Journal Mittwoch, 6. März 2019 – Brighton 5, Undercliff Spaziergang und Englischer Wein

Donnerstag, 7. März 2019 um 10:20

Dann zur Abwechslung halt wieder ein Morgen und Vormittag mit Kopfweh. Ich machte nach dem eigentlichen Aufwachen noch ein Nickerchen.
Bei Teetrinken und Bloggen war es draußen zwar grau und windig, aber völlig trocken und eher mild. Also dann: Undercliff Walk bis Rottingdean als Spaziergang. Davor noch ein Cappuccino im Kettencafé.

Der Spaziergang war ein Abenteuer. Es war wohl eh gerade Flut, und der Sturm ließ die Wellen meterhoch an der Mauer des Wegs brechen, an einigen Stellen deutlich über den gesamten Weg bis zum Cliff. Wir versuchten den Wellengang im Blick zu behalten, um den größten Brechern auszuweichen (Herr Kaltmamsell führte Computerspielerfahrung mit solchen Szenarien an), wurden aber doch zweimal ziemlich von windverwehter Gischt erwischt. Es war herrlich.

In Rottingdean schauten wir bei den Kipling Gardens vorbei, die erwartungsgemäß noch winterlich uninteressant aussahen.

Einkehren erst auf einen Kaffee, dann in einen Pub zum Mittagessen: Fish and Chips für mich, Beef Pie für ihn.

An sich hatte ich den Rückweg per Bus eingeplant, doch dann war ich zu neugierig, wie es wohl zwei Stunden später auf dem Undercliff Way aussehen würde: Wir gingen zu Fuß.

Jetzt waren die Wellen weit draußen. Sehr spannend, was sie aus dem Meer auf dem Weg hinterlassen hatten, so manche Pflanzenreste waren erst bei genauerer Betrachtung als organisch zu identifizieren.

Als wir zurück in die Ferienwohnung kamen, bröselte mir das Salz vom Gesicht und meine Haare knisterten kristallin.

Für den Abend hatten wir einen Tisch im Isaac At reserviert: Hier, so hatte ich gelesen, wurden nicht nur sehr lokale Speisen serviert („Sussex on a plate“), sondern auch ausschließlich Getränke aus England, inklusive einer rein englischen Weinkarte.1 Es wurde ein denkwürdiger kulinarischer Abend.

Schöner kleiner Gastraum, das gestapelte Besteck erwies sich als praktisch, weil es nicht für jeden Gang neu eingedeckt werden musste. Auf Bildschirmen in den Ecken des Raums wurden Kochstationen und Pass übertragen. Auf dem Tisch eine ausgedruckte Menu- (feste Speisenfolge) und Getränkekarte für jeden, auf der Rückseite die food miles für jede Zutat (Scherz oder Ernst?). Rein männliches, junges, freundliches Personal, der Sommelier hatte viele persönliche Geschichten zu den Weingütern der Weine im Glas.

Wir fingen mit einem Schaumwein an, Ridgeview Merret Bloomsbury Sparkling Brut.

Der Gruß aus der Küche war ein kleines Schälchen heißer Pilzsud mit Thymian, köstlich. Leider scheine ich vergessen zu haben, den ersten Gang zu fotografieren: eine Scheibe ofengebackener Sellerie mit Eigelb, etwas Apfel und Kapuzinerkresse, sehr rund. Im Glas dazu ein Plumpton Estate Ortega (Ortega stellte uns der Sommelier als süddeutsche Traube vor – noch nie gehört, aber es stimmt), leicht und freundlich.

Das Brot, das als Laib und mit lokaler Butter serviert wurde, ist ein Treacle and Stout Loaf, das Restaurant hat das Rezept sogar online gestellt.

Zum Schellfisch gab es einen leicht holzigen Albourne Estate Cellar Selection, der seinen Chardonnay völlig unbuttrig einband.

Mein Lieblingsgang mit meinem Weinfavoriten des Abends, auf dem Foto rechts unten: „Brassica“ verschiedene Kohlsorten blanchiert und gegrillt, in Sößchen und mit gerösteter Nuss, dazu ein Rosé Davenport Diamond Fields Pinot Noir.

Zum Rind (zweitliebster Gang) gab es einen Wein, der nur vier Meilen entfernt vom Fleisch gewachsen war: Sedlescombe Regent-Rondo, den ich dann doch ein wenig rass fand.

Herr Kaltmamsell nahm zum Käse noch einen Blackdown Elderberry Port, also einen Hollerbeeren-Portwein, sehr interessant.

Von den Desserts war ich begeistert: Apfel und Kerbel als Sorbet passten wundervoll zusammen, und auch der große Teller mit leichter Mousse, Birne, leicht gebrannten Nüssen schmeckte mir sehr gut – die ich es ja eigentlich gar nicht mit elaborierten Restaurantdesserts habe. Abschließend wurde zum Espresso noch ein frisch gebackenes Mandelküchlein serviert, dessen Boden in Sirup getränkt war.

Herr Kaltmamsell war so freundlich gewesen, auch von meinen Weinportionen zu trinken, um mich ein wenig vor Migräne zu schützen. Dafür musste ich ihn aber heimbugsieren.

§

Die Diskussion unter dem älteren Post um esoterische Heilmethoden ging weiter (ehrlicher Dank an Kommentatorin Christine, dass sie sich immer wieder gemeldet hat – allerdings lernte ich aus ihrem jüngsten Kommentar, dass sie „esoterisch“ als beleidigend empfindet, es wird immer komplizierter) und brachte mich auf den Verdacht, wo der eigentliche Konflikt liegen könnte. Verfahrene Diskussionen sind oft auf eine sehr unterschiedliche Wertung derselben Aspekte zurückzuführen. In diesem Fall, so sieht es aus, ist es der Aspekt des subjektiven Erlebens vs. objektivierbarer Daten. Die Seite der Esoterik wertet das eigene Empfinden und das eigene Erlebnis als zentral („ich hab’s doch selbst gesehen“, „es ist mir doch selbst passiert“); Hinweise auf Bias und Übertragungsfehler werden entsprechend als Angriffe und als Abwertung dieser persönlichen Empfindungen wahrgenommen.

Die Seite der Forschung sieht objektivierbare Daten, die möglich weit getrennt von persönlicher Wahrnehmung werden, als zentral an. Wenn jemand diese als „aus zweiter und dritter Hand“ zu entkräften versucht, werden Kriterien angeführt, die für dieses Denksystem irrelevant sind. Auf die subjektive Seite muss die analytische Argumentationsweise der Forschung fast zwangsweise kalt und arrogant wirken. So ist jeder der beiden Ansätze überzeugt, der andere gehe von völlig falschen Prämissen aus.

  1. Seit ich gestern die Überschrift notiert habe, singt in meinem Kopf Udo Jürgens „EeeeeenglischerWaaaaaain!“ Bittegerne. []
die Kaltmamsell

5 Kommentare zu „Journal Mittwoch, 6. März 2019 – Brighton 5, Undercliff Spaziergang und Englischer Wein“

  1. Vinni rabensturmig meint:

    Das sind wieder tolle Fotos, gerade auch die Gischt an den Klippen. :)

    Vielen Dank auch fürs Mitnehmen in die gehobene Gastronomie. Ich bin ja eher Team Pub-Food (das ja auch sehr viel besser ist als sein Ruf), aber ich bewundere immer gerne die hübschen Teller und die Vielfalt der Gerichte.

  2. Regina meint:

    Danke für das Mitnehmen nach Brighton :)
    In meinem Kopf singt nun ebenfalls Udo Jürgens :))

  3. Anne meint:

    Herzlichen Dank für Ihre Geduld mit Kommentator:innen und den klugen Versuch, den Konflikt im Hintergrund zu erklären. Fast fürchtete ich, dass hier auch bald „gegrönert“ würde… dabei lese ich sowohl die Berichte und vielen Link-Tipps als auch die Reaktionen (oft mit Zusatz-Infos) sehr gern.
    Noch schöne Urlaubstage Ihnen und Herrn K. wünscht
    Anne

  4. Manufacta meint:

    Ach, und ich hatte im Kopf den Peter abgespeichert. Und nicht den Udo.

  5. nochEinGlasWein meint:

    Ortega ist wirklich sehr schön – es gibt da Spätlesen zu kleinem Preis, sehr aromatisch, wunderbar auch als Dessertwein.

    Schöne Beschreibung Ihrer Ferien!

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