Journa Sonntag, 22. November 2020 – Stollenbacken und kulturell verbindende Geschmacksabneigungen

Montag, 23. November 2020 um 6:58

Lang geschlafen, damit die nächtliche Schwitz- und Wälzpause ausgeglichen. Die Sonne ging zu einem frostigen Morgen auf.

Vormittags startete ich die ersten Thüringer Weihnachtsstollen der Saison.

Als ich Zitronat und Orangeat (bio und 1A Qualität) hackte und in den dabei entstehenden Düften schwelgte, dachte ich über kulturell bedingte kulinarische Abneigungen nach: Bei uns ist gesetzt, dass man Zitronat und Orangeat supereklig finden kann – auch wenn es sich um die kandierten Schalen von gewohnten Zitrusfrüchten handelt, auch wenn man Orangen- und Zitronengeschmack eigentlich mag, auch wenn es sich keineswegs um extreme Geschmacksnoten handelt. U.a. gibt es Stollenrezepte, die die Abwesenheit von Zitronat und Orangeat herausstreichen. Das ist außerhalb unseres kulinarischen Kulturkreises erklärungsbedürftig.

Ich wiederum war verblüfft, als mir in Großbritannien immer wieder Menschen erklärten, dass sie custard nicht mögen, also Vanillesoße oder -pudding – das hatte ich im deutschsprachigen Kulinarikgebiet noch nie gehört, bei uns ist die Ablehnung von Vanillesoße kein Gruppenmerkmal. (Zusammen mit meinen englischen Freundinnen kam ich zu dem Schluss, dass das mit englischem Schulessen zu tun hat, in dem custard Standard war und zu dem man sich identitätsstiftend in Verhältnis setzte.) Spanische Kontakte hingegen kann ich damit erheitern, dass viele Deutsche Meeresfrüchte nicht mögen – man erklärte mir, das sei so befremdlich, als möge jemand keine Nudeln.

Dann wiederum: Die ersten Vegetarierinnen, die ich vor 35 Jahren kennenlernte, mochten einfach kein Fleisch, sie lehnten den Geschmack ab – und hatten es sehr schwer, denn das war damals bei uns unerhört. (Eine der ersten in meinem Bekanntenkreis war auch noch Metzgerstochter.)

Während der Stollenteig ging, bewegte ich mich noch in Schlumpfklamotten mit ein bisschen Mobilisations- und Dehnübungen für die operierte Hüfte, dann Duschen, Anziehen. Während die beiden Stollen diesmal deutlich mehr Backzeit brauchten, werkelte ich am letzten Schritt des Projekts Neue Ablage: Druckvorlagen recherchiert, auf der Hersteller-Website Etiketten erstellt, als PDFs runtergeladen, Herrn Kaltmamsell zum Ausdrucken geschickt (die Druckerverbindung zickt derzeit auf meinem Rechner).

Stollen bebuttert und gezuckert, jetzt konnte ich endlich Semmelholen gehen. Der kurze Weg zum Bäcker machte mir deutlich, dass ich mich noch eine Weile mit den neuen Schmerzen werde beschäftigen müssen. Und ich noch eine ganze Weile die Sportklamottenwerbung, die mir anscheinend alle Medien in Massen entgegenhalten, als Verhöhnung empfinden.

Nach dem Frühstück kurz vor drei (Herr Kaltmamsell hatte eine Variante seiner immer überdurchschnittlich guten Guacamole gemacht) beklebte ich die neu sortierten Ablageordner: Zehn Stück stehen jetzt (mittel)sauber beschriftet (in der Arbeit hätte ich deutlich höhere Maßstäbe angelegt, Sekretärinnenehre und so) und damit hoffentlich einfach fortzuführen im Regal.

Zweites Heimprojekt ist Sichten und Sortieren von Briefen/Karten aus möglicherweise 40 Jahren. Vor 27 Jahren ließ ich mir zu Weihnachten eine Korbkiste schenken, um darin die bis dahin erhaltenen Briefe und Karten aufzubewahren (ich war eine eifrige Briefschreiberin und erhielt entsprechend viele), mit Platz für künftige. Auch wenn die Kiste durch die Umstellung auf elektronische Korrespondenz erst vor wenigen Jahren ganz voll war und seither der Deckel immer verzweifelter die zusätzlichen Stapel am Ausreißen hindert: Da ist eine Menge Zeug und Geschichte drin. Ich werde mich dem Projekt vorsichtig nähern und erst mal antesten, ob ich die damit verbundenen Emotionswellen derzeit verkrafte.

Brav und artig widerstand ich meiner Sehnsucht nach draußen (es blieb sonnig), setzte mich schonend aufs Bett mit Füßehoch und las auf Bildschirm und Papier. Ich bekam mit, wie Herr Kaltmamsell zur Koordination seines Unterrichts kommende Woche erst mal herausfinden musste, welche Klassen/Kurse in Quarantände geschickt wurden und welchen Unterricht er folglich für Präsenz, welchen für Distanz planen muss. (Das wird wohl erst mal Lehreralltag bleiben.)

Bei Dunkelheit gabe es noch Mandarinen und Trauben, zum Nachtmahl kochte Herr Kaltmamsell auf meinen Wunsch nahöstliche Linsen mit Bandnudeln nach Immer schon vegan.

Zum Nachtisch noch ein Stückl Apfelstrudel vom Samstag.

Während im Fernsehen Solo: A Star Wars Story lief (soll keiner sagen, dass ich dem Star Wars-Universum keine Chance gebe, aber jeder Versuch erinnert mich lediglich daran, warum ich damit nichts anfangen kann und mir vages Wissen zur Einordnung von Anspielungen genügt – zumindest schlug ich nach, woher ich die Hauptdarstellerin kannte, Emilia Clark, nämlich aus Last Christmas), puderzuckerte ich die Stollen und packte sie in Alufolie.

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Beeindruckendes Interview der Tagesthemen mit dem letzten lebenden Chefankläger der Nürnberger Prozesse, in denen ab 1945 die Hauptkriegsverbrecher des Zweiten Weltkriegs vor Gericht gestellt wurden, Benjamin Ferencz.
„‚Sie bereuten nichts'“.

tagesthemen: Wie haben Sie letztendlich entschieden, wen Sie anklagen würden?

Ferencz: Zum einen auf der Grundlage ihres Dienstgrads. Es waren beispielsweise einige SS-Generäle darunter. Ein weiteres Auswahlkriterium war ihr Bildungsgrad. Es sollten Menschen sein, die in der Lage waren zu verstehen, was sie tun. Einige von ihnen hatten einen Doktortitel, manche sogar zwei.

Fast habe ich den Eindruck, dass mittlerweile vergessen ist, was zu den größten gesellschaftlichen Erschütterungen der Nazi-Gräuel gehörte: Dass sie belegten, wie wenig zivilisatorischer Fortschritt (oder eben Rückschritt) mit Faktenwissen und Bildung zu tun hat. Jedesmal wieder, wenn als Mittel gegen menschenverachtenden Rechtsruck Bildung und Wissensvermittlung in Schulen angeführt wird (und zwar Bildung in jeder der verschiedenen Definitionen, derer sich die Ideegebenden meist nicht bewusst sind), denke ich pessimistisch an die Verursachenden der größten systematisierten Grausamkeiten des 20. Jahrhunderts: An Bildung und Wissen fehlte es den wenigsten.

§

Mein Internet ist weiterhin toll: Seit ein paar Wochen folge ich auf instagram Helen Rebanks – ihre Stories und Fotos machen mich sehr dankbar dafür, dass sie mich an ihrem Leben ein wenig teilhaben lässt und ich so Alltag einer Landwirtin im nordenglischen Lake District miterleben darf. Da mögen sich Feuilletonisten noch so oft über das Mitmach-Web lustig machen: Ich finde sogar aufregend zu erfahren, dass Helen für die Familie asiatischen stir fried rice mit „whatever vegetables are available“ zum Abendessen kocht.

die Kaltmamsell

20 Kommentare zu „Journa Sonntag, 22. November 2020 – Stollenbacken und kulturell verbindende Geschmacksabneigungen“

  1. Melanie Gywer meint:

    Nie, nie, nie werde ich vergessen, als Einzige von über vierzig Mitschülern vor dem entsetzlichen Grauen einer KZ-Besichtigung in den Reisebus geflohen zu sein.
    Meine Mitschüler sahen sich alles an diskutierten recht entspannt über Lampenschirme. Es hat ihnen kaum etwas ausgemacht.

    Es ist nicht Bildung, wir waren 12. Klasse.

  2. Alexandra meint:

    Ich gehöre dann wohl in die Gruppe der „Konsistenzsensiblen“ – denn es hat definitiv rein gar nichts mit deren Geschmack zu tun, wenn ich diese würfelförmigen, kantigen, fest-zähen STÜCKE innerhalb ansonsten geschmeidigen Stollenteiges krass gruselig finde.

  3. die Kaltmamsell meint:

    Das kann ich gut verstehen, Alexandra, damit hatte ich mir die Abneigung immer erklärt. Deshalb hacke ich ja beides ganz, ganz fein – nur um mir von zahlreichen Ablehnerinnen erklären zu lassen, es habe eben gar nichts mit der Konsistenz zu tun, daher meine Ratlosigkeit.

  4. Frau Irgendwas ist immer meint:

    Stollen ohne Zitronat und Orangeat? Das geht ja nun mal gar nicht! Meeresfrüchte dagegen … warum heißt das Früchte, das hat Tentakel, Augen … *scherz*
    Ja, das Interview habe ich auch gesehen, ein sehr beeindruckender Mann. Und dieses spitzbübische Lächeln … kluge Menschen sind immer auch schön, egal wie alt.
    Bitte üben Sie sich in Geduld bezüglich der Hüfte, wir alle wollen hier nur von Heilungsfortschritten lesen!

  5. Thea meint:

    Linsen mit Bandnudeln? Mein absolutes Lieblingsgericht aus „Immer schon vegan“. Es schmeckt ganz wunderbar und ist immer wieder ein großer Seelentröster.

  6. Evi meint:

    Ich habe hier auch zwei Konsistenzsensibelchen. Aber Stollen ohne Orangeat und Zitronat ist no go. Ich male beides mit Mandeln bzw. Nüssen. Dann bleibt der Geschmack, aber man sieht und spürt es nicht mehr.

  7. Lempel meint:

    Ich kenne schon auch Leute, die abgestandene Vanillesoße mit Haut ablehnen. Beim näheren Nachdenken hängt das wohl damit zusammen, dass früher im süddeutschen Raum Vanillesoße häufig auf den Tisch kam. Ofenschlupfer, Kirschenmichel, Dampfnudeln, Grießauflauf und alles immer mit Vanillesoße. Kann mit der Zeit schon zu viel werden.

  8. Elfe meint:

    Bei mir ist’s auch die Konsistenz – und, dass das normale Orangeat/Zitronat halt nur schwach nach Orange und Zitrone schmeckt. Meine Schwiegermutter sagt auch immer, dass es die besten kandierten Früchte in Italien/aus Sizilien gibt und macht Cassata nur nach der Rückkehr aus dem Heimaturlaub. Von ihr habe ich auch den Trick mit den weichgekochten Parmesanrindenenden in Eintopf oder Minestrone – deren zerfließendzähe Konsistenz wiederum finde ich lecker, der Rest der Familie nicht …

  9. Stephan meint:

    Hier, ein einheimischer Vanillesoßen- und -puddingphobiker. Aber, es stimmt, verbreitet und identitätsstiftend oder gar distinktionsfördernd ist diese Abneigung im Gegensatz zu Rosinen oder (südlich von Göttingen) Lakritz nicht.

  10. Nina meint:

    Wir Seriensüchtigen kennen Emilia Clarke ja für immer als Mother of Dragons.
    Ich stehe Orangeat und Zitronat eher neutral gegenüber, ebenso übrigens Meeresfrüchten, Lakritze oder Marzipan (die sind doch auch so Identitätsstifter, oder?). Finde ich alles ok, keine Ekelgefühle, aber auch nicht die allergrößte Liebe.
    Ich scheine also eher so einen mittelmäßigen Ja-mei-passt-scho-Geschmackssinn zu haben.
    Aber wehe Sie kommen mir mit Ananas, urgghs!

  11. caterina meint:

    Se haben die Rosinen-Fraktion vergessen. Und die Knoblauch-Frage. Meine Erfahrung: Je weiter nördlich, desto Anti-Knoblauch! (Wobei da viel vom Kopf ausgeht, denn wenn Knoblauch unsichtbar ist, schmeckt’s…)

  12. Mel meint:

    Vanillesoße und -Pudding *schüttel* mit oder ohne Haut … egal
    Aber wenn ich für den Rest meines Lebens nur noch eine Süßigkeit dürfte, wäre es Lakritz… süß, salzig, scharf, weich, hart… Ich war mal 10 Tage in Genf und seit der Hinfahrt hatte ich einen Jieper auf Lakritz. Es waren 10 schreckliche Tage. ;-)
    Weiterhin gute Erholung für Sie liebe Frau Kaltmamsell.

  13. Steffie meint:

    Ich bin ein riesengroßes Konsistenzsensibelchen, aber auch das ist halt bei jedem anders. Zitronat und Orangeat stört mich kein bisschen, das schlimmste sind Meeresfrüchte, Pudding (vor allem die Haut, Mousse au Chocolat ist prima), Grießbrei (Milchreis ist kein Problem), Rosinen mag ich, Lakritz auch. Besonders bei Pilzen tut es mir leid, denn der Geschmack ist toll..

  14. Croco meint:

    Bin ein seltenes Pflänzchen: ich esse alles.
    Außer Lakritz vielleicht, und Marzipanpralinen, die mag ich nicht, esse sie aber bei Hunger auch.
    Ob das in der Kindheit liegt? Wir mussten alles probieren, was auf den Tisch kam.
    Und haben uns vielleicht so eine Geschmacksvielfalt erarbeitet.
    In fremden Ländern esse ich auch alles, bin da sehr mutig.
    Und habe Freude am Essen, auch an Zitronat und Orangeat.
    Vielleicht sollte ich mal einen Blogartikel schreiben: was ich schon alles gegessen habe. Dann schalte ich aber die Kommentare ab.

  15. Hauptschulblues meint:

    Es geht uns halt so gut, dass wir über Vanillepudding und Orangeat/Zitronat ausgiebig diskutieren können.

  16. Anne meint:

    Zur Rolle von Bildung und Wissen:
    Der „Wissenschaftserklärer“ (seine Bio) Florian Aigner hinterfragt ähnlich ihre heutige Bedeutung und damit sein Selbstverständnis in diesem Thread
    https://twitter.com/florianaigner/status/1329832867921268736

  17. die Kaltmamsell meint:

    Ja, Anne, aber ich bin nicht so optimistisch wie Florian Aigner, was diese Erziehbarkeit von kleinen Menschen angeht.

  18. Berit meint:

    Das esse ich auch alles, bei mir sind es die Innereien bei denen ich dankend ablehne. Leber ist okay, der Rest ist mir zu schnurpselig oder zäh.

    Und Rosenkohl…

  19. Anne meint:

    Als Optimisten sehe ich ihn nicht, sondern ratlos über sein (unser?) Scheitern. „Wir müssen irgendwie…“ ist keine Lösung, zumindest keine konkrete.

  20. kelef meint:

    es ist meist viel einfacher, als es ausschaut: es gibt immer irgendeinen trigger, das hat die natur so eingerichtet, und das ist eigentlich auch gut und richtig so, denn im grund genommen hiess das ja nur: was du nicht kennst, das friss nicht oder probier halt einfach so lange und vorsichtig, bis du eine meinung dazu hast. viecher können das gut, kinder auch, leider werden sowohl die einen wie auch die anderen heutzutage oft durch superdupergesundeundvorallemäusserstleckere fertig-gatschgerichte aka gläschen oder dosen von frühester kindheit an auf bestimmte geschmackskompositionen geprägt.

    oder die eltern mögen was nicht, dann kommt das zuhause auch nicht auf den tisch, und woher, bitteschön, sollte so ein kindergartenkind dann wissen ob ihm das, was auf dem tisch steht, schmeckt? der kleine sohn meines ex war da ein paradebeispiel: der ass – lt. seiner mutter – ganz bestimmt keine schwammerln und keinen käse und nix, wo irgendwas davon dabei war. dann war er mit uns auf urlaub, und was tat gott? der zwuck kostete sich durch die speisekarte und ernährte sich quasi von gebackenen chamgignons, käsesaucen und -fondue, eräpfelsuppe mit steinpilzen, etc.. innereien waren lt. seiner mutter ein no-go: geröstete nierchen oder leber liebte er, und das steak, bitteschön, innen noch fast blutig. weil: dann schmeckt das am besten.

    allerdings hab ich ihm das so beigebracht wie meiner tochter: koste ein klitzekleines stück, nimm sicherheitshalber gleich eine grosse papierserviette in die hand, du DARFST nix schlucken was dir nicht schmeckt.

    austern, im übrigen, mögen wir alle nicht. muscheln schon. und ich mag am liebsten roten kaviar, und ja: ich habe auch schon oft genug schwarzen und grauen gegessen.

    und vanille ist geeignet, mich in die flucht zu schlagen – allerdings weiss ich auch hier genau, warum.

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