Journal Montag, 3. Juli 2023 – Cotswold Way 7 von Old Sodbury nach Bath, mit Pub-Kultur-Erschütterung

Dienstag, 4. Juli 2023 um 11:37

Ich will ehrlich sein: Die eigentliche Überraschung war gestern nicht, dass wir dann doch auf über 30 Kilometer Wanderung kamen (Herr Kaltmamsell hatte 28 angekündigt) und knapp 130 Stockwerke. Sondern wie locker ich das schaffte. Da ich echt nichts dafür kann, weil Veranlagung und in meinem Alter einfach Glückssache, klopfe ich meinem 56-jährigen Körper hiermit erstaunt auf die Schulter: Respekt, vor allem wenn ich daran denke, wie zerschlagen er sich manchmal schon nach 100 Minuten Joggen an der Isar anfühlt.

Unsere letzte Etappe Cotswold Way war so lang, weil sie zwei zusammenfasste, dazwischen hatten wir keine Unterkunft mehr bekommen – was übrigens nicht nur an unserer überstürzt späten Buchung im April lag: Der Landlord unserer Unterkunft in Old Sodbury erzählte, dass sich die Zahl von Zimmern auf der Strecke über die Corona-Zeit halbiert habe, von etwas über zweistellig auf deutlich einstellig.

Das mit dem Frühstück ließ ich Appetit-gemäß wieder bleiben, Herr Kaltmamsell orderte Full English – die Köchin hatte freundlich darauf hingewiesen, dass alles nach seinen Wünschen zubereitet werde, er möge also nur bestellen, was er wirklich essen wolle. Es war ohnehin ein sehr erfrischender und aufschlussreicher Plausch mit den Gastgeber*innen.

Wir brachen eine halbe Stunde früher auf als sonst, wir hatten schließlich Einiges vor uns – nämlich nicht nur die Doppeletappe, sondern auch eine Schlossbesichtigung. Gestern erst, am Ende unserer Wanderung, stellte sich bei mir endlich der Augenblicksgenuss des Wanderns ein; aus wahrscheinlich teuflischen Gründen war ich an den Tagen davor nie richtig aus dem Modus des (durchaus freudigen) Hinter-mich-bringens gekommen.

Old Sodbury.

Eingang zu Dodington Park. Hier machte der Besitzer James Dyson (ja, genau der) sehr klar, noch viel klarer als vor sechs Jahren, nämlich mit massiven Zäunen samt Stacheldraht und vielen bösen Schildern: Ich muss Sie aus rechtlichen Gründen durchlassen, aber ich möchte Sie hier wirklich, wirklich nicht haben.

Während der halben Stunde, die wir wie im Käfig durch sein Anwesen wanderten, stellte ich mir vor, wie man mit so einem public footway durchs eigene Gelände auch umgehen könnte, zum Beispiel freundlich und willkommend, bei eh viel Geld zum Beispiel mit Personal, das statt Stacheldraht aufs Gelände aufpasst, und mit Bewirtschaftung der Flächen – der Park sah mittlerweile sehr steril aus (ordentlich durchgesaugt, was?).

Fasane hörten wir auf der ersten Hälfte unseres Wegs gestern immer wieder, sahen aber keinen einzigen.

Wir machten Halt bei Dyrham Park. Vor sieben Jahren hatten wir nur die Außenanlagen ausgiebig besichtigt, diesmal konnten wir rein.

Da wir bis zur Öffnung des Schlosses um halb zwölf noch ein wenig warten mussten, machten wir im schönen tea room Rast mit Tee und Cappuccino.

Interessante Art des Informationsangebots auf verschiedenen Ebenen und mit verschiedenen Medien: Pro Raum eine Prozellantafel (Delfter Prozellan war ein Hauptthema) mit dem Allernötigsten, ein Pult mit einer Tafel, die mehr Info-Text lieferte, dazu Materialien aus dem Raum zum Anfassen, im Pult eine Mappe “Room Book”, das Zeichnungen und ganz tiefe Infos zu Details lieferte. In einigen Räumen standen auch Personen, die bereitwillig Dinge erklärten – oder Spinett mit Musik aus der Zeit spielten.

Der Schwerpunkt der Erzählung lag zum einen auf der Person des Erbauers um die Wende 17./18. Jahrhundert William Blathwayt, seiner damalige Rolle in Gesellschaft und Politik. Zum anderen wurden historische Hintergründe und zeitgenössische Bewertungen genannt.

Küche aus dem frühen 19. Jahrhundert mit der vielfältigen Nutzung einer einzigen Hitzequelle. Besonders gefiel mir auch ein Raum, in dem die Renovierungs- und Wartungsarbeiten am und im Haus erklärt wurden.

Während unserer Schlossbesichtigung hatte es geregnet, wir warteten den letzten Ausläufer des Schauers ab. Im Folgenden regnete es noch das eine oder anderem Mal sehr kurz, sonst war das Wetter des Tages geprägt von starkem Wind, der uns auch große Äste über den Weg geworfen hatte.

In Cold Ashton hatte diese Etappe 2016 geendet, gestern wanderten wir weiter.

Kurz nach drei machten wir auf dieser raren Bank Brotzeitpause – recht windumtost, aber bequemes Sitzen mit Lehne war uns das wert. Ich aß aus dem Lunchpaket eine Banane, eine Vollkornsemmel mit Schinken und eine mit Käse.

Herr Kaltmamsell hatte nicht so viel Glück mit seinem Körper wie ich: Ihn plagte ein Fuß, er wechselte hier in Turnschuhe, die er vorsichtshalber eingesteckt hatte. (Mit Fitness hatte aber auch er keinerlei Probleme.)

Selfie vor den letzten Meilen, Bath bereits im Hintergrund.

Gegen 17 Uhr meldete sich unsere Unterkunft in Bath telefonisch bei Herrn Kaltmamsell, wann wir denn nun kämen. Da hatten wir aber noch eine gute Stunde vor uns.

Dass es selbst nach Überschreiten der Stadtgrenze von Bath nochmal ordentlich bergauf und -ab ging, nahm ich dann aber persönlich (jajaja, alternativ hätten wir wahrscheinlich Straßen langgehen müssen, was ich noch viel weniger mag).

Vor der Kathedrale in Bath der offizielle Endpunkt des Cotswold Ways – 160 Kilometer geschafft! (Kommen wir jetzt in den Himmel? Ich war auf dem Weg eh ständig versucht, entgegenkommenden Wander*innen “buen camino!” zuzurufen.)

Über den Avon spazierten wir zu unserem zentral gelegenen B&B in wunderschönem historischen Haus, ruhten uns aber nur kurz aus.

Denn Hunger hatten wir jetzt sehr, wir spazierten zehn Minuten in den Pub, den wir auf Empfehlung auch vor sieben Jahren besucht hatten: The Salamander.

Hier bestätigte sich, was wir mehrfach in der vergangene Woche erlebt hatten, eine erschütternde Veränderung in der britischen Pub-Kultur (also Kultur): Man zahlt im Pub nicht mehr gleich beim Bestellen an der Theke, man bekommt auch Getränke an den Tisch serviert. Auch gestern wurde ich beim Bestellen von Bier und Essen gefragt: „Shall I leave that open?“ Ich konnte also abschließend alles zusammen bezahlen.
(Das hätt‘s unter der Queen nicht gegeben.)

An Bier ließ ich mir erst ein helles Stout empfehlen (Prognose der Chefin: wird man diesen Sommer noch öfter sehen), außerdem ein IPA (ich hatte um etwas Hopfiges, Bitteres gebeten) mit deutlichen Hollerblüten-Anklängen. Herr Kaltmamsell schloss sich jeweils an.

Zu Essen gab es Lamb Pie mit Gemüse und chips für den Herrn, ich hatte Auberginenröllchen mit Tofu-Füllung bestellt (deren Geschmack in der eingekochten Tomatensauce leider unterging) – zu meiner Freude auch als kleine Portion angeboten, denn ich wollte unbedingt noch Dessert schaffen.

Herr Kaltmamsell bekam frittierte Pudding-Schnitten mit Rhabarber-Dip, ich hatte Banana STP (Sticky Toffee Pudding), genauso knallsüß wie erhofft.

Ordentlich angetrunken und satt spazierten wir in unsere Unterkunft, bei mir passte noch ein wenig Schokolade hinterher.

die Kaltmamsell

4 Kommentare zu „Journal Montag, 3. Juli 2023 – Cotswold Way 7 von Old Sodbury nach Bath, mit Pub-Kultur-Erschütterung“

  1. Anke meint:

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    Gerne gelesen

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  2. TomInMuc oder Tomate meint:

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    Gerne gelesen

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  3. Beate meint:

    Vielen Dank für die Reiseberichte und die Fotos! Und Respekt – die letzte Etappe war schon recht lang …

  4. iris meint:

    die warntafel im schloss, dass in der oberen etage abbildungen von versklavten personen in einer entwürdigten lage zu sehen sind, hat mich zu tränen gerührt. so viel empathie würde ich mir in den niederlanden auch wünschen.

    vielen dank, dass wir mitreisen dürfen!

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