Journal Freitag, 26. Juni 2020 – Von Rosen und Nelken bei „d‘ junga Leit“

Samstag, 27. Juni 2020 um 13:10

Weil ich morgens nur Minimalsport plante, hatte ich mir den Wecker auf eine halbe Stunde später als sonst gestellt. Doch nach unruhiger Nacht (u.a. wegen geselliger Nachbarn mit Balkongästen) wachte ich sogar früher als üblich auf.

Wir spielten Lieferlotterie: Nachdem wir für eine angekündigte Weinlieferung über DHL den ganzen Samstag davor für Besetzung unserer Wohnung gesorgt hatten und dann doch keine Lieferung kam, hatte ich das Weinpaket auf den gestrigen Freitag terminiert – obwohl Herr Kaltmamsell erst ab halb elf daheim sein würde. Wir erlosten den Hauptgewinn: Lieferung erst, als jemand da war.

Nachdenken über den Umstand, dass niemand in Rente/Pension/Ruhestand gehen kann, ohne dass alle, alle das als „wohlverdient“ bezeichnen. Möglicherweise das hartnäckigste epitheton ornantium der Gegenwart, möglicherweise gibt es demnächst einen Duden-Eintrag in einem Wort: Wohlverdienterruhestand. Befürchten Sprecher und Sprecherinnen, dass ohne dieses Attribut dem scheidenden Kollegen Drückebergertum unterstellt wird? Soll das eine Wort im Vorbeigehen Wertschätzung für das gesamte Arbeitsleben ausdrücken? „Viel zu früher Ruhestand“ geht aber auch nicht, ebenso wenig „mitten aus dem Arbeitsleben gerissen“. Hat schon mal jemand eine Alternative gehört oder gelesen?

Mittagessen waren Birnen mit Quark und Kefir, dazu eine Breze, eine weitere Breze als Nachtmittagssnack.

Auf dem Heimweg von der Arbeit kaufte ich Blumen. Ich wollte gerne Rosen, weil ich immer wieder an wundervollen Rosen in Vorgärten vorbeiradle. Im Ratsch mit der Blumerin lernte ich, dass „d’junga Leit“ sich derzeit nicht für Rosen interessieren, sondern möglichst wilde Zusammenstellungen möchten, wie auf Wiesen. Ich bot den Begriff „instagram-Strauß“ an. Wir kamen auf unpopuläre Blumen, zum Beispiel Nelken – und ich erfuhr, dass es davon inzwischen ganz wundervolle gibt. (Und dass junge Kundschaft durchaus offen für sie ist, solange man ihnen nicht verrät, dass es sich um Nelken handelt.)

Wochenendverschönerung.

Ich kam früh genug heim, dass vor dem Abendessen noch Zeit für einen Aperitif (Negroni) auf dem Balkon war und für Lesen.

Nachtmahl waren Spare Ribs vom Herrmannsdorfer (die schlachten selbst, auch das trägt sicher zu den hohen Preisen bei – aber ich ließ mir mal von einem der Mitarbeiter an der Fleischtheke des Ladens am Vikutalienmarkt erzählen, dass alle, die dieses Fleisch verkaufen, auch mal in der Schlachterei gearbeitet haben müssen), dazu Bulgur mit Gurke, Paprika, Salzzitrone (!).

Einen Teil der Rippchen garte Herr Kaltmamsell im Speiseföhn, den größeren wie gewohnt im Backofen – letztere gerieten deutlich besser. Dazu eine Glas Rosé aus dem frisch eingetroffenen Weinpaket: Mont Clou Cabernet Sauvignon-Syrah Rosado, sehr intensiv und kräftig. Eiscreme Pistazie und Gianduia zum Dessert.

§

Der Wert von Kunst ist ja nicht darüber definiert, dass sie jemand Bestimmtem gehört. Der Wert von einem Kunstwerk besteht doch in dem, was es an Gefühlen, Gedanken, Diskursivität in die Welt bringt.

Daniel Richter

Artikel über lebende Künstlerinnen und Künstler interessieren mich selten. Noch viel weniger will ich von ihnen Aussagen über das eigene Werk lesen, ihre Aussage soll bitte das Kunstwerk sein (dazu zähle ich auch Literatur).1 Deshalb überraschte mich, wie interessiert ich die ausführliche Geschichte im Süddeutschen Magazin las, in der Autor Peter Richter die Entstehung eines Gemäldes von Maler Daniel Richter mitverfolgt (€):
„Wie entsteht ein Kunstwerk?“

  1. Katia Kelms Ausführungen lese ich auch deshalb so gerne, weil sie Techniken erklärt und Mechanismen der Kunstwelt, nicht aber ihr eigenes Werk interpretiert. []
die Kaltmamsell

4 Kommentare zu „Journal Freitag, 26. Juni 2020 – Von Rosen und Nelken bei „d‘ junga Leit““

  1. Brigitte Behnk meint:

    Wie wäre es mit „herbeigesehntem“ Ruhestand? Nach dieser Arbeitswoche wäre das für mich die passende Formulierung.
    Ein schönes Wochenende, Brigitte

  2. Neeva meint:

    Ich fürchte in unserer Kultur ist nur ein vollwertiger Mensch wer arbeitet, also bezahlt arbeitet. Das „wohlverdient“ vor Urlaub oder Ruhestand ist meiner Meinung nach tatsächlich die vorweggenommene Verteidigung vor dem Vorwurf der Faulheit.

    Was ganz anderes: Wo kaufen Sie Pistazieneis?

  3. Katharina meint:

    Ich bin zwar nicht Frau Kaltmamsell, aber ich habe einen Tip für gutes Pistazieneis in München: in der Schellingstraße 48, bei Rossella im „Gelati“.

    Katharina

  4. Herr Kaltmamsell meint:

    Pistazieneis für zu Hause gibt es manchmal beim Basic-Biosupermarkt, und zwar der finnischen Marke Jymy. Ist sehr gut.

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