Essen & Trinken

Journal Freitag, 16. November 2018 – Es wird kälter

Samstag, 17. November 2018

Ein weiterer Tag ohne Frühsport. Dunstiger Fußmarsch in die Arbeit.

Nach Feierabend waren die Temperature merklich niedriger geworden, ich hätte Mütze und Handschuhe gut vertragen. Ein paar Einkäufe beim Edeka (Zucker, Puderzucker), damit ich am Samstag auch wirklich die erste Runde Stollen, nämmlich die für die italienische Verwandtschaft, backen konnte.

Herr Kaltmamsell hatte schon vor Tagen angekündigt, dass er Rinderzunge zubereiten wollte, und zwar in der klassischen Servierform meiner Familie: mit Lauchsoße und Kartoffelpüree. Um die Kartoffeln und den Lauch aus unserem Ernteanteil aufzubrauchen. Meine Mutter kauft dafür immer eine gepökelte und geräucherte Zunge – die selten zu finden ist, selbst meine Mutter kauft sie einfach immer, wenn sie eine sieht und friert sie ein. Herr Kaltmamsell bekam bei unseren Nachbarschaftsmetzger Schlagbauer auf dem Viktualienmarkt nur eine gepökelte. Aber auch die gelang ihm ganz ausgezeichnet: mild und superzart.

Bevor wir ins Fresskoma fielen (ich hatte auch noch zum Nachtisch Apple Crumble aus Schwägerinnenäpfeln gebacken), holten wir die Pflanzenkübel vom Balkon: Für die nächsten Tage ist dann doch der erste Bodenfrost angesagt, und sowohl Herr Kaltmamsell als auch ich werden auf Dienstreisen sein.

Journal Montag, 12. November 2018 – Bonbonschwein

Dienstag, 13. November 2018

Seit Tagen höre ich Amselkrawall, auch schon morgens um 4 Uhr. Beim ersten Mal dachte ich noch an Greifvogelbesuch, denn dieses Amselgezeter kannte ich nur als Warnlaut. Am zweiten Frühestmorgen spekulierte ich eher über Katzenbesuch. Doch gestern beim Aufenthalt in Ingolstadt hörte ich auch nachmittags Amselalarm – als praktisch einzige Vogelrufe. Was ist denn da los?

Ruhiges, mildes, meist sonniges Wetter, ganz und gar nicht novembrig.

Es wurde ein langer Arbeitstag.

Auf dem Heimweg warf ich einen vielleicht schicksalhaften Brief bei der Hausverwaltung ein (nur ein paar Häuser von der Arbeit entfernt) und kaufte ein wenig Brotzeit für Dienstag und Mittwoch ein (Paprika, Gurken).

Kürzlich hatte ich Herrn Kaltmamsell den Link zu diesem Candy Pork geschickt, gestern setzte er das Rezept um. Ich machte uns aus Restsahne Cocktails zur letzten Kochphase: Brandy Alexander.

Das süß-scharfe Schwein (frische Chilis aus Ernteanteil) schmeckte ausgezeichnet. Herr Kaltmamsell servierte es mit peruanischem Riesenmais (maiz mote), den er unbedingt mal ausprobieren wollte – auch der schmeckte großartig.

§

Vor 100 Jahren endete der Erste Weltkrieg, der alles änderte. Große Bögen kann man spannen zu Gesellschaft, Kultur, Kunst – und doch besteht Geschicht ja aus einzelnen Menschen. Zum Beispiel aus Crocos Großvater.
„Hundert Jahre“.

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100 Jahre Frauenwahlrecht. Es fällt mir schwer, das zu feiern, weil

Aber es ist großartig, dass jetzt so viel über die Frauen berichtet wird, die das ermöglichten, zum Beispiel über eben diese Marie Juchacz:
„Die Uroma der Demokratie“.

Nach dem Zweiten Weltkrieg war noch viel zu tun: Interview mit der CDU-Politikerin Roswitha Verhülsdonk, 91, über Heiner Geißlers Taschentücher, Helmut Kohls Parteitagsglocke und den Gatten von Marianne Strauß.
„‚Was wollen denn die Mädchen hier im Bauausschuss?'“

Was wollten Sie denn im Bauausschuss?

Zum Beispiel dagegen angehen, dass im sozialen Wohnungsbau maximal 80 Quadratmeter gebaut wurden, nur weil der Bund nicht mehr bezuschusste. Eine Familie mit drei, vier Kindern auf so engem Raum? Nach dem Krieg musste man zusammenrücken, aber jetzt waren wir auf dem Weg in die 70er! Da wollten wir Schwung hineinbringen.

Wie haben Sie sich Gehör verschafft?

Wir trugen unsere Themen vor und stellten Anträge. Die Männer zweifelten. Wir haben gesagt: Dann redet mal zuhause mit euren Frauen darüber, ob das vernünftig ist oder nicht. Und die Ehefrauen haben natürlich gesagt, ja, die Forderung ist richtig. Wir hatten unsere eigenen Wege, die Programmatik der Partei mit unseren Themen anzureichern. Zum Beispiel habe ich mehrfach Marianne Strauß angerufen, wenn wir ihrem Mann etwas beibringen wollten, das er nicht einsehen wollte. Ich kannte sie gut, weil ihre Schwester in Bacharach am Rhein Bürgermeisterin war.

(…)

Franz Josef Strauß und Sie saßen sechs Jahre zusammen im Bundestag. Wie war das?

Ich habe nur ein einziges Mal geheult in meiner Zeit als Politikerin. Das war, als die Unionsfraktion 1980 beschloss, den Strauß als Kanzlerkandidaten zu akzeptieren. Ich bin dann raus aus dem Saal, Heiner Geißler kam hinterher und reichte mir sein Taschentuch. Ich konnte mir nicht vorstellen, jemanden wie Strauß meinen Wählern zu vermitteln.

Er hat sich damals in der Bundestagsfraktion genauso verhalten wie heute Seehofer in der Koalition. Hatte keinen guten Stil, hat immer gedroht.

§

Die schönste Berlinliebe ist die von @katjaberlin, weil sie sich nie rechtfertigt. Nur wer die flächendeckenden Berlin-Hater-Texte kennt (die von innen wie die von außen), kann ihre Besonderheit erkennen.
„Bürgertum, Bohème, Brüder
Das wahre Berlin gibt es nur in der U-Bahn“.

Seit vielen Jahren wohne ich an der U8. Sie ist Berlins Lebensader und einer der wenigen Orte, an denen es ein bisschen nach Weltstadt aussieht. Und riecht. Vielleicht noch nicht an der Lindauer Allee, aber spätestens ab Gesundbrunnen in Richtung Süden. Wenn ich hier einsteige, fühlt es sich an, als würde ich in eine Hochzeitsparty platzen. Die Gäste kommen aus aller Herren Länder, viele haben schon ein bisschen Alkohol intus, und ich bin im Zweifel overdressed.

(…)

Die U8 bietet den perfekten Querschnitt der Stadt mit Reinickendorfer Ur-Berlinern, Gesundbrunnens Diversität, Mitte-Bürgertum, Kreuzberger Bohème sowie Neuköllner Brudis und Schwestis. Eigentlich fehlen nur noch ein paar Zehlendorfer Villenbesitzer, aber dafür liegen zu wenige Tennisplätze an der Strecke.

§

OH! MY! GOD!

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https://youtu.be/zmPkCM1seug

Wie soll ich das bis nächsten Sommer aushalten?!

Journal Sonntag, 11. November 2018 – Martinsgans bei Elterns

Montag, 12. November 2018

Familientag mit Martinsgans. Nach Ausschlafen (nachts mehrfach von Darmschmerzen geweckt) und gemütlichem Morgenkaffee an Blog spazierte ich mit Herrn Kaltmamsell in milder Luft zum Bahnhof und nahm einen Zug nach Ingolstadt.

Dort: Haufenweise liebe Familie sowie köstliche Martinsgans.

Der Dessertlöffel kündigte Zitronencreme zum Nachtisch an.

Plaudereien quer über Ebenen und Themen, grad schön war’s. Und dann gab’s auch noch selbst gemachte Strauben (die ich ebenso wie jeden Alkohol mal lieber ausließ).

Ich erfuhr im Detail, wie aufwändig heutzutage Abiturfeiern sind – und verstehe langsam, woher der Aufwand zeitgenössischer Hochzeiten kommt, wenn die Feier des ersten Schulabschlusses getoppt werden muss.

Reichlich Geschenke aus Schwägerinnen- und Elterngarten, die ich daheim nach Spielanleitung der Schwägerin auspackte.

Walnüsse, frisch geerntet: Die sollte ich im Warmen trocknen, damit sie nicht schimmlig werden.

Boskopäpfel: „Die halten bis März.“ Erst mal in einer Papiertüte auf den Balkon – unser Keller ist ziemlich warm.

Glockenäpfel („Je weicher und rotbackiger, desto schneller essen.“) und „Sind zwar ein bisschen schrumplig, geben aber super Apfelmus“-Äpfel für gleich. Der Glockenapfel zum Abendbrot war schonmal köstlich.

Und dann die wunderbaren Haselnüsse von meinen Eltern.

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Fotografin Smilla Dankert hat ihr Blog reaktiviert und zeigt Südafrika-Urlaubsbilder von vor zwei Jahren – in ihrem unverwechselbarem Stil:
„Neulich vor zwei Jahren“.

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Vivian Maiers Fotos hören nicht auf mich zu phaszinieren. Der New Yorker stellt einen neuen Bildband mit ihren Farbfotos vor:
„What Vivian Maier Saw in Color“.

Journal Freitag, 9. November 2018 – Ein fleischiges Kochbuch vorgekocht

Samstag, 10. November 2018

So viel beschäftigt und unterwegs war ich doch eigentlich nicht, und so wenig Schlaf war das wirklich nicht (halt die eine oder andere Nacht mit sieben statt knapp acht Stunden) – aber gestern fühlte mich derart bis in Knochen erschöpft, als hätte ich eine brutale Arbeitswoche plus durchfeierte Nächte hinter mir, mein Kopf war migränoid schmerzhaft und benommen. Wahrscheinlich dann doch irgendein Infekt, der weiterhin bekämpft wird. Auf dem Heimweg machte dann auch der Kreislauf Sperenzchen mit Schwindel und Schweißausbruch inklusive Frösteln, ich war sehr froh, dass ich mich vor dem Abendtermin noch ein halbes Stündchen hinlegen konnte – und auch sofort einschlief.

Den Abend hatte ich bereits vor vielen Wochen gebucht, denn:
Bei einem meiner seltenen Facebook-Besuche sah ich, dass Foodbloggerin Petra Hammerstein (Blog: Der Mut anderer) endlich ein Kochbuch veröffentlicht, und zwar zu ihrer Kernkompetenz Fleisch. Es heißt Zart und saftig, und darin schreibt Petra über die heutzutage selten verwendeten Fleischschnitte, inspiriert von den alten Kochbüchern ihres Antiquariats und der eigenen Familientradition. Es ist nach Tierarten aufgeteilt und enthält neben Rezepten Warenkunde und Einkaufstipps.

Nachdem Herr Kaltmamsell in den vergangenen Monaten vermehrt mit ausgefallenen Fleischstücken experimentiert hatte (sogar irgendwann fallen ließ, Teile wie Entrecôte finde er mittlerweile langweilig – mein entgeisterter Blick ließ ihn aber versichern, mir brate er selbstverständlich auch weiterhin eines), dachte ich bei dem Buch sofort an ihn. Und als ich entdeckte, dass Petra einige Rezepte daraus an einem Supper-Club-Abend servieren würde, buchte ich umgehend.

Die Location kannte ich bislang nicht, den Meatingraum im Westend. Und ich hatte mich durchaus gefragt, wo das denn sein soll, denn die Gollierstraße gehe ich auf meinem Heimweg von der Arbeit regelmäßig entlang. Doch der Raum ist mit seinen sicher sieben Metern Fensterfront abends durchaus sichtbar, nämlich wenn er erleuchtet ist.

Gestern Abend waren alle 22 Plätze besetzt, und es gab neben dem Menü, das Petra mit dem Meatingraum-Chef Marc Christian gekocht hatte, interessante Weinbegleitung: Kathrin Kohl vom Weinladen 225 Liter hatte Raritäten zusammengestellt, die sie beim Einschenken ausführlich erklärte.

Und so gab es gestern neben neuen Bekanntschaften am Tisch samt interessanten Gesprächen:

Als Aperitif einen PetNat „Ungezogen“ vom Weingut Schnitt nach méthode ancestrale, der mir dann doch ein bissl zu bittersauermostig schmeckte.

VitelloNoTonnato: Sous-vide-Tafelspitz mit einer Soße aus bayrischem Räucherfisch, frittierte Kapernäpfel mit Limettenmayo und Habanerohauch – eine sehr schöne, leichtere Variante des Klassikers. Im Glas einen fränkischen Auxerrois, der mit etwas Wärme schön vielfältig passte.

Tryptichon von Ox und Alk: Consommé als Shot mit Sherry, Ragout mit Madeira auf Röstbrot, Portwein-Sülze – der Ochsenschwanz schmeckte so schön aromatisch, dass ich mir sofort Wiederkochen vornahm. Die Weinbegleitung war meine Entdeckung des Abends: Ein Winzerwermuth vom Silvaner, Vogel, Franken. Eher auf der süßen Seite passte er nicht nur hervorragend, sondern war die Variante, die mir in der neuen Wermuth-Bewegung bislang am besten schmeckte, weil am ungewöhnlichsten. (Vielleicht sollte ich erklären, dass ich aus einer Wermuth-Familie komme: Der spanische Einfluss durch meinen Madrider Vater machte bei uns daheim Wermuth zum Standard-Aperitiv.)

Versaut von Kopf bis Bauch: Bäckchen in Safran, Schmorzwiebeln, Graupenrisotto, Sous-vide-Bauch mit Orange und Miso – die Orangennote machte sich ganz ausgezeichnet. Im Glas ein Württemberger Lemberger, der wieder ganz schön rass war, den ich mir mit seiner starken Säure gut zu einem Rote-Bete-Gericht vorstellen konnte.

Hello China: Geschmorte Rinderwade aus Shanghai mit verprügelten Szechuan-Gurken, Koriander-Eier-Reis, Röstsesam – umgehender Nachkoch-Auftrag für das Fleisch an Herrn Kaltmamsell, die geprügelten Gurken kannte ich bereits vom Uiguren und genoss sie sehr, der Reisbrei war eine schöne Beilage. Beim Wein kam ich ganz auf meine Kosten: ein sardischer Musso, Vignaioli Contrà Soarda erinnerte mich daran, dass ich sardische Weine mit ihrer Kraft und der vulkanischen Note besonders mag.

Dessert: BEIDES!! Käse und WasSüßes, harmonisch vereint – Milder Ziegenkäse mit Thymian-Honig und Mandel-Chili-Krokant, Feigen-Apfel-Tarte mit Roquefort und Pflaumen-Zwiebel-Marmelade. Passte alles wunderbar zusammen, der süße Blaufränkisch Syss vom Neusiedler See war die Wucht.

Während mein Organismus wie immer auch bei Erschöpfung in abendlicher Gesellschaft nochmal alles zusammenkrazte, kämpfte Herr Kaltmamsell schon sehr mit seiner nicht minder großen Erschöpfung. Nach dem Essen plauderte ich noch ein wenig mit Petra, ließ mir ein Exemplar ihres Buches signieren, dann gingen wir eher schneller nach Hause.

§

Weiteres Nachdenken über die Bürgerversammlung: Mir war aufgefallen, wie verschieden die Anliegen formuliert und präsentiert wurden, viele davon naturgemäß ganz unprofessionell, es handelte sich ja um ganz normale Mitbürger. Zum Beispiel mit offensichtlicher Leidenschaft – aber genau deshalb mit komplett irrelevanten Argumenten, die vom eigentlichen Anliegen nicht nur ablenkten, sondern manchmal sogar abschreckten. Oder weitschweifend in Klagestimme. Oder mit Nachtarock bei der Rückkehr zum Stuhl: „Oh, das habe ich noch vergessen!“ Genau so muss das.

§

9. November – man weiß gar nicht wohin vor lauter Gedenken. Für mich werden im Vordergrund immer die anti-jüdischen Pogrome von 1938 stehen. Zumal bis heute wir, die Täterseite, darauf beharren zu bestimmen, wie das Gedenken auszusehen hat.

Wie weit das geht, wurde mir erst kürzlich klarer, als ich nämlich im Blog von Richard C. Schneider las, dass die neue Synagoge in München, über die ich mich so gefreut hatte, keineswegs der Wunsch der jüdischen Gemeinde gewesen war: Sie hatte ein Gemeindezentrum gebraucht, das bekam sie nur in Kombination mit einer Synagoge. Und musste dafür den Gedenkstein am Platz der 1938 zerstörten Synagoge aufgeben:
„Die Funktion der Juden in Deutschland / Teil 2“.

Es lohnt sich anzusehen, wie die Opferseite der Shoah gedenkt, alljährlich:
In Israel heulen am Jom haScho’a im gesamten Land um 10 Uhr für zwei Minuten die Sirenen.

§

Nach all der Erschöpfung und Aufregung ein wenig Soothing Eye Candy: Nach der Kür des sexiest man alive (Idris Elba, keine Einsprüche) suchte ein Twitter-Faden den
Sexiest Man Dead.

via @isabo_, eingeführt mit: „Gute Güte, was für ein Thread. Mein Riechsalz!“

Journal Sonntag, 4. November 2018 – The Children Act

Montag, 5. November 2018

Endlich mal wieder im Kino, wohlbekanntes Gefühl des Heimkommens in eine ganz spezielle Geborgenheit – und das, obwohl ich in diesem Kino, dem neuen Metropol, vorher noch nie gewesen war.

Nach einer ausführlichen Runde Crosstrainer und neuem Rumpfprogramm nahm ich eine Tram nach Schwabing, um The Children Act anzusehen, die letzte Möglichkeit. Der Roman hatte mir nur so mittel gefallen, zumal ich auf Ian McEwans Trick hereingefallen war zu behaupten, das Ganze beruhe auf einer wahren Geschichte (tut es nicht). Doch die zentrale Figur der britischen Richterin war mir sehr lebendig im Gedächtnis geblieben, und da sie auch noch von der verlässlich sensationellen Emma Thompson gespielt wird, wollte ich die Verfilmung unbedingt sehen. Vor allem wegen Thompson gefiel sie mir dann auch sehr gut.

Das Drehbuch (auch von Ian McEwan) konzentriert sich noch mehr auf den zentralen Charakter der Richterin Fiona May und arbeitet ihre Konflikte heraus – auch wenn sie nur unausgesprochen in der Richterin stattfinden. Im Roman wird das seltsam altertümliche britische Richtersystem ausführlich erklärt; das hätte den Film natürlich viel zu sehr aufgehalten, deshalb wird es nur durch bildliche Betonung von Details wie Kleidung, Räumlichkeiten gezeigt. Und indem der clerk der Richterin sichtbarer ist als im Buch – der Umgang mit ihm dient auch ihrer Charakterzeichnung.

Die Filmrezensionen sind gemischt, unter anderem bezeichnen viele die Hauptgeschichte und die Ehe der Richterin als unglaubwürdig. Während ich ersteres noch nachvollziehen kann, fand ich die langjährige, entfremdete Partnerschaft sehr realistisch erzählt.

Obwohl die Geschichte durchwegs ernst ist (sogar die leichteren Momente durch die melancholische Filmmusik von Stephen Warbeck gefärbt), bekommen wir vom Drehbuch den einen oder anderen Lächler, an einer Stelle sogar einen lauten Lacher. Fiona fragt ihren clerk (aus dem Gedächtnis zitiert): „Have you ever been wild and free?“ Und die treue Seele antwortet nach einem Moment des Verdutztseins: „No. Thank God. I’d be hopeless about it.“ (So geht’s mir auch.)

Den liebenden und verletzten Ehemann spielte berührend Stanley Tucci – wieder, ich dachte sofort an die ähnliche Rolle in Julia & Julia. Und ich genoss es, Emma Thompson zwei Stunden lang anzusehen, mit jeder Falte, jeder Runzel – ich freue mich so, dass sie sichtbar altern darf. Ich weiß ja, dass viele Schauspielerinnen schlicht nicht umhin kommen, dem äußeren Altern chirurgisch Einhalt zu gebieten – aber irgendwer muss doch auch die schönen alternden und alten Frauen spielen (die hoffentlich häufiger werden im Kino). Sollen Laura Dern, Darryl Hannah, Gillian Anderson, Michelle Pfeiffer von mir aus 30 Jahre lang wie Mitte 30 aussehen – aber ich freue mich über jemanden wie Judi Dench, Maggie Smith, Helen Mirren, die alle großartig aussehen, lediglich nicht jung.

Daheim war während meiner Abwesenheit Herr Kaltmamsell von seiner Rollenspiel-Mission zurückgekehrt, lebendig. Ich wusch gleich mal eine Maschine blutgetränkte Schlachtkleidung, las Internet und Zeitung.

Das Abendessen durfte ich verantworten, ich machte nach Langem mal wieder die Meatball Sandwiches von David Lebovitz. Das Brot dafür hatte ich auf dem Heimweg vom Kino bei einem Bäcker im Hauptbahnhof besorgt – es ist wirklich praktisch, im Inneren einer Großstadt zu wohnen.

Während nach dem Essen der interessant erzählte Tatort „Der Mann, der lügt“ lief (weil ganz am Hauptverdächtigen dran, wir erfuhren die Hintergründe nur in dem Maß, in dem dieser Verdächtige mitbekommt, was die Ermittler gerade wissen), räumte und sortierte ich Wohnung, bereitete den ersten Arbeitstag nach Pause vor, fühlte mich gehetzt.

Bücher-Challenge, Tag 2,5 (7 Tage, 7 Cover, 7 Namen, keine Begründungen): Fanny Burney, Evelina.

§

Im Freitag schreibt Elsa Koester über:
„Rudel der Schuhgucker
Das Patriarchat unterdrückt auch Männer. Aber warum wehren sie sich nicht?“

via @journelle

Viele Männer leiden unter dem Patriarchat, können sich Feministinnen nicht mit ihnen verbünden? Sich solidarisieren? Erstaunlicherweise sind die meisten von ihnen außer Stande, etwas gegen dieses System zu unternehmen, das in der Lage ist, einen Wagen von 20 Personen unter die Kontrolle eines Angetrunkenen zu bringen. Es gibt nur eine Situation, in der diese Männer Kritik am Patriarchat äußern: nämlich dann, wenn Frauen sie dafür kritisieren, mitzumachen. „Halt, wir sind gar nicht alle Täter!“, protestieren sie dann, „wir leiden ja auch unter den bösen Patriarchen! Vielleicht sogar mehr als Frauen“.

Journal Freitag, 2. November 2018 – Schwimmen und Kochen an St. Brück

Samstag, 3. November 2018

Am zweiten Tag des langen Allerheiligenwochenendes früh aufgewacht, aber frisch und erholt.

Bettwäsche gewaschen und gebloggt, bis es Zeit war, zum Schwimmen zu radeln (Olympiabad wird immer noch renoviert, das Trainingsbecken steht erst ab 10 Uhr der Öffentlichkeit zur Verfügung) – ich war sehr froh, dass mich diesmal nicht im letzten Moment die Unlust daheim blieben ließ.

Das Wetter grau und trocken, meinen empfindlichen Öhrchen gönnte ich eine leichte Mütze.

Vorher-Foto.

Das Schwimmen konnte ich genießen, zum Glück bedeuteten die vielen Fahrräder vor der Schwimmhalle nicht ein vollbesetztes Becken. Die ersten 1000 Meter sagte ich mir immer wieder vor, dass ich auch einfach mal nur 2000 Meter schwimmen konnte. Es wurden dann doch die üblichen 3000, mühelos und schmerzfrei.

Nachher-Foto.

Zu Frühstücken radelte ich ins Café Puck, las Zeitung.

Daheim Sporttasche ausgepackt, Wäsche versorgt. Einkaufsrunde fürs Wochenendessen.

Diese Einkäufe benötigte ich unter anderem, um die beiden kleinen Blaukraut-Köpfe aus Ernteanteil anzusetzen (bewährtes Rezept von Petra). Die Trockenheit dieses Jahr hat das Blaukraut nicht größer werden lassen, der Begleitbrief zur dieswöchigen Kiste bereitete uns Kartoffelkombinatmitglieder darauf vor, dass auch insgesamt die Ernte deshalb geringer ausfallen wird. (Aber die Kartoffelernte habe den geplanten Umfang erreicht.)

Auf Facebook war ich zur Teilnahme an einer Buch-Challenge eingeladen worden: 7 Tage, 7 Cover, 7 Namen, keine Begründungen. Ich sprang sofort darauf an (BÜCHER!), das erste stand auch sofort fest.

Doch als ich anfing, über die weiteren sechs nachzudenken, unsere Buchregale abzugehen, begann ich langsam zu verzweifeln: Nur sieben?! In meinem Leben habe ich bislang – grob überschlagen – 3.000 Bücher gelesen, von denen viele Spuren hinterlassen haben, von denen viele auch aus extrinsischen Gründen Meilensteine waren. Wie soll ich mich auf sieben davon beschränken? Viel kompatibler mit echten Viellesern und inspirierender war da 2010 diese Liste mit 31 Fragen zu Büchern, die ich hier im Blog abarbeitete.

Zum Abendessen verwertete ich die zweite Hälfte Zuckerhut, diesmal gebraten und in Curry-Sahne mit gekochten Kartoffeln. Letztere erwiesen sich als sensationell aromatisch: Die Sorte Allians scheckt intensiv nach Acker.

§

Andrea Diener war für die FAZ auf Kreuzfahrt. Ergebnis ist ein Reisebericht, wie ich ihn gerne lese (anders als sonst die Artikel in Reisespecials):
„Hinter dem Horizont“.

Journal Donnerstag, 1. November 2018 – Allein gegen den Ernteanteil

Freitag, 2. November 2018

Ausgeschlafen, auch nach neun Stunden aber nicht wirklich wach und munter gewesen.

Vormittags verabschiedete ich Herrn Kaltmamsell, der auch dieses Jahr die Allerheiligentage beim Rollenspielen verbringt und mich verwitwet. Doch auch für mich wargaming widow stellte seine Nerd-Literatur Hilfe bereit (wenn Sie in Ihrem Browser die Ansicht größer stellen, ist der Ausschnitt leichter lesbar):

(Natürlich würde mich jetzt die Fassung eines LARP-Witwers interessieren.)

Über den Südfriedhof ging ich an die Isar zu einem Lauf unter buntem Himmel.

Vor dem Eingang zum Tierpark Hellabrunn standen die Menschen (viele, viele Kinderwagen) bis kurz vor die Thalkirchner Brücke.

Auf dem Rückweg kaufte ich Semmeln. Wegen der Abwesenheit von Herrn Kaltmamsell holte ich den Ernteanteil ab, wegen Feiertag aber nicht am gewohnten Ort, sondern an einem anderen Verteilerpunkt im Westend. Noch beim Laufen hatte ich beschlossen, bereits vor Duschen und Frühstück dorthin zu radeln – die Abholzeit begann um 11 Uhr, weshalb ich unsicher war, wie früh man erwartet wurde. War ich beim letzten Ernteanteilabholdienst noch stolz gewesen, dass ich an die leere Kiste zum Zurückgeben gedacht hatte, fiel sie mir diesmal wieder erst angesichts der Kistenstapel am Verteilerpunkt ein.

Ich klemmte die Kiste schräg in meinen Fahrradkorb, so konnte ich heimradeln – auch wenn ich dabei mangels Platz auf Sattel fast stand. Daheim verräumte ich den Kisteninhalt: So sah er diesmal aus – nur dass statt des Salatkopfs ein monströser Zuckerhut dabei war, an dem selbst ich Supersalatesserin zweimal etwas haben werde.

Das Blaukraut wird zur Gänsebeilage gekocht und eingefroren, aus Sellerie und Kartoffeln plane ich eine Suppe, Radieserln und Äpfel müssen irgendwie nebenher weggehen, der Kürbis hält sich gut bis nächste Woche.

Wegen großen Hungers frühstückte ich ungeduscht. Dann ausführliches Vollbad, Zehennägel lackiert.

Nachdem mir Frau Brüllen letzthin immer wieder davon vorschwärmte, machte ich sie endlich mal wieder selbst: Earl-Grey-Quitten, allerdings nur die halbe Portion.

Nachmittags aß ich den ersten richtig reifen Granatapfel der Saison und genoss ihn so sehr, dass Granatapfel erst mal auf Platz 2 meines Lieblingsobsts nach Erdbeeren kommt. Zum Abendessen eine riesige Schüssel Zuckerhut mit Mandarinen-Tahini-Dressing (nicht süß genug, ich half mit Balsamico-Creme nach).

Den ganzen Tag war ich sehr, sehr müde, hatte immer wieder Kopfwehüberfälle, wollte aber lieber keine Tablette nehmen, weil dazu Darmkrämpfe kamen – ich hatte mal wieder der Verdacht, dass der Körper gerade von einem Infekt angegriffen wird und mit Abwehr beschäftigt ist.

Viel im Galbraith-Krimi gelesen, der mir wie der erste Teil sehr gut gefällt – weniger wegen des aufzuklärenden Mordfalls, sondern wegen der ermittelnden Hauptfiguren: Von Anfang an mochte ich die Assistentin Robin, mit der eine sehr realistische junge Frau im Berufsleben gezeichnet wird (eben hat sie sich als ausgezeichnete Autofahrerin erwiesen und ihrem Chef das Leben gerettet), im Konflikt zwischen ehrgeiziger beruflicher Leidenschaft und einem Partner, der dafür kein Verständnis hat. Und während bei Privatdetektiv Cormoran Strike von Anfang klar ist, dass er eine aufregende und bunte Vergangenheit hat (die ihn durchaus belastet), scheint immer wieder durch, dass die von Robin wahrscheinlich nicht ganz so konventionell ist, wie man erst mal annimmt.

Ich genoss es, nach Langem mal wieder so richtig in einem Buch Urlaub zu machen.

§

Immer mit denen reden, um die’s geht, gell? Margarete Stokowski wird deshalb in tip Berlin vom Patriarchat interviewt, erste Frage: „Warum hassen Sie mich so?“
„Ein Jahr #Metoo-Debatte
Margarete Stokowski: ‚Das Patriarchat ist eine alte, eklige Tradition'“.

§

Dann genehmige ich mir halt doch ein wenig Merkel-Wehmut. Nie vergessen ihr Anfang als Kanzlerin, ihr Wahlsieg gegen Schröder. Wie da am Wahlabend im Fernsehstudio ein selbstherrlicher Testosteronbatzen den Anschluss zur Realität verloren hatte, daneben Frau Merkel mit diesem ruhigen und leicht amüsierten Gesichtsausdruck, den ich in den Folgejahren als für sie typisch lernte. Dass sie sich nie ein Pokerface antrainierte, mochte ich ganz besonders an ihr.

Denn dass sie durchaus zu professioneller Anpassung bereit war, sah ich an ihrem Äußeren. An der jungen Angela Merkel war zu beobachten, wie egal ihr ihr Aussehen war, doch sie ließ sich zu der Uniform beraten, die wir seit fast genau 15 Jahren an ihr kennen.

Dazu kommt: Alles, was ich von persönlichem Umgang mit ihr gehört habe, bestätigte meine Sympathie. Wie schlau und schnell im Kopf, wie aufmerksam und schlagfertig sie tatsächlich ist, ließ sie wohl nur in kleinem Kreis raus – auch das wahrscheinlich kluges Verhalten. Und ich denke an ihr übermenschliches Arbeitspensum: In derselben Tagesschau tauchte sie regelmäßig zu drei verschiedenen Themen an drei sehr weit voneinander entfernten Orten auf – an allen gleich alert. (Dass die Frau praktisch keinen Schlaf brauchte, wussten Verhandlungsgegner zu fürchten.)

Die Ostdeutsche Jana Hensel zieht in der Zeit eine persönliche Bilanz:
„Mein Angela-Merkel-Gefühl“.

Plötzlich wird der Abschied von der Kanzlerin real. Für unsere Autorin ist das eine Zäsur, auch im eigenen Leben.

(Selbst habe ich sie natürlich nie gewählt – als Bayerin konnte ich das ja nicht.)


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