Journal Dienstag, 23. Oktober 2018 – Lesrunde zu Michael Ondaatje, Warlight

Mittwoch, 24. Oktober 2018 um 6:56

Der Tag wurde immer grauer, am Nachmittag begann es zu tröpfeln. Ich nahm für den Heimweg den Notschirm aus meiner Büroschublade mit, doch es blieb erst mal trocken. Abends setzte stürmischer Wind ein.

Es traf sich die Leserunde bei uns. Es gab Mejadra, Salat und Apple Crumble zu essen (gute Esserinnen und Esser, in dieser Runde bleibt fast nie etwas übrig) sowie Michael Ondaatjes Warlight zu bereden.

Mir hatte der Roman sehr gut gefallen, auch wenn ich die längste Zeit über nicht so recht wusste, welche Geschichte er mir eigentlich erzählte. Sie spielt auf jeden Fall im Nachkriegs-London, und wie immer war ich ganz begeistert von Ondaatjes Kunst der Erzählperspektive. Wir sehen dieses London aus der personalen Perspektive der Hauptperson Nathaniel, einerseits so beschränkt und schlaglichtartig, wie subjektive Wahrnehmung nun mal ist (also ohne den Überblick und die Herstellung von Zusammenhängen einer mehr wissenden Erzählerstimme), andererseits wird aber diese subjektive Wahrnehmung aus der späteren Sicht dieser Hauptperson reflektiert.

Die Handlung beginnt mit dem Abschied von Nathaniels Eltern, die ihn, den 14-jährigen, und seine wenige Jahre ältere Schwester bei einem Freund zurücklassen, den die Kinder gar nicht kennen und untereinander The Moth nennen. Der Vater geht vorgeblich beruflich ins Ausland, seine Frau begleitet ihn wie damals üblich – was sich später als nicht ganz richtig herausstellt.

Zu einem runden Ganzen wurde der Roman für mich erst am Schluss, und dieses Ganze ist in erster Linie die Geschichte einer Frau, nämlich der von Nathaniels Mutter, und einer Zeit.

Auch die anderen Leserinnen und Leser unserer Runde waren begeistert vom Buch, wir sprachen lange und detailliert darüber. Die skurrile Mischung an Personen, die sich im ersten Teil im Elternhaus von Nathaniel trifft und die grotesken Seiten der Londoner Halbwelt erinnerten Herrn Kaltmamsell an Dickens; mir gefiel vor allem der Unterschied zu Dickens: Ondaatjes Erzählerstimme schildert immer trocken bis lakonisch und ohne Superlative oder Unterstreichungen. Herr Kaltmamsell wies auch auf die Unzuverlässigkeit des letzten und dritten Teils des Buches hin: Hier erleben wir den 28-jährigen Nathaniel, der herausfindet, was die Vergangenheit seiner Mutter wirklich war und was in London nach seinem plötzlichen Verschwinden passierte – aber war das alles so? Nathaniel erzählt lebendig und voller Details – die er unmöglich kennen kann. Und er widerspricht in einigen Aspekten dem, was im ersten Teil des Buches erzählt wurde.

Ein weiterer Mitleser sah in dem Roman vor allem die hervorragende Schilderung der Nachkriegszeit: Krieg endet nämlich keineswegs mit Kriegsende, er bestimmt das Leben noch viele Jahre danach. (Selbst ich habe Anfang der 70er noch in Bunkerresten gespielt.) Auch die Vieldeutigkeit des Romantitels war Gesprächsanlass, man kann ihn als Färbung des ganzen Lebens auf viele Jahre durch Krieg lesen.

Sie merken schon: Leseempfehlung.

Der fröhliche Abend in dieser Runde tat mir wieder ausgesprochen gut. Eine geplagte Mitleserin sprach gestern aus, was auch ich mir immer wieder gedacht hatte: Da kann der Tag oder das Leben im Moment noch so beschissen gewesen sein, ein Leseabend mit diesen lieben, schlauen, bescheuerten Menschen reißt das jedesmal raus.

Nachtrag: Einige lesenswerte Besprechungen des Romans.

Im Guardian: „Warlight by Michael Ondaatje review – magic from a past master“.

Dwight Garner zieht in der New York Times einen Vergleich, der auch in unserer Leserunde fiel (und auch er assoziiert Dickens, und er meint es nicht nett):

“Warlight” reads, at its not-infrequent best, like a late-career John le Carré novel. It hooks you in ways that make its quiet storm of bombast (“He always knew the layered grief of the world as well as its pleasures”) almost possible to bear.

Im New Statesman fasst Ian Samson zusammen (er meint es als Lob):
„Michael Ondaatje’s Warlight is like watching a Wes Anderson film through a telescope“.

Hirsh Sawhney schreibt im Times Literary Supplement (schöne Illustration zur Besprechung) eine Apologie von Ondaatjes Schreib- und Erzählstil – dem entnehme ich, dass er dafür Gegenwind bekommen hat.
„Don’t listen to the critics“.

Auch Anna Mundow meint in der Washington Post:
„‚Warlight‘ is a quiet new masterpiece from Michael Ondaatje“.

die Kaltmamsell

6 Kommentare zu “Journal Dienstag, 23. Oktober 2018 – Lesrunde zu Michael Ondaatje, Warlight

  1. Mareike meint:

    Das klingt wirklich schön, dass die Leserunde so gut tut. Darf ich fragen, wie Sie zusammen gefunden haben?

  2. Frau bruellen meint:

    Danke, das kommt auf meine Verluste!

  3. Berit meint:

    Ich würde mich Mareike anschließen und gern fragen wie sie eigentlich den Abend noch vorbereiten außer Essen und das alle ihre Bücher lesen. Gibt es einen Moderator, der sich speziell mit Fragen vorbereitet oder fängt man mit „und…wie fandet ihr es so?“ an und der Rest ergibt sich? Vielleicht hätten Sie ja mal Lust etwas ausführlicher über den Buchclub zu schreiben, mich würde das interessieren.

  4. die Kaltmamsell meint:

    Ich habe dazugefunden, Mareike, als mich vor ca. 10 Jahren ein Freund aus dem Internet, ein Blogger, fragte, was ich denn davon hielte, mich einmal im Monat mit Leuten zu treffen und über ein Buch zu reden, das wir alle gelesen hatten. Ich hielt sehr viel davon, er nahm mich zum nächsten Treffen mit. Da gab es die Runde aus fünf Menschen aber schon einige Zeit – die vorherige Verbindung weiß ich nicht mal. Einige Monate später baten diese Herrschaften auch Herrn Kaltmamsell dazu.

    Nein, Berit, es gibt sonst keine Vorbereitung. Über die Jahre hat sich als Verlauf etabliert:
    – Gastgeber bereiten etwas zu essen vor – von einer Lage Wurst/Käse/Brot über Familienlieblingsessen bis zu ausgefeilten Experimenten.
    – Alle kommen, man freut sich über das Wiedersehen, isst und trinkt.
    – Irgendwann erinnert jemand daran, dass man doch eigentlich über ein Buch sprechen wollte.
    – Dieses Gespräch dauert dann zwischen zehn Minuten und einer Stunde, hin und wieder hat jemand Hintergrundmaterial (zu Autor/Autorin, zu Historie) mitgebracht und erzählt es.
    – Wenn sich der Abend neigt, vereinbaren wir Tag und Ort des nächsten Treffens sowie die nächste Lektüre (wer will, schlägt vor – meist sind wir uns schnell einig).

  5. Ruth P. meint:

    Das kommt auch auf meine ‚Verluste‘ (Liste). The English Patient war eins meiner liebsten Buecher, sogar der Film gefiel mir.

  6. iris meint:

    gestern habe ich das mejadra nachgekocht, vielen dank für den rezeptlink, es war sehr lecker und befriedigend (da mit hohem eiweißgehalt) für meinen vegetarischen magen!

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