Journal Montag, 28. Oktober 2019 – Erster Spaghettikürbis

Dienstag, 29. Oktober 2019 um 6:51

Unruhige Nacht, unter anderem weil ich mich sorgte: Die genähte Wunde des kleinen operativen Eingriffs vom Montag wollte nicht heilen. Sie nässte, schmerzte und hatte am Sonntag wieder geblutet – sechs Tage nach Schnitt und obwohl meine Wundheilung sonst überdurchschnittlich schnell ist. Spätestens beim Bluten entschied ich, dass ich damit am Montagmorgen zur verantwortlichen Ärztin gehen würde; Sepsis-Bilder aus Weltkriegsfilmen (das schöne englische Wort gangrene) vor meinem inneren Auge ließen es mir egal sein, möglicherweise wegen Anstellens ausgelacht zu werden.

Ich schickte morgens eine E-Mail ins Büro, um meine Verspätung anzumelden – und sah bei dieser Gelegenheit, dass in meinem Berufspostfach zahlreiche Bomben eingschlagen waren. Auch das kein Gemütsaufheller.

In der Nacht hatte wie angekündigt das Wetter umgeschlagen: Es regnete und war deutlich kühler.

Dieses Motiv läuft auf meinem instagram unter #wazifubo (Wartezimmerfußboden).

Doch in der Artpraxis nahm man mich sofort ernst und schob mich ein (beim Warten hörte ich zwei Angestellte abwechselnd verzweifelt am Telefon und direkt erklären, dass es wegen verschiedener Ausfälle bis Januar keine Termine mehr gebe), die Ärztin war freundlich und geduldig. Ergebnis: „Kein Grund zur Sorge“, „keine Wundinfektion“, „leicht entzündet“, „kein Antibiotikum nötig“. Ich verließ die Praxis beruhigt und mit einem Rezept für Desinfektionsgel. (Am Sonntag hatte ich in Ermangelung von sowas zu Rasierwasser gegriffen. Nein, sehr schmerzempflindlich bin ich wohl wirklich nicht.)

In der Arbeit dann Turbulenzen, doch es ging einiges voran. Mittags nutzte ich zum ersten Mal die im Haus bereitgestellte Mikrowelle: Ich hatte mir vom vorabendlichen Wirsing, Kartoffelpü und Bratwurst mitgenommen, das wäre selbst mir kalt nicht so recht gewesen. Nachmittagssnack war ein Stück Engadiner Nusstorte.

Ich fühlte mich matschig und müde, nachmittags inklusive Kopfweh. Um halb fünf so sehr, dass ich Visionen von Hinlegen untern Schreibtisch hatte. Zumindest strich ich den Fußweg nach Hause, auf dem ich ein wenig einkaufen hatte wollen. Statt dessen setzte ich mich in einen Bus, machte lediglich einen Abstecher zur Apotheke.

Als Nachtmahl verarbeitete Herr Kaltmamsell den Spaghettikürbis aus Ernteanteil. Bei dieser ersten Begegnung hielt er sich an die Anweisung des beiliegenden Newsletters „Kartoffeldruck“: Er halbierte den Kürbis und buk ihn bäuchlings auf Blech im Ofen. Dann lockerte er das Kürbisfleisch zu den namengebenden Streifen, servierte es mit Salz, Pfeffer, Butter, Parmesanspänen.

Ich war sehr fasziniert: Das Kürbisfleisch schmeckte fruchtig-aromatisch und leichter als das von Butternut oder Hokkaido, am besten ließ es sich mit dem Löffel aus der Schale holen, ausgekratzt wurde es spaghettiförmig. Der halbe Kürbis war viel zu viel: Nach langem überfraß ich mich mal wieder, es passte kaum noch Schokolade hinterher.

Ins Bett ging ich sehr müde schon kurz nach neun, las aber noch eine ganze Weile.

§

Wer sich so richtig deprimieren lassen möchte: @derkutter hat sich in einem Twitter-Thread kluge Gedanken zu diesem Punkt gemacht.

U.a.

Während sich die politische Lage in den drei Ländern, die zuletzt gewählt haben, als außerordentlich unterschiedlich herausstellt, gibt es nur eine Konstante: stabile Ergebnisse für eine faschistische Partei, die mittlerweile von rund einem Viertel der Wähler gewählt wird.

und

Diese Betrachtung soll kein Ost-Bashing sein. Einiges spricht dafür, dass die ostdeutschen AfD-Wähler eine Art Türöffner-Wähler sind: Jeder Wähler, der seine Hemmung verloren hat, eine faschistische Partei zu wählen, senkt die Hemmschwelle für jene, die noch nicht so weit sind.

(…)

«Fascism does not need a majority – it typically comes to power with about 40 per cent support and then uses control and intimidation to consolidate that power. So it doesn’t matter if most people hate you, as long as your 40 per cent is fanatically committed.» (Fintan O’Toole)

(…)

Je stärker die AfD wächst, desto normaler wird sie und desto näher erscheint sie der normalitätsbesoffenen Mitte. Und desto ferner und degoutanter erscheint der Mitte die fortgesetzte Ruhestörung derer, die sich als antifaschistisch verstehen. Die sind die neuen Ewiggestrigen.

(Ein vorsichtiger Blick in die Twitter-Kommentare zeigt ein Muster, das die AfD schon lange nutzt: Die Analyse wird als „Hass“ bezeichnet, obwohl nichts daran solcher ist. So wie Gauland am Wahlabend behauptet hat, seine Faschisten hätten ihr Wahlergebnis im Kampf gegen „Hass und Hetze“ errungen. Wieder wird einfach das Gegenteil der Fakten behauptet, eine Taktik, mit der Trump seit Jahren erfolgreich ist.)

die Kaltmamsell

5 Kommentare zu „Journal Montag, 28. Oktober 2019 – Erster Spaghettikürbis“

  1. ingrid meint:

    ich hatte mal richtige grippe. und fühlte mich nachher 3 monate krank. im nächsten winter dann grippeimpfung. danach das gleiche gefühl. 3 monate schlapp ohne krank. für mich nie mehr grippeimpfung. ich hoffe, es trifft sie nicht die gleiche unpässlichkeit.

  2. Norman meint:

    Danke, jetzt habe ich schlechte Laune.

  3. Trulla meint:

    Mein Mann und ich hatten noch nie eine richtige Grippe, vielleicht w e i l wir uns seit ewigen Zeiten dagegen impfen lassen.
    Anschließende Beschwerden kennen wir auch nicht.

    Tja, was sagt das aus?

  4. Hauptschulblues meint:

    @Trulla: Frau H. und H. verfahren ebenso.

  5. Frau Irgendwas ist immer meint:

    Nicht zu unterschätzen wenn eine Wunde nicht heilt und kein Wunder das Sie matschig sind, ihr Körper hat mächtig zu tun … ein fachliches Beäugen und SCHOKOLADE hilft!
    Gute Besserung!

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