Journal MittwochDonnerstag, 15. August 2019 – Zurück im Olympiabad und Colson Whitehead, Sag Harbor

Freitag, 16. August 2019 um 8:24

Ausgeschlafen in den Feiertag Mariä Himmelfahrt.

Draußen war es kühl und gemischtwolkig. Ich wollte schwimmen, und im Schyrenbad wäre das mit anschließender heißer Innendusche schon gegangen, doch dann fiel mir ein, dass im August ja die große Halle des Olympiabads fertigrenoviert sein sollte. Ich checkte die Website: Richtig, man konnte wieder in ganzer Pracht schwimmen. Also radelte ich hinaus in den Olympiapark, stellte fest, dass dort gerade Sommerfest gefeiert wurde, umfuhr Buden, Verkaufstände, Hüpfburgen und viele Menschen. Der Eingang ins Olympiabad war immer noch versteckt seitlich, die Renovierung wird noch eine ganze Weile brauchen. So fiel auch in der Schwimmhalle das Licht noch nicht wieder durch die große Fensterfront.

Das Becken ist ganz neu und metallern. Gewöhnen musste ich mich aber nach den Draußenschwimmrunden erst wieder ans warme Wasser, schwamm dann gut und mit Genuss mit wenigen anderen im Becken, legte auf meine 3.000 noch 300 Meter. Cardio-Kondition hätte Lust auf noch mehr gehabt, doch ich muss Rücksicht nehmen auf den Rest der Hardware, die gegenüber Herz-Kreislauf immer mehr abfällt.

Der Himmel hatte inzwischen zugezogen, beim Zurückradeln wurde ich kurz vor Zuhause nassgeregnet.

Kurzes Frühstück mit selbst gebackenem Brot (gut!) und Obst, dann spazierte ich mit Herrn Kaltmamsell zum Treffen unserer Leserunde. Eigentlich war für gestern der jährliche Ausflug in die Sommerfrische zum Chiemsee vorgesehen gewesen, doch wegen des schlechten Wetters hatten wir ihn abgeblasen: Bei dem Regen wäre weder Seeschwumm noch Kaffeeundkuchen auf dem Balkon mit Bergblick möglich gewesen, drinnen konnten wir auch in München sitzen.

Gelesen hatten wir von Colson Whitehead Sag Harbor, erschienen 2009. Auf Deutsch heißt der Roman Der letzte Sommer auf Long Island, was beim Kauf im Buchladen wohl zu gedehnten Blicken und Rechtfertigungsfuchteln „Nein, der ist nicht von Uta Danella!“ geführt hatte. Ich hatte das Buch sehr gern gelesen – nach anfänglichem Unmut, weil ich vergeblich auf Handlung warterte. Doch Handlung ist nicht der Antrieb der Erzählung. Der Roman malt viel mehr das Bild einer Zeit und eines Gesellschaftsausschnitts: Ein Sommer in den 80er Jahren auf Long Island, es erzählt ein Teenager, der zu der Schicht der schwarzen Sommerfrischler gehört, die in zweiter Generation wohlhabend und etabliert genug sind, dass sie sich Sommerhäuser auf Long Island leisten können.

Sommerfrische der wohlhabenden New Yorker Mittelklasse auf Long Island ist ja ein etablierter Hintergrund in der Fiktion, ob im Roman oder im Film. Doch erst durch Sag Harbor wurde mit bewusst, dass diese etablierten Bilder rein weiß sind, dass Nicht-Weiße darin nicht vorkommen. Genau das ist der Erzählanlass: Sowohl aus der Perspektive des 15-jährigen Benji als Ich-Erzähler als auch mit der Reflexion des Erwachsenen Ben wird uns weißen Normmenschen beschrieben, was wir bislang übersehen haben. Dass es in den 80ern eine gebildete schwarze Schicht mit Wohlstand gab, dass Rassismus und Bürgerrechtsaktivismus ganz spezielle Auswirkungen auf Familienstrukturen hatten, dass Weiße und Schwarze weiterhin getrennt lebten, aber auch, dass solch ein Sommer auf Long Island unter Teenagern eben die Mechanismen und Codes mit sich trug, die dieser Lebensabschnitt produzieren kann.

Ich fand viele Aspekte dieser Zeit und dieser Familien nahbar und nachvollziehar beschrieben: Zum Beispiel den Job, den Benji im örtlichen Eisladen als Waffelbäcker hat, die Unberechenbarkeit des despotischen Vaters und die Reaktion der Kinder, die Machtverschiebung in der Jungsgruppe durch Autobesitz.

Die Rezeption in unsere Lesegruppe ging auseinander, es gab auch Stimmen, die ein Sommer auf Long Island in den 80ern einfach nicht interessierte.

Draußen blieb es regnerisch und unangenehm. Mit Herrn Kaltmamsell verbrachte ich den Abend vor dem Fernseher: Wir guckte That’s Entertainment Part 2 von DVD an.

§

„Schwangerschaft im sozialen Wandel
‚Eine Frau soll keinen Mann brauchen müssen, um ein Kind zu gebären'“
.

Politikwissenschaftlerin Antje Schrupp spricht über ihr neues Buch, in dem sie unsere impliziten gesellschaftliche Vereinbarungen rund um Schwangerschaft betrachtet sowie ihre Wurzeln und Auswirkungen. Sie stellt Gegenvorschläge zur Diskussion.

§

„Konflikte in der LGBTI-Community
Der alte weiße Schwule versteht die Welt nicht mehr“.

via @niggi

Interessanter historischer Abriss der Befreiungsbewegung von Schwulen und Lesben in Deutschland – die zum Teil sehr unabhängig voneinander verlief.

die Kaltmamsell

9 Kommentare zu „Journal MittwochDonnerstag, 15. August 2019 – Zurück im Olympiabad und Colson Whitehead, Sag Harbor

  1. Frau Klugscheisser meint:

    Donnerstag! (klugscheissmodus off)

  2. die Kaltmamsell meint:

    Tse, Frau Klugscheisser, dieses Jahr schon das mindestens zweite Mal – danke für den Hinweis.

  3. Sandra meint:

    Das Interview zur Schwangerschaft lässt mich staunen, wie verbittert man das Thema betrachten kann. Ich frage mich, in welchen Kreisen die Wissenschaftlerin verkehrt. Ich kenne viele Mütter und Schwangere, die als Paar (meist verheiratet) Schwangerschaft und Kinderkriegen als wunderschöne Aufgabe empfinden. Ich kenne Zufallsbekanntschaften nicht und meine aber, wer diese pflegen kann, der muss auch Verantwortung für Konsequenzen übernehmen. Der Vater ist dann aus meiner Sicht der Vater und das mit allen Rechten und Pflichten. Ein Kind möchte wohl immer seine Herkunft kennen und es ist nicht Entscheidung eines anderen, ob es seinen Vater kennenlernt oder nicht.
    Das klassische Modell hat jedenfalls in meinem Umkreis weder auf dem Land, noch in der Stadt, ausgedient. Mein gesamter Bekanntenkreis macht brav alle Stationen durch: Jahrelange Beziehung, Hochzeit, Eigentum, Kinder. Da wir bisher leider noch kein Kind haben, sind wir schon beinahe Außenseiter und es beunruhigt mich, dass dies vielleicht so bleiben könnte. Kinderlos ist man auch im Rhein-Main-Gebiet in den 80er-Jahrgängen derzeit offensichtlich ein Exot.

  4. Berit meint:

    Das Interview mit Frau Schrupp hinterlässt bei mir nur Fragezeichen und einen leichten Würgereiz.

    Männer sollen sich der Vaterschaft entziehen können wenn sie keinen Bock darauf haben… Und wieder mal bleibt dann die gesamte Sorge- und Planarbeit bei der Schwangeren. Die entscheiden muss ob sie das Kind behält und wenn ja wie sie es versorgt.

    Ach ja frau hätte ja die Option das Kind zur Adoption freizugeben, wie den Hund den man zu Weihnachten schenkt und auf den man dann keinen Bock mehr hat.

    Nein, sorry, das geht für mich alles gar nicht.

    Jeder Mann der Sex hat, weiß was im Ernstfall passieren kann und sollte die Konsequenzen für sein Verhalten tragen. Eher sollte man bestärken das Kinder beim Vater besser aufgehoben sein könnten als bei der Mutter ohne diese zu stigmatisieren und einfach zugängliche Hilfen für diejenigen Eltern anbieten die ungeplant schwanger geworden sind und mit der Situation überfordert sind. Haushaltshilfen für die ersten Monate, Sozialarbeiter und Hebammen wären wesentlich hilfreicher und würden ALLEN Eltern nützen.

  5. Bobbie meint:

    Mich befremdet Antje Schrupps Beitrag sehr! und Sandra und Berit sprechen mir aus der Seele. Crazy. Und sehr traurig.Bobbie

  6. Trulla meint:

    @Sandra, Berit, Bobby

    Frau Schrupp hat doch gar nichts gegen das klassische Modell gesagt, wenn es funktioniert und gewollt ist. Bitte den letzten Absatz aufmerksam lesen!
    Es geht doch darum, Lösungswege zu finden bei anders gearteten “Beziehungen“ mit Folgen und da bin ich ganz bei ihr. Kinder sind unsere Zukunft, ein gutes Aufwachsen müsste ihnen allen gewährleistet sein, u.a. auch weil es von allgemein gesellschaftlichem Interesse ist. Da sollten wir uns lieber nicht darauf verlassen, dass aus Erzeugern verantwortungsbewusste Väter, aus ungewollter Schwangerschaft begeisterte Mütter werden. Hier gilt es, rechtzeitig Möglichkeiten zu bieten, was spricht dagegen? Die Folgen von Versäumnissen fallen schließlich später in unterschiedlichen Ausprägungen auch zu Lasten der Allgemeinheit an.

    Das Anrecht der Kinder auf Daten der leiblichen Eltern sollte jedoch immer festgeschrieben sein.

  7. Nina meint:

    Danke für den Kommentar, @Trulla. Es geht Antje Schrupp ganz offenbar nicht darum, Männern einen Freibrief für konsequenzloses Vögeln (Pardon my French!) auszustellen, sondern darum, Care Work neu zu denken, inkl. aller gesetzlicher und politischer Rahmenbedingungen. Angesichts von zahlreichen von Armut bedrohten Alleinerziehenden (in der Regel Frauen) und Familienkonstellationen, denen eine Vielzahl rechtlicher Hürden in den Weg gelegt werden, finde ich das ehrlich gesagt, wirklich an der Zeit!
    Ich lebe z. B. nicht in einer traditionellen Blase auf dem Land (und, ganz nebenbei, auch auf dem Land gibt es ganz andere, nicht-traditionelle Blasen), sondern in einer Großstadt inmitten eines Freundeskreises aus queereen Familien und Hetero-Patchworkfamilien, und es ist wirklich höchste Zeit, dass das Abstammungsrecht geändert wird. Mein Sohn hat z. B. keinen eingetragenen Vater, weil wir (der Spender und ich) beide nicht wollten, dass der Spender eine offizielle Rolle übernimmt. Meine Ex ist die andere Bezugsperson und wir verstehen uns alle prima und haben ein tolles Familienleben, aber sie hat keinerlei Rechte, weil ich sie heiraten müsste, damit sie das Kind „stiefkindadoptieren“ könnte. Das möchte ich nicht, weil wir eben kein Paar mehr sind. Also hat mein Sohn jetzt eben nur ein offizielles Elternteil, was ja die denkbar schlechteste Lösung für alle Beteiligten ist. Und solche Konstellationen wie meine, gibt es ja tausendfach. Es ist immer wieder sehr verletzend und macht wütend, wenn solche Fragen und neue Denkansätze dazu, bei Menschen, die bisher alle Privilegien auf ihrer Seite haben, „Würgereiz“ auslösen.
    Ich für meinen Teil bin hochgespannt auf Frau Schrupps Buch, deren kluge Arbeit ich bisher immer sehr geschätzt habe.

  8. kecks meint:

    Danke für die klar stellenden Kommentare zu Antje Schrupps Ideen. Es ist erstaunlich, wie sehr sich Mehrheitsmodelle lebende Menschen durch die mögliche Gleichstellung anderer Lebensmodelle bedroht zu fühlen scheinen.

  9. Berit meint:

    Interessant wie unterschiedlich anscheinend die Lesarten des Artikels sind.

    Es geht mir nicht darum das alternative Familienformen nicht unterstützenswert sind und auch für diese Gesetzesformen geschaffen werden müssen, die es ermöglichen eben zb nur eine Samenspende zu tätigen ohne das dies rechtliche Konsequenzen für den Mann hat, weil sich vorher ALLE auf diesen Konsens geeinigt haben.

    Wenn dies das Anliegen von Fr Schrupp ist, dann immer her damit, jedoch mischt sie dies in ihrem Artikel eben auch mit Beispielen bei denen der Erzeuger sich einfach aus der Verantwortung zieht weil er eben einfach keine Lust hat. Ich empfinde das einfach als unsauber / ungünstig argumentiert oder editiert.

    Das die derzeitige Familienpolitik längst nicht mehr zeitgemäß ist, merkt man schon wenn man wie ich zwar eine klassische Vater – Mutter – Kind Familie hat aber einfach nicht verheiratet ist. Allein deshalb stehen uns viele Steuervergünstigungen nicht zu. Hier wäre es schön wenn die Vergünstigung einfach davon abhängig gemacht wird, das ein bestehender Haushalt mit Kind gesonderte Ausgaben hat,egal in welcher rechtlichen Beziehung die Haushaltsparteien zueinander stehen.

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