Journal Freitag, 27. April 2018 – Blödes Nägelschneiden und Beifang aus dem Internet

Samstag, 28. April 2018 um 7:53

Wecker früh gestellt, um vor der Arbeit noch ein Dreiviertelstündchen auf dem Crosstrainer zu strampeln.

Sonniger Tag, morgens noch frisch, erst im Lauf des Nachmittags wärmte die Luft bis auf Jackenlosigkeit.

Auf dem Heimweg ein Abstecher zum Süpermarket, der freitagabendlich belebt war – ich sorge mich ja schon um deren Geschäfte, weil doch alle Hinterhofmoscheen in der Landwehrstraße schließen mussten. Auf der Einkaufsliste: Zitronen, Knoblauch, Gemüse (was halt als Beilage gut aussieht, es wurden rote Spitzpaprika und Mini-Artischocken), Obst (dito: spanische Orangen, deutsche Lageräpfel, ein Granatapfel), Gewürzoliven als Aperitif, Fleisch (ich entschied mich für das halbe T-Bone-Steak, das schön marmoriert und abgehangen aussah), Fladenbrot.

Abendessen wurde das Steak mit gebratenen Paprika und Brot, dazu ein Glas mallorquinischer Rotwein. Zum Nachtisch holte uns Herr Kaltmamsell zum ersten Mal in der Saison Eis aus der nächsten Eisdiele.

Um mal wieder in die besonders trivialen Alltagsdetails zu tauchen: Der Körperpflegeaspekt, der mich am meisten ankäst, ist das Nägelschneiden. Ich habe meine Fingernägel gerne sehr kurz, das bedeutet Kürzen mindestens einmal pro Woche. Aus Gewohnheit und Ungeschick1 verwende ich dafür einen Nagelknipser; damit die Nägel danach ordentlich aussehen und ich mit keiner Kante irgendwo hängen bleibe, feile ich sie nach. Und nochmal. Und da steht noch ein Fitzelchen vor, also nochmal. Am nächsten Tag in der Arbeit verhakelt sich aber schon wieder ein Nagel in der Strumpfhose, also muss ich nochmal nachbessern (zu den Werkzeugen in meiner Schreibtischschublade gehört auch eine kleine Nagelfeile). Seit vor Jahren meine Fingernägel zu splittern begannen, klebe ich sie nach dem Kürzen mit einem klaren Lack zusammen.

Das dauert alles nicht mehr als 20 Minuten, doch diese Pflicht nervt mich kolossal. Am liebsten hätte ich dafür ein Maschinchen. Ich stelle mir etwas im Format eines Nageltrockners vor, nur dass es die Nägel in… sagen wir fünf Minuten glatt kürzt und lackiert. Wenn ich daran denke, was auf der Hannover Messe so gezeigt wurde, sollte das technisch kein Problem sein, ein kognitives System würde schnell lernen, sich auf die individuelle Hand einzustellen.

Herr Kaltmamsell scheint gerade neue Kosenamen für mich zu testen (bislang hatte er, wenn überhaupt, zu „Engelein“ aus Die Nacht vor der Hochzeit gegriffen). Gestern probierte er es mit „Hase“ – und krümmte sich dann verstört, als ich konsequenterweise mümmelnde Hasenzähnchen machte. Ja was?

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Wird seit zwei Tagen durch mein Internet gereicht, ist aber auch zu wahnwitzig:
Die Frau aus USA, die ihr erstes Baby ohne Hilfe im Bad eines türkischen Hotelzimmers zur Welt brachte, erzählt als Twitter-Thread, wie das war. Mit viel „lol“ und Gifs.

Ich hatte erst mal gewartet, ob sich das Ganze nicht als Hoax herausstellt – hat es nicht. Geschichten über Frauen, die ihre Schwangerschaft komplett verdrängen und von den Wehen überrascht werden, gibt es ja immer wieder; das ist der erste mir bekannte Fall, dass eine danach selbst darüber schreibt.

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Sie interessieren sich für aktuelle wissenschaftliche Projekte in Deutschland? So im Allgemeinen? Dann empfehle ich Ihnen den Newsletter des idw – Informationsdienstes Wissenschaft.

Allein schon wegen so großartiger Themen und Überschriften wie
„Frust im Quantensystem“,
„Wie lassen sich antike Gerüche rekonstruieren?“,
„Das Babel-Projekt I – Epistemische Funktionen von Metaphern im wissenschaftlichen Erkenntnisprozess“.
Letztere Tagung würde mich arg interessieren.

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Ein großer Spaß gestern: Kathrin Passig lebt mit dem Umstand, dass Veranstalter ihr aus Hilflosigkeit irgendwelche Arbeitgeber auf die Namensschilder drucken. Ihre Lösung: Sie hat ein Programm in ihre Website integriert, das schöne Arbeitgeber zusammenbaut, bei jedem Aufruf einen neuen – jetzt müssten Veranstaltungsorganisatorinnen etwas fürs Namensschild finden. Die Techniktagebuch-Redaktion und Twitter durften beisteuern, jetzt kann man Stunden damit verbringen, Kathrins Kontaktseite immer wieder neu zu laden.

Wer würde nicht hier arbeiten wollen?

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In unserer westlichen Kultur gibt es ja schon länger die Sehnsucht nach „ursprünglicher Natur“ – die unter anderem den Umstand verleugnet, dass wir seit vielen Jahrhunderten (also weit vor der Industrialisierung der Land- und Forstwirtschaft) in einer Kulturlandschaft leben, hinter der ein ausgeklügeltes, menschengemachtes System steckt. Die Sehnsucht ist so groß, dass in den Niederlanden ein großes Stück Land östlich von Amsterdam „der Natur überlassen“ wurde (ich muss das als Zitat anführen, weil dieses Ansinnen außer Acht lässt, dass und wie sehr der Mensch Teil der Natur ist und keineswegs außerhalb steht).

50 Jahre nach Einrichtung des Reservats zeigte sich, wie „sich selbst überlassene“ Natur halt auch aussieht: Tausende Tiere verhungerten. Der Guardian fasst zusammen:
„Dutch rewilding experiment sparks backlash as thousands of animals starve“.

Oostvaardersplassen was only created in 1968 when an inland sea was drained for two new cities. An industrial zone turned into a marshy haven as it lay undeveloped during the 1970s. Dutch ecologist Frans Vera devised the innovative use of wild-living cattle and horses to mimic the grazing of extinct herbivores such as aurochs, and Oostvaardersplassen became an internationally renowned rewilding reserve, celebrated in a 2013 Dutch film called The New Wilderness.

Aber so „natürlich“ wollen die Bürger ihre Natur dann doch nicht:

For two months, protesters have tossed bales of hay over fences to feed surviving animals as the Dutch Olympic gold medal-winning equestrian Anky van Grunsven joined celebrity illusionist Hans Klok in condemning the “animal abuse” on the reserve. Ecologists and rangers received death threats from the rising clamour on social media.

Der Artikel widmet sich ausführlich dem Verlauf des Projekts bis heute, auch den weiterhin positien Ergebnissen.

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Ein Aktivist für die Sache wirklich nachhaltiger Kulturlandschaft ist James Rebanks, der @herdyshepherd. Der New Yorker hat ihn besucht:
„The Tweeting of the Lambs: A Day in the Life of a Modern Shepherd“.

Zum Foto meinte Rebanks auf Twitter:

I could write the manual of what photographers ask shepherds to do on photo shoots. For some reason you always have to stare in to the distance :-)

  1. Falls ich noch was auf der Liste „lebenslanges Lernen“ brauche: „Fingernägelschneiden mit Nagelschere“ wäre ein Punkt. []
die Kaltmamsell

12 Kommentare zu „Journal Freitag, 27. April 2018 – Blödes Nägelschneiden und Beifang aus dem Internet“

  1. PS meint:

    Hoffentlich ist es nur eine Phase, Hase.

  2. Croco meint:

    Darf ich einen klitzekleinen Tipp loswerden, auch wenn nicht darum gebeten wurde?
    Meine Nägel haben in den letzten Jahren viel mitgemacht und benehmen sich nicht. Gute Erfahrung habe ich gemacht mit einer Glasfeile und Nagelhärter. Die Feile macht keine Fitzelchen und der Härter trocknet unglaublich schnell. Und sieht dazu noch aus wie Lack.

  3. die Kaltmamsell meint:

    Was ich benutze, ist tatsächlich ein Nagelhärter, der aussieht wie Lack, Croco – aber er nervt trotzdem. Die Glasfeile probiere ich gerne aus, doch ich fürchte, mein Geschick beim Feilen wird sie nicht vergrößern.

  4. Joël meint:

    Aber Croco hat recht.
    Eine Glasfeile ist bei dünnen, splitterigen oder auch sehr weichen Nägeln das richtige.
    Was Nagelhärter angeht kann ich den hier empfehlen.
    https://www.herome.com/de/online-shop/nail-care-de/nail-hardener-strong/

  5. die Kaltmamsell meint:

    Hihi, Joël: Genau den Nagelhärter hat mir vor Jahren Leserin lihabiboun mal geschickt – und seither benutze ich ihn.

  6. adelhaid meint:

    warum mussten die hinterhofmoscheen schließen?

  7. die Kaltmamsell meint:

    Wegen Überfüllung, adelhaid: Der Brandschutz konnte nicht mehr gewährleistet werden.
    http://www.sueddeutsche.de/muenchen/moscheen-muslime-haben-in-muenchen-kaum-platz-zum-beten-1.3445341

  8. Hauptschulblues meint:

    Hauptschulblues weiß aus eigener Erfahrung, dass es mit den Hinterhofmoscheen schwierig ist, genauso wie mit den meisten DITIB-Moscheen. Da wird viel gepredigt, was nicht zur BRD und iher Verfassung gehört. Oft sind die Behörden froh, wenn der Brandschutz kommt. Aber was dann? Wo gehen die Menschen zum Beten und Zuhören hin?

  9. Christine meint:

    In der Tat ist eine entfernte Bekannte von mir morgens mit Hexenschuss ins Krankenhaus gegangen und kam abends mit Kind im Arm wieder raus. Ich habe sie eigentlich als reflektierte und körperbewußte Person kennengelernt. Der weibliche Körper und die Seele sind voller Rätsel.

  10. Turtle meint:

    Ich gehöre auch zur Kurze-Nägel-Fraktion mit wöchentlichen Nägelschneiden.. Meine Tricks: 1. Zwei feine Scheren, eine für Rechtshänder, eine für Linkshänder. Erleichtert das Schneiden mit der nicht-dominaten Hand erheblich. 2. Nägel schneiden nur nach dem Duschen, dann sind sie schön weich und ich habe nie Probleme mit scharfen Ecken und Kanten.

  11. die Kaltmamsell meint:

    Das sind schwere Anschuldigungen, Hauptschulblues, die Sie gegenüber den ehemaligen Moscheen in der Landwehrstraße erheben. Wissen Sie dazu Konkretes?

  12. Norman meint:

    In der Heimat des ewigen Stenz gibt es nur einen Kosenamen.

    §

    „Labor für Erlöserarchitektur“ finde ich besser.


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