Journal Freitag, 20. November 2020 – Erzwungene Ruhe

Samstag, 21. November 2020 um 8:54

Sieht so aus, als sei der Genesungsprozess tatsächlich irgendwo falsch abgebogen. In der Nacht auf gestern war aus dem zeitweiligen Schmerz plagender Dauerschmerz in Leiste und Bein geworden. Im Morgendunkel humpelte ich zu meinem Physio-Termin um 7.15 Uhr (aber: U-Bahn wundervoll leer), wies Frau Anfasserin nochmal auf die weitere Verschlechterung hin. Sie führte das jetzt auf „Entzündung des Gewebes“ zurück, riet von Kraftübungen und Belastung ab, empfahl Übungen zur Mobilisierung und Ausdauer. Die 20-Minuten-Einheit Physio war dann auch nur Massage (aua!).

In der anschließenden Runde Reha-Sport konnte ich keine der Übungen, die Stehen auf dem operierten Bein erforderten. (Aber selbstverständlich probierte ich sie bis Tränen in den Augen.)

Jetzt also ernsthaft: Ruhe. Mit ein bisschen Hausverlassen. Und ich werde das schlechte Gewissen, das ich IMMER bei Untätigkeit ohne kompletten K.o. habe, aushalten: Ja, ich bin ein faules Schmarotzerschwein und völlig wertlos – Pech gehabt.

Daheim duschte ich nur, kleidete mich an und zog mich nach einem frühen Mittagessen (Kürbiscurry vom Vorabend) aufs Bett zurück, mit Zeitung und Laptop. Keine Einkäufe fürs Stollenbacken, kein Abstecher in einen neuen interessanten Weinladen ums Eck, auch die Einkaufsliste fürs Wochenende überließ ich Herrn Kaltmamsell (wo er doch eh schon so überarbeitet ist!).

Statt dessen las ich: Erst Zeitung, dann das SZ-Magazin. Der persönliche Essay darin über die Bescheuertheit des Hübsch-und-dünn-sein-Diktats (€) enthielt nichts Neues, machte mich nur traurig, weil er seit Jahrzehnten immer und immer wieder geschrieben werden muss – doch die Illustrationen, für die Jeff Muhs Beton in beengende Kleidung gegossen hat sind sensationell (am besten gefiel mir die auf der TItelseite). Ebenfalls empfehlenswert: Eine Geschichte über eine Firma, die Farbpigmente herstellt – €).

Vorm Fenster strahlender Sonnenschein, über meinen Beinen eine antike Decke, die Herr Kaltmamsell in den gemeinsamen Hausstand gebracht hat.

Außerdem las ich Twitter und verlinkte Artikel, dann John le Carré, Tinker Tailor Soldier Spy (möglicherweise finde ich klassische Spionageromane doof, wenn sie im Grunde nur elaboriertes und höchst formalisiertes Befindlichkeitsgezicke zwischen ganz vielen Männern erzählen). Als Nachmittagssnack gab es Papaya, Orange, Maracuja mit Joghurt und Honig.

Herr Kaltmamsell servierte als Abendessen Rehrücken vom Viktualienmarkt mit Pakchoi aus Ernteanteil.

die Kaltmamsell

18 Kommentare zu „Journal Freitag, 20. November 2020 – Erzwungene Ruhe“

  1. Daniela meint:

    Menno, das mit Ihrer Hüfte tut mir leid, das liess sich so gut an und ich habe mich sehr für Sie gefreut welch tolle Fortschritte Sie hatten. Ich drück die Daumen dass es schnell wieder besser wird!

  2. creezy meint:

    Liebe Kaltmamsell,

    naja, entweder bist Du ein faules Schmarotzerschwein – oder die eklige Streberin, die aber die gesammelte Fleißbienen auch kein bisschen weiterbringen im Gemochtwerden im Klassenverband.

    Wenn Dein Körper Dir signalisiert, er möchte etwas Ruhe haben, dann gib ihm bitte Ruhe! Da braucht man auch kein schlechtes Gewissen haben, ganz im Gegenteil. Offensichtlich spricht er gerade eine sehr deutliche Sprache, höre ihm zu! Der redet nicht ohne Grund! Gib ihm Kühlung, (verbrennt auch Kalorien.)

    (Im Ernst, ich kenne das. Beides. Auch das schlechte Gewissen. Habe aber gelernt, dass, wenn mein Hüllenich spricht, ich möge ihm eine Woche Ruhe gönnen, tue ich es mittlerweile – für mehr Frieden in der Gemeinsamkeit.)

    Massagen an der Hüfte sind verdammt unangenehm. Ich weiß nicht, ob es am Körper ob mit oder ohne frische OP eine Stelle geben kann, die unangenehmer ist in der Massage als die Hüfte? (Bin seit anderthalb Jahren in der physikalischen Therapie – und seit wir die Hüfte bearbeiten, habe ich erstmals Angst vor den Terminen.)

    Gute Besserung!

  3. Michael meint:

    Shit.

  4. Eva meint:

    Liebe Kaltmamsell,
    darf ich Sie fragen, warum Sie noch nicht bei Ihrem freundlichen und kompetenten Orthopäden vorgestellt haben, um zu fragen, ob der Heilungsprozess trotz der Beschwerden in die richtige Richtung verläuft?
    Ich bin Arzthelferin (ganz andere Fachrichtung), aber wenn mich jemand anriefe und mir die Beschwerden schilderte, würde ich ihn/sie einbestellen.
    Liebe Grüße
    Eva

  5. die Kaltmamsell meint:

    Weil ich am nächsten Montag einen regulären Termin bei dem behandelnden Orthopäden habe, Eva. (Der weder besonders freundlich noch besonders kompetent ist, sondern lediglich derjenige, der sich Anfang 2020 endlich von mir dazu bewegen ließ, das seit Jahren und immer schlimmer schmerzende Hüftgelenk genauer zu untersuchen. Gibt es überhaupt niedergelassene kompente Orthopäden?)

  6. Daniela meint:

    (es gibt tatsächlich einen kompetenten, in mering, sogar in bahnhofsnähe ;) )

  7. Eva meint:

    Ja. Schwierig. Auch hier im Stuttgarter Raum. Oft ist die Sprechstunde in der operierenden Klinik der bessere Ansprechpartner.

  8. Frau Irgendwas ist immer meint:

    Werte Frau Kaltmamsell, Sie sollten aus einem `Hoch die Hände – Wochenende` ein `Hoch die Füsse – Wochenende` machen! Manchmal ist Zeit&Ruhe das beste Medikament.

  9. Pippilotta meint:

    Wer seinem Körper nach einer OP die notwendige (und von diesem klar eingeforderte) Ruhe zum Heilen gibt, ist ein „faules, völlig wertloses Schmarotzerschwein“? Wie kommt man nur zu einer derart selbstabwertenden und selbstzerstörerischen Haltung? Das macht mich wirklich fassungslos.

  10. Ilka meint:

    Moment mal, Gesundwerden und Heilen sind schwere Arbeit. Immer schön weitermachen damit.
    Leider sind die meisten von uns so sozialisiert, dass man sich nur für etwas wert hält, wenn man „Dinge tut“ und „nützlich ist“.
    Alles Gute!

  11. Ulla meint:

    ich wundere mich schon länger, was Sie so unbedingt schon alles können, wollen, müssen. Das Ergebnis sieht man jetzt.

  12. Alexandra meint:

    „Männliches Befindlichkeitsgezicke“ – nicht ganz dasselbe, aber ähnlich überflüssig und damit so ermüdend wie nervig finde ich ja bei meinen mir grundsympathischen Krimikomissaren Dupin (Bretagne) und Brunetti (Venedig) die auffällige Gemeinsamkeit der inkompetenten, arroganten Vorgesetzten. Sehr fähige Männer, deren Chefs totale Trottel sind, das hat immer einen gewissen Geruch, finde ich. Und ob es nötig ist, das so darzustellen frage ich mich auch.

    Die antike Decke ist mir sehr sympathisch!

  13. Mareike meint:

    Keinen Ratschlag, keine Vorwürfe, sondern einfach nur die besten Wünsche von mir, dass die Hüfte bald so verheilt, wie sie soll und Sie keine Schmerzen mehr haben!

  14. Alexandra meint:

    Da fällt mir noch was ein: Meine Schwiegermutter ist nachweislich daran gestorben, absolut notwendige Schonung für überflüssige und daher absolut zu vermeidende „schweinische Schmarotzerei“ zu halten.

  15. Katrin meint:

    Das ist ja lustig, mein Vater wohnt in Bruckmühl. Gleich mal gegoogelt, die ehemalige Wolldeckenfabrik Bruckmühl wurde wohl mittlerweile zu einem Gewerbegebiet umgebaut.
    Und gute Besserung! Es gibt, würde ich meinen, in jeder Genesung Auf und Abs. Aber passen Sie gut auf sich auf!

  16. Nina meint:

    Auweia. Gute Besserung, möge der Genesungsprozess jetzt schnell wieder zurück auf die richtige Route abbiegen! (Ich schüttle mal wieder fassungslos den Kopf ob der teilweise dermaßen übergriffigen Kommentare hier. Hoffe, Sie können sie ignorieren.)

  17. obadoba meint:

    Ach ja, Überlastung. Das ist die Falle, in die ich auch andauernd tappe. Ich freue mich, dass es grad so gut läuft und ein paar Tage später kommt ein Tiefschlag.

    Mir erklärte mein Orthopäde, dass man mit einer Prothese eine Überlastung leider nicht unbedingt direkt spürt, sondern gern erst mit bis zu einer Woche Verzögerung. Ich gebe zu, nicht ganz verstanden zu haben, warum das so ist, meine aber, das inzwischen mehrfach erlebt zu haben :/ Zum Einschätzen, wo man steht im Heilungsprozess und was man sich aktuell zutrauen darf, ist das ausgesprochen nicht hilfreich.

  18. lihabiboun meint:

    Ha ha ha, der beste Satz in dem Artikel „Schwer in Ordnung“ war der über Sarah Blakely, die miliardenschwere Erfinderin der Marke Spanx…. „mit einer Dünnmachunterhose“. Nachbarin, Euer Fläschchen!! Allerliebste Grüße verehrte Kaltmamsell.
    @Daniela: her damit bitte, her damit. Ich brauch einen bitte.

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