Journal Dienstag, 27. November 2018 – Schneebavaria und geschwungene Nudeln

Mittwoch, 28. November 2018 um 6:37

Verschlafen: Ich hatte vergessen, den Wecker zu stellen – um viertel nach sechs wunderte sich Herr Kaltmamsell genug darüber, dass sein Morgenkaffee ausblieb, um mal nach mir zu sehen, und weckte mich.

Es schneite nass.

Zum ersten Mal in der Saison: Die Bavaria im Schnee. Freundlicherweise hat man mir fürs Foto einen dekorativen Vordergrund augeschüttet und die Baggerschaufel draufgelegt. (Das ist nämlich das Einzige, was ich je übers Fotografieren gelernt habe, von einer Freundin, die zu Studienzeiten Fotografieren systematisch in Kursen und aus Büchern lernte: Immer einen Vordergrund suchen. Heute weiß ich, was ich wirklich können müsste, um die Fotos zu schießen, die ich gerne aufnehmen würde: Mich unsichtbar zu machen.)

Auf meinem Heimweg hatte es aufgehört zu schneien. Ich machte einen Umweg über die Blumenstraße, um im dortigen Kräuter- und Gewürzladen gemahlenen Kardamom zu bekommen – Herr Kaltmamsell, der sich beim Einkaufen viel Mühe gibt, hatte keinen gefunden.

Aushäusiges Abendessen. Auf meiner Einkaufsrunde am Samstag war mir an der Sonnenstraße kurz vor dem Sendlinger Tor aus einer Ladentür ein ganz kleines Kind entgegengestolpert, schnell eingefangen von einer alten Dame. Ich hob den Blick und sah im Schaufenster einen Mann mit Kochkappe Nudeln wirbeln, chinesische Nudeln. Eine spätere Recherche ergab: Wo ich seit vielen Jahren einen Running Sushi kannte, ist jetzt Max’s Beef Noodles.

Wir wurde von einem freundlichen und sehr eleganten älteren Herrn bedient, die Suppe war für das Schmuddelwetter genau das Richtige (ich beim Essen). Als Beilage hatte ich (offensichtlich geprügelten) Gurkensalat bestellt, sehr gut. Und wir guckten eine Weile Nudelschwingshow.

§

„The trouble with talking“.
Im Merkur von Kathrin Passig ein kleiner Steinbruch an Argumenten, nicht nur zur Wertigkeit von mündlicher Kommunikation vs. schriftlicher, sondern auch zur (nicht haltbaren) Unterscheidung zwischen zwischenmenschlichem Austausch offline und online. Unter anderem mit Beobachtungen wie:

Naturgemäß kommt die Verteidigung der Mündlichkeit vor allem aus Gruppen, die durch physische Anwesenheit Vorteile genießen, also von Personen mit unproblematischen Körpern, die redegeübt und sozialkompetent sind und es sich leisten können, zur richtigen Zeit lange genug am richtigen Ort zu sein.

§

Es gibt Themen, die ich mich inzwischen schäme anzusprechen: Zum Beispiel Antisemitismus. Vor lauter Scham und Fassungslosigkeit ertappe ich mich dabei, wie ich beim Anblick von Artikeln über Antisemitismus am liebsten wegsähe; Scham weil ich offensichtlich nicht genug getan habe, ihn zu verhindern. Das wäre natürlich das Allerschlimmste, denn als Nächstes sähe ich dann bei antisemitischen Äußerungen und Handlungen weg – wie es die Mehrheit im Deutschland der 30er tat. Also: Tief Luft geholt und besonders genau hingesehen, nämlich auf die Umfrage von CNN, treffend betitelt mit:
„A shadow over Europe.
CNN poll reveals depth of anti-Semitism in Europe“.

Ausschnitte:

A third of Europeans in the poll said they knew just a little or nothing at all about the Holocaust, the mass murder of some six million Jews in lands controlled by Adolf Hitler’s Nazi regime in the 1930s and 1940s.

More than a quarter of Europeans polled believe Jews have too much influence in business and finance. Nearly one in four said Jews have too much influence in conflict and wars across the world.
One in five said they have too much influence in the media and the same number believe they have too much influence in politics.

(…)

Nearly one in five said anti-Semitism in their countries was a response to the everyday behavior of Jewish people.

§

Ein Lied über einen weißen Schmetterling, die Königin aller Schmetterlinge.

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https://youtu.be/UoBGR8ZTi2o

(Mehr über Lole y Manuel.)

die Kaltmamsell

2 Kommentare zu “Journal Dienstag, 27. November 2018 – Schneebavaria und geschwungene Nudeln”

  1. lihabiboun meint:

    Danke für den chinesischen Nudeltip. Und: Ich finde ja schon, dass es einen Unterschied macht, ob man einen Menschen in Fleisch und Blut und realer Physis vor sich hat oder nur (z.B.) sein blog liest …. Ich kann sehr viel über eine Person wissen und mir erlesen haben und dennoch ist der Kontakt von Mensch zu Mensch nochmals ganz neu.

  2. Sabine meint:

    Die Nudelschule (Familienbegriff, von meinem Bruder auf einer Vietnam-Reise geprägt) haben wir gleich mal mit auswärtigem Besuch mit Kindern ausprobiert. Zwar ist es für eine größere Gruppe nicht möglich, an einem Tisch zu sitzen, aber das Restaurant ist auf nudelschulenhafte Weise sehr charmant, mit handgemalten Bildern an der Wand und dazu sehr gepflegten Klos im oberen Stock. Nun zum wesentlichen: die Nudeln sind super. Ich hatte Gelegenheit, sie in verschiedener Inkarnation zu probieren, Ma La (nicht sehr scharf, schön betäubend), Chongqing, Vegetarisch, gebraten, alles sehr lecker. Den Gurkensalat kann ich ebenfalls nur empfehlen, die Kinder liebten das frittierte Hühnchen, die Gyoza waren gut, kommen aber aus der Packung. Nur die zwei von uns, die mit leuchtenden Augen Gong Bao Ji Ding bestellt haben, waren enttäuscht, es war zwar nicht schlecht, aber halt nur leicht säuerlich angemachtes Hühnchen mit Reis. Also: bei der Kernkompetenz des Ladens bleiben. Der junge Nudelwerfer, dem die Leute mit plattgedrückter Nase durchs Schaufenster zuschauen können, war wie alle vom Personal, sehr freundlich und vergnügt.

    Besonders gewinnbringend stelle ich mir den Besuch nach einer lustigen Tanz- und Zechtour vor, aber nachdem wir in München sind, wird Max kaum so lange offen haben…

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