Archiv für April 2018

Journal Sonntag, 15. April 2018 – Von See zu See gewandert

Montag, 16. April 2018

Gestern war wieder Wandern geplant. Zur Auswahl standen der Obst- und Kulturwanderweg Ratzinger Höhe im Chiemgau – wenn die Obstbäume blühten – und die Strecke zwischen Starnberger See (Tutzing) und Ammersee (Herrsching). Die Webcam Ratzinger Höhe zeigte, dass die Bäume noch nicht blühten. Also nahmen wir kurz vor Mittag einen Zug nach Tutzing (Frühstück auf der Fahrt) und gingen unter trübem Himmel und bei milden Temperaturen über Gut Kerschlach und Andechs nach Herrsching. Es war eine schöne Wanderung.

Die dominanten Blumen waren wie am Wochenende davor Buschwindröschen und Veilchen, aber schon viele Schlüsselblumen. Die Schlehen warfen immer wieder einen weißen Blütenhauch ins Zartgrün der Büsche.

Wir sahen ein Reh, viele Pferde und einen (mutmaßlichen) Storch im Flug – aber das beste waren die beiden Schwalben, die bei unserer Rast in Gut Kerschlach vorbeiflogen.

Bis Gut Kerschlach waren wir auf eher abseitigen Wegen unterwegs, aber dort erwartete uns die geballte Macht der Radausflügler: zu 90 Prozent auf eigens für Ausflüge hochgezüchteten Geräten von Renn- über Trekking- bis Mountainbikes, die letzten beiden Sorten mit und ohne Elektromotor. Nur etwa 10 Prozent der Fahrräder hätte auch meine Oma als solche erkannt. Und diese 90 Prozent Radlerinnen und Radler waren bis unter die Kiemen mit eigens dafür hochgezüchteter Funktionskleidung ausgestattet – ich weiß jetzt, dass Klickschuhe das Sommerpendant des lustigen Gangs in Skischuhen erzeugen. Und ich freue mich schon auch, dass die Motoren an den Rädern dafür sorgen, dass auch nicht so körpertüchtige Menschen in den Genuss des Radelns auf hügeligen Waldwegen kommen – doch die Folge ist halt eine noch höhere Radlerdichte auf diesen Waldwegen: Gemütliches und gedankenverlorenes Wandern mit Ausschau nach Blumen und Vögeln wird immer weniger möglich, weil jederzeit Radler angerauscht kommen können.

Ehemaliges Warnamt Kerschlach.

Bild: Herr Kaltmamsell
Wir sahen viel Windbruch, fast aller bereits geschnitten, gestapelt, sortiert. Dieser Nadelbaum nicht – morsch, wie ich beim Nachgucken feststellte – und er hatte ein riesiges Stück Waldboden mitgenommen. (Entstehen so Hobbithöhlen?)

Sumpfdotterblumen.

Einkehrschwung in Herrsching im legendären Seehof: Ochsenbackerl für den Mitwanderer, Saibling für mich – beides sehr gut. (Und trotz großer Lust auf ein Radler vorsichtshalber wieder kein Alkohol.)

Unterm Strich waren das dann 26 Kilometer und fünfeinhalb Stunden Wanderung. Danach waren wir ordentlich fertig, in München ließen wir uns vom Bahnhof mit der Tram heimbringen.

Die Heimfahrt dauert länger als geplant, da von Herrsching aus keine S-Bahn fuhr : 45 Minuten Schienenersatzverkehr nach Gilching und dann nochmal 45 Minuten S-Bahn nach Münchens Mitte. Schuld war das hier:

Derzeit wird am Bahnhof Gilching der Bahnsteig erneuert – kann mir jemand erklären, was diese Maschine dabei tut?

Daheim Räumen und Vorbereitung der Arbeitswoche; dem Wochenende hätte ein weiterer Tag gut getan.

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Diversität ist ein besonderes und interessantes Thema in einem Staat, der sich über Homogenität definiert: Japan. Mokoto Rich erklärt das anhand eines Beispiels:
“In Homogeneous Japan, an African-Born University President”.

via @ruhepuls

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Mode! Ein hier lang vernachlässigtes Thema. Charmantes Feature im New Yorker über den sehr alten römischen Hersteller “Gammarelli – Sartoria per ecclesiastici”.
“Where the Pope Gets His Socks”.

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Wenn ich als eines meiner Interessen Sport angebe, betone ich gerne überheblich: “Machen, nicht gucken.” Vielleicht stimmt das nicht ganz.
“The Dizzying Patterns of Movement at Athletic Events Captured in Composite Photographs by Pelle Cass”.
via @dtfdpr

Journal Samstag, 14. April 2018 – Radeln und Schwimmen

Sonntag, 15. April 2018

Unruhige Nacht, weil die Nachbarn Gäste hatten und sich fröhlich und laut auf dem Balkon über meinem Schlafzimmer unterhielten. Da halfen auch Ohrstöpsel nicht, ich musste zusätzlich das Fenster schließen. Dann wachte ich auch noch früh auf. Überm Morgenkaffee und Bloggen kam ich langsam zu mir.

Radl nach vielen Wochen ohne Nutzung aufgepumpt und von Balkonschmutz befreit: Ich wollte ins Olympiabad radeln.

Es klappert und knarzt, mein Radl, brachte mich aber durch den Sonnenschein flink und treu in den Norden Münchens (Kirschbäume in der Agnesstraße zu meiner Überraschung noch nicht in Blüte). Dennoch muss ich mir jetzt endlich den entscheidenden Rempler geben und das neue Fahrrad aussuchen, das ich ja schon letztes Jahr geschenkt bekommen habe.

Der Olympiapark war wegen einer Laufveranstaltung voller Menschen, auch das Schwimmbecken (wegen Umbaus immer noch das fensterlose Trainingsbecken) sehr voll. Da ich so lange nicht mehr Schwimmen war, überraschte mich, wie leicht ich meine gewohnten 3000 Meter wegschwamm, sogar wahrscheinlich mehr, da ich mich ein paar mal verzählte und aufrundete. Die ersten 2000 Meter glitt ich kraftvoll und fröhlich durchs Wasser, dann musste ich mich leider ein paar Mal ärgern
1) über den jungen Brustschwimmer, der mich nicht überholen ließ – also wie auf der Autobahn bei meinem Überholversuch nach links zog und mich auch am Bahnende beim Wenden nicht vorließ, so dass ich auf die Gegenbahn wechseln musste, um in meinem Tempo schwimmen zu können,
2) über den Rückenschwimmer mit Handpaddeln auf der Nachbarbahn, der mich böse am Bauch kratzte.

Insgesamt aber freute mich meine gute Tagesform so sehr, dass ich ausgesprochen beschwingt zurück radelte.

Ich stoppte kurz am Josephsplatz, um im U-Bahn-Untergrund mal wieder Automatenfotos zu machen (die jahrelang gewohnten Fotoautomaten am Sendlinge Tor sind ja wegen Umbaus weg).

Nach einem Frühstück bügelte ich frisch gewaschene und Sommerkleidung auf, sortierte die Winterkleidung in die Kleidungskiste für den Keller. Mein Ziel, meinen Kleidungungsbestand so lange zu reduzieren, bis Sommer- UND Winterkleidung in den Kleiderschrank passen, habe ich ein wenig aus den Augen verloren. Der jetzige Bestand ist durchweg in Gebrauch (na ja, mit sentimentalen Ausnahmen wie dem Seidenrock, den ich zur Abiturfeier geschenkt bekam), und auch dieses Jahr habe ich mir ein neues Sommer-Outfit (das ich wirklich nicht brauche) genehmigt.

Abends radelte ich nochmal (und merkte, dass ich die lange Fahrradpause mit Popoweh werde zahlen müssen) in den Nordosten Münchens zu einer Verabredung beim Vietnamesen, meist die Isar entlang. Sehr viele Menschen nutzten das schöne Wetter, die Emmeransbrück war von Grillschwaden umweht.

Nach einem schönen Abend mit Hack-gefüllten Betelröllchen (und vorsichtshalber ohne Alkohol) und Geschichten radelte ich über die Oberföhringer Straße zurück – eine völlig unbekannte Gegend.

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Die Überraschungen, die man beim Programmieren Kognitiver Systeme erleben kann (und die einen Hinweis darauf geben, wie vorsichtig man da sein muss):
“When algorithms surprise us”.

Journal Freitag, 13. April 2018 – Kalifornischer Besuch und Beifang aus dem Internet

Samstag, 14. April 2018

Statt Donnerstagmorgen also gestern sehr früh aufgestanden und eine gute halbe Stunde Krafttraining mit Hanteln eingeschoben. War anstrengend, und schon am Abend spürte ich Muskelkater heraufziehen – was bewies, dass ich besser mal wieder regelmäßiger sportle.

Sonniger Tag, der Jahreszeit angemessen temperiert: Auf dem Heimweg las ich in der Landwehrstraße (Obsteinkäufe) 16 Grad an einer Apotheke.

Feierabendbier mit Warten auf Besuch aus Kalifornien, der mich ganz arg freute.

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Auch dasnuf hat Gedanken zum Film Embrace aufgeschrieben, sie ähneln meinem Wunsch. Und sie hat ein Wort dafür: Body-Egalness. Ja, das wünsche ich mir.

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Ein interessanter Beitrag zur Kopftuchdebatte (ich bleibe dabei: Redet Frauen nicht rein, wie sie sich zu kleiden haben! Von keiner Seite!): Schon 2006 erinnerte Mary Beard in einem Blogpost an eine Debatte im Großbritannien der 1960er. Auch damals ging es um eine fremdländische Kopftracht, allerdings die einer männlichen Einwanderergruppe – es ging um die traditionellen Turbane der Sikhs.
“Veils, turbans and ‘rivers of blood'”.

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Die existenziell zerstörerischen Auswirkungen von Kindesmissbrauch, im New Yorker von jemandem beschrieben, dessen Meisterwerkzeug Sprache ist, nämlich von Romanautor Junot Díaz:
“The Silence: The Legacy of Childhood Trauma”.

That violación. Not enough pages in the world to describe what it did to me. The whole planet could be my inkstand and it still wouldn’t be enough. That shit cracked the planet of me in half, threw me completely out of orbit, into the lightless regions of space where life is not possible. I can say, truly, que casi me destruyó. Not only the rapes but all the sequelae: the agony, the bitterness, the self-recrimination, the asco, the desperate need to keep it hidden and silent. It fucked up my childhood. It fucked up my adolescence. It fucked up my whole life. More than being Dominican, more than being an immigrant, more, even, than being of African descent, my rape defined me. I spent more energy running from it than I did living.

Mich berührt besonders Díaz’ Mischung von Englisch und Spanisch. Ich erinnerte mich, dass ich einen seiner Romane gelesen und besprochen hatte: “The Brief Wondrous Life of Oscar Wao”. Richtig, schon damals hatte ich diese Sprachmischung gemocht.

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Und dann gleich nochmal dasnuf: Sie klopft ab, womit sie im Fall der Apokalypse punkten könnte.
“Die degenrierte Akademikerin”.

So fühle ich mich immer, wenn das Kartoffelkombinat um tatkräftige Hilfe bittet – für die Gärtnerei, Lagergebäude, Website, App etc. Ich kann exakt NIX.

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Schon vor einigen Wochen hat Else Buschheuer im Süddeutschen Magazib aufgeschrieben, wie ihr Leben und ihre Selbstsicht von Männern geprägt wurde:
“Die dressierte Frau”.

Einige Aspekte und Analysen überraschten mich, doch insgesamt halte ich ihren Essay für bedenkenswert. Unter anderem Buschheuers Beobachtung, dass auch Frauen, die sich gegen männliche Zudringlichkeit zu wehren wissen, die männlicher Dominanz Paroli bieten – unterm Strich doch nach Männerpfeifen tanzen.

Allerdings ist mir erst seit Kurzem, erst seit #MeToo, klar, dass ich nicht so bin, weil ich eben so bin, sondern dass ich so geworden bin, weil es Männer gibt, weil ich eine Frau bin mit Brüsten und einer Vagina, und weil die Knöpfe von Schwänzen gedrückt werden (wehe, Männer der SZ-Magazin-Chefredaktion, ihr streicht mir dieses schön schiefe Bild raus!).

Ich dachte früher, nee Freunde, nun spring ich nicht mehr über eure Stöckchen, nun springt ihr über meins! Heute weiß ich: Ich sprang immer noch, verdammte Scheiße, ich sprang zwar nun, INDEM ich Männer springen ließ, aber ich war nur von einer Wichsvorlage (süß) zur anderen (sauer) gewechselt.

Ich holte mir die Macht, aber egal ob schnurrend oder fauchend, ich war von Männern gezeugt, geformt, gezähmt. Ich hatte nur eine einzige Wahl, nämlich die, mich zu diesem Fakt zu verhalten: Claqueurin oder Kriegerin zu sein. Ich hab mich, nach einigem Rumgeeier, für die Kriegerin entschieden.

(Bitte auch das Autorinnenprofil unterm Text lesen.)

Journal Donnerstag, 12. April 2018 – Verschiedene Vernebelungen

Freitag, 13. April 2018

Seltsamer Tag.
Das lag zum einen an der nächtlichen Migräneattacke (richtig: die dritte in zwei Wochen), die mir nach der Triptanmedikation nur noch anderthalb Stunden bis Wecker gab – den ich im Moment der Diagnose eh schon von Frühaufstehen für Morgensport auf die übliche Zeit gestellt hatte. Gradaus Denken war erst gegen Ende des gestrigen Arbeitstags möglich. Ich habe es sehr satt, Sie (und mich) mit meinen Kränklichkeiten zu langweilen; ich möchte Sie endlich wieder mit Sport und Cocktails langweilen.

Zum anderen lag das daran, dass ich gestern das Foto des myself-Artikels postete (instagram, Twitter, Facebook) und sich so viele Menschen mit mir freuten, dass es mich noch wuschiger machte. Sie sind alle zu und zu freundlich!

Zum noch anderen begann der Morgen nach Migräne-Aufstehen schräg, weil ich ohne Nachzudenken auf den “Software aktualisieren und neustarten jetzt”-Knopf klickte und erst danach merkte, dass ich während dieses Vorgangs nicht bloggen konnte. Woraufhin ich meinen Tagesanfang umstellte und erst Duschen, Schminken, Föhnen und Anziehen ging, um nach dem Software-Update zu bloggen.

Der Tag begann mit herrlichem Frühlingswetter und strahlenden Farben.

Er verdüsterte sich gegen Abend aber wieder schwül.

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Da war es wieder: Das gute Internet.
Die Elfjährige und die Washington Post.

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Sie werden nach dieser Geschichte Erdbeer-Erdbeerverkaufshäuschen nie mehr mit denselben Augen sehen:
“Im Winter 1996 habe ich eine Woche damit verbracht, in einer düsteren Holzhütte Erdbeersamen aus Styropor zu schnitzen.”

Journal Mittwoch, 11. April 2018 – Selbst in Zeitschrift

Donnerstag, 12. April 2018

Frühingsfest im Werden.

Gerade habe ich mal wieder ein Stinkphase (Dreckshormone), die stündlich das Bedürfnis nach Achselwäsche und Deo auslöst.

Aus den besten Aufzügen kann man rausschauen.

Abends hatte ich wieder überhaupt keine Lust auf Sport, und gegen inneren Widerstand sportle ich nicht. Turnbeutel also wieder heimgetragen, aber einen Umweg gemacht, um die aktuelle Ausgabe der Zeitschrift myself zu besorgen, weil ahem…

Nachtrag: Das Foto von mir hat Markus Burke gemacht.
Herr Kaltmamsell freute sich wie ein Schnitzel, das auf dem Foto seine Pabel-Moewig-Sammlung als Hintergrund zu sehen ist (möglicherweise an der myself-Zielgruppe vorbei?). Zum Nachtmahl servierte er Spinatknödel, zu denen ich nach zwei Wochen mal wieder Lust auf ein Glas Wein hatte (ein Viura aus der Rioja).

Abendprogramm: Ich schaute mir in der Arte-Mediathek den Film Embrace an – über die (Crowd-finanzierte) Aktion der Australierin Taryn Brumfitt, Frauen mit ihrem eigenen Körper zu versöhnen, hatte ich vor zwei Jahren viel gelesen.

Die Dokumentation gefiel mir, auch wenn ich wenig Hoffnung habe, dass Taryns Wunsch in Erfüllung geht: Ihre Tochter möge mit ihrem eigenen Körper weniger hadern als sie selbst. Dazu müssten sich erst mal so viele gesellschaftliche Strukuturen ändern. Und ich habe mittlerweile ein kleines Problem mit dem ständig wiederholten Appell ans Schönfinden aller Frauenkörper: Mir wäre lieber, wenn dieser Aspekt überhaupt in den Hintergrund träte. Frauenkörper sind. Wie Männerkörper halt auch. Ende der Geschichte. (Das schließt den Wunsch nach Schmücken und Gestalten ja nicht aus.)

§

Javier Cercas, spanischer politischer Schriftsteller, ordnet in einem Kommentar in der gestrigen Süddeutschen das Handeln von Carles Puigdemont ein: “Amtsmissbrauch.”
“Warum man Puigdemont nicht verteidigen sollte”.

Wie schräg es ist, dass das Oberlandesgericht Schleswig über Puigdemonts Freilassung zu entscheiden hatte, erklärt Ulrich Karpenstein im Verfassungsblog:
“Der Fall Puigdemont – ein europäisches Problem!”

§

Hatte ich auf Twitter mitbekommen und weil Vanessa mitschrieb: Auf Twitter hatte Whitney Reynolds (aus gegebenem Anlass) die Aufgabe gestellt “Describe yourself like a male author would”. Selbst scheiterte ich bei dem Versuch mitzumachen, mein Selbstbild meines Äußeren ist irreparabel kaputt. Im Guardian sammelt Alison Flood Ergebnisse – und stellt sie einigen Frauenbeschreibungen hochdekorierter Romanautoren gegenüber.
“‘A nice set of curves if I do say so myself’: a Twitter lesson in how not to write women”.

Sollten Sie ein Mann sein und aus der Sicht einer Frau schreiben wollen, verinnerlichen Sie bitte, bitte:

One integral thing about being female is that we don’t really think about our breasts very much at all.

§

Ich bin ja dabei, Frieden mit den Münchner Stadttauben zu schließen. Erst gab es am Balkon ein paar wirklich schöne Exemplare (lookism!), dann freute ich mich wiederholt über die Ästhetik von Taubenschwärmen, die vom Nußbaumpark vor die Silhouette von St. Matthäus flogen. Ein Fotograph in New York hat die örtlichen Stadttauben zu seinen Stars gemacht:
“New York City’s Pigeons, Like You’ve Never Seen Them Before”.

via @pinguinverleih

§

Da lachte selbst die Autohasserin sehr:
“Harrison Ford”.

§

So gern ich die englischsprachigen Landwirtschafts-Erzählerinnen und -Erzähler im Web, vor auf allem auf Twitter schätze, so sehr vermisse ich irgendwas Vergleichbares im deutschsprachigen Raum. Freundlicherweise reagierte auf meinen entsprechenden Seufzer Texas-Jim,1 der Mann hinter dem Blog Dieseldunst, und schickte mir ein paar Tipps – alle ganz anders als die englischsprachigen, aber einige hochinteressant. Zum Beispiel MASCHINEN!

Aktivieren Sie JavaScript um das Video zu sehen.
https://youtu.be/XzXfBrJUXyc

  1. Der Nick ist ein Hinweis, wie lange er schon ins Internet schreibt. []

Journal Dienstag, 10. April 2018 – Arbeitstag mit Abschluss im Chinarestaurant

Mittwoch, 11. April 2018

Seit einigen Tagen wird auf der Theresienwiese das Frühlingsfest aufgebaut, allerdings stehen die Zelte ganz anders als in den vergangenen Jahren.

Wetter gestern: Wolkig schwül. Arbeit gestern: Viel und aufregend.

Abendessen: Im China-Restaurant Shanghai an der Sonnenstraße.

Mapo Tofu links: Der Kellner freute sich über die Bestellung und erklärte, das Gericht sei in China sehr beliebt. Ente nach Kanton-Art rechts: Hier freute sich der Kellner, dass wir es mit Knochen haben wollten (er hatte es auch entbeint angeboten). Wir aßen gut mit Blick über die Sonnenstraße.

Seit gestern Mittag stetig stärker werdender Muskelkater in den Oberschenkeln – komplettes Rätsel, da mein jüngster Sporteinsatz 48 Stunden vorher war und mit den Oberschenkeln nichts zu tun gehabt hatte. Doch ab nachmittags eierte ich wie nach 30 Minuten Squats mit Langhantel herum.

Montag, 9. April 2018, Didier Eribon, Tobias Haberkorn (Übers.), Rückkehr nach Reims

Dienstag, 10. April 2018

Ich hatte französisch-intellektuelles Theoretisieren befürchtet (weshalb das Buch nach Kauf vier Monate auf Lektüre wartete), tatsächlich bekam ich eine sehr interessante Erzählung: Vergangenes Jahr stolperte ich an vielen Stellen über Didier Eribons Rückkehr nach Reims, meist bereits als Referenz, an den Haken brachte mich dann aber der Hintergrund, dass Eribon es als Sohn kleiner Leute zu akademischen Ehren gebracht hatte um den Preis des Bruchs mit seiner Herkunft.

Das Buch erzählt in Fragmenten, ich bespreche es in Fragmenten.

Unter den vielen Dingen, die ich aus der Lektüre lernte: Zwischen Soziologen und Psychologen besteht wohl eine Erzfeindschaft um die Deutung der Welt. Die einen sehen gesellschaftliche Strukturen als Haupteinfluss des Lebensverlaufs, die anderen Charakter und Gefühle, geformt von individuellen Erlebnissen.

Die berühmten Namen, die Eribon zu seiner intellektuellen Entwicklung aufführt, von Sartre über Foucault bis Barthes und Bourdieu sagten mir schon alle was, gelesen hatte ich von ihnen kaum etwas (nur im Studium, Zusammenhang Literaturtheorie). Zu Beginn des Buchs befremdete mich Eribons wissenschaftliches Fachvokabular beim Beschreiben persönlicher Erinnerungen und Erlebnisse, zwar gewöhnte ich mich daran, fand es bis zum Schluss ein wenig albern.

Am bereicherndsten fand ich Eribons Ausführungen, warum die kleinen Leute in Frankreich heutzutage Front National wählen. Meine Zusammenfassung: Weil die Linken den Klassenkampf zugunsten des Neoliberalismus aufgegeben und die kleinen Leute damit im Stich gelassen haben – mir fiel sofort die verheerende Agenda 2010 ein. Ganz sind die beschriebenen Mechanismen aber nicht auf Deutschland übertragbar, bei uns ist es ja eher der beleidigte Mittelstand, der AfD wählt, nicht die Schicht, die mit einem Vollzeitjob nicht den Lebensunterhalt sichern kann. Letzteres ist übrigens meiner Ansicht nach eine auch heute funktionierende Definition der Arbeiterklasse, die schon lange nichts mehr mit Fabrik und Produktion zu tun hat: Heute sind es die Regaleinräumerinnen, die Putzfrauen, die Sicherheitskräfte, die auf Zweitjobs angewiesen sind. Früher (TM) hielten Arbeiter Hasen und Hühner, bauten Obst und Gemüse an, um den Lebensunterhalt zu sichern – das war durchaus auch ein Zweitjob.

In diesem Zeit-Interview von 2016 führt Eribon seine Erklärung des Rechtsrutschs der Arbeiterschicht aus:
“‘Ihr könnt nicht glauben, ihr wärt das Volk'”.

Den letzten Anstoß, dass ich das Buch trotz befürchteter Anstrengung lesen wollte, war die Rezeption des girls from the trailer park:

Was mich dann aber doch dafür eingenommen hat, ist, wie der Autor auch nach Jahrzehnten von Arriviertheitsübungen diesen Status kontinuierlich von verschiedenen Seiten aus auseinandernimmt, wie er ohne Mitleid mit sich selbst und anderen schildert, was ihn das gekostet hat und welche Überraschungen eine solche Grenzüberschreitung mit sich bringt

Was mich befremdete: dass Eribon sich seiner Herkunft schämt und sie lange verheimlichte (dass er seine Eltern 30 Jahre nicht besuchte, stieß mich in seiner Härte ab). Ich als Gastarbeiterkind ging mit meiner Herkunft immer eher hausieren – doch schon wenig Überlegen macht mir klar, dass sie nicht vergleichbar ist: Die Ausbrecher aus Abstammung und vorgezeichnetem Lebensweg waren meine Eltern und war nicht ich, ich habe ihren Aus- und Aufstieg lediglich fortgesetzt. Und im Gegensatz zur Bloggerin oben hatten beide gute Feen, die ihren Aufstieg wollten und erleichterten: Die meines Vaters war ein Onkel, der ihn und seinen Bruder in Madrid förderte und den beiden zu raren Plätzen erst in einer guten Salesianerschule, dann in einer Berufsschule verhalf. Die meiner Mutter war eine Grundschullehrerin bei den Franziskanerinnen, die nicht nur dafür sorgte, dass sie Deutsch lernte, sondern ihr sogar den Besuch des Gymnasiums ermöglicht hätte – da aber verweigerte sich meine polnische Großmutter (angeblich weil sie befürchtete, meine Mutter würde dann ins Kloster gehen).

Dieses Nutzen von Chancen für Leistung und Erfolg verlangten meine Eltern auch von mir – es stand jederzeit außer Zweifel, dass ich gesellschaftlich jedes Recht darauf hatte. Mit dieser Haltung ging ich durchs Leben – und fühlte mich den Notars-, Apothekers-, Lehrerinnen- und Architektenkindern in meiner Schulklasse nie unterlegen (ich war auch keineswegs die einzige Schülerin aus der Arbeiterklasse). Im Studium beneidete ich Kommilitonen wohl um Elternhäuser mit Bibliotheken und Zeitungsabos – weil ich mir das auch wünschte. Und klar musste ich viel Habitus an der Uni erst mal lernen – doch das musste ich in der Fabrik bei Ferienjobs genauso (“Mahlzeit!”). Wenn der Professor aus sehr gutem Hause, an dessen Lehrstuhl ich als Hiwi arbeitete, mich am Semesterende schon wieder nach meinen Urlaubsplänen fragte und ich ihm schon wieder erklären musste, dass ich die vorlesungsfreie Zeit zum Geldverdienen brauchte statt für Urlaub – dann sah ich das als peinliche Wissenslücke auf seiner Seite: Lebensumstände anderer Schichten zu kennen, forderte ich in alle Richtungen als Allgemeinbildung ein. (Ein Ansinnen, mit dem ich mich in den Augen einer Soziologin vermutlich lächerlich machte.)

Im Zuge meines Fortkommens gab es zwar auch den einen oder anderen Bruch in Prioritäten und Lebensstil im Vergleich zu meiner Herkunft, doch ich war immer sehr stolz auf das, was meine Eltern geschafft hatten (unterlegen fühlte ich mich am ehesten noch ihnen).

Ganz anders Eribons Hintergrund: Seine Brüder verblieben in der Arbeiterschicht, unter allen Verwandten, von denen er erzählt, ist er der einzige Wechsler. Seltsam fand ich Eribons Verweigerung jeglicher psychologischer Erklärungen – was mir vor allem bei der Beschreibung der Rolle seines Schwulseins auffiel: Selbst die Ausgrenzung, Gewalt und die Verachtung, die er als Schwuler erfahren hat, beschreibt er mit gesellschaftlichen Mechanismen, nicht mit Gefühlen. (Was durchaus interessant ist und mir Lust auf Eribons soziologische Werke über das Thema macht.)

Übrigens gibt es ein Detail an dem Buch, das mir das Lesen auffällig erleichtert hat: Der Satzspiegel. Das schmale Format, die Schriftart und -größe, viele Absätze – ich las den Text doppelt so schnell wie derzeit Stanisław Lems Sterntagebücher mit ihren kleinen Buchstaben, die mit wenig Zeilenabstand über extrabreite Seiten laufen.

§

Ein milder Tag, allerdings mit vielen Wolken.

Ich machte wieder so Feierabend, dass ich anschließend noch etwas erledigen konnte, und zwar holte ich den eigentlich für vorherigen Samstag geplanten Hosenkauf nach. Der Einfachheit halber ging ich zum Konen, wo ich ja gewohnt bin, einer ausgebildeten Verkäuferin meinen Wunsch zu schildern und mir dann Kleidung anreichen zu lassen. Doch leider gibt es diesen Konen nicht mehr. Es kümmerte sich niemand um mich, ich sah praktisch kein Personal. Und auch beim Konen ist die Waren nicht mehr nach Art der Kleidung (Hose, Bluse, Kleid) sortiert, sondern nach Herstellern. Wenn ich also wie gestern eine weiße, 3/4 lange Hose suchte, musste ich bei allen Herstellern einzeln nachsehen – die gerne mal auch noch verschiedene Konfektionsgrößensysteme haben von Damengrößen über Jeansgrößen bis S/L/M etc. Ehrlicherweise hatte das mit den Fachverkäuferinnen schon beim letzten Einkauf vor einem Jahr nicht mehr geklappt – auch Herr Kaltmamsell traf bei seinen jüngsten Einkäufen in der Herrenabteilung nicht mehr den einst gewohnten Service an. Ich bekam eine Hose, die auch passte – glaube ich, schließlich stand keine Fachfrau neben mir, die das wirklich einschätzen und im Zweifelsfall eine Alternative empfehlen konnte. Jetzt gibt es leider keinen Grund mehr, zum Konen zu gehen.


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