Journal Mittwoch, 14. August 2019 – Anfassen, Lasagne, Brot

Donnerstag, 15. August 2019 um 9:20

Immer noch eher kühl, doch trocken und sonnig. Ich radelte besonders früh in die Arbeit, weil ich schon um 16 Uhr einen Termin bei meiner Anfasserin hatte, von der ich mich eine Wiederholung des Wunders durch Faszienmassage erhoffte.

Und Wunder werden langsam nötig: Ich hinkte wieder den ganzen Tag vor Hüftschmerz. Die Anfasserin ließ sich erst mal die Lage schildert, empfahl neben Faszienrolle auch einen solchen Ball für die Fußsohlen. Werde ich besorgen. Ihre Massage umfasste auch innere Hüftmuskulatur, in der es die eine oder andere Stelle zu lösen gab. Insgesamt war das Anfassen allerdings lange nicht so schmerzhaft wie das in Bad Steben – mag daran liegen, dass damals in der Reha bereits einiges gelockert worden war. Ich bin gespannt auf die nächsten Termine.

Heimkommen immer noch früher als sonst, ich hatte Vorteig für Roggenschrotbrot angesetzt. Während der endgültige Teig ging, machte ich mit Herrn Kaltmamsell Nudeln: Ich hatte mir klassische Lasagne gewünscht, und weil genügend Zeit war, stellten wir die Nudelplatten dafür selbst her. Basis für die Lasagne war ein grobes Rezept unbekannter Herkunft, das Herr Kaltmamsell als mindestens zehn Jahre alte Datei auf seinem Rechner gefunden hatte.

Die Menge Nudeln (400 gr Mehl, 4 Eier) war doppelt zu viel, aus dem Rest machte Herr Kaltmamsell flugs Tortellini mit Feta-Minze-Füllung und fror sie ein. Die Lasagne wurde sehr gut, am ehesten noch müsste man die sehr große Menge Bechamel reduzieren.

Zuletzt war der Ofen dann vom Brot belegt, das gut geriet (eines ein wenig schepps, weil ungeschickt aufs Blech gekippt).

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Welche Auswirkungen die Treuhand bis heute auf die ostdeutsche Wirtschaftsstruktur hat, erkärt bei Krautreporter Christian Gesellmann:
„Die Treuhand, verständlich erklärt“.

via @holgi

Das mit der Treuhand ist doch schon fast 30 Jahre her, spielt das heute noch eine Rolle?

Ja, auf jeden Fall. Ostdeutsche Kommunen haben im Durchschnitt gerade einmal die Hälfte der Steuereinnahmen (pro Kopf) im Vergleich zu westdeutschen Kommunen. Das steht im Jahresbericht der Bundesregierung zum Stand der Deutschen Einheit. Denn die wichtigste Einnahmequelle für Städte und Gemeinden sind die Gewerbesteuern, die Unternehmen zahlen. Dadurch, dass die meisten Betriebe im Osten nicht den Menschen vor Ort gehören, sondern häufig immer noch die verlängerte Werkbank westdeutscher Betriebe sind, zahlen sie auch den Großteil ihrer Steuern nicht im Osten.

Vor allem aber: Der Artikel erklärt von vorne, warum die Treuhand eingerichtet wurde, was ihre Aufgabe war, wie die wirtschaftliche Ausgangslage aussah. Weitere Themen: Auswirkungen der Währungsumstellung, Rolle der Banken (unabhängig von der Treuhand), namentlich bekannte Betrüger.

Fazit:

Die Treuhand hat letztlich genau das umgesetzt, was ihre Aufgabe war. Als Anstalt kann man ihr eigentlich gar keinen Vorwurf machen, im Gegenteil: Die absolute Mehrheit der Mitarbeiter hätte eher einen Orden verdient für die unglaubliche Belastung, der sie sich ausgesetzt haben.

Aber jetzt kommt das Aber …

Ehrlich: Selbst mich als Ossi, für den das Thema Treuhand wirklich nicht neu ist, hat es bei dieser Recherche manchmal gefröstelt, wie eiskalt die Regierung von Helmut Kohl das Projekt Wiedervereinigung durchgezogen hat. Ich finde aber auch, man darf nicht vergessen, dass die Ostdeutschen diesen Weg auch so wollten, sie haben die CDU gewählt und nicht die Bürgerrechtler, die die Wende gebracht haben und eine ganz andere Vorstellung davon hatten, wie die Wirtschaft privatisiert werden sollte. Die Bürger wollten die D-Mark, keine Anteilsscheine an etwas, von dem niemand wusste, was es einmal wert sein sollte. Und sie wollten die Westprodukte. Und das alles sofort.

Der Artikel geht Schritt für Schritt durch das Thema – könnte 1:1 als Schulbuchtext übernommen werden (kommt das Kapitel im bayerischen… ja was: Geschichts-? Sozialkundeunterricht? überhaupt vor?).

§

Svenja Beller skizzierte schon vergangenes Jahr im Freitag die Entwicklung des westlichen Reisens durch die Jahrhunderte, vom Pilgern über die Bildungstour Vermögender bis zum Konsumreisen, wie nach dem Zweiten Weltkrieg Tourismus eine Industrie wurde – und wo wir jetzt gelandet sind:
„Sonne fürs Ego“.

via @miriam_vollmer

„Die Dritte Welt wird zur Spielwiese der Selbsterfahrung. Einheimische sind zur Kulisse degradiert“, schreibt Spreitzhofer. Der Autor Philipp Mattheis nennt Backpacker in seinem Buch Banana Pancake Trail die „Glückskinder des Westens auf ihrer Stippvisite in die Armut“. Auf ihrem Ausbruch aus der Leistungsgesellschaft bedienen sie sich an der fremden Kultur, als wären sie in einem Supermarkt.

Inzwischen scheinen die einst geschmähten Pauschaltouristen in ihren Ressorts den bereisten Urlaubsländern mehr zu nutzen, mehr Wertschöpfung zu bieten, als individuell durchtrampelnde Rucksacktragende.

Und dann natürlich:

Wie schädlich der Tourismus für das Klima ist, belegt die Studie „The carbon footprint of global tourism“, die eine Gruppe australischer Forscher im Mai im Magazin Nature veröffentlichte. Demnach ist der Tourismus für acht Prozent der globalen Treibhausgasemissionen verantwortlich. Das Ergebnis schockierte die Forscher selbst, sie gingen von einem viermal geringeren Wert aus. Den größten Anteil an den CO2-Ausstößen hat mit einem Viertel wenig überraschend der Luftverkehr. Und die Emissionen werden entgegen aller Klimaschutzvereinbarungen weiter steigen, denn die Tourismusbranche wächst, und zwar weitaus schneller als der Rest der Weltwirtschaft. Allein im Beobachtungszeitraum der Studie zwischen 2009 und 2013 wuchsen die vom Tourismus verursachten Emissionen von 3,9 auf 4,5 Gigatonnen.

(Mal wieder zur Sicherheit: Mich selbst schließe ich immer in den Kreis der Übeltäterinnen ein.)

die Kaltmamsell

2 Kommentare zu „Journal Mittwoch, 14. August 2019 – Anfassen, Lasagne, Brot“

  1. Hauptschulblues meint:

    Fatal war damals nach der Wende, dass die 2., 3. und 4. Garde von Verwaltungsbeamten, Planern, Architekten, Anwälten, Anlageberatern, Schulbürokraten, Politikern usw. aus dem Westen in den Osten geschickt und kompetenten DDR-Bürgern vor die Nase gesetzt wurde. Auch eine Form von Kolonialismus. Und dass die Steuern nach Westdeutschland fließen ist nur logische Folge.

  2. Michael_St meint:

    Das mit der Gewerbesteuer ist so aber schlicht falsch: Gewerbesteuer wird dort fällig, wo der Betrieb ansässig ist, nicht wo der Besitzer wohnt. Wenn ein Betrieb in mehreren Gemeinden Werkstätten o.ä. unterhält wird die Steuer zwischen den Gemeinden aufgeteilt. Stichwort Gewerbesteuerzerlegung: https://www.deutsche-handwerks-zeitung.de/gewerbesteuer-zerlegen-betriebsstaetten-in-mehreren-gemeinden/150/3098/321234

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