Journal Samstag, 8. September 2018 – Schyrenbadforelle

Sonntag, 9. September 2018 um 9:06

Ausgeschlafen, das leichte Kopfweh verflog beim Morgenkaffee. Zwei Maschinen Wäsche gewaschen, und versorgt, Pflege aller 20 Fuß- und Zehennägel.

Plan war eine möglicherweise letzte Schwimmrunde im Schyrenbad. Das Wetter war gemischtwolkig und frisch, doch ich kannte ja die warmen Innenduschen.

Auf dem Weg zum Freibad holte ich bei der Schusterin eine reparierte Sandale ab. Sie hat auch einen kleinen Schuhhandel, und schon vergangenes Jahr hatten wir vereinbart, dass sie für mich Ausschau hält nach braunen Schnürstiefeln für den Winter ohne zusätzlichen Reißverschluss und nach schwarzen Chelsea Boots. Ersteres kündigte sie für Oktober an, zweiteres hatte sie schon im Laden (rahmengenäht, schier unverwüstliche Qualität): Passte perfekt, ich ließ mir das Paar für Montag zurücklegen.

Die Schwimmrunde war wundervollst, ich musste mir die Bahn 3.000 Meter lang mit nur ein oder zwei Schwimmerinnen teilen. Nach den ersten 1.000 Metern kam auch noch die Sonne heraus und verglitzerte den Metallboden des Beckens. Ich fühlte mich kraftvoll und elegant, schwamm dennoch brav nicht mehr als geplant und verließ das Becken grinsend vor Wohlgefühl. Mir war selig bewusst, dass am dritten Tag in Folge meine Bandscheiben kein einziges Mal das Bein hatten wegknicken lassen, ich selbstvergessen gehen und mich bewegen konnte.

Auf dem Heimweg Semmeln geholt, daheim weiter Wäsche versorgt. Es war später geworden als geplant, Frühstück gab es erst um halb drei. Weitere Pläne für den Tag waren Kuchenbacken und Bügeln, aber erst mal las ich noch gemütlich Internet – eilte ja alles nicht.

Der Kuchen wurde ein Marmor-, nachdem ich ihn in den Ofen schob, klappte ich das Bügelbrett auf und öffnete die Balkontür in den sonnigen Nachmittag. Während ich mich an den Wäscheberg von drei Wochen machte, hörte ich den neuesten Podcast von Holger Klein für die Bayern Tourismus Marketing: Er hatte mit Veronika Endlicher gesprochen, Kastellanin von Schloss Herrenchiemsee. Unerwarteterweise lernte ich eine Menge Neues über Ludwig II., über den Menschen und seine Schaffenskraft, zudem über die politischen und gesellschaftlichen Strukturen seiner Zeit (Endlicher ist Historikerin), fundiert und kundig dargelegt. Und natürlich über Geschichte und Anlage von Schloss Herrenchiemsee, mein Plan eines Besuchs wird konkreter. Große Empfehlung dieses Hörstücks.

Der Bügelberg war dann doch fast eine Stunde höher, als ich prognostiziert hatte; ich wurde gerade mal zum Abendessen damit fertig. Ich hatte noch in der großen Sommerhitze bei Petra die russische kalte Sommersuppe Okroschka entdeckt und Herrn Kaltmamsell den Link als Kochtipp geschickt; am Freitag hatte er sie zubereitet, bis gestern im Kühlschrank durchziehen lassen.

Das halbe Rezept war gerade recht für uns zwei und schmeckte sehr gut (hatte etwas von Grie Soß als Suppe – super!). Die Lyoner als Fleischeinlage kann man eigentlich weglassen – oder durch etwas Kräftigeres, Gepökeltes ersetzen (gepökelte Zunge?).

Als Abendprogramm Fernsehbildung für mich: Tele5 zeigt gerade wieder Buffy, was ich zur Erstausstrahlung mangels Fernseher und Interesse nie gesehen habe. Durchaus spannende Prämisse (die mir Herr Kaltmamsell netterweise zusammenfasste), leicht angestaubte Erzählweise, sehr, sehr frühe 90er in Ausstattung und Drumrum.

§

Es mehren sich die Anzeichen, dass auch in der deutschen Politik bestimmte Kräfte versuchen, eine Parallel-Wirklichkeit aufzuziehen, in der sie selbst offensichtlichste Fakten umdrehen und wegbehaupten. Zum Beispiel am Freitag Verfassungsschutzpräsident Hans-Georg Maaßen, der das Videomaterial von rechtsradikalen Ausschreitungen in Chemnitz als mögliche „gezielten Falschinformationen“ bezeichnete. Wir kommen in bedrohliche Nähe zu US-amerikanischen Zuständen, in denen oberste Stellen alternative facts gegen belegte und überprüfbare Tatsachen aufstellen. Das Ziel scheint komplette Verunsicherung zu sein, fundamentale Zerstörung von Vertrauen in journalistische Berichterstattung. Das war mir erstmals angesichts der CSU-Plakate um die #ausgehetzt-Demo durch den Kopf geschossen, bestätigt durch CSU-Generalsekretär Markus Blumes wahnwitzige Aussagen: Einige Kräfte in der CDU/CSU scheinen sich die Kommunikationsstrategie der Trump-Bewegung als best practice-Vorbild genommen zu haben. (Wobei ich dahinter nicht etwa einen übergreifenden Masterplan sehe – immer die am wenigsten wahrscheinliche Erklärung -, sondern verantwortungslosen Opportunismus.)

Auch die 20-Uhr-Tagesschau am Freitag hatte Maaßen zitiert – auffallend umfangreich, ausführlich und mit vielen Hintergrundinformationen: Mir schien, dass die Redaktion einem Vorwurf vorbeugte, die Aussage sei aus dem Zusammenhang gerissen. In den Tagesthemen dann der Kommentar:
„Wasser auf die Mühlen der Staatsverächter“.

Doch, ich glaube schon, dass der Herr noch alle Tassen im Schrank hat, dass er solche destabilisierenden Aussagen gezielt trifft – unverantwortlicherweise.

Zusätzliches Baumaterial für eine parallele Wirklichkeit: Suchen auf YouTube zu Chemnitz-Material ergeben auffallend oft Propaganda- und Verschwörungstheorie-Filme. Die New York Times berichtet über Untersuchungsergebnisse, die kein Einzelfall sind:
„As Germans Seek News, YouTube Delivers Far-Right Tirades“.
via @Afelia

Mr. Serrato scraped YouTube databases for information on every Chemnitz-related video published this year. He found that the platform’s recommendation system consistently directed people toward extremist videos on the riots — then on to far-right videos on other subjects.

Users searching for news on Chemnitz would be sent down a rabbit hole of misinformation and hate. And as interest in Chemnitz grew, it appears, YouTube funneled many Germans to extremist pages, whose view counts skyrocketed.

Activists say this may have contributed to a flood of misinformation, helping extremists shape public perceptions even after they had been run off Chemnitz’s streets.

§

Viele Menschen, die sich mit deutscher Geschichte befasst haben (und sei es nur, dass sie im Schulunterricht aufgepasst haben), fühlen sich derzeit an bestimmte Aspekte der Weimarer Republik erinnert. Ein Fachmann sieht sich das für die Zeit aus Expertensicht an, nämlich Michael Wildt, Professor für Deutsche Geschichte im 20. Jahrhundert mit Schwerpunkt Nationalsozialismus an der Humboldt-Universität zu Berlin (wir mögen Fachleute und Expertise):
„Droht Deutschland ein neues 1933?“

Interessante Schlüsse unter anderem (nach dem Caveat, dass es nie zwei identische historische Umstände gibt):

Das Beispiel Weimar zeigt eben auch, wie wichtig es ist, Rechtsstaatlichkeit in Polizei und Justiz zu gewährleisten. Verfassungsgegner können nicht Verfassungsschützer sein.

(…)

Man darf die Entschlossenheit von Verfassungsgegnern, politische Grenzen zu verschieben und den Rechtsstaat auszuhöhlen, nicht unterschätzen. Wer wie Alexander Gauland eine „friedliche Revolution“ gegen das „System Merkel“ fordert, setzt mit seiner Wortwahl nicht nur die gewählte Bundesregierung mit der SED-Diktatur in eins, er stellt sich trotz aller Beteuerung, dass er keinen Umsturz der grundgesetzlich garantierten Ordnung wolle, gegen die Verfassung, denn Revolution ist Verfassungsbruch. Sonst spricht man von Reform.

(…)

Mit der AfD sitzt nun zum ersten Mal eine beachtliche politische Kraft im Bundestag sowie in Landesparlamenten und Kommunen, die nicht mehr die Gesellschaft als Ganzes adressiert, sondern sie völkisch spalten will. Menschen mit anderer Hautfarbe, aus Einwanderungsfamilien und Muslime sollen nicht Deutsche sein und ausgegrenzt, sogar „in Anatolien entsorgt“ werden.

Was mich immer wieder fassungslos macht: Wir alle in Deutschland haben doch Familiengeschichte, die Wunden und Narben aus den Greueln von Diktaturen des 20. Jahrhunderts trägt (in meinem Fall ist das die spanische Franco-Diktatur, die Teile meiner Familie zum Verstummen gebracht hat, und die Nazi-Diktatur, die meine polnische Großmutter als Zwangsarbeiterin verschleppt hat). Wie kann sich diese Erfahrung in ganzen Bevölkerungsgruppen so umkehren?

die Kaltmamsell

7 Kommentare zu “Journal Samstag, 8. September 2018 – Schyrenbadforelle”

  1. MissJanet meint:

    Frau Kaltmamsell, Sie haben 20 Fuß- und Zehennägel?
    Das ist mir auf Fotos noch nie aufgefallen :).

  2. Lady meint:

    Auch ich bin fasziniert von den Fuß- und Zehennägeln. <3 Wurden Sie eigentlich schon einmal im Schwimmbad darauf angesprochen?

  3. iv meint:

    Coming soon: https://www.architekturmuseum.de/ausstellungen/koenigsschloesser-und-fabriken-ludwig-ii-und-die-architektur/

  4. Trulla meint:

    Wenn man verfolgt, in welch wahnwitziger Weise ein Innenminister seine m.E. pathologisch motivierten Störfeuer gegen Frau Merkel respektive die Koalition ablässt, sich in öffentlicher Rede als Brandstifter outet: “freue mich über jeden Straftäter mit Migrationshintergrund“, zum 69. Geburtstag lauthals die Abschiebung von 69 abgelehnten Asylbewerbern als persönliches Geschenk feiert, als Minister für Migration! in der Migration “die Mutter aller politischen Probleme“ ausmacht, einen Verfassungsschutzchef Maaßen, der unbewiesene Behauptungen in die Welt setzt, stützt, statt ihn zu entlassen, dann wundert einen nichts mehr.
    Kann man da noch vom Wahlbürger erwarten, nicht verunsichert zu sein?
    Ich gebe zu, dass ich bei so viel Verantwortungslosigkeit unserer obersten Regierungsetagen Angst bekomme um den Fortbestand unserer Demokratie. Die ist eben kein Selbstgänger, sondern erfordert Aufmerksamkeit und: Engagement! Daran, so glaube ich, hapert es leider sehr, trotz hoher Intelligenz, analytischem Durchblick, richtigem Denken (täglich im www zu lesen). Am Beispiel meiner eigenen Kinder, politisch höchst interessiert und aufgeklärt, aber….beruflich sehr eingespannt in einer globalen Welt, sehe ich, dass keine Zeit verbleibt, sich noch zeitintensive, oft auch langweilige (ja) Parteiarbeit anzutun, um das Feld nicht denen allein zu überlassen, die ohne Visionen nur im Vierjahresrythmus agieren. Und das ist fatal.
    Wie sonst aber sollen wir dieser organisierten Bande der AfD, inzwischen in 14 von 16 Landesparlamenten vertreten, und die sich nicht scheut, mit Neonazis, Reichsbürgern, Pegida, Thügida usw. gemeinsame Sache zu machen, entgegentreten?

    Auf jeden Fall müssen wir, die wir doch in der Mehrheit sind, uns stärker Gehör verschaffen.

  5. Chris Kurbjuhn meint:

    Das Schweigen der Kriegs-Generation wird m. E. jetzt zum Problem. Die Soldaten, die über ihre grauenhaften Kriegs-Erlebnisse nicht sprechen konnten oder wollten, die Täter, die ihre Taten auch in den Familien geleugnet oder verschwiegen haben, die Schönfärberei der eigenen Verstrickung – diese ganzen verschwiegenen oder umgelogenen Erfahrungen richten immer noch Schaden an.

  6. Twitter meint:

    Nicht nur das Schweigen und Verdrängen der Kriegsteilnehmer ist ein Problem,
    Einfluss,auch das Denken Ihrer Nachkommen hatten und haben auch diejenigen, die gerade zu jung waren, um selbst Soldaten, Zwangsverpflichtete etc zu sein, aber ihre ganze Kindheit und Jugend NS geschult und geprägt wurden und die nie verstanden, was denn da so schlecht gewesen sein soll.

  7. Neeva meint:

    Eventuell ist es auch der Gedanke, diesmal zu den Gewinnern gehören zu wollen. Insbesondere, wenn man momentan zu den Verlierern gehört.

    Die Leute, die rechte Bewegungen unterstützen, gehen ja davon aus, dass sie ein Teil von „Wir sind das Volk“ sind. Was für manche ein böses Erwachen geben wird…

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