Journal Freitag, 4. September 2020 – Vorerst letzter entspannter Restaurantabend

Samstag, 5. September 2020 um 9:24

So innig herbegesehnt sollte nie ein Freitag sein.
Unruhiger Nachtschlaf endete um halb fünf, nach einer Stunde „dann ruhe ich halt nur“ stand ich auf. Bankstütz klappte ein wenig besser.

Der Tag begann mild, ich brauchte fürs Radeln in die Arbeit keine Jacke.

Eigentlicht hatte ich vor Jahren sowas wie Karriere hingeschmissen, um unter anderem nie wieder Projekte leiten zu müssen. Jetzt entdecke ich das Phänomen Schatten-Projektleitung (mein Ausdruck).

Mittags Weißbrot vom Vorabend und eine kleine Cantaloupe-Melone, nachmittags ein Pfirsich, der sich zum Übergang in die Matschphase auf einer Seite entschieden hatte, während er eigentlich noch knallhart war.

Ich hatte frühen Feierabend geplant und schaffte ihn unter Ausweichbewegungen. Sonniges und mildes Heimradeln, ich nutzte die frühe Ankunft zum Ansetzen von Vorteigen für ein samstägliches Brotbacken (Häusemer Bauerekrume).

Die Corona-Pandemie ist noch lange nicht rum, die Entwicklung der Infektionszahlen in Deutschland sieht nicht gut aus. Doch weil schon so lange Corona ist, ertappe ich mich dabei nachlässig zu werden. Angst hatte ich zwar eh nie, aber vernünftiges Verhalten war ein paar Monate lang für mich intuitiv. Derzeit ist es nur noch das Aufsetzen der Mund-Nase-Maske, und ich muss mich hin und wieder zur Vernunft rufen, vor allem wenn es um diejenigen Tätigkeiten in der Öffentlichkeit geht, die ich besonders gern tue: Lebensmittel einkaufen und Essengehen. Vernünftig ist, seltener mehr einzukaufen und zwar in Läden, die Abstandhalten ermöglichen, und Essengehen in geschlossenen Räumen ist nicht vernünftig. Wir nutzten gestern eine der wahrscheinlich letzten Möglichkeiten vor dem Herbst für Essengehen unter freiem Himmel. Nachdem die Wettervorhersage seit Tagen für Freitag einen sonnigen, warmen Tag prognostiziert hatte, reservierte ich einen frühen Tisch im Melina Merkouri.

Dr Plan ging auf, wir saßen herrlich im Freien.

Zur Vorspeise aß ich eine wunderschöne bretonische Artischocke mit Kapern- sowie Joghurt-Kümmel-Dip, dazu ein Glas Sauvignon Blanc Glatzer aus Österreich, Herr Kaltmamsell hatte vier Cremes mit Pita.

Als Hauptspeise hatte ich mich den ganzen Tag schon auf Lammkoteletts gefreut, Herr Kaltmamsell aß Baby-Kalamari. Ich erinnerte mich viel an meine erste Griechenlandreise: Studienfahrt mit der Schule in der 11. Klasse, 1984. An meine erste Begegnung mit dem Phänomen Street Food in den Straßen von Athen: Gyros in Pita, Halva vom Block. (Würschtelstand am Wochenmarkt oder Leberkässemmel sind natürlich eigentlich auch Street Food.) Überhaupt: Mit 16 ganz ohne Erwachsene in einer völlig fremden Stadt herumstromern! Ein weiterer Eintrag auf meiner Wunschliste für Zeitreiseziele also: Athen im Frühjahr 1984 – um Barbara, Ulrike und mir zuzusehen, wie wir glauben, dass wir von den Bäumen vor dem Parlament Orangen klauen. Die sich als Bitterorangen herausstellten.

Frische Tat.

16-jährige Kaltmamsell in Griechenland.

Den mit Essengehen geplanten Geburtstagabend von Herrn Kaltmamsell in zwei Wochen verlegten wir nach Hause, das Drinnen mit vielen fremden Menschen ohne Mundschutz wäre (vor allem mit Blick auf meinen Krankenhausaufenthalt wenig später) unvernünftig.

Es war ein herrlicher Abend, wir spazierten für ein Eis zum Dessert durch den Nußbaumpark (darin immer noch Pop-up-Biergarten mit bunten Lichtergirlanden) – und sahen einige Fledermäuse am Himmel zwischen den Bäumen.

Abendrot über der Pettenkoferstraße.

Die Landwehrstraße spielte Großstadt.

§

Katrin Büchenbacher, Volontärin bei der NZZ, erzählt die Geschichte ihrer Ehe:
„Seine Grossmutter war enttäuscht, dass sich ihr geliebter ältester Enkelsohn verliebt hatte. Sie hätte lieber selbst eine Frau für ihn gefunden. Eine chinesische Liebesgeschichte“.

die Kaltmamsell

3 Kommentare zu „Journal Freitag, 4. September 2020 – Vorerst letzter entspannter Restaurantabend“

  1. Gaga Nielsen meint:

    Da hat die Barbara oder die Ulrike (oder …) eine sehr schöne Kaltmamsell eingefangen. Das Lachen habe ich auch so in Erinnerung, das ist unverändert.
    Das Bild gehört eigentlich schön eingerahmt an die Wand im Schlafzimmer.

  2. die Kaltmamsell meint:

    Das müsste der Markus gewesen sein, Gaga Nielsen, der damals schon mit dem Beginn einer beeindruckenden Fotoausrüstung dabei war.

  3. Sigourney meint:

    Es ist auch eine Kunst, sich anzusehen wie Projekte (anderer) gegen die Wand laufen, wenn man genau weiß, man könnte es besser. Aber es wird einem meiner Erfahrung nach mitnichten gedankt, wenn man dann heimlich die Projektleitung macht. Im Gegenteil (kontrollierende, sich einmischende Bitch). Wenn man es aber gegen die Wand laufen lässt und abwartet bis man als Retterin gerufen wird, dann ist das eine ganz andere Story…
    (Schaffe das in den allermeisten Fällen auch nicht. Ärgere mich aber jedes Mal über mich selbst.)

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