Journal Dienstag, 5. März 2019 – Brighton 4, Einkaufsbummel, Abend im Market, Eleanor Oliphant is Completely Fine

Mittwoch, 6. März 2019 um 11:19

Sehr gut geschlafen – das tut so gut.
Draußen hauptsächlich blauer Himmel, doch ich spürte das Joggen plus Herumlaufen vom Vortag in den Füßen: Keine Lust auf nochmaligen Lauf. Plan für den Tag war: Bummeln durch Geschäfte, vor allem in North Laine.

Ausblick von der Ferienwohnung. Am Horizont eine lange Kette Offshore-Windkrafträder.

Erst mal Teetrinken und Herumwohnen, Herr Kaltmamsell über Arbeit, ich über Internetlektüre.

Zum Kaffeetrinken in eine der vielen kleinen neuen Röstereien, Small Batch.

Schlendern durch Waterstone’s, Geschäfte in North Laine.

Weitere Ausfälle. Eine der Hauptattraktionen Brightons waren bei meinen ersten Besuchen vor 20 bis vor 15 Jahren die vielen Second-Hand-Buchläden verschiedenster Spezialisierungen gewesen, von dem Laden an der Queens Road, in dem einfach ein riesiger Haufen Bücher bis kurz unter die Decke lag, durch den man sich wühlen konnte, bis zum edlen Antiquariat an der Duke Street und alles dazwischen. Sie sind nach und nach verschwunden, nun ein weiterer. Bleibt meines Wissens nur noch der kleine Laden in der Trafalgar Street, der auch CDs und Platten verkauft (von dessen Existenz wir uns gestern überzeugten).

Ich kaufte in der Lieblingspapeterie einen Stapel schöner Blanko-Glückwunschkarten mit Vogelmotiven, außerdem am gewohnten Ort eine Tüte Gummizeugs nach Gewicht.

Ausgewogenes Frühstück, so wichtig.

Mittagessen im Pub:

Pie of the day für Herrn Kaltmamsell (Chicken, Mushrooms, Vegetables), Süßkartoffel- und Kichererbsen-Curry mit gebratenen Tofuwürfeln für mich. Und ja: Im Hintergrund sieht man die Reifen eines Rollstuhls. Weil in UK auch noch so traditionelle, historische und denkmalgeschützte Pubs barrierefrei sein müssen, das geht.

Zum Glück fanden wir doch noch den kleinen Herrenausstatter, bei dem sich Herr Kaltmamsell schon zweimal zuvor eingekleidet hatte (die kundigen und fürsorglichen Besitzer sind in einem vorgerückten Alter, das ein Verschwinden des Ladens nicht überraschend gemacht hätte). Wieder fand er schnell ein paar schöne Hemden und eine passende Jeans, jetzt ist für die nächsten Jahre Ruhe.

Der Herr ging mit den Einkäufen zurück in unsere Wohnung, ich bummelte noch ein wenig weiter durch das Einkaufszentrum Churchill Square. Eine große Enttäuschung sind dieses Jahr die Schuhgeschäfte: Zwei Drittel des Angebots besteht mittlerweile aus Turnschuhen, die Sneaker genannt werden (im Gegensatz, wenn ich das richtig verstanden habe, zu Trainers, in denen man tatsächlich Sport treibt).

Zurück in der Ferienwohnung setzte heftiger Regen ein.

Fürs Abendessen hatte ich schon von München aus einen Tisch im Market reserviert. Die Besitzer sind immer noch dieselben wie die des fabelhaften Graze zuvor (wo ich unter anderem meine ersten Taubenbrüste aß und spanischen Gewürztraminer kennenlernte, hier ein Blogpost über meine ersten Besuch dort), vor drei Jahren hatten wir festgestellt, dass auch im neuen Konzept ausgezeichnet gekocht wird. Und auch diesmal bekamen wir deutlich Überdurchschnittliches serviert – unter dem seltsamen Titel „Tapas Menu“. Wir bestellten einen schönen Borsao Tres Picos Garnacha dazu.

Wir aßen (von links oben im Uhrzeigersinn: Jalapeño-Croquetas mit Zatar-Majo, Ziegenkäse-Churros mit warmem Trüffelhonig zum Dippen (beide Teller sensationell), mit Idiazabal überbackenen Kohlrabi auf Romesco (wird dringend nachgebastelt), gebackene Aubergine mit Honig und Limette, Nachtisch war Karamellparfait mit Haselnüssen und salzigem Karamell, Baskisches Ragu mit Morcilla, Chorizo und Nudeln, Miesmuscheln in Räucherpaprika-Sahne mit Chorizostückchen (beste Kombination mit dem Garnacha).

Ich fragte die herzliche und freundliche Bedienung, woran den die Durchgängigkeit der Qualität liege, ob das etwa noch dieselbe Küchenmannschaft wie im Graze sei. Nein, antwortete die Dame, die Mannschaft sei komplett neu, das sei allein die Handschrift der Besitzer.

(Als ich ihr erklärte, dass wir ja schon seit vielen Jahren regelmäßig in Brighton Urlaub machen – ich habe nachgezählt, es sind bald 20 – , fühlte ich mich als Brighton-Veteranin ein wenig in derselben Spießerliga wie Dauercamper.)

§

Gestern las ich Gail Honeyman, Eleanor Oliphant is Completely Fine aus. Ich wusste nichts über das Buch, außer dass Vielleserinnen Anne Schüßler und Novemberregen begeistert waren und es sich um einen Bestseller handelte. So führte mich der Anfang erst mal in die Irre: Ich hatte den Eindruck, dass sich über die Hauptfigur und Ich-Erzählerin, über ihre Schrulligkeiten lustig gemacht wurde, dass ich es mit launiger chick lit zu tun hatte. Noch dazu passten einige Dinge nicht zusammen: Diese junge Frau mit Spitzen-Uniabschluss nutzt ihre Mittagspausen, um den Daily Telegraph von vorne bis hinten zu lesen – aber will keine Ahnung haben, worum es geht, als sie im Enthaarungsstudio nach ihren Präferenzen gefragt wird; das hätte sie bei ihrer jahrelangen Lektüre zumindest aus dem Augenwinkel mitbekommen. Dann wurde sie auch noch mit der verbotenen Technik der Spiegelschau beschrieben (Hauptfigur betrachtet sich im Spiegel und erzählt systematisch, was sie sieht – das denkt niemand beim Blick in den Spiegel!)1 – ich war verärgert.

Doch nach und nach zeigte sich, dass diese Hauptfigur eine sehr verstörte Persönlichkeit ist, die unzählige Dämonen mit viel Mühe und eiserner Disziplin zusammenhält. Da sie gleichzeitig als überdurchschnittlich schlau beschrieben wird, kann sie Wahrnehmungen beschrieben, die ihren Schlüssen daraus komplett widersprechen – ohne dass das unglaubwürdig wirkt. Wir lernen Glasgow kennen, Büroleben, außerdem den neuen Arbeitskollegen Raymond aus der IT, der langsam und wider jede Wahrscheinlichkeit ein Freund Eleanors wird. Und wir begleiten Eleanors Veränderungsprozess, in dem sie sich den unabsichtlichen Nebenwirkungen ihrer Bewältigungsmechanismen stellt. Sehr gut gemacht, das ganze Thema und die ganze Geschichte hätten fürchterlich schief gehen können. Empfehlung.

§

Warum die mangelnde Präsenz von Frauen nicht nur für Durchzählerinnen ein Thema sein sollte (auch ich habe eine Freundin, die betont, dass sie sich sehr wohl durch die Mehrheit von Männern in Machtpositionen repräsentiert fühlt): Sie ist lebensbedrohlich für die weibliche Hälfte der Menschheit. Ein Artikel von Caroline Criado-Perez im Guardian listet auf, welche Lebensbereiche von Stimmerkennung über Medikamente bis Schutzkleidung die Einbeziehung weiblicher Merkmale vernachlässigen und Frauen dadurch in Gefahr bringen.
„The deadly truth about a world built for men – from stab vests to car crashes“.

via VanessaGiese

The impact can be relatively minor – struggling to reach a top shelf set at a male height norm, for example. Irritating, certainly. But not life-threatening. Not like crashing in a car whose safety tests don’t account for women’s measurements. Not like dying from a stab wound because your police body armour doesn’t fit you properly. For these women, the consequences of living in a world built around male data can be deadly.

(Sonderqietschen, weil die Autorin ebenso wie ich bei diesem Thema immer an das Lied aus My fair lady denkt: “Why can’t a woman be more like a man?”)

On the face of it, it may seem fair and equitable to accord male and female public toilets the same amount of space – and historically, this is the way it has been done: 50/50 division of floor space has even been formalised in plumbing codes. However, if a male toilet has both cubicles and urinals, the number of people who can relieve themselves at once is far higher per square foot of floor space in the male bathroom than in the female bathroom. Suddenly equal floor space isn’t so equal.

  1. Dabei kann ich mir durchaus Möglichkeiten vorstellen, mit denen man einen Spiegelblick zur Beschreibung nutzen kann, zum Beispiel wenn die Figur eine Veränderung bemerkt: „Die grauen Haare zwischen den dunklen fielen in der längeren Frisur mehr auf.“, „In diesen Jeans sahen meine sonst so durchschnittlichen Beine direkt lang und schlank aus.“ Oder man könnte die Figur über Spiegelei nachdenken lassen: „Sie musste sich immer wieder daran erinnern, dass nur sie im Spiegel das leuchtende Muttermal auf dieser Seite sah; entgegenkommende Menschen sahen das natürlich auf der anderen Seite.“ etc. []
die Kaltmamsell

13 Kommentare zu “Journal Dienstag, 5. März 2019 – Brighton 4, Einkaufsbummel, Abend im Market, Eleanor Oliphant is Completely Fine

  1. Friederike Ursprung meint:

    Bei Thema „wie viele Toiletten für wen?“ kommt noch dazu, dass viele Frauen ja an manchen Tagen einfach mal mehr Bedarf haben.
    Am sinnvollsten fände ich ja: einfach genug Toiletten einplanen für alle, die sie brauchen. Das erspart dann auch irgendwelche Drittes-Geschlecht-Diskussionen. Und wo es nur eine Toilette gibt, natürlich barrierefrei.

  2. Sabine meint:

    Das Second-Hand-Buchladen Sterben habe ich auch in der Charing Cross Road beobachtet. So viele die geschlossen haben. Sehr schade.

  3. Hauptschulblues meint:

    H. brauchte früher drei Tage, sich durch die Buchhandlungen und Antiquariate der Charing Cross und Tottenham Court Road zu wühlen, dann nur noch zwei und jetzt geht es ganz schnell.

  4. Mareike meint:

    „Herumwohnen“ – welch schönes Wort.
    Und wie hübsch die Ferienwohnung ausschaut!

  5. glumm meint:

    Ich hab in Brighton mal am Strand unter einem umgekippten Fischerboot geschlafen, mit zwei Freunden. Mitten in der Nacht werde ich wach und mir ist arschkalt. In der Dunkelheit bin ich stadteinwärts gelaufen und hab mich auf die erstbeste Wiese gehauen, bloß weg vom Meer und dem Wind. Als ich wach werde im Schlafsack liege ich mitten auf einer Verkehrsinsel, von dröhnenden Autos umgeben. Gegenüber ist ein Hotel, da steht ein livrierter Page und lacht.

  6. Elisabeth Martin meint:

    Vielen Dank für die schönen Brighton Berichte – ich freue mich auf die nächsten Tage.

  7. Vinni rabensturmig meint:

    Das Essen sieht toll aus. – Und Sie sehen auch toll aus auf dem Foto :)

  8. die Kaltmamsell meint:

    Am Strand wir immer noch viel übernachtet, Glumm, aber die Wiesen und Verkehrsinseln sind inzwischen alle so gut beleuchtet, dass sie niemand mehr verwechseln würde.

  9. Margrit meint:

    Bester Satz: der aus dem Kleingedruckten mit dem „Spiegelei“ ;~)
    Und ich schließe mich dem Dank für die wunderbaren Brighton Einblicke an.

  10. lihabiboun meint:

    Beim Toilettenbau sollten die Planer einfach mal die Augen aufmachen: Wer hat jemals, jemals eine Damentoilette OHNE Schlange gesehen???? Es gibt immer zu wenig Kabinen, immer. Am schlimmsten sind Autobahnraststätten, wenn gerade ein Reisebus angehalten hat und alles strömt …. P.S.: Ich bin auch SEHR für ausgewogenes Frühstück :o)

  11. Elfe meint:

    … vor allem, wenn das ausgewogene Frühstück so gut zur Garderobe passt. Vielen Dank fürs Mitnehmen auf diese Winterreise, besonders in die Pubs. Nachdem die Mahlzeiten so lecker aussehen, gerade die vegetarischen, treibt mich die Frage um: Ist das gehobene Küche oder eher das, was Einheimische zu vernünftigen Preisen essen? Neue englische Küche oder Tradition? Meinen Erstkontakt mit der englischen Küche hatte ich bei Asterix, deswegen vermisse ich hier die Minzsauce. ;-)

  12. die Kaltmamsell meint:

    Mein Curry im Pub, Elfe, ist typisches Mittagessen der Einheimischen, die in der Nähe arbeiten. Das vegetarische Angebot ist auch in kleinen englischen Orten deutlich größer als in Deutschland. Selbst beim Sunday Roast standen zwei fleischlose Varianten zur Auswahl.

  13. Ruth P. meint:

    Hier wird sehr gern mitgelesen. Und Fotos geschaut.
    Eleanor Olyphant las ich auch, ist schon eine Weile her, bei mir dauerte das einsteigen auch ein Weilchen. Besonders die Aufloesung erklaerte vieles.
    Ich musste gerade jemand entlassen, die auch ihre sehr eigenen Eigentuemlichkeiten hatte. Leider passte sie und ihre Geschicklichkeit ueberhaupt nicht in unsere Welt.

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