Theater

Journal Samstag, 2. Mai 2026 – Sonniges Wandern am Tegernsee und überraschendes Theater-Erlebnis

Sonntag, 3. Mai 2026

Gute Nacht, unterm Strich, auch schön lang ausgeschlafen.

Draußen wieder der angekündigte strahlende Sonnenschein, das passte hervorragend zu den Wanderplänen mit Herrn Kaltmamsell (der entschied, dass das auch zwischen Abiturkorrigieren möglich sein muss). Und es ließ sich einrichten, dass wir trotz Ausschlafen den Zug um zehn erwischten – sehr rechtzeitig am Bahnhof, um Sitzplätze zu sichern. Dabei war der Zug diesmal gar nicht überfüllt, ich sah nur einen Steher.

Zur Auswahl hatte ich bekannte Strecken am Starnberger See (Wanderung linksrum über Berg), Tegernsee (Höhenweg ab Gmund) und Chiemsee (Obst- und Kulturwanderweg) angeboten, die Wahl fiel auf den Tegernsee.

Die Überraschung in Gmund: Es war sehr warm, nach einer Woche trügerischer Sonne entsprachen gestern die Temperaturen dem Anschein. Am Bahnhof packte ich also gleich mal meine Jacke weg, dass ich zu den kurzen Ärmeln auch kurze Hosen hätte tragen können (wie sehr viele andere Wander*innen, denen wir begegneten), hatte ich wirklich nicht erwartet.

Gefasst wiederum war ich auf den Hochbetrieb zwischen Gmund und dem Ort Tegernsee: Diese gute Stunde Strecke ist auch als Spaziergang und mit Kindern angenehm.

(Verschmierte Handy-Linse, bitte um Entschuldigung.)

Einkäufe im Käseautomaten über Gmund (ein Grund für die Wahl dieser Wanderung, ich hatte extra meine Bargeld-Bestände gecheckt), ich nahm von der Naturkäserei Tegernseer Land einen Weissacher mit (auch als Grillkäse geeignet) und einen Weichkäse mit grünem Pfeffer.

Am Kiosk des Bahnhofs Tegernsee gab es Mittagscappuccino, dann gingen wir den längeren und steileren Teil des Tegernseer Höhenwegs nach Rottach-Egern an.

Diesmal aber mit einer Variante, hier bogen wir nach links die Trappen hoch: Die Abzweigung nach Galaun war uns jedesmal aufgefallen, jetzt recherchierte Herr Kaltmamsell den GPS-Track und wir machten den Umweg hoch. Davor lagen Verhandlungen und Überlegungen, ob sich Herr Kaltmamsell wirklich, wirklich fit genug dafür fühlte und ob seine in letzter Zeit zickenden Knie darunter leiden würden. Ich schaffte es, mich diesmal an meinen Vorsatz zu halten, auf Steigungen immer Herrn Kaltmamsell vorgehen zu lassen, damit er das Tempo bestimmen konnte.

Das war eine wirklich schöne Zusatzstrecke mit bequemer Steigung zum Berggasthaus Riederstein am Galaun, an und um das gerade reichlich Mittag gemacht wurde. Wir zogen weiter.

Die Kapelle auf dem Riederstein ließen wir aber aus – unter anderem weil sie dicht von Menschen umzingelt war.

Blick auf Rottach-Egern.

Auf einem langen, steilen Weg stiegen wir ab, Ausschilderung brachte uns zurück zum Tegernseer Höhenweg.
Unterwegs kurz vor halb drei Brotzeit: Ich hatte rote Paprika dabei, einen Apfel (aus Ernteanteil von einem unserer Partnerbetriebe und wieder köstlich – warum schmecken die Lageräpfel vom Biosupermarkt nicht halb so gut?), ein Stück Marmorkuchen.

Das letzte Stück Höhenweg nach Rottach-Egern brachte uns trotz schattigem Wald nochmal ins Schwitzen: Es ging noch zweimal ordentlich rauf und runter.

Blühendes Rottach-Egern. Nicht im Bild: Viele Paragliding-Schirme um den Wallberg.

Ganz hinten der Riederstein, an dem wir vorbeigekommen waren.

Rottach-Egern-Selfie kurz vor dem Ort Tegernsee.

Nach fast fünfeinhalb Stunden kamen wir zurück zum Bahnhof. Mein Bewegungs-Tracker zeigte am Ende 17 Kilometer Wanderung an – das schien mir arg wenig, andererseits ging es halt schon sehr rauf und runter (über 100 Stockwerke). Mein Körper hatte sich durchgehend superfit gefühlt, das Treppentraining zahlt sich vielleicht doch aus.

Allerdings überfiel meine Zähne rechts zweimal Brutalschmerz in einer heftigen Welle, ohne irgendeinen erkennbaren Auslöser, zum Glück saß ich beide Male gerade (Mittagscappuccino, Heimfahrt). Es ist WIKRLICH schön, wenn der Schmerz nachlässt, außerdem interessant, wie viel Energie solch eine Schmerzwelle kostet, ich war anschließend richtig erschöpft. Sollte sich nicht schlagartig Besserung einstellen, werde ich nächste Woche dann doch die Kassenärztliche Vereinigung um Terminvermittlung zur Neurologie bitten müssen, auch wenn’s an meinem Stolz kratzt, der sich nicht vordrängeln möchte.

Wir waren so rechtzeitig am Zug nach München, dass wir uns einen Sitzplatz sogar aussuchen konnten; diesmal mussten auf der Fahrt viele stehen. Ich las die Wochenend-Süddeutsche aus, fühlte mich nach dem vielen Staub auf der ausgedörrten Wanderstrecke dreckig und klebrig, freute mich auf eine Dusche.

In München schickte ich den deutlich erschöpfteren Herrn Kaltmamsell direkt nach Hause, erledigte selbst noch letzte Einkäufe für jüngste Sonntagseinfälle. Daheim nahm ich die ersehnte Dusche, das war schön.

Die Zubereitung des Abendessens hatte ich an mich gerissen. Es gab aus Ernteanteil: Ringelbete (auch instagram-Bete genannt), mit Emmernudeln, Schnittknoblauch, zugekauften gerösteten Walnüssen, abgeschmeckt mit Frischkäse.

Dazu ein Glas abgefahrenen Weißwein von Marie Adler. Nachtisch Marmorkuchen.

Abendunterhaltung: Beim Rumklicken durch die Fernsehprogramme stolperten wir auf 3sat über die Inszenierung des Wiener Volkstheaters Fräulein Else nach Arthur Schnitzler, aufgezeichnet an den Münchner Kammerspielen. Co-Autorin und Hauptdarstellerin Julia Riedler spielt in diesem Ein-Personen-Stück vom ersten Moment an so fesselnd (kein Wunder für diese Rolle mit Preisen ausgezeichnet), dass sogar Theater-Skeptiker Herr Kaltmamsell gebannt hängen blieb. Der zudem Schnitzlers gleichnamige Novelle gut kennt.

Große Empfehlung: Allein schon der Kunstgriff, den wunderschönen Jugendstil-Vorhang der Kammerspiele als Spielzeit-gemäße Kulisse zu verwenden, außerdem erlebte ich einmal eine Publikumsbeteiligung (die ich sonst fürchte, ich habe für Zuschauen gezahlt, nicht fürs Mitspielen), die tatsächlich für die Aussage des Stücks unabdingbar war. Ein vorbildliches Beispiel, wie man einen 100 Jahre alten Text über die Gegenwart sprechen lassen kann.

Hier bei 3sat zum Hinterhersehen.

Journal Donnerstag, 16. April 2026 – Schönwettereinbruch

Freitag, 17. April 2026

Nach guter Nacht, aber etwas zu wenig Schlaf zu früh vom Wecker geweckt. Etwas hektischer Morgen, weil ich den Theaterabend noch im Blogpost unterbringen wollte.

Beim Öffnen des Kleiderschranks stellte ich fest, dass das Outfit, dass ich mir am Vorabend für den Tag ausgedacht hatte, nicht zur Verfügung stand: Meine orange Kürbis-Bluse war bereits in der Wäsche. So fiel mir auf, wie ungemein selten mir solch ein Irrtum unterläuft: Ich weiß sonst immer sehr genau von jedem meiner (vielen, vielen) Kleidungsstücke Zustand und Verbleib, am ehesten überrascht mich der Bestand von Unterwäsche und Socken (auch damit gibt es ideale und nicht so ideale Kombinationen).

Wieder ein bedeckter und kühler Morgen.

Sehr emsiger Vormittag, eine Angelegenheit wurde komplizierter, ich kam gehörig ins Wirbeln, eine dafür einfacher, puh. Vorm Bürofenster kam die Sonne heraus, ich sah nach Tagen mal wieder blauen Himmel.

Mittagscappuccino aus der Cafeteria (lauwarm), damit ich noch raus und zu Einkäufen kam. Die verband ich in milder Luft mit einer größeren Runde um den Block und freute mich an der fortdauernden Frühlingsblüte samt -düften. Schon bald ging ich mit offener Jacke.

Mittagessen waren später eine Orange und ein gekauftes Glas Zucchinisalat.

Unruhiger Nachmittag mit Ärger, unter anderem über ein Durcheinander von internen Prozessanweisungen. Die fortdauernden Zahnschmerzen und starke -empfindlichkeit rechts oben ohne Ursache (derzeit fast täglich eine Ibu nötig – die aber immer schnell wirkt) hielten mich zusätzlich gereizt. Vielleicht doch mal zum Hausarzt damit.

Nach Feierabend Heimweg über Einkäufe im Vollcorner, es war noch milder geworden, in der Sonne richtig warm – sofort waren alle Plätze in der Außengastronomie besetzt.

Daheim Waschmaschine gefüllt, Einkäufe verräumt, eine Einheit Yoga geturnt, die sehr gut tat.

Abendessen richtete auch ich her: Salat aus Ernteanteil (Zitronensaft-Olivenöl-Dressing), Räucherfisch aus weiter entfernter familiärer Herstellung (Forelle), dazu von Bruderhand geriebener Meerrettich in Schlagsahne.

Nachtisch Osterschokolade. Früh ins Bett zum Lesen, durchs offene Fenster Frühlingsluft.

§

Im Nachhinein fand ich Wokey Wokey an den Kammerspielen vom Mittwochabend immer besser, da war wirklich eine Menge lustig Gutes drin, und irgendjemand muss ja den früh verstorbenen Sprachkaskadeur René Pollesch als Auftragsschreiber der Kammerspiele beerben (der allerdings ganz andere Sprache und Themen geschrieben hat). Ich empfehle für ein detaillierteres Bild und zum Wiedergutmachen meines (privilegierten, hihi) Schulterzuckens die Rezension von Jakob Hayner in der Welt – in einem Medium, das ja sonst recht deutlich Team Backlash ist:
“‘Jetzt hör doch mal auf, die Nazis zu umarmen, Ulli'”.

(“Kulturkampfklamotte” finde ich ein schönes Kompliment für das Stück.)

§

Jajaja, schon wieder Fahrradparadies Utrecht. Aber für den Standard hat sich Maik Novotny auch in anderen Städten umgesehen:
“Wie sich immer mehr Städte fürs Radfahren umbauen”.

Journal Mittwoch, 15. April 2026 – Wokey Wokey von Nora Abdel-Maksoud an den Kammerspielen

Donnerstag, 16. April 2026

Beim Weckerklingeln ausgesprochen verärgert aufgewacht, weil im Traum die U6 einen ganzen langen Übergang von einem U-Bahnhof in den nächsten so gut wie gar nicht ausgeschildert war. In Betongängen über Außenbereiche durch Tiefgaragen suchten ich und mehrere Gruppen anderer Menschen nach Hinweisen, verirrten uns, hatte die eine wichtige Abfahrtszeit im Nacken – vereint durch das Kopfschütteln, wie schlecht man nur solch einen Übergang führen kann. Aber erzählen Sie mir gerne nochmal, man habe selbst in der Hand, wie man emotional auf äußere Umstände reagiert und worüber man sich aufregt.

Wenn schon die Mood Organ aus Philip K. Dicks Do Androids Dream of Electric Sheep? auf lange Sicht Phantastik bleibt (dann wieder: Es gibt ja Bauvorhaben für Fusionskraftwerke mit Zeitplan, wieso dann nicht auch für Penfield Mood Organs? Hallo BMFTR? Hallo Frau Bär?), könnte man doch zumindest bei Traum-Gefühlen schonmal üben.

Der Himmel weiterhin monochrom düster, die Luft kühl, aber trocken. Kleidung zur allgemeinen Selbstbelustigung und weil ich abends ins Theater gehen würde.

Wenn ich mich einfach auf Self Laugh statt Self Love konzentriere?
(Hier eine weitere empfehlenswerte Leitlinie beim Styling.)

Der Biergarten am Bavariapark macht sich startklar.

Am Schreibtisch startete ich mit erwarteter Zackigkeit, allerdings verzögerte sich weiterhin die für Dienstagnachmittag angekündigte Aufgabenlieferung mit Rückgabe-Deadline 12 Uhr. Zwar arbeite ich schnell, bin aber ans Raum-Zeit-Kontinuum gebunden. Es klappte dann gerade mal so, wegen schlecht einzuschätzender Auffassung von “final” wurde das Ergebnis möglicherweise nicht mein bestes.

Dann aber kurz raus auf einen Mittagscappuccino ins Westend, unter weiterhin geschlossener Wolkendecke und in (korrekt April-)kühler Luft.

Später gab es zu Mittag Skyr mit Joghurt, Orange, Leinsamenschrot.

Ich schaffte den frühen Feierabend, der mir genug Energie für einen Theaterbesuch ließ, und ging über die Theresienwiese heim – recht erstaunt über die Dutzenden Polizeiautos am östlichen Rand, sehr viele Uniformierte dazwischen. Dass die Mehrzahl mit “Zoll” beschriftet war, legte nahe, dass wegen Schwarzarbeit ermittelt wurde, die Gruppen von Polizei- und Zollautos bis zum Nußbaumpark, dass das hier eine wirklich große Aktion war. Und tatsächlich:
“Polizei und Zoll starten Großrazzia im Münchner Bahnhofsviertel”.
Es war eher Zufall, dass ich meinen Weg gestern nicht durch die von der Razzia blockierte Landwehrstraße legte, denn tatsächlich plante und machte ich einen Abstecher in einen Laden mit bulgarischen Spezialitäten in der Schillerstraße (der offensichtlich nicht gefilzt wurde).

Eine Runde Yoga, zum nur leicht vorgezogenen Nachtmahl hatte Herr Kaltmamsell die Hälfte des Ernteanteil-Weißkrauts nochmal zu köstlichem Paradeiserkraut verarbeitet.

Nachdem ich in den ersten drei Monaten des Jahres gefühlt wöchentlich im Theater gewesen war, kam erstmal eine Pause. Aber jetzt war ich wieder als Abonnentin “aufgerufen”, wie ich es von der Theaterkasse gelernt habe: Wokey Wokey von Nora Abdel-Maksoud, ein richtiges fürs Theater geschriebenes Theaterstück, allein das nahm mich schonmal positiv für den Abend ein.

Im sehr gut besetzten Theatersaal (aha, das Publikum mag sowas) sah ich eine erst vor drei Wochen uraufgeführte Farce über den aktuellen Kulturkampf um eine von Rechts “woke” bezeichnete Gesellschaftshaltung und was ihr alles zugeschrieben wird. Eingebettet ist das in Rückblenden auf die Dreharbeiten von Filmregisseurin Gordon (wieder großartig: Johanna Eiworth), die in einer Neuverfilmung von George Orwells 1984 zeigen will, dass heutzutage die Denkverbote vom Tugendterror der Linken ausgesprochen werden (eine Perspektive, die ich in den vergangenen Jahren mehrfach in Echt gelesen und gehört habe). Dabei auf der Bühne ihre vier Hauptdarsteller, die Texte drehen sich satirisch überzeichnet wild um Stereotype gesellschaftlicher Aufgeschlosseneheit, ihre Auswüchse und den Backlash, der alles davon bekämpft. Immer wieder behandeln Gordons Erklärungen, was eigentlich Wahrheit in Erzählungen ist.

Die Bühne selbst wird eingerahmt von der Begrenzung einer Kinoleinwand, in der gespielt wird, mit Fingerschnipsen dirigiert die Regisseurin das Spotlight auf Personen und Szenen (hin und wieder wird ihr dieses Schnipsen aus der Hand genommen), es ist viel Film-Sprech eingearbeitet. Das Ganze jagt in einem tumultösen Tempo über die Bühne, nur bei (Film-)Schnitten kehrt kurz Ruhe ein und die Figuren erstarren in Scherenschnitten.

Das Publikum hatte hörbar eine Gaudi, mich rissen die immer weiteren Verschraubungen der bekannten Haltungen pro und contra nicht recht mit – das mag aber an meiner Tagesform gelegen haben.

Dass die Inszenierung nur 90 Minuten dauerte, begrüßte ich hingegen sehr, ich kam nach einem Spaziergang durch kühle, trockene Aprilluft nicht zu spät ins Bett.

§

Ich gebe dem Volksverpetzer recht: Nicht immer nur die Siege der AfD weitergeben und schreind im Kreis laufen, sondern auch ihre Niederlagen feiern.
“Die AfD verliert alle Wahlen im Osten – und keiner bekommt es mit”.

§

Mek allein in einer Kneipe ohne Handy:
“bei leerem Telefon”.

Journal Freitag, 27. Februar 2026 – Was Theater kann, Teil 2 dieser Woche: Selen Kara, Torsten Kindermann und Akın Emanuel Şipal, Istanbul am Ingolstädter Stadttheater

Samstag, 28. Februar 2026

Nach dem zweiten Aufwachen kurz vor vier mit Verzögerung nochmal eingeschlafen, nur so tief, dass ich mich von Herzen darüber freuen konnte, im Traum der superschlauen und entzückenden Laurie Penny zu begegnen und mich mit ihr zu unterhalten.

Es tagte zu einem weiteren angesagten sonnigen Frühlingstag. Kurz überlegte ich, ob ich bei den auch weiterhin angekündigten milden Temperaturen auf den leichten Janker zurückgreifen sollte, merkte aber, dass ich innerlich noch bei offenen Mantelschößen bin. Es blieb beim Ledermantel. Ich genieße diese milden Frühlingstage wirklich sehr – es soll aber bitte nochmal kalt werden. Wegen Natur und so. Ansonsten ist die Wahl meiner Tops derzeit leider wieder von einer erneuten Stinkephase geprägt, ich greife bevorzugt zu locker Sitzendem.

Auf dem Weg hörte ich erst den Technologie-offenen Specht auf einer Peitschenlampe, sah dann diese Krokantenwiese in den Startlöchern.

Emsiger Arbeitsvormittag, bald hatte ich eigentlich keine Lust mehr. Musste ja.

Mittagscappuccino im Westend, ein Jogger kam mir in kurzen Hosen und mit nacktem Oberkörper entgegen – das ging mir nun wirklich zu schnell. Selbst beschränkte ich mich auf die geplanten wehenden Rockschöße und auf tiefe Atemzüge begleitet von Altfrauenseufzern.

Zu Mittag gab es eine Weile später Birnchen (überraschend schmackhaft), Apfel, außerdem Quark mit Leinsamenschrot.

Emsiger Nachmittag, zu dem ich immer wieder das Bürofenster öffnete, um sonnengewärmte Außenluft reinzulassen.

Pünktlicher Feierabend, ich spazierte zum Bahnhof, um dort Brotzeit einzukaufen und Herrn Kaltmamsell am Zug nach Ingolstadt zu treffen. Apfel und Käsesemmel gab es im Zug als Abendessen, dazu wachsende Unruhe, weil die Ankunft sich nach „verzögerter Bereitstellung“ immer weiter verzögerte. Doch wir erreichten Ingolstadt Hauptbahnhof dann doch rechtzeitig, um die 25 Minuten zum Theater zu Fuß zu gehen, unter anderem über die zeitweise legendäre dritte Donaubrücke.

Im Ingolstädter Stadttheater war ich seit vielen Jahren nicht mehr, möglicherweise seit Jahrzehnten. Doch das markante Brutalismus-Gebäude (hier schöne historische Fotos), mit dem ich groß wurde, das ich mit seinen vielen vor allem Innendetails liebe und das meinen Architekturgeschmack geprägt hat, ist gar nicht mehr die Spielstätte: Es muss dringend generalsaniert werden, und da die Stadt Ingolstadt das in derzeit angespannter Haushaltslage nicht priorisiert, ist völlig offen, ob und wann es je wieder bespielt wird.
In einem Bürgerentscheid hatten sich die Ingolstädter*innen zudem 2022 gegen den Bau eines Ausweichtheaters entschieden, das nach der Generalsanierung weiter genutzt worden wäre – in meinen Augen ein typisches Symptom der kleingeistigen Wohlstandsverwahrlosung, die ich mit Ingolstadt verbinde (not all Ingolstädters, schon klar). Denn die Geschichte zeigt: In schlimmen Zeiten echter Entbehrung hielten sich die Menschen seit jeher an Kunst und Kultur fest, nicht umgekehrt, fragen sie mal die Leute in Kiew.

Gestern erlebte ich in Ingolstadt also eine der Ausweich-Spielstätten und war sehr gespannt darauf, nämlich das Theater am Glacis (sogar die Grammatik ist nicht mehr dieselbe wie zu meiner Ingolstädter Kindheit und Jugend, damals war das die Glacis, “d’Glasí”).

Verortung in meiner persönlichen Geografie: Alter Volksfestplatz, wo das Hallenbad stand (das jetzige steht nebenan, wo das Eisstadion war – sehr verwirrend).

Im Foyer trafen wir auf Bruderfamilie (minus Nichte), meine Eltern, Freunde der Bruderfamilie, einige hatten das Stück, Istanbul von Selen Kara, Torsten Kindermann und Akın Emanuel Şipal, bereits in der vorherigen Spielzeit auf der kleinen Bühne gesehen.

Mein Bruder wies uns auf die erste Überraschung hin: Stellwände im Foyer zeigten Fotos von Gastarbeitern in Ingolstadt, darunter einige von meinem Vater und seinem besten spanischen Freund.

Fotomotiv Bruder zeigt (auf meine Bitte) auf Zeitungsartikel über meinen Vater.

Auch vor anderen Stellwänden wurde fotografiert, eine Gruppe hatte den Vater aus der Türkei entdeckt.

Freie Platzwahl, doch wir schafften es ohne Kampf alle in dieselbe Reihe.

Und dann sahen wir zwei Stunden wundervolles Theater. In viel Musik (mehr, als ich erwartet hatte) war die Geschichte von Klaus Gruber aus Ingolstadt eingebettet, der Anfang der 1960er das Angebot der Türkei annimmt, als Gastarbeiter der heimischen wirtschaftlichen Not zu entkommen und in Istanbul auf dem Bau Geld zu verdienen. In dieser alternative history werden der Schmerz des Abschieds von Frau und Kind erzählt, die Erniedrigung der ärztlichen Untersuchungen, die Einsamkeit in einer fremden Kultur und Sprache. Doch wie schon in Play Auerbach! am Mittwoch zuvor schafft die nicht-realistische Form einen Rahmen, in der die (ohnehin großartige) Grundidee funktioniert: Auf der Bühne werden zur Illustration von Gefühlen und Umständen die Lieder von Sezen Aksu, einer sehr populären türkischen Pop-Sängerin und Komponistin, gespielt und vor allem gesungen. Allein die extreme Exotik, dass deutsche Schauspieler*innen (ganz wunderbar Ralf Lichtenberg und Sarah Horak) auf Türkisch singen, führte mehr über den Stand der deutschen Gesellschaft vor, als es jedes Essay hätte transportieren können. Dazu kam in der gestrigen Vorstellung als besondere Herzerfrischung: Teile des Publikums sangen mit! (Und lachten an Stellen, die ich nicht verstand.) In den weiteren Hauptrollen sehenswert: Berna Celebi, Okan Cömert, Manuel Karadeniz.

Das Nationaltheater Mannheim hat die Lieder als Playlist auf Spotify gestellt – was mich sehr freut, mir gefielen sie fast durchgängig. Stehend jubelnder Beifall am Ende, eine große Theaterfreude. Das Stück wird wohl auf einigen Bühnen gespielt, lässt sich ja problemlos auf viele westdeutsche Städte übertragen, ich empfehle einen Besuch blind überall. In der Ingolstädter Version mochte ich besonders einige klamaukige Einfälle der Requisite.

Anschließend im Foyer noch Austausch von Eindrücken, bei meinem Vater hatte das Stück durchaus Erinnerungen wachgerufen. Meine Eltern nahmen uns zur Übernachtung mit, Lichtaus nicht zu spät.

§

Sehen Sie: DAS ist die Art Connections, um die ich Leute beneide. Wenn man mit U-Bahn-Piloten befreundet ist, bekommt man auch mal eine
“Exklusive Ansage”.
(Erinnerung an den Neffen der markanten Frauenstimme, die zu meiner Augsburger Studienzeit die Straßenbahn-Ansagen einsprach, mit deutlichem lokalen Akzent. Und der sie dazu brachte, für Freund*innen Anrufbeantworter-Ansagen aufzunehmen.)

§

Niemand wundert sich weniger als ich: Es gibt Therapie-Meerschweine.

Journal Donnerstag, 26. Februar 2026 – Play Auerbach! von Avishai Milstein an den Münchner Kammerspielen

Freitag, 27. Februar 2026
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https://youtu.be/irCCimL1UFM?si=R-uS9Tl7qhKSVdza

“Revue” ist herrlich altmodisch, ich verbinde das zum einen mit dem Berlin der 1910er und 20er (hier unter Beteiligung besonders vieler jüdischer Künstler*innen), zum anderen mit dem Vaudeville in Großbritannien und der USA. (Und dem Friedrichstadtpalast, d’oh.) Als mir also die Münchner Kammerspiele in mein Abo ein Stück mit dem Untertitel “Eine Münchner Erinnerungsrevue” setzten, war ich gleich besonders interessiert. Zudem faszinierte mich die historische Figur des Philipp Auerbach – der den Blick wie so manche andere aktuelle literarische Verarbeitung des Dritten Reichs auf die bis dahin eher vernachlässigten Jahre direkt nach Kriegsende richtet.

Und das tut das Theaterstück Play Auerbach! von Avishai Milstein, das er als Auftragswerk für die Kammerspiele geschrieben hat, eben auch: Es geht um München in Trümmern, um den Wiederaufbau, den Umgang mit den Grauen der Shoah, quicklebendigen Antisemitismus – aber aus der Sicht der überlebenden Juden, die jetzt als diplaced persons zwar zunächst schon unter dem Schutz der US-Besatzer, aber halt doch wieder in Lagern lebten. Und irgendeine Form von Zukunft finden mussten. Das hätte man durchaus realistisch auf die Bühne bringen können, und jedes Moralisieren wäre gerechtfertigt gewesen, gerade an der schillernden Figur Philipp Auerbach. Dass statt dessen die nicht-realistische Form einer Revue mit viel Komik gewählt wurde, ermöglichte aber Dutzende zusätzlicher Ebenen, machte auch noch Spaß und konnte Tritte an Stellen setzen, an die Realismus gar nicht hinkommt.

Es ging schonmal damit los, dass die Handlung in der Zukunft angesetzt wird: Eine Laienschauspieltruppe probt öffentlich anlässlich 100 Jahren Kriegsende, also 2045, eine Auerbach-Gedenkrevue. Das erfahren wir von der Leiterin und Regisseurin Beate, die sich als Antisemitismusbeauftrage vorstellt, erfolgreiche Antisemitismusbeauftragte. Ohnehin erfahren wir als Publikum in diesem Stück viel explizit aus Erklärungen, oft vom Bühnenrand – wie man es aus einer Revue gewohnt ist. Ein berühmter Fernsehschauspieler gesellt sich hinzu (auch er wird uns vorgestellt), er schnappt sich die Rolle des Auerbach.

Revue heißt auch Musik, sie erinnerte mich oft an Kurt Weill. Die Lieder und Stücke waren manchmal boshaft wie politisches Kabarett, mal Balladen. Das Revue-Format erlaubte auch Poesie (einziges Kulissen-Element war der aufgehängte Rahmen eines Konzertflügels) und Provokation, die stärksten visuellen Akzente setzten teilweise extrem aufwändige Kostüme in beeindruckenden Choreografien, die Maske erinnerte an die Bühnen-Episoden im Film Cabaret von 1972. Und dieses Format ließ Raum für immer neue Ebenen an Anspielungen auf heutigen Antisemitismus, der Halbsatz “Dass gerade ein Volk, das den Holocaust erlebt hat…” musste gar nicht vervollständigt werden. Dazu kam aber auch (nur halb ernst, aber dann halt doch ernst) die Suche nach einem Platz für jüdisches Leben in Deutschland. Immer wieder kulminierten mäandernde Szenen in zugespitzten Erkenntnissen, zum Beispiel:

“Einen Juden zu spielen ist Kunst!
Ein Jude zu sein ist Provokation!”

Was mich vor allem begeisterte: Wie Wunder-voll und unersetzlich das Medium Theater hier funktionierte. Inklusive der wieder umwerfenden Darsteller*innen, darunter: Wiebke Puls kann eh fast alles, der Gast Samuel Finzi ging mir nahe, Annika Neugart ließ unter anderem Therese Giese wiederauferstehen.

Wenn DAS heutiges Theater ist, finde ich Theater weiterhin sehr super und gebe ihm eine große Zukunft.
Nach dem (langen, begeisterten) Schlussapplaus kam Mittwochabend Dramaturgin Viola Hasselberg auf die Bühne und lud ins Foyer zum Gespräch über das Stück ein – leider war ich um diese Zeit viel zu erledigt für sowas. (Und brauchte ohnehin erstmal Verarbeitung des Erlebten.)

Diese Besprechung von Sabine Leucht bei nachtkritik.de gefällt mir sehr gut:
“Fettnäpfchenwetthüpfen”.

§

Ich hatte den Wecker 15 Minuten später gestellt, schlief nach guter Nacht auch bis Klingeln. Draußen ganz eindeutiger Frühlingsvogelgesang, dominant dabei die Amsleriche, eher als Rhythmusbegleitung Finkenschlagen.

Herr Kaltmamsell kam eine halbe Stunde, nachdem er sich in die Arbeit verabschiedet hatte, schon wieder zurück: Seine U-Bahn fuhr nicht (Unfall, Störung). Da er den frühstmorgendlichen Teil seiner Aufgaben ohnehin auch von daheim erledigen konnte, tat er das.

Schöner Marsch in die Arbeit, der Nebel, zu dem ich aufgestanden war, hatte sich gesenkt, am blauen Himmel sah ich nur wenige Wolken.

Im Büro gleich durchgestartet, ich war unter Termindruck.

Uiuiui, so viel weniger hatte ich doch gar nicht geschlafen – nach den ersten beiden Stunden Hochgeschäftigkeit in der Arbeit fühlte ich mich steinmüde. Mittagscappuccino holte ich mir in der Cafeteria, spazierte dann aber raus in die Sonne und um ein paar Blöcke des Westends. Kurz vor Mittgessen (Apfel, letzte Orange, Restbrot, Trockenfeigen, Nüsse) bekam ich noch einen Stein weggearbeitet, der mir seit einer Woche auf der Brust saß, große Erleichterung.

Emsiger Nachmittag, aber ich kam noch bei deutlich Tageslicht raus in den Feierabend. Auf dem Heimweg gründlicher Nachkauf von Schokolade. UND! UND! Sichtung des blühenden Frühlings-Trios Schneeglöckchen, Winterlinge, Krokus.

Daheim Pilates, da Herr Kaltmamsell den Abend aushäusig verbrachte, aß ich allein zu Abend: einen Rest Macaroni-and-cheese, aus frisch geholtem Ernteanteil Postelein-Salat. Nachtisch sehr viel Schokolade (aber noch vor Bauchweh aufgehört).

Eine Rechnung von Crowdfarming traf ein und ließ mich die Augen aufreißen: Der Käse vom adoptierten Schaf kostete in dieser Saison 107,66 Euro, nach 60,82 Euro im Vorjahr. Für 1,5 Kilo verschiedene Manchegos. Zwar wurde ich immer darauf hingewiesen, dass die saisonalen Preise variieren können, doch bei diesem Sprung fiel mir dann doch das Gesicht runter. So viel zahle ich nicht mal beim Dallmayr oder im Tölzer Kasladen für Käse. Zumal ich deutlich besseren Manchego kenne als den, den ich hier geliefert bekomme. Ich beendete die Adoption umgehend.

Kleidungs- und Pack-Überlegungen für den Freitag: Herr Kaltmamsell und ich lösen ein Weihnachtsgeschenk ein und fahren nach Ingolstadt ins Theater, um mit Familie und Freunden der Familie Istanbul von Selen Kara, Torsten Kindermann und Akın Emanuel Şipal anzusehen. Inklusive Übernachtung bei meinen Eltern, das wird alles sehr schön!

Früh ins Bett zum Lesen.

§

Das neue Denkmal für die Familie Mann am Salvatorplatz hat bereits ein Eigenleben entwickelt.

Journal Mittwoch, 25. Februar 2026 – Vorläufiger Winterabschied

Donnerstag, 26. Februar 2026

Endlich mal wieder eine gute Nacht, die anbrandende Angstwelle nach nächtlichem Klogang bekam ich durch inneres Begehen meiner wundervollen Wohnung in Augsburg weg.

Wie angekündigt tagte es nahezu wolkenlos. Das führte zu verzauberten Ansichten auf meinem Marsch in die Arbeit.

Für das zweite Foto machte ich extra einen Schlenker über den Bavariapark, als ich die Nebelfetzen zwischen den kahlen Bäumen erahnte.

Im Büro ackerte ich wie geplant los, es gab zu räumen, zu sortieren und wegzuwerfen.

Außerdem hatte ich eine Aufgabe, die zwischen Basteln und Ingenieuren lag – eigentlich wieder eine klassische Sekretärinnensache, doch ich war unsicher und hätte mich gerne mit einer anderen Assistenz/Sekretärin beraten. Das bin ich seit einem halben Jahr als einzige für 60 Menschen, also griff ich zu einer Kollegin, die sowas bis zur jüngsten Umstrukturierung vor anderthalb Jahren gemacht hatte: Volltreffer, sie hatte Erfahrung mit exakt dieser Aufgabe.

Auf meinen Mittagscappuccino zog mich der Sonnenschein mit Macht hinaus ins Westend, ich atmete die milde Luft bis in alle Lungenbläschen.

Fokus-Varianten (langsam kommt Farbe zurück!).

Aber auch eine traurige Entdeckung: Der Blumenladen Las Flores am Heimeranplatz, wo ich in den vergangenen zehneinhalb Jahren immer wieder Berufs-, aber auch Privatblumen gekauft hatte, mit deren beiden Betreiberinnen ich oft geplaudert hatte (der Name des Ladens ist Resultat ihrer großen Cádiz-Liebe) – hat zugemacht.

Nach weiterem Gebastel im Büro gab es zu Mittag Apfel, Orange, Hüttenkäse mit Leinsamenschrot. Große Freude über das Geschenk einer Kollegin: Gurken eingelegt von bulgarischer Oma.

Emsiger, aber kurzer Nachmittag: Ich machte superpünktlich Feierabend, weil ich abends Theaterabo-Vorstellung hatte – Kneifen aus Unlust diesmal eh keine Option, weil ich Herrn Kaltmamsell fürs Mitkommen hatte interessieren können. Also verließ ich das Bürohaus nicht nur bei echtem Tageslicht, sondern auch in wunderbarer Sonne.

In der Apotheke ließ ich mir gegen die absurd zuschwellende Nase ein Spray mit Salz und Hyaluronsäure empfehlen, dann spazierte ich über die Theresienwiese.

Daheim räumte ich ein wenig, begann zwischen zwei Yoga-Programmen wieder eine Woche Pilates.

Zum Theater-bedingt vorgezogenen Nachtmahl servierte Herr Kaltmamsell den letzten Bestandteil des Ernteanteils: Süßkartoffeln. Auf meinen Wunsch als Liebling Macaroni-and-cheese.

Spaziergang in dann doch noch winterlicher Luft zu den Kammerspielen. Gegeben wurde Avishai Milstein, Play Auerbach!, und mit dem Untertitel “Erinnerungsrevue” hatte ich Herrn Kaltmamsell gelockt.

Die Vorstellung war ausverkauft – und ich erlebte einen so großartigen Theaterabend wie seit vielen Jahren nicht mehr, genau dafür gibt es Theater, das halt kann, was nur Theater kann. Für Details möchte ich mir Zeit nehmen, Ausführlicheres lesen Sie hier morgen.

Ins Bett kam ich so mehr als eine Stunde später als sonst (hoffentlich erinnere ich mich dran, mein Abo auf Sonntag zu wechseln) (und aufs Resi).

§

Derzeit schreibe ich neben Bloggen noch etwas: Lebenserinnerungen. An einem Ort (in einer Datei), so die Idee, sammle ich, woran ich mich aus meiner Kindheit erinnere – also im Gegensatz zu einer Autobiografie, die meiner Ansicht nach mit Recherche, Nachprüfen von Fakten, Abgleich von Erinnerungen mit Geschichtsschreibung oder mit den Erinnerungen anderer Beteiligter einher geht. Bei allem Faible für Alltagsgeschichte weiß ich, dass mein Leben echt nicht genug für sowas hergibt. Aber Erinnerungen festzuhalten, stelle ich mir reizvoll vor, vielleicht sogar mipfleiß nicht gecheckt.

Ich war überzeugt, dass das Aufschreiben meiner eigenen Erinnerungen schnell gehen müsste, merke ich doch immer wieder, dass andere Mescnhen so viel mehr aus ihrer Kindheit aus erster Hand erzählen können. Ein Irrtum, denn das Bremsen und Strukturieren des Erinnerns durch Aufschreiben erzeugt bei mir genau die Geschwindigkeit, die das Gedächtnis fürs Verküpfen mit weiteren Erinnerungen braucht, an die ich sehr lange nicht gedacht hatte (die Hausmeisterin des Wohnblocks meiner Kindheit hieß Frau Kagerer, wäre mir auf direkte Frage nie eingefallen). Und es bereitet mir Freude auszusortieren, was ich zur Zeit des Erlebens wusste, was mir erzählt wurde (ich erinnere mich also an Erzähltes) und was erst viele Jahre oder Jahrzehnte später Wörter und Einordnung bekam. Chronologie, so der Vorsatz, ist dabei irrelevant, es dürfen sich Assoziationen in alle Richtungen ergeben.

Mal sehen, wie lange ich Spaß daran habe.

Journal Sonntag, 15. Februar 2026 – Wien mit Sonntagsbraten und meinem ersten Mal Burgtheater

Montag, 16. Februar 2026

Gut und lang geschlafen, wieder leuchtete bereits Tageslicht durch die Ränder der zugezogenen Vorhänge – leuchtete besonders intensiv trotz bedecktem Himmel, weil es nachts ein wenig geschneit hatte.

Blick aus unserem großen Hotelzimmerfenster (mit Fliegengitter) auf den Innenhof, der im Sommer traumhaft sein muss.

Pläne für den Tag:
– Cappuccino in Café
– Einkauf jüdische Backwaren
– Sonntagsessen im Gasthaus Stern
– Theaterbesuch im Burgtheater

Am Samstag waren wir auf dem Weg zum Karmelitermarkt in der Leopoldstadt an der jüdischen Bäckerei Ohel vorbeigekommen – natürlich am Sabbat geschlossen. Doch das Angebot sah sehr verlockend aus (Rugelach!), und weil sie sonntags geöffnet ist, war das gestern unser erstes Ziel. Noch erster ein Cappuccino, doch das angesteuerte Café hatte vor lauter Sonntagsfrühstücker*innen keinen Platz. Also wurde es der MacDonald’s im Westbahnhof: Spannende Aussicht, guter Cappuccino, und um uns herum saßen einige interessante Menschengruppen, die auf mich den Eindruck machten, als würden sie sich immer sonntagvormittags hier treffen.

Cappuccino mit Aussicht.

Wenn man im Urlaub die U-Bahn in die falsche Richtung erwischt, macht das gar nichts aus: Mehr Zeit zum Schauen und Entdecken, zum Beispiel sehr lokale Understreetart (später erfuhr ich, dass das Graffiti schon recht lang hier prangt, wird offensichtlich respektiert).

Es war deutlich kälter geworden, der Wind schnitt unangenehm, also nahmen wir eine U-Bahn zum Stephansplatz und spazierten von dort zur Leopoldstadt und zur koscheren Bäckerei. Mittelerfolgreicher Einkauf: Rugelach waren schon aus (man beschied uns, dass die immer besonders schnell weggingen), wir kauften zwei Sorten Hamantaschen und zwei frische Quarktaschen für nach der Theatervorstellung.

Sonntagsbraten im Gasthaus Stern, das uns im August Freunde vorgestellt hatten und das bleibenden Eindruck hinterließ (genau meine aktuelle Lieblingssorte gehobene Küche: Mit Ehrgeiz und Anspruch bei Zutaten und Zubereitung, aber außerhalb der Sternewelt). Die U3 brachte uns praktisch vor die Haustür.

Der Wirtshaus-Gastraum war lebhaft besucht, vor allem von größeren Gruppen, die nach Familien aussahen, angenehme Atmosphäre.

Die Deko im Fenster ist ein Hinweis: Der Stern-Wirt Christian Werner jagt selbst.

Eine Kuriosität hatte ich schon vergessen: Das gesamte Personal trägt graue Hausmeisterkittel.

Kartoffelbrot mit geschlagener Butter, wunderbare Begleitung.

Ich bestellte als Vorspeise die lauwarme Kalbszunge mit Chili und Yuzu: Eine ganz hervorragende Kombination, der zarten Zunge standen sowohl Schärfe als auch Zitrussäure. Gegenüber aß Herr Kaltmamsell Hirn gebacken mit Kaisergranat-Bisque, Haselnuss und Zwetschkenröster – war sehr angetan. Das Glas Wein, das wir uns dazu empfehlen ließen, war ein Grüner Veltliner aus der Wachau, der perfekt passte. (Wasser dazu gleich aus der Leitung angeboten, immer ein riesiger Pluspunkt für ein Lokal.)

Hauptgericht Hirsch, also Cerf de Bourguignon mit Serviettenknödel: Ich hatte im August mitbekommen, dass der Wirt selbst jagt und sein eigenes Wild serviert – das gefiel mir. Und ich liebe Wild. Schmeckte dann auch sehr gut (die Sauce für meinen persönlichen Geschmack vielleicht ein bisschen zu sehr angedickt). Dazu öffnete der Wirt eine Flasche Bordeaux Château Durfort-Vivens (entschuldigte sich, weil sie keinen Burgunder hatten), der mir ausgezeichnet gefiel.

So sehr nämlich, dass ich mir statt Dessert noch ein Glas davon einschenken ließ, während Herr Kaltmamsell ein Gedeck mit Espresso und Crème brûlée orderte. Dann waren wir sehr satt und entspannt.

Auf dem Rückweg hatte ich eine Vision (inspiriert von Wein und Situation) von Herrn Kaltmamsell und mir in der Rente, wie wir in München einen Import von englischem Käse aufziehen. Wenn es Stilton aus handwerklichen Käsereien an Käsetheken zu kaufen gibt, ist ein Import ja grundsätzlich möglich. Ich sah uns bereits
– Neal’s Yard Dairy als Kooperationspartner einholen
– die Münchner Fine-Dining-Gastronomie zu Verkostungsveranstaltungen einladen (mit Neal’s Yard Dairy als Name, der zieht)
– Presse-Infos an Food-Redaktionen aussenden, Verkostung für sie veranstalten (plus englische Weine? die allerdings nur als zusätzliche Kuriosität, sie sind noch lang nicht international konkurrenzfähig)
– parallel Direktkontakte zu britischen Käsereien knüpfen, Modalitäten des Inports recherchieren, uns in den zugehörigen Bürokratie-Dschungel stürzen
– parallel eine Website mit Online-Shop einrichten, auf der es natürlich eine Ecke für englische Küche gäbe
– Kontakt zu britischen und irischen Expats in München knüpfen, vielleicht ist ja jemand mit Käse-Hintergrund dabei?
– ein Ladengeschäft suchen.
Nichts davon ist realistisch, nichts davon wird passieren, aber das Ausmalen machte Spaß.

Ich wollte gern in Wien ins Theater, und weil ich erstmal die Sehenswürdigkeiten von Weltruhm abhaken wollte, bevor ich mich ernsthaft mit der Wiener Theaterwelt befasste, hatte ich das Programm von Burgtheater und Theater in der Josefstadt nachgeschlagen. In unsere Pläne passte am besten die gestrige Vorstellung von Brechts Herr Puntila und sein Knecht Matti im Burgtheater. Bei der Platzwahl fühlte ich mich überfordert von all den Rängen und Logen, und weil fast exakt mein Platz im Kammerspielabo im Parkett noch zu haben war, nahm ich halt den und den daneben – ähnliche Rahmenbedingungen für besseren Vergleich.

Die Sonntagsvorstellung begann auch hier um 18:30 Uhr angenehm früh, eine Trambahn brachte uns zum prächtigen Gebäude des Burgtheaters.

Wir hatten reichlich Zeit, uns in den Gängen umzusehen, die Gemälde und Büsten verblichener Angestellter der Burg zu betrachten, im Zuschauerraum peinlicherweise erst mal die falschen Plätze zu besetzen (es gab zwei Reihen 4) und auch dort viel um uns zu schauen.

Die Inszenierung selbst – war nicht so mein Fall. Ich sah puren Klamauk und Durcheinander um ein Thema, das ohnehin andere Dramen viel greifbarer verarbeiteten und das hier mit dem Alkoholismus eher psychologisiert wird, als das Klassen-Problem zu verdeutlichen. Beeindruckend für mich die gemalten Hintergründe und wechelnden schematischen Hütten des Bühnenbilds (Matthias Koch), und unter den Darsteller*innen allen voran Marie-Luise Stockinger, die Puntilas Tochter Eva zwischen Potscherl, Wohlstandsverwahrloster und Leidenschaft schwanken ließ. Aber! Ich langweilte mich in den drei Stunden der Inszenierung keine Sekunde lang, und die Kühe/Bauernhoftiere, als die alle Darsteller*innen gleich zu Anfang auf der Bühne herumstanden, mochte ich sehr. Wichtiger Nachtrag: Lob den wirklich bequemen Sesseln.

In der Pause Gebäudebewunderung.

Weil die Tram gerade wegfuhr, brachte uns eine U-Bahn zurück zum Hotel. Richtigen Abendessenshunger hatten wir nicht, ich aß einen Apfel und die Ohel-Quarktasche (sehr gut!).

§

Was ich an der Süddeutschen unter anderem schätze: Dass sie mir immer wieder Themen nahebringt, die ich nicht auf dem Schirm hatte. Von “habe ich noch nie drüber nachgedacht” bis zu “stimmt eigentlich”. Zu Letzterem gehört eine detaillierte Übersicht, dass die USA mehr militärische Stützpunkte im Ausland unterhält als alle anderen Nationen zusammengezählt und insgesamt 180.000 US-Soldaten außerhalb der USA stationiert sind. Plus historische Herleitung. Alles keine Enthüllung, doch ein krasser Gegensatz zu den Erzählungen über Bedrohtheit des aktuellen Trump-Regimes (€):
“US-Militärbasen
Weltmacht, noch immer”.