Essen & Trinken

Journa Sonntag, 22. November 2020 – Stollenbacken und kulturell verbindende Geschmacksabneigungen

Montag, 23. November 2020

Lang geschlafen, damit die nächtliche Schwitz- und Wälzpause ausgeglichen. Die Sonne ging zu einem frostigen Morgen auf.

Vormittags startete ich die ersten Thüringer Weihnachtsstollen der Saison.

Als ich Zitronat und Orangeat (bio und 1A Qualität) hackte und in den dabei entstehenden Düften schwelgte, dachte ich über kulturell bedingte kulinarische Abneigungen nach: Bei uns ist gesetzt, dass man Zitronat und Orangeat supereklig finden kann – auch wenn es sich um die kandierten Schalen von gewohnten Zitrusfrüchten handelt, auch wenn man Orangen- und Zitronengeschmack eigentlich mag, auch wenn es sich keineswegs um extreme Geschmacksnoten handelt. U.a. gibt es Stollenrezepte, die die Abwesenheit von Zitronat und Orangeat herausstreichen. Das ist außerhalb unseres kulinarischen Kulturkreises erklärungsbedürftig.

Ich wiederum war verblüfft, als mir in Großbritannien immer wieder Menschen erklärten, dass sie custard nicht mögen, also Vanillesoße oder -pudding – das hatte ich im deutschsprachigen Kulinarikgebiet noch nie gehört, bei uns ist die Ablehnung von Vanillesoße kein Gruppenmerkmal. (Zusammen mit meinen englischen Freundinnen kam ich zu dem Schluss, dass das mit englischem Schulessen zu tun hat, in dem custard Standard war und zu dem man sich identitätsstiftend in Verhältnis setzte.) Spanische Kontakte hingegen kann ich damit erheitern, dass viele Deutsche Meeresfrüchte nicht mögen – man erklärte mir, das sei so befremdlich, als möge jemand keine Nudeln.

Dann wiederum: Die ersten Vegetarierinnen, die ich vor 35 Jahren kennenlernte, mochten einfach kein Fleisch, sie lehnten den Geschmack ab – und hatten es sehr schwer, denn das war damals bei uns unerhört. (Eine der ersten in meinem Bekanntenkreis war auch noch Metzgerstochter.)

Während der Stollenteig ging, bewegte ich mich noch in Schlumpfklamotten mit ein bisschen Mobilisations- und Dehnübungen für die operierte Hüfte, dann Duschen, Anziehen. Während die beiden Stollen diesmal deutlich mehr Backzeit brauchten, werkelte ich am letzten Schritt des Projekts Neue Ablage: Druckvorlagen recherchiert, auf der Hersteller-Website Etiketten erstellt, als PDFs runtergeladen, Herrn Kaltmamsell zum Ausdrucken geschickt (die Druckerverbindung zickt derzeit auf meinem Rechner).

Stollen bebuttert und gezuckert, jetzt konnte ich endlich Semmelholen gehen. Der kurze Weg zum Bäcker machte mir deutlich, dass ich mich noch eine Weile mit den neuen Schmerzen werde beschäftigen müssen. Und ich noch eine ganze Weile die Sportklamottenwerbung, die mir anscheinend alle Medien in Massen entgegenhalten, als Verhöhnung empfinden.

Nach dem Frühstück kurz vor drei (Herr Kaltmamsell hatte eine Variante seiner immer überdurchschnittlich guten Guacamole gemacht) beklebte ich die neu sortierten Ablageordner: Zehn Stück stehen jetzt (mittel)sauber beschriftet (in der Arbeit hätte ich deutlich höhere Maßstäbe angelegt, Sekretärinnenehre und so) und damit hoffentlich einfach fortzuführen im Regal.

Zweites Heimprojekt ist Sichten und Sortieren von Briefen/Karten aus möglicherweise 40 Jahren. Vor 27 Jahren ließ ich mir zu Weihnachten eine Korbkiste schenken, um darin die bis dahin erhaltenen Briefe und Karten aufzubewahren (ich war eine eifrige Briefschreiberin und erhielt entsprechend viele), mit Platz für künftige. Auch wenn die Kiste durch die Umstellung auf elektronische Korrespondenz erst vor wenigen Jahren ganz voll war und seither der Deckel immer verzweifelter die zusätzlichen Stapel am Ausreißen hindert: Da ist eine Menge Zeug und Geschichte drin. Ich werde mich dem Projekt vorsichtig nähern und erst mal antesten, ob ich die damit verbundenen Emotionswellen derzeit verkrafte.

Brav und artig widerstand ich meiner Sehnsucht nach draußen (es blieb sonnig), setzte mich schonend aufs Bett mit Füßehoch und las auf Bildschirm und Papier. Ich bekam mit, wie Herr Kaltmamsell zur Koordination seines Unterrichts kommende Woche erst mal herausfinden musste, welche Klassen/Kurse in Quarantände geschickt wurden und welchen Unterricht er folglich für Präsenz, welchen für Distanz planen muss. (Das wird wohl erst mal Lehreralltag bleiben.)

Bei Dunkelheit gabe es noch Mandarinen und Trauben, zum Nachtmahl kochte Herr Kaltmamsell auf meinen Wunsch nahöstliche Linsen mit Bandnudeln nach Immer schon vegan.

Zum Nachtisch noch ein Stückl Apfelstrudel vom Samstag.

Während im Fernsehen Solo: A Star Wars Story lief (soll keiner sagen, dass ich dem Star Wars-Universum keine Chance gebe, aber jeder Versuch erinnert mich lediglich daran, warum ich damit nichts anfangen kann und mir vages Wissen zur Einordnung von Anspielungen genügt – zumindest schlug ich nach, woher ich die Hauptdarstellerin kannte, Emilia Clark, nämlich aus Last Christmas), puderzuckerte ich die Stollen und packte sie in Alufolie.

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Beeindruckendes Interview der Tagesthemen mit dem letzten lebenden Chefankläger der Nürnberger Prozesse, in denen ab 1945 die Hauptkriegsverbrecher des Zweiten Weltkriegs vor Gericht gestellt wurden, Benjamin Ferencz.
„‚Sie bereuten nichts'“.

tagesthemen: Wie haben Sie letztendlich entschieden, wen Sie anklagen würden?

Ferencz: Zum einen auf der Grundlage ihres Dienstgrads. Es waren beispielsweise einige SS-Generäle darunter. Ein weiteres Auswahlkriterium war ihr Bildungsgrad. Es sollten Menschen sein, die in der Lage waren zu verstehen, was sie tun. Einige von ihnen hatten einen Doktortitel, manche sogar zwei.

Fast habe ich den Eindruck, dass mittlerweile vergessen ist, was zu den größten gesellschaftlichen Erschütterungen der Nazi-Gräuel gehörte: Dass sie belegten, wie wenig zivilisatorischer Fortschritt (oder eben Rückschritt) mit Faktenwissen und Bildung zu tun hat. Jedesmal wieder, wenn als Mittel gegen menschenverachtenden Rechtsruck Bildung und Wissensvermittlung in Schulen angeführt wird (und zwar Bildung in jeder der verschiedenen Definitionen, derer sich die Ideegebenden meist nicht bewusst sind), denke ich pessimistisch an die Verursachenden der größten systematisierten Grausamkeiten des 20. Jahrhunderts: An Bildung und Wissen fehlte es den wenigsten.

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Mein Internet ist weiterhin toll: Seit ein paar Wochen folge ich auf instagram Helen Rebanks – ihre Stories und Fotos machen mich sehr dankbar dafür, dass sie mich an ihrem Leben ein wenig teilhaben lässt und ich so Alltag einer Landwirtin im nordenglischen Lake District miterleben darf. Da mögen sich Feuilletonisten noch so oft über das Mitmach-Web lustig machen: Ich finde sogar aufregend zu erfahren, dass Helen für die Familie asiatischen stir fried rice mit „whatever vegetables are available“ zum Abendessen kocht.

Journal Samstag, 21. November 2020 – Erster Frost und Grünkohleintopf

Sonntag, 22. November 2020

Ausgeschlafen, zu hell werdendem Himmel aufgewacht. In der Morgensonne sah ich den ersten Frost der Saison auf Dächern und Wiesen, in den Bäumen vorm Balkon jagten einander gleich vier Eichhörnchen (drei dunkelbraune, ein rotes), außerdem gab es dort Baumläufer, Buchfinken, Kohlmeisen, Amseln, vielleicht einen Zilpzalp (diese ganz kleinen, unauffällig graubraunen Vögelchen kann ich immer noch nicht auseinander halten, ein Zaunkönig war es aber sicher nicht, die kenne ich inzwischen am Schachbrettmuster).

Nach Bloggen, ein paar Mobilisationsübungen für die Hüfte, Duschen machte ich mich auf einen kurzen Einkaufsgang (Herr Kaltmamsell hatte alles Schwere auf der gemeinsamen Einkaufsliste an sich gerissen), draußen war es sonnig und kalt.

Zum Früstück Granatapfel und Papaya mit Joghurt, ein Butterbrot aus dem letzten selbst gebackenen.

Ich machte weiter mit meiner Neuen Ablage. Unter anderem waren die Unterlagen zum Rosenfest im Mai 2019 dran (neuer Ordner „Projekte“, in dem ich auch alles zur Neuen Küche vor sechs Jahren abheftete) – und ich war SO FROH, dass wir das wirklich, wirklich gemacht haben. Und aufs Neue geflasht, DASS DIESE MENSCHEN WIRKLICH GEKOMMEN SIND!

In knapp drei Stunden hatte ich die eigentliche Sortierung und Ablage zu Ende gebracht. Jetzt fehlen nur noch ordentliche Aufkleber für die Ordnerrücken. (Bedruckbare Aufkleber habe ich, muss aber unter anderem noch eine Formatvorlage finden).

Nachmittags verarbeitete Herr Kaltmamsell die letzten Äpfel (Boskop) aus familiärem Eigenbau zu Apfelstrudel – das in diesem Haushalt einzig gültige Rezept stammt von Frau Schwiegermutter, zeichnet sich unter anderem dadurch aus, dass es möglichst viele der begehrten Strudelenden produziert und kann laut Herrn Kaltmamsell nur von ihm umgesetzt werden. Der warme Strudel war genau das Richtige für den späten Nachmittag, als gerade das letzte Tageslicht verschwand.

Ich las auf dem Bett Wochenendzeitung, telefonierte mit meinem Vater, der seine letzten Tage in der Klinik verbringt, bevor er die Reha-Phase antritt.

Zum Abendessen war Grünkohleintopf (Ernteanteil) geplant, angelehnt an dieses Rezept.

Dieses Prachtexemplar kam am Donnerstag als Ernteanteil von unserer Kartoffelkombinat-Gärtnerei bei Mammendorf zu uns, wurde umgehend unter in die Dusche gesteckt, weil ein Infoschreiben vor dem Befall mit weißer Fliege gewarnt hatte.

Nachmittags hatte ich gestern bereits aus einem Stück Rindfleisch und den gesammelten Gemüseresten aus dem Gefrierschrank eine Brühe gekocht (in der untersten Schublade unseres Gefrierschranks wohnt eine Plastiktüte, in der wir Reste vom Gemüseputzen sammeln, von Karottenschalen über Petersilienstengel, Sellerieabschnitte, die von Pastinaken, sonstigen Rüben – eher nicht Kartoffelschalen oder Kohlreste, dafür Parmesanrinde wegen seines Glutamats, das umami macht; wenn die Tüte voll ist, wird aus dem Inhalt Brühe gekocht). Den eigentlichen Eintopf kochten Herr Kaltmamsell und ich gemeinschaftlich – ein seltenes Ereignis.

Neben dem Suppenfleisch kamen Debreziner in den Eintopf, statt Brot (oder wie im nordspanischen caldo gallego weißen Bohnen) separat gekochte Graupen, die noch da waren.

Schmeckte sehr gut. Nachtisch Schokolade.

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Als eine von vielen verlinkte ich im Juni das Video eine jungen nigerianischen Balletttänzers Anthony Mmmesoma Madu. Gestern erfuhr ich: Es brachte ihm ein Stipendium am American Ballet Theater in New York ein.

Journal Freitag, 13. November 2020 – Kulturtag mit dem einen Fleißer-Roman und In den Gängen

Samstag, 14. November 2020

Unruhige Nacht, in der ich mehrfach knallwach war – zum Glück aber immer wieder einschlief.

Mein gestriger Physiotermin war schon um halb acht, so früh war die U-Bahn nach Norden entspannend leer. Frau Physio tat mir wieder weh, ließ mich Kräftigungsübungen fürs operierte Gelenk machen (im Liegen auf der Seite mit Gewichtsmanschette um den Knöchel) – sie wird schon wissen.

Anschließend erledigte ich mein Reha-Programm im Übungsraum, einige Wackelübungen gehen jetzt schon besser. Einkäufe im Supermarkt des Rehasport-Gebäudes.

Anfall von Corona-AAAAAAAAHHRGHHH! Auslöser war der Anblick der (zum Glück spärlichen) U-Bahn-Passagiere mit Mund-Nasen-Schutz. Wenn mir jemand vor einem Jahr dieses Szenario erzählt hätte und dass Museen, Gastronomie, Sportstätten zur Infektionsvermeidung geschlossen sein würden – hätte ich mir das vorstellen können? (Der hiesige Katastrophenschutz ja auch nicht, im lustigen Schuldzuweisungsspiel taucht eigenartigerweise gar nicht mehr auf, dass die Empfehlungen der letzten länder-übergreifenden Pandemie-Übung von 2007 nie umgesetzt worden waren.)

Daheim kurzes Abladen, dann im Süpermarket Verdi Einkäufe fürs Abendessen (ich freute mich vor allem über den dicken Bund superfrischen Koriander). Unterwegs ein weges Gebäude an der Ecke Pettenkofer-Goethestraße fotografiert, das mich die 20 Jahre meines Wohnens in diesem Viertel begleitet hatte.

Zurück daheim buk ich Gewürzkuchen, jetzt im Spätherbst und vor Advent ist dafür die perfekte Zeit. Als ich ihn in den Ofen schob, war’s noch nicht mal zwölf.

Zum Frühstück aß ich zwei weiche Eier und von dem Fladenbrot, das ich beim Verdi mitgenommen hatte. Zeitungs- und Internetlektüre, bis ich den Kuchen aus dem Ofen und nach einer Stunde aus seiner Form nehmen konnte.

Draußen schien weiter herrliche und auch wärmende Sonne; ich machte einen kurzen Abstecher in die Sendlinger Straße, um Körpercreme nachzukaufen. Damit meldete die operierte Hüfte allerdings, dass sie für einen Tag definitv genug bewegt worden war: Ich war wieder bei Trippeln und Hinken.

Daheim herzte ich einen von der Arbeitswoche erschöpften Herrn Kaltmamsell, ließ mich dann im Sessel nieder, um Marieluise Fleißer, Eine Zierde für den Verein, auszulesen.

Die erste Fassung von Fleißers einzigem Roman erschien 1931, er spielt sehr erkennbar und örtlich verwurzelt in meiner Geburtsstadt Ingolstadt.

Die Geschichte des jungen Gustl Gillich, aus dessen Perspektive meist erzählt wird, stadtberühmter Schwimmer, der gerade seinen eigenen Tabakladen eröffnet hat. Der Frieda Geier kennenlernt, eine selbständige junge Frau, die als Handelsvertreterin nicht nur für ihren eigenen Lebensunterhalt sorgt, sondern auch die Schulbildung ihrer jüngeren Schwester finanziert. Die karge und wortarme Romanze zwischen den beiden geht nicht gut.

Sperrig und eigentümlich erzählt Fleißer ihre Geschichte und ihre Figuren, unrund und überhaupt nicht gefällig – doch gehört das genau so. Die Bilder, die Fleißer mit Wörtern erzeugt (deren Schreibung sie oft wider orthografische Regeln verändert), erinnerten mich immer wieder an expressionistische Malerei (nicht an expressionistische Literatur): Die zugefrorene Donau, über deren tauende Schollen ein Bub springt / wie ein paar Schwimmvereinsburschen nachts den Pionieren am Künettegraben Balken vom Brückenbau stehlen / der Tabakhändler, der an einem Wintermorgen hinter den Eisblumen seines Schaufensters verschwindet.
Wie viel sie immer miterzählt! Bücher aus lang vergangenen Zeiten transportieren ja immer sehr viel Hintergrundinfo, weil sie aus einer anderen Welt kommen, doch das ist meist eine unbeabsichtigte Nebenwirkung. Fleißer aber will ganz viel miterzählen: Straßen, Häuser, Landschaft, wie es auf dem Wochenmarkt zugeht, wo der Zug nach Passau entlang fährt. Scharfsichtig wie eine Magnum-Fotografin hält sie bedeutsame Momente fest, die für eine Zeit und eine Gesellschaft stehen.

Kurzer Anfall von Erwachsensein: Ein Deckenfluter im Wohnzimmer wurde immer funzliger, ich schraubte die Fluterfläche auf, um die zwei Drittel sichtlich erloschene Lämpchen zu ersetzen – und stieß auf sowas:

Das sieht ganz danach aus, als müsste ich die komplette LED-Scheibe ersetzen – wissen Sie, wo man sowas bekommt oder auch nur, unter welchem Stichwort ich danach recherchieren kann? Ich fürchte, ich werde den Lampenhersteller Honsel anschreiben müssen.

Fürs Abendessen durfte wieder ich sorgen: Ich hatte mir mit Lammhack gefüllte Quitten vorgenommen nach einem Rezept aus Jerusalem von Yotam Ottolenghi und Sami Tamimi. Kleine Quitten hatte ich aus Eigenanbau bekommen, beim Schälen war schnell klar, dass ich zu viel wegschneiden musste, als dass sie sich zum Füllen geeignet hätten. Doch das Rezept gibt ohnehin eine Variante mit gewürfelten Quitten und der Füllung als Klopsen an – die setzte ich um.

Schmeckte mir sehr gut, doch vielleicht lasse ich beim nächsten Mal die Chilli im Hackfleisch weg – die Schärfe wollte nicht so recht passen.

Abendunterhaltung: arte zeigte einen Film, den ich seit Erscheinen 2018 hatte sehen wollen, In den Gängen mit Sandra Hüller und Franz Rogowski. Großartiger Schauplatz fast ausschließlich in einem Großmarkt mit seinen weiten Gängen, mit seinen Gabelstaplerfahrten, wundervolle Darsteller, ausgezeichnetes Drehbuch ohne viel Dialog – hin und wieder kann deutscher Film halt doch auch was. Hier in der arte-Mediathek noch bis Februar zu sehen, Empfehlung.

Journal Mittwoch, 11. November 2020 – Empfindliches Gewebe, stereotype Berufsgeschichten

Donnerstag, 12. November 2020

Früh zum Reha-Sport (noch vor der Schulkinder-Schwemme), wieder kam ich vor Anstrengung ins Schwitzen (samma diese Pezzibälle hat ja wohl der Teufel erfunden) (übrigens ein italenischer Teufel, wie ich zu meiner Überraschung der Aufschrift entnahm) (ich lese alles, immer).

Im Anschluss erster Physiotermin an diesem Ort. Zum Glück wurde ich einer Frau zugewiesen, in deren Händen auf meiner nackten Haut ich mich deutlich besser fühle als in denen eines Manns. Seit dem Vortag hatten mich die Muskeln um die operierte Hüfte und des zugehörigen Oberschenkels recht mit Schmerzen geplagt. Als Frau Physio sie auch nur berührte, zuckte ich zusammen. Und bei dem auch, ebenso beim nächsten Muskel, fünf Zentimeter weiter war es nicht besser. Oh, meinte sie, das sei ja alles „sehr empfindlich“, sie müsse „Gewebe lockern“. Ich ließ mir also vorsichtig und gründlich von ihr weh tun, merkte aber sofort die Verbesserung. Auch Frau Physio gab mir Übungen auf, auszuführen mehrmals täglich, mir wird also weiterhin daheim nicht langweilig.

Auf dem Heimweg machte ich einen Umweg über die Praxis der Hausärztin und holte ein telefonisch vereinbartes Rezept ab.

Sportzeug daheim abgeladen, Schuhe gewechselt, weil ich in meinen Laufschuhen (Anfang 2019 gekauft, wie immer zwei Nummer größer als Straßenschuhe, keine zehn Mal zum Joggen genutzt, weil’s dann nicht mehr ging) wirklich am besten gehe. Zum Beispiel zu Einkäufen in den Vollcorner (Brotzeitgemüse Paprika/Gurke, Obst, Zutaten fürs Abendessen, Espresso, Semmeln, kein Bubbly, weil noch welcher im Haus war – aber beinahe), auf dem Heimweg sah ich sogar ein bisschen Blau am grauen Himmel.

Beim Mittagessen (Paprika, Gurke, Käse, Laugensemmel) Zeitungslektüre. Und weil ich darin die eine solche Aussteigergeschichte zu viel las:
Gibt es eigentlich auch Geschichten von jungen Weinbauern-Paaren, die sich unerfüllt fühlten, alles hinwarfen und dann in der Finanzwelt glücklich wurden?
Oder, wie @sinnundverstand ergänzte:
Die Yoga-Lehrerin, die sich nun endlich als Hedgefonds-Managerin angekommen fühlt. Der Bio-Bauer, dessen Traum einer Karriere als Immobilienmakler wahr wurde. Der Altenpfleger, der nun jedem Tag als Unternehmensberater froh entgegenblickt.

Würde ich alles wirklich, wirklich gerne lesen. Gerne auch fiktionalisiert als Roman.
(Natürlich ist mir klar, dass die Standardgeschichte die Entfremdung verdeutlichen soll, in der die Erwerbsarbeit der Gegenwart gelandet ist, und der Sehnsucht nach Rückkehr zu als ursprünglicher empfundenen Form des Lebensunterhalts entgegenkommt. Aber sie ist zum Klischee verkommen.)

Kurzer Abstecher zur Apotheke, um ein bestelltes Medikament abzuholen.
Nachmittagssnack Orange, Apfel mit Joghurt.

Und dann spontan in einem Internet-Laden Schuhe bestellt. (Es tut mir leid, selbstverständlich habe ich mehr als genug Schuhe. Aber nicht solche. Und sie waren höllisch reduziert. Außerdem schön.) (Sollte ich mir Sorgen machen? Sonst impulskaufe ich doch nur Wein?) (Ach was, ich habe doch sogar zwei Ausreden: 1. Pandemie inkl. Einschränkungen, 2. Hüft-OP, es handelt sich nämlich um zwei Paar sehr schöne Schuhe ohne Absatz, in denen ich gut weit laufen können sollte.)

Das Abendessen durfte ich machen, eine Pilz-Quiche. Der Boden war astreine shortcrust pastry, wie ich sie aus der britischen Küche kenne. Also machte ich sie auch auf britische Art: Erst die Butter mit den Fingerspitzen ins Mehl reiben, bis es feinste Streusel ergibt, dann mit Eiswasser rasch zusammenkneten. Ließ sich wunderbar handhaben.

Schmeckte sehr gut, war allerdings instabil, weil die Pilze Wasser gezogen hatten. Besonders begeistert war ich von der krausen Petersilie, die ich aus einer Laune heraus statt der glatten gekauft hatte: Sie gibt viel mehr aus und ist nach dem Garen deutlicher.

§

Aus guten Gründen wird derzeit das Paar gefeiert, das die Firma BioNTech gründete und kurz vor dem Einsatz eines Impfstoffs gegen SARS-CoV-2 ist (hier ein Portrait im Guardian, im Gegensatz zum dem in der Süddeutschen frei verfügbar): Dr. Özlem Türeci und Prof. Dr. Uğur Şahin. Wen man feiert, sollte man korrekt benennen können: So spricht man die Namen aus.

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Eine völlig wahnwitzige Geschichte von der Blogess, nämlich die vom Lebensende ihrer Großmutter. Oder doch nicht.
„Losing Joy. Finding Joy. Literally.“

Journal Freitag, 6. November 2020 – Graswachstum durch Ziehen beschleunigen

Samstag, 7. November 2020

Eine richtig gute Nacht, ich behalte das abendliche Ibu erst mal bei.

Doch die beiden Nächte und Tage ohne Ibu hatten ihren Nutzen: Ich glaube mir jetzt, dass ich wirklich noch nicht arbeitsfähig bin. Davor nagte ein wenig schlechtes Gewissen an mir, weil ich ohne eigentliches Leid daheim rumsaß und sogar Einkaufen gehen konnte. Jetzt weiß ich, dass ich tatsächlich noch einige Wochen Einheilen vor mir habe. Wie meinte mein Rehatrainer in der Klinik in Bad Wiessee: Wenn eine Patientin glaube, sie könne den Heilungsprozess nach OP irgendwie beschleunigen, glaube sie wohl auch, sie könne Gras schneller wachsen lassen, indem sie daran ziehe.

Vormittags spazierte ich für Einkäufe die paar hundert Meter zum Basitsch, wo ich erst besonders stolz war, dass ich von den beiden Gockeln in der Fleischtheke den ungewöhnlich kleinen nahm und nicht den fast doppelt so großen. Wo ich aber an der Kasse feststellte, dass ich meine Maestro-Karte daheim vergessen hatte und dass das Thymiansträußerl im Einkaufskorb Oregano war. Dann würde es halt Zitronen-Oregano-Hähnchen zum Abendbrot geben.

Mein Frühstück war ein Scheiberl roter Pressack aus dem Biomarkt (mit Essig), zudem ein Granatapfel mit Joghurt.

Nachmittags nahm ich wieder die U-Bahn zum Reha-Sport (ohne zusätzlichen Fußmarsch, die neue Hüfte fühlte sich wirklich nicht danach an), als ich aufbrach, verzog sich gerade der Hochnebel und ließ Sonne durch. Ich stellte fest, dass der Sportraum am Freitag zwischen vier und fünf Uhr nicht so leer ist wie am Mittwoch. Slapstick-Einlage bei der Vorbereitung der Übung Squats zur Seite mit Theraband um die Füßknöchel: Ohne das verbotene Runterbeugen zum rechten Fuß kam ich nicht ins klein geknotete Theraband, ich versuche vergeblich, die rechte Schuhspitze reinzufädeln (hatte am Mittwoch noch geklappt). Lachend bat ich irgendwann einen Trainer um Hilfe, der mir empfahl, alterntiv ein Theraband um die Knie zu knoten.

Die U-Bahn zurück war zwar nicht wirklich voll, aber zu voll für gesunden Abstand. Immer wieder stellte ich mich um, damit ich nicht direkt neben jemandem saß oder stand. (Gestern zeigte die Corona-Warn-App bereits drei Begegnungen mit niedrigem Risiko an.)

Als ich heim kam, war es dunkel. Wir läuteten das Wochenende mit Negronis ein, und Herr Kaltmamsell schob das Hähnchen fürs Abendessen in den Ofen. Zum Gockerl gab es Postelein aus Ernteanteil und italenisches Brot vom Eataly. Außerdem kastilischen Rosé Dos Puntos, der mit fruchtigem, blumigen Geschmack sehr gut passte.

Im Fernsehen ließen wir Adèle und das Geheimnis des Pharaos von Luc Besson laufen, der mich nicht überzeugte.

Journal Mittwoch, 4. November 2020 – Verschwitzter Mund-Nasen-Schutz

Donnerstag, 5. November 2020

Schlechte Nacht, unter anderem wegen Schmerzen im operierten Bein (dabei am wenigsten in der Hüfte). Ich führe das darauf zurück, dass ich zum ersten Mal abends keine Ibu nahm: Kein Arzt hatte mich angewiesen, sie nach der letzten verschriebenen Tablette weiter zu nehmen.

Ich las Twitter und die Süddeutsche des Tages, aktualisierte immer wieder Tagesschau.de um herauszufinden, ob sich ein Ergebnis der US-Präsidentenwahl abzeichnete (bis zum Abend stand lediglich fest, dass fast die Hälfte der Wählerinnen und Wähler allen Ernstes einen menschenverachtenden Lügner als Staatsoberhaupt haben wollen).

Zum Frühstück aß ich polnischen Schinken und spanischen Käse mit Pickle, zwei Stück hervorragenden Cheesecake mit Meyer-Lemon-Curd.

Draußen war es kalt und dunkelgrau, ich las Rebanks‘ English Pastoral mit hochgelegten Beinen, bis es Zeit war, zum Nach-Reha-Training aufzubrechen.

Ich ging zu Fuß bis zum Odeonsplatz, um ein wenig Luft zu bekommen, nahm dann die U-Bahn nach Nordschwabing. Das Training, ca. 75 Minuten, war sehr anstrengend, jetzt weiß ich: Ich Superschwitzerin kann auch Mund-Nase-Masken verschwitzen. Die Zeit zwischen vier und fünf war gut gewählt, der Trainigsraum war nur wenig besucht.

Auch auf dem Rückweg ging ich eine U-Bahn-Station zu Fuß. Gegenüber vom Nordfriedhof hatte ein großer Friedhofs-Blumenladen noch offen, ich kaufte einen Strauß Nelken in fünf verschiedenen Rosa-Tönen: Nelken scheinen ohnehin langsam ihr Image als hoffnungslos unmoderne Blumen zu verändern, doch wo hat man sicher die größte Auswahl, wenn nicht gegenüber einem Friedhof.

Für das Abendbrot verarbeitete ich die restlichen beiden Meyer Lemons und ein übriges Sträußchen Petersilie zu einem Pastagericht (halt mit Petersilie statt Basilikum) – das erstaunlich gut schmeckte.

Was mich abends aber am meisten plagte, war nicht das operierte Bein, sondern die immer schlimmer verspannte linke Schulter samt Nackenseite. Ich hatte gehofft, dass auch das wundersamerweise mit der kaputten Hüfte verschwinden würde, doch das ist dann wohl doch eine komplett andere Baustelle (jajaja, diagnostiziert per MRT vor Jahren: ohnehin verengter Nervenkanal in einem Halswirbel, zudem hat sich ausgerechnet darin ein Knochensporn gebildet, ich hatte vier selige Jahre fast Ruhe). Ich machte auf dem Boden ein paar Übungen, die mir die Anfasserin gezeigt hatte, sie linderten ein wenig.

James Rebanks, English Pastoral ausgelesen. Im letzten Kapitel „Utopia“ häufen sich die Redundanzen, immer wieder beschreibt Rebanks mit anderen Worten, welche Konsequenzen industrielle Landwirtschaft auf seine Heimatgegend und auf die Gesellschaft insgesamt hat. Dennoch fand ich die Details der aktuellen Veränderungen, die er auf seinem Hof versucht, sehr spannend und wünsche mir mal wieder ähnliche Beispiele für eine Gegend in meiner eigenen Heimat, also am liebsten aus der Region 10.

Eine zentrale Feststellung:

Wie Land landwirtschaftliche genutzt wird, hängt immer von den Gegebenheiten ab. In Cumbria, wo Rebanks lebt, ist der Boden so karg, dass er sich am besten für Viehwirtschaft eignet, wo selbst Gemüseanbau auf das tournierende Beweiden der Flächen angewiesen ist, nämlich auf Dung als Dünger und das Zertrampeln durch Hufe zur Auflockerung. Und dann wäre es eine ungeheure Verschwendung, dieses Vieh nicht auch zu essen.

§

Ein bisschen Ruhe und Frieden gefällig? Gestrige Bilder von James Rebanks auf Twitter. (Wo seit einiger Zeit auch seine Frau Helen aktiv ist, auf interessante Infos zu Landwirtschaft verlinkt und James durchaus Widerworte gibt.)

Journal Dienstag, 3. November 2020 – Heimisches Heilen

Mittwoch, 4. November 2020

Gestern nicht viel mehr gemacht als vor mich hin zu heilen. Was bei den Corona-Beschränkungen wahrscheinlich auch in den nächsten Wochen meine Hauptbeschäftigung bleiben wird. (Na gut: Da sind zwei häusliche Räumprojekte der Sorte Wann-wenn-nicht-jetzt, einmal die Neusystematik meiner Ablage offizieller Papiere sowie die überquellende Kiste mit privater Post, die sortiert gehört.)

Das Wetter war regnerisch und kühl, vormittags absolvierte ich meine gute Stunde Heimsportprogramm.

In einer Regenpause verließ ich das Haus, um beim Vollcorner nach Meyer Lemons zu suchen: Jetzt haben sie Saison, und ich wollte einen Kuchen damit backen. Diesmal ließ ich die Krücken daheim und ging bedächtig, das funktionierte.

In einem anderen Laden erlebte ich zum erstem Mal die Konfrontation mit einer Maskenverweigerin. Ich sprach sie an: „Würde es Ihnen etwas ausmachen, eine Maske anzulegen?“
„Ja. Ich habe ein Attest!“
Auf mein „Wenn Sie so krank sind, sollten Sie wirklich nicht unter Leute gehen“, schnappte sie: „Dann holen Sie doch die Polizei!“
Ich wandte mich ans Personal, das meinte, mit Attest könnten sie nichts machen. Dann ging halt ich, ohne Einkäufe, und komme nicht mehr wieder.
1. war ich auf die Verweigerin aufmerksam geworden, weil sie heftig nieste.
2. kann das Personal natürlich niemanden „mit Attest“ zum Maskentragen zwingen, muss sie aber auch nicht reinlassen.

Frühstück: Eine frisch geholte Handsemmel mit polnischem Schinken, den uns Herr Putzmann geschenkt hatte, außerdem ein Sellerie-Tahini-Püree aus der Hand von Herrn Kaltmamsell (Ottolenghi-Rezept hier unten), das sehr gut schmeckte und ab sofort eine weitere Verwertung von Erntenteil wird neben Sellerie-Schnitzel, Sellerie-Lasagne und Waldorf-Salat.

Ich hatte Meyer Lemons bekommen und buk damit Lemon Curd Cheesecake nach einem erprobten Rezept von Petra.

Angeschnitten und gegessen wird er allerdings erst am Folgetag, weil er lange kühlen muss.

Keksböden mache ich seit Teenageralter, angefangen mit der legendären Philadelphia-Käse-Torte (hach, die 80er!). Doch ich bin immer noch auf der Suche nach der idealen Kekszerkrümel-Methode. Versucht habe ich schon Handzerkrümeln jedes einzelnen Kekses (aua!), portionsweise Zerhäckseln mit Zauberstab oder Gemürzmühle des Küchenmaschine (dauert lange), Kartoffelstampfer in Rührschüssel (Erkenntnis, dass Keksfragmente viele Meter weit fliegen können). Das führte alles zu gutem Ergebnis, die Methoden fühlten sich aber verbesserbar an. Gestern versuchte ich also einen Klassiker: Kekse in großen Gefrierbeutel, mit Nudelholz darauf rumrollern bis Krümel. Was soll ich sagen: Deutlich bequemer! Und da der Gefrierbeutel bereits sehr oft benutzt worden war und eh am Ende seines Lebenszyklus‘, machte es mir nichts aus, ihn anschließend schmutzig wegzuwerfen (hier mag der Haken der Methode liegen).

An einigen Stellen spürte ich Muskelkater, die Nach-Reha-Übungen wirkten.

Nachmittagssnack war die zweite Semmel mit Honig und nochmal etwas Selleriepüree. Ich legte wieder auf dem Sofa die Beine hoch und las Rebanks, English Pastoral.

Zum Abendbrot unterstützten wir die derzeit geschlossene heimische Gastronomie: Ich ließ mir von Herrn Kaltmamsell vom Vietnamesen Chi Thu eine Reisnudelschale mit Frühlingsrollen mitbringen, die viel frisches Gemüse enthielt und sehr gut schmeckte (und in Papierschachtel nur mittelviel Müll erzeugte).

Als Abendunterhaltung ließen wir My Big Fat Greek Wedding im Fernsehen laufen, den ich immer schon mochte, weil er eine partnerschaftliche Partnschaft zeichnet und viele RomCom-Stereotypen vermeidet.

Ansonsten auf allen Kanälen ohrenbetäubendes Vor-US-Wahl-Getöse.


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