Essen & Trinken

Journal Freitag, 15. November 2019 – Besuch aus Oldenburg

Samstag, 16. November 2019

Früher Wecker, um morgens meine 20 Minuten auf dem Crosstrainer zu strampeln. Ich merkte wieder, wie unglaublich gut mir das in meiner arg gestressten Lage tat, ohne die Beschränkung von Frau Physio hätte ich mich sicher eine Stunde freigestrampelt, ohne Rücksicht auf körperliche Verluste.

Mit dem Fahrrad ins Büro. Mittags rote Paprika und Gurke, Hüttenkäse mit Latwerge. Ich schaffte es tatsächlich, so früh wie geplant Feierabend zu machen: Der Besuch einer Freundin aus Oldenburg war ausreichend Antrieb. Auf dem Heimweg nur ein kurzer Abstecher zur Bank, dann daheim die Freundin in die Arme schließen.

Wir gingen ein Stück spazieren (kühl aber trocken) über Alten Südfriedhof an die Isar und über die Fraunhoferstraße, Sendlinger Straße, Sonnenstraße zurück, sahen uns unterwegs ausführlich unter den schönen Dingen beim Radspieler um (ein Tipp für Münchenbesuchende, der ziemlich sicher nicht im Lonely Planet steht: Allein die Räume sind einen Blick wert – und nicht vergessen, die Zimmerdecken anzusehen!).

Herr Kaltmamsell hatte während unseres Spaziergangs das Abendessen gekocht: Der Besuch hatte sich Cocido gewünscht (bester Besuch mit konkreten Essenswünschen!). In der Küche stehend gab es erst mal Rieslingsekt, zum Cocido kastilischen Rotwein – und Gespräche bis weit nach Mitternacht (Herr Kaltmamsell schlief schon bald völlig erschöpft auf einem Sessel ein, worauf ich ihn ins Bett schickte). Es wurden Amsterdampläne gemacht.

Ins Bett mit jammernder Hüfte.

Journal Montag, 11. November 2019 – Leserunde zu Curry

Dienstag, 12. November 2019

Ich hatte den Wecker eh früher gestellt, um meine 20 Minuten Crosstrainer zu bekommen, wurde aber schon um fünf aus dem Bett gehebelt, als unter meinem Schlafzimmerfenster lustig Mülltonnen rangiert wurden (keineswegs von der Müllabfuhr – die ist hier geradezu rührend fürsorglich geschickt und leise). Die Nacht war von stechenden Schmerzattacken geprägt gewesen, ich musste immer wieder heftig in einen fiesen schmalen Muskelstrang im Becken drücken, damit der Schmerz bis hinunter in die Zehen aufhörte (ich lerne durchaus von den Stunden bei der Anfasserin). Ergebnis: Recht gerädertes Aufstehen.

Meine 20 Minuten Strampeln holte ich mir dennoch.

Radeln in die Arbeit, es war ziemlich kalt, aber noch kurz über Frost: Mit einer leichten Mütze und Handschuhen kam ich zurecht.

Im Büro regierte der einpapierlte Wahnsinn, erst kurz vor der Mittagspause hatte ich genug weggeschafft, dass sich meine Panik legte. Mittags eine Breze und Granatapfelkerne mit Joghurt, Nachmittagssnack eine Hand voll Nüsse.

Auf dem Heimweg noch ein paar Einkäufe: Brotzeit für die nächsten Tage.

Daheim wollte ich dringend Alkohol, ich fühlte mich vom Arbeitstag unangenehm gestresst. Zur Unfallprävention schnitt ich vorher zwei Butternut-Kürbisse in Würfel, die Herr Kaltmamsell zu einem großen Topf Kürbis-Cocos-Curry wie vergangenen Mittwoch verarbeitete: Die Leserunde traf sich bei uns. Aber dann machte ich Gimlets – die entspannende Wirkung des Alkohols trat beim ersten Schluck ein.

Ich räumte die Wohnung und deckte Tisch.

Dabei fiel mir auf, dass diese Wassergläser zu dem wenigen spanischen Erbe in meiner Wohnung gehören: Ich habe sie alle über viele Spanienurlaube voller Nocilla gekauft (immer das zweifarbige meiner Kindheit) und nutze sie als nostalgische Wassergläser (waren in spanischen Haushalten das Pendant zum Senfglas). Eben sehe ich, dass das Produkt 50. Geburtstag feiert – mit einem Rückblick auf TV-Spots und vor allem Gläser aus 50 Jahren!

Neben dem Kürbiscurry (Herr Kaltmamsell machte diesmal auf meine Bitte auch die Roti-Brote aus dem Originalrezept dazu – nicht so toll) gab es noch viel Käse und selbst gebackenes Brot. Wir sprachen über Bill Hayes‘ Insomniac City, das nur nicht alle von uns sieben überhaupt oder ganz gelesen hatten – mit geteiltem Echo. Vier, darunter ich, hatten die einfühlsamen Beobachtungen in New York und zu seinen Menschen genossen, fühlten sich an eigene Aufenthalte in New York erinnert und an die Einmaligkeit dieser Stadt, waren berührt von der Liebesgeschichte zwischen zwei so unterschiedlichen Männern und wie sie miteiander umgingen, einander gut taten, ich hatte ja schon von der Lektüre geschwärmt. Eine hatte einfach kein Interesse daran, hätte Literatur statt Essayistik bevorzugt, fand die Beobachtungen auswechselbar, vermisste in der beschriebenen Beziehung jegliches Anzeichen von Leidenschaft. Ich folgerte daraus in einer gedanklichen Abkürzung, dass ich offensichtlch ein sehr anderes Liebes- und Sexualleben habe.

Journal Samstag, 9. November 2019 – Start der Gänsebratensaison

Sonntag, 10. November 2019

Den Nachtschlaf störten böse Kopfschmerzen, ich nahm in den frühen Morgenstunden Ibu und schlief fast bis neun.

Zügiges Bloggen und Anziehen, die Pläne für eine kleine Einheit Crosstrainer (Frau Physio hatte mich zu einer Beschränkung auf 20 Minuten ermahnt, dafür aber täglich erlaubt) ließ ich fahren: Ich wollte dringender mit Herrn Kaltmamsell einkaufen – er muss an diesem Wochenende viel arbeiten, eine Stunde Einkäufe hatten wir als gemeinsame Quality Time vereinbart.

Erstes Ziel unter grauem Himmel (aber nicht sehr kalt) war der gewohnte Wild- und Geflügelhändler auf dem Viktualienmarkt – der umgezogen war, aber anhand der Fotos im Web konnte ich ihn lokalisieren: Ich hatte mir Gänsebraten gewünscht. Ich kaufte also für teuer Geld eine fünf Kilo schwere glückliche Bauerngans aus Niederbayern.

Dann liefen wir quer über den Gärnterplatz rüber zum Klenzemarkt. Beim Kreuzen der Fraunhoferstraße begutachtete ich die neue Verkehrssituation: Mir war nicht ersichtlich, woraus sich das komplette Halteverbot ableiten lässt, das die Anwohnenden in der Bürgerversammlung als unerträglich kritisiert hatten, ich fand kein Schild, das Halten zum Ein- und Ausladen, zum Ein- und Aussteigen verbot. Auch in der Straßenverkehrsordnung fand ich später keinen Passus, aus dem sich das ableiten ließe. Was übersehe ich?

Ausführlicher Käseeinkauf auf dem Klenzemarkt schon für Gäste am Montag. Am vertrauten Käsestand statt des gewohnten Herrn mittleren Alters zwei jüngere – von denen einer dem sonstigen Standler so ähnlich sah, dass ich sofort auf Sohn tippte (gefragt habe ich natürlich nicht). Nächste Station (Herr Kaltmamsell murrte bereits, weil wir die eingeräumte Stunde überschritten) Edeka (Sandwich-Toast für Schulunterricht – fragen Sie nicht), dann noch eine Runde durch den Basitsch (Wein, Rübenkraut, Milch).

Daheim setzte ich Hefeteig für Zwetschgendatschi an (die Zwetschgen hatten halbiert und entsteint im Gefrierschrank auf ihren Einsatz gewartet, da ich direkt nach der Ernte vom elterlichen Baum keine Zeit zur Verwertung gehabt hatte). Ich erinnerte Herrn Kaltmamsell daran durchzurechnen, wann die Gans in den Ofen musste: Unser erprobtes Rezept geht von vielen Stunden bei niedriger Temperatur aus.

Zum Frühstück unterwegs geholte Semmeln.

Erst als ich nach einer Stunde nach dem Geh-Stand meines Hefeteigs sah, fiel uns beiden der Denkfehler auf: Der Datschi benötigte denselben Ofen wie die bereits vor sich hin garende Gans. Lösung: Die Gans musste eine halbe Stunde Garpause einlegen, in der das Datschi-Blech ihren Platz einnahm.

Guter Datschi, es gab ihn Nachmittags mit Sahne.

Die Karriere der Gans, die sich als gut genährt und damit fett herausstellte.

Sie bekam eine Zwiebel-Apfel-Kürbis-Thymian-Füllung.

Garpause für Zwetschendatschi. Im Topf die Brühe zum regelmäßigen Übergießen.

Nach sechs Stunden bei 120 Grad (hätte noch eine halbe Stunde vertragen, Fleisch war noch nicht ganz so weich, wie es hätte sein können).

Gehungert hat’s sicher nicht, das Ganserl. (Dazu kam das Fett aus dem Bauchraum, das Herr Kaltmamsell vor dem Füllen entfernt hatte – auf dem ersten Foto zu sehen.)

Geschmack ausgezeichnet, die Füllung besonders köstlich. Und es blieb natürlich noch genügend für Sonntag.

§

„Germany Has Been Unified for 30 Years. Its Identity Still Is Not.“

„Strangers in their own land“, also Fremde im eigenen Land: Nationalistische Kräfte nehmen dieses Gefühl für weiße Menschen in Anspruch, deren Vorfahren alle in derselben deutschen Region lebten und Deutsch-Muttersprachler waren – und die mit dem Zuzug von Menschen aus anderen Gegenden der Welt und aus anderen Kulturen nicht zurecht kommen. Dieser Artikel der New York Times porträtiert anlässlich von 30 Jahren Mauerfall Menschen, die viel mehr Grund dazu haben, sich als Fremde im eigenen Land zu fühlen: Deutsche, die nicht weiß sind, die nicht auf mehrere Generationen von Deutsch-Muttersprachlern als Vorfahren zurückblicken – und die von anderen Deutschen ausgegrenzt werden. Gleich der Einstieg schneidet mir ins Herz:

Abenaa Adomako remembers the night the Berlin Wall fell. Joyous and curious like so many of her fellow West Germans, she had gone to the city center to greet East Germans who were pouring across the border for a first taste of freedom.

“Welcome,” she beamed at a disoriented-looking couple in the crowd, offering them sparkling wine.

But they would not take it.

“They spat at me and called me names,” recalled Ms. Adomako, whose family has been in Germany since the 1890s. “They were the foreigners in my country. But to them, as a black woman, I was the foreigner.’’

Übersetzung als Fußnote.1
(…)

Two decades after the country stopped defining citizenship exclusively by ancestral bloodline, the far right and others have started distinguishing between “passport Germans” and “bio-Germans.”

Eine sehr gute Statusaufnahme unseres Kampfs um deutsche Identität (inklusive sehenswerter Fotos). Ich beanspruche ja Deutschtum durchaus kämpferisch für mich (bemerkenswert, dass der Artikel alle Protagonisten und Protagonistinnen mit „identifies as…“ beschreibt – I identify as German), gerade weil es mir nicht angeboren ist (zur Erinnerung: spanischer Gastarbeitervater, meine Mutter ist Tochter einer polnischen Zwangsarbeiterin, die nach dem Krieg in Deutschland blieb, und war bis zu ihrer Heirat staatenlos, danach wie ihr Ehemann spanisch Staatsbürgerin, die Familie und somit ich bekamen 1977 die deutsche Staatsbürgerschaft, da war ich elf). Ich kann aber auch nachvollziehen, dass Einwandererkinder (looking at you) aus Protest gegen ständige Ausgrenzung die deutsche Staatsbürgerschaft ablehnen – und möchte gerade die so gerne anwerben als Schöffinnen und Schöffen, Wahlhelfende.

§

Die wundervolle Hannah Gadsby beantwortet in einer Talk Show Fragen über ihren Autismus und erklärt Details an konkreten Situationen, inklusiver der, in einer Talkshow zu sitzen.
via @DonnerBella

Aktivieren Sie JavaScript um das Video zu sehen.
https://youtu.be/PaT__mzkHbA

  1. Abenaa Adomako erinnert sich an die Nacht des Mauerfalls. Überglücklich und neugierig wie viele andere Westdeutsche war sie ins Berliner Stadtzentrum gefahren, um die Ostdeutschen zu begrüßen, die in Scharen über die Grenze kamen, um die neue Freiheit auszutesten.
    „Willkommen!“, rief sie einem orientierungslos wirkenden Paar zu und bot ihm Sekt an.
    Sie lehnten brüsk ab.
    „Sie bespuckten und beschimpften mich“, erinnert sich Adomako, deren Familie seit den 1890ern in Deutschland lebt. „Sie waren die Fremden in meinem Land. Doch weil ich schwarz bin, war ich für sie die Fremde.“ []

Journal Freitag, 8. November 2019 – Ersehntes Ende der Arbeitswoche, Beifang aus dem Internetz

Samstag, 9. November 2019

Ich war ja erst nach elf im Bett gewesen, noch dazu konnte ich überdreht nicht gleich einschlafen (nicht wegen der Bürgerversammlung, sondern wegen Arbeitsdingen, die ich während der Bürgerversammlung vergessen hatte) – dafür wachte ich schon um fünf auf. Ach, ich hatte in den Nächten davor genug geschlafen, da machte das ja nichts. Und ich hatte ja noch den Blogpost über die Bürgerversammlung zu schreiben. (Direkt vor der Veranstaltung hatte ich mich so erledigt gefühlt, dass ich eigentlich geplant hatte, diesmal nur eine vage Zusammenfassung zu posten, doch dann fand ich bereits den Bericht von Bürgermeisterin Strobl so interessant, dass ich anfing mitzuschreiben.)

Wie immer holte mich die Müdigkeit erst am späten Vormittag ein.

Mittags ein Laugenzöpferl, ein Becher Dickmilch, zwei Äpfel.

Ich fühlte mich sehr erschöpft und machte relativ pünktlich Feierabend, freute mich auf den Abend mit Herrn Kaltmamsell und einige Einkäufe davor im Vollcorner.

Dort verlockte mich ein junger Mann vorm Weinregal zu einem Probierschluck: Ich hatte abgelehnt, wollte aber gern mehr über die vorgestellten Weine wissen. Als er den apulischen Rotwein als etwas restsüß beschrieb, da die Trauben dafür antrocknen, wollte ich dann doch probieren. Interessante Rosinennote, und der eine Schluck knallte auf leeren Magen wie zwei Cocktails.

Ist natürlich übertrieben, ich radelte problemlos heim (kühler, grauer Tag). Dort gab es Gin Tonic, während Herr Kaltmamsell den Chinakohl aus Ernteanteil mit Kartotten aus derselben Quelle und mit Walnüssen, Majo und Joghurt zu Coleslaw verarbeitete. Dann briet er uns ein wundervolles Entrecȏte (hier mit Brutzeltönen als Filmchen).

Ungestellte Abendessensituation. Dazu ein Glas spanischen Prometus.
Früh ins Bett.

§

Wofür ich das Techniktagebuch immer wieder aufs Neue liebe: Einblicke in wirkliche Alltagstechnik anderer Leute, von der ich sonst nie erführe. (Die pragmatische Redaktionspolitik hat schon früh Diskussion über den Begriff mit dem Beschluss abgekürzt, dass jede Technik für irgendjemand Alltag ist.) Hier zum Beispiel:
„Alles wird besser: 33 Jahre Fortschritt in der Diabetes-Behandlung“.

§

Die Autorin und Feministin Margarete Stokowski hat den Tucholsky-Preis gewonnen, ich freue mich sehr für sie. In ihrer Rede zur Preisverleihung erklärt sie nicht nur, warum er etwas Besonderes ist und für sie eine besondere Auszeichnung, sondern auch was es für sie bedeutet, eine politische Autorin zu sein.
„‚Ich denke dann kurz: Ja, normal'“

Ich frage mich auch: Wie gesund ist das eigentlich, einen Job zu machen, bei dem man Morddrohungen irgendwann normal findet, und bei dem man sich daran gewöhnt, dass diejenigen, die diese Drohungen schreiben, oft nicht gefunden werden?

(…)

Man ist als politische Autorin in diesem Land heute nicht besonders gut geschützt, und das liegt unter anderem daran, dass diejenigen, die für den Schutz von Presse- und Meinungsfreiheit eigentlich zuständig wären, ihre Arbeit zum Teil nicht gut machen. Es gibt dort Leute, die sich Mühe geben, aber es gibt auch die, die komplett versagen.

(…)

Im Einstellungsschreiben stand: „Ein öffentliches Interesse, das die Strafverfolgung gebietet, liegt nicht vor.“ – Sicher? Ich würde gern glauben, dass es ein öffentliches Interesse daran gibt, dass Autorinnen Texte schreiben können, ohne erklärt zu kriegen, sie sollten verprügelt, erschossen und verbrannt werden. Das scheint mir nicht zu viel verlangt.

§

Generalisierende Häme über die Arbeit von Politikerinnen und Politikern tut keiner Diskussion gut. Gerade die Unterstellung, jemand würde diese Karriere aus Faulheit oder Bequemlichkeit einschlagen, zeugt von bodenloser Ignoranz. Bundestags-Abgeordnete Anke Domscheit-Berg ist in dieser Legislaturperionde zum ersten Mal dabei und erzählt im Interview über den Alltag, nachdem im Bundestag innerhalb eines Tages zwei Politiker zusammengebrochen sind:
„Linken-Abgeordnete über Bundestagsarbeit
‚Der Preis ist zu hoch'“.

§

Am 9. November jährt sich der Fall der Mauer zum 30. Mal. Annette Ramelsberger, die ich in den vergangenen Jahren als Gerichtsreporterin der Süddeutschen sehr zu schätzen gelern habe, war ab Januar 1989 mit 28 Jahren für den Nachrichtendienst AP Korrespondentin in der DDR.
„Wie viel Geschichte verträgt der Mensch?“

Die Stasi tat weiter ihre Arbeit, ich versuchte, meine zu tun: Ich wollte durch diese Milchglasscheibe schauen, die die DDR vor den Augen westlicher Journalisten aufgestellt hatte. Wir bekamen keine Gesprächstermine, durften nicht mal DDR-Bürger ansprechen. Also schlichen wir zu Informanten.

(Selbst habe ich keine Geschichte anzubieten, wie ich den Mauerfall als Studentin in Augsburg erlebte. Ich erfuhr aus dem Radio davon, doch dieser historische Moment gehörte zu den Augenblicken, die mich komplett überforderten – als Westdeutsche konnte ich einfach verdrängen. Wie Ramelsberger schreibt: „Bis die Menschen auf der Mauer tanzten, deutete kaum etwas auf den Untergang des Regimes hin.“)

Journal Mittwoch, 6. November 2019 – Kein Theater, aber aus ganz neuen Gründen

Donnerstag, 7. November 2019

Nacht mit unruhigen Träumen, um vier von heftigen Kofschmerzen aufgewacht, Aspirin genommen.

Das mit dem Kopfschmerzen hatte bei Weckerklingeln migränoide Nebensymptome: Gähnen und wüstes Verschreiben/Vertippen beim Bloggen.

In der Arbeit dann Kanonade von ambulanten Querschüssen, um die Mittagszeit (Hüttenkäse und Joghurt mit Bananen) war klar, dass ich meinen Tagesplan nicht durchziehen können würde: Feierabend spätestens halb vier, um genug Energie für den abendlichen Theaterbesuch zu haben. Es wurde dann halb fünf – doch ich erhielt mir die Motivation.

Abwechselnd Wolken, Sonne, Regen, ich blieb aber auf allen Wegen trocken.

Auf dem Heimweg besorgte ich einen Kürbis fürs Abendbrot, daheim schälte und würfelte ich ihn schon mal. Als Herr Kaltmamsell nach Hause kam, hatte ich auch schon Zwiebeln gehackt. Ziel war das Kürbis-Kokos-Curry aus Immer schon vegan: Da Herr Kaltmamsell regelmäßig indisch kocht, hatten wir die sonstigen Zutaten eh daheim – wie sich herausstellte, hatte er sogar frische Curryblätter eingefroren (ich wusste nur von den getrockneten in der Gewürzschublade).

Das Curry schmeckte ganz ausgezeichnet, auch wenn statt der scharfen grüner Chilli grüne Paprika drin waren.

Wirklich gern machte ich mich mit dem Rad auf den Weg zu den Kammerspielen, stellte das Rad am Nachbarhaus ab, stopfte Mütze und Warnjacke in die Manteltaschen, sperrte mein Rad ab, spazierte ins Theater – und kam nicht weiter als bis zu Innentür: Dort erklärte ein Angestellter den eben Angekommenen, dass eine halbe Stunde zuvor ein Schauspieler zusammengebrochen sei und der Arzt die Vorstellung abgesagt habe. Er verwies auf die Möglichkeiten des Kartentauschs und auf eine Vorstellung von Yung Faust in der Kammer 2, die eine halbe Stunde später beginnen würde.

Ich radelte ein wenig verdutzt nach Hause, kam gerade rechzeitig zur Tagesschau heim. Dann halt Schokolade statt Theater.

§

Rezo hat jetzt eine Kolumne bei Zeit online und schreibt Kluges zur Meinungsfreiheit:
„Die CDU hat mich nicht verklagt“.

Es ist, denke ich, schon jetzt ausreichend gut belegt, dass der Begriff der Meinungsfreiheit von den rechten Brudis nur für die eigenen Zwecke benutzt wird. Jetzt könnte man sagen „Aaach, das machen doch alle so, speziell bei Meinungsfreiheit“ und klar gibt es in jeder politischen Richtung opportunistische Abstufungen, für was man wie stark in die Bresche springt. Aber die Union hat mich nach meinem Zerstörungsvideo zum Beispiel nicht verklagt, so wie es AfD-Politiker gern bei Andersdenkenden tun.

Außerdem legt er besonders gut dar, mit welchen Mechanismen Medienschaffende seit vielen Jahren den Rechtsextremen in die Hand spielen: „Wer Narrative wiederholt, stärkt den Spin“.

§

emobly ist ein Online-Magazin, das sich tiefgreifend, vielseitig und begeistert mit E-Mobilität beschäftigt. Umso interessanter ist, wie hier die massiv erhöhte Regierungsförderung des Kaufs von Elektroautos beurteilt wird – nämlich alles andere als positiv.
„Elektroauto-Förderung: Unsere Bewertung“.

Unter anderem wird darauf hingewiesen, dass ja im Moment eine Vielzahl von Antriebstechnologien gefördert wird.

Fast alle Autos mit irgendeiner Art Elektromotor (reinelektrisch, Plug-In Hybrid und Brennstoffzelle) bekommen den Umweltbonus.

(…)

Eigentlich wird aktuell jeder Antrieb in irgendeiner Art und Weise finanziell bessergestellt, nur der Benzinmotor nicht. Wenn fast alle Technologien gleichzeitig gefördert werden, geht jegliche Lenkungswirkung verloren.

Zudem und für mich der Empörungspunkt:

Die Förderung wird von den Falschen bezahlt

Ein Kritikpunkt, der bereits bei der Einführung des Umweltbonus aufkam, gilt mit der Erhöhung umso mehr: Wer ein Fahrrad, den ÖPNV oder seine Füße nutzt, ist immer umweltfreundlicher unterwegs als mit einem Auto – völlig egal, welcher Motor unter der Haube arbeitet.

Diese Menschen gehen nicht nur leer aus, sie bezahlen sogar indirekt dafür, dass sie kein Auto nutzen, weil aus ihren Steuergeldern die oben genannten Förderungen mitfinanziert werden. Das ist ökonomisch, ökologisch und sozial fragwürdig.

Dieser „Umweltbonus“ (!!!) ist also de facto mal wieder – I’m going to die of a heart attack from NOT being surprised – Subventionierung der Automobilindustrie. Deren Dominanz in der deutschen Wirtschaft seit Jahrzehnten sehr sehr ungesund ist (ABER DIE ARBEITSPLÄTZE!!!EINSELF!! JADANNHÄTTEMANHALTSCHONSEITJAHRZEHNTENALTERNATIVENENTWICKELNUNDFÖRDERNMÜSSEN).

Journal Montag, 4. November 2019 – Spinnerte Kirchenglocken

Dienstag, 5. November 2019

Ein überraschend strahlender Morgen.

Weil ich vor der Arbeit noch einen Arzttermin um 8.15 Uhr gleich ums Eck hatte, musste ich später aus dem Haus. Ich nutzte die zusätzliche Zeit für das Kneten von Pizzateig, den Herr Kaltmamsell zum Nachtmahl verarbeiten würde (Gehen im Kühlschrank), und zum Pflanzengießen.

Beim Verlassen des Hauses fiel mir wieder auf, dass derzeit die Glocken von St. Matthäus verrückt spielen. Da ich seit Jahrzehnten keine Armbanduhr trage und in bayerischen Innenstädten wohne, kalibriere ich mein Zeitgefühl mit dem Schlagen von Kirchturmuhren und nehme es entsprechend stärker wahr als die Durchschnittsbürgerin. Doch schon am Wochenende, als ich beim Schlagen von St. Matthäus mitzählte, war klar, dass die vier Schläge am Morgen nicht der Morgendämmerung entsprechen konnten (St. Matthäus schlägt immer nur die Anzahl der Stunden und zur halben Stunde zweimal – anders als andere Kirchturmuhren in entfernterer Hörweite, z.B. St. Paul, die mit einer Glocke die Viertelstunden schlagen und mit einer hörbar anderen die Anzahl der Uhrzeitstunden). Gestern Morgen nun schlug eine Glocke von St. Matthäus um acht Uhr irgendwas verzagt Unregelmäßiges. Die Hund gassiführende Nachbarin, die mir vorm Haus entgegen kam, war sich mit mir einig: Jetzt gerät die Welt völlig aus den Fugen.

Beim Arzttermin wurden die Fäden an meiner OP-Wunde entfernt, Befund der Wucherungsuntersuchung war ohne solchen.

Tram und U-Bahn in die Arbeit.

Etwas verwirrende Bahnhofs-Deko: Das Siegestor rechts ist sicher nicht hier. Nachtrag: Bei nochmaliger Begegnung wurde mir klar: Das ist auch gar nicht das Siegestor, sondern das Portal zum Alten botanischen Garten – das hier tatsächlich direkt drüber liegt.

In der Arbeit reichlich Arbeit, aber nichts Schlimmes. Mittags ein mächtiges Butterbrot aus dem selbst gebackenen, nachmittags Granatapfelkerne. Das Wetter wurde grauer, es regnete hin und wieder, manchmal musste ich aber die Jalousinen gegen Sonnelicht herunterziehen.

Den Heimweg trat ich wegen Einkaufsplänen zu Fuß an. Der erste Kilometer ging wie meist gut, dann bremste mich die Hüfte. Abstecher zum Vollcorner – die elektrische Kuh mag immer noch nicht.

Daheim wollte ich dringend Alkohol, bekam einen Purple Haze (irgendwas mit Cranberrysaft, Gin, Blauem Bols, Tonic Water).

Herr Kaltmamsell hatte die vereinbarte Pizza mit Radicchio, Käsen und Walnüssen zubereitet – sehr gut.

Spätes Entspannungsbad, weil ich noch eine abends gestartete Maschinenfüllung aufhängen musste.

§

Hande hat die Untersuchung von Kate Long in Italien wiederholt: Sie hat in einem Bekleidungsgeschäft fotografiert, mit welchen Aufschriften Shirts kleinster und kleiner Kinder von Anfang an Geschlechterrollen festlegen (von wegen „sind nunmal verschieden“). Hier das Ergebnis als Twitter-Thread.

Journal Samstag, 2. November 2019 – Brotbacken, Lesen, Stricken, Kochen – ein Frauensamstag aus den 50ern

Sonntag, 3. November 2019

Wieder ausgeschlafen: Nach dem Aufwachen um sechs nochmal einzuschlafen, war eine gute Idee.

Noch vor dem Kaffeemachen Brotteig geknetet, es sollte wieder einen 7-Pfünder geben. Morgenkaffee über ausführlichem Bloggen, Twittertimeline nachgelesen.

Als ich das Brot auf dem Backofen holte, war ich auch damit fertig.

Anschnitt natürlich abends nach vollständigem Auskühlen.

Duschen und Anziehen, die Waschmaschine gefüllt und eingeschaltet, ich machte mich auf eine kleine Einkaufsrunde.

Draußen bemerkte ich, dass die Temperaturen (wie angekündigt) um mindestens zehn Grad gegenüber Allerheiligen gestiegen waren. Ich sah viele Menschen mit Jacke/Mantel überm Arm, machte zwischen zwei Einkaufsstationen einen Abstecher zurück nach Hause, um den Pulli unterm Janker abzulegen.

Zum Frühstück Semmeln vom Vortag (die guten Handsemmeln, die offensichtlich mit Sauerteig gemacht und langsam gegangen waren – ich wusste, dass die auch am nächsten Tag noch saftig sein würden), eine mit Hummus, eine mit Frischkäse und Meyer Lemon Curd.

Ich setzte mich an den Balkon und las Hayes Insomniac City aus. Zeitlich wäre danach eine Nachmittagsvorstellung im Kino drin gewesen, doch ich war noch zu sehr im Buch gefangen und wollte nicht durch eine neue Geschichte rausgerissen werden. Auch auf Zeitunglesen hatte ich aus diesem Grund erst mal keine Lust, einen Spaziergang versagte ich mir, weil meine Hüfte meldete, dass bereits die Einkaufsrunde genug Beanspruchung gewesen war.

Also kam ich auf die Idee, mein vor sechs Jahren angefangenes Strickzeug rauszukramen. Ich brauchte eine Weile, bis ich mich wieder ins (einfache) Muster reindachte, fand auch die Anleitung für den Sommerpulli aus dunkelblauem Bändchengarn wieder. Wenn ich weiterhin nur minimal Sport treiben kann, bekomme ich den vielleicht sogar bis nächsten Sommer fertig.

Dann las ich aber doch die Wochenendezeitung, bis es Zeit war, Abendessen zu kochen. Es sollte mit Ernteanteil-Schwarzkohl und -Kartoffeln Caldo verde geben (ich orientierte mich an diesem Rezept), weil mit bayerischer Kaminwurzn statt Chorizo halt Grea Caldo.

Wurde sehr gut, durch die Rinderbrühe eine richtige Festtagsversion. Zum Nachtisch Schokolade.

Im Fernsehen fand ich nach der Tagesschau rein gar nichts, was mich interessierte, las statt dessen Internet. Im Bett begann ich den nächsten Roman: Toni Morrison, Beloved.

§

Ein ganz besonderes Tänzchen im Sportstadium auf Twitter.

via @dieliebenessy

(Gibt doch sicher so ’ne Motivationspostkarte: Such dir einen Job, dessen Berufskleidung dir jederzeit Tanzen ermöglicht.)


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