraddiebe genauso blöd wie ich.”
Waren sie, Schloss und Gebämsel hingen noch in den Speichen.

Ohne Schlüssel musste ich die für den Heimweg geplanten Einkäufe verschieben, ich radelte direkt nach Hause.

Dort schob weiterhin Herr Kaltmamsell Wache: Für den gestrigen Dienstag war die DHL-Anlieferung eines Pakets mit israelischem Wein und Obst angekündigt, das ich bei einem erprobten Online-Händler bestellt hatte. Ich übernahm die Wache, frühstückte ein großes Tomatenbrot, eine Mango und einen Granatapfel, während Herr Kaltmamsell auf eine Einkaufsrunde ging. Nach seiner Rückkehr zog wieder ich los: Zunächst suche ich beim Saturn nach einer Gamer-Mouse für Neffe 1 – seine Angaben auf dem weihnachtlichen Wunschzettel waren nicht präzise genug gewesen, ich hatte die falsche besorgt, jetzt konnte ich mit exakter Modellbezeichnung und -nummer suchen. Resultat der Recherche des freundlichen Bedienerichs: Derzeit nicht lieferbar. Außerdem brauchte ich kandierte Früchte zur Verzierung des Roscón des Reyes, ich ging zum legendären Spanischen Früchtehaus. Dort bekam ich, was ich wollte, wurde außerdem umgehend in eine Diskussion unter den Angestellten über die Verträglichkeit verschiedener Champagnersorten gezogen.

Daheim machte ich mich an die Zubereitung von Quitten in Ingwer-Earl-Grey-Sirup nach Nicky Stich, diesmal habe ich meine Version aufgeschrieben.

160105_04_Quittenkompott

Während dessen kam die Lieferung: Drei Flaschen israelischer Negev Pinot Noir, drei Flaschen Mount Hermon White, außerdem eine “Kibbutzkiste”. Sie bestand aus Mineolas, Clementinen, weißen und pinken Grapefruits, Sweeties (Grapefruit-förmig), einem mächtigen Granatapfel, einer Avocado, einer Pomelo, Kumquats, Datteln und gerösteten Erdnüssen in Schale.

Nach Reinigung der Küche Zeitung gelesen, Herrn Kaltmamsell eröffnet, dass ich sehr keine Lust hatte, abends ins Theater zu gehen und meine Karte verfallen lassen würde. Ich fühlte mich ohnehin in den gesamten Weihnachtsferien ungemein gehetzt, habe nicht den Eindruck, dass ich mich erholt habe – der Theaterbesuch wäre eine weitere abzuarbeitende Pflicht gewesen. Ein bisschen entspannte mich die Absage sogar.

Ich telefonierte mit meiner Mutter zu Details unseres Dreikönigsbesuchs (ich würde den oben genannten Roscón de Reyes mitbringen, außerdem ein Glas Quitten in Sirup) und las Internet, bis es Zeit war, den Tisch fürs Abendbrot zu decken: Herr Kaltmamsell durfte zurück in seine maskuline Rolle des Bekochers und hatte uns Tom Kha Gai gemacht. KEIN Wein dazu – ich sorge mich mal wieder ein bisschen, weil ich in den vergangenen Wochen praktisch jeden Tag Alkohol getrunken habe. Als Nachtisch Reste von Früchtebrot und Stollen, außerdem Schokolade.

In Fernsehnachrichten und im Web informierte ich mich über die Ermittlungen zur Silvesternacht am Kölner Hauptbahnhof, erfuhr unter anderem, dass viele Opfer von Diebstählen erst jetzt auch die damit verbundenen sexuelle Übergriffe anzeigten – ein trauriger Beleg, wie viel höher die Hemmschwelle dafür ist, wie viel näher Frauen das Abtun (“nicht so schlimm”) oder die Scham über mögliche eigene Mitschuld ist. Rassistische Schlussfolgerungen aus dem Umstand, dass die Opfer ein “nordafrikanisches Aussehen” der Angreifer geschildert hatten, gab es in meinem Web nicht, lediglich Reaktionen darauf.

Im Bett Richard Yates, Cold Spring Habor angefangen.

Journal Montag, 4. Januar 2016 – Putzmannverwirrung

Dienstag, 5. Januar 2016

Es war unklar, ob der immer montägliche Putzmann kommen würde oder erst nächste Woche. Ich bin da ja gerne abwesend, damit er in Ruhe seine Arbeit tun kann.
Vorsichtshalber radelte ich also vormittags hinaus ins Olympiabad, streckenweise sogar durch Sonne. Nach meiner Schwimmrunde (ich brauchte schon wieder rekordverdächtig lange) meldete ich mich bei Herrn Kaltmamsell, der zu Hause arbeitete: Nein, schrieb er, es sei kein Putzmann gekommen, ich könne zu Hause frühstücken.

Also radelte ich über einen ausführlichen Einkauf im liebsten türkischen Süpermarket nach Hause – wo dann doch, später als sonst, der Putzmann gekommen war. Ich stellte die Einkäufe auf dem Balkon kühl, schnappte mir die Zeitung von gestern und ging ins Café Forum, Frühstücken und Lesen.

§

Andrea Diener war reisejournalistisch in Nepal. Und hat großartige Fotos mitgebracht, die man auf flickr anschauen kann.

§

Schon vor ein paar Tagen stieß ich auf einen Artikel, der mir seither nachgeht. Die Überschrift ist zwar irreführend, der Inhalt aber spannend:
“Die Formel für die ewige Liebe”.

John Gottman gilt als “Einstein der Liebe”: Der Mathematiker und Psychologe packt alle Erkenntnisse über Beziehungen in Formeln und kann die Zukunft von Partnerschaften und Affären exakt vorhersagen.

Es geht keineswegs um ewige Liebe, ohnehin sehr wenig um romantische Gefühle für einen Partner oder eine Partnerin, statt dessen um zwischenmenschliche Mechanismen in Partnerschaften. Gottmann ist Mathematiker und Psychologe, er forschte ab den Siebzigerjahren nach einer wissenschaftlichen Basis für Paartherapien.

Er (…) beschaffte sich an der Indiana University eine Videokamera, Messgeräte und einen Computer, damals noch eine Rarität an Universitäten. Zusammen mit seinem Kollegen Robert Levenson lud er Paare ins Labor ein, verkabelte sie, maß ihren Herzschlag und ihre Atemfrequenz. Und bat sie, 15 Minuten lang ein heikles Thema ihrer Beziehung zu diskutieren.

(…)

Er sah sich alles Material an, immer und immer wieder, kodierte jede Sekunde der Videos, der Messungen, der Daten des “rating dial”, eines Drehrads, an dem die Partner in jeder Sekunde angeben konnten, wie gut oder schlecht sie sich im Gespräch mit ihrem Partner gerade fühlten.

(…)

Über die Daten des “rating dials” errechnete er die 5:1-Ratio, für die Gottman berühmt wurde. Fünf positiv erlebte Momente, die während eines Konfliktes einem einzigen negativen gegenüberstanden, das charakterisierte glückliche Paare.

Zudem arbeitete er vier Verhaltensweisen heraus, die tödlich für Beziehungen seien: Kritik, Verteidigung, Rückzug und Verachtung. Wenn er diese beobachtete, konnte er die Haltbarkeit einer Partnerschaft recht genau vorhersehen. (Mir fielen sofort Paare ein, die sich allen Anzeichen nach in gegenseitiger Verachtung eingependelt haben, in dieser Haltung sogar geheiratet haben – was mich völlig befremdet und zudem schmerzt, so dass ich deren Gegenwart schnell mied.)

Einen Beziehungsretter hat Gottman auf diese Weise ebenfalls herausgefunden:

Humor und die Fähigkeit, sich selbst zu beruhigen. Beides nimmt die Turbulenzen aus einem Streit und verwandelt ihn in eine Diskussion, in der beide Partner einander zuhören können, anstatt in die Spirale aus Angriff und Verteidigung zu geraten.

Wohlwollender Humor hat eine geradezu magische Wirkung, sagt Gottman. Nichts sonst bringe den aufgeregten Puls während eines Streits nachweislich so schnell wieder herunter, helfe dem Kopf dabei, wieder klar zu denken. Außerdem schafft Humor schnell Nähe, wenn Distanz zwischen den Partnern entstanden ist.

Die Selbstberuhigung hat das gleiche Ziel. “Sie sorgt dafür, dass man dem Reflex widersteht, sofort zurückzuschießen”, sagt Gottman. Dieser Reflex, sich zu verteidigen, sei zwar natürlich, ein evolutionäres Erbe, aber leider in der Liebe völlig fehl am Platz. Wer einmal tief durchatme und trotz aller Wut sagen könne: “Das ist dir offenbar sehr wichtig, deshalb höre ich jetzt einfach mal zu”, habe schon viel verstanden.

Wochenende 2./3. Januar 2016 – mit Tipps für Sportstudioanfängerinnen

Montag, 4. Januar 2016

Am Samstag nach unruhiger Nacht um 6 Uhr aufgewacht, mürrisch Milchkaffee getrunken und gebloggt.

Shred wiederaufgenommen (Level 2 war in einer Woche Pause nicht weniger anstrengend geworden) und ein bisschen auf dem Crosstrainer geschwitzt, insgesamt totales Formtief.

Auf eine kleine Einkaufsrunde fürs Wochenendessen gegegangen, das war’s dann aber mit diesem grauen und trüben Draußen für Samstag.

Ich backte Brot, baute gleich mal das in Nizza kennengelernte Pain de campagne nach. Dieses Rezept passte mir zeitlich am besten, ich reduzierte lediglich die Hefemenge (auf 3 Gramm für den Vorteig, 10 für den Hauptteig).

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Klappte gut, das Resultat war mir dennoch ein wenig zu hefig. Das nächste Mal nehme ich mir die Zeit für Lutz Geißlers Variante, die mit nur einem halben Gramm Hefe auskommt, aber halt am Backtag acht Stunden Zeit braucht. (Die “dicke, knusprige Kruste”, von der er schreibt, entspricht allerdings nicht dem Brot, das ich in Nizza gekauft habe: Dort war die Kruste sogar besonders weich.)

Den Nachmittag SPQR gelesen, bis es Zeit war, Abendbrot zu kochen: Shakshuka! Ich hatte seit Freitag riesiges Gelüst darauf gehabe – nach der schweren französischen Küche brauchte ich am Wochenende dringend italienische oder orientalische Gemüsespeisen.

§

Am Sonntag fast bis 9 geschlafen, beim Fensteröffnen fürs Lüften ein wenig dem komplett unmalerischen Schneeregen zugesehen. Von diesem ließ ich mich dann auch abhalten, mit den Fahrrad zum Turnen an den Ostbahnhof zu fahren, ich nahm die U-Bahn.

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Sportstudioaussicht.

Nach fröhlichem Stepareobic blieb ich brav zur saublöden Rückengymnastik auf dem Wackeluntergrund “Balance Pad”. Wieder stellte ich mich an wie eine 95-jährige auf Reha. Zumindest die abschließenden Bauchübungen auf dem Boden erinnerten mich daran, dass ich eigentlich recht gut trainiert bin.

So hatte ich es noch nie gesehen, werde es aber zukünftig tun.

Das und ein gestriges Erlebnis bringen mich dazu, Vorsatz- oder sonstwie -Anfängerinnen im Sportstudio hiermit ein paar Praxistipps zu geben, die verhindern könnten, dass jeglicher Spaß an der Bewegung ausbleibt.

Wenn Sie zum ersten Mal in eine Step-Stunde gehen:

1. Kommen Sie pünktlich! Das ist nicht in erster Linie höflich (aber das durchaus auch): Am Anfang fragt die Vorturnerin/der Vorturner, ob jemand zum ersten Mal da ist. An der Reaktion richten die Trainer nämlich den Schwierigkeitsgrad der Schrittkombinationen und die Geschwindigkeit des Aufbaus aus. Wenn, wie gestern, die beiden einzigen Anfängerinnen erst 10 Minuten (!) (!!) nach Stundenbeginn eintreffen, ist diese Chance vorbei: Der erste Block der Choreografie war bereits fast komplett einstudiert, und da zu Anfang nur geübte Hopserinnen im Raum gewesen waren, hatte der Vorturner sie durchaus vertrackt angelegt. Er versuchte sich danach zwar auf die beiden einzustellen (der zweite Block der Choreografie war supereinfach), doch sie waren komplett überfordert.

2. Stellen Sie sich möglichst in die Nähe der Vorturnerin oder des Vorturners. Wenn Sie sich auf die Eingangsfrage als Anfängerin zu erkennen gegeben haben (3. bitte tun Sie das unbedingt), wird sie versuchen, besonders auf Sie einzugehen, das kann sie aus der Nähe am besten. Und selbst sehen und hören Sie so besser, was gerade vorgeturnt wird. Ja, das bedeutet, dass Sie sich sichtbar machen und fühlt sich erst mal ausgesprochen peinlich an. Aber jede ihrer Mitturnerinnen erinnert sich nur zu gut an ihren eigenen Anfang und fühlt mit Ihnen. Unsichtbarkeit haben Sie sich umso schneller erarbeitet, je energischer Sie die Sichtbarkeit in Angriff nehmen.

Zurück daheim empfing mich Herr Kaltmamsell ganz aufgeregt: Nach zwei Jahren waren mal wieder Schwanzmeisen zu Besuch (sie wohnen nicht in unserer Gegend, sondern ziehen immer nur im Januar durch). Und zum ersten Mal trauten Sie sich an unseren Meisenknödel.

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Den Nachmittag über kamen sie immer wieder zu fünft angeflogen und fraßen – so niedlich!

Zum Abendbrot hatte ich winterbitteren Mangold besorgt. Ich briet ihn italienisch mit Knoblauch und einer Chillischote scharf an, servierte mit einer Kugel Büffelmozzarella. (Herr Kaltmamsell stand mit hängenden Schultern daneben und zieh mich, ihm durch Übernahme der Mahlzeitenzubereitung Maskulinität zu entreißen. Ob ich ihm Wolle und Häkelnadel schenken soll, um seine Maskulinität wiederherzustellen?)

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Dazu gab’s die Neujahrsfolge Sherlock, die mir ganz gut gefiel. Ich mochte vor allem die Metadiskussionen über das Sherlock-Narrativ und die Rolle des Erzählers: Sherlock Holmes und Watson kabbeln sich zum Beispiel immer wieder, wie sich Holmes wirklich ausdrückt und was ihm lediglich von Watson zugeschrieben wurde. Oder Mrs. Hudson, die sich darüber beschwert, dass sie in den Geschichten immer nur den Tee bringt und nie etwas sagt. Allerdings fand ich das viktorianische Setting deutlich weniger interessant als das sonstige moderne der Serie.