Journal Samstag, 8. Juni 2019 – Dann doch krank, Gary Shteyngart, Lake Success

Sonntag, 9. Juni 2019 um 9:33

Der Nachtschlaf war von schlechten Träumen und Luftröhrenschmerzen geplagt, dann wieder schmerzten nach dem Schlucken Brust und Rücken (war bloß Luft, nach ein paar Rülpsern alles weg, doch meine Assoziationsmaschine erinnerte sich erstaunlicherweise sofort an das dramatische Herzleiden von dasnuf).

Morgens war klar: Ich bin krank. Doch da war die Frühstücksverabredung mit einer Freundin, auf die ich mich sehr freute; ich beschloss, das Kranksein um ein paar Stunden zu verschieben. Irgendwie würde ich meiner kompletten Heiserkeit schon ein wenig Stimme abringen.

Also vormittäglicher Fußweg in die Maxvorstadt zum Heinrich Matters, das in Einrichtung und Personal so treffsicher seinem Stereotyp entsprach, dass es es den Spaß verdirbt, sich darüber lustig zu machen (vielleicht ein ganz kleiner über blondgesträhnten Wuscheldutt als Kellnerinnen-Uniform?). Das Ergebnis ist gemütlich, die Frühstücks-Bowl mit Joghurt, geröstetem Granola und Obst schmeckte sehr gut, ich komme sicher nochmal.

Der Marsch dorthin war beschwerlich gewesen (erst mit entzündeten Atemwegen wird klar, wie fundamental Atmen für Unbeschwertheit ist), doch das angeregte Gespräch lenkte mich wunderbar von den Körperlichkeiten ab. Und mit genug Anstrengung konnte ich auch sprechen, unterstützt von zwei großen Tassen heißem Ingwer.

Auf dem Rückweg ein paar Einkäufe in der Lebensmittelabteilung des Hertie am Bahnhof. Vor allem wegen Obst ging ich hin, denn die Qualität der Ware ist dort ausgezeichnet. Leider wird das Erlebnis seit einigen Jahren nicht mehr bereichert durch den angestellten Herrn in formaler Kleidung plus Schürze, nach dem ich früher immer Ausschau hielt. Er verhielt sich, als sei die Obst- und Gemüseabteilung sein eigener Laden, drapierte sorgfältig, füllte kontinuierlich nach, hatte immer einen prüfenden Blick über die Auslagen – betrachtete die Kundschaft allerdings immer ausgesprochen misstrauisch; es war klar, dass sie das störende Element an seinem Job war. Diesmal nahm ich Flachpfirsiche und eine Mango mit.

Daheim meldete ich mich ins Bett ab, verdunkelte mein Schlafzimmer und schlief ein paar Stunden.

Nachmittags las ich Gary Shteyngart, Lake Success aus: Ich hatte die Geschichte des US-amerikanischen Hedgefond-Managers Barry gerne gelesen, der im Wahljahr 2016 nach einem Streit mit seiner Frau ausbricht und sich mit Greyhound-Bussen quer durchs Land auf den Weg zu seiner College-Liebe macht. Die mit diesem Mittel (sich dessen bewusst) von den verschiedenen Seiten der USA erzählt, von Menschen, die Erfolg ausschließlich in angehäuften Geldsummen messen, bis zu denen, die sich von Tag zu Tag durchschlagen. Zwischenkapitel schildern das Leben der zurückgebliebenen Ehefrau und des gemeinsamen Sohnes (die interessierten mich viel mehr und hätten für meinen Geschmack die Haupthandlung sein können).

Der Roman ist klassisch realistisch erzählt, das einzige nicht-realistische Detail ist die Fortführung der Handlung zehn Jahre in die Zukunft. Nur dass mir die Hauptfigur Barry halt ziemlich egal war, wie überhaupt seine Geldwelt. Mir ist schon bewusst, dass hauptsächlich sie für die großen Unrechte in der Welt verantwortlich ist, doch das gesamte Wertesystem, das ihr zugrund liegt, geht an mir vorbei.

Insgesamt Leseempfehlung, muss ja nicht alles gleich ein Meilenstein der Literaturgeschichte sein.

Gegen fünf war ich eigentlich schon wieder bettreif, blieb aber wach, weil ich befürchtete, sonst nachts nicht schlafen zu können. Also setzte ich mich an die offene Balkontür (der Tag war sonnig und mild geworden) und las Internet.

Und wenn Sie jetzt rufen: „HÜHNERBRÜHE! WARUM GIBT NIEMAND DER FRAU HÜHNERBRÜHE?!“ – selbstverständlich reichte Herr Kaltmamsell genau das an, hätte es am liebsten schon am Vorabend getan, an dem ich auf Salade niçoise bestanden hatte. Das gekochte Huhn hatte er für Sonntag verplant, zum gestrigen Abendessen gab es Oriecchiette (!) mit Mönchsbart aus Ernteanteil.

Früh ins Bett, sofort eingeschlafen.

die Kaltmamsell

8 Kommentare zu „Journal Samstag, 8. Juni 2019 – Dann doch krank, Gary Shteyngart, Lake Success

  1. Nathalie meint:

    Gute und schnelle Besserung!

  2. Joël meint:

    Eine prompte Genesung gewünscht!
    Und ich habe wieder etwas dazu gelernt. Mönchsbart kannte ich nicht. Wie schmeckt das denn?

  3. InaPö meint:

    Als ich den Niften mal erzählte das seien Öhrchennudeln kicherten sie weil sie es sofort kapierten, schauten aber doch immer wieder skeptisch rüber, als würde ich Quatsch erzählen.
    ALS OB ICH JEMALS QUATSCH ERZÄHLTE!

    Gute Besserung!
    Ina

  4. die Kaltmamsell meint:

    Am ehesten, Joël, würde ich den Geschmack mit pflanzlich geschreiben, säuerlich, saftig. Vor allem, finde ich, beißt er sich besonders, der Mönchsbart, ist für mich eher ein Texturding als Geschmack.

  5. Hande meint:

    Nachdem ich es jetzt hier so oft gesehen hab, dass ich es nicht mehr für ein vertippser halte: orecchiette (öhrchen)

  6. die Kaltmamsell meint:

    Oh – vielen Dank, Hande!

  7. Marieke meint:

    Danke für den Buchtipp. Ich meine, hier von „Firefly lane“ gelesen zu haben, was mir unheimlich gut gefallen hat. Wie gut, dass ich gerade in einer Stadt in den USA lebe, die ein unglaublich gutes, kostenfreies Bibliothekssystem hat.

  8. Marieke meint:

    Oh, und darf ich als Ausgleich auch einen Buchtipp da lassen. „What we were promised“ von Lucy Tan.

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