Essen & Trinken

Journal Sonntag, 31. Mai 2020 – Zu kühl für draußen

Montag, 1. Juni 2020

Wieder sehr gut ausgeschlafen.

Teig für das 7-Pfünder-Brot gekneten. (Das Sauerteig-Anstellgut hatte so lange ungefüttert im Kühlschrank gestanden, dass ich es zweimal auffrischen musste, bis es ausreichend treibstark wurde.)

Während ich ausführlich bloggte, klingelte mein Mobiltelefon (zur Erinnerung: Mein Telefon klingelt durchschnittlich einmal im Monat, meist weil ich eine beauftragte Ware irgendwo abholen kann oder sich ein Arzt-/Friseurtermin verschiebt, private Anrufe sind davon ca. 20 Prozent): Völlig überraschend meldete sich meine Freundin in Nordengland. Wir tauschten uns zur SITUATION aus, Arbeitsleben, Familie, sonstige Gesundheit, aber auch Wetter (in Nordengland mit Regenfluten im Februar und Dürre seit Anfang März).

Der Brotteig bekam dadurch doppelt so lange Stockgare, doch das Telefonat war mir wichtiger – allerdings beendete ich es tatsächlich mit der Begründung „I got some bread dough proofing“ und wurde aufgefordert, dann aber bitte auch Fotos vom Ergebnis zu schicken.

Ich verkürzte die Stückgare, das Ergebnis war dann völlig in Ordnung:

Während das Brot im Ofen war, machte ich ausführlich Gymnastik und strampelte auf dem Crosstrainer. Zum Frühstück föhnte Herr Kaltmamsell panierten Tofu im Air Fryer, es gab ihn mit süß-scharfer Soße aus der Flasche. Außerdem Obst und Haselnusskuchen.

Vielen Dank für Ihre Hinweise auf das klassische Dr.-Oetker-Rezept! Stellt sich heraus: Das verwendete ist genau dieses, nur halt mit 100 Gramm Schokolade zwischen den Teighälften.

Von oben war es nachmittags bis tief in die Nacht laut, Nachbars hatten wohl die erste große Feier seit Ausgangsbeschränkung. Das hieß am Ende des Tages (also dem echten, abends): Schlaf nur mit geschlossenen Fenstern und Ohorpax möglich.

Am späteren Nachmittag ausführliches Videotelefonat mit den Schwiegers, allen geht es gut. Wir verabredeten uns in Echt für das nächste Wochenende.

Den ganzen Tag über war Remmidemmi am Meisenknödel: Meisen, Buchfinke, Spechte, Kleiber, Tauben, ich sah immer wieder lange zu. Am Wasserschälchen wurde auch getrunken: Anscheinend picken alle Vögelchen das Wasser tropfenweise auf, nur die Tauben hängen sich sekundenlang rein – bei einer begann ich bereits zu fürchten, sie wolle sich ertränken.

Ich überlegte, ob ich nicht doch raus wollte, es war trocken und nicht zu düster. Doch die Luft blieb sehr kühl, ich las in Wolljacke und mit zwei paar Socken, also beschloss ich, dass sich das Wetter erst noch ein bisschen mehr anstrengen muss.

Das Abendessen bauten wir um das frische Brot: Es gab dazu gesalzene Butter, Käse, Räucherlachs, Karottensalat, zum Nachtisch Schokolade. Als Abendunterhaltung im Fernsehen O Brother, Where Art Thou – während ich den Sountrack komplett mitsingen kann (der wohl schon vor dem ersten Drehtag stand), hatte ich den Film selbst nur seinerzeit (oh Gott, schon wieder 20 Jahre her) im Kino gesehen. Ich wurde daran erinnert, wie attraktiv ich es finde, wenn ein schöner Mann kein Problem damit hat, sich komplett zum Hirschen zu machen (siehe Cary Grant und hier George Clooney, der wirklich sensationell blöd schauen kann).

§

Formschub bloggt über seinen Einrichtungs-Farbfimmel und den beeindruckenden Klopapierfimmel von Juli Gudehus.
„Fimmel“.

Journal Freitag, 29. Mai 2020 – Bahnhofsviertelliebe

Samstag, 30. Mai 2020

Gestern Morgen gab’s wieder ein halbes Stündchen Crosstrainern, hätte gerne mehr sein können. Es blieb kühl und grau, ich griff wieder zu Winterkleidung, um im Büro nicht zu frieren.

Auf dem Weg ins Büro stieg ich beim Bäcker Zöttl im Westend ab, um mir ein Laugenzöpferl zu holen. Beim Schlangestehen vor dem Eingang (Abstandsgebot verlängert Schlangen extrem) sah ich den Mauerseglern zu, die in großer Zahl zu und von ihren Nestern unter den Hausdächern flitzten.

In der Arbeit reichlich Arbeit, von der einige einen Grad an Konzentration erforderte, der mir an einem Freitagnachmittag nur mit größere Mühe möglich ist. Außerdem zeichnete sich ab, dass die nächste Arbeitswoche besonders unangenehm wird.

Mittags das Zöpferl und Quark mit Aprikosen. Weiterhin kein Signal, ob und wann die stufenweise Rückkehr zu Präsenzarbeit die Wiedereröffnung der Cafeteria ermöglicht.

Auf dem Heimweg holte ich erst ein Packerl an einer DPD-Station in einem der herrlich höhlenartigen IT-Schrauberläden in der Schillerstraße ab, dann schlängelte ich mich durch die vielen Baustellen zum Süpermarket Verdi für den ersten Einkauf dort sein Monaten (es war mir dort in der SITUATION zu eng und voll). Auf den Lebensadern des südlichen Bahnhofsviertels Goethe-, Landwehr- und Schillerstraße wuselte das bunte Leben in Dutzenden Sprachen und Herkunftskulturen – ich hatte die Gegend Münchens, in der ich lebe, ganz arg lieb.

Abendessen war nach einem Gin Tonic zum einen der Liebling Artischocken mit Aioli, zum anderen ein Abenteuer: Wir haben einen neuen Hausgefährten, einen Air Fryer. Frittieren musste der sehr abenteuerlustige Koch Herr Kaltmamsell als Zubereitungsart bislang auslassen, denn eine Fritteuse wäre dann doch ein zu selten genutztes Gerät, zudem scheuten wir Ölverbrauch und Geruchsentwicklung. Doch dann entdeckten wir hymnische Berichte vom Air Frying mit ganz wenig Öl, überzeugenden Frittierergebnissen, zudem fiel uns eine Verstauungsmöglichkeit des Viechs ein. Gestern gab es als erstes Produkt daraus Pommes.

Vielleicht ein bisschen zu lange gebacken, aber sie schmeckten eher wie aus dem Backofen als aus der Fritteuse (Herr Kaltmamsell spricht seither von „geföhnte Pommes“).

§

Warum hat COVID-19 Italien besonders schwer erwischt und da vor allem die Lombardei? Kurzfassung der Antwort aus einer Analyse von n-tv: Das Gesundheitssystem, profitorientiert und korrupt.
„Klinik-System und Lega-Politiker
Italiens Corona-Katastrophe hat Verantwortliche“.

via @goncourt

§

Die wundervolle Judi Dench ist mit 85 das älteste Cover-Modell der britischen Vogue geworden. Wundert mich überhaupt nicht: Ich dachte schon vor 15 Jahren erst „wenn ich mal so alt bin, will ich so großartig aussehen“, um sofort zu erkennen „ach was, ich will jetzt so großartig aussehen“. Neben Fotos gibt es ein hinreißendes und ausführliches Portrait von Dame Judi, inklusive Links auf sehenswerte Bilderstrecken:
„The Judi Dench Interview: ‚Retirement? Wash Your Mouth Out'“.

§

Dr. Julia Riede ist Physikerin, die derzeit auf medizinische Frau Doktor studiert.1 Auf Twitter gibt es von ihr, was sie „Wortcomic“ nennt, als Erklärung von Impfung.

  1. Sagt man das eigentlich nur in Bayern? „Auf“ etwas studieren? Also auf Lehrerin, auf Doktor, auf Anwältin? Was natürlich nur bei Studiengängen funktioniert, an deren Ende ein klarer Beruf steht, was bei so geistewissenschaftlichem Geschmeiß wie mir nach Nennung meines Studienfachs regelmäßig zur Frage führte: „Und was bist na‘ dann?“ Nur als meine ehemalige Kinderärztin das fragte, reagierte ich ein einziges Mal passend mit der Antwort: „Eine schöne, kluge Frau.“ []

Journal Donnerstag, 28. Mai 2020 – Einkaufsverzögerung durch Kaufvereinzelung

Freitag, 29. Mai 2020

Vor Weckerklingeln aufgewacht, gestern war wieder ein wenig Yoga dran, nämlich Rückenübungen.

Meine Freude auf endlich richtig Yoga nach Hüft-OP hat einen deutlichen Dämpfer bekommen. Zwar steht Yoga explizit auf allen Listen empfohlener Sportarten mit künstlichem Hüftgelenk, doch nach Berichten von Patientinnen, welche Bewegungen sie ebenso explizit meiden sollen, um ein Auskugeln zu verhindern, wurde ich misstrauisch: Das waren durch die Bank typische Yoga-Haltungen. Recherchen bestätigten mein Misstrauen:
Die Übungen, die nach Tests als ungeeignet eingestuft wurden, sind genau die häufigsten Standards.

Es war wieder kühl geworden, den Tag über spritzten auch immer wieder ein paar Regentropfen. Emsiges Arbeiten, mittags Birchermuesli mit Joghurt und mit Hanfsamen, die dem Ernteanteil beigelegt waren: Machten sich zum Beißen und geschmacklich hervorragend. Nachmittags gegen Hunger einen Eiweißriegel (Mischnüsse als Standard-Snack hatte ich nicht nachgekauft, weil die derzeit zu 80 Prozent aus Haselnüssen bestehen – da kaufe ich doch lieber gleich die deutlich günstigeren Haselnüsse).

Nach der Arbeit beeilte ich mich, rechtzeitig vor Schließung um 18 Uhr am Laden der Hofbräuhausmühle zu sein. Zeitlich schaffte ich es, doch es verzögert den Ablauf ungemein, dass immer nur ein Kunde oder eine Kundin in den Laden dürfen – wer nicht, wie ich, sehr genau weiß, was sie will, sieht sich erst mal eine Zeit lang um, bis es zum Kauf kommt. Ohne dass jemand anders sich auch schon mal umsehen kann, weil die ja vor der Tür warten muss. Als ich dran war, griff ich nur gezielt zu Bio-Weizenmehl 405 und Roggenmehl 1370 jeweils im 2,5-Kilo-Paket und zahlte. Selbst das Einpacken verlegte ich nach Draußen, damit die nächste möglichst schnell reinkam.

An einem Standl kaufte ich noch Erdbeeren und Aprikosen. Herr Kaltmamsell servierte als Nachtmahl panierte Auberginenscheiben und Salat aus Ernteanteil, ich den Nachtisch Erdbeeren mit Sahne.

Die Erdbeeren schmeckten diesmal sensationell, mit Sahne definitv mein derzeitiges Lieblingsessen. Zweitliebstes ohne Sahne.

§

James Rebanks, der twitternde Schäfer im Lake District, hat sein drittes Buch geschrieben – und es ist viel zu lange bis September.

§

Selbst habe ich es dann doch nie rein geschafft, in die regelmäßig empfohlene schwabinger Friesische Teestube. Jetzt macht sie nach 44 Jahren zu. Ein Abschied in der Süddeutschen, den ich hier für die mitlesenden Exil-Münchnerinnen des Herzens verlinke:
„Aus der Zeit gefallen“.

Journal Freitag, 22. Mai 2020 – Offizieller Start der Balkonsaison

Samstag, 23. Mai 2020

Letzter Urlaubstag, St. Brück. Eigentlich hätte ich mich morgens in einen Zug ins Rheinhessische gesetzt, um eine große Liebe zu feiern. Aber Corona.

Ausgedehnte Kräftigung Bauch/Rücken, dann eine gute Stunde Crosstrainer mit Filmmusik.

Ich trippelhinkte zum Einkaufen: Beim Kustermann Rotweingläser (unsere Standard-Rotweingläser DiVino Bordeaux sind bis auf vier Stück zerdeppert, damit kann ich keine Gästetafel mehr decken), zwei Pfund Erdbeeren. Ich wechselte aufs Rad und holte im Buchladen am Josephsplatz ein Buch ab, auf das ich mich sehr freue (wenn ich bei einem Autoren oder einer Autorin mal auf Papier angefangen habe, fällt es mir schwer, auf eBook umzusteigen – nein, in keiner Weise logisch).

Johnny Häusler fand gleich mal den ersten Fehler, der jede positive Amazon-Bewertung ruiniert:

Hier ein schönes Interview des verlegenden Verlags rowohlt mit Kathrin und Aleks:

Man kann Ihr Buch nicht lesen, ohne auf zentrale Topics der Corona-Pandemie zu stoßen: Infektionsrisiko, Hygiene, Abstandhalten, Reisewarnung, Sterberate. Im «Handbuch für Zeitreisende» werden wir daran erinnert, dass es in der Menschheitsgeschichte immer wieder katastrophale Seuchen gab. Wie sollte man sich ihnen nähern, falls man das als zeitreisender Katastrophentourist unbedingt möchte – 1,5 Meter Mindestabstand reichen da wohl nicht?
Das wird in der aktuellen Diskussion zu wenig erwähnt: Zeitlicher Abstand zu einer Seuche ist sogar noch sicherer als räumlicher. Unsere erste Empfehlung wäre daher, den Epidemien der Vergangenheit zeitlich fernzubleiben. Zum Beispiel, indem man in eine Zeit verreist, in der Menschen noch nicht existieren, oder eine, in der diese Menschen weit verteilt sind und auf Ackerbau und Viehzucht verzichten. Alles, was länger als etwa 10000 Jahre zurückliegt, ist in dieser Hinsicht relativ sicher. Falls es unbedingt eine jüngere Vergangenheit sein muss, gilt im Grunde dasselbe wie in der Gegenwart: Trinkwasser abkochen oder mit Tabletten behandeln (Flaschenwasser ist in der Vergangenheit keine Option), alle Lebensmittel kochen oder schälen, möglichst keine Körperflüssigkeiten mit Einheimischen austauschen, Hände häufig und gründlich waschen, Mückenschutz verwenden, alle empfohlenen Impfungen mitbringen. Achtung: Sie brauchen unbedingt zeitspezifische Impfungen. Krankheitserreger verändern sich im Laufe der Zeit, und Impfungen gegen eine moderne Version einer Krankheit nutzen in der Vergangenheit wenig. Lassen Sie sich in einem zeitreisemedizinischen Zentrum beraten.

Den Heimweg legte ich über den Bahnhof, um nach dem Baustellenzustand zu gucken. Ergebnis: Vorm Bahnhof ist alles gesperrt, alles – ich musst mein Fahrrad auf einem schmalen Fußweg vorm Hertie schieben, um zur Schillerstraße zu kommen. Im gesamten südlichen Bahnhofsviertel gibt es derzeit keine Straße ohne massive Baustelle. Mir scheint, als hätte die Planung auf „alles auf einmal, dann sind wir schneller durch“ gesetzt, statt sich für jeden Teilabschnitt nacheinander Umfahrungen auszudenken.

Frühstück mit den Semmeln, die ich unterwegs geholt hatte. Zeitunglesen auf dem Balkon, erschwert durch Wind. Dann Granta 151, Membranes ausgelesen – die schwächste Ausgabe seit Langem mit vielen ermüdenden Besinnlichkeitstexten.

Dabei Symptom für definitiven Nichtwinter: Ich trug meine Sommerhausschlappen für nackte Füße.

Erstes Abendessen der Saison auf dem Balkon. Wie es die von mir festgesetzte Tradition will, gab es Salade niçoise.

Wir plauderten auf dem Balkon bis in die Dunkelheit.

Vielen, vielen Dank für all Ihre Glückwünsche zum Rosentag, sie haben uns das Herz gewärmt.

§

Lila, deren Blog fast so alt ist wie das Mitmach-Web, bloggt wieder aus ihrer Wahlheimat Israel. Sie hat eine Stelle in einem Kibbuz-Kindergarten angefangen (qualifiziert durch eine ihrer vielen Ausbildungen), und ich freue mich sehr darüber, dass sie ganz viele Details vom Alltag dort erzählt:
„Alte Ente paddelt sich warm“.

Journal Mittwoch, 20. Mai 2020 – Großereignis Friseurbesuch

Donnerstag, 21. Mai 2020

Wecker gestellt, damit ich ohne Hetzen zu meinen Plänen kam, nämlich vor dem Friseurtermin um elf noch gemütlich zu bloggen und eine Runde Krafttraining zu absolvieren. Letzteres musste ich leider wieder abbrechen: Nachdem der erste von drei Fitnessblender-Druchgängen mit Hanteln sehr gut geklappt hatte (mit ein paar Anpassungen), streikte einer der vielen Hüftbeuger-Muskelstränge (ja, so habe ich auch geguckt, als ich im Anatomiebuch nachschlug) (Adductor brevis?) beim zweiten und schmerzte mit Messerstichen. Scheißndreck. Ich war froh, dass ich danach überhaupt noch gehen konnte.

Und nun: Radeln zum Friseur. Die hiesige Hygieneverordnung sieht vor, dass es in den Friseursalon keinen Wartebereich gibt, ich stand draußen in der angenehmen Frühlingswärme (gestern allerdings die meiste Zeit unter bedecktem Himmel), bis ich dran war. Mund-Nasen-Maske hatte ich dabei, im Raum waren ohnehin wie gewohnt nur zwei Stühle besetzt (hier gibt es keine Angestellten, Modell Mietstuhl). Fürs Umschneiden der Ohren ließ ich mir dann doch die Einwegmaske des Ladens geben: Der Meister hatte bereits eine Methode entwickelt, wie er deren Ohrenhalter schneidefreundlich im Nacken zusammenhielt.

Ich bot Herrn Friseur an, meine Mähne zu irgend „mal was anderes“ zu nutzen, doch uns beiden fielen nur Umsetzungen ein, vor denen er als „sehr Madame-ig“ warnte: „Ich weiß nicht, ob du das bist.“ Nach herzlichem Gelächter entschied ich mich doch wieder für eine Variante, mit der ich mich identifizieren konnte.

So hatte mein Kopf nach dem letzten Schnitt Ende Januar ausgesehen.

So am Dienstag, also vier Monate später.

Und so fühlte ich mich gestern wieder zivilisiert.

Friseursalonboden nachher.

Anschließend radelte ich rüber zu einem Einkauf beim Dallmayr fürs abendliche Festmahl: Scheinbar lange Schlange am Eingang, die aber hauptsächlich wegen der Abstände zwischen den Schlangestehenden so lang war. Wie an so vielen Orten fiel mir auch hier drinnen erst durch DIE SITUATION auf, wie eng im Grunde alles ist – kein Wunder, dass nur abgezählt eingelassen wurde. Ich bekam alles für das geplante Mahl, verkniff mir aber das Schlendern und Gucken in die Theken, das sonst beim Dallmayr-Einkauf so schön ist.

Zum mittäglichen Frühstück gab es Fleischpflanzerl und Kartoffelsalat vom Vorabend, eine kleine Verdauungssiesta. Nochmal kleine Einkaufs- und Abholrunde. Nach vielen Wochen mal wieder Bügeln; ich erledigte zumindest den größten Teil, zu dem ich eine Folge Bayern-Podcast hörte: Holger Klein unterhält sich mit Lätitia Fech, Äbtissin des Klosters Waldsassen. Viele interessante Details von einer sehr vielschichtigen Persönlichkeit – aber religiöse Inbrunst wirkt auf mich halt schon sehr befremdlich. (Ich hatte das Bedürfnis bei jeder neuen Beteuerung ihrer Liebe und Hingabe zu „Gott“, ihrer „Berufung“ zu fragen, ob da nicht vielleicht ein anderer als der christliche Gott gerufen haben könnte – vielleicht ja Apoll?)

Vorbereitungen des Nachtmahls: Ich feierte mit Herrn Kaltmamsell den Rosentag vor, weil wir am eigentlichen Datum 21. Mai bei meinen Eltern eingeladen sind.

§

Ich so: Voll stolz, dass sie drei bis fünf Vögel vor ihrem Balkon am Gesang erkennt.
Andere so:
„BIRD NESTING STYLES: A CRITICAL REVIEW“. Part one
„BIRD NESTING STYLES: A CRITICAL REVIEW“. Part two

Journal Sonntag, 17. Mai 2020 – Maienbalkon

Montag, 18. Mai 2020

Etwas unruhige Nacht, weil sich mehrfach vor meinem Schlafzimmerfenster Menschen zum Rauchen und Ratschen trafen – vermutlich Gäste von Nachbarn.

Der Tag begann mit Backen: Erst die Zitronenschnecken, dann der zweite Laib Brot mit Lievito Madre, der 34 Stunden zum Gehen bekommen hatte, die letzten zwölf davon bei Zimmertemperatur.

Die Schnecken wurden wunderbar. (Hätten allerdings trotz goldbrauner Farbe noch 10 Minuten innen gebraucht, dann halt mit Alu abgedeckt.)

Das Brot geriet zumindest schon mal 50 Prozent größer als der Laib vom Vortag. Für das Ziel großporige Weißbrote mit schöner Glutenstruktur habe ich allerdings andere Rezepte, die sicherer funktionieren.

Herr Kaltmamsell erlöste mich von Putzpflicht: Nachdem ich so unter dem anstehenden Staubwischen litt, bot er Übernahme an – ihm mache es nicht so viel aus. Ich ließ mich überreden und stieg nach Bauch- und Armstärkung auf den Crosstrainer. (Herr Kaltmamsell musste anschießend allerdings zugeben, ebenfalls keinerlei Spaß an der umfangreichen Staubbeseitigung gehabt zu haben.)

Zum Frühstück hab es Tomatenbrot und Zitronenschnecken. Allerdings zeigte sich bei Letzterem eine tiefe und schmerzliche Differenz im Hause Kaltmamsell: Während ich höchst angetan von den saftigen und zitronigen Hefeteilen war (halt bloß noch ein bisschen zu teigig innen), befand Herr Kaltmamsell Zimtschnecken „um Welten“ besser. Das gestrige seien auch gar keine Schnecken, sondern Nudeln (bayerisch-österreichische Bezeichnung, Rohrnudeln gibt es unter diesem Namen sogar in Bäckereien zu kaufen). Wie können Wahrnehmungen nur so auseinander gehen? Ich bin zutiefst verunsichert.

Den Nachmittag verbrachte ich lesend auf dem Balkon, horchte immer wieder in mich hinein, ob ich in diesem Traumwetter nicht doch eine Lust auf mehr Draußen entwickelte. Doch meine Bewegungseinschränkung (gestern war wieder viel Humpelns) zusammen mit prospektiven Menschenmengen hielt mich ab. Die bevorstehende Urlaubswoche wird mir genug Gelegenheit zu entspanntem Draußen bieten.

Herr Kaltmamsell hatte Lust auf die Zubereitung von Steak and Kidney Pudding, also gab es den zum Nachtmahl. (Ja, ich lebe in einem Haushalt mit drei Puddingformen zum Dampfgaren.)

§

Der niederländische Historiker Rutger Bregman schreibt in The Correspondent:
„The neoliberal era is ending. What comes next?“

Tatsächlich hat meine innere Pessimistin solche Prognosen bislang immer mit einem Seufzer weggewischt – die Wohlhabenden, die vom Neoliberalismus profitieren (und überzeugt sind, nicht etwa eine privilegierte Startposition hätte sie wohlhabend gemacht, sondern allein ihre Leistung und ihr Fleiß), sitzen an der Macht und werden den Teufel tun, etwas zu ändern. Doch dieser Artikel erklärt mir die Entstehung des Neoliberalismus nach dem Zweiten Weltkrieg und seinen Siegeszug (Reagan, Thatcher) in einer Art und Weise, die eine Abkehr davon breit vernünftig erscheinen lässt.

I’d like to introduce you to Mariana Mazzucato, one of the most forward-thinking economists of our times. Mazzucato belongs to a generation of economists, predominantly women,
who believe merely talking taxes isn’t enough. “The reason progressives often lose the argument,” Mazzucato explains, “is that they focus too much on wealth redistribution and not enough on wealth creation.”

Mazzucatos Forschung hat unter anderem ergeben, dass die Kerntechniken, durch die Technik-Giganten wie Google und Apple erfolgreich wurden, in Forschungsprojekten entwickelt wurde – die die Regierung bezahlte. Titel ihres Buches von 2013: The Entrepreneurial State. Und ihre Schlussfolgerung: Wo der Staat investiert, sollte er am wirtschaftlichen Erfolg teilhaben – was er bei genau den oben genannten Unternehmen nicht tut, wenn sie ihren Steuersitz in Steueroasen verlegen.

§

Blogger Formschub erfährt durch einen seriösen Antikörper-Test, dass sein Verdacht stimmt: Er hatte höchstwahrscheinlich eine mittelstarke Form von COVID-19. Sein nachträgliches Protokoll:
„Corona“.

§

Mir dann doch ein Herz genommen und „Männerwelten“ angesehen, das in meinem Internet die vergangenen Tage über für Diskussionen sorgte: Ein Sammlung alltäglicher sexueller Belästigungen und Übergriffe, denen Frauen im Internet und außerhalb davon Tag für Tag begegnen. (Diese Sachen sind für mich schwer erträglich und kosten Kraft, daher die Überwindung.)

Aktivieren Sie JavaScript um das Video zu sehen.
https://youtu.be/uc0P2k7zIb4

Ein gutes Mittel, #metoo nicht in Vergessenheit gelangen zu lassen, die Diskussion weiterzuführen. (Es gibt berechtigte Einwände gegen die Kooperation mit Terres des Femmes und die Konzentration auf weiße Cis-Frauen, doch meiner Ansicht nach überwiegt der Aspekt der Ausmerksamkeitsauffrischung.) (Was natürlich damit zu tun haben mag, dass ich selbst eine weiße Cis-Frau bin und damit gewohnt, dass sich alles um meinesgleichen dreht.) Auf Twitter nahm Sarah Kuttner die Aktion zum Anlass, über selbst erlebte Übergriffe zu berichten und Tweets anderer Frauen über sexualisierte Gewalt zu retweeten:
@KuttnerSarah
Harter Tobak, immer noch, immer wieder.

Ich wiederhole auch hier zur Sicherheit: Sollten Sie zu der Hälfte Frauen gehören, die bislang von sexuellen Übergriffen und sexualisierter Gewalt verschont geblieben sind, sind Sie weder besser noch haben Sie etwas richtig gemacht, was die Betroffenen falsch gemacht haben – Sie hatten, wie ich, einfach Glück. Und unterstehen Sie sich, weil sie es selbst nie erlebt haben, die Aussagen der Betroffenen anzuzweifeln.

Journal Samstag, 16. Mai 2020 – Küchentag

Sonntag, 17. Mai 2020

Ausgeschlafen, also kurzer Tag. (Schon wieder mit Kopfweh aufgewacht.) Draußen hörte ich erst mal einen Buchfinken, bis die Mönchsgrasmücke wieder lautstark übernahm.

Nach Bloggen und Twitterlesen zog ich Sportklamotten an, erst mal die tägliche Kräftigungsrunde. Dann – SEEEEEEEUUUFFFZ – Klo, Bad, Küche gründlich geputzt (Herr Kaltmamsell hatte schon am Vortag alle Böden gesaugt und gewischt – eigentlich nicht die optimale Wohnungsputz-Reihenfolge, aber jeder/jede macht halt, wenn’s grad passt).

Zur Belohnung gab’s eine Stunde Crosstrainer mit Filmmusik auf den Ohren, unterbrochen durch Brotbacken. Gestern erzeugte ich nach Langem mal wieder einen astreinen Türstopper:

Das sollte eigentlich Terra-Madre-Brot werden. Ich hatte den Teigling anweisungsgemäß über Nacht im Kühlschrank gehen lassen, doch da er morgens keinerlei Volumenvergößerung gezeigt hatte, ihm noch fünf Stunden Stückgare bei Zimmertemperatur gegeben – keine Veränderung. Dann wurde es mir zu bunt und ich schob ihn in den Backofen.

Essen konnte man das zum Glück: Das Innere war nicht sulzig, sondern lediglich sehr dicht geport. Doch angepeilt hatte ich etwas Anderes. Eine Chance kriegt der Lievito Madre noch als Triebmittel, nämlich morgen mit der anderen Hälfte des Teigs, die dann doppelt so lange bei Zimmertemperatur gegangen ist.

Zum Frühstück also zwei Scheiben des missglückten Brots. Herr Kaltmamsell hatte mittlerweile die Wochenendeinkäufe erledigt. Ich ging nach dem Frühstück auch noch raus, um an einem Obststandl Erdbeeren zu besorgen. Es war strahlend sonnig, aber kühl.

Die Sendlinger Straße bevölkert wie vor Corona.

Ich las die Wochenend-SZ-, dann war schon wieder Zeit für Küche bis zum Abend. Ich machte zum Abendbrot Ricotta-Tomaten-Tarte, verlängert durch eine Stange Lauch aus Ernteanteil, die ich dafür schnippelte und andünstete. Außerdem knetete und rollte ich für Übernacht-Gehen die Zitronenschnecken von Anke Gröner: Auch mir sind alle meine bisher selbst gebackenen Zimtschnecken eigentlich zu trocken, und diese Zitronenschnecken werden als ganz besonders saftig angepriesen. Zum Nachtisch schnippelte ich die hervorragenden heimischen Erdbeeren.

Die Tarte war warm deutlich instabiler als sonst: Das mit dem Lauch hatte die Chemie der Füllung durcheinander gebracht. Sie schmeckte allerdings sehr gut. Und dann erst die Erdbeeren!

Vielen Dank für all Ihre Hinweise und Vorschläge zu meinem Sportgerät-Stauproblem! Sie haben sehr geholfen!

§

Zu den gestern in Deutschland zahl- und menschenreichen Protesten gegen tatsächliche und erfundene Maßnahmen zur Pandemie-Einschränkung passt das Corona-Tagebuch von Carolin Emcke: Sie macht sich diesmal Gedanken über Angst und wie sie von faschistischen Argumentationsmustern genutzt wird. Unter anderem zitiert Emcke Leo Löwenthal, Falsche Propheten – Studien zum Autoritarismus:

Der Agitator bemüht sich gar nicht, objektiv auf die Unzufriedenheit und das Missbehagen seiner Zuhörer einzugehen, vielmehr präsentiert er deren Beschwerden in einem verzerrenden, fantastischen Prisma.

Hier der ganze Text von Carolin Emcke:
„Politisch-persönliche Notizen zur Corona-Krise
Woche 8: Von realen und missbrauchten Ängsten, von geistigen Flipperkugeln – und dem Juckreiz, dem man nicht nachgeben darf.“

§

Es wurde aber auch Zeit: Unterbezahlte und ausgebeutete Spargelstecher verweigern die Arbeit:
„Massenprotest von 150 Feldarbeitern in Bornheim“.

(Zur Sicherheit: Das heißt nicht, dass alle Spargelbauern ihre Leute so behandeln.)

§

Warum können Vögel minutenlang singen, ohne Luft zu holen? Und warum sind so kleine Vögelchen derart laut?
Die Antwort hier bei SWR Wissen.


Durch die weitere Nutzung der Seite stimmst du der Verwendung von Cookies zu. Weitere Informationen

Die Cookie-Einstellungen auf dieser Website sind auf "Cookies zulassen" eingestellt, um das beste Surferlebnis zu ermöglichen. Wenn du diese Website ohne Änderung der Cookie-Einstellungen verwendest oder auf "Akzeptieren" klickst, erklärst du sich damit einverstanden.

Schließen