Journal Freitag, 23. Juli 2021 – Nachdenken über Parkplatzbedürfnisse

Samstag, 24. Juli 2021 um 8:48

Wackligere Nacht, denn zu meiner Einschlafzeit klang noch ungewöhnlich laute Live-Musik aus dem Nußbaumpark herein, dann wachte ich von lauter Fröhlichkeit auf der Straße auf und konnte nur schwer wieder einschlafen, kurz nach fünf war die Nacht schon zu Ende.

Aus dem zunächst wolkigen Morgen wurde bald ein sonniger.

Morgendunst über der Theresienwiese. Die Karussels gehören zur Aktion „Sommer in der Stadt“.

Wie nötig sind die Parkplätze im Viertel wirklich? Nach diesem Foto von @formschub sah ich mir die unter Bäumen parkenden Autos mit Anwohnerparkausweis mal an, die ich auf meinem Weg in die Arbeit passiere: Ich schäzte, dass fast die Hälfte davon mindestens seit einigen Tag dort steht, einige sicher seit Wochen. So ist es ja auch bei den Anwohnerparkplätzen vorm eigenen Wohnhaus: Wochenlang unbewegte Privat-Pkw oder Wohnmobile. Es fällt mir schwer zu verstehen, dass auch nur die Mehrzahl davon „nunmal aufs eigene Auto angewiesen“ sein soll (auch wenn ich Leute kenne, bei denen es tatsächlich so ist), wenn so viele private Blechkisten in einer Gegend mit hervorragender Anbindung an den öffentlichen Nahverkehr öffentlichen Raum besetzen (wer aufs Auto angewiesen ist, fährt es fast täglich). Kostet ja auch nur 30 Euro pro Jahr.

Zu Mittag gab’s Pumpernickel mit Butter, außerdem zwei große Flachpfirsiche und zwei Pflaumen – endlich richtig gutes und aromatisches Obst. Allerdings auch ein bisschen zu viel, ich fühlte mich anschließend vollverklebt. Dabei hielt ich mich eigentlich für Süßigkeiten-geübt. Unangenehm: Gestern packte mich eine Glut-Attacke nach der anderen, bereits am frühen Nachmittag hatte ich fünf gezählt. Mit dem Standardbegriff „Hitzewallung“ kann ich weiterhin nichts anfangen; ich fühle mich eher wie eine X-Men, die von innen glüht und sich lieber nicht mal am Bürostuhl anlehnt, um den nicht anzusengen. Im Gegenzug fröstle ich dazwischen auch bei Sommerhitze bis Gänsehaut. Hormone, Oida! Aber die fand ich ja schon vorm Klimakterium Scheiße.

Ich machte pünktlich Feierabend und spazierte über eine große Schleife im herrlichen Westpark nach Hause.

Blick aufs Café Gans am Wasser.

Heimweg über die Theresienwiese.

Hochsommerlicht und -temperaturen wollen in meinen Augen einfach nicht mit Volksfest zusammenpassen.

Zum Abendessen hatte Herr Kaltmamsell mal wieder beim Herrmannsdorfer Entrecôte gekauft. Er servierte es mit den restlichen neuen Kartoffeln aus Ernteanteil und Schnittlauf-Sauerrahm.

Im Glas ein Biowein aus Mallorca, den ich im Mittemeer entdeckt hatte: Binigrau e negre, Merlot mit Mantonegro. Schön würzig, das Holz schmeckte ich gar nicht, ein untypischer Spanier.

§

Architektur-Philosoph Matthias Warkus erklärt, wer warum auf Wohnen in Altbau abfährt – und was wir eigentlich unter Altbau verstehen.
„Altbau oder nichts: Warum viele meinen, dass an Dielenboden und Stuck kein Weg vorbeiführt“.

via @goncourt

die Kaltmamsell

29 Kommentare zu „Journal Freitag, 23. Juli 2021 – Nachdenken über Parkplatzbedürfnisse“

  1. Hauptschulblues meint:

    Die Autos auf öffentlichem Grund sind wirklich ein Problem. Die Stadt sollte eine Stellgebühr in Höhe eines MVV-Monatstickets verlangen, außer bei Menschen, die es aus beruflichen oder gesundheitlichen Gründen brauchen. Aber an dieses Problem traut sich keine der Parteien ran und der ADAC scharrt schon mit den Füßen, sollte sich doch einmal etwas bewegen.
    Wir brauchen leider eines, es steht auf eigenem Grund und wird selten gefahren. Kurze und mittlere Strecken werden per Rad zurückgelegt.

  2. Joe meint:

    Uber den Preis wird man das nicht loesen koennen. Ein Auto kostet. Steuern, Versicherung, Inspektionen, Verschleissteile, Kraftstoff, Wertverlust, Knoellchen. Da wuerden sich zu wenige von 50 Euro/Monat Parkgebuehren anschrecken lassen. Und warum sprechen wir nur von Autos? Motorisierte Zweiraeder haben Zuwaechse bei den Zulassungszahken von 20-40%, einige Klassen, wie z.B. Roller 100% und mehr. In den meisten Staedten darf man diese Fahrzeuge ohne Anwohnerparkausweis, auf dem Unterstreifen der Fussgaengerwege abstellen, was angesichts steigender Zahlen den Platz im oeffentlichen Raum weiter einschraenkt.

  3. Will Sagen meint:

    Den Denkansatz „Wer auf’s Auto angewiesen ist, muss damit täglich fahren“ finde ich problematisch. Ich wüsste nicht, warum man nicht auch nur einmal in der Woche oder im Monat drauf angewiesen sein könnte. Es ist leicht, sich entsprechende Szenarien auszudenken.
    Außerdem ist es auch nicht vermessen, in Betracht zu ziehen, dass sich manch eine/r nur deswegen ein Auto kauft, weil es ihr oder ihm gefällt.
    Nichtsdestotrotz sollte man darüber nachdenken, dass man einen Stellplatz auf privatem Grund nachweisen können muss, wenn man ein Auto besitzen möchte. Es gibt aus meiner Sicht kein Recht auf eine andauernde Nutzung öffentlicher Flächen.

  4. FrauZimt meint:

    Wenn man ein Auto nur einmal die Woche oder gar einmal im Monat braucht ist man eben gerade nicht darauf angewiesen ein eigenes zu besitzen, größere Städte bieten für so seltenen Gebrauch gut funktionierende Carsharing-Modelle. Ein Auto das so selten bewegt wird und den Rest der Zeit öffentlichen Raum belegt ist in erster Linie überflüssig.

  5. arboretum meint:

    Ich wohne in einer großen Stadt, allerdings nicht im Zentrum. Das hiesige Carsharing-Modell ist für mich völlig uninteressant, die nächste Station ist ewig weit weg. Ich habe zwei pflegebedürftige Eltern – nein, ich kann nicht alle Fahrten mit ihnen mit dem Taxi zurücklegen, das geht nämlich auch ins Geld. Mein Vater muss alle vier Wochen zur Augenärztin, da nehmen wir das Taxi für die Hin- und Rückfahrt, das kostet jedes Mal zwischen 35 und 40 Euro. Meine Mutter muss nach einem schweren Schädel-Hirn-Trauma zweimal die Woche zur KG-ZNS, diese Zusatzqualifikation haben nicht viele Physiotherapeut:innen. Entsprechend ist die Praxis auch nicht gerade um die Ecke. Mit dem Bus dauert das hin und zurück anderthalb Stunden. Logischerweise fährt meine ältere Schwester sie mit dem Auto dorthin – die hat nämlich auch noch ein paar andere Sachen zu tun.

    Mitunter muss ich beruflich in die Wallachei, in Gegenden, in denen man mit den Bahn und Bus gar nicht gelangt, weil es keinen Bahnhof gibt und auch der Bus nur selten dorthin fährt, schon gar nicht direkt. Der Zeitaufwand steht in keinem Verhältnis zur Arbeitsdauer und Bezahlung (und nein, ich bekäme keine Übernachtung bezahlt, weil die Rückfahrt mit den Öffis am selben Tag nicht mehr möglich ist).

    Ich habe kein eigenes Haus, wohne zur Miete, bin also Laternenparkerin. Auch mein kleines Auto steht häufiger einmal tagelang herum – da verbraucht es wenigstens keine Energie und macht auch keinen Dreck. Und wenn ich mir so anschaue, welche Flugreisen so manche/r Blogger/in bislang unternommen hat, stehe ich klimabilanztechnisch immer noch sehr viel besser da.

  6. Rainer meint:

    Vollkommen richtig! Dazu kommen noch diese unsäglichen Elektroroller, die sich anscheinend vermehren wie die Karnickel und die Gehsteige komplett zustellen

  7. die Kaltmamsell meint:

    Danke, arboretum, ich hatte auf mein Thema „im Stadtzentrum läuft etwas schief beim Besetzen des öffentlichen Raums mit parkenden Privatautos“ schon vermisst, dass immer, immer, immer jemand kommentiert: Aber woanders ist das etwas Anderes, zum Beispiel bei mir, und deshalb läuft keineswegs etwas falsch. (Das ist doch das Argument Ihres Kommentars, oder?)

  8. die Kaltmamsell meint:

    Privatautoparkplätze zu Rollerabstellflächen umwandeln, Rainer, das würde mir gefallen!

  9. Berit meint:

    Und wozu brauchen Sie dann das Auto?

  10. Berit meint:

    Die gleiche Frage stelle ich mir auch und nach wie vor warum man in der Stadt dann ausgerechnet einen SUV braucht. Wir sind zumindest auf ein kleineres Modell umgestiegen und ich überlege auch ob der Arbeitsweg (15km) mit einem E Bike zu bewältigen wäre. Gut… Das Auto hätten wir dann immer noch für meinen Mann.

    Zu Studienzeiten hatte ich wie so ziemlich alle Studenten die ich kannte jedoch kein Auto. Alle Wege wurden zu Fuß oder Rad erledigt und für die sehr seltenen Fahrten zu Ikea tat es ein Leihauto.

  11. Hauptschulblues meint:

    @arboretum: Ja.

  12. arboretum meint:

    Nein, Kaltmamsell, das Argument ist, dass Sie und einige andere hier sich es mit den genannten Lösungsvorschlägen etwas einfach machen, und es außerdem gute Gründe geben kann, ein kleines Auto zu besitzen, auch wenn das nicht jeden Tag fährt. Carsharing funktioniert eben nicht für alle (übrigens dürfen die Autos dieser privaten Carsharing-Firmen in der Innenstadt auch in den Zonen mit sonst kostenpflichtigen Parkplätzen immer kostenfrei herumstehen, während alle anderen zahlen). Wer berufstätig ist und pflegebedürftige Angehörige zu Arztterminen usw. bringen muss, hat nicht die Zeit, erst noch lange mit dem Bus irgendwohin zu gondeln, um ein Carsharing-Auto abzuholen. Das funktioniert nicht. So ein Arzttrip dauert eh schon so lange und frisst Arbeitszeit weg, die man kaum wieder einholen kann. Und ja, wir müssen es oft selbst machen, um a) mitzubekommen, was Sache ist und b) weil man aufgrund des Personalmangels bei den ambulanten Pflegediensten momentan kaum Betreuungskräfte bekommt, an die man das delegieren kann.

    Meine alleinerziehende Nachbarin kommt nur mit zwei Jobs über die Runden, tagsüber arbeitet sie in einer Arztpraxis, an mehreren Abenden an der Tankstelle. Mit Öffis würde sie das zeitlich nicht auf die Reihe bekommen, also fährt auch sie ein älteres, kleines Auto. Können sich gutsituierte DINKs vielleicht nicht vorstellen, ist aber so.

    Die Forderung, dass jemand ein Privatgrundstück nachweisen muss, um ein Auto besitzen zu dürfen, diskriminiert die Ärmeren. Wo stehen denn die meisten SUVs, Vans oder die schnellen Spritfresser? In den Carports und Garagen der Eigenheime. Daran würde sich also nichts ändern.

    In Großstädten ist in den Stadtzentren der öffentliche Parkraum ohnehin kaum kostenfrei zu nutzen. Da stehen vielerorts Parkscheinautomaten (willkommene Einnahmequelle für Kommunen), und auch die Anwohnerparkausweise kosten Geld.

    Viele Stadt- und Verkehrsplaner sind längst dazu übergegangen, den Autoverkehr in der Innenstadt zu begrenzen und Radwege einzurichten. In der Großstadt, in der ich wohne, wurden auch neue Zonen für Fußgänger geschaffen (die werden von Radfahrer:innen regelmäßig ignoriert, die meisten brettern rücksichtslos durch). In Fußgängerzonen ist es übrigens abends und vor allem nachts häufig ziemlich laut, weil Party people und Betrunkene unterwegs sind, aber das nur am Rande.

    Nicht zuletzt stellt sich die Frage, ob jemand, der gerne ein grünes, ruhiges Idyll vor der Haustüre hätte, unbedingt ins Stadtzentrum ziehen sollte.

  13. arboretum meint:

    @ Berit: An wen richtet sich Ihre Frage, wozu das Auto gebraucht wird?

    Ich bin übrigens die ersten fünf Semester mit dem Bus zur Uni gefahren. Pro Strecke dauerte das mindestens anderthalb Stunden und ich musste zweimal umsteigen. Mit dem Auto dauerte es auf dem direkten Weg nur noch 15 bis 20 Minuten. Das hat vieles leichter gemacht, nicht nur die Vorlesungen morgens um 8 Uhr.

  14. arboretum meint:

    Privatautoparkplätze zu Rollerabstellflächen umwandeln, Rainer, das würde mir gefallen!

    Sie setzen voraus, dass Leute, die die Elektroroller sonst quer auf dem Gehsteig stehen lassen, so dass Menschen mit Kinderwagen, Rollstuhl, Rollator, Stock oder Sehbehinderung nicht mehr daran vorbeikommen, plötzlich in der Lage bzw. willens sind, diese Rollerabstellflächen zu nutzen.

  15. Sarah meint:

    Dazu laufen in Hamburg gerade Pilotprojekte: die Roller können nicht mehr woanders als auf den Parkflächen abgestellt werden, man kann dann nur noch dort die Fahrt beenden. Ist in den Nutzerinnenapps recht einfach programmierbar, die Anbieter müssen nur wollen (müssen).

  16. Sarah meint:

    Wenn Carsharing, On- Demand-Dienste und ÖPNV gut ausgebaut sind, und zwar wirklich überall, wird das eigene Auto überflüssig. Selbst erlebt im Hamburger Süden, mit Babys und allem Pimpampum brauchte ich nie ein Auto, meine Nachbarn haben allerdings fast alle mindestens eines zur Verfügung, alle aus subjektiv guten Gründen. So lange es das Leben einfacher macht, wird man es wollen – und so lange das Autoland Deutschland auf Autoverkehr ausgelegt ist, wird es immer bequemer sein.
    Es ist auch viel Gewohnheit im Spiel. Wenn man erst einmal eines hat, behält man das bei.
    Es bräuchte quasi eine Mischung aus großartigem Angebot,einem Wandel weg vom Auto als Statussymbol wäre auch noch hilfreich, und einer Erschwerung der privaten Autohaltung, die nicht (nur) finanziell funktioniert und eher bei den Erst-Auto-Kaufenden als bei den Gewohnheitstieren ansetzt. Es bleibt spannend.
    Hier in Hamburg ist die Verkehrsbehörde grün geführt, da ist viel in Bewegung. Aber 80 Jahre wachsende Autozentriertheit bekommt man so schnell weder aus den Köpfen noch aus dem Verkehrssystem herausgepopelt. Das sind sehr dicke Bretter, die es zu bohren gilt, und eine politische Kraftaufgabe.

  17. die Kaltmamsell meint:

    Aus meiner Perspektive, arboretum, sind Sie diejenige, die es sich zu einfach macht: Alternativloser Privatautobesitz ist ein so etabliertes Konzept, dass es von den wenigsten hinterfragt wird.

    12 Mal 40 Euro für Taxi im Jahr sind nicht mehr als die Vollkosten eines Privatautos. In die Wallachei geht es mit Car Sharing.

    Wie Blogger und ihre geringere Flugreisen die Verkehrssituation in der Münchner Innenstadt verbessern könnten, habe ich nicht verstanden.

    Wie oben belegt, kostet der Anwohnerparkausweis in der Münchner Innenstadt jährlich 30 Euro – ja, das ist Geld, aber nicht aus der Perspektive einer Gutverdienenden lächerlich wenig.

    Soziale Ungleichheit entsteht nicht durch Verminderung des öffentlichen Raums für private Blechkisten, sondern durch die Bevorzugung von Blechkisten gegenüber Anwohnenden. „Dann zieh doch aufs Land“ ist ein ähnlich unpassendes Argument wie „dann geht doch nach drüben“ – es gibt ja Alternativen, und in der Stadt genug Umstände, die eingepreist sind wie Lärm, Baustellen, Schmutz; Platz-fressende Parkplätze für Privatautos gehören für mich nicht dazu. Ziel ist kein „grünes Idyll“, sondern Aufenthaltsraum für Menschen statt Autos.

    Aber mit dem Argument, dass sich an alternative Verkehrsstrukture niemand halten würde, haben Sie lustigerweise eh die weiße Fahne gehisst.

  18. FrauC meint:

    Genau das ist der Knackpunkt: ÖPNV und Carsharing müssen *überall* gut ausgebaut sein. Im Stadtgebiet komme ich gut zurecht, zur 20 km entfernten Arbeitsstelle bräuchte ich von Tür zu Tür 1,5 Stunden, wobei die entscheidende S-Bahn jede halbe Stunde fährt. Natürlich ließe sich das einplanen, aber dann kommen die unplanbaren Dinge: Bitte spontan das Kind abholen wegen Übelkeit, Verletzung, Hitzefrei, die-Schulbegleitung-muss-früher-gehen, der-Fahrdienst-hat-den-Termin-verpennt… es gibt viele Möglichkeiten. Wenn dann die S-Bahn gerade weg ist, bin ich zwei Stunden später auch „schon“ in der Schule. Carsharing-Autos habe ich in der Nähe meiner Arbeit noch nicht gesehen, noch nicht mal Elektroroller, mit denen ich schneller zur S-Bahn käme.
    Ich frage mich öfter, ob ich mir ein neues Auto zulegen werde, wenn das aktuelle den Geist aufgibt, und dann kommt wieder eine Situation, in der ich sehr froh bin, dass ich eins habe.

  19. Lempel meint:

    Hätten Sie potentiell in der Kita kotzende Kinder, wäre ihre beste Freundin alleinerziehend und hätte einen Nebenjob in der Tanke nachts am Wochenende oder Sie selbst und Ihr Mann wären verantwortlich dafür, dass Sie Ihre alten Eltern neben einem Vollzeitjob regelmäßig zu Facharztterminen schaffen, dann hätten Sie Verständnis für Leute, die in der Großstadt ein Auto haben.

  20. die Kaltmamsell meint:

    Bravo, Lempel: Jetzt sind wir beim Kellnerpunkt angelangt.

    Warum nur verlaufen die Diskussionen zu dem Thema immer gleich: Ich bezweifle, dass alle Privatautobesitzenden in der Innenstadt aufs Privatauto angewiesen sind, und das Gegenargument soll sein, dass manche Menschen aber wirklich aufs Privatauto angewiesen sind. Da ich das in meiner Ausgangsthese nicht angezweifelt habe, IST das kein Gegenargument. Warum, warum, warum kommt das je-des-mal?

  21. Sanníe meint:

    Ich kenne tatsächlich niemanden, der auf sein Auto angewiesen ist, bezweifle aber nicht, dass es das auch in der Stadt gibt. Wie viele meiner Freunde bin ich aus einer Kleinstadt nach Hamburg gezogen, aber anders als sie habe ich nicht mit 18 den Führerschein gemacht und dies als meine Freiheit begriffen.

    Sie haben ihren Lifestyle vom Land in die Stadt mitgenommen, parken direkt vorm Haus, fahren überall mit dem Auto hin, Ziele werden nach Parkmöglichkeiten beurteilt; die Angebote, die das Innenstadtleben macht, wie nah alles ist, wenn man auf autobedingte Umwege verzichten kann – gar nicht wahrgenommen.

    Der Glaube daran, dass es praktisch ist Auto zu fahren, ist wider jede Evidenz unumstößlich „soll ich dich eben mitnehmen, dann musst du nicht laufen“ „bitte nicht“. Notwendigkeit wird gern herbeifantasiert mit Wochenendeinkauf(!?) oder „auch mal an die Ostsee fahren“.

    Kosten werden schöngerechnet und auf die Rate reduziert. Ist dann doch mal eine Reparatur, ein Satz neuer Reifen fällig oder hunderte Euro für Abschleppen und Autoknast, ist das Gejammer groß und ich rechne wieder mal vor, dass ich allein von dieser Summe ein Jahr HVV fahre.

    Aber es ist nicht hoffnungslos: Selbst meine Mutter, die mit fast 60 Jahren in die Stadt zog, hat irgendwann ihr Auto aufgegeben und erklärt heute Eingeborenen, mit welchem Bus sie wohin kommen. Regelmäßig anfallende, nicht wegzudiskutierende Kosten für Parken und zusätzliche für das Fahren in der Stadt in vernünftiger Relation zu den Alternativen, können ein Umdenken bewirken – 45 Euro pro Jahr für Anwohnerparken natürlich nicht.

  22. hafensonne meint:

    Liebe Frau Kaltmamsell,

    ich kann die Reaktionen teilweise verstehen, mir fehlt in Ihrer Ausgangsäußerung auch ein wenig der Blick auf andere Lebenssituationen. Wenn Sie das nicht so gemeint haben, stellen Sie das ja in Ihrem (von jetzt an gesehenen) Kommentar klar. Mir geht es oft ähnlich, wenn es ums Radfahren geht. Da kommen auch immer schnell dieselben Sachen wie „auf dem Land geht es ohne Auto nicht (habe ich nie anders behauptet), nicht jeder kann mit dem Rad zur Arbeit fahren (dito), etc.“

    Ich selbst fahre gar nicht Auto, wir haben eines, weil die Frau von Rostock nach Schwerin (100 km) zur Arbeit pendelt und das mit ÖPNV eine Zumutung ist, und weil wir in unserer Freizeit Golf spielen. Es steht mit Anwohner:innenparkausweis auf der Straße und wird dank der pandemiebedingten Möglichkeit zum Homeoffice meiner Frau auch nicht (mehr) jeden Tag bewegt. Ich hätte allerdings auch kein Problem damit, deutlich mehr für den Parkausweis zu zahlen, wenn man dafür auch einen garantierten Stellplatz hat, gehöre also nicht zu denjenigen, die grundsätzlich von einer kostenfreien Verfügbarkeit öffentlichen Grundes für das Abstellen der Blechkiste ausgehen.

    Ich lese gerne bei Ihnen und freue mich jedesmal darüber, wenn ich dabei sein darf, wie Sie und Herr Kaltmamsell konsequent vorleben, dass es in Ihrem Teil der Wirklichkeit gut möglich ist, ohne ein privates Auto auszukommen. Für viele andere ist das unter den aktuellen äußeren Bedingungen leider nicht oder nur mit sehr erhöhtem Aufwand möglich, und in diesem Kontext habe ich auch die Ausführungen von arboretum verstanden.

  23. Hauptschulblues meint:

    Der „Kellnerpunkt“ ist ein Begriff, den Friedrich Torberg in der „Tante Jolesch“ geprägt hat. Es ist ein ganz bestimmter Moment am Ende einer besonders obergescheiten Diskussion. Zitat: „Der Kellnerpunkt“ ergibt sich immer dann, wenn ein pompös überdrehtes Gespräch aus den Höhen seiner Selbstgefälligkeit zu einer entlarvend primitiven Schlußfolgerung abgleitet, die sogar dem Kellner einleuchten muss.“ (Quelle https://www.fremdwort.de/suchen/bedeutung/kellnerpunkt#)
    Der Begriff ist diskriminierend für Servicepersonal in der Gastronomie.

    Das für Lempel?

  24. Sannie meint:

    Diese anderen Lebenssituationen sind eine kleine Minderheit, oder was meinen Sie, wie viele Menschen, die mitten in der Stadt wohnen, zu unerreichbaren Nachtdiensten weit draußen fahren müssen? Für Fahrten der Eltern zum Arzt kommt ein Taxischein von der Krankenkasse in Betracht. Ein großer Teil der Familien mit kotzenden Kindern kommt bereits jetzt ohne Auto aus. Und alle, die das wirklich brauchen, sollen ihren Anwohnerparkschein vergünstigt bekommen, die anderen müssen jetzt mal Platz machen, damit man hier wieder atmen kann.
    (Sehen Sie? Gegen mich gehört Frau Kaltmamsell zur Fraktion der Fragenden und Gemäßigten.)

  25. Defne meint:

    Der Anwohnerparkausweis in München von jährlich 30 Euro deckt nicht mal die Verwaltungskosten.
    Neben meiner Wohnanlage gibt es eine große Tiefgarage, 200 m weiter noch eine, dort sind ständig Plätze frei. Die Autofahrer stellen sich lieber für 30 Euro auf die Straße und dann oft noch so dass den Fußgängern das Überqueren der Straßen schwer und unsicher gemacht wird (Parken direkt an der Straßenecke).
    Es sollte eine Garagenpflicht geben soweit Garagenstellplätze frei sind.
    In meinem Mietvertrag mußte ich unterschreiben dass ich mir nie ein Auto anschaffen werde. Das sollte Schule machen dass erst mal Mieter bevorzugt werden die ohne Auto auskommen, zumindestens dort wo der ÖPNV gut ausgebaut ist.

  26. Texas-Jim meint:

    Ich denke, der Wechsel in dauerhaftes oder auch nur teilweises Arbeiten von zu Hause aus könnte für viele Bewegung in die Frage des Autobesitzes bringen. Vielleicht muß sich diese neue Lage erst noch ein wenig einrütteln und zur Gewohnheit werden, damit sich für mehr Menschen das eigene Auto nicht mehr lohnt? Bis jetzt scheint das noch sehr wacklig zu sein, wie sich eine künftige Arbeitswelt gestaltet. Reduzierte Zeiten, reduzierte Präsenz, mehr Flexibilität könnten da ein Umdenken erleichtern. Ein höherer Preis für Anwohnerparken oder ähnliches vielleicht auch, doch zweifle ich da, denn dieser Gedanke passt ja nicht zu dem oben genannten Argument, die jetzt schon hohen Kosten könnten die Autobesitzer nicht zum Umdenken bringen. Der in diesem Jahr stark gestiegene Kraftstoffpreis hat in meiner Wahrnehmung auch keine reduzierende Wirkung gezeigt. Und daß bei allen Steuern, Abgaben und Gebühren auch die soziale Frage diskutiert wird, halte ich für richtig. Da verstehe ich leider Ihren Kommentar, Frau Kaltmamsell, nicht ganz: Eine Erhöhung der Kosten ist ja eine andere Maßnahme als die Umnutzung des öffentlichen Raumes? Und wenn die Fahrzeuge mit Anwohnerparkausweis tatsächlich Anwohnern gehören, werden doch die Autos gegenüber den Anwohnern nicht bevorzugt? Ich habe da den Punkt noch nicht verstanden, muß ich zugeben.

    Meine eigene Lage ist ja überhaupt nicht städtisch geprägt und daher kaum zu vergleichen – nicht einmal Google findet mir einen Arbeitsweg per ÖPNV. Es bleibt also das geliebte Rad. Ich bemerke allerdings, daß ich meinen Arbeitsweg an drei bis vier Tagen je Woche gut per Rad schaffen kann, an fünf aufeinanderfolgenden überfordert mich das oft. Im Winter war ich oft schon mit zwei Tagen vollauf bedient. Mit voller Arbeitsplatzpräsenz werde ich also auch zu denjenigen gehören, die ihr Auto zwar zu brauchen glauben, es jedoch nicht jeden Tag nutzen. (Zur Anfahrt ins Gerätehaus bei Einsätzen der Feuerwehr nutze ich es grundsätzlich, weil ich damit Zeit gewinne und meine Kräfte schone.)

  27. die Kaltmamsell meint:

    Sie haben recht, Texas-Jim, höhere Kosten für Anwohnerparkausweise würden kaum helfen – denn so hoch, dass es sich nicht mehr lohnt, das Wohnmobil monatelang vorm Haus auf der Straße abzustellen, würden sie ja doch nicht.

  28. Katharina meint:

    Dann will ich auch mal (ist das diese anekdotische Evidenz?): Würzburger Innenstadt, zwei Kinder im Alter von 2 Jahren und 7 Monaten, Kita und Arbeit vier Kilometer entfernt, Großeltern 100 bzw. 300 Kilometer entfernt und auf dem Land; wir haben kein Auto. Wir machen es mit Lastenrad, ÖPNV, Carsharing. Man muss sich nicht gegen ein eigenes Auto entscheiden, aber oh doch, man kann. Es ist halt unbequemer. Im Umkehrschluss: wirklich viele sind einfach bequem. Sorry.

  29. Rainer meint:

    Exakt das sehe ich auch als Problem. Ich beobachte schon lange, dass die Mehrzahl der Roller Benutzer die Dinger einfach nach Nutzung entsorgen, ohne Hirn und Verstand. Da bringen die Abstellplätze auch nix.

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