Archiv für März 2021

Journal Dienstag, 30. März 2021 – Ernsthaft Frühling

Mittwoch, 31. März 2021

Nachts oft aufgewacht, aber immer wieder schnell eingeschlafen. Dennoch sehne ich mich nach mehr als zwei Stunden Schlaf am Stück.

Fußweg in die Arbeit in strahlender Frühlingssonne, die sich den ganzen Tag hielt.

Die Entscheidung gegen Friseur aus Infektionsvorsicht wird inzwischen immer schwieriger: Ich ertappte mich bei der Kopfbewegung Pony-aus-Gesicht-schleudern. (Kann ich an mir nicht ausstehen.) Daheim behelfe ich mich mit Haarspangerl, aber das sieht halt wirklich bescheuert aus. So neige ich derzeit dazu, meinen Termin in einer Woche tatsächlich wahrzunehmen.

Mittags gab es eine Scheibe selbstgebackenes Brot mit Paprikaspeck, Birne, Apfel. Am Nachmittag ein Stück schwarze Schokolade.

Wundervoller Heimweg in warmer Sonne, ich gönnte mir einen Blumenstrauß im Blumenladen. Die Frühlinssonne der vergangenen Tage hatte Büsche und Bäume zum Blühen gebracht. (Schon vergangene Woche hatte ich Schlüsselblumen gesehen.)

Daheim stellte ich nur kurz Zeug ab, dann holte ich bei einem Kartoffelkombinats-Genossen den neuen Jahrgang Solidarisches Olivenöl aus Lesbos. Draußen Menschen in sommerlicher Kleidung, für meine Kostümjacke war es eigentlich zu warm.

Herr Kaltmamsell hatte zum Abendessen aus Ernteanteil-Kartoffeln und -karotten eine Suppe gekochte, sie schmeckte sehr gut. Abendunterhaltung war die vierte Folge von Good Omens.

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Seit Montag ist das Containerschiff Ever Given frei, der Stau im Suez-Kanal löst sich langsam auf. Wie die Befreiung technisch funkionierte:
„Als würde ein Zahn aus dem Kiefer gerüttelt“.

(Man ist vermutlich alt, wenn man sich noch an Red Adair erinnert.)

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Der Mann mit dem möglicherweise besten Oscarverleihungs-Kleid jemals, Billy Porter, im Interview mit der InStyle:
„Billy Porter Is Finally Free“.

„I used to get frustrated that women could wear whatever they wanted and men had to show up in the same penguin suit,“ he says. „The reason why women wearing pants is considered OK by society’s standards is because it comes from the patriarchy. The patriarchy is male, so suits are strong, and anything feminine is weak. I was sick of that discussion, and I knew my platform allowed me to challenge it.“

Dass Frauen sich wie Männer kleiden (also Hosen tragen), ist leichter zu akzeptieren, weil es als Eroberung der höherwertigen, männlichen Welt angesehen wird. Dass ein Mann sich auf die niedrigere, schwache Ebene herablässt und einen Rock, ein Kleid trägt, erntet deutlich größeres Unverständnis (kurze Erinnerung an das ikonische Kleidbild von Iggy Pop?). Aber vielleicht ändert sich das ganz, ganz langsam – irgendwann kann vielleicht jeder im Sommer zum bequemen und luftigen Wickelrock greifen (und wir lästern lediglich, dass man diese! Socken! also wirklich nicht dazu tragen kann).

Journal Montag, 29. März 2021 – Sportveilchen

Dienstag, 30. März 2021

Sehr unruhige Nacht, zumindest konnte ich mich bei jedem Aufwachen am Vollmondlicht aus neuem Winkel freuen.

Auf dem Weg in die Arbeit entdeckt, dass Veilchen klettern können.

Reschpekt!

In der Arbeit emiges Arbeiten. Draußen schien die Sonne bei milden Temperaturen, nach meinem Mittagessen (Butterbrot aus selbstgebackenem) genoss ich einen Hofgang mit frischer Luft.

Nicht nur in meinem Internet macht sich Verzweiflung breit, weil Regierungen und Behörden nichts gegen die erstarkende Pandemie tun (nein, Tests dämmen keine Infektionen ein, sie sollen lediglich „Lockerungen“ – wie ich das Wort zu hassen gelernt habe – rechtfertigen).

Nach Feierabend ging ich wieder einen Umweg über die belebte Theresienwiese, daheim gab’s eine Runde Yoga der Serie „Breath“ (ich spiele mit dem Gedanken, die minutenlangen philosophischen Vorträge übers Atmen künftig vorzuspulen, mir bedeutet die anatomische Funktion des Atmens einfach mehr als die metaphorische).

Nachtmahl war Sonntagsessen Teil 2: Aufgewärmte Hirschlende mit Bayrisch Kraut, Süßigkeiten. Zum Entertainment schauten wir die dritte Folge Good Omens. Ich finde sehr spannend, wie Neil Gaiman für das Drehbuch die Handlungselemente des Romans neu angeordnet hat, wirklich getragen wird die Verfilmung aber durch die wundervollen Hauptdarsteller David Tennant und Michael Sheen.

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Ein wunderschönes Beispiel für Martina Schwarzmanns Kunst: „Die Oma“. Bei ihr sitzt einfach jedes Wort, da sind keinerlei Verlegenheits- oder Anbiederungslaute drin.

Aktivieren Sie JavaScript um das Video zu sehen.
https://youtu.be/u_Ohh5Odces

(Wie da jedes Wort sitzt! Ohne alberne Verlegenheitslaute!)

via WhatsApp von Papa

Journal Sonntag, 28. März 2021 – Auer Mühlbach revisted

Montag, 29. März 2021

Herr Kaltmamsell hat Osterferien, das bedeutet, dass er mir einen Tag des Wochenendes zur Verfügung stellen konnte: Wir wollten den Spaziergang den Auer Mühlbach entlang wiederholen, den wir vor neun Jahren zum ersten Mal gemacht hatten. Ich war ihn seither zwar nochmal allein, auch mal mit Besuch gegangen, doch mit Herr Kaltmamsell nicht.

Am Vormittag hatte ich eine Runde Reha-Kraftgymnastik gemacht, meine Matte auf einem sonnenbeschienen Stück Parkett im Wohnzimmer ausgerollt: Der Tag war wie angekündigt herrlich sonnig.

Zum Frühstück gab’s zwei Scheiben vom Samstag gebackenen Brot (also halbe Scheiben, weil ich den riesigen Laib immer viertle und drei Viertel einfriere, eins zum Gleichessen behalte), eine mit Käse, eine mit Butter und Marmelade.

Für den Spaziergang reichte eine leichte Wanderjacke überm kurzärmligen Shirt, wir nahmen die U-Bahn nach Thalkirchen.

Erst mal gingen wir an den Anfang des Auer Mühlbachs, wo er vom Isarkanal abzweigt und unter der Isar durch führt (Düker).

Am Kreuzweg vor der Marienklause werden Wildpiesler vergrämt. Hier sahen wir bereits durch eine Lücke im Zaun zum Tierpark Eisbären, vom Weg über dem Tierpark aus dann Seehunde beim Training (Herr Kaltmamsell hat mich möglicherweise für alle Niedlichkeisgefühle verdorben, als er meinte: „Sehen eigentlich aus wie Nacktschnecken.“) und hinunter auf den Pavianfelsen, beim Absteigen des Harlachinger Bergs erspähte ich noch einen Elefanten.

An der Kraemer’schen Kunstmühle die traurige Info, dass das Café Fausto es nicht durch Corona geschafft hat und schließen musste.

Zumindest das (vom Auer Mühlbach angetriebene) Wasserkraftwerk in der Mühle ist noch zu sehen.

Das Templer-Kloster, dessen Hintergrund die Süddeutsche vor ein paar Jahren mal recherchierte, am Tor Info-Blätter, wie die Essensausgabe an Bedürftige in Corona-Zeiten abläuft.

Auch Giesing hat einen Schlittenberg. Beim Wegbiegen von der Falkenstraße gesehen: Das Restaurant Österia gibt es nicht mehr (aber vorne noch den Weinhandel Ösiwein).

Mondstraße (verdenkmalt in Sigi Sommers autobiografischem Roman Und keiner weint mir nach) mit abgefahrener Hausschild-Typografie.

Hier stand mal die Paulaner-Brauerei.

Das ehemalige Zuchthaus ist immer noch Baustelle, wie schon vor zwei Jahren – nur dass das Gerüst inzwischen ziemlich mitgenommen aussieht und nach Renovierungsruine. Eigentlich sollte das Projekt (Luxuswohnungen, was sonst) bereits 2017 fertig geworden sein. Oder dann doch zumindest 2020?

Den Kunstbunker gibt’s noch.

Bislang war ich immer nur bis zum Müller’schen Volksbad spaziert, diesmal begleiteten wir den Auer Mühlbach bis an sein Ende.

Hier verlässt er das Muffatwerk.

Er fließt parallel zur Isar, bis er zu Füßen des Maximilianeums zum letzten Mal verschwindet.

Im Maximilianswerk dient er ein letztes Mal der Stromerzeugung (wir hörten es darin rauschen und brummen), und vom gegenüberliegenden Ufer sieht man, wie er unter zwei dunklen Torbögen in die Isar fließt.

Nachtragsbild vom 1.4.: Maximilianswerk und Zufluss zur Isar.

Die Strecke war durchaus menschenreich gewesen, doch es funktionierte ganz gut mit dem Ausweichen. Auffallend viele Bärlauchsammlerinnen und -sammler in den Grünanlagen.

Wir spazierten weiter bis zur Haltestelle Bayerisches Nationalmuseum und ließen uns von der Tram nach Hause fahren.

Es war dann doch keine gute Idee gewesen, gar kein Wasser mitzunehmen, ich hatte nach den zweieinhalb Stunden vor Durst Kopfweh. Daheim also erst mal zwei Gläser Wasser runtergestürzt, dann gab es Kuchen. Nämlich:

Dieses Ostern steuere ich einen internationalen Back-Overkill an: Torrijas UND Hot Cross Buns UND Osterzopf UND Colomba pasquale UND Pinzen UND polnischen Mazurek. Wobei ich noch am ehesten auf den gewohnten Osterzopf verzichten könnte und die Colomba gern erst mal kaufe. Doch als ich Herrn Kaltmamsell meine Pläne erzählte, warf er sich in die Brust und behauptete, Hot Cross Buns seien SCHON IMMER seine Sache gewesen. Na gut, also war er am Sonntagvormittag backend in der Küche gestanden, und jetzt wartete beim Heimkommen frisches Hefegebäck auf uns:

Nicht so fluffig wie in England gekaufte, aber sehr aromatisch und saftig.

Ein bisschen Internetlesen, bis es Zeit war, das Sonntagabendessen zu kochen. Herr Kaltmamsell hatte Hirschlende gekauft, die er zubereitete, ich machte dazu aus dem Ernteanteil-Weißkraut Bayrisch Kraut. Die Hirschlende kam in drei Formen auf den Teller: In der Pfanne gebraten, im Ofen gegart und Sous-vide, die letzten beiden in der Pfanne nachgebraten.

Und dann sah ich von der Küche aus den Vollond und freute mich wieder sehr an der neuen Wohnung.

Journal Samstag, 27. März 2021 – Schneller Netzkabel-Kauf in Zeiten der Pandemie

Sonntag, 28. März 2021

Nicht so lang geschlafen wie erhofft, mit Kopfweh aufgewacht (der Alkohol?).

Nach dem Morgenkaffee machte ich mich ans erste Brotbacken in neuer Küche, vor allem mit neuem Ofen: Meine Häusemer Bauerekrume machte keinerlei Probleme.

Backen bei Tageslicht! Ich bin immer noch geflasht.

Während das Brot im Ofen buk, wieder eine Stunde die Nachbarschaft mit Crosstrainerstrampeln bequietschknarzklackt. Herr Kaltmamsell hatte seine Einkaufsrunde darauf abgestimmt, ich musste also seinetwegen kein schlechtes Gewissen haben.

Zum Frühstück gab es gekauftes Baguette mit Resten des Avocado-Salats vom Vorabend, das Durchziehen über Nacht hatte dem Geschmack gut getan (vielleicht zweite Chance?).

Das Netzkabel meines Laptops hatte am Vorabend den Geist aufgegeben – Katastrophe, weil ohne Strom kein Computer. Ich hatte noch vor dem Schlafengehen online ein neues gekauft, zum Abholen im Apple Store am Marienplatz. Für dieses Abholen hatte ich gleich einen Termin buchen müssen.

Das Wetter hatte wie angekündigt umgeschlagen, es regnete mit teils heftigem Wind, war deutlich kühler geworden. Am frühen Nachmittag spazierte ich zum Marienplatz, vor vielen Geschäften in der Sendlinger Straße standen Schlangen. So auch vor dem Apple-Laden, ein freundlicher Security-Mitarbeiter stellt neu eintreffende Kundinnen und Kunden auf Bodenmarkierungen. Ich bekam mit, dass es Termine für Reparatur, Abholen und „Shoppen“ gab. Ein weiterer freundlicher Mitarbeiter am Eingang und mit Kopfhörerverbindung zu anderen Stellen im Haus glich die Angaben der Anstehenden auf einem iPad mit seiner Terminliste ab. Bevor ich zu einem Verkäufer vorgelassen wurde, maß ein weiterer Mitarbeiter meine Temperatur, ich musste meine Hände desinfizieren, dann an einer Theke in der Nähe des Eingangs bei einem weiteren freundlichen Mitarbeiter meine Kontaktdaten angeben. Der Verkäufer veranlasste auf seinem Smartphone das Bringen meines Netzkabels, bis es da war, machte er Technik-Smalltalk; die Erkundigung nach meinem aktuellen Rechner endete – wie ich es bei Apple gewohnt bin – mit der Freude über die Haltbarkeit meines Geräts („So ist es gut.“), nicht etwa mit Neukauf-Überredung. (Ob das Gespräch auch so verlaufen wäre, wenn es sich um iPhones gedreht hätte?)

Herr Kaltmamsell hatte kurzfristig kandierte Früchte als Backzutat auf die Einkaufsliste gesetzt, ich spazierte durch die Fußgängerzone (deutlich zu voll für enstpanntes Gehen) zum Stachus und in den dortigen Edeka (leer, Hauptkundschaft sind hier halt doch Touristen und Pendlerinnen). Ich hatte anschließend eine Radfahrt in die Maxvorstadt geplant, doch der heftige Wind und die dunklen Wolken ließen mich umplanen: Am Hauptbahnhof nahm ich eine U-Bahn. Espressokauf in der Augustenstraße, zurück nach Hause ging ich zu Fuß. Mit der Zeit verstand ich das derzeitige Corona-Einkaufssystem: Für das Betreten von Läden braucht man einen zuvor vereinbarten Termin.

Zu Hause hatte ich wieder Hunger, es gab Brot sowie Orange und Apfel mit Joghurt.

Gemütliches Zeitunglesen im Sessel. Die Wochenend-Süddeutsche hatte meinen Wehlaut „Warum hört denn keiner auf die Experten, die seit einem Jahr Recht hatten!“ zu ihrem Aufmacher gemacht:
„Die Politik versucht es ohne die Wissenschaft“.

Während Herr Kaltmamsell in der Küche stand und das Abendessen kochte, holte ich die Yoga-Einheit vom Freitag nach – minus der sechs Anfangsminuten, in denen Adriene über das Atmen redet, allein schon, weil so langer Schneidersitz dann doch meinen Hüftgelenken weh tut. Und weil ich mit ihren Ausführungen nichts anfangen konnte.

Nachtmahl war auf meinen Wunsch ein Garnelen-Kokosmilch-Curry (aus der Lameng, kein Rezept), köstlich. Dazu ein Gläschen Verdejo vom Vorabend.

Dann versuchten wir es mit Seriengucken: Seit mir der Roman so gut gefallen hatte, hatte ich Good Omens im Hinterkopf, Herr Kaltmamsell hatte das zum Angucken nötige Abo bei Amazon abgeschlossen. Die erste Folge war schon mal nett, die Off-Erzählerin (Frances McDormand!) sorgte dafür, dass einiges vom Sprachwitz der Romanvorlage übertragen werden konnte.

Journal Freitag, 26. März 2021 – Sharon Dodua Otoo, Adas Raum, plus Containerschiffhumor

Samstag, 27. März 2021

Noch eine gute Nacht, ich wachte kurz vor dem Weckerklingeln auf. Mittlerweile weckt mich die Tageshelle, ich werde zumindest fürs Wochenende die Rollläden nachts dagegen herablassen müssen – nach der Zeitumstellung sollte es wieder ein paar Tage ohne gehen.

Im neuen Bad fehlt noch ein Regal, deshalb stehen meine Parfüms in einer Schachtel auf dem Fensterbrett. Aus dem Flacon mit dem Restchen eines Lieblingsparfüms von vor 30 Jahren war ein wenig ausgelaufen und duftete mich hin und wieder ganz leise an – ich entdeckte, dass es mir wieder ganz ausgezeichnet gefiel: Scherrer 2. Gestern benutzte ich es, und war über den Tag so begeistert, dass ich mir ein frisches Fläschchen bestellte (gab es zum Glück bereits 25 ml klein, bei meinem geringen Verbrauch ist alles andere überdimensioniert).

Ruhiger Tag in der Arbeit, draußen war es mild und meist sonnig. Auf dem Heimweg sah ich viele kurze Ärmel – das ging vom Schnee am Wochenanfang sehr schnell. Kurze Einkäufe im Vollcorner, Check meiner Referenzmagnolie, die sich jetzt voll ins Zeug wirft.

Daheim schneller Wechsel in Yogakleidung. Die Einheit musste ich allerdings im letzten Drittel abbrechen, weil die Übertragung meines Rechners zum Fernseher plötzlich weg war – Umbau oder Fehlersuche waren mir zu umständlich, ich verschob die Runde auf Samstag.

Zum Abendessen gab es Artischocken mit Ajoli-Dip, dann einen Avocado-Salat aus der New York Times.

(Nein, das schaffte ich bei Weitem nicht.)

Die Artischocken waren sehr gut, der Salat eher enttäuschend, unter anderem weil ihm die Säure fehlte. Davor Cosmopolitans, dazu Verdejo.

§

Donnerstag hatte ich Sharon Dodua Otoo, Adas Raum ausgelesen. Ich mochte, wie die Geschichten der verschiedenen Adas durch die Jahrhunderte ineinander verschwammen, wie in einem Absatz die scheinbar selbe Figur im Ghana des 15. Jahrhunderts und im heutigen Berlin ein Kind von Cash erwartet. Auch mochte ich die Vielfalt und Vielschichtigkeit der zahlreichen Frauenfiguren (für männliche Figuren blieb leider nur Holzschnitt). Mir gefiel der rote Faden des Perlenschmucks, der in jeder der Geschichten auftaucht, auch wie komplett unterschiedliche Konzepte von Familie, Gemeinschaft und Alltag unerklärt nebeneinander gestellt wurden. Die Zeitschleifen dieser Handlungen und Personen finden sich auch in den Kapitelüberschriften, von denen einige „Schleife“ enthalten.

Am lebendigsten wurde der Roman für mich im letzten Fünftel, das in Berlin spielt: Diese Ada ist eine Einwanderin aus Ghana mit britischem Pass und sucht zusammen mit ihrer deutschen Schwester eine Wohnung. Vielleicht konnte ich deshalb am meisten damit anfangen, weil ich diese Welt aus eigenem Erleben kenne.

Doch ich kam nicht mit der Erzählperspektive zurecht: Otoo gibt die Stimme Gegenständen aus der Ich-Perspektive – einem Besen, einem Zimmer, einem Türklopfer, einem Reisepass, einem Windstoß. Das könnte poetisch wirken, doch mich befremdete es bis zum Eindruck der Albernheit: Sprechende Gegenstände kenne ich sonst aus Disneyfilmen (siehe Beauty and the Beast mit Kaminuhr, Teekanne, Kerzenleuchter als Charaktere) oder der Werbung („Ich war eine Dose“). Ich kann mir die Technik zwar als Alternative zum allwissenden Erzähler erklären (sogar eine Motivation dieser Allwissenheit gibt es: Gott taucht regelmäßig auf), doch das kam nicht gegen das Kindergeschichten-Gefühl an. Auch Shirin Sojitrawalla fragt in ihrer Rezension im Deutschlandfunk:

Bei Licht betrachtet ergibt sich aus ihrem Verfahren jedoch wenig inhaltlicher Mehrwert, die Dinge erzählen nicht viel über das Offensichtliche hinaus, was zur Frage führt, welchen Zweck dieses Erzählen erfüllt?

Diese für mich so befremdliche Erzählhaltung hatte Otoo schon in der Geschichte verwendet, mit der sie 2016 den Bachmannpreis gewonnen hatte (außerdem seltsam angestaubte Kultur-Klischees).
„Herr Gröttrup setzt sich hin“.

§

Sie haben ja sicher inzwischen alle das Containerschiff-Drama im Suezkanal mitbekommen: Seit 24.3. blockiert die auf Grund gelaufene Ever Given, siebtgrößtes Containerschiff der Welt, den Suezkanal und damit den weltweiten Warenverkehr. Da ich eine Vergangenheit im Schiffsmotorenbau habe, bin ich nicht so leicht davon zu überraschen, wie hoch die Menge an Gütern ist, die in riesigen Containerschiffen zu uns transportiert wird. (Weswegen ich mir ja immer auf die Zunge beiße, wenn wieder jemand die entsetzlichen Mengen klimaschädlicher Gase durch Schweröl-betriebenen Schiffsverkehr entdeckt: Runtergerechnet aufs Kilo Ware ist Lkw-Transport klimaschädlicher. Was nicht bedeutet, dass man lange Transportwege nicht meiden sollte. Aber wie bei halt allem: Es ist kompliziert. Unter anderem weil das böse – und verführerisch billige – Schweröl ein Abfallprodukt der Erdölverarbeitung ist, das so oder so anfallen würde und auf diesem Weg zumindest zu etwas nützt. Ob die Reinigung der resultierenden Emissionen verbessert werden müsste, ist wieder eine andere Frage.)

Vor allem aber stürzt sich mein Internet mit Verve auf das Thema, weil es eine hochwillkommene Abwechslung zu allem Corona-Bezug bietet. Der Guardian hat englischsprachige Memes gesammelt:
„Suez canal drama – and a tiny bulldozer – inspire wave of memes“.
(Hier ein Bonus-Scherz von @DB_Cargo.)

Es gibt eine Website, die zu nichts anderem dient als herauszufinden:
„Is that ship still stuck?“

Und nachdem Zehntausende letztes Jahr von Bundestrainer auf Epidemiologen umgelernt haben, werden jetzt alle Technisches Hilfswerk und haben Ideen, wie man die Ever Given freibekommen könnte.

Ich stelle mir vor, dass an Bord durchgehend diese Variante des Wellerman gesungen wird.

Und wie man das Viech freikriegt, wüsste ich auch.

Journal Donnerstag, 25. März 2021 – Flucht in Serien

Freitag, 26. März 2021

Die Woche zieht sich unangenehm – erst Donnerstag.

Es war wirklich deutlich milder geworden, kein Frost mehr auf der Theresienwiese, ein sonniger Tag. In meinem Büro hatte ich fast durchgehend das Fenster gekippt.

Mittags gab’s gekochten Perldinkel mit roter Paprika, Tomate und Feta.

Aus dem Augenwinkeln verfolgte ich weitere Nachrichten zu Pandemie-Maßnamen in Deutschland: Es gab keine. De facto ist derzeit die hiesige Pandemie-Strategie Durchseuchung (-> viele Tote), die Infektionszahlen steigen weiter exponentiell. Einen Plan kann ich allerdings selbst hierfür nicht unterstellen, denn das setzt ein paar Grundkenntnisse der Epidemiologie voraus. Laschet und Bouffier bewiesen am Mittwoch mit ihren Aussagen, dass ihnen diese fehlen (Laschet: „Wir alle hatten die Hoffnung, (…) dass wenn der Frühling kommt, es wärmer wird, die Virusansteckungen zurück gehen und die Zahlen sinken, und wir erleben im Moment genau das Gegenteil. Das ist nervig.“ NICHT WIR ALLE SCHNUCKI NUR DIEJENIGEN DIE ALLE EXPERTEN UND EXPERTINNEN IGNORIERTEN!)

Den Heimweg ging ich wieder über eine Schleife auf der Theresienwiese, die bunt war vor Menschen (und groß genug ist, dafür genug Platz mit Abstand zu bieten), die spazierten, Sport trieben, Skateboardfahren lernten, herumsaßen, sie wie ich zu Fuß oder radelnd kreuzten.

Zu Hause freute ich mich über die licht-durchflutete Wohnung mit geöffneten Fenstern und ging das diesjährige 30-Tage-Yoga-Programm von Adriene an: „Breath“.

Abendessen war aus Ernteanteil ein Salat aus Spinat, Portulak, Kerbel mit Feta. Zum Sattwerden gab’s Süßigkeiten. Eine Nachbarin brachte zum Einzug Salz und ein kleines selbstgebackenes Brot vorbei, dazu dreierlei Sauerteige: Sie hatte vor Kurzem das Brotbacken für sich entdeckt.

Übrigens hatte Herr Kaltmamsell für die Tom Kha Gai versehentlich zu frischem Kurkuma statt zu Galgant gegriffen, ihn nach Rücksprache einfach genauso verwendet, und jetzt bin ich Fan von frischen, saftigen Kurkumastücken in Suppe.

Abendunterhaltung waren die Folgen 5 und 6 von Beforeigners – genau das Richtige, um mich von der SITUATION und meiner Anspannung abzulenken. Denn ich kann zwar auch lesen, doch nur selten falle ich derzeit so richtig in ein Buch. Vielleicht sollte ich wirklich mehr Serien gucken.

Journal Mittwoch, 24. März 2021 – Frühlingseinsatz

Donnerstag, 25. März 2021

Zerhackte Nacht, aber ohne längere Pausen. Sonniger Weg in die Arbeit, die Theresienwiese überfrostet – aber ab jetzt soll’s wärmer werden.

So schnell hatte ich eine Tageszeitung selten altern sehen: Schon als ich die Süddeutsche in der Mittagspause aufschlug, konnte ich die ersten drei Seiten zu den neuen Pandemie-Maßnahmen überblättern, die Kanzlerin hatte nach erneuter Besprechung mit den Ministerpräsident*innen alles ersatzlos zurückgenommen, wir lassen den exponentiellen Anstieg also erst mal laufen. Sieht aus, als wartete ich mit Plänen für die Karwoche oder die Osterfeiertage besser noch ein paar Tage.

Zu Mittag gab’s Avocado (diesmal enthielt die Lieferung leider viele mit braunen Stellen), Hüttenkäse und Granatapfelkerne. Nachmittags noch eine Orange.

Für den Heimweg in goldener Abendsonne brauchte ich keine Mütze mehr und der Wintermantel war zu warm. Kurzer Abstecher für Einkäufe in den Supermarkt.

Zum Abendessen gab es die zweite Hälfte des Tom Kha Gai vom Vorabend, dann Schokolade.

§

@nicolediekmann fragte:

Doch mir fällt nichts ein. Denn ich weiß nicht, wie und wann die Welt sein wird, wenn „das alles vorbei“ ist. Ende 2021? Das erscheint mir unwahrscheinlich, selbst wenn dann alle in Europa „ein Impfangebot erhalten“ haben, fürchte ich, dass die für eine Herdenimmunität gegen die Mutationen nötige Quote zwischen 70 und 80 Prozent der Bevölkerung durch Impf-Verweigerer verhindert wird. Eine Rückkehr zu ungefähr wie vorher könnte also noch ein paar Jahren dauern. Ich weiß nicht, was mir dann wichtig sein wird.

§

Der junge und fotogene Brightoner Schneider Zack Pinsent hat sich einen Anzug in Regenbogenfarben geschneidert, zeigt ihn auf instagram und reflektiert über sein Schwulsein. Den Text finde ich so gut, dass ich ihn hier übersetze (ich hoffe, ich verwende im Deutschen die angemessenen Begriffe und bitte um Korrektur, wenn nicht).

Jahrhundertelang war der Regenbogen ein Symbol der Hoffnung und Einheit, das ist auch heute so. Schwul aufzuwachsen ist verzwickt. Von Geburt an werden bestimmte Dinge vorausgesetzt: dass du Frauenherzen brechen wirst, heiraten und für die Enkel deiner Eltern sorgen. Dein ganzes Leben lang wirst du ausgerichtet auf etwas, hinter dem du nicht so richtig stehen kannst, aber du weißt nicht warum. Deine Freundinnen und Freunde vergucken sich in jemand, haben einen Freund, eine Freundin. Doch du kannst nicht recht ausdrücken, was deine Gefühle bei dem ganzen sind, du glaubst, dass deine Gefühle für andere Jungs halt die für beste Freunde sind. Dann entdeckst du, was „schwul“ bedeutet, und schwul ist schlecht und wird ausgelacht, ist etwas, was du ganz sicher nicht sein willst. Deine Freunde und Freundinnen erleben erste Küsse und Beziehungen ganz offen und unbeschwert, doch du musst verstecken, wer du bist.

Als Schwule haben wir all die Meilensteine nicht erlebt, die die Grundlage für gesunde Beziehungen und Selbstwahrnehmung sind. Wer du bist, ist ein Witz, und du kannst keine Verbindung herstellen zu dem komischen Stereotyp, das allgemein akzeptiert ist, weil wir alle in eine Schublade passen müssen. Als ich heranwuchs, stand Schwulsein noch unter dem Schatten von section 28 [ein Gesetz, das von 1986 bis 2003 in Großbritannien Gemeinden, Schulen und Kommunalbehörden die „Förderung von Homosexualität“ verbot, was zur Konsequenz hatte, dass in allen Bereichen des öffentlichen Lebens nur noch negativ über Homosexualität berichtet werden durfte]. Dinge haben sich zum Positiven verändert, aber Schwulsein ist immer noch in 75 Nationen verboten, in 12 davon unter Todesstrafe. Das dürfen wir nicht vergessen – und dass der Regenbogen immer ein Zeichen der Hoffnung sein wird.

§

Kathrin Passig hat sich übers Archivieren literarischer Internet-Inhalte Gedanken gemacht und auf der Konferenz „Literaturarchiv der Zukunft“ vorgetragen. Hier nachzulesen.


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