Journal Sonntag, 17. Mai 2020 – Maienbalkon

Montag, 18. Mai 2020 um 7:54

Etwas unruhige Nacht, weil sich mehrfach vor meinem Schlafzimmerfenster Menschen zum Rauchen und Ratschen trafen – vermutlich Gäste von Nachbarn.

Der Tag begann mit Backen: Erst die Zitronenschnecken, dann der zweite Laib Brot mit Lievito Madre, der 34 Stunden zum Gehen bekommen hatte, die letzten zwölf davon bei Zimmertemperatur.

Die Schnecken wurden wunderbar. (Hätten allerdings trotz goldbrauner Farbe noch 10 Minuten innen gebraucht, dann halt mit Alu abgedeckt.)

Das Brot geriet zumindest schon mal 50 Prozent größer als der Laib vom Vortag. Für das Ziel großporige Weißbrote mit schöner Glutenstruktur habe ich allerdings andere Rezepte, die sicherer funktionieren.

Herr Kaltmamsell erlöste mich von Putzpflicht: Nachdem ich so unter dem anstehenden Staubwischen litt, bot er Übernahme an – ihm mache es nicht so viel aus. Ich ließ mich überreden und stieg nach Bauch- und Armstärkung auf den Crosstrainer. (Herr Kaltmamsell musste anschießend allerdings zugeben, ebenfalls keinerlei Spaß an der umfangreichen Staubbeseitigung gehabt zu haben.)

Zum Frühstück hab es Tomatenbrot und Zitronenschnecken. Allerdings zeigte sich bei Letzterem eine tiefe und schmerzliche Differenz im Hause Kaltmamsell: Während ich höchst angetan von den saftigen und zitronigen Hefeteilen war (halt bloß noch ein bisschen zu teigig innen), befand Herr Kaltmamsell Zimtschnecken „um Welten“ besser. Das gestrige seien auch gar keine Schnecken, sondern Nudeln (bayerisch-österreichische Bezeichnung, Rohrnudeln gibt es unter diesem Namen sogar in Bäckereien zu kaufen). Wie können Wahrnehmungen nur so auseinander gehen? Ich bin zutiefst verunsichert.

Den Nachmittag verbrachte ich lesend auf dem Balkon, horchte immer wieder in mich hinein, ob ich in diesem Traumwetter nicht doch eine Lust auf mehr Draußen entwickelte. Doch meine Bewegungseinschränkung (gestern war wieder viel Humpelns) zusammen mit prospektiven Menschenmengen hielt mich ab. Die bevorstehende Urlaubswoche wird mir genug Gelegenheit zu entspanntem Draußen bieten.

Herr Kaltmamsell hatte Lust auf die Zubereitung von Steak and Kidney Pudding, also gab es den zum Nachtmahl. (Ja, ich lebe in einem Haushalt mit drei Puddingformen zum Dampfgaren.)

§

Der niederländische Historiker Rutger Bregman schreibt in The Correspondent:
„The neoliberal era is ending. What comes next?“

Tatsächlich hat meine innere Pessimistin solche Prognosen bislang immer mit einem Seufzer weggewischt – die Wohlhabenden, die vom Neoliberalismus profitieren (und überzeugt sind, nicht etwa eine privilegierte Startposition hätte sie wohlhabend gemacht, sondern allein ihre Leistung und ihr Fleiß), sitzen an der Macht und werden den Teufel tun, etwas zu ändern. Doch dieser Artikel erklärt mir die Entstehung des Neoliberalismus nach dem Zweiten Weltkrieg und seinen Siegeszug (Reagan, Thatcher) in einer Art und Weise, die eine Abkehr davon breit vernünftig erscheinen lässt.

I’d like to introduce you to Mariana Mazzucato, one of the most forward-thinking economists of our times. Mazzucato belongs to a generation of economists, predominantly women,
who believe merely talking taxes isn’t enough. “The reason progressives often lose the argument,” Mazzucato explains, “is that they focus too much on wealth redistribution and not enough on wealth creation.”

Mazzucatos Forschung hat unter anderem ergeben, dass die Kerntechniken, durch die Technik-Giganten wie Google und Apple erfolgreich wurden, in Forschungsprojekten entwickelt wurde – die die Regierung bezahlte. Titel ihres Buches von 2013: The Entrepreneurial State. Und ihre Schlussfolgerung: Wo der Staat investiert, sollte er am wirtschaftlichen Erfolg teilhaben – was er bei genau den oben genannten Unternehmen nicht tut, wenn sie ihren Steuersitz in Steueroasen verlegen.

§

Blogger Formschub erfährt durch einen seriösen Antikörper-Test, dass sein Verdacht stimmt: Er hatte höchstwahrscheinlich eine mittelstarke Form von COVID-19. Sein nachträgliches Protokoll:
„Corona“.

§

Mir dann doch ein Herz genommen und „Männerwelten“ angesehen, das in meinem Internet die vergangenen Tage über für Diskussionen sorgte: Ein Sammlung alltäglicher sexueller Belästigungen und Übergriffe, denen Frauen im Internet und außerhalb davon Tag für Tag begegnen. (Diese Sachen sind für mich schwer erträglich und kosten Kraft, daher die Überwindung.)

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https://youtu.be/uc0P2k7zIb4

Ein gutes Mittel, #metoo nicht in Vergessenheit gelangen zu lassen, die Diskussion weiterzuführen. (Es gibt berechtigte Einwände gegen die Kooperation mit Terres des Femmes und die Konzentration auf weiße Cis-Frauen, doch meiner Ansicht nach überwiegt der Aspekt der Ausmerksamkeitsauffrischung.) (Was natürlich damit zu tun haben mag, dass ich selbst eine weiße Cis-Frau bin und damit gewohnt, dass sich alles um meinesgleichen dreht.) Auf Twitter nahm Sarah Kuttner die Aktion zum Anlass, über selbst erlebte Übergriffe zu berichten und Tweets anderer Frauen über sexualisierte Gewalt zu retweeten:
@KuttnerSarah
Harter Tobak, immer noch, immer wieder.

Ich wiederhole auch hier zur Sicherheit: Sollten Sie zu der Hälfte Frauen gehören, die bislang von sexuellen Übergriffen und sexualisierter Gewalt verschont geblieben sind, sind Sie weder besser noch haben Sie etwas richtig gemacht, was die Betroffenen falsch gemacht haben – Sie hatten, wie ich, einfach Glück. Und unterstehen Sie sich, weil sie es selbst nie erlebt haben, die Aussagen der Betroffenen anzuzweifeln.

die Kaltmamsell

9 Kommentare zu „Journal Sonntag, 17. Mai 2020 – Maienbalkon“

  1. Madame Graphisme meint:

    Ist die Bezeichnung für das Gebäck etwa auch so einer regionalen Differenz ausgesetzt wie die in Fett ausgebackenen Dinger (Berliner!)?
    Bei uns im nördlichen Südwestdeutschen (Grenze vom Rheinfränkischen zum Alemanischen) heißen sie „Schneckennudeln“. Ist aber eine Gattungsbezeichnung, die unter den Oberbegriff „Mürbs“ („Määääääärrbs“ausgesprochen. Mit exakt so vielen „ä“s, die fast „ö“s sind) fallen und sowohl Hefe- als auch Mürbteig sein können.

  2. Maria meint:

    „Und unterstehen Sie sich, weil sie es selbst nie erlebt haben, die Aussagen der Betroffenen anzuzweifeln.“ Vielen Dank!
    Als Betroffene wurde es mir auch mit folgenden Aussagen schwer gemacht:

    – So schlimm war das doch nicht
    – Schwamm drüber, vergiss es
    – ICH an Deiner Stelle hätte… (wahlweise: ihm eine runtergehauen, mich gewehrt, mir das nicht gefallen lassen)
    – Hak‘s ab

    Alles Sätze von anderen Frauen.
    Das tut so weh.

  3. die Kaltmamsell meint:

    Genau das stelle ich mir so furchtbar vor, Maria – und es entspricht wahrscheinlich genau der inneren Stimme, die so viele Mädchen und Frauen davon abhält, über ihr Erlebnis zu sprechen.

    Gebäck und Wurstwaren sind wohl die beiden Bezeichnungsfelder mit den breitesten regionalen Unterschieden, Madame Graphisme.

  4. Alexandra meint:

    Ich könnte der Ausstellung auch noch Exponate hinzufügen – inklusive Vorwürfen und Beschwichtigungen, die von Frauen dazu kamen. Ja.

    Es sitzt halt‘ seeehr tief.

  5. trolleira meint:

    Das mit den Nudeln ist echt lustig, bei uns heißt auch ein Hefezopf Nudel! Und mein Mann kennt den Ausdruck überhaupt nicht. Was 40km Entfernung für einen sprachlichen Unterschied ausmachen!

  6. hafensonne meint:

    Die in Fett ausgebackenen Dinger heißen Pfannkuchen!

    Sagt die gebürtige Bulette…

  7. Elfe meint:

    Zur Gebäckfrage: Ich finde es ebenso eindeutig wie Frau Kaltmamsell:
    Alles, was eingerollt und aufgewickelt ist, ob mit Zimt oder Zitrone, ist eine Schnecke, während gerollte, runde Stücke als (Rohr-/Dampf-)Nudeln gelten.
    Mein bayerisches Kochbuch (jetzt musste ich doch mal schnell nachschauen) spricht von Nudeln und Buchteln/Wuchteln.
    Oh, und ganz am Schluss des entsprechenden Abschnitts bietet das Buch die ultimativ-salomonische Lösung für Ihre Zitronenschnecken, die ja gemeinsam in einer Reine gebacken werden statt einzeln auf dem Blech: Schneckennudeln oder Rosenkuchen!

  8. Anke meint:

    Jetzt ändere ich das flugs bei mir im Rezept: Ich dachte, das liegt an meiner Ungeduld und meiner uralten, billigen Alu-Backform, dass ein, zwei Schnecken bei mir auch nie richtig durch sind. Alufolie und länger drinlassen, kapiert.

  9. Croco meint:

    Das sieht so appetitlich aus.
    Bei uns zuhause hießt das Ganze Dampfnudel. Das war die oberschwäbische Fassung, mit Kruste. Es gab sie auch noch nackig, unter einem Deckel gebacken.
    Eine Schneckennudel wurde flach gebacken und enthielt Zimt oder Nüsse oder Mohn.
    Einen Guß gab es nicht, dafür aber Vanillesauce zur Dampfnudel.


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