Journal Donnerstag/Freitag, 29./30 Juni 2017 – Heiraten Sie doch, wen Sie wollen

Samstag, 1. Juli 2017 um 8:25

Wie wunderbar: Die Öffnung der Ehe für alle ist am letzten Parlamentstag der Legislaturperiode doch noch durchgekommen. Ich freue mich wie bescheuert – natürlich für all die Menschen, die endlich auch ganz NORMal heiraten können (oder es endlich total ablehnen können zu heiraten), aber auch für uns als Gesellschaft, die nicht mehr mit der Schmach leben muss, Mitmenschen von einem Bürgerrecht auszugrenzen.

Gesungen wie in Neuseeland wurde bei uns im Parlament zwar nicht (wir erinnern uns mit Gänsehaut), dafür gab’s eine kleine Konfettikanone bei den Grünen um Volker Beck. Auf die ich ganz staatsbürgerlich stolz bin.

Und ich kann’s kaum erwarten, welche kreativen Titel sich die Zeitungen und Magazine zum Thema ausdenken werden. (Das hier ist natürlich eine Messlatte.)

Wissen Sie, ich habe mir ja für meine Entscheidung in der Bundestagswahl dieses Jahr folgendes Vorgehen ausgedacht: Ich stelle eine Liste von politischen Zielen auf, die mir am wichtigsten sind. Und gehe dann die Wahlprogramme der Parteien danach durch. Ganz weit oben stand das Ziel Gleichstellung gleichgeschlechtlicher Partnerschaften.

Diskutiert wird noch, ob die Ehe im deutschen Grundgesetz als zwischen Mann und Frau definiert ist:
Hier untersucht die ARD-Rechtsredaktion diese Frage.

Daran, dass die Mütter und Väter des Grundgesetzes Ende der 1940er-Jahre bei „Ehe“ allein die Ehe zwischen Mann und Frau im Blick hatten, besteht kein Zweifel. Allerdings wird in Deutschland – anders als in den USA – nicht vertreten, dass die Verfassung immer streng nach dem Willen des ursprünglichen Gesetzgebers auszulegen ist. Was damals – also bei Verabschiedung des Grundgesetzes – gemeint war, ist zwar ein wichtiger Ausgangspunkt für die Frage, wie das Grundgesetz auch heute zu verstehen ist. Aber die Verfassungsrichter haben auch immer betont, dass beim Auslegen der Verfassung Platz für gesellschaftlichen Wandel ist.

In der Süddeutschen stellt auch Heribert Prantl diese beiden Seiten heraus:
„Kleiner Schritt, großer Sprung“.

Als das Bürgerliche Gesetzbuch am 1. Januar 1900 in Kraft trat, war das Prinzip der Geschlechtsverschiedenheit so selbstverständlich, dass es dazu nicht eines einzigen Wortes im Gesetz bedurfte. Es findet sich auch keines. In den noch älteren Gesetzen war das nicht anders; Hauptzweck der Ehe sei „die Erzeugung und Erziehung der Kinder“ heißt es etwa im Preußischen Allgemeinen Landrecht von 1794.

In dieser Tradition hat das Verfassungsgericht es bisher zum „Kernbereich“ der Ehe erklärt, dass sie zwischen Mann und Frau geschlossen wird. Zugleich hat das Gericht aber stets betont, dass das Grundgesetz kein besonderes Ehebild festschreibe und hat, aus Gründen des Diskriminierungsschutzes, die Lebenspartnerschaft gestärkt.

Das Institut der Ehe sei vom Grundgesetz in der Ausgestaltung garantiert, „wie sie den jeweils herrschenden, in der gesetzlichen Regelung maßgebend zum Ausdruck geplanten Anschauungen entspricht“.

Und während manche religiösen Stimmen gegenargumentierten, ihre heiligen Schriften definierten Ehe nun mal als zwischen Mann und Frau sowie dem Zweck der Fortpflanzung dienend (ich bin immer wieder davon fasziniert, woher Religiöse wissen, welche Passagen dieser heiligen Schriften sie wörtlich zu nehmen haben und welche nicht)1, las ich gestern eine der interessantesten Stellungnahmen auf katholisch.de:
„Kein Grund zur Panik“.
(Offenlegung: Ich kenne Autor Felix Neumann aus der Techniktagebuch-Redaktion.)

Die Gegner der Öffnung der staatlichen Ehe – auch aus den Reihen der Politik – verweisen vor allem auf die naturrechtlich begründete Ehezwecklehre: Ehe ist die Verbindung, in der Kinder gezeugt werden; zumindest potentiell. Das ist theologisch plausibel und in der Tat konstitutiv – wenn auch, das kommt in der Diskussion zu kurz, nur eines von vier wesentlichen Merkmalen der Ehe: „Vollmenschliche Liebe“, „Ganzhingabe“, „Treue und Ausschließlichkeit“ zählt Paul VI. in Humanae Vitae auf. Drei Merkmale, die man auch in homosexuellen Beziehungen finden kann, und drei Merkmale, die sich in der bürgerlich-rechtlichen Regelung der Ehe nur sehr eingeschränkt wiederfinden – ohne dass dadurch der christliche Ehebegriff bisher aufgelöst worden wäre.

Quasi säkularisiert wird die „Fruchtbarkeit“ der Ehe (das vierte Merkmal Pauls VI.) in der gern bemühten Wendung von der „Keimzelle der Gesellschaft“: Fortpflanzung und Erhaltung der Bevölkerung als Begründung für den Schutz durch die Verfassung.

Volker Beck erklärt in seinem Blog noch ein paar praktische Details der Gesetzesänderung:
„FAQ für alle Heiratswilligen“.

Das Thema Ehe für alle war in den vergangenen Jahren in meiner persönlichen Umgebung sehr präsent – doch es scheint einfach gewesen zu sein, sich davor wegzuducken: Viele Unions-Politikerinnen und -Politiker kritisierten, die Abstimmung im Bundestag sei „überstürzt“ gewesen.

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Der Sommer macht ein wenig Pause, mischt Wolken und Sonne, dazwischen ein paar Regentropfen. Doch die Temperaturen liegen mit immer noch über 20 Grad im angenehmen Bereich.
Donnerstag und Freitag ging ich in die Arbeit und kaufte auf dem Heimweg Lebensmittel ein. Gestern Abend bereitete ich zudem eine Hugo-Torte zu, mit der ich Samstag Besuch (meine Mutter mit einer Freundin) bewirten will.

Zum gestrigen Abendessen gab es auch Alkohol: Ich genoss ein Glas flüssigen Hugo (der nicht zu Torte gewordene Prosecco musste ja weg) und ein Glas spanischen Rotwein.

§

Eine lange Multimedia-Geschichte auf spiegel.de, die erst noch fertig erzählt wird:
„Straße der Träume
Route 96.“

Aus dem tiefsten Sachsen führte die Fernverkehrsstraße 96 über Berlin zu den weiten Horizonten der Ostseebäder Rügens. Wer seinen Trabi oder seinen Wartburg bestieg, der konnte ein bisschen träumen, von einem anderen Leben, von Freiheit. Dann brach die DDR zusammen, die Bundesrepublik übernahm, aus der F96 wurde die B96. Und wovon träumen die Menschen entlang der Straße heute? Wir finden es heraus – auf unserem einmonatigen Roadtrip über die Route 66 der DDR.

Mir ist sehr bewusst, welch tiefer Graben mit 40 Jahren unterschiedlicher Geschichte mich Wessi von Ostdeutschland, seinen Bewohnerinnen und Bewohnern trennen. Deshalb freue ich mich sehr über diese Einblicke. (Wünsche mir aber als nächstes die Sicht zweier Ossis bei einer ähnlichen Fahrt durch Westdeutschland.)

§

Glumm gehört zum Grundrauschen meines Internets; so dicht und tief, dass ich nicht immer mitlesen kann. Für Einsteiger hat er vor seiner Sommerpause Häppchen aufgereiht, die ihn und sein Blog sehr schön beleuchten:
„Für unterwegs. Für auffe Faust“.

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Noch was zum Gucken fürs Wochenende:
„Accidental Wes Anderson“.

A collection of photos submitted by people from around the world, all with one thing in common: they look like they’re taken straight out of a Wes Anderson movie.

  1. Die sechs muslimischen Abgeordneten im Bundestag stimmten übrigens alle für die Öffnung der Ehe für alle. []
die Kaltmamsell

3 Kommentare zu „Journal Donnerstag/Freitag, 29./30 Juni 2017 – Heiraten Sie doch, wen Sie wollen“

  1. Elfe meint:

    ******************KOMMENTAROMAT**********************

    Gerne gelesen

    *******************************************************

  2. Micha meint:

    Ich erinnere mich HIER mit Gänsehaut! Danke!

  3. streckenweise meint:

    Als ich gestern irgendwo das erste Mal den Link zur B96-Reportage sah, dachte ich: „das gab’s doch schon mal?“. Eine kurze Recherche eben bestätigte meine Erinnerung: in der Berliner Zeitung gab es 2010 schon einmal eine solche Reportage. Leider findet man nur noch eine Fotostrecke* und einen der 5 Artikel online**.
    Beim SPON-Artikel ärgert mich, daß er wieder nur Klischees abarbeitet. Muß man mehr als 25 Jahre nach der Einheit einen Artikel über Ostdeutschland wirklich am Sowjetischen Ehrenmal beginnen lassen? Und auch im Rest des Zittauer Artikels geht es nur um die Bestätigung oder Nichtbestätigung von Klischees und Vorurteilen. „Wovon träumen die Menschen“ hab ich nicht gefunden.

    Umgekehrt, „Ossis reisen durch den Westen“… Seit der Einheit sind mehr als 20 Jahre vergangen. Wenn Ossis den Westen sehen wollen, müssen sie nicht irgendwo hinfahren, es reicht, das Haus zu verlassen. Ehrlich. Klar, der Westen in Sachsen oder Mecklenburg ist ein anderer als der in Bayern, aber das ist der in Schleswig-Hollstein oder Westfalen auch. Was ich sagen will: die Exotik, die der Osten für manche Wessis noch hat, gibt es umgekehrt einfach nicht.
    (Der Autor der Serie der Berliner Zeitung ist auch ein Wessi. Merkt man nicht, komisch.)

    * (http://www.berliner-zeitung.de/–4734594)
    ** (http://www.berliner-zeitung.de/entlang-der-b-96—teil-4–schlechte-luft-im-regierungs-schloss–pfifferlinge-aus-den-masuren-und-ein-dorf–das-immer-schoener-wird-schweine-im-paradies-15408248)

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