Journal Montag, 6. Mai 2019 – Berlin zur re:publica 2019: Konferenztag 1

Dienstag, 7. Mai 2019 um 8:36

Aufwachen ohne Matschbirne – so schön!

Das Café des Hotels wird gerade renoviert, also machte ich erst mal Morgentoilette, kleidete mich an und ging raus, um mir in einem naheliegenden Café meinen morgentlichen Cappuccino zu holen. Und dann noch einen.

Zurück im Hotelzimmer bloggte ich, machte nochmal was für unsere eigene Show. Dann endlich ging ich rüber zur Station und damit zur re:publica 2019.

Gleich im Hof traf ich die ersten Internet-Herzmenschen, drinnen am Affenfelsen die nächsten aus der Techniktagebuchredaktion.

Als auch 20 Minuten nach dem offiziellen Beginn der Begrüßung auf Stage 1 immer noch kein Zugang zu Stage 1 war und die Schlange davor bis hinaus in den Hof stand, ging ich gleich zum Ort der Anschlussveranstaltung, die ich mir notiert hatte. (Später erfuhr ich, dass der Zugang sehr wohl schon möglich war, allerdings wegen des Kommens von Bundespräsident Steinmeier genau gefilzt wurde, unter anderem keine Laptops mit rein genommen werden durften – BKA trifft auf re:publica-Realität. Vielleicht hat das einfach nicht zusammengepasst?)

„Heimat my ass … Migration is us“ – Es diskutierten Ferda Ataman (Journalistin, hat gerade das Buch Ich bin von hier. Hört auf zu fragen! veröffentlicht), Naika Foroutan (Professorin für Integrationsforschung und Gesellschaftspolitik), Daniel Schulz (Co-Leiter Ressort Reportage und Recherche in der taz), moderiert von René Aguigah (Deutschlandfunk). Ich lernte eine Menge. Unter anderem nahm Ataman die Kategorie „Migrationshintergrund“ auseinander, die zwar für Menschen wie mich gilt, weil ich mit einer anderen als der deutschen Staatsbürgerschaft auf die Welt gekommen bin, auch wenn ich selbst nie in meinem Leben migriert bin. Die aber nicht für Menschen gilt, die mit deutscher Staatsbürgerschaft auf die Welt kamen, selbst wenn sie ihre ersten 18 Lebensjahre auf den Kanaren verbracht haben und erst dann nach Deutschland migrierten. Foroutan vertrat die Perspektive der Sozialwissenschaft und wägte fundiert und wohlformulierte die Spannungen innerhalb von Identitätspolitik ab: Sehnsucht nach Gleichheit (Bekämpfung von Kategorien) vs. Sehnsucht nach Benennung von Ungleichheit (erfordert Kategorien). Schulz wiederum erklärte, wie wichtig es für Ostdeutsche wie ihn war, dass die Ausgrenzung und Abminderung von Ostdeutschen durch Forschung belegt wurde.

Schon seit einiger Zeit würde ich ja auf die Frage, welches Studienfach mich im Moment am meisten reizt, Soziologie nennen. Seit dieser Diskussion umso mehr.

Ein Check meiner Mails schmiss mir weitere Aufgaben zu. Schlagartig kehrte die Überforderung zurück, ich war kurz davor, nach dem nächsten Arbeitstreffen meine Zuhörerschaft abzubrechen. Zum Glück wurde ich von den richtigen Menschen in die Arme genommen und bekam doch wieder Lust zum Zuhören. Ein kleines Mittagessen (gefüllte Tapiokatasche) half ebenfalls.

Also eines meiner re:publica-Rituale: Mir von Markus Beckedahl das vergangene Jahr Netzpolitik zusammenfassen zu lassen. „tl;dr – Digital war mal besser“. Wieder hatte er fast ausschließlich schlechte Nachrichten für uns Netzgemeinde, wieder plädierte Markus für Optimismus.

Auch auf diese Podiumsdiskussion hatte ich mich gefreut: „Ist das gerade wirklich das Thema?! Relevanz in digitalen Zeiten“ mit Georg Restle, Florian Klenk, Marietta Slomka, Vanessa Vu. Alle erzählten aus ihrem journalistischen Alltag, richtig deprimierend dabei der österreichische Falter-Chefredakteur Klenk („Sie sehen, österreichische Journalisten dürfen das Land noch verlassen.“).

Eva Horn fasste zusammen „Wie Populisten uns auf Social Media vor sich hertreiben – und was wir dagegen tun können“.

Vor der nächsten Veranstaltung, die ich mir rausgeschrieben hatte, war ein wenig Zeit. Ich holte mir eine Breze und besuchte das Dauerevent des Techniktagebuchs: Das Vorlesen des gesamten, auf eigens dafür angeschafftem Nadeldrucker eigens dafür ausgedruckten, Techniktagebuchs.
„Techniktagebuch – Too long, DID read“.

Ich zitiere aus der Ankündigung:

Das wird natürlich niemandem Spaß machen, weder uns noch euch. Aber macht es etwa Spaß, sich in der Halberstädter Sankt-Burchardi-Kirche 639 Jahre lang “As Slow As Possible” von John Cage anzuhören? War es ein Vergnügen, sich 2011 im ehemaligen Untersuchungsgefängnis von Mittweida 55 Tage lang das Gesamtwerk von Karl May vorlesen zu lassen? Ist es interessant, sich Roman Opalkas Bilderserie “1–∞” anzuschauen? Und doch muss es sein, so ist das eben mit der Kunst.

Hier im Leseeinsatz ist gerade Esther Seyffarth.

Mein letzter Live-Programmpunkt war „Aufräumen im Trollhaus: Hetze und Gegenrede in Kommentarbereichen“, unter anderem weil ich die geschätzte Twitterin Nicole Diekmann mal in Echt sehen wollte. Neben ihr diskutierten Gregor Mayer (Einblicke in den Kommentarmoderationsalltag beim Fernsehsender phoenix), Marc Ziegele (der an seiner Uni Düsseldorf gerade zwei sehr interessante Studien zur Auswirkung von Moderationsarten auf Online-Diskussionen durchgeführt hat – und die Ergebnisse kurz präsentierte), Sonja Boddin (aus dem Vorstand von ichbinhier, einem Verein, der vor allem auf Facebook moderierend in diffamierende Diskussionen eingreift). Angenehm unterschiedliche Perspektiven und Erfahrungen, grundsätzliche Einigkeit, dass überlegte Moderation nützt.

Jetzt war meine soziale Energie wirklich aufgebraucht, außerdem hatte ich Hunger. Ich spazierte in der Nähe meiner Unterkunft in ein Lokal, das ich noch nicht kannte. (Mittlerweile düsterer Himmel, ein paar Regentropfen.)

War in Ordnung, die Garnelen schmeckten sogar ausgezeichnet. Auf dem Rückweg holte ich mir noch ein Eis zum Nachtisch.

Zurück im Hotelzimmer machte ich mir warm (der Tag war wieder sehr kalt geworden, ich behielt auch in die Konferenzhallen fast durchgehend meine Jacke an) und besah mir per Live-Stream die alljährliche Gesellschaftsanalyse von Sascha Lobo auf der re:publica, diesmal betitelt „Realitätsschock“.

die Kaltmamsell

8 Kommentare zu “Journal Montag, 6. Mai 2019 – Berlin zur re:publica 2019: Konferenztag 1”

  1. Tanja meint:

    In einem Guss… vielen Dank für die Reportage aus einer mir – dank dir – gar nicht mehr so unbekannten Welt. (Das mit dem Aufgaben « zuschmeissen » trifft ein Gefühl haargenau.)

  2. Elfe meint:

    Danke für die Anregungen an die Daheimgebliebene(n) sowie viel Spaß und Erfolg für heute!

  3. Fräulein Read On meint:

    Hab vielen Dank für deine Einblicke! Das ist schön auch aus der Ferne teilhaben zu können. Verrätst Du wann Du dran bist, so dass Hund, Katze und ich staunen und jubeln können?

  4. die Kaltmamsell meint:

    Heute um 20 Uhr auf Stage 2, Fräulein Read On!

  5. Melanie meint:

    Neben dem Inhaltlichen auch große Lippenstiftliebe!

  6. Nicole meint:

    Sie waren es! Ich hab mich gefreut!

  7. Hauptschulblues meint:

    H. hat geguckt.

  8. Eva meint:

    E. auch!

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