Journal Donnerstag, 13. Februar 2020 – Auf den Spuren von Marieluise Fleißer / Ali Smith, Autumn

Freitag, 14. Februar 2020 um 6:17

Die letzten Stunden vor Weckerklingeln schlecht geschlafen, aber derzeit sind meine Schlafvorräte ja gut gefüllt.

Yoga diesmal im Stehen. Dafür schob ich dann doch meine Matte zur Seite: Ich habe keine Yogamatte, sondern eine zwei Zentimeter dicke Gymnastikmatte aus weichem Schaum, die das Krafttraining erfordert. Bei so mancher Yoganummer darauf merkte ich, wie wacklig diese Unterlage ist – sicher gut für die tiefe Muskulatur zur Stabilisierung. Gestern konzentrierte ich mich lieber auf andere Details und stand barfuß auf dem Riemchenparkett (dessen Holz ich mir beim Thema „Ground“ bewusst machte). Anschließend Hüftdehnung auf dämpfender Matte.

Mittags Schmalzbrot, nachmittags zwei Orangen. Auf dem Heimweg kaufte ich noch Brot – der Kunde vor mir in der Bäckerei war ein kleines Kind, so richtig mit Bestellen und auf Nachfragen der Verkäuferin antworten, Geld rüberreichen, Wechselgeld nehmen (Letzteres erst auf Ermahnung der Verkäuferin) – das alles zwar, wie ich bemerkte, unter den Augen der Mutter, die an einem der Cafétische saß, ich freute mich aber trotzdem.

Daheim bereitete ich noch Buschbohnen-Zuckerschoten-Salat zu und deckte den Tisch, dann kam die Leserunde. (Der Butterscotch Pudding war nicht sturzfest geworden, ich servierte ihn als Creme-Blob mit der Salzkaramell-Soße.)

Wir sprachen über Ali Smith, Autumn. Ich hatte den schmalen Roman gern gelesen, die Geschichte der nicht mehr ganz jungen Frau, die im frischen post-Brexitreferendum Großbritannien einem greisen Mann im Pflegeheim vorliest: Er war als schon alter Mann der Begleiter einiger ihrer Kindheitsjahre mit seiner Begrüßungsfrage „What are you reading“ und seinen Beschreibungen von Kunstwerken seiner unerreichten Geliebten im Swinging London. Ihre Erinnerungen mochte ich, auch die Handlung in der Gegenwart, in der sie sich als Kunsthistorikerin durchschlägt, wieder bei ihrer seltsamen Mutter eingezogen ist. Schön immer wieder Kapitel mit nicht-realistischem Erzählen, die Assoziationen freilegen und bei mir innere Bilder erzeugten. Doch unterm Strich fand ich das Buch belanglos, es wird mir nicht in Erinnerung bleiben.

Ähnlich war das Echo der Leserunde, sehr schön fand ich die Beobachtung eines Mitlesers, dem das Buch besser als uns anderen gefallen hatte: Die Erzählweise des Romans gleicht den Collagen der Künstlerin, deren Werk der alte Mann beschreibt und über den die Erzählerin forscht.

Mittwochabend hatte ich im Bett ausgelesen Fleißers Ingolstadt. Eine literarische Topographie, ein Geschenk meiner Mutter, herausgegeben 1998 von der damals kürzlich gegründeten Marieluise-Fleißer-Gesellschaft: Zeitgenössische Schwarz-Weiß-Fotos Ingolstädter Ansichten zu Textausschnitten aus Fleißers Werk. Und diese Texte fand ich noch viel besser, als ich Fleißer eh in Erinnerung hatte – ich werde mir ihr Gesamtwerk besorgen. Wenn ich überhaupt versuche, meine dunkelgrau gefärbte Einstellung zu meiner Geburtsstadt zu erklären, verweise ich schon bislang immer auf Fleißers Werk. Und stehe dabei hilflos vor der Tatsache, dass sie nach ihren Jahren in Berlin aus Geldmangel dorthin zurückgekehrt ist und einen Tabakwarenhändler heiratete, der ihr das Schreiben verbot.

Fleißers Sprache, ob in ihren Dramen oder in Prosatexten, ist eigenwillig und poetisch verknappt – wie naheliegend, dass Herta Müller, die einen ähnlichen Umgang mit Sprache hat, 1994 einen Text zu Fleißers 20. Todestag schrieb:
„Am Ende war es keiner gewesen“.

In den Sätzen der Geschichte steht das Einfachste des Möglichen. Will man es nacherzählen, zerbricht es. Es ist so authentisch, daß es keinen fremden Atem annimmt. Will man es wiedergeben, geht man schon in die Breite. Man tut dort etwas hin, wo bei der Fleißer nichts stehen darf. Man reiht um das Nackte herum Verkeidetes, weil man sich helfen muß. Aber in den Sätzen stehen die nackten Nadeln aus den Wörtern. Alles, was die Ebene des Geschriebenen treffen will, rutscht ab. Es geht einem wie in dieser Passage der Autorin: „Was dich beißt, sind nicht deine Flügel, wo herausstoßen wollen mit aller Gewalt, das bleibt ewig dein Buckel … Man möchte halt über sich hinaus und muß pochen an fremder Tür …“

Ganz, ganz großartig auch: 1971 hat die junge Elfriede Jelinek die verehrte Fleißer bei ihr daheim interviewt. (Man hat wohl irgendwas richtig gemacht, wenn man zwei spätere Literaturnobelpreisträgerinnen zu seinen Bewunderinnen zählt).

Der starke Stamm wird gerade am Residenztheater gespielt.

§

Gar nicht weit weg, und doch las ich auf katholisch.de zum ersten Mal davon:
„Münsterschwarzacher Mönche engagieren sich in der Kommunalpolitik
Warum ein Benediktinerpater für den Gemeinderat kandidiert“.

die Kaltmamsell

8 Kommentare zu „Journal Donnerstag, 13. Februar 2020 – Auf den Spuren von Marieluise Fleißer / Ali Smith, Autumn

  1. Hauptschulblues meint:

    Ja, drei großartige Dichterinnen.

  2. skh meint:

    Ich habe mir nach jahrelangem Rumprobieren mit Yogamatten (zu duenn, zu hart, zu rutschig, immer zu schmal) sogenannte „Puzzlematten“ zugelegt, zusammensteckbare 60x60cm quadratische Mattenstuecke, das ergibt dann z.B. 120x180cm oder fuer ultimativen Luxus 120x240cm. Seitdem habe ich endlich genug (gepolsterten) Platz fuer diverse Dehn- und andere Bodenuebungen, und sie sind genau richtig zwischen nicht zu wobbelig und nicht zu hart. Der Nachteil ist, das Wegraeumen dauert etwas und man kann sie nicht zusammenrollen.

    (Ich schreibe das nur weil ich auch mal was kommentieren wollte, nach wirklich sehr langem Mitlesen. Schoen dass Sie weiterschreiben, und beste Wuensche!)

  3. Margarete meint:

    Oh, oh, Vorsicht! Die Äußerungen könnten eventuell als Ratschlag ausgelegt werden!!

  4. Hauptschulblues meint:

    Nachtrag zu Fleißer:
    http://elfriedejelinek.com/andremuller/marieluise%20Fleisser.html
    (Über einen Link auf der Jelinek-Seite gefunden)
    Das Interview wurde von André Müller geführt.

  5. die Kaltmamsell meint:

    Ja, Hauptschulblues, das ist das oben verlinkte Interview von 1971.

  6. Anita meint:

    Ich benutze zum Sport eine 25 Jahre alte Isomatte mit auf einer Seite aufgedruckten Autos und bilde mir ein, dass das beim Unisport auch schon zu Belustigung geführt hat. Aber das ist ja auch in Ordnung.

  7. Heidi meint:

    Die Puzzlematten sind leider meistens sehr stark mit Giftstoffen belastet. Ich habe meine entsorgt.

  8. Margarete meint:

    Das bewusste Interview ist in vielerlei Hinsicht beeindruckend. – Danke.


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