Journal Sonntag, 16. Mai 2021 – Wie sie doch wieder joggte

Montag, 17. Mai 2021 um 7:07

Wieder eine mittlere Nacht, aber weil Sonntag wieder mit Nachschlafen. Der Morgen bot gemischtes Gewölke mit attraktiven Sonnenabschnitten – hervorragend für meine Sportpläne: Ich wollte es nach fast zwei Jahren Zwangspause wegen kaputter Hüfte und gut sieben Monate nach OP doch mal mit Joggen probieren, erst Mal nur 30 Minuten.

Kurz nach halb zehn dachte ich zurück an meine Kriterien für passende Laufkleidung, schlüpfte dann in eine 3/4-Sporthose, kramte ein langärmliges Oberteil aus den Umzugskisten (immer noch kein Termin für Fertigstellung Wandschrank), hielt mir mit einer Kappe die Haare aus dem Gesicht. Ich spazierte über den Südfriedhof an die Wittelsbacherbrücke und lief auf der Ostseite der Isar langsam los.

Anfangs war ich so angespannt vom Horchen ins operierte Hüftgelenk, dass ich fast das Schnaufen vergaß. Zum ersten Mal achtete ich also beim Laufen auf meine Atmung, nach etwa zehn Minuten wurde ich lockerer. Die eigentliche Cardio-Kondition war wie erwartet bei dieser kurzen Strecke kein Problem, allerdings ging bei meiner Veranlagung zu Ausdauersport der entspannte Spaß erst kurz vor Ende los. Ganz vernünftig und erwachsen machte ich dennoch nach 30 Minuten an der Brücke Maria Einsiedel Schluss, zumal mich neben beiden Hüften auch die unteren Waden daran erinnerten, dass wir das alles erst mal wieder üben müssen. Ich dehnte ausgiebig.

Den Weg zurück spazierte ich, hielt einmal kurz an, um einem Rotkehlchen beim Morgenbad in einer Pfütze zuzusehen.

Das Jogger*innen-Aufkommen war für die frühe Stunde recht hoch, selbst auf meinen Schleichwegen, allerdings habe ich durch meine Pause ja die Pandemie-bedingte Entwicklung nicht mitbekommen, nach der jetzt deutlich mehr Menschen Draußensport treiben als zuvor. Interessant fand ich die aktuelle Laufkleidungsmode: Frauen trugen entweder knöchellange enge Hosen, gerne perfekt abgestimmt auf Oberteil und passende Windjacke, oder ganz kurze.

Flaucher-Biergarten von hinten.

Thalkirchen, Blick von der Brücke Maria Einsiedel.

Wittelsbacherbrücke mit Aussicht auf das verschwindende Fernwärme-Kraftwerk.

Insgesamt war ich dann doch zwei Stunden draußen gewesen. Und zu meiner großen Beruhigung zog das Joggen keine Schmerzen oder sonstige Beschwerden nach sich. Es sieht also so aus, als könnte das doch wieder mein liebster Ausdauersport werden, das ist sehr, sehr schön.

Zum Frühstück gab es die beiden letzten Zitronenschnecken, dazu eine große Tasse Filterkaffee, auf die mich unterwegs eine Gelüst überkommen hatte. Herr Kaltmamsell war unterwegs: Er besuchte seine Eltern und kam erst nachmittags zurück.

Bereits um zwei machte ich mich an die Zubereitung des Abendessens, es sollte eine 5-Stunden-Schmorlammkeule geben. Die Lammkeule, die ich am Freitag beim Verdi gekauft hatte, war zu groß für den Bräter, ich musste sie mit der Säge zerteilen. Und sie war arg fett, ich schnitt das meiste Fett weg.

Während der fünf Stunden las ich liegengebliebene SZ-Magazine auf, aß ein ein Stück Ricotta Salata. Es war ein wirklich entspannter Nachmittag ohne Tun-Druck, richtiges Urlaubsgefühl. (Außerdem war ja bereits alles weggebügelt, -geputzt, -geräumt, Erledigungen erst am nächsten Werktag anpackbar.) Ich schob in meinem Leseprogramm eine Urlaubslektüre zwischen, lud Dervla McTiernans Krimi The Scholar runter und las darin (lässt sich wieder sehr gut an, allerdings weniger Irland-spezifisch als ihr Erstling).

Draußen wurde es immer düsterer und kälter, es regnete hin und wieder. Das sind jetzt die Wochen mit den längsten Abenden des Jahres, und wir gucken sie bibbernd von drinnen an.

Fürs Zerteilen der Lammkeule als Abendessen brauchte ich kein Messer, ich konnte das Fleisch vom Knochen löffeln.

Dazu, aus einem längst vergangenen Leben, die letzte Flasche Paul Achs Pannobile Chardonnay 2009.

Deutlich gealtert, jetzt mit einer Sherry-Note.
Nachtisch Schokolade.

§

Im nahen Osten bekämpfen Israelis und Palästinenser einander mit lange nicht mehr gesehener Gewalt. In Deutschland wird von beiden Seiten dagegen protestiert, demonstriert, schon Dienstagabend sah ich abends auf der Schwanthalerstraße Autos, aus denen die palästinensische Fahne gewunken wurde, sah junge Männer in palästinensischen Fahnen gehüllt herumlaufen.

Alexandra Rojkov berichtet für den Spiegel aus Tel Aviv und schreibt eine Warnung, der ich mich von Herzen anschließe:
„Was hier passiert, ist zu komplex für einen Tweet“.

Als ich vor mehr als zehn Jahren zum ersten Mal nach Israel kam, mit Anfang 20, wusste ich nur, dass es hier »irgendwie schwierig« ist. Ich dachte, wenn ich ein paar Wochen durchs Land reise, wird alles klarer.

Das Gegenteil geschah: Je mehr ich erfuhr, desto komplexer wurde es. Seit ich als Journalistin arbeite, weiß ich: Das gilt für fast alle Themen, über die ich berichte. Aus der Ferne wirken viele Dinge simpel. Aber je länger man sich mit etwas beschäftigt und je interessierter man ist, etwas wirklich zu verstehen, desto schwieriger wird es, eindeutige Urteile zu fällen.

Dieser Konflikt eignet sich nicht für hohle Parolen. Je mehr man sich mit den Menschen unterhält, die ihm ausgesetzt sind, je tiefer man seine Geschichte studiert, desto komplexer wird er. Jede Seite hat Argumente, die berechtigt sind. Wer echtes Interesse daran hat, irgendwann eine Lösung zu finden, sollte mehr zuhören und weniger behaupten.

(Weil wir’s kürzlich von Witzen hatten:
„Was denken Sie über den Nahost-Konflikt?“
„Ich bin dagegen!“)

die Kaltmamsell

5 Kommentare zu „Journal Sonntag, 16. Mai 2021 – Wie sie doch wieder joggte“

  1. lihabiboun meint:

    Ich glaube, das ist mit Allem so, je näher man hinsieht, je mehr Informationen man sammelt, um so schwieriger wird es, zu pauschalisieren. Und wenn dann jemand sagt: Die Amis sind alle oberflächlich oder alle Franzosen sind nationalistisch, dann kommt sofort das berühmt „Ja, ABER …..“. Die Welt ist einfach nicht schwarz weiß, sondern eine Sammlung von Grautönen. (Symbol!)
    Ach ja – übrigens: Ich bin gegen Corona!

  2. skh meint:

    Glückwunsch zum erfolgreichen Joggen!

  3. Die Toni meint:

    Ein großes Hurra ! zum Joggen.

  4. Kai meint:

    Bei Problemen a la Nahost muss ich immer an Mulder denken, wie er sich „Peace on Earth“ wünscht. Dann wäre tatsächlich Ruhe im Karton:

  5. dyke meint:

    Mitfreude für das endlich wieder Joggen können!

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