Journal Montag, 16. März 2020 – Zweiter Auszählungstag

Dienstag, 17. März 2020 um 6:18

Beim Morgenkaffee die Schulungsunterlagen danach durchgesehen, welche Schritte als nächstes wie beim Wahlzettelauszählen drankommen.

Um acht zurück im Wahllokal. In der Wahlschulung waren wir darauf vorbereitet worden, dass bei Wahllokalen in Schulen das Montagsauszählen in einem ganz anderen Raum stattfinden könnte, doch da diese Schule wegen Corona geschlossen war, konnten wir im gleichen Raum weiterzählen – er wurde ja nicht für Unterricht benötigt. Nachdem am Vorabend noch auf dem Boden ausgezählt und sortiert worden war (Hüfte says no), wehrte sich gestern zum Glück niemand, als ich Tische vorschlug.

Das Auszählen der Stadtratswahlzettel (1,62 m breit) (kein Scherz) (später am Tag gelernt: 2 cm größer als Margarete Stokowski, s.u.) war genau so mühsam, wie man es sich vorstellt. Erst kurz vor zwölf waren wir damit durch – und dann stand ja auch noch die Auszählung der Bezirksausschusswahlen an. Doch die ging dann superflott: Zum einen waren es viel weniger Parteien und Kandidierende, zum anderen hatten wir ja den Ablauf gerade geübt. So dauerte es nur bis halb zwei, bis wir mit allem durch waren, das Klassenzimmer aufgeräumt hatten und eine aus dem Team mit der Niederschrift und vielen weiteren Unterlagen zum Amt schickten.

Durch Wärme und Sonne radelte ich für ein paar Einkäufe zum Vollcorner an der Lindwurmstraße. Dort war recht viel los, doch die Gemüse- und Obstabteilung war bestens bestückt.

Daheim erst nach zwei die erste Mahlzeit des Tages; was mir am Wochenende mit Sport nichts ausmacht, verursachte gestern Schwindel. Es gab zwei Scheiben selbst gebackenes Brot mit von Herrn Kaltmamsell hergestelltem Kochkäse. Meinem Papa telefonisch zum Geburtstag gratuliert, ich werde uns Videotelefonie einrichten müssen.

Eigentlich hatte ich eine Yogarunde angepeilt, aber ich fühlte mich derart erledigt (und hatte schon wieder Kopfweh), dass ich das ließ. Statt dessen machte ich BaNuSchoKo-Granola.

Dem Web entnahm ich, dass die Stichwahl zur Münchner Oberbürgermeisterschaft in zwei Wochen nur per Briefwahl stattfinden wird. Ich nehme an, dass ich dann zur Auszählung in der Messe München angefragt werde – Briefwahlauszählung fehlt mir noch im Erfahrungsschatz als Wahlhelferin.

Nach Zeitunglesen bügelte ich im sonnendurchfluteten Wohnzimmer die Wäsche der vergangenen Wochen weg und hörte dabei Podcast:
„Deutschland3000 – ’ne gute Stunde mit Eva Schulz
Margarete Stokowski, was ist guter Sex?“

Wie immer hörte ich Eva Schulz mit Genuss und Belehrung zu. In diesem Fall lernte ich unter anderem, dass die hoch geschätzte Margarete Stokowski (awww, ich habe sie ja schon bei der taz so gern gelesen) 1,60 m groß ist (s.o.), warum sie sich besonders für Sex interessiert, wie sie Feministin wurde, warum sie immer noch und immer wieder Feminismus 101 erklärt.

Zum Abendbrot kochte uns Herr Kaltmamsell Chinakohl-Lachs-Tagliatelle, die ausgezeichnet schmeckten, zum Nachtisch gab es ein Stück Marmorkuchen.

§

Krieg ist böse und entsetzlich – keine Frage. Doch im Grunde ist Krieg ja eine Katastrophe, die sich auf alle Lebensbereiche erstreckt. Und deshalb sind in militärische Organisation Effizienz und Wirksamkeit lebenswichtig, deshalb sind anderthalb Jahrhunderte Erfahrung damit durchaus interessant für andere Katastrophen-Situationen, in denen Effizienz und Wirksamkeit ebenfalls lebensrettend sind – zum Beispiel in einer Pandemie. Hier eine militärische Analyse der Folgen von irrationalen Vorratskäufen, wie sie derzeit um sich greifen. Kurzfassung: Hamsterkäufe können eine Bedrohung für die Resilienz des Gesamtsystems werden, weil sie die knappe Energie auf unwichtige Bereiche ziehen, nämlich Nachschubbeschaffung.
„Toilet paper and total war – the psychology of shortages and what it means for resilience“.

In some cases, the maintenance of unnecessary stock levels may actually detract from preparedness and resilience; vast quantities of inappropriate strategic reserves consume money and other resources that can be used in other critical areas.

(…)

If production or availability cannot increase, an inefficient transfer of resources from one area of the battlefield to the other can upend strategy. In these circumstances it becomes difficult for planners to direct resources to the right place, and what can be termed ‘brute force logistics’ – get as much as you can to the place what you believe is of the greatest need – comes.

§

Bester Tipp der vergangenen Tage: Gestalten Sie Ihren Alltag, als seien Sie bereits infiziert und wollten niemand anstecken. Funktioniert für mich auf jeden Fall besser als umgekehrt.
(Schrieb die Frau, die zwei Tage eng gekuschelt an acht weitere Wahlhelfende verbracht hat.)

die Kaltmamsell

6 Kommentare zu „Journal Montag, 16. März 2020 – Zweiter Auszählungstag“

  1. Frau Klugscheisser meint:

    Gibt’s schon ein Migräne-Kopfweh-Google-Doc?
    Müsste ich mal dringend reinschauen (aber schätzungsweise hilft da alles, was schon im Hüft-Doc drin steht).

  2. Brigitte meint:

    Ist doch echt verrückt mit dem Klopapier oder? ??? Habe heute für Freunde eingekauft, die wegen „Hochrisikogruppe“ zu Hause bleiben müssen. Kein Klopapier im Supermarkt zu bekommen. Weder zwei- noch drei- oder vierlagig….Freue mich schon auf den Tag, wenn die Nation vor dem „Pichelsteiner Eintopf“ sitzt, weil das MHD der gehamsterten Dosen abläuft.
    Viele Grüße und Respekt für den Wahlhelfereinsatz!

  3. Margarete meint:

    Selbstfabrizierter Eintopf? Herrlich! Kreativität und Geschick sind gefragt, allerdings braucht’s dafür auch etwas Zeit. Aber die werden wir ja wohl in Bälde bekommen?

  4. Sandra meint:

    Oder sich jahrelang mit den labbrigen Billignudeln die Lippen zuklebt…Ich fürchte, die Grill-Buffets der nächsten Jahre werden nur aus Nudelsalaten bestehen.

  5. Die M. meint:

    (Die Tatsache, dass es günstige Nudeln gibt, ist für viele Menschen wichtig. Es gibt schlimmeres als verschiedene Nudelkonsistenzen, z. B. Hunger wegen geringen Einkommens. Spenden Sie doch mal pro De-Cecco-Packung eine Ja-Packung oder besser noch: Kaufen Sie Ja und spenden Sie De Cecco.
    Es grüßt
    die M.)

  6. Margarete meint:

    Mit Verlaub: irgendwie ein extrem krasses Denkmodell… Ich sage: „Nein.“


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