Journal Dienstag, 13. Oktober 2020 – Evidenz-Skepsis

Mittwoch, 14. Oktober 2020 um 7:34

Fast fünf Stunden am Stück geschlafen!

Das Wetter war zunächst weiter kalt und grau, doch die Aussicht auf See und umliegende Berge ist durch die tiefen Wolkenbänke auch bei diesem Wetter interessant.

Beim Frühstück (wieder Lust auf Müsli mit Joghurt) verabschiedete ich meine Tischgenossin, deren Reha endete: Sie war sympathisch gewesen, und da sie sich wirklich auf freundlichen Smalltalk beschränkte, auch keine Belastung.

Ich lernte manuelle Lymphdrainage kennen: Der ausführende Physio wusste nicht zu erklären, wozu sie mir verschrieben wurde, auch nicht den Kompressionsstrumpf – mein operiertes Bein ist weiterhin nicht geschwollen. Laut ihm hätte ich beides am ehesten in den Tagen direkt nach der OP gebraucht. Wir einigten uns, dass ich im Tragen des doofen Strumpfs flexibel sein kann.

Bis zum nächsten Termin lungerte ich im Foyer herum (das hatte ich von der vergangenen Reha keineswegs vergessen: die vielen 20-30-minütigen Pausen zwischen den Terminen, mit denen nichts anzufangen ist) und las Zeitung auf meinem Handy. Dann endlich: Fango! Der Weg zur Behandlung war im labyrinthischen Bäder-Untergeschoß halbwegs nachvollziehbar. Da die Fango-Platte für den Rücken platziert wurde, ist auch ihr Nutzen mir unklar, aber die Wärme war angenehm.

Jetzt wäre ein Cappuccino schön gewesen, doch die Cafeteria hatte gestern um 11 Uhr noch keinen Betrieb.

Neugierig war ich auf „Pilates Einführung“. Im mittelgroßen Gymnastikraum waren wir nur zu dritt plus Trainerin. Sie erklärte Grundsätzliches, auf dem Boden wurden wir zu ersten Übungen angeleitet. Das könnte interessant werden.

Mittagessen in Bildern:

Gemüsesuppe mit deutlicher Kümmelnote.

Penne al arrabiata (die ich im Kopf vermutlich bis an mein Lebensende wie Darth Vader in der Death Star Canteen aussprechen werde).

Vanillepudding (cremig).

Inzwischen regnete es leicht. Ich krückelte dennoch meinen Verdauungsspaziergang im Park, nicht mal die Rauchergruppe war draußen.

Der nächste Termin war nochmal „Bewegungsschiene“. Diesmal kümmerte sich ein Physio und stellte die Schiene ein, auf die ich mein Bein lege und die es dann maschinell anwinkelt und ausstreckt. I’m not an expert, but – da ich dazu neige, im Zweifel $Medikament oder $Therapie in Verbindung mit dem Suchbegriff „Evidenz“ zu recherchieren, sind meine Fragen nach dem Nutzen wohl berechtigt. Aber man kann’s vermutlich halt abrechnen.

Eine Runde „Med. Training“, also Trockenradeln (ich stellte mal auf deutlich aktiver, um den Puls wenigstens ein kleines Bisschen hoch zu bekommen) und Bewegungsmaschinen.

Tagesprogramm beendet, zurück im Zimmer zog ich mich um (also von Gymnastikhose und Funktionsoberteil in weite, warme Sporthose, T-Shirt und Pulli – Straßenkleidung habe ich hier tatsächlich noch nie getragen). Ich ackerte mich weiter durch Connie Willis, Doomsday Book. Von all den Details der Pesterkrankungen (auch hier wieder und wieder dieselben Beschreibungen in Varianten) wurde mir selbst ganz kränklich.

Abendessen Biryani, das gut schmeckte, allerdings fast ausschließlich aus Reis bestand. Davor eine Suppe. Über den Nachmittag war es trocken geblieben, ich drehte meine Abendrunde im Park sogar unter Sternen.

Abendunterhaltung war Auslesen des Romans. Die Grundidee der missglückten Zeitreise einer Geschichtsstudentin ins Mittelalter, startend von einer mittelnahen Zukunft Mitte des 21. Jahrhunderts, gefiel mir zwar gut, doch die Erzähltechniken sind sehr verbesserungsbedürftig. Ein Drittel der Auserzählungen (niemand geht einfach in einen Raum und setzt sich, sondern öffnet die Tür, schließt die Tür hinter sich, geht zum Stuhl und setzt sich erst dann) müsste man kürzen, dann bekäme die Geschichte Tempo. Interessantes Detail: Als Willis den Roman 1992 veröffentlichte, stellte sie sich eine Zukunft mit Bildtelefonie als Standard vor, doch die Menschen müssen dafür immer noch zu stationären Apparaten gehen. Offensichtlich gab sie der Mobiltelefonie, die damals ja bereits mit Aktenkoffer-großen Apparaten begonnen hatte, keine Chance.

§

„9 (Kinda) Hilarious Lessons From My 99 Days on a COVID Ventilator“.

via @teresabuecker

die Kaltmamsell

11 Kommentare zu „Journal Dienstag, 13. Oktober 2020 – Evidenz-Skepsis“

  1. ingrid meint:

    bitte um beantwortung einer körpertechnischen frage: wie geht hosenanziehen ohne abwinkeln? haben sie irgendein hilfsmittel?
    weiterhin gute besserung!

  2. die Kaltmamsell meint:

    Sehr unelegant, ingrid, ich nehme an, da findet jede ihre eigene Technik, weil muss ja. Bei mir: Hose auf den Boden legen, mit dem OP-Bein so weit wie möglich ins Bein schlüpfen, Bein mit Hose nach hinten anwinkeln, jetzt kommen die Hände ran und können helfen. Gesundes Bein ist dann ja kein Problem.

  3. Friederike meint:

    Zum Stichwort „Bildtelefonie ja, aber nur stationär“: Das amüsiert mich immer bei Star Trek. Was die Autoren sich in den 60er Jahren fürs 23. Jahrhundert vorstellten (oder in den 80er/90ern fürs 24.JH), ist schon im frühen 21. Jahrhundert überholt – nicht nur bei Videobotschaften: Anrufe werden über den zentralen Lautsprecher angesagt und dann durchgestellt; Informationen werden in schwarze Rechteck-Dinger getippt, dann aber nicht einfach als Daten ausgetauscht, sondern das Gegenüber bekommt das schwarze Ding physisch in die Hand gedrückt. (Hat vielleicht auch was mit filmischer Darstellbarkeit zu tun)
    Ach, und die „isolinearen Chips“ als allerneusten Schrei gibt es im 24. Jahrhundert auch noch – immerhin nur wenig größer ein USB-Stick!

  4. die Kaltmamsell meint:

    Frühere Zukünfte immer die interessantesten Zukünfte, Friederike!

  5. Alexandra meint:

    Wer hätte auch je gedacht, dass Bildschirme (1992 noch Röhre, utopisch schwer) in etwas passen könnten, das damals technisch näher assoziert wurde mit dem Festnetztelefon, das ja auch noch nicht schnurlos und handlich war oder vielleicht noch mit einem Sprechfunkgerät, auch gewichtig und nicht hosentaschentauglich?

    Das Internet war noch selten und teuer, sein Weg ins Mobiltelefon doch eigentlich unausdenkbar?

    Die Denkungsart, dass technisch „alles“ machbar und unausweichlich nur eine Frage der Zeit ist, Technologien quasi auf einem schon vorgezeichneten Weg sind, die ist doch noch vergleichsweise jung.

  6. togibu meint:

    Obwohl ich Willis sehr schätze, ist Doomsday Book wirklich langatmig, was mir den Roman in Verbindung mit der simultanen bedrückenden Atmosphäre sowohl in Vergangenheit, als auch in Gegenwart doch vergällte. Deutlich amüsanter ist da To say nothing of the dog, wenn man mit dem Humor a la Jerome K Jerome was anfangen kann. Sehr gut gefiel mir auch Blackout/All clear, das spielt (hauptsächlich) in London 1940.

  7. Eine Leserin Aziza meint:

    Bewegungsschiene kenne ich nur bei Knie-Tep. Ich würde nochmal nachfragen.

  8. Sabine Kerschbaumer meint:

    ******************KOMMENTAROMAT**********************

    Gerne gelesen

    *******************************************************

  9. kid37 meint:

    Das weiße Geschirr ist aber zu loben. Das sieht doch alles gleich ganz angenehm aus. Weiter voran!

  10. Joe meint:

    Zweifel sind angebracht. Zumindest bei Knie TEP bringt die Bewegungsschiene keine Vorteile.
    https://www.cochrane.org/de/CD004260/MUSKEL_kontinuierliche-passive-bewegungsbehandlung-behandlung-auf-der-motorschiene-nach-einsatz-einer

    Da geht es nicht ums abrechnen. Reha wird pauschal in Tagessätzen bezahlt. Die sind aber so knapp bemessen, dass die Bewegunschiene eine günstige Therapie darstellt, da der Personalaufwand gering ist.

  11. Stedtenhopp meint:

    Die „9 Lessons“ made my day.

Beifall spenden: (Unterlassen Sie bitte Gesundheitstipps. Ich werde sonst sehr böse.)

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