Journal Freitag, 23. November 2018 – Echter Nebel und ethische Fragen der Schnäppchenjagd

Samstag, 24. November 2018 um 8:27

Das akzeptierte selbst ich gebürtige Ingolstädterin als ernsthaften Nebel: Ich konnte beim Kreuzen der Theresienwiese die Bavaria nicht sehen.

Davor hatte ich mich darüber gefreut, geradezu munter aufgewacht zu sein.

In der Arbeit wieder viel gelernt. Aber auch die Gewissheit erhalten, dass es über Weihnachten nur die Minimalfreizeit von Samstag, 22. Dezember, bis Dienstag, 1. Januar, geben wird weil Büroumstände. Gut, dass die freie Faschingswoche bereits gesichert ist.

In meinem Twitter gab es gestern indirekt Streit wegen Rabattaktionen des größten Online-Kaufhauses. Seit Tagen schon verbreiteten die einen Twitterinnen im Halbstundentakt Sonderangebote bei Amazon: Alkoholika, Elektrogeräte. Schon beim letzten Mal war mir das übel aufgestoßen, denn ich sehe darin das Verstärken des beabsichtigten Umsatzerhöhungsmechanismus‘: Der Anbieter möchte dadurch diejenigen zum Kaufen bringen, die ohne Sonderangebothinweis gar nicht auf die Idee kämen, das Ding haben zu wollen. Ich sehe darin also die Verstärkung genau der Konsumhaltung, die meiner Meinung nach eine Hauptursache für Ressourcenausbeutung und ungleiche Verteilung von globalem Wohlstand ist.

Die Gegenseite ordnete diese Kritik auf Twitter als überheblich ein: Man müsse erst mal privilegiert genug sein, um auf Sonderangebote verzichten zu können. Das stimmt natürlich vordergründig, ich bin in einem Haushalt groß geworden, in dem meine Mutter Sonderangebotszettel akribisch auswertete und ihre Alltagseinkäufe darauf abstimmte; unter anderem damit haben sich meine Eltern ihr Eigenheim zusammengespart. Doch ich habe große Schwierigkeiten damit, die von Twitterinnen beworbenen Luxuslebensmittel und -geräte mit Geldnot in Verbindung zu bringen.

Teilt sich hier vielleicht die Gesellschaft in diejenigen, für die „Shoppen“, also der Kauf unnötiger Dinge, also Konsum, eine Freizeitbeschäftigung ist (zum Beispiel fester Programmpunkt auf Reisen: „Da kann man super Shoppen.“ parallel zu: „Da kann man super Windsurfen.“), und diejenigen, für die das nicht attraktiv ist?

Kurzer Einkaufsstopp auf dem Heimweg. Aber sicher bin ich beim Einkaufen genauso bigott wie alle anderen: Im Vollcorner Biosupermarkt gab es Meyer-Zitronen, von denen ich sofort zwei in den Einkaufskorb legte – obwohl ich sie nicht brauchte. Ich verwendete sie daheim gleich mal für Gin&Tonic, was sehr gut schmeckt. Daheim war nämlich Herr Kaltmamsell endlich von seiner Dienstreise zurückgekehrt, ließ sich herzen und küssen – und briet mir zum Abendessen ein freitägliches Entrecôte, wunderbar marmoriert.

Unterhaltungsprogramm: Despicable Me 3, den mir mein Bruder ausgeliehen hatte, viel gelacht.

§

Man ist uns draufgekommen: Selbstverständlich können wir Deutschen Small Talk. Er ist halt – anders.
„Germans don’t ‚do‘ small talk, right? Well, not quite… “

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https://youtu.be/539n0ahI0Ts

§

Das Pharmazeutikum Adderall ist ein Stimulans des zentralen Nervensystems und wird ähnlich eingesetzt wie Ritalin, nämlich bei ADHS. Gestern twitterte Ritalin-Patientin @kathrinpassig den Link zu einem Artikel darüber und meinte, dass sie den „schon oft gebraucht hätte, um ihn meinen ‚wirkt gar nicht und ist außerdem sehr gefährlich‘-Gesprächspartnern zu zeigen“.
„Adderall Risks: Much More Than You Wanted To Know“.

Der Artikel ist von Psychiater Scott Alexander geschrieben, der für sich herausfinden möchte, unter welchen Umständen es angebracht ist, jemandem Adderall zu verschreiben. Er ist sehr lang, aber ich empfehle die Lektüre nicht nur wegen der sachlichen Erkenntnisse: Lesenwert ist er auch wegen der argumentativen Grundhaltung, Bias-bewusst und reflektiert, die ich nur aus dem englischen Sprachraum kenne und außer bei Kathrin Passig und Aleks Scholz noch nie auf Deutsch gelesen habe (z.B. im Lexikon des Unwissens und Das neue Lexikon des Unwissens).

Most people will get some benefit from Adderall, but it’s a powerful drug with a lot of potential risks. Maybe I should figure out exactly how bad the risks are, and then I can figure out how bad people’s concentration problems would have to be for the risks to be outweighed by the benefits.

Trying to discover the risks of Adderall is a kind of ridiculous journey. It’s ridiculous because there are two equal and opposite agendas at work. The first agenda tries to scare college kids away from abusing Adderall as a study drug by emphasizing that it’s terrifying and will definitely kill you. The second agenda tries to encourage parents to get their kids treated for ADHD by insisting Adderall is completely safe and anyone saying otherwise is an irresponsible fearmonger. The difference between these two situations is supposed to be whether you have a doctor’s prescription.

(…)

What about addiction risk?
The data on this are really poor because it’s hard to define addiction.

Ich musste lachen, so selten ist diese schlicht differenzierte Haltung in deutschen Medien. Vielleicht hätte Autor Scott Alexander einfach Manfred Spitzer fragen sollen, der weiß ganz genau, was Sucht ist.

§

An diesem Thema denke ich ja auch schon eine Weile herum:
„Tourismusmanager warnt vor Overtourism
‚In zehn Jahren sind unsere Städte komplett zerstört'“.

Selbst erlebe ich ja beide Seiten: Als Innenstadtbewohnerin Münchens treffe ich immer wieder auf rein touristische Szenerien, zum Beispiel gehören Stachus und Kaufingerstraße im Sommer nachts und am Sonntag fast ganz jungen Menschen von außerhalb. (Die heimische Jugend trifft sich laut Eltern derselben an der Isar.) Anwohner des benachbarten Gärtnerplatzes leiden seit vielen Jahren unter der touristischen Beliebtheit ihrer Wohngegend. Gleichzeitig sind europäische Großstädte meine eigenen liebsten Reiseziele und ich wohne im Urlaub am liebsten mittendrin. Macht es genug Unterschied, dass ich eine sehr rücksichtsvolle Touristin bin und sicher keine Nachbarn mit Lärm störe oder Souvenirshops erwarte?

die Kaltmamsell

6 Kommentare zu “Journal Freitag, 23. November 2018 – Echter Nebel und ethische Fragen der Schnäppchenjagd”

  1. Hauptschulblues meint:

    H. denkt, dass genau dieser Unterschied die Voraussetzung ist, als TouristIn möglichst wenig aufzufallen. Er selbst lebt, wenn er dort ist, in Venedig möglichst angepasst, kauft in den Läden der Einheimischen seine Lebensmittel, grüßt die Nachbarn und macht Small Talk mit ihnen, steigt nicht zwischen Bahnhof und San Marco herum. Hat wie die Bewohner seinen Lieblingskiosk für den Zeitungskauf, seine täglich frequentierte Lieblingsbar. Und seinen kommunalen Lieblingsstrand. Natürlich kann sich der Megastrom von TouristInnen nicht so verhalten. Hier wird dann das Problem des Reisens im 21. Jhdt. angerissen.

  2. Kirsten meint:

    Aber, aber, aber, wie, man weiß andernorts nicht, wie groß die eigene Wohnung in Quadratmetern ist (*fühlt sich ertappt*)? Und fragt nicht „Na, gab’s viele Baustellen? Wie lange habt Ihr gebraucht?“, wenn jemand von einer langen Reise kommt? Sehr schöne Beobachtungen bei DW.

  3. berit meint:

    Das Video der Deutschen Welle ist großartig. Ich liebe diesen Blick von außen! Scarily accurate :)

  4. Sabine meint:

    Die DW-Videos haben bei mir daheim schon die ganze Familie ergötzt, aber dieses ist das lustigste. Besonders gut gefällt mir, dass die sehr wahren und sehr kuriosen Beobachtungen mal nicht als Beweis dafür genommen werden, wie doof die Deutschen sind, sondern eben einfach als Beobachtung, die für Nicht-Deutsche natürlich überaus nützlich sein kann. Ein trauriges Gegenbeispiel ist ein Artikel aus dem Economist 1843 Magazine, in dem ein in angelsächsischen Gefilden sozialisierter Deutscher sich nach seiner Rückkehr sehr hochnäsig und komplett tone-deaf über deutschen Humor äußert. Da tanzt einer elegant von Fettnäpfchen zu Fettnäpfchen und merkt nicht, wie sehr er sich danebenbenimmt. Wetten, der weiß nicht mal, auf wie viel Quadratmetern er wohnt? Und ist einer von denen, die das Fenster immer zu unpassenden Zeiten aufreißen?

    Mein Tourismus-Aha-Erlebnis war eine Lissabon-Reise mit Freunden vor zwei Jahren, wo wir uns mit so großen Massen durch die Stadt geschoben haben, dass wir ständig das Gefühl hatten, uns entschuldigen zu müssen – auch wenn die Menschen dort durchwegs reizend und freundlich waren. Und als wir in den Herbstferien in der Toskana waren und an einem stürmischen Tag unserem 15-jährigen Florenz zeigen wollten, wurde ich ganz wehmütig angesichts der Massen und der sichtlich restlos genervten Florentiner. Ich tu mir leicht, da ich als Studentin viel dort war – aber ich möchte da in Zukunft keinem mehr auf den Wecker gehen.

    Gesamtgesellschaftlich gesehen wird nichts daran vorbeiführen, die Flüge massiv zu verteuern.

  5. Norman meint:

    Macht es genug Unterschied, dass ich eine sehr rücksichtsvolle Touristin bin und sicher keine Nachbarn mit Lärm störe oder Souvenirshops erwarte?

    Nein.

  6. ingrid meint:

    ich kenne alles noch von vor 40 jahren und sehe die zerstörungen, die tourismus anrichtet. im fernsehen war ein bericht von hallstatt in österreich, das in china nachgebaut wurde. im richtigen hallstatt sind jetzt bis zu 10000 tagestouristen, bei knapp 800 einwohnern. bedeutet für die einheimischen u.a. – keine nahversorger, keine wirtshäuser in die sie gehen können. dafür fremde menschen, die bei jeder tür reinkommen, die unversperrt ist, in jedes fenster blicken und fotografieren. tourismus ist im hinblick auf den klimawandel eine heilige kuh. wie auch flugverkehr, containerschiffe, kreuzfahrtschiffe, etc. alles themen, die kaum berührt werden. tourismus ist umweltzerstörung.

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