Journal Freitag, 3. Juli 2026 – Buchvorstellung zum Denkmal Familie Mann / Nachdenken über gesellschaftliches Grundvertrauen

Samstag, 4. Juli 2026 um 9:24

Etwas gehetzter Morgen, weil ich durch Verabredung am Vorabend nicht zum Bloggen gekommen war, außerdem Wäscheversorgung anstand (Wäscheständer leeren, Waschmaschine füllen und programmieren).

Das Draußen startete mit geschlossener Wolkendecke und kühler Luft, auf dem Weg in die Arbeit kam aber bereits die Sonne heraus.

Mittelemsiger Arbeitsvormittag, erschwert durch bleierne Müdigkeit. Hoffentliche schaffe ich es an diesem Wochenende mich zu erholen, idealerweise sogar durch viel Schlaf.

Raus auf einen Mittagscappuccino im Westend durch einen herrlichen Sommertag: Viel Sonne, Lufttemperatur so niedrig, dass sich der Sonnenschein angenehm wärmend anfühlte, immer wieder kräftiger, kühler Wind.

Zu Mittag gab es eine Nektarine, die ersten Kirschen der Saison (riesige Schwarzkirschen), Hüttenkäse. Der Freitagnachmittag kleckerte aus, ich ging pünktlich.

Ein paar Einkäufe auf dem Heimweg, daheim Wäscheaufhängen, Spannung, ob Herr Kaltmamsell es rechtzeitig zum Abendessen vor Abendverabredung von seinem Auswärtstermin nach Hause schaffen würde. Das tat er ganz knapp und zauberte uns in wenigen Minuten aus der Gefriere selbstgemachte Gnocchi mit Salbeibutter.

Auf den gestrigen Abendtermin freute ich mich trotz aller Erschöpfung. Sie erinnern sich an das Denkmal für die Familie Mann von Albert Coers? Dazu gibt es jetzt ein Buch, herausgegeben von Florian Matzner, und das wurde gestern Abend im Münchner Literaturhaus vorgestellt. Albert hatte Herrn Kaltmamsell und mich dazu eingeladen.

Wir spazierten durch die Abendsommermenschenmengen der Münchner Fußgängerzone zum Salvatorplatz.

Auch bei Tageslicht sehenswert: “Straßen Namen Leuchten”.

Im Gespräch mit der Leiterin des Literaturhauses, Tanja Graf, berichtete Herausgeber Florian Matzner von der Akademie der Bildenden Künste München über seine Sicht auf diese spezielle Kunst im öffentlichen Raum, Albert Coers von seinem Konzept des Denkmals und seinen Reisen über mehrere Kontinente auf Recherche nach Straßen, die nach Mitgliedern der Familie Thomas Mann benannt sind. Wenn es irgendwie ging, brachte er die Originallampen und -straßenschilder mit nach München (reichlich Anekdoten), die aus New York ließ er vor Ort duplizieren, die aus Los Angeles in einer Gießerei im bayerischen Landsberg. Er übernahm auch sonst für das Denkmal so viel Originalsituation wie möglich: Da er das Thomas-Mann-Straßenschild in Rom angefahren schief vorgefunden hatte (siehe Foto oben), steht es auch auf dem Salvatorplatz schief.

Den Aspekt Literatur im Exil beleuchtete in einem weiteren Gespräch mit Tanja Graf der Thomas-Mann-Experte Holger Pils, der die Wege der Familienmitglieder nach 1933 nachzeichnete. Das Buch selbst kauften wir gleich vom Büchertisch weg, ich freue mich schon sehr auf die Lektüre.

Nach der Veranstaltung genoss ich nur kurz den sensationellen Ausblick vom obersten Stockwerk des Literaturhauses, wir gingen gleich heim.

Diese Perspektive in der Kardinal-Faulhaber-Straße wird mich wohl jedesmal zum Zücken der Handy-Kamera bringen.

Eigentlich hatte ich noch Lust auf ein Speiseeiserl, doch am Marienplatz war mir die Schlange zu lang, und unser Eisdealer ums Eck von der Wohnung war bereits am Schließen. Also statt dessen Schokolade daheim.

Neue Lektüre im Bett: Helle Helle, Flora Fink (Übers.), Hafni sagt – eine angenehm eigenartige Road trip-Geschichte.

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Dieser Text löst bei mir eine Gedankenkaskade aus, ein Bericht aus Finnland:
“Kontrolle ist gut, Vertrauen ist besser”.

via @holgi

Als Erstes assoziierte ich die immer wieder aufflammende Diskussion über die Regeln beim Wählen im Wahllokal: Nein, zum Wählen muss man nicht den Personalausweis vorlegen, die Wahlbenachrichtigung oder der Wahlschein genügt. (Nur wenn man keines davon hat, muss man die Wahlberechtigung durch Ausweis und Eintrag im Wählerverzeichnis belegen.)
Eine Wahlvorsteherin, mit der zusammen ich mal wahlhalf, erklärte das auf Nachfrage von Wähler*innen vor uns mit:
“Weil wir erstmal davon ausgehen, dass Sie uns nicht anlügen.”
Aber auch hier in den Blogkommentaren erinnere ich mich an Diskussionen, die vor allem die Betrugsmöglichkeiten bei diesem Vorgehen durchspielten.

Mein Naturell ist ein ganz anderes: Ich gehe wirklich erstmal davon aus, dass Menschen ehrlich sind, dass sie mir nichts antun und nichts wegnehmen, mich nicht anlügen. Das ist ganz tief in mir verankert.

Als Zweites dachte ich daran, wie viele Jahre ich bei Anfahrt an die Isar zum Laufen mit dem Fahrrad einen Überzug-Pullover oder  eine -Jacke im Fahrradkorb ließ – denn man nimmt nicht einfach anderen Leuten ihren Pullover weg. Bis er halt doch mal weg war. Ich versuche mir die Situation bis heute konkret vorzustellen: Griff jemand in meinen Korb, besah sich den Pullover und wollte ihn ganz dringend selbst besitzen und tragen? Oder war es ein: “Schau mal, da ist jemand so blöd und lässt ihren Pullover einfach rumliegen! Soll sie mal sehen, wie blöd das ist.”? Mit der Folge, dass der Pulli anschließend irgendwo weggeworfen wurde?

Interessanterweise bekam ich meine Grundhaltung gerade NICHT im Elternhaus vermittelt. Meine Arbeiter-auf-dem-Weg-zum-Kleinbürgertum-Eltern nutzten jede Gelegenheit zu Steuer- und Versicherungs… äh… -tricksereien, die sie nur finden konnten. Und sie suchten sehr gründlich, hatten offensichtlich richtig Vergnügen dabei, noch so kleine Schlupflöcher in den Regeln zu finden. (Deswegen bin ich sicher, dass sie nichts dagegen haben, wenn ich es hier weitererzähle.) Die Grundhaltung: 1. Macht doch jeder. 2. Und wer es nicht macht, lässt sich übers Ohr hauen und ausnehmen.

Selbst aber identifiziere ich mich mit unserer Verfassung, unserer Gesellschaft, dem Staat: Das sind wir alle! Ich sehe mich nicht außerhalb des Steuersystems, sondern als Teil davon: Ich zahle Steuern und sichere damit staatliche Leistungen. Einfluss nehme ich darauf über Wahlen und politisches Engagement, akzeptiere aber, dass ich nicht bei der Verwendung jedes Euros meiner Steuern persönlich gefragt werde. (Und alles daran ist öffentlich, damit wird zum Beispiel dieser Haushaltstracker des Dezernats Zukunft – Institut für makrofinanzen gefüttert).

Ich sehe mich auch als Teil der Rechtsstaatlichkeit – einer zivilisatorische Errungenschaft, von deren Vorteilen ich zutiefst überzeugt bin. Und wenn ich so vielfältig davon profitiere, sehe ich mich auch verpflichtet, meinen Beitrag durch Regelbefolgung zu leisten. Wieder finde ich meine Einflussmöglichkeit in Wahlen und politischem oder zivilem Engagement.

Wieso konnten meine (durch und durch anständigen und menschenfreundlichen, das soll unbedingt betont sein) Eltern ihre eigene Haltung nicht auf mich übertragen? Dennoch sehe ich eine Brücke zu ihnen, nämlich in der Tendenz zum moralischen Rigorismus, der mich mit meiner Mutter verbindet und den sie in allem anderen als Steuern und Versicherungen lebt.

Beim weiteren Nachdenken komme ich durchaus auf viele schädliche Folgen meiner Grundhaltung: Ich kalkuliere das Böse zu wenig ein. Bestes Beispiel: Internet. Dass die Bösen dessen neue Möglichkeiten am effektivsten nutzten, und zwar für eigenen Vorteil zum Preis einer Verschlechterung der Welt – konnte vermutlich nur mich so sehr überraschen.

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In diese Recherche hat sich Typo-Nerd Thomas Pfeiffer ganz besonders reingehauen:
Die Beschriftungen von historischen Präparaten des Royal College of Surgeons of England.
Ich liebe alles daran und bin sicher, dass Museums-Kuratorin Alice Watkinson-Deane Spaß mit seiner Anfrage hatte – Nerds erkennen einander.

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Finde ich interessant: Die Service-Regeln des 1-Michelin-Stern-Restaurants Wielandshöhe.

(Falls jemand das fehlende Korrekturlesen übernehmen soll: Ich stehe zur Verfügung.)

die Kaltmamsell

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