Journal Freitag, 25. Dezember 2020 – Bewegende Grüße aus der Vergangenheit

Samstag, 26. Dezember 2020 um 9:02

Ist es nur in meinem Kopf seltsam, dass ein Tag ein Freitag sein kann UND Weihnachtsfeiertag? (Nicht antworten.)

Noch vor elf hatte ich dreimal Tränen in den Augen wegen freundlicher Worte (nicht an mich gerichtet). „Furiously kind“ ist doch mal ein Ziel für zwischenmenschlichen Umgang (Empfehlung von Laurie Penny in ihrem Patreon-Newsletter).

Ehepaare auf Twitter:

Obwohl eigentlich Rundum-Rehagymnastik drangewesen wäre und ich mangels Reise zu Familienweihnacht mehr als genug Zeit dafür gehabt hätte, ließ ich mich nach nur wenig Hadern in die Lethargie fallen, zu der graues Wetter (die fünfeinhalb Schneeflocken zählten nicht) und stillster Feiertag des Jahres lockten. Wegen eines Tags Untätigkeit würden meine Muskeln schon nicht verkümmern.

Herr Kaltmamsell brütete über Möbel- und Dingeverteilung in der neuen Wohnung, schob auf seinem Bildschirm Rechtecke herum, maß Teile unserer vielen, vielen Bücherregale aus. Wir besprachen Möglichkeiten der neuen Aufteilung unserer Bibliothek. Eine Folge: Ich mistete nachmittags den einen oder anderen Meter Bücher aus, u.a. alles von Luise Rinser, Hermann Hesse, Minette Walters, Nick Hornby, Sujata Massey, Fred Vargas, Esther Vilar. Wenn ich das jemals nochmal lesen möchte, komme ich wirklich leicht ran. (Sollten Sie Interesse haben: Ganz oder in Teilen gegen Porto zu verschenken – an mitlesende Familie natürlich auch ohne Porto. Nur kenne ich deutlich mehr Menschen, die Bücher loswerden wollen, als Menschen, die darauf erpicht sind.)

Ausgemusterte Bücher, Herr Kaltmamsell hatte sich über die vergangenen Tage von DVDs befreit.

Buchregal mit wundervollen Löchern.

Frühstück war ein ordentliches Stück Schinken mit ordentlich Brotteig drumrum.

Nach reichlich Internetlesen wollte ich raus, auch wenn es unwirtlich aussah. Zur Feier des Tages in Capa (und weil ich keine Tasche mitnehmen musste und den Hausschlüssel in eine Kleidtasche stecken konnte).

Aufgenommen von #boyfriendofinstagramm Herr Kaltmamsell.

Ich spazierte die Theresienwiese entlang über KVR ins Schlachthofviertel, übers Dreimühlenviertel an die Isar, übers Glockenbachviertel zurück. Es schneeregnete und schneite mal leichter, mal stärker.

Neuer Street-Art-Liebling am Bahnwärter Thiel.

Beim Heimkommen hatte ich Hunger (dieses Weihnachten ist ernsthaft kaputt: HUNGER!), ich aß Mandarinen und das Scherzl des In-Brotteig-Brots mit Butter und Marmelade.

Zum Abendessen war Käsefondue geplant, das gab es dann auch. Brot eben nicht am selben Tag eigens gebacken, sondern Brothülle vom Schinken. Ich hatte seit Tagen Lust auf Schaumwein gehabt, wir öffneten unsere letzte Flasche Rieslingsekt von Buhl. (Der uns so gut schmeckte, dass ich umgehend ein Kistlein vom nächsten Jahrgang nachbestellte.)

Ein Mitabiturient (einer von den vielen, die sich als Erwachsene als völlig andere Menschen herausstellten, als ich sie als Jugendliche eingeschätzt hatte – schon damals war ich offensichtlich gefangen in Stereotypen) mailt seit vielen Jahren Weihnachtsgrüße an den Abitreffen-Verteiler – schon seit Zeiten, als E-Mail als Medium exotisch war. Doch dieses Jahr gab es erstmals Reaktionen darauf: Ein Blick in meinen „Unbekannt“-Ordner überraschte mich damit, dass viele ehemalige Mitschüler*innen an den Gesamtverteiler geantwortet hatten, mit ebenfalls guten Wünschen, aber auch mit ein paar Stichpunkten zu ihrer aktuellen Lebenssituation 35 Jahre nach dem Abitur – oder noch länger nach unserer gemeinsamten Schulzeit, in diesem Verteiler sind auch Menschen, die vor diesem Abitur 1986 die Schule gewechselt hatten. Im Lauf des Tages meldeten sich immer mehr (auch ich hatte ein paar Zeilen geschrieben und ein aktuelles Bild angehängt), darunter Menschen, an die ich oft gedacht hatte, von denen ich aber seit fast 40 Jahren nichts wusste. Sehr bewegend.
(Nachtrag weil vermutlich nützliches Detail: Unser Abi-Jahrgang, humanistisches Gymnasium, zählte nur 49 Köpfe.)

§

Ein Tagebuchtext von Landwirt James Rebanks im Spectator (der Mann kann halt wirklich schreiben):
„A farmer’s notebook: why I’m not dreaming of a white Christmas“.

§

Auf Twitter hinterfragt @pete_lectro das Wort „Plätzchen“ und zieht Konsequenzen. (Unbedingt die Antworten lesen.)

die Kaltmamsell

13 Kommentare zu „Journal Freitag, 25. Dezember 2020 – Bewegende Grüße aus der Vergangenheit“

  1. Hauptschulblues meint:

    Zu „Plätzchen“: Nachgeschaut im digitalen Wörterbuch der Deutschen Sprache, das u.a. folgende Erklärung anbietet: Platz m. ‘flach geformter Kuchen, Fladen’, frühnhd. placz, blacz (15. Jh.); vgl. mhd. (md.) placzbecke(r) ‘Fladenbäcker’ (14. Jh.). Literatursprachlich geläufig ist das Deminutivum Plätzchen n. ‘flaches Stück Kleingebäck’ (16. Jh.).
    Im Innviertel heißen sie „Leckerl“.

  2. Sonni meint:

    Selbstverständlich gibt es einen „Platz“, ein oben aufgeplatztes Hefegebäck, meistens eher als Stuten bekannt. Den Zusammenhang zu „Plätzchen“, die ja meist aus Mürbeteig sind, verstehe ich allerdings auch nicht.

  3. Lempel meint:

    Von „Platz“ leitet sich wohl auch der fränkische Blootz ab. Das ist ein breiter Kuchen aus Hefeteig, der süß oder deftig belegt sein kann.

  4. die Kaltmamsell meint:

    Ich empfehle wirklich die Lektüre der Antworten unterm Tweet, Hauptschulblues, Sonni, Lempel.

  5. Croco meint:

    Interessant. Im Schwäbischen sag man auch Breedle für die Plätzchen, also kleine Brote.
    Vermutlich geht es eher um die Forma als um die Bestandteile. So passt Platz für lappigen flachen Kuchen, und eben auch Plätzchen für die kleine Form.
    (das steht nicht unter dem Tweet :))

    Diese Sprühzeichung mit dem Kastanien-Zyklopen ist allerliebst.

  6. lihabiboun meint:

    Darf ich fragen, verehrte Kaltmamsell, wo Sie hinziehen werden?

  7. Defne meint:

    Interessant diese Capa so ähnlich wie unsere Kotze. Ist die bei der Menge Wollstoff (anscheinend ein ganzer Kreis) nicht wahnsinnig schwer?
    Den Rucksack müßte ich darunter tragen was aussehen würde wie ein großer Buckel.

  8. die Kaltmamsell meint:

    Sobald der Vertrag unterzeichnet ist, lihabiboun.

    Enorm schwer, Defne, sie besteht aus einer vollständigen Scheibe Wollstoff. Freundliche Herren, die sie mir abnahmen, gingen da schon mal überrascht in die Knie.

  9. Ulrike meint:

    Zu den Büchern:
    fragen Sie doch mal die Stadtbibliothek. Die hiesige nimmt gerne gut erhaltene Bücher. Und vom guten Zustand gehe ich bei Ihnen als Bücherfreunde aus.
    Herzliche Grüße von der langjährigen Blogleserin Ulrike aus Würzburg.

  10. die Kaltmamsell meint:

    Möglicherweise kennen Sie die einzige Stadtbibliothek Deutschlands, die noch gebrauchte Bücher annimmt, Ulrike. Ich mache gleich am Montag ein Paket an die Max-Heim-Bücherei in Würzburg fertig. Wenn ich das gewusst hätte, hätten wir uns das Leben in den vergangenen zehn Jahren deutlich einfacher machen können, in denen keine Stadtbücherei, keine Krankenhaus- und keine Schulbibliothek mehr Bücher annahmen (einen Großteil brachte Herr Kaltmamsell bei Oxfam los, zum Glück auch die englischen Bücher, die bei uns ja in der Überzahl sind).

  11. Trulla meint:

    Unser Zeitungskiosk hat seit Jahren ein zweckgebundenes Regal aufgestellt für gelesene Bücher im Bestzustand. Wir Kunden stellen Bücher dort ab und der Händler gibt diese für Stücker 0,50 Cent ab. Diesen Winter konnte er mit den erzielten Einnahmen der letzten zwei Jahre (plus zusätzlicher, gern gegebener Spenden) sage und schreibe 7500 Euro an ein Kinderhilfswerk geben. Eine großartige, persönliche Initiative, die natürlich in unserem Lokalblatt entsprechend gewürdigt wird.

    Ein anderes Geschäft in unserem Einkaufsquartier hat in der Vorweihnachtszeit eine Bücherkiste vor dem Laden aufgestellt mit der Bitte um Kinderbücher. Man konnte kaum so schnell gucken, wie diese Kiste (kostenlose Entnahme) wieder leer war.

    Das hilft Ihnen natürlich jetzt nicht gerade, aber ich finde, es könnte generell eine anregende Idee sein, denn so ein Regal passt doch fast überall hin.

  12. skh meint:

    Öffentliche Bücherschränke sind toll und gibt es sicher auch in München, aber wenn man mehrere Kisten loswerden will muss man halt ganz schön oft laufen. Momox hat mir viel abgenommen, aber eher neueres und Fachbücher.

    Vor ein paar Jahren hat der Berliner Büchertisch von mir ein Paket bekommen und sich sogar sehr lieb per Postkarte bedankt, vielleicht nehmen die noch an.

  13. Ruth meint:

    Verehrte Frau Kaltmamsell,
    Vielleicht mögen Sie auch eine Bücherkiste ins Ruhrgebiet schicken??
    https://bodoev.org/buch/
    Ein tolles, über Jahre erfolgreiches Projekt für obdachlose und langzeitarbeitslose Menschen, basierend auf Buchspenden.
    Herzliche Grüße!

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