Essen & Trinken

Journal Mittwoch, 12. August 2020 – Urlaub in Bremen: Bürgerpark und Rollo

Donnerstag, 13. August 2020

Nach sechs Stunden Humpeltrippeln mit zwei Pausen war ich so erledigt wie sonst nach sechs Stunden beherzter Wanderung: Es ist wohl egal, dass ich dabei mit zwölf Kilometern nicht mal die Hälfte einer früheren Wanderstrecke zurückgelegt hatte.

Den gestrigen letzten Urlaubstag in Bremen verbrachten wir nämlich im Bürgerpark (und Stadtwald, um genau zu sein). Wir hatten so lang geschlafen, dass mich beim Aufwachen der Blick auf die Uhr (es war neun) schlagartig munter gemacht hatte. Also zügiges Duschen und Bloggen, um das Housekeeping-Personal nicht zu lange aufzuhalten. Nach dem Morgenkaffee im Hotelrestaurant (der Cappuccino ist nämlich ganz hervorragend) zogen wir los Richtung Bürgerpark. Das Überseemuseum passierten wir unbesichtigt: Ich habe vorerst genug von Saurierskelett-Repliken und ausgestopften Tieren, das zusätzliche Raubgut aus ehemaligen Kolonien, das dort ausgestellt wird, hätte mir lediglich schlechte Laune bereitet. Möglicherweise sind die Tage naturhistorischer Museen gezählt.

Beim Unterqueren des Hauptbahnhofs zeigte ich Herrn Kaltmamsell, wo ich bei meinen beruflichen Aufenthalten Pause gemacht hatte, von der Rückseite des Bahnhofs aus deutete ich von Ferne auf das zukünftige weltweite Mekka postmoderner Architektur.

Die nächsten Stunden spazierten wir in großer Hitze und mit wenig und dann warmer Brise durch den Bürgerpark, vorbei an schönen Sichtachsen und Blicken, mit längerem Halt am Tiergehege, machten Mittagspause in der wunderschönen Meierei (Nizza-Salat für mich, hausgemachten Knipp für Herrn Kaltmamsell, Apfelschorle und viel Wasser für uns beide, eine Wespe aus Apfelschorleflasche gerettet), gingen hinüber in den Stadtwald und folgten dem Naturlehrpfad. Als ich eindeutige fröhliche Badesee-Geräusche hörte, gingen wir ihnen nach und standen ein wenig in der Brise des großen Stadtwaldsees. Erschütterung über den Anblick von Joggern (Bikram-Running?). Zurück im Bürgerpark kehrten wir bei Emma am See ein auf ein Bier (Herr Kaltmamsell) und ein Stück Buchweizentorte (verteidigt gegen vier Wespen) mit einem Glas Apfelschorle für mich.

Mittlerweile ging ich noch langsamer als eh schon, genoss es aber weiter, mit Herrn Kaltmamsell im Grünen zu gehen, selbst bei Hitze. Ich hätte nach einem Bus zurück zum Marktplatz schauen können, doch die Recherche erschien mir noch mühsamer als der Fußweg. Also nutzte ich ihn wenigstens, um im neuen Einkaufszentrum beim Bahnhof Obst für die Rückreise am Donnerstag zu besorgen. Doch es war klar, dass ich für ein Abendessen nicht nochmal laufen würde.

Park-Hotel.

Lokal Emma am See. Ruderbootfahren ist im Bürgerpark besonders attraktiv, denn die beiden Seen sind mit weitläufigen Wasserarmen verbunden. Nur dass es uns dafür viel zu heiß war.

Das Tiergehege, in dem es Bauernhoftiere in Kleinfassung gab: Zwergesel, Zwergziege, besonders kleine Schafe (Skudde), Zwerghühner, Zwergzebus, Meerschweinchen. In Normalgroß: Alpakas, Dammwild, Mufflons.

Die Meierei, auch von Nahem von außen und innen sehenswert.

Blick von der Meierei aus Richtung Bremen auf Park-Hotel und Domtürme – mit den Rindern davor fühlte ich mich an englische Landschaftsmalerei erinnert.

Aussichtsturm im Stadtwald.

Im Hotel musste ich mich erst mal flach auf den Rücken legen, bis die Schmerzen in Hüfte, Bein und Kreuz nachließen.

Fürs Abendessen war bereits eine weitere lokale Spezialität eingeplant: Das autochthone Bremer Street Food Rollo. Wir waren zwar am Montag im Steintorviertel am Imbiss des Erfinders vorbeigekommen, doch gestern Abend konnte ich mich nicht zum Weg dorthin aufraffen: Wir nahmen den Rollo des nächstbesten Anbieters (Falaffel für den Herrn, Tsatsiki für mich) – und aßen ihn dann auch noch im Sitzen.

In unserem Alter darf man das.

Journal Dienstag, 11. August 2020 – Urlaub in Bremen: Kunsthalle

Mittwoch, 12. August 2020

Gestern war Kunst. Nach Ausschlafen (schrieb ich vorgestern, dass ich Klimaanlagen beim Schlafen meide? Ach papperlapapp…), Bloggen und gutem Morgenkaffee im Restaurant des Hotels spazierten wir durch die bereits vormittags sengende Hochsommersonne zur Bremer Kunsthalle.

Im Erdgeschoß war ein Raum für die Ausstellung von Skulpturen aus 400 Jahren genutzt, die den Menschen darstellten, nach Größe sortiert (leider finde ich auf der Website nichts dazu, kann also Details nicht nachschlagen – hier zumindest ein Bericht des Weserkuriers).

Diese Zusammenstellung brachte mich zum Nachdenken über die Rolle des Kuratierens. Denn: Das Wesen von Skulptur besteht für mich in der Dreidimensionalität, was für mich einschließt, dass ich das Kunstwerk von allen Seiten betrachten kann. Doch das Podest, auf dem diese Skulpturenzusammenstellung ausgestellt wurde, durfte nicht betreten werden. Im Grunde waren sie zu einer Gesamtskulptur verarbeitet, die ich nur gesamt von allen Seiten betrachten konnte. Zusammen mit der stark interpretierenden Beschreibung an der Wand des Saales drängte sich mir der Eindruck auf, dass der Kurator oder die Kuratorin hier selbst Kunst machen wollten statt sich in den Dienst der Kunstwerke zu stellen. Ich weiß noch nicht, wie ich das finde.

Die Idee des Remix, unter der der gesamte Bestand der Kunsthalle einmal umgekrempelt und dann neu ausgestellt wurde, gefiel mir allerdings ausgesprochen gut. Die Einordnung der Kustwerke, die thematischen Zusammenstellungen und die Reflexionen über frühere Ausstellungskonventionen ware angenehm zeitgemäß. Für meinen Geschmack hätten die Erläuterungen der einzelnen Werke weniger interpretierend, sondern mehr beschreibend sein dürfen, aber das liegt wahrscheinlich an meiner Verwurzelung in der Literaturwissenschaft, die dem Apekt „was der Künstler damit sagen wollte“ eine stark untergeordnete Rolle beimisst.

Ein Beispiel: Für mich als Betrachterin war an diesem Kunstwerk oben relevant, dass ich mich darin spiegelte und dass die spiegelnde Oberfläche das Werk durch einen Lichtreflex auf dem Boden davor fortsetzte. Ob die Künstlerin (leider finde ich das Werk nicht im Online-Katalog) das beabsichtig hat, ist mir unwichtig.

Es gab wirklich ein Menge zu sehen. Nach drei Stunden war ich nicht mehr aufnahmefähig und befasste mich in den verbleibenden Räumen nur noch mit einzelnen Werken.

Wir traten hinaus in die Hitze und spazierten sehr langsam in heißem Wind durch den Wall hinüber zur Mühle.

Dort gab es viel Wasser und die erste Mahlzeit des Tages (halb drei ist für Nicht-Arbeitstage ja normal bei mir). Es gab Bruschetta für den Herrn, ich hatte Matjes nach Hausfrauen Art.

Rückweg mit Abstechern im Hachez-Laden und im Bremer Teekontor (jajaja, die Produkte bekäme ich auch in München, ABER), Abkühlen im wohltemperierten Hotelzimmer mit Internetlesen. Auch wenn die Glocken des Doms ausgesprochen häufig läuten: Ich habe selten so wohlklingende Glocken gehört.

Fürs Abendessen folgten wir der Empfehlung einer ehemaligen Bremen-Studentin ins Viertel und aßen im Kleinen Lokal.

Es gab (von links unten gegen Uhrzeigersinn) Saibling mit Erbsenvariationen, Kabeljau mit Blumenkohl, Spargel, Sommertrüffel und Hummerschaum, gerösteten Pulpo mit Spinatcoulis, Bohnenkernen und eingelegtem Fenchel.

Links der Hauptgang: Lammrücken und hausgemachtes Knipp (aus Lamm, eine Art Grützwurst und die lokale Spezialität) mit Bärlauch, Safrangraupen, Kichererbsen und Artischocke. Statt Dessert nahmen wir Käse. Mit Wein ließen wir uns glasweise begleiten und waren ebenso zufrieden wie mit den Speisen.

Spaziergang zurück im Abendlicht.
Nachtrag, weil für die Chronik relevant: Vom Außenbereich des Restaurants aus hörten und sahen wir zwei Mauersegler – fast zwei Wochen nach den letzten in München.

§

Die gestrige Süddeutsche schilderte auf der Seite Drei den Fall von Roberto Rocca, einem kerngesunden 29-jährigen, der COVID-19 überlebte – und jetzt einen Rollator zur Fortbewegung benötigt (€):
„Ich doch nicht“.

Clemens Wendtner, Chefarzt der Infektiologie, sagt: „Er hat wirklich die ganze Palette der Intensivmedizin bekommen. Ohne Intensivstation wäre das nicht so gut ausgegangen.“

Alexandra Vossenkaul, Co-Chefin der Intensivstation, sagt: „Da hat man oft dagestanden und gedacht: Mein Gott, der ist sechs Jahre jünger als ich.“

Clemens Cohen, Nephrologe, sagt: „Wir kennen viele verschiedene Krankheiten, die vogelwilde Sachen machen. Wo Sie denken: Ulkig, was die Natur da alles anstellt. Bis jetzt war es aber so: Bei all diesen Krankheiten konnten Sie an den Computer gehen oder in einem Buch nachschlagen und sich einlesen. Aber hier, bei Covid-19, gab es einfach nichts.“

(…)

Dass er keine Luft bekam, ist das Letzte, woran er sich erinnert. Das war am 26. März. Das Nächste, woran er sich erinnert, ist, dass er aufwachte, den ganzen Körper voller Schläuche, Kabel und Kanülen, und vor ihm stand eine Ärztin, die sagte: Herr Rocca, heute ist der 4. Mai.

Journal Montag, 10. August 2020 – Urlaub in Bremen: Schnoor, Viertel, Geschichten und Schlachte

Dienstag, 11. August 2020

Gemischte Nacht: Einerseits wollte ich gerne die Nachtkühle nutzen, andererseits weckten mich bei offenem Fenster die Glocken des Doms, die eisern jede Viertelstunde schlugen. (An sich bin ich gegen Klimaanlagen immun, aber nachts scheue ich sie.)

Aufgewacht zu Hochsommersonnenschein.

Frühstückskaffee gab’s bei der amerikanischen Kette, dann spazierten wir ins mittelalterliche Stadtviertel Schnoor, in dem die Geschäfte gerade öffneten und wo wir noch wenigen Besucherinnen und Besuchern begegneten.

Hinein gingen wir in die Bonbon-Manufaktur und hatten viel Spaß dort.

Gleich angrenzend an den Schnoor: Ein Ensemble, das mich verdächtig an den unvergleichlichen Postmoderismus des CongressCentrums erinnert – gleicher Architekt?

In immer heißerer Sonne spazierten wir vorbei an der Kunsthalle in den Ortsteil Viertel: Hier hatte ich zweimal beruflich übernachtet und beim feierabendlichen Spazieren einige Läden entdeckt, in denen ich gerne eingekauft hätte, ich war halt nie zu Öffnungszeiten da. Das wollte ich jetzt nachholen.

Und wurde enttäuscht: Der Laden mit handwerklichem Geschirr und mit Holzwaren ist über den Sommer ein Obstverkauf, andere Geschäfte gab es nicht mehr oder sie machten gerade Sommerferien. Wir beschränkten uns also darauf, den Ostertorsteinweg / Vor dem Steintor entlangzuspazieren, hin und wieder in eine der entzückenden grünen Seitenstraßen.

Ein wunderbar buntes Viertel, überraschend groß, geprägt von unkonventionellen Menschen, politischem Bewusstsein und Aktivismus, von Zuwanderung, von Offenheit gegenüber vielen Kulturen – bemerkenswerter Weise noch nicht weg-gentrifiziert. Auch die Menschen, denen wir begegneten, waren sehr verschieden.

Zum Essen ließen wir uns an einem Tisch vor einem veganen Lokal nieder und aßen gemischte mediterrane Vorspeisen – sehr gut.

Die anschließende Stadtführung des Touristikbüros führte uns zwei Stunden zwar nicht an neue Orte, doch erfuhren wir eine Menge über die Gebäude und Gegenden, die wir seit gestern selbst schon in der Innenstadt gesehen hatten. Sie strengte mich allerdings ziemlich an: Zum einen prügelte die Sonne sehr heiß herunter, und die Stadt bot wenig Schatten, zum anderen ging ich gestern besonders schlecht.
(Weil auch diesmal der Satz fiel, Kolumbus habe Amerika „entdeckt“: Wie drückt man das eigentlich sachlich richtig aus? „Kolumbus hat Amerika für Europa erschlossen“? Wobei ja bis heute unklar ist, ob Kolumbus überhaupt verstanden hat, dass er an einen Kontinent geraten war, den weder Europa noch Asien auf ihren Karten hatten.)

Danach brauchte Herr Kaltmamsell einen Eisbecher. Man ist ja auch Partnerin, also begleitete ich ihn selbstlos.

(Foto hauptsächlich weil ich dieses neue Hemd an Herrn Kaltmamsell sehr begrüße.)

Im gut gekühlten Hotelzimmer verbrachten wir die nächsten Stunden lesend. Als es auf 20 Uhr zuging, konnte ich erstaunlicherweise bereits wieder an Essen denken. Urlaub gleicht darin Familienfeiern: Gutes Essen setzt nicht unbedingt Hunger voraus. Wir gingen also zu einem empfohlenen edlen Italiener in der Nähe und lernten den Bezirk Schlachte kennen.

Es gab gegrillte Calamaretti zur Vorspeise, dann Tortelloni mit Fleischfüllung für Herrn Kaltmamsell, Ravioloni gefüllt mit Fasan und in Salbeibutter für mich. Dazu empfahl der freundliche Kellner einen Vermentino di Sardegna. Wir hatten an allem viel Freude und genossen das Sitzen in mildem Abendhauch, während der Tag zu Nacht wurde.

Verdauungsspaziergang über die Teerhofbrücke.

§

Ungesunde Schönheitsideale:
„Das ist wie eine Geschlechtskrankheit im Kopf“

Mütter kritisieren ein Leben lang die Körper ihrer Töchter. Das ist übergriffig und vergiftet deren Liebesbeziehungen, sagt die Psychotherapeutin Irmgard Hülsemann.

Journal Samstag, 8. August 2020 – Urlaub in Oldenburg: Ausflug nach Groningen

Sonntag, 9. August 2020

Unsere Gastgeberinnen hatten einen Ausflug in die Niederlande mit uns geplant, genauer: nach Groningen, wo eine der beiden studiert und gewohnt hat.

So gab es lediglich einen kurzen Morgenkaffee, dann brachen wir im Haus-eigenen Kleinauto Richtung Niederlande auf. Schon vor zehn war es ziemlich heiß.

Viele Vogelsichtungen auf der anderthalbstündigen Fahrt: Reiher, viele Greifvögel, Krähen, Elstern. In Groningen stellten wir das Auto ab und spazierten zu einem Fahrradverleih, bei dem die Gastgeberinnen Fahrräder reserviert hatten.

Eine ganz entzückende Stadt, wie ich im Verlauf des Tages feststellte. In einer der Altstadtgassen gab es Frühstück.

Mit den Rädern fuhren wir hinaus aufs Land. Der Fahrtwind des langsamen Radelns war hochwillkommen: Die Sonne brannte, es war sehr heiß (kenne ich ja von den Niederlanden – „Und, Obelix, wie sind die Niederlande so?“ „Heiß.“). Aber halt auch sehr, sehr schön von diesen Fahrradwegen aus: Kühe, Kanäle, Wiesen, Windmühlen, Alleen, Dörfchen, Schwalben, Reiher, Schwäne, Blesshühner. Dazu Erklärungen hiesiger landwirtschaftlicher Strukturen.

In dieser Mühle wurde sogar gerade gemahlen, es gab Mehle und Brotmischungen in einem kleinen Laden innen.

Wir nutzten immer wieder Schatten für Wasserpausen, dennoch kamen wir nach der guten Stunde Rundweg ziemlich zerflossen zurück in die Stadt. Die ortskundige Gastgeberin zeigte uns prächtige alte Universitätsgebäude inklusive eigene Geschichte dazu, wir sahen nach einigen Stellen, die sich seit ihrer Studienzeit verändert hatten.

Erholungsbierchen in einem kühlen Traditionsgasthaus, dann nutzten wir den samstäglichen Markt für Abendessenseinkäufe: Es sollte Fisch geben, die Wahl fiel auf kleine Seezungen.

Nun aber das niederländisch-kulinarische Highlight vor Ort:

Bitterballen, die frittierten Ragout-Kroketten, die ich ebenfalls im Vorjahr kennen- und schätzengelernt hatte. Mit Bierchen.

Zurück in Oldenburg ein weiterer geselliger Abend. Die Seezungen kamen in die Pfanne und wurden ein köstliches Abendessen. Unter anderem.

Viele Informationen darüber, wohin sich universitäre Strukturen seit meiner Studienzeit verändert haben – und wie in den vergangenen Monaten mit den Folgen der Pandemie umgegangen wurde.

Der Himmel hatte inzwischen zugezogen, es kühlte leicht ab.

Journal Freitag, 7. August 2020 – Urlaub in Oldenburg: Freundinnengrillen

Samstag, 8. August 2020

Weiterreise: Vormittags verließen wir das Hotel, setzten uns auf dem Weg zum Bahnhof auf einen schnellen Morgenkaffee. Brotzeitkaufen im Bahnhof, dann langes Warten: Unser Zug nach Oldenburg war ordentlich verspätet wegen „Personen im Gleis“ – das wird man wohl nie verhindern können.

Als sie dann endlich begann, war die Reise aber ereignislos und angenehm temperiert. In Oldenburg wurden wir abgeholt, freuten uns sehr über das Wiedersehen mit unseren Gastgeberinnen.

Wir besichtigten das Haus der beiden, das wir zuletzt im Renovierungs-Rohbau gesehen hatten – es ist absolut großartig geworden.

Im hochsommerlichen Garten gab es neben Spatzen und Meisen erst Beerenkuchen, dann als Aperitif weißen Sangria, ersten Austausch von Geschichten, bevor wir das große Grillen zum Abendessen vorbereiteten. Ich durfte Pimientos ernten, dicke Bohnen enthäuten.

Es gab einen Grill-Rundumschlag mit Garnelen, Auberginen, Roten Beten, Mais, Hähnchen, Lamm, dazu Bohnensalat, Melonensalat, frisch eingelegte Salzgurken – ausgiebigstes und genüssliches Gefutter. Währenddessen wurde der Sommerabend zu einer Sommernacht, allerdings spürbar später als in München. Wir guckten Sterne und Sternschnuppen, erzählten einander und fühlten uns wohl.
(Im Gespräch stellte sich heraus, dass meine schlagartigen Kreuzbeschwerden halt ein klassischer Hexenschuss waren. Braucht zwar niemand, Ursachen sind im Grunde wissenschaftlich immer noch vage, doch es bedeutet, dass nichts kaputt ist und ich einfach ein wenig Geduld haben muss. Mein Befinden ist ja auch schon deutlich besser als am Montag. Sie sehen mich erleichtert.)

Journal Donnerstag, 6. August 2020 – Urlaub in Frankfurt: Markt Konstablerwache, Städelmuseum, Taunuswanderung

Freitag, 7. August 2020

Wieder eine Nacht hinter mich gebracht, zu einem Hochsommertag erwacht.

Donnerstag ist Markt an der Konstablerwache, den wollte ich gerne sehen. Für den Morgenkaffee setzten wir uns auf dem Weg vor ein Kettencafé in den Schatten, ebenfalls auf dem Weg sah Herr Kaltmamsell in einem Schaufenster Ersatz für seine beim Waschen zu klein gewordene, sommerlich leichte Schiebermütze und ging sie kaufen.

Der Markt war tatsächlich schön und sehenswert, die Stände der heimischen Obst- und Gemüse barsten schier vor der derzeitigen Ernte. Dazwischen interessante Metzger-, Honig-, Bäcker- und Blumenstände, im Zentrum die Wein- und Saftanbieter. Wir holten uns zum Frühstück eine Worscht, hinterher gab es Apfelwein gespritzt – auch den unter Corona-Umständen mit Absperrungen und Kontaktdatenzettel.

Wir sahen uns in der neuen Altstadt und der alten Altstadt um. Vorm Römer mussten wir einem Fotografierszenario ausweichen, das schwer nach instagram-Influencerei aussah. Spontan probierte ich das auch mal aus.

Durch Fachwerkhäuser mäanderten wir zum Main und Richtung Städelmuseum, dort kamen wir in der Mittagshitze an. Innen war es angenehm kühl, zwischen den wenigen Besuchern konnten wir uns entspannt bewegen.

Nach einem kurzen Rundgang durch die Etage mit Alten Meistern konzentrierten wir uns auf die Ausstellung „En passant“: Impressionismus in der Skulptur. (Ich empfehle den Einführungsfilm auf der verlinkten Seite.)

Die zentrale Figur, Edgar Degas‘ Tänzerin begeisterte mich besonders: Dieser Blick mit gerecktem Kinn unter halb geschlossenen Lidern, die ganze lässige und doch tief energiegeladene Körperhaltung – ich sah die Urform des Tank Girl. Zur Entstehungszeit war die Figur ein Skandel, man sah in dieser Figur eine Prostituierte – weil offensichtlich nur eine solche Selbstbewusstsein und Selbstbestimmung zeigen würde.

Für einen Snack spazierten wir hinüber in den Garten des Liebieghauses. Das Stück Kuchen und das Glas Apfelschorle (aus besonders aromatischem Apfelsaft) nahmen wir allerdings sehr gehetzt zu uns, weil uns ein Dutzend Wespen störten und jeden Bissen, jeden Schluck gefährlich machten.

Kurzes Ausruhen im Hotelzimmer, dann brachen wir zu einer Verabredung auf: Eine Bloggerin der ersten Stunde machte eigens für uns früher Feierabend in der Bank (when in Frankfurt…), um uns in den Taunus zu einer kleinen Wanderung zu fahren. Für mich Münchnerin klingt Taunus etwa so exotisch wie Vesuv, tatsächlich war es eine Fahrt in eine wunderschöne hügelige Gegend in nicht zu heißer Abendsonne.

Auf dem Rundweg in der Sonne sahen wir Falken, Bussarde, Feldlerchen, Schwalben, beunruhigend trockenen Wald, begleitet von anregenden Gesprächen. Ich genoss es sehr, die abgeernteten Felder zu sehen, durch spätsommerlich blasse Blumenwiesen zu gehen, überhaupt meine innere Jahreszeitenuhr durch das freie Draußen zu kalibrieren.

Zum Essen fuhr uns die Dame nach Kronberg, wir ließen uns vor dem Gasthaus Zum grünen Wald nieder.

Bitte auf der Tonspur dazudenken: Den Männerchor, der im ersten Stock mit Klavierbegleitung probte.

Die Vorspeisen waren links Pulpo mit Fenchel und Brotsalat, vor mir eine Burrata auf Tomaten mit Pesto und Grissini, alles hervorragend. Ich trank dazu ein Glas St.Laurent Rosé Borell Diehl, Pfalz.

Hauptgang von links: Linguine mit geschmortem Weißkohl und Tomatenpesto, Coque au vin, Wiener Schnitzel, wir waren sehr zufrieden.

Auf der nächtlichen Fahrt zurück tauchte plötzlich wie eine Theaterkulisse die Lichter-Skyline von Frankfurt auf – die ist schon etwas sehr Besonderes.

Journal Dienstag, 4. August 2020 – Urlaub in Frankfurt mit Museum Judengasse, Kleinmarkthalle und Emma Metzler

Mittwoch, 5. August 2020

Hier in Franfurt wohnen wir im Bahnhofsviertel – das tun wir ja in München auch, und wenn man sich schon mal so weit weg von Zuhause und in eine derart fremde Kultur begibt, möchte man halt eine vertraute Umgebung.

Das ist (wie ich bereits von Geschäftsreisen wusste) ein ganz besonders schönes Bahnhofsviertel: Sensationell bunt und kuschlig, allerdings viel weitläufiger als das in München, minus Krankenhäuser, dafür hat’s dazwischen auch schicke Häuser. Auf unseren Wegen entdeckte ich gestern eine türkische Buchhandlung, spannende Bäckereien und einen hochgradig schicken Barber-Shop. Und vom Fenster unseres Hotelzimmers aus sieht man die Rückseite einer Nachkriegskirche.

Wir folgten gestern zum Frühstück einer weiteren Empfehlung: Café im Liebieghaus. Da es erst um 10 Uhr öffnet, trödelten wir bis dahin lesend herum. (Mein Nachtschlaf war zwar häufig unterbrochen, beim Aufstehen schmerzten erstaunlich viele Körperstellen, doch ich schlief immer gleich wieder ein.)

Blauer Himmel und Sonne, der Spaziergang zum Café war sehr schön, dass Café selbst auch, Cappuccino, Müsli, Baguette, Kuchen bildeten ein befriedigendes Frühstück.

Frankfurt verbinde ich schon immer mit jüdischer Kultur, sowohl historisch als auch aktuell. Beim Recherchieren nach einem jüdischen Museum erfuhr ich zum einen, dass das große (und älteste in Deutschland) derzeit wegen Umbaus geschlossen ist, dass es aber ein kleines und im Grunde viel besondereres gibt: Das Museum Judengasse gleich beim Alten jüdischen Friedhof, dass die Ausgrabung des einstigen Ghettos einschließt, des ersten überhaupt. Dorthin spazierten wir also nach dem Frühstück.

An den anderen Touristen sah ich, dass man auf der Eisernen Brücke ein Selfie machen muss, sonst kriegt man den Touristenstatus abgesprochen. Und Frankfurt BRAUCHT den Tourismus!

Gleich vor dem Museumseingang stoppte ich an der Mauer um den alten Friedhof:

Name um Name von jüdischen Frankfurterinnen und Frankfurtern, die die Nazis in der Shoa umgebracht haben.

Der Alte jüdische Friedhof ist eine Rekonstruktion, auch ihn haben die Nazis zerstört.

Das Museum ist großartig: In verschiedenen Medienformen erzählt es die Geschichte der Juden in Frankfurt und welch integraler Teil der Frankfurter Geschichte sie ist.

Eine Animation führt durch die Jahrhunderte, unterstützt von einem durchsichtigen Modell des Ghettos um die Judengasse und jeweilige Beleuchtung das Dargestellten.

Die Erklärung der Schaukästen wird in einem unauffälligen Bildschirm in der Oberfläche dagestellt, mit einer Taste schaltet man weiter.

In einem eigenen Raum kann man Musik hören, sich literarische Quellen vorlesen lassen.

Und dann natürlich die ausgegrabenen Fundamente, die mit Grundrissen, Schildern, anhand von Fundgegenständen erklärt werden. Sehr, sehr empfehlenswert.

Das Laufen ging gut genug, dass wir anschließend in die Innenstadt abbogen, zunächst zum Kaiserdom. Ich mochte die gemütliche Ausstrahlung der Proportionen, den roten Stein, die vielen Farben.

Wieder eine Empfehlung auf meine Twitterfrage war die Kleinmarkthalle. Da ist es schön: Solch ein Vielfalt an Fleisch, Fisch, Gemüse, Gewürzen, Käse, Spezereien! Hier würde ich sehr viel lieber einkaufen als am Münchner Viktualienmarkt, der mir ob seiner Schlitzohrigkeit und Touristenausrichtung einfach nie näher gekommen ist.

Nach einem ausführlichen Rundgang ließen wir uns bei einem Italiener auf der Galerie nieder, tranken Wein (Herr Kaltmamsell) und Hugo (ich) aßen Antipasti und ruhten uns aus.

Und dann wollte ich doch die Zeil entlangehen: Die Einkaufsstraßen anderer Stadtviertel sind sicher origineller, doch beim ersten Besuch einer Stadt müssen es erst mal die Mainstream-Attraktionen sein, und wenn es halt eine Fußgängerzone ist, deren Läden sich nicht von denen in der Münchner Kaufingerstraße unterscheidet. Außerdem hielt ich es für wahrscheinlich, dass man in der aktuell so touristenarmen Zeit dort viel gemischte Frankfurter zu sehen bekommen würde.

Genau so war es dann auch, ich guckte mich gerne unter den Leuten um. Hier bestätigte sich zudem mein bisheriger Eindruck der Innenstadtarchitektur Frankfurts: Stark von den 1960ern geprägt, die ich ja mag (Messing!).

Ausruhen im Hotelzimmer. Ich erfuhr aus dem Interet, dass es in der bayerischen Heimat seit Montag so stark weitergeregnet hatte, dass es Hochwasserwarnungen gab, sogar für Münchner Stadtteile (Giesing, Thalkirchen – hatte nicht genau das durch die Isar-Renaturierung verhindert werden sollen?).

Fürs Abendessen hatte ich einen Tisch bei einer weiteren Empfehlung reserviert: Emma Metzler. Wir saßen im schönen Freien und wurden entspannt umsorgt. Von der Speisenkarte lachten uns die Vorspeisen am meisten an – wir fragten vorsichtig, ob wir einfach bei denen bleiben könnten? Selbstverständlich, und so bestellten wir davon jeweils drei.

Zum Start gab es Tomaten „Berner Rosen“, geräucherten Ricotta, Kürbiskerncreme und Tagetes (!) für mich, für Herrn Kaltmamsell Sauerteigbrot und aufgeschlagene Nussbutter. Dazu ein Glas Riesling Kabinett „Wallufer Oberberg“ aus dem Rheingau. Alles ganz wunderbar.
Dann aßen wir beide Entenleberterrine, gegrilltes Brioche und eingelegte Aprikosen, dazu wurde uns ein Glas Cidre „Roter Trierer“ empfohlen, der ganz ausgezeichnet passte.

Dritte Vorspeise war gegrilltes Knochenmark für den Herrn, ich hatte Buchweizenblini, Pfifferlinge, Onsenei und Schafskäse. In die Desserkarte hatten wir eigentlich nur interessehalber schauen wollen, doch es wurden dann doch Erdbeeren Mara de Bois, Sahne und Karamellblatt für ihn und Joghurtparfait, Kirschen und eingelegte Nadelbaumtriebe für mich – wunderbar.

Blick zurück aufs Lokal, das an den Metzlerpark angrenzt.

§

Alle Jobs an einem Filmset im Kurzüberblickfilmchen.


Durch die weitere Nutzung der Seite stimmst du der Verwendung von Cookies zu. Weitere Informationen

Die Cookie-Einstellungen auf dieser Website sind auf "Cookies zulassen" eingestellt, um das beste Surferlebnis zu ermöglichen. Wenn du diese Website ohne Änderung der Cookie-Einstellungen verwendest oder auf "Akzeptieren" klickst, erklärst du sich damit einverstanden.

Schließen