Journal Montag, 11. Mai 2020 – Perlentauchen

Dienstag, 12. Mai 2020 um 5:42

Gestern war Yogamorgen, eine halbe Stunde ruhiges Dehnen. Das tat so gut, dass ich die Schlussentspannung abkürzte, weil ich halt schon wieder voll da war.

Die Vorhersage hatte Regenwetter und heftigen Temperatursturz angekündigt, aber es gab ein wenig Aufschub: Ich radelte ungestört in die Arbeit.

In der Arbeit bekam ich endlich Hilfe bei der Perlenrettung: Vergangene Woche war im Büro meine lange Perlenkette gerissen, und da die Perlen nicht geknüpft waren, sondern nur aufgefädelt, sprangen sie in alle Richtungen – eine durch die Löcher der oberen Heizungsabdeckung. Ich sah sie durch die Löcher der Fensterbank, brachte auch Werkzeug von daheim mit, doch schaffte ich es mit keinem, die Perle herauszuangeln. Gestern klappte die Hilfe einfach die vordere Abdeckung weg (das hatte ich auch versucht, war aber nicht energisch genug gewesen), schon bekam ich meine Perle.

Mittags selbst gebackenes Roggenbrot (aus der Gefriere) mit Schweinsbraten vom Sonntag und Meerrettich belegt, nachmittags Flachpfirsiche und (völlig geschmacksfreie) Aprikosen.

Aus dem Augenwinkel sah ich immer wieder einen Falken fliegen und wie zwei Krähen ihn zu verjagen versuchten.

Am Nachmittag regnete es immer wieder. Ich überlegte lange hin und her, ob ich mit dem Fahrrad oder der U-Bahn heimfahren sollte. Am Ende siegte der Aspekt, dass ich ja am Ende zuhause sein würde und nasswerden nicht schlimm ist. Ich bekam dann auch nur ein paar Tropfen ab.

Nachtmahl waren Nudeln mit Sugo vom Kartoffelkombinat und viele Süßigkeiten.

§

Mal eine Gegenperspektive zur derzeitigen Entwicklung der Rollenverteilung in Hetero-Partnerschaften:
„Corona und die neue Realität der Frauen“.

Autorin Katrin Wilkens berät seit 2011 Frauen nach der Babypause, einen passenden Job zu finden.

So ist über die Jahre eine ungeplante, aber hoch spannende Markterhebung über die bundesdeutsche Frauenbefindlichkeit entstanden. Nimmt die Bundeswehr auch Frauen ab 50? (Ungern.) Kann man auch vorbestraft in der Justiz arbeiten? (Ja.) Gibt es einen finanziell tragfähigen Markt für Engelexperten? (Oh ja. Wachsend). Der Soziologe Pierre Bourdieu würde mir die Lebensläufe dieser Frauen aus den Händen reißen. Weil man an den Ideen so viel Habitus, Distinktion und Mode ablesen kann.

Am Anfang meiner Beratungstätigkeit, vor neun Jahren, war die aufkeimende vegane Küche ein Renner. Jede zweite Frau wollte ein veganes Café eröffnen: Anfangsinvestitionen, Personalknappheit und Kundenströme völlig außer Acht lassend. Jahre später fanden alle die Kreuzfahrt-Branche hoch spannend: so viel neue Diversität, fremde Länder, Hedonismus.

Seit Corona merken meine Kollegen und ich einen radikalen Trend in der Berufsberatung: Wolkenkuckucksheime und Konsum haben Kurzarbeit angemeldet. Wenn jetzt Frauen zu uns in die Beratung kommen, dann mit einem neuen Zug im Gesicht: Realität schlägt Traum. „Ich möchte etwas machen, was meinen Mann entlastet, er arbeitet bei der Lufthansa und wahrscheinlich nicht mehr lange“, „mein Mann ist Arzt und hat derzeit 40 Prozent weniger Patienten, wir brauchen mein Einkommen“, „bitte etwas Systemrelevantes, eine Idee, die sicher ist“.

(…)

Frauen wollen die Familien mit absichern und ja, auch sich selbst absichern. „Wer weiß, ob mein Mann noch meine Rente mitfinanzieren kann“ habe ich vor drei Jahren noch nicht gehört. Jetzt ständig.

via @franziskript

§

Bei schlimmen Ereignissen hat es sich in serösen Medien inzwischen etabliert, verschiedene Aspekte explizit unter der Überschrift „Was wir wissen“ und „Was wir nicht wissen“ zu berichten. Zur Corona-Pandemie wünsche ich mir inzwischen Ähnliches – auch um falschen Erwartungen an die Wissenschaft gegenzuarbeiten. Annette Mende hat für die Pharmazeutische Zeitung zusammengetragen, welche Aussagen es derzeit auf die Frage „Was ist Covid-19 für eine Krankheit?“ gibt, und zählt klinische Erfahrungen in der ganzen Welt auf.
„Der ganze Körper ist betroffen“.

Welche der zahllosen Beobachtungen aus Fallserien mit zum Teil nur einer Handvoll Patienten, die jetzt in aller Eile öffentlich gemacht werden, am Ende tatsächlich Bestand haben werden, ist nicht abzusehen.

via @mspro

die Kaltmamsell

12 Kommentare zu „Journal Montag, 11. Mai 2020 – Perlentauchen“

  1. Neeva meint:

    Absolut interessanter Artikel von Frau Wilkes. Allerdings ist das nicht die bundesdeutsche Frauenbefindlichkeit, sondern die gutbürgerlich westdeutsche. Aber schön, dass unsere Schwestern auch langsam merken, dass der goldene Käfig nicht so sicher ist. :-)

  2. Antje meint:

    Zum Thema Corona und Nichtwissen gab es letzte Woche eine interessante Folge von Gert Scobel: https://www.3sat.de/wissen/scobel.

  3. Alexandra meint:

    Verblüffend für mich, dass Frau Wilkes es tatsächlich bisher eher mit Berufsrücklehrerinnen oder auch -neustarterinnen zu tun hatte, die Richtung „Jodeldiplom“ dachten … fällt mir schwer, das zu fassen.

    Aber neben dem neuen „Was will der Markt?“ möchte ich zaghaft die Hand heben für ein realisches „Was kann ich gut?“.

  4. Die M. meint:

    „Wer weiß, ob mein Mann noch meine Rente mitfinanzieren kann“

    Ich möchte mir meine Rente selbst erwirtschaften.

  5. Ulla meint:

    Dieses völlig geschmacksfreie Obst nervt schon lange. Die Tage Erdbeeren, Aprikosen, Äpfel und Melone probiert, alles ohne Geschmack. Weiß schon nicht mehr was ich kaufen soll, am besten schmeckt es aus der Dose.

  6. Chris Kurbjuhn meint:

    @Ulla: Verwirrenderweise finde ich seit Monaten die aromatischsten Äpfel im 2-Kilo-Billigbeutel beim Discounter.

  7. Lempel meint:

    Dass das Obst nicht aromatisch schmeckt, liegt daran, dass derzeit nichts Saison hat. Zitrusfrüchte sind durch, die Sommersaison hat noch nicht begonnen. Erdbeeren schmecken nur in der Saison, Aprikosen auch. Zur Zeit kann man wirklich nur Rhabarber einkochen oder tatsächlich auf Konserven zurückgreifen. Ansonsten noch 3-4 Wochen auf heimische Erdbeeren und danach auf Kirschen warten.

  8. adelhaid meint:

    Bei der Perlenkette war ich zunächst, durch Direktorin Novemberregen beeinflusst, bei einer Metapher für eine Arbeitssache. Dass es dann doch einfach eine echte Perlenkette sein sollte.. ich mags fast nicht glauben.

  9. Joe meint:

    Ich bin gespannt wie das Einfluss auf die vielen meist junge Frauen hat, die als kreative Freiberufler sich in den Metropolen der Welt verdingen (wie hier in Berlin – Stichwort Yoga…). Oft „Arbeitsimmigrant_innen“, bei denen neben dem wirtschaftlichen Aspekten zusätzlich Sprache, Arbeitserlaubnis und andere Dinge derzeit den kosmopolitischen Lebensentwurf durcheinander bringen. Und die auf keinem Fall zurück in ihr Kleinstadtleben der Heimatländer wollen.

  10. Antje meint:

    Der Link zum Thema Corona und Nichtwissen aktualisiert: https://www.3sat.de/wissen/scobel/scobel—corona-nichtwissen-und-handeln-100.html
    Der Link oben wurde von 3Sat im Laufe des Tages für eine neue Sendung überschrieben, bestimmt auch interessant, jedoch komplett am Thema vorbei ;-)

  11. Sandra meint:

    Glaube, nicht so leckeres Obst zu erwischen, ist grade eher Pech. Grade gestern nochmal extrem leckere süßsaure Orangen aus der Biokiste gegessen, tolle Pfirsiche, wunderbare Mini-Wassermelone. Aus dem Supermarkt am Wochenende reduziert wegen fertig sehr gute deutsche Erdbeeren gehabt. Deutsche Äpfel auf der Biokiste immer noch perfekt. Einzig mal ab und an eine Birne aus der Biokiste, die etwas wässrig war. Aber dass grade kein Obst schmeckt, das kann ich absolut nicht bestätigen.

  12. Ruth P meint:

    Das geschmacklose Obst gibt es hier in rauen Mengen. Ich kaufe schon lange keine Erdbeeren mehr, die für supermarkte gezüchtet sind, toll aussehen, lange halten , innen weiß sind, nicht nach Erdbeeren oder irgendwas riechen, und nach gar nichts schmecken. Dann mal im Grand central in NYC ‘echte’ Erdbeeren gesehen, die wie Erdbeeren rochen, und dann $14 vierzehn! per Pfund kosteten…. der Versuchung widerstanden und nicht gekauft.


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