Archiv für Februar 2020

Journal Donnerstag, 20. Februar 2020 – Kleine Mutlosigkeit

Freitag, 21. Februar 2020

Keine Zeit für Twitter oder andere Nachrichtenkanäle – so bekam ich erst in der Mittagspause den rassistischen Terroranschlag von Hanau mit.

Ich wohne zwar in München nicht direkt in solch einer Straße, aber in solch einem Stadtviertel, also im südlichen Bahnhofsviertel. Und sehe regelmäßig, wie weiße Menschen, die am Münchner Stadtrand wohnen, bei dieser Information erschauern – aus den ganz falschen Gründen. Eine Bekannte äußerte mehrfach, wie sehr sie mich für meinen Wohnort „bewundert“; sie meinte nicht die höhere Gefahr rassistischer Attentate.

Der dpa-Nachrichtenchef Froben Homburger stellt auf Twitter klar:

Sehr wahrscheinlich nämlich hätte der mutmaßliche Täter mich trotz fettestem Migrationshintergrund übersehen: Ich falle äußerlich nicht in sein Fremd-Schema.

Keine Zeit hatte ich unter anderem, weil ich vormittags wie geplant beim Orthopäden war, vier Wochen nach der Cortisonspritze ins wehe Gelenk. Und neben dem Attentat mit elf Toten verblasste die Genervtheit, weil Dr. Orth2 meine Zustandsbeschreibung (Schlafen gut, Gehen sehr schlecht, Schmerzen an Bein-Vorderseite über Knie bis Knöchel) als Indiz dafür wertete, dass der Ischiasnerv involviert ist und mir weitere Rumpfkräftigungsübungen auftrug (die Dezember/Januar überhaupt nichts gebracht hatten) – auf Nachfrage: ja, auch wenn’s weh tut. Er möchte jetzt den Befund des Neurologen vergangenes Jahr sowie eine Röntgenaufnahme meiner Lendenwirbelsäule, und ich beruhigte mich erst ein wenig, als er erklärte, dass mir doch das ganze neue Hüftgelenk nicht nütze, wenn der Ischiasnerv danach weiter Schmerzen verursache. Er wolle gründlich abklären, welchen Anteil dieser an meinen Beschwerden habe. Dennoch brauchte ich gestern eine Runde Mutlosigkeit.

Ich rief gestern also die Praxis des Neurologen an und eine empfohlene Röntgenpraxis.

Mittags grüne Spitzpaprika und ein Stück Käse, nachmittags ein Stück schwarze Schokolade.

Beim Heimkommen ausführliche Nagelpflege, ich hoffe, dass der neue Nagelhärter langsam mal seinen Job macht.

Zum Nachtmahl bereitete Herr Kaltmamsell auf meinen Wunsch aus Ernteanteil Gelbe Bete und Kresse sowie Orecchiette, Feta, Salzzitrone ein Gericht.

Es schmeckte sehr gut, ich hatte vergessen, wie köstlich Gelbe Bete sind (im Hintergrund Postelein ebenfalls aus Ernteanteil).

Meldung der Ausschüttungs-relevanten Blogposts an die VG Wort abgeschlossen, früh zum Lesen ins Bett.

§

Annette Ramelsberger, die den NSU-Prozess als Berichterstatterin verfolgt hat, kommentiert die Morde von Hanau:
„Bewaffneter Arm der völkischen Bewegung“.

Die Frage ist, warum sich diese Fälle nun so häufen. Die Antwort ist alles andere als beruhigend: Diese Leute schlagen zu, weil sie sich nicht mehr allein fühlen. Jahrelang erlebten sie sich als einsame Wölfe, ihre abseitigen Ideen wurden von ihren Freunden nicht ernst genommen, ihre Familien versuchten, sie zu beruhigen. Nun aber erleben sie, wie das völkische Gedankengut immer mehr in die Gesellschaft eindringt, wie es gesellschaftsfähig wird. Und sie fühlen sich plötzlich nicht mehr als verrückt, verschroben oder allein, sondern als wichtig: quasi als militärischer Arm einer völkischen Bewegung.

Diese Leute spüren, wie die Stimmung umschlägt. Wie rechtsradikales Gedankengut plötzlich auch in den Parlamenten ertönt: Wenn die nationalsozialistische Schreckensherrschaft mit ihren Millionen Toten nur noch ein „Vogelschiss“ der erfolgreichen deutschen Geschichte gewesen sein soll. Wo vom „Denkmal der Schande“ die Rede ist, wenn es um das Mahnmal für die Toten des Holocaust geht. Wenn ständig dazu aufgerufen wird, das deutsche Volk müsse sich wehren gegen demokratische Politiker, die es, wahlweise, ausrotten oder verkaufen oder versklaven wollten, und gegen Ausländer, die angeblich die Vorherrschaft in Europa anstreben – dann fühlen sich rechtsradikale Gewalttäter dazu legitimiert, genau das zu tun: sich zu wehren, mit Waffengewalt.

§

Der gestrige Tag hatte eine kleine Erheiterung dringend nötig. Ich bekam sie mit diesem Bild auf Gofug, das mich sofort an meinen Bruder inmitten der spanischen Verwandtschaft denken ließ. (Es gibt allerdings einen ähnlich hoch gewachsenen spanischen Vetter – der in Deutschland geboren ist.)

Journal Mittwoch, 19. Februar 2020 – Schneeflocken

Donnerstag, 20. Februar 2020

Sehr gut und tief geschlafen, der frühe Wecker riss mich in sekundenlange Orientierungslosigkeit.

Yoga kümmerte sich wieder um meine Hüfte, allerdings in anderem Winkel als am Dienstagmorgen. Da die gestrige Einheit recht kurz war (die Dauer der Filme reicht von 20 bis knapp 30 Minuten) kam ich früh in der Arbeit an – und damit im angenehm Warmen, gestern früh war es frisch.

Gut strukturierbares Arbeiten. Die Gefahr, die mir Montag und Dienstag Angst bereitet hatte, ist vorerst gebannt. Mittags eine Tupperdose voll Kohlrabi und Lauch mit rotem Reis vom Vorabend, davor zwei kleine Ernteanteiläpfel.

Nachmittags sanken mehrfach kleine Schneeflocken an meinem Bürofenster vorbei.

Auf dem Heimweg hielt ich beim Süpermarket für ein paar Einkäufe an: Obst und Zutaten für Oktopussalat.

Für den Abend war ich mit Herrn Kaltmamsell zum Pizzaessen verabredet. Wir nahmen eine U-Bahn in die Maxvorstadt zu einer empfohlenen Pizzeria – deren Pizzen uns nicht begesiterten, aber sättigten.

Herr Kaltmamsell schnuppert nach dem Pizzaduft seiner Kindheit – und findet ihn auch hier nicht.

§

Ozan Zakariya Keskinkılıç fragt nach den ausbleibenden Reaktionen auf die Aufdeckung der rechtsextremen Terrorzelle Gruppe S:
„Muss ich erst getötet werden, damit ihr empört seid?“

Die deutsche Gesellschaft ist vom Feindbild Islam so tief durchdrungen, dass sie Muslime als Opfer gar nicht wahrnehmen kann oder will.

(…)

Das Problem bin nicht ich, sondern der Blick auf Menschen wie mich. Es heißt, Muslime seien undankbare Migranten. Sie würden sich in angeblichen Parallelgesellschaften abschotten, Deutschland unterwandern und „islamisieren“. Wenn ich höre, wie viele sich vom Islam bedroht fühlen und ihre schöne Heimat wegen der ganzen Migranten und Muslime nicht wiedererkennen, dann dreht sich mir der Magen um.

Günaydın, wie man bei uns in Berlin sagt, das hier ist mein Land. Auch meine Interessen und Bedürfnisse verdienen es, Gehör zu finden. Es handelt sich nicht um eine angebliche Islamisierung, wenn Muslime Lehrerinnen oder Richter werden, wenn sie Sendungen im öffentlich-rechtlichen Fernsehen moderieren oder in Wirtschaft und Politik Führungsposten haben. Das nennt man Teilhabe in einer pluralistischen Gesellschaft.

Journal Dienstag, 18. Februar 2020 – Jahrestag der „Eskimotragödie von München“

Mittwoch, 19. Februar 2020

Bei meinem jüngsten Spaziergang über den Alten Südfriedhof stieß ich auf dieses Grab.

„Ruhestätte
der am 18. Februar 1881
verunglückten Künstler“

(Ruheftätte, hihihi)

Das wollte ich genauer wissen, und so entdeckte ich „die Eskimotragödie von München“. Florian Scheungraber, den ich bei seinen Führungen über den Alten Südfriedhof kennengelernt habe, erzählt in dem verlinkten Artikel die traurige Geschichte von der Faschingsveranstaltung in Kil’s Colosseum im Glockenbachviertel, auf der Kunststudenten für ihren Auftritt im damals größten Vergnügungspalast der Stadt Eisbären- und Eskimokostüme aus Jute, weißer Watte und Schafsfell gebastelt hatten. Auf der Bühne standen auch ein Iglu aus Pappmaché und Eisberge aus Gips und Holz, und sie entzündeten auf einer Tonne eine Talgkerze und brieten Heringe darüber. Unglücklicherweise fing ein Kostüm Feuer, das bald auf andere übergriff. Insgesamt neun Menschen starben, von denen sieben auf dem Alten Südfriedhof beigesetzt wurden. 2015 gab’s zum Jahrestag eine „performative Reinszenierung“ von Stefan Lenhart.

§

Eine schlechte Nacht. Nach dem Klogang um halb zwei hielten mich Arbeitsängste wach – diesmal keine, die nur das Unterbewusstsein ohne Vernunftfilter erzeugte, sondern sehr reale, die sich am Montag ergeben hatten. Trotz wattiger Müdigkeit schaltete ich das Licht an und las eine lange Runde, nach der ich wieder einschlafen konnte.

Morgentliche Yoga-Einheit mit viel Hüfte (oder ist Yoga grundsätzlich Hüft-zentriert?) – kein Zusatzdehnen erforderlich. Aber insgesamt belastet mich die gesundheitliche Situation sehr: Die Wahrscheinlichkeit, dass das von selbst wieder weggeht (unterstützt von Gymnastik und Medikamenten) erscheint mir verschwindend. Das ist halt Altersverschleiß in einer Größenordnung, mit der ich noch lang nicht gerechnet hatte. Und ja: Der Hochmut der Bewegungsfreudigen und -tüchtigen spielt dabei eine Rolle.

In der Arbeit ziemliche Konzentrationsprobleme, dennoch etwas weggeschafft. Mittags Laugenzöpferl, Käse, Ernteanteiläpfel. Dank höhenverstellbarem Tisch konnte ich feststellen, dass die Schmerzen im Sitzen anders waren als im Stehen, Gehen war nur langsam trippelnd möglich. Nach der Arbeit ohne Umwege heimgefahren, schnell umgezogen und noch eine halbe Stunde medizinische Hüftgymnastik absolviert.

Herr Kaltmamsell machte aus den letzten Ernteanteilstücken Kohlrabi und Lauch Abendessen, servierte das Gemüse in Sahnesoße und mit rotem Reis. Danach Süßigkeiten.

§

Laurie Pennys Artikel „Is Patriarchy Too Big to Fail?“, den ich vergangene Woche verlinkte, ist jetzt beim „Freitag“ in deutscher Übersetzung erschienen:
„Wir sind Geiseln“.

Tatsächlich ist die größte Bedrohung, die vom Liberalismus ausgeht, seine unbeirrbare Annahme, dass „anständige“ Menschen, die alle Fakten kennen, das Richtige tun werden. Präsidenten stehen nicht allein vor Gericht. Die Politik steht neben ihnen auf der Anklagebank, hampelt herum und versucht zu erklären, wie um alles in der Welt das geschehen konnte. Diesmal haben Trumps Verteidiger nicht einmal versucht, so zu tun, als ob er sich nicht mit ausländischen Mächten verbündet hätte, um seinen Wahlkampf zu unterstützen.

(…)

Das Wort „Privileg“ setzt sich aus dem lateinischen „lex“, Recht, und „privus“, gesondert, zusammen. Es meint ein Sonderrecht – man kann die Regeln nach eigenem Gutdünken umformulieren oder schamlos ignorieren. Wo Privilegsysteme robust sind, sind Korruption, Missbrauch und sexuelle Gewalt keine Entgleisungen. Es sind Verstärker. Trump und Weinstein verstanden sich als unantastbar und wurden so behandelt. Die Machtprobe besteht darin, zu schauen, mit wie viel man durchkommt.

(…)

Die Gesetze, die nötig sind, um Trump und Weinstein hinter Gitter zu bringen, sind lange in Kraft und die Beweise leicht hervorzuholen. Was fehlte, war der politische Wille, diese Gesetze durchzusetzen. Männer wie Weinstein und Trump haben herausgefunden, dass neun von zehn Menschen in neun von zehn Fällen wegschauen werden, wenn sie mit einem Laster voller weißen Selbstvertrauens durch die Regeln brettern. Sie schauen nicht weg, weil sie die Regeln nicht mögen, sondern weil sie wollen, dass die Dinge geregelt bleiben.

Die meisten Menschen wollen an der Idee einer gerechten Welt festhalten. Sie wollen glauben, dass das Einverständnis der Regierten immer noch wichtig ist, also versuchen sie, es im Nachhinein zu erteilen. Für sie sind die genannten Verbrechen so gewaltig, dass sie das Sicherheitsgefühl untergraben; so groß, dass sie nicht als Verbrechen gelten dürfen. Das ist eine Art von Unschuld, die wir uns nicht mehr leisten können.

§

Es gibt wieder ein Techniktagebuchbuch!
„Außen WLAN-Symbole, innen Enttäuschung:
Sechs Jahre Techniktagebuch“.

Das Buch enthält 6975 Beiträge von 500 Autorinnen und Autoren. In diesem Jahr wurde es besonders eilig hergestellt und deshalb noch weniger korrekturgelesen als in den Vorjahren. Wenn Sie auf Seite 10.734 einen empörenden, unübersehbaren Fehler finden, liegt das daran, dass Sie ziemlich sicher der erste Mensch sind, der diese Seite betrachtet – ganz wie ein Himmelsbeobachter, der einen neuen Planeten in sein Blickfeld schwimmen sieht!

Der verlinkte Artikel von Kathrin Passig enthält die Möglichkeiten des Downloads – wie bisher schon die unbekürzte Ausgabe als PDF kostenlos, die Best-of-2019-Ausgabe als epub für 2,99 Euro (die Einnahmen spenden wir einvernehmlich ans Internet Archive, weil eine Verteilung an die Autorinnen und Autoren oder sonstwie Investition ins Projekt viel, viel zu umständlich wäre).

Journal Montag, 17. Feburar 2020 – Solidarisches Olivenöl aus Lesbos

Dienstag, 18. Februar 2020

Unruhiger Abschluss der Nacht, wie gut, dass ich mich beim Weckerklingeln auf Yoga freuen konnte.

Die gestrige Einheit hatte explizit die Hüfte als Ziel, ich war sehr gespannt, wie das würde. Ergebnis: Sehr unsymmetrisch wurde das, weil die wehe Seite nur ein Drittel so weit dehnen konnte wie die unwehe. Ich sehe es als Symptom von Arthrose und Entzündung, dass ich beim Dehnen rechts keinen Fortschritt sehe: Jeden Morgen fange ich von vorne an.

Radeln in die Arbeit durch Frühlingsmilde. Überm Bavariapark erst drei Kormorane, dann zwei Enten im Flug.

In der Arbeit Besprechungen, Arbeit und Tumulte. Mittags Kartoffelsalat und ein Fleischpflanzerl vom Samstagabend, nachmittags Granatapfelkerne.

Ich entdeckte, dass ich mich von einem Paar Schuhe verabschieden musste.

Das Leder sah schon lang nicht mehr schön aus, und für einen Erhalt müsste das gesamte untere Drittel des Schuhs ersetzt werden – das ist es nicht wert.

Nach der Arbeit radelte ich durch leichten Regen einen kleinen Umweg, um Olivenöl abzuholen. In unserer Anbaugenossenschaft Kartoffelkombinat hatte es Ende vergangenen Jahres eine Sonderaktion gegeben: Wir konnten Bio-Olivenöl aus einer Solidarischen Landwirtschaft auf Lesbos bestellen. Jetzt war es da.

Ich hatte mich sehr über die Gelegenheit gefreut: Zum einen liebe ich gutes Olivenöl, wir verbrauchen davon eine Menge. Zum anderen weiß ich, dass viele schöne und einfallsreiche landwirtschaftliche Projekte am Vertrieb scheitern: Klasse handwerklichen Käse herzustellen, ausgefallene Körner anzubauen, einen alteingesessenen Olivenhain wiederzubeleben ist das eine – aber erreichen die Produkte die möglichen vielen interessierten Käuferinnen und Käufern? Platanenblatt.de unterstützt die gebeutelte Insel Lesbos durch die Verbindung von Solidarischer Landwirtschaft mit Wiederbelebung alter landwirtschaftlicher Gemeinschaftsstrukturen.

Für eine Verkostung warte ich aber noch auf ein schönes Stück Brot, gestern gab es den zweiten Teil Skifahrsuppe (davor Brandy Alexander, danach viel Süßkram).

§

Schwesterfraudoktor, die ich seit einigem Wochen mit Vergnügen lese, schreibt über Stuhl und unterdrückt dabei nur jeden zweiten scheiß Witz zum Thema:
„Im Stuhl vereint“.

§

Eine hervorragende Menschenfotografin erzählt:

Oft verändert sich etwas, sobald ich die Kamera anhebe; eben habe ich noch einen entspannten Menschen vor mir, dann kommt die die Kamera dazu – und Zack – ist alles anders: Keiner mehr Zuhause. Eine Kamera ist imstande, Menschen von sich selbst wegzutreiben, sie verlassen quasi fluchtartig ihr eigenes Gebäude und es braucht Zeit bis sie wieder zurückkehren.

Smilla Dankert hat auch Tara fotografiert und gesprochen:
„Präsenz“.

§

Wichtige Gedanken zu Feminismus von Helen Lewis im Guardian:
„Fighting the tyranny of ‘niceness’: why we need difficult women“.

via @lyssaslounge

All this is edging towards the same idea, an idea that is imprinted on us from birth: that women are called unreasonable, selfish and unfeminine when they stand up for themselves. “I myself have never been able to find out precisely what feminism is,” wrote Rebecca West in 1913. “I only know that people call me a feminist whenever I express sentiments that differentiate me from a doormat, or a prostitute.”

Bitte gesteht Frauen Komplexität zu, gesteht Feministinnen Komplexität zu.

I’m not talking about being rude, thoughtless, obnoxious or a diva. First of all, difficult means complicated. A thumbs-up, thumbs-down approach to historical figures is boring and reductive. Most of us are more than one thing; no one is pure; everyone is “problematic”. Look back at early feminists and you will find women with views that are unpalatable to their modern sisters. You will find women with views that were unpalatable to their contemporaries. They were awkward and wrong-headed and obstinate and sometimes downright odd – and that helped them to defy the expectations placed on them. “The reasonable man adapts himself to the world: the unreasonable one persists in trying to adapt the world to himself,” wrote George Bernard Shaw in 1903. “Therefore all progress depends on the unreasonable man.” (Or, as I always catch myself adding, the unreasonable woman.)

Lewis analysiert auch die Gefahr, weibliche role modells als eindimensionale Heldinnen zu portätieren.

The real Coco Chanel was clever, prejudiced, talented, cynical – and interesting.

Was passiert, wenn man ständig die Komplexität wegbügelt:

It creates a story of feminism where all the opponents are either cartoon baddies or mysteriously absent, where no hard compromises have to be made and internal disagreements are kicked under the carpet. The One True Way is obvious, and all Good People follow it. Feminists are on the right side of history, and we just have to wait for the world to catch up.

Life does not work like that.

(…)

Feminism will always be difficult because it tries to represent half of humanity: 3.5 billion people (and counting) drawn from every race, class, country and religion. It is revolutionary, challenging the most fundamental structures of our society. It is deeply personal, illuminating our most intimate experiences and personal relationships. It rejects the division between the public and private spheres. It gets everywhere, from boardrooms to bedrooms. It leaves no part of our lives untouched. It is both theory and practice.

(…)

Feminism will never be free of infighting, of personality clashes and contests over priorities. It will never be perfect, or nice. But no wonder sexists and reactionaries are scared of it, because – by God, can it get things done

Journal Sonntag, 16. Februar 2020 – Medizinische Hüftgymnastik und Jojo Rabbit

Montag, 17. Februar 2020

Nach der täglichen Einheit Yoga war noch Zeit für medizinische Hüftgymnastik (wo ich ja nicht mehr Joggen kann, buhu). Ich orientierte mich an der Bewegungstherpaie des Uniklinikums Dresden und spielte einmal das Grundprogramm durch – dauerte eine knappe Stunde. Ganz erstaunlich, wie viele Bewegungen auch des linken Beins durch die wehe rechte Hüfte eingeschränkt sind.

Auf der Website der Dresdner Uniklinik finde ich die medizinischen Informationen rund um Hüftarthrose auch besonders sorgfältig und ausführlich sortiert und aufbereitet (es wird auch auf para-medizinische Methoden eingegangen, auf Ernährung und auf aktuelle Diskussionen in den Medien). Ich las mich gestern einmal komplett durch.

Luxusfrühstück:

Porridge mit Joghurt, Mandarinen und Orangenmarmelade.

Draußen kam immer wieder die Sonne heraus, auf unserem Balkon strecken die Rosenfest-geschenkten Hasenglöckchen schon seit Mitte Januar ihre grünen Triebe aus.

Am frühen Nachmittag radelte ich durch die milde Frühlingsluft ins Cinema, Mütze oder Handschuhe unnötig. Ich sah Jojo Rabbit. Erst hatte mich der Film überhaupt nicht interessiert, dann las ich auch noch, dass Drehbuch und Regie von Thor-Regisseur Taika Waititi sind und es sich um eine Hitler-Satire mit Kindern handeln sollte – ich hatte mir absolut nicht vorstellen können, dass das funktioniert. Doch dann bejubelten auf Twitter Menschen den Film, von denen ich mir das ebenfalls nicht hatte vorstellen können, und ich sah Interviews mit Taika Waititi.

Heute fand ich heraus: Ja, das funktioniert tatsächlich. Die Satire ist over the top, ohne in Klamauk zu kippen. Schon beim Hitlerjugend-Lager am Anfang des Films lachte ich schallend – es wird nämlich sofort klar, dass es nicht um historische Korrektheit geht, Sam Rockwells Hauptmann Klenzendorf tritt durch und durch heutig amerikanisch auf. Scarlett Johannson als Mutter des Hitlerjungen Johann, der sich vor lauter Nazi-Begeisterung Adolf Hitler zum unsichtbaren Freund ausgesucht hat, ist allein schon den Film wert, Komik auch durch die wilde Mischung von deutschem und britischem Akzent der Besetzung (britisch zum Beispiel ganz hinreißend bei Jojos bestem Freund Yorki). Witzig auch der Einsatz der Musik: Von Beatles „Komm gibt mir deine Hand“ unter den HJ-Lager-Vorbereitungen am Anfang (dazwischengeschnitten Jugendjubel-Bilder aus dem Dritten Reich) bis zu David Bowie „Helden“ unterm Abspann.

Der Film ist eine wilde Mischung aus Ernst Lubitsch und Wes Anderson mit einer Prise Mel Brooks – what’s not to like?

Daheim eine Portion Käse mit Quittengelee – so mächtig Porridge auch füllt, bei mir hält es nie lang vor (liegt vielleicht an der Zubereitung mit Wasser, die ich am liebsten mag?). Internet- und Zeitungslektüre. Zum Nachtmahl kochte Herr Kaltmamsell auf meinen Wunsch und weil das viel Ernteanteil nutzte die Brüllen’sche Skifahrsuppe (Wurst war eine Kabanossi: für mich die Standard-Eintopfwurst, doch Herr Kaltmamsell kannte sie vor mir nicht mal).

Schmeckte sehr gut, ich musste mich vor Überfressung zügeln.

Journal Samstag, 15. Februar 2020 – Kissentest

Sonntag, 16. Februar 2020

Ausgeschlafen, Kartoffeln für Kartoffelsalat aufgesetzt, Kartoffelsalat fürs Abendessen gemacht.

Die Yoga-Runde war lustig: Gleich die ersten Bewegungen im Sitzen erforderten vor allem Hüftflexibilität – nope, nix dergleichen. Mein Körper veränderte seine Haltung also nur um wenige Zentimeter, im Geiste aber war ich so verdreht wie Adriene.

Als ich zum Olympiabad radelte, war der Himmel noch trübe, begann aber schon aufzureißen. Ich schwamm gemütlich 2.500 Meter und verkniff mir vernünftigerweise mehr. Unter der Dusche erinnerte ich mich, warum ich diesen doch eigentlich besonders schönen Badeanzug nie trage: Irgendwas an ihm scheuert die Innenseiten meiner Oberarme wund. Deshalb zum Merken:

Daheim frühstückte ich Käse, Nudelreste vom Vorabend sowie Granatapfelkerne mit Joghurt und Mohn. Dazu teilte ich mir mit Herrn Kaltmamsell eine große Kanne Lapsang Souchong – leider werde ich in der Teekenner-Hölle schmoren: Ich liebe Lapsang SÜSS!

Es war mittlerweile sonnig und warm geworden, ich ging raus für eine Besorgung.

Der Nußbaumpark präsentierte die große Krokusshow.

Meine Besorgung war ein orthopädisches Nackenkissen. Da sich in letzter Zeit mein beengter Nackennerv meldet und möglicherweise bei all den Körperturbulenzen mitspielen will, wollte ich mein Kopfkissen upgraden. Von einer befreundeten Bloggerin holte ich mir Erfahrungswerte und den Tipp, zum BettenRid zu gehen (mir war kein großes Sanitätshaus in der Innenstadt eingefallen, dem ich genügend Auswahl zugetraut hätte). Der Tipp war ein Volltreffer: Ich hatte schon den Weg zur Theatinerstraße eingeschlagen (wo ich vor zwei Jahren Herrn Kaltmamsell ein neues Kissen gekauft und mich sehr gut aufgehoben gefühlt hatte), als mir einfiel, dass der BettenRid in der Neuhauserstraße möglicherweise größer war. Dort wurde ich auf meine Frage nach Nackenkissen mit dem Hinweis „Ich hoffe, Sie haben Zeit mitgebracht“ ins Untergeschoß geschickt. Eine umfassend bewanderte Angestellte ließ mich unter den zahlreichen Probebetten eine Matratze aussuchen, deren Härtegrad meiner daheim entsprach, fragte mich nach Details meiner Schlafgewohnheiten und reichte mir mit Erläuterungen Kissen an, die ich testete. Dabei saß sie auf einem Nebenbett und gab durch, wie die Linie meiner Halswirbelsäule aussah. Ich kam verhältnismäßig schnell zu meinem Idealkissen – und war mal wieder froh und dankbar, dass ich mir diesen umfassenden Service und diese Beratung leisten kann, der sich nachvollziehbarerweise im Produktpreis niederschlägt. (In absehbarer Zeit stehen bei mir neue Matratzen und wahrscheinlich Lattenroste an – ich weiß schon, wen ich dafür ansteure.)

Heimgetrippelt. Wie gerne ich zu Fuß gehe, wusste ich zwar schon früher. Doch jetzt, wo ich es fast nicht kann, wird mir das noch klarer.

Den Nachmittag mit Internet- und Zeitunglesen verbracht.

Zum Abendessen machte ich Fleischpflanzerl zum Kartoffelsalat, seriverte mit Mahrsbräu aU, das mir eine Freundin direkt aus Bamberg mitgebracht hatte (hier in meinem Lieblingskrug, der leider selten zum Einsatz kommt, weil ich selten Bier trinke, daheim noch seltener).

Dazu lief im Fernsehen Grüne Tomaten von 1991. Erst jetzt fiel mir auf, wie unpassend Idgie ausgestattet war: Diese Frisur und die Kleidung waren 100 Prozent 1980er. Die asymetrische Dauerwelle! Der breite Gürtel, der die Hose in Sack-Silhouette zusammenhält! Das Holzfällerhemd! Die Weste! So lief nicht nur ich Ende der 80er herum (minus Dauerwelle).

§

Eine sehr bittere Geschichte übers Dicksein – angeblichem und echtem – bei Frische Brise. Mit vorerst Happy End.
„Mein Weg“.

(Manchmal vermute ich, dass mich vor diesem Weg nur die fehlenden Schwangerschaften bewahrt haben.)

§

Ich kenne niemand, die so begeistert über ihre Irrtümer schreibt, wie Kathrin Passig. Hier unterhält sie sich mit Hanna Engelmeier über ihrer beiden früheren Frauenfeindlichkeit:
„Gemischte Gefühle, gemischte Zustände“.

Weil man aber nur aus dokumentierter Blödheit etwas lernen kann, gibt es diesen Text.

(Ich bin überzeugt, dass Albernheit fruchtbares Nachdenken befeuern kann.)

K: Ich weiß gar nicht, ob ich das überhaupt bin, eine Frau. Ich habe das neulich mal mit Aleks besprochen, Anlass war, dass jemand, der einen Eintrag in Aleks’ Badetagebuch-Blog gelesen hatte, bei Twitter fragte: “Wieso weiß ich nach einem Satz, dass da eine Frau schreibt?” Ich habe ihm dann angeboten, dass er meinetwegen auch gern offiziell eine Frau sein kann, jetzt, wo es alle wissen, aber er wollte nicht: Er sei sich eigentlich ziemlich sicher, keine Frau zu sein. Auf die Frage, woran er das merkt, wusste er allerdings auch keine Antwort: “Vermutlich einfach Gewohnheit.” Aleks Scholz, Mann aus Gewohnheit. Auf seine Rückfrage, woher ich denn wüsste, dass ich eine Frau bin, sagte ich: “Ich fürchte, ich bin ungefähr so eine Frau wie du. Ich plane, demnächst löten zu lernen, dann wird man es noch weniger wissen. Außerdem beweist mein YouTube-Verlauf ja wohl alles, da geht es nur um alte Männer, die aus einem Wald und einem Schweizer Taschenmesser ein Haus bauen.”

Ich bin immer noch nicht fertig mit Kopfschütteln darüber, wie lange ich „Frauendinge“ verachtet habe: Gespräche über Handtaschen, Schminke etc. – weil ich internalisiert hatte, dass weiblich Markiertes minderwertig ist (Autodetails, Modelleisenbahnen oder Freizeitsportausstattung interessierten mich ja auch nicht, doch ich verachtete die Themen nicht.)

§

Yes please.

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https://youtu.be/TcPk2p0Zaw4

Journal Freitag, 14. Februar 2020 – Yogatränen

Samstag, 15. Februar 2020

Am Donnerstagabend war ich tatsächlich mit Vorfreude auf die Yogarunde am nächsten Morgen zu Bett gegangen.

Gut geschlafen, aber ich ahnte bereits beim Aufstehen, dass ich die wehe Hüfte am Vorabend überansprucht hatte mit all dem hastigen Gehen durch die Wohnung bei der Vorbereitung auf die Gäste.

Es war eine anstrengende Runde Yoga with Adriene. Nicht nur ging’s ordentlich in die Hüfte: Das erst Mal zeigte Adriene etwas für Anfängerinnen sicher nicht Nachmachbares.

Asana Crow Pose.

Was mich so offen und bereit macht, ihr auch zur nicht-physischen Seite von Yoga zu folgen: Immer wenn Adriene dazu einen Gedanken äußert, ein Konzept benennt, betont sie „Whatever that means to you“. Und so hatte ich gestern bereits zum dritten Mal nasse Wangen (immer derselbe Auslöser, wenn das so weitergeht, werde ich mich am End‘ noch damit auseinandersetzen müssen).

Radeln in die Arbeit unter grauem Himmel. Es war ein wenig milder geworden, aber immer noch windig, viele Wolken und ein wenig Sonne wechselten einander ab, hin und wieder ein Regenduscher.

Zu Mittag gab’s eine Portion des Friedrichshainer Wintersalat vom Vorabend, nachmittags die beiden Orangen, deren Schalen ich für den Bohnen-Zuckerschoten-Salat verwendet hatte.

Pünktlicher Feierabend, ich radelte für Besorgungen in die Einkaufsstraßen der Innenstadt. Unter anderem wollte ich doch wieder Nagelhärterlack. Nachdem ich ein Jahr lang nur farblosen Unterlack und Überlack verwendet hatte, weil die doch auch die Funktion Nägelzusammenpappen erfüllen, blättern manche meiner Fingernägel derzeit sogar Richtung Nagelmitte – so kurz ich sie auch halte (verschmerzbare Folge der Wecheljahre, nehme ich an). In der Kosmetikabteilung des Kaufhofs am Marienplatz wurde ich freundlich beraten und versorgt, jetzt hoffe ich auf Besserung.

Außerdem besorgte ich Pralinen beim Clement in der Hackenstraße. An dem Laden laufe ich regelmäßig vorbei, und gestern fiel mir ein, dass mir jemand hier im Blog die Produkte empfohlen hatte. Es gab sie zum Dessert nach Pasta in Gemüsoße und mit Salat: Ganz hervorragend gemacht, allerdings die neumodische Art Pralinen mit vor allem crazy Zusammenstellungen (Blaubeeren-Mohn, Yuzu, Bananenmarzipan etc.) – ich merke, dass ich die altmodische Art der verschwundenen Confiserie Rottenhöfer bevorzuge.

§

Jana Hensel in der Zeit:
„Wiedervereinigung:
Lasst die Party ausfallen!“

via Buddenbohm und Söhne

Ja, die Ostdeutschen haben die Wiedervereinigung mehrheitlich gewollt. Sie haben dem Kohlschen Versprechen der blühenden Landschaften großen Glauben geschenkt. Sie wollten, wie gesagt, so schnell wie möglich über denselben Wohlstand wie die Westdeutschen verfügen. Aber sie haben sich eben auch geirrt. Sie sind ihren eigenen Träumen aufgesessen. Das ist eine bittere und tragische Wahrheit, sie ist Teil unserer Geschichte. Es macht aus ostdeutscher Perspektive keinen Sinn, diesen Irrtum zu leugnen. Aber es macht aus westdeutscher Perspektive auch keinen Sinn, ihn den Ostdeutschen immer wieder vorzuhalten. Und damit alles, was danach passierte, zu entschuldigen zu versuchen.

(…)

Ich weiß nicht, ob die Wiedervereinigung wirklich hätte besser laufen können, ich bin mir nicht einmal sicher, ob das 30 Jahre später noch die entscheidende Frage ist. Aber ich bin fest davon überzeugt, dass wir uns den damaligen Verlauf der Ereignisse so ehrlich wie möglich und gern auch schonungslos erzählen müssen.

Was ich beschämt immer wieder gestehen muss: Ich habe Anfang der 90er nicht hingeschaut, ofwohl ich täglich die Süddeutsche ins Haus bekam. Doch in dieser Zeit war ich beschäftigt mit leidenschaftlich Studieren und dann leidenschaftlich Verliebtsein. Als Zeitzeugin der Wiedervereinigung tauge ich nicht.


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