Journal Freitag, 15. Juli 2022 – Mely Kiyak, Herr Kiyak dachte, jetzt fängt der schöne Teil des Lebens an, böser Lärm, Beifang aus dem Internetz

Samstag, 16. Juli 2022 um 7:52

Nach dem Weckerklingeln (eine weitere herrlich unerwähnenswerte Nacht, Hormonersatztherapie ist super) erst mal erste Handgriffe fürs Wochenendbrot: Ich plante dieses Walnussbrot, den Weizensauerteig hatte ich schon Donnerstagabend beim Heimkommen aufgefrischt. Beim Morgenkaffee besonders laute Grünspecht-Rufe von draußen – die mir besonders deutlich unter die Nase rieben, dass ich das Mistvieh nie zu sehen bekomme.

Während der Selbsttest bei Herrn Kaltmamsell auch zweieinhalb Wochen nach erster Positiv-Testung einen hauchdünnen zweiten Strich angezeigt hatte, bestätigte ein PCR-Test am Donnerstag, dass er tatsächlich so wenig infektiös ist, wie er sich fühlte.

Es hatte überraschend stark abgekühlt in der Nacht, ich hätte auf dem Weg in die Arbeit mit meinen nackten Beinen und dem Sommerkleidchen ein Jäckchen vertragen.

Arbeitsrhythmus im Büro ruhig, meine Erschöpfung von der Woche machte mich eh nicht besonders leistungsfähig.

Mittags Birchermuesli mit Sojajoghurt, Pfirsiche, Pflaumen.

Auf dem Heimweg durch milde Sonne ohne Hitze Einkäufe beim Vollcorner, vorher auf einen Sprung in den Edeka, um Dijon-Senf zu preppen (siehe unten).

Zu Hause erst mal zwei Arbeitsschritte Richtung Walnussbrot, dann eine Runde Yoga: Wiederholung der Anstrengung vom Vortag mit langer Tauben-Haltung – doch ich nahm die Aufforderung ernst, dabei in erster Linie wahrzunehmen, was in meinem Körper passierte (Schultergürtel verkrampfte und ging hoch, Hüftdehner/Po begannen zu schmerzen), statt auf ein Ziel hinzuarbeiten. Danach Brotteig-Kneten. Außerdem machte die Insektenlage mal wieder eine Fruchtfliegenfalle nötig, nach dem bewährten Rezept.

Jetzt war endlich Wochenende, Herr Kaltmamsell servierte Pimm’s auf dem Balkon.

Perfektes Sommerwetter: Sonnig mit Wolken, etwas Wind, warm, aber nicht heiß (man muss auch mal loben).

An unserer kleinen Vogeltränke mit Bademöglichkeit (beides rege genutzt von Meisen, Amsel, Specht) wurde getrunken.

Fürs Nachtmahl hatte Herr Kaltmamsell wieder Flat-Iron-Steak eingekauft, er servierte es mit einem Sellerie-Zucchini-Salat aus Ernteanteil – köstlich.

Dazu hatte ich eine Flasche Württemberger Schmalzried Cabernet Blanc Kleiner Bruder aufgemacht.
Zum Nachtisch reichlich Schokolade.

Spürbare Beeinträchtigung des Abends: Aus dem Nußbaumpark lärmte sehr schlecht gelaunte Live-Musik herein. Ich lasse mich wirklich ungern anbrüllen, und so hörte sich das an, getrieben von schnellem Brutalschlagzeug und aggressiver Gitarre. (Könnt ihr euren Death Metal nicht ein bisschen fröhlicher machen? Jaja, ich weiß, das ist ja der Punkt.)

Ich zählte die Minuten runter bis 22 Uhr, wenn Ruhe sein würde (und war wütend entschlossen, ab 22.05 Uhr bei Weiterlärmen die Polizei zu rufen – oder persönlich die Bühne zu stürmen, alte weißhaarige Frau reißt Schlagzeuger die Sticks aus der Hand, anschließen Gitarrero die Gitarre vom Hals). Denn auch wenn sich jedes Stück anhörte, als würden dabei die Instrumente zerstört, war immer genug Instrument für ein nächstes Stück übrig, und über die Stunden wurde ich mürbe und böse. Zum Glück für alle Beteiligten war tatsächlich bei Glockschlag zehn vom Turm der Matthäuskirche Ruhe. Selbst hatte ich mich allerdings nicht mal bis zum Schlafengehen beruhigt.

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Empfehlung für Mely Kyiak, Herr Kiyak dachte, jetzt fängt der schöne Teil des Lebens an. Mir wurde das Buch empfohlen, als im Freundeskreis das Gespräch kürzlich auf unsere Väter kam und auf deren Leben als Rentner. Die Journalistin und Autorin Kyiak beschreibt, wie sie ihren Vater ins Krankenhaus begleitet, wie Diagnose und Behandlung verlaufen, wie sie ihren beruflichen Alltag parallel organisiert. Meine Freude an der Lektüre speiste sich zum einen aus der Liebe Kyiaks zu ihrem Vater, zum anderen aus dem endlich gewachsenen Genre Immigrationsliteratur. Anlässlich von Pia Ziefles Suna hatte ich mich vor zehn Jahren noch gefragt, wie lange es zu einer vielfältigen solchen in deutscher Sprache brauchen würde; seit einigen Jahren gibt es sie. Und Herr Kiyak dachte, jetzt fängt der schöne Teil des Lebens an ist davon eine aus dem deutschen Alltag. Die Herkunft des titelgebenden Herrn Kyiak ist durchaus Thema, immer wieder tauchen kursiv gesetzt seine Geschichten aus der Familien-Mythologie auf (Blutsfehde! Wildes Kurdistan! Bruder im Gefängnis! einvernehmlicher Brautraub!). Vor allem aber sehen wir einer Einwandererfamilie beim Leben zu, in einem bestimmten Abschnitt dieses Lebens, als bei Mely Kyiaks Vater Krebs diagnostiziert wird. In einem deutschen Krankenhaus mit Rosenrabatten davor und mit aus Überarbeitung herzlosem Personal. In einem Umfeld aus angereisten Verwandten aus der Türkei, aus deutscher Bürokratie, aber auch aus verständnisvollen Zeitungsredaktionen.

Mir gefiel auch sehr gut, wie die temperamentvolle und unkonventionelle Kyiak ihre Gefühlsstürme in Sprache fasst, wie sie auf ihr eigenes Großwerden zurückschaut, das in nur wenigen Details zum Klischee der türkischen Gastarbeiterfamilie passen mag, aus der sie aber eindeutig stammt. Kyiak setzt ihrem lieben, leisen, eigenwilligen Vater ein Denkmal, gleichzeitig ihrer Tocherliebe – da wurde selbst mir Struktur-Suchtlerin egal, ob das nun ins Genre fiction oder non-fiction gehört: Herr Kiyak dachte, jetzt fängt der schöne Teil des Lebens an ist eine wundervolle, lesenwerte Geschichte.

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Ein Plakat war mir schon an einer Müncher Litfaßsäule aufgefallen, jetzt spülte mir der Twitter-Account der Stadt München dazu in die Timeline den Link zur Ausstellung:
“Departure Neuaubing. Europäische Geschichten der Zwangsarbeit”.

Ich scrollte sehr vorsichtig durch die Multimedia-Website: Meine Großmutter mütterlicherseits war ja in der Nazizeit mit ihrer Schwester als Zwangsarbeiterin aus Südpolen ins Schwäbische verschleppt worden, womit ich mir meine immer wieder unkontrollierbar heftigen emotionalen Reaktionen auf das Thema erkläre.

Dieses Projekt des NS Dokumentationszentrums sieht sehr interessant und vielfältig aus. Zum Beispiel:
“Mind the Memory Gap”.

Am Ende der NS-Diktatur bestand die Bevölkerung Münchens zu einem Viertel aus Zwangsarbeitenden. Im Stadtteil Neuaubing war ihre Anzahl höher als die der Einheimischen.

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In Graz ist sein einiger Zeit Einiges anders, sie haben dort eine kommunistische Bürgermeisterin:
“Eine Politik für die Leut’
Über Jahrzehnte hat sich die KPÖ in Graz zur stärksten politischen Kraft emporgearbeitet. Ihr Wahlsieg war ein Schock für die bürgerlichen Parteien – und womöglich ein Segen für alle anderen.”

Die Bürgermeisterin lässt auf sich warten. Sie hat einen Fall zu lösen, der keinen Aufschub duldet. Das Asylgesuch einer Familie wurde abgelehnt, sie braucht dringend Geld für die Miete. Das Sozialamt zahlt nicht mehr, weil es von Gesetzes wegen nicht mehr zahlen darf. Elke Kahr lässt von ihrem Lohnkonto zwei Monatsmieten an die Familie überweisen. Mandatar:innen der Kommunistischen Partei Österreichs (KPÖ) spenden einen Grossteil ihres Gehalts für Menschen in Notlagen. Im vergangenen Jahr waren es 200 000 Euro – doppelt so viel, wie dem Hilfsfonds der Stadt Graz zur Verfügung steht. So funktioniert Kommunismus in Graz.

Es einfach mal anders machen. Weil es geht und man es für richtig hält – das freut mich. Auch in diesem Fall halte ich die konkrete Arbeitsweise nicht für eine Patentlösung und verallgemeinerbar, mir gefällt aber diese pragmatische Unkonventionalität, das beste aus konkreten Umständen herauszuholen.

Der Wahlerfolg der Kommunist:innen irritierte über die Landesgrenzen hinaus, Journalist:innen reisten an und spürten diesem steirischen Phänomen nach, begleiteten Elke Kahr, befragten Menschen in Gasthäusern, beschrieben die erste Frau im Bürgermeisteramt als Sozialarbeiterin, als etwas «biedere» Kümmerin. Und das war nicht nett gemeint. Die Botschaft: Das ist keine ernst zu nehmende Politik, das ist eigentlich gar keine Politik. Weil die KPÖ Interessen ausgleichen und alle Menschen ungeachtet ihrer Herkunft und Haltung mitnehmen möchte? Vor allem jene, die nicht mit prächtigen Ressourcen ausgestattet sind?

Anders, als es jene hohen Beamten und Offiziere der Monarchie praktizierten, die im milden Klima der Südsteiermark ihren Lebensabend verbrachten und hier ihre üppigen Pensionen ausgaben, weshalb Graz mitunter der Beiname «Pensiopolis» anhaftet. Spuren davon finden sich noch immer in der DNA dieser schönen Stadt. Die KPÖ hat eine neue Sequenz in diese DNA eingebaut. Die Stadträt:innen der KPÖ verzichten auf einen beträchtlichen Teil ihres Gehalts, was ihnen auch schon den Vorwurf des «Stimmenkaufs» einbrachte. Von den 8000 Euro Nettogehalt nimmt die Bürgermeisterin für sich 2100 Euro. Damit, sagt Kahr, könne sie leben. «Und so vergessen meine Kollegen und ich nicht, wie es Menschen geht, die sich zur Decke strecken müssen, um ihr Leben zu bestreiten.»

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Sebastian Meineck auf Netzpolitik:
“NCMEC-Zahlen erklärt:
Das Raunen vom millionenfachen Missbrauch”.

Irgendwas mit Millionen – das ist die Zahl, die hängen bleibt, wenn man Berichte über sexualisierte Gewalt gegen Kinder liest. Zahlen sind Nachrichten, und bei derart schweren Verbrechen ist ihr Nachrichtenwert besonders hoch. Aber Zahlen müssen auch stimmen, und genau hier mangelt es bei Nachrichtenmedien und Politik an Einordnung.

Die ist derzeit besonders wichtig, denn es gibt eine hitzige Debatte unter Politiker:innen, Kinderschützer:innen, Bürgerrechts-Organisationen und IT-Expert:innen. Der Streit dreht sich um ein Vorhaben der EU-Kommission. Es sieht vor, dass Online-Anbieter auf Anordnung auch private Chats durchleuchten müssen. Diese Chatkontrolle soll sexualisierte Gewalt gegen Kinder im Netz aufspüren.

Untermauert wird das Vorhaben auch mit Zahlen. In ihrem Entwurf schreibt etwa die EU-Kommission: Im Jahr 2021 gab es fast 30 Millionen Meldungen über Fälle von „Kindesmissbrauch“ im Netz. Das ist sehr verkürzt. Um das Für und Wider einer Chatkontrolle zu diskutieren, braucht es mehr.

Die riesige Zahl bedeutet nämlich nicht, dass es fast 30 Millionen potentielle Opfer gebe. Tatsächlich ist diese Zahl nicht geeignet, um die Anzahl potentieller Opfer auch nur annähernd abzuschätzen. Ohne weitere Erklärungen erzeugen solche Zahlen ein grob verzerrtes Bild über das bekannte Ausmaß sexualisierter Gewalt gegen Minderjährige im Netz. Hier kommt eine Übersicht, was wirklich hinter den Zahlen steckt – und was nicht.

Wie so oft: Es ist halt ein bisschen anstrengend.

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Wie der Alltag Anfang des 20. Jahrhunderts im kleinstädtischen Wyoming aussah – fotografiert von Lora Webb Nichols:
“A Woman’s Intimate Record of Wyoming in the Early Twentieth Century”.

Die Schuhe! Die Kleidung!

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Lieferkettenprobleme oder: Wie ich herausfand, warum ich in den vergangenen Monaten nach Dijon-Senf immer suchen musste und die großen Gläser davon ganz verschwunden zu sein scheinen.
“France Faces a Shortage of Mustard, Its Uniquely Beloved Condiment”.

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Seit ich Fernwanderwege mit Namen wandere, denke ich in tiefer Dankbarkeit an die vielen Menschen, die mir das ermöglichen: Die diese Wege beruflich oder ehrenamtlich legen, pflegen, ausschildern. Herr Kaltmamsell fand im Guardian ein Foto-Essay über solche Leute in Schottland.
“‘It suits the strong-willed’: Scotland’s mountain path makers – a photo essay”.

Wenig überraschend ist ein Ziel der Wegpflege, Wandernde vom Querfeldein-Trampeln abzuhalten, das die empfindliche Vegetation zerstören würde. Die leidenschaftliche Bitte (sicher nicht nur für Schottland): Bleiben Sie beim Wandern auf den Wegen! Nachdem in den vergangenen Jahren ohnehin Wandern immer beliebter wurde, sind die Besucherzahlen in der Pandemie nochmal steil gestiegen. Die Auswirkungen habe ich ja selbst auf meinen Lieblingsstrecken im Münchner S-Bahn-Bereich gesehen; wenn all diese vielen Menschen die Wege verlassen, richten sie großen Schaden an. Neu war mir diese Bitte:

“If you need to use walking poles, fair enough, but put a rubber tip on them. If you don’t need them don’t use them, they hasten the erosion, you get tiny little holes in all the surfacing and the verges along the sides, which allows the water in. You are basically widening your own footprint by a good foot on either side by constantly using these poles.”

Übersetzt: Wenn Sie auf Wanderstöcke angewiesen sind, sollten Sie diese natürlich nutzen, aber bitte mit Gummistöpseln über den Spitzen. Wenn Sie nicht auf Stöcke angewiesen sind, nutzen Sie bitte auch keine: Sie beschleunigen die Erosion, da sie kleine Löcher in die Oberflächen bohren, die Wasser eindringen lassen. Mit Stöcken verbreitern Sie im Grunde Ihren Fußabdruck um 30 Zentimeter auf beiden Seiten.

die Kaltmamsell

4 Kommentare zu „Journal Freitag, 15. Juli 2022 – Mely Kiyak, Herr Kiyak dachte, jetzt fängt der schöne Teil des Lebens an, böser Lärm, Beifang aus dem Internetz“

  1. Hauptschulblues meint:

    In Neuaubing ist auch heute noch der Anteil der Menschen mit Migrationshintergrund höher als der sog. “deutschen” Bewohner. An meiner Schule war der Migrationsanteil in den Klassen bis zu 90%.

  2. Croco meint:

    Die Fotos aus dem Alltag die Bevölkerung aus Wyoming gefallen mir sehr. Wie lange mussten die Probanden rumstehen, wie sie diesen leicht gelangweilten Ausdruck bekamen. So zeitlos! Die Augen haben kleine Lichter und die Bilder sind voll ausgeleuchtet, das gefällt mir sehr. Die Fotos erinnern mich an die Bilder von August Sander, der auch so einen Blick für Menschen hatte.

  3. Susann meint:

    Die Bilder aus Wyoming sind wunderbar, vielen Dank!

  4. Alexandra meint:

    Grünspechtrufe klingen extrem nach höhnischem Gelächter, finde ich.

    Sie sitzen überproportional häufig auf grünen Wiesen und hacken dort mit Hingabe nach diversen wurzelfressenden Schnaken- und Käferlarven.

    Dabei sind sie ganz still und konzentriert. Also vielleicht gelingt Sichtung so?

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