Essen & Trinken

Journal Sonntag, 20. Juni 2021 – Helen Macdonald, Vesper Flights

Montag, 21. Juni 2021

Wieder schlief ich nicht so lange, wie ich müde war. Nutzte ich das frühe Aufwachen halt für Emsigkeit: Die Wäsche aus der programmierten Waschmaschine aufhängen, Pflanzen gießen.

Draußen war es verhangen und diesig schwül, aber nicht heiß – das erleichterte mich, denn ich hoffte auf eine Laufrunde.

Es wurde immer düsterer, die Temperatur aber war ideal für Draußensport. Erst mal absolvierte ich in Laufkleidung die Orthopäden-Gymnastik, dann spazierte ich über den Südfriedhof zur Wittelsbacherbrücke, lief von dort Richtung Flaucher, die ersten paar hundert Meter durch Partymüll inklusive Scherben. Schon um neun waren recht viele Läufer*innen sowie Hundegassigänger*innen unterwegs, ich musste immer wieder Slalom laufen. An der Thalkirchner Brücke Maria Einsiedel kehrte ich um, ab der Brudermühlbrücke und nach 55 Minuten problemlosem Joggen wechselte ich zum Gehen.

Ich hätte nichts gegen einen erfrischenden Regenguss gehabt, statt dessen wurde es sonnig. Auf dem Heimweg machte ich gemütliche Umwege durchs Glockenbachviertel, unter anderem mit Semmelholen. Zum für mich frühen (12 Uhr) Sonntagsfrühstück gab es also Semmeln.

Vorher hatte ich dann doch die Wohnung wieder gegen Hitze verrammelt. Im Dunklen machte ich ausgiebig Siesta.

Das Bachmannpreislesen vergangene Woche (nur die Jurysitzung fand vor Ort in Klagenfurt statt, die Autor*innenlesungen wurden als Aufzeichnungen eingespielt) nur aus zweiter Hand über die Twitter-Kommentare verfolgt, gestern wurde als Gewinnerin Nava Ebrahimi ermittelt. Ihr Text gefällt mir: „Der Cousin.“ Nächstes Jahr möchte ich wieder nach Klagenfurt reisen, gestern habe ich bereits mit einer Co-Schlachtenbummlerin eine Ferienwohnung reserviert.

Zum Bügeln (Sommerzeit ist Bügelzeit) hörte ich die Folge Hotel Matze „Katja Berlin – Warum nimmt man Humor nicht ernst?“ und war bestens unterhalten (ihr Lieblingsbuch ist Beloved!). Unter anderem hochinteressant fand ich, wie Katja ihre ganz persönliche Arbeitsweise beschrieb.

Gegen den Hunger, aber ohne Appetit als Nachmittagssnack Haferflocken mit Milch, ein Flachpfirsich.

Auch den Tag über hätte ein Gewitter dem Wochenende gut getan, mit Neid verfolgte ich auf Twitter die Meldungen aus Stuttgart. Immer wenn ich auf den Balkon trat in der Hoffnung, der düstere Himmel könnte die Temperatur gesenkt haben, war es draußen immer noch wärmer als in der Wohnung. Mich zog nichts raus.

Zum Nachtmahl hatte Herr Kaltmamsell Bulgursalat aus Katha Seisers Immer schon vegan gemacht und Grillkäse dazu gebraten.

Bester Bulgursalat jemals!

§

Helen Macdonald, die ich von ihrem großartigen H is for Hawk kenne, schreibt hin und wieder Essays, die Naturbeobachtung mit der Anaylse von Naturrezeption vermischen – im weitesten Sinn, denn sie enthalten immer auch den sehr persönliche Blick von jemandem, die als seltsames und einsames Kind von klein auf Tiere und Natur sehr gründlich beobachtete, deren Lebenslauf eher mäanderte als gradlinig verlief, die bis heute ein sehr eigentümlicher Mensch ist. Das Buch Vesper Flights (eben auch in deutscher Übersetzung von Ulrike Kretschmer als Abendflüge erschienen) sammelt einige dieser Essays.

Eigentümlich und anders ist auch, dass sie Tiere immer wieder in sehr menschengeformten Umgebungen beobachtet: Nachtvögel vom Empire State Building in New York aus, die größte Turmfalken-Population Dublins in Industrieruinen. Es ist Helen Macdonald ein großes Anliegen, den Blick darauf zu richten, wie stark sich das vermischt, dass „Natur“ nichts ist, zu dem man möglichst weit und in abgelegene Gebiete fahren muss. In einem Text weist sie sogar auf das Risiko von Naturparks hin: Dass die Menschen glauben könnten, wenn sie alles wilde Leben dort hinein verschieben, könnten sie es außerhalb folgenlos ignorieren oder zerstören. Immer wieder machte sie sich Gedanken darüber, warum wir mit wilden Tieren interagieren, wie wir es tun, warum sie so starke Gefühle auslösen können. Oder sie recherchiert, wie sich Vogelbeobachtung und die daraus resultierende Systematik in den vergangenen hundert Jahren verändert haben (Macdonald ist studierte Wissenschaftshistorikerin).

Ich musste deshalb sehr an sie denken, als ich Samstag in Ingolstadt auf der Busfahrt vom Bahnhof Ingolstadt Audi nach Etting inmitten der lebensfeindlichen Funktionalität der Fabrikstadt Audi die Silhouette eines Turmfalken fliegen sah – und gleich darauf am roströtlichen Gefieder einen weiteren erkannte, der sich gerade in der Spitze eines Strommastes niederließ.

Empfehlenswertes Buch – selbst wenn Sie eine Amsel kaum von einer Krähe unterscheiden können.

Journal Freitag, 18. Juni 2021 – Vorgezogene Mittsommerfeier

Samstag, 19. Juni 2021

Die Nacht eher auf der besseren Seite, Rückenschmerzen nach orthopädischer Behandlung ein wenig besser. Nach meinem Balkonkaffee (wieder kurz nach sechs warm genug draußen) nahm ich mir Zeit für die neuen Orthopäden-Übungen. Außer der einen, für die ich meinen Sportpark mit einer Pilatesrolle aufrüsten muss – mache ich sogar, denn in der Nach-Reha gab es damit eine besonders schöne Stabilisierungs-Übung.

Herr Kaltmamsell musst sehr früh in die Arbeit, also übernahm ich vor meinem Abmarsch die Wappnung der Wohnung gegen Hitze: Fenster in den kühlen Innenhof gekippt, alle anderen zu, Rollläden zur Südseite runter. Der sonnige Weg in die Arbeit war mit Morgenbrise noch angenehm, doch schon im Büro brach ich in Schweiß aus.

Danger and excitement! Meinen Vormittags-Cappuccino bestellte ich diesmal mit Hafermilch – schmeckte mir tatsächlich sehr gut (die vorherige Erfahrung mit Mandelmilch in einem Brightoner Café hatte mich abgeschreckt).

Mittagessen war Hüttenkäse mit Joghurt und mittelguten Aprikosen.

Medizinische Telefonate: Den ersten möglichen Termin zur Blutuntersuchung bekam ich in einer Woche – ich hoffe noch mehr als eh, dass da keine Entzündung ist, die eine weitere Woche Zeit zum Wüten hätte. Sogar den ersten Physio-Termin bekam ich früher (wenn mich diese Praxis überzeugt, bitte ich um Behandlung meines Rückenproblems zum Selberzahlen).

Draußen stieg die Hitze, doch im Büro war es erträglich – auch wenn ich wieder im 20-Minuten-Wechsel saß und stand.

Nach Feierabend ging ich langsam heim, die Theresienwiese in gleißender Sonne recht leer: Bei diesem Temperaturen hatten wenige Lust auf Sport.

Ich war mit Herrn Kaltmamsell zum Mitsommeressen verabredet (Sonnwend ist erst am Montag, aber die Umstände): Wir hatten wie schon ein paar Mal zuvor einen Tisch in der Acetaia reserviert, dieses Jahr war das Wetter passend für den wunderschönen Außenbereich.

Das erste Mal Lippenstift seit – ich kann mich nicht erinnern.

Wir radelten raus nach Neuhausen, auf der Hackerbrücke saß noch kaum ein junger Leut – zu heiß. Ich träumte von einer Radl- und Fußverkehr-freundlichen Nymphenburger Straße (rechts von den Bäumen breiter Fußweg, links davon breite Fahrradspur und nur eine Autospur).

Die nächsten Stunden ließen wir uns in der Acetaia mit Menü plus Weinbegleitung verwöhnen. Zunächst war ich sehr froh, dass ich daran gedacht hatte, einen Fächer mitzubringen, doch dann kühlte es endlich ein wenig ab.

Geschmortes Rind mit Reiskrokette.

Mein Lieblingswein des Abends: Sizilianischer Nozze d’oro 2016 aus der Magnumflasche.

Bonito-Tartar mit Limette und Gurke.

Die Ravioli mit Schafskäsefüllung wurden wie immer mit altem Balsamico überträufelt.

Wunderbarer Seeteufel.

Das Sößchen am Blätterteig-Dessert hatte bereits Café enthalten, damit war unser Espresso-Bedürfnis gedeckt.

Beim Heimradeln nach zehn war immer noch ein heller Schein am Himmel, die Hackerbrücke wurde jetzt deutlich lebhafter genutzt. Erstmals roch ich Lindenblüten; davor hatte der Liguster dominiert, die Robinienblüte hatte ich dieses Jahr fast gar nicht erschnuppert. Dafür blüht hier der Holler so dick wie nie.

§

@giardino erinnerte gestern an einen Sommerhit meiner Jugend, den ich vergessen hatte – und der mich plötzlich ungeheuer mitnahm. Alices „Summer on a solitary beach“.

Aktivieren Sie JavaScript um das Video zu sehen.
https://youtu.be/SIC70AJ2Li8

Journal Dienstag, 15. Juni 2021 – Nachdenken über psychische Stereotypisierung

Mittwoch, 16. Juni 2021

Ein Artikel aus der Wochenend-Süddeutschen von Barbara Vorsamer arbeitete noch länger in mir (€):
„Auf eigene Verantwortung“.

Eine psychische Erkrankung ist kein Grund für Scham – aber auch kein Freibrief. Wer das Verhalten von Menschen mithilfe ihrer Diagnose erklärt, macht es sich viel zu einfach.

Anhand der aktuellen Beispiele Claas Relotius, Naomi Osaka und Herzogin Meghan kritisiert Barabara Vorsamer, dass deren Handlungen als unausweichlich beschrieben werden.

Egal ob man eine psychische Krankheit dafür benutzt, eigene Verfehlungen zu entschuldigen, oder dafür, die Bösartigkeit anderer zu belegen: Derlei Verallgemeinerungen sind unlauter und werden Millionen Menschen mit seelischen Leiden nicht gerecht, die – oft unter enormer Astrengung – ein normales Leben führen und als unsere Kolleginnen, Nachbarn, Chefinnen und Freund überall um uns herum sind. Jeder vierte Deutsche hat im Laufe seines Lebens eine psychische Erkrankung, die wenigsten verlieren dabei völlig den Kopf. Die Gleichsetzung von „psychisch krank“ mit „nicht ganz zurechnungsfähig“ ist aber leider ein weit verbreitetes Vorurteil.

(Vielen Aspekten des Artikels stimme ich aber nicht zu, vor allem dem Teil um Naomi Osaka. Und mir missfällt, dass Vorsamer Selbstaussagen und Berichterstattung nicht klar voneinander trennt.)

Jetzt wieder meine Sicht: Ob Depression oder eine neurodiverse Veranlagung – das sind ist keine Charaktereigenschaften. Sie machen niemanden automatisch zu einem Menschen, der über menschlichen Werten steht, niemand besteht nur aus seiner Erkrankung oder seiner neurologischen Kondition. Unter Depressiven wie Neurodiversen gibt es freundliche und unfreundliche, gibt es selbstlose und Egoisten, gibt es faule und fleißige, ehrliche und unehrliche, gibt es dumme und schlaue, gibt es lebhafte und ruhige, aufmerksame und rücksichtslose.

Und wenn jemand ständig eigene Befindlichkeiten über die des Gegenübers oder der Umgebung stellt, über rücksichtsvolles Verhalten oder einfach nur Höflichkeit (diese Abwägung machen sich ja auch Neuronormale und Nicht-Depressive nicht einfach) – dann ist das eben schlechtes Benehmen.

Mir fielen dazu die Äußerungen von Ted Chiang zu freiem Willen ein (das bereits empfohlene Interview ist wirklich eine Goldgrube – hier übrigens das Transkript): Chiang glaubt an die Existenz des freien Willens, aber auch, dass dieser verschieden starken Einschränkungen unterliegen kann. Ich zitiere mal die ganze Passage:

I think that free will is not a all or nothing idea. It’s a spectrum. Even the same individual in different situations may sort be under different levels of constraint or coercion. And those will limit that person’s free will. And clearly, different people, they will also be under different levels of constraint or coercion or have different ranges of options available to them. So free will is something you have in varying degrees. So, yes, someone who has had childhood exposure to lead and thus has poor impulse control, they are, say, less free than someone who did not have that.

But they still have more free will than, say, a dog, more free will than an infant. And they can probably take actions to adjust their behavior in order to try and counter these effects that they are aware of on their impulse control. And so in the much more and sort of pragmatic real world context, that is why, yes, I believe that we do have free will. Because we are able to use the information we have and change our actions based on that. We don’t have some perfect theoretical absolute version of free will. But we are able to think about and deliberate over our actions and make adjustments. That’s what free will actually is.

Eine psychische Erkrankung oder Neurodiversität kann solch eine Einschränkung sein, hebt aber die Existenz von freiem Willen nicht auf.

Die Konsequenz aus all diesen Gedankengängen für mich ganz persönlich: Meine Gefühlspolizei hat mir erlaubt, verletzt und beleidigt zu sein, wenn sich Menschen mit größerem Befindlichkeitsspektrum mir gegenüber wiederholt rücksichtslos verhalten. Ab einem gewissen Maß ist self care schlicht Egoismus.

§

Gut und tief geschlafen, schön geträumt, das Weckerklingeln kam zu früh.

Draußen ein weiterer Sommertag mit herrlicher Morgenfrische.

Die Linden duften noch nicht, sind nach dem kalten Frühling spät dran.

Zu Mittag gab es die zweite Hälfte Linsensalat mit Mairübchen, Kohlrabi und Salbei, außerdem die zweite geschmacksneutrale Birne.

Ungemütlicher Nachmittag, weil mein komischer Rücken und meine komische Hüfte weder Sitzen noch Stehen angenehm machten. (Jajaja, ich habe mir einen Termin beim Orthopäden geholt, von dem ich mir nicht mehr erwarte als ein Rezept für Krankengymnastik.) (Wenn er schon wieder Bankstütz anordnet, fordere ich ihn zum Wettbankstützen heraus.)

Als ich zu Feierabend das Bürogebäude verließ, war die Sonne fast schon heiß. Zum Obstkaufen steuerte ich ein Standl an, das erst kürzlich auf meinem Weg aufgetaucht war – und wohl sehr unterbesucht ist: Der Standler freute sich so über meinen Halt, dass er mir alles mögliche dazuschenkte. Eine zusätzliche Schale Erdbeeren hatte ich schon zu meinen Pfirsichen, Aprikosen und Erdbeeren bekommen, beim Überreichen meiner Einkäufe griff er noch zu zwei Äpfel, ich dankte wieder sehr herzlich. Und als ich bereits ein paar Meter fortgegangen war, rief er mich nochmal und reichte mir eine weiche Mango. Es wird Obstsalat geben müssen.

Daheim nochmal die Runde Yoga vom Vortag.

Zum Nachtmahl hatte Herr Kaltmamsell Wurstsalat zubereitet, für sich mit Ernteanteil-Radi, doch da mir der seit einiger Zeit auch noch so gut eingesalzen nicht bekommt (ist Konzert-Rülpsen schon im Mainstream angekommen?), bekam ich meine Portion mit einer gehobelten rohen Zucchini. Sehr gut! Nachtisch waren ein paar Erdbeeren.

Journal Freitag, 11. Juni 2021 – Sommerfeierabend

Samstag, 12. Juni 2021

Wieder nahezu durchgeschlafen, ich nahm’s als Geschenk. Nach dem Aufstehen erst mal eine halbe Stunde Haushalt: Spülmaschine ausräumen, programmierte Waschmaschine ausräumen und Wäsche aufhängen, Pflanzen gießen, Brotzeit einpacken.

Die von meiner Mutter vorgezogenen Stangenbohnen nehmen die Rankhilfe (so schöne neue Wörter!) in Form von Schnur an, ich gab ihnen manuell ein wenig Ranknachhilfe fürs Holzgitter.

Der Morgen war sonnig, ich ließ gegen Aufheizen die Rollläden auf der Südseite der Wohnung herab.

Arbeit in der Arbeit, ich fühlte mich nützlich.

Mittags gab es ein Laugenzöpferl, einen Apfel, Hüttenkäse.

Pünktlicher Feierabend. Draußen weiter ein herrlicher Sommertag mit viel Sonne, aber ohne Hitze. Ich machte deshalb auf dem Heimweg einen Umweg über den Rand des Westparks, in dem die Wiesen und Wege von Sonnengenießenden genutzt wurden.

Zu Hause setzte ich nochmal Waldmeisterbowle an (am Vorabend abgetrennte und angetrocknete Zweiglein kopfüber in die Weißweinflasche stecken), machte mal wieder eine Runde Yoga – die ich sehr genoss, ich sollte die Regelmäßigkeit nach Feierabend wieder aufnehmen.

Einläuten des Wochenendes mit Waldmeisterbowle.

Als Abendessen hatte ich mir Parmigiana gewünscht, die mein Leibkoch Herr Kaltmamsell liebenswürdigerweise zubereitet hatte (wieder nach diesem Rezept, das ein wenig zu suppig ausfiel).

Wir aßen erstmals auf dem Balkon zu Abend.

Fürs Dessert gingen wir nochmal raus zur Eisdiele um die Ecke, eigene vorgekühlte Porzellanschälchen und Löffel in der Hand.

Im Bett las ich Helen Macdonalds Vesper Flights (eben auch auf Deutsch erschienen als Abendflüge): Eine Sammlung von Essays, die zwar alle mit „Natur“ im weitesten Sinn zu tun haben, aber immer wieder aus ungewohntem Blickwinkel (Verdacht: die ohnehin kluge und fachlich versierte Helen Macdonald geht von einem praktikablen Konzept Mensch-Natur aus, das die beiden Seiten weder als voneinander getrennte Gegensätze annimmt, noch den Menschen als komplett gleichgestellten Faktor wie alle anderen). Bezaubernd und überraschend zum Beispiel ihr Text über die nächtliche Zugvogel-Beobachtung vom New Yorker Empire State Building aus.

Journal Mittwoch, 9. Juni 2021 – Schifferlsitzen auf der Alten Utting

Donnerstag, 10. Juni 2021

Nach dem letzten Zwischenaufwachen kurz nach vier nur schwierig wieder eingeschlafen, dafür um dreiviertel sechs vom Wecker aus tiefem Schlaf gerissen.

Ein neuer Anblick: Nach sechs Jahren Baustelle ist die neue Portalklinik so weit, dass der angrenzende Gehweg wieder begangen werden kann. Wenn aber die aktuelle Ankündigung auf der Website eingehalten werden soll, laut der die Eröffnung „in der ersten Jahreshälfte 2021“ stattfindet, pressiert’s jetzt.

Vor lauter Begeisterung rief ich einem der Gärtner zu: „Schee is worn!“1

Mit langen Ärmeln brauchte ich auch morgens für den Arbeitsweg keine Jacke, das fühlte sich wundervoll an.

Emsigkeit im Büro, viel davon unvorhergesehen, aber fruchtbar.

Mittgessen: Rest Heringsalat von Montagabend, Butterbreze (ungebutterte waren schon aus), nachmittags ein Stück schwarze Schokolade.

Nachmittags zog der Himmel zu, es wurde schwül, hin und wieder grollte Donner – aber es blieb trocken.

Auf dem Heimweg noch ein jetzt von Bauzäunen unverstellter Blick auf die neue Klinik.

Notaufnahme.

Haupteingang.

Ich war verabredet mit Herrn Kaltmamsell, zum Abendessen auf die Alte Utting zu spazieren: Seit drei Jahren kann man mitten im Münchner Schlachthofviertel in einem ehemaligen Ammersee-Ausflugsdampfer einkehren, der auf einer stillgelegten Eisenbahnbrücke steht.

Wir sahen uns erst mal um: Gesessen wird halt, wo man auf einem Ausflugsschiff sitzt.

Drinks holten wir uns innen an einer Theke, zu Essen gab es an Stationen außerhalb des Schiffs. Herr Kaltmamsell brachte uns afrikanische Gerichte, Gemüse mit Tamarinde, Rindfleisch und Gemüse mit Erdnuss-Soße, beides mit Couscous. Schmeckte beides sehr gut.

Das war der Ausblick von unserem Tisch auf dem obersten Deck. Die Sensation des Abends: Wir sahen einen Turmfalken vorbeifliegen, mit Beute in den Krallen, wahrscheinlich einer Maus. Außerdem sah ich unweit das neu gebaute und noch uneröffnete Volkstheater.

Heimweg durchs Schlachthofviertel, unter anderem um am Volkstheater vorbei zu gehen (sensationell!).

Daheim Tagesschau und als Nachtisch Süßigkeiten.

§

Klaus Kastberger (den ich als Juror de Bachmannpreises kennengelernt habe) versucht, das Gesamt-Sprachkunstwerk Friederike Mayröcker zu beschreiben:
„Es war ihr gegeben. Ein Nachruf auf Friederike Mayröcker (20.12.1924 – 4.6.2021)“.

§

Kate Crawford untersucht die gesellschaftlichen und politischen Auswirkungen von Künstlicher Intelligenz. Sie ist research professor of communication and science and technology studies an der University of Southern California und arbeitet für Microsoft Research.

„Microsoft’s Kate Crawford: ‘AI is neither artificial nor intelligent’“.

via @AndreasSchepers

Sehr interessant, u.a. weil sie mit dem Glauben aufräumt, größere Datenmengen würden Vorurteile aufwiegen: Die Kategorien, in denen einsortiert wird, sind ja immer noch von (durch Stereotype geprägte) Menschen vorgegeben. Und dann widerspricht sie einer weiteren gefährlichen Fehlannahme: Dass man Menschen ansehen könne, wie es ihnen geht.

The idea that you can see from somebody’s face what they are feeling is deeply flawed. I don’t think that’s possible. I have argued that it is one of the most urgently needed domains for regulation. Most emotion recognition systems today are based on a line of thinking in psychology developed in the 1970s – most notably by Paul Ekman – that says there are six universal emotions that we all show in our faces that can be read using the right techniques. But from the beginning there was pushback and more recent work shows there is no reliable correlation between expressions on the face and what we are actually feeling. And yet we have tech companies saying emotions can be extracted simply by looking at video of people’s faces.

  1. Schön ist es geworden. []

Journal Dienstag, 8. Juni 2021 – Spargelquiche

Mittwoch, 9. Juni 2021

Aufgewacht mit schmerzhaft zusammengebissenen Zähnen – wie gut, dass ich seit Jahren nachts Beißschiene trage. Die zwar den Zahnschmelz vor Sprüngen schützt, aber nicht resultierendes Kopfweh verhindert.

Draußen war es weiter mild, den ganzen Tag auch hell mit Wolken, machmal Sonnenschein.

Mittags gab es ein Restl Graupensalat vom Vortag, außerdem eine Mango. Nachmittags ein Stück schwarze Schokolade.

Seltsamer Tag mit vielen Gefühlen.

Auf dem Heimweg kaufte ich beim Vollcorner fürs Abendessen ein. Ich hatte grünen Spargel für die abendliche Quiche auf der Liste, doch es gab nur weißen. Ich bin eine deutlich faulere Einkäuferin als Herr Kaltmamsell, deshalb schwenkte ich auf weißen Spargel um statt in anderen Läden grünen zu suchen.

Ich bereitete Spargel-Quiche nach diesem Vorbild (wie schön, dass das Blog weiter online steht, auch wenn es nicht mehr betrieben wird) und ziemlich frei Schnauze. Wurde sehr gut, das nächste Mal aber mit grünem Spargel.

§

Wenn jemand, die du schon immer im Internet liest, also seit 20 Jahren, Heather Armstrong aka dooce, die du durch ihre erste Schwangerschaft, ihre zweite, ihre Scheidung, ihre endlosen, nie versiegenden Gesundheitsprobleme begeleitet hast, aber auch durch ihre Buchprojekte, ihre weltweiten sozialen Projekte. Die du gelesen hast, weil sie immer sehr crazy und oft sehr klug schrieb, die eine von den Bloggerinnen war, durch die du Einblicke in eine fremde, ferne Alltagsrealität bekommen hast. Die als erste in deinem Sichtfeld vom Bloggen leben konnte, Jahre bevor es das Wort „Influencer“ gab. Wenn diese nach langem Schweigen wieder auftaucht, um darüber zu bloggen, dass sie seit 22 Jahren schwere Alkoholikerin ist, auch in ihren Schangerschaften und auch mit massiver psychischer Medikation war, mit welchen immer absurderen Finten sie das vertuscht hat, und wenn du nach ein paar Absätzen Schmunzeln über den neuesten Scherz merkst: Oh Gott, das ist ernst. Und es dir das Herz vor Trauer zusammenzieht.
„What long nights would end“.

Are you still with me? I hope so. Because I need you to stick around. I need you understand that bestselling books and wikipedia pages and three-page spreads in People magazine tell you nothing about who I really am. The photos I’ve taken while exploring the world with organizations and celebrities and various lovers, they don’t tell you that when I traveled by plane I always checked two suitcases filled with liquid and I knew exactly how much I could pack so that those bags didn’t exceed the weight limit.

Wie klein der Bruchteil von Heathers Lebens immer war, den sie in ihrem Blog zeigte, das doch anscheinend ihr ganzes Leben offenlegte, war mir spätesten bei der Trennung von Jon, dem Vater ihrer Kinder klar: Sie hatte sich in keinem Detail angekündigt. (Möglicherweise ist Diskretion bei scheinbarer Offenheit sogar am einfachsten.)

Doch die jetzige Offenlegung lässt ja das gesamte Blog in einem anderen Licht erscheinen. Ich kann mir nicht mal ansatzweise vorstellen, welche Qual und welcher Schmerz da verborgen war.

§

Es soll keiner sagen, wir hätten das mit den Auswirkungen des Klimawandels nicht rechtzeitig gewusst. Hier Angela Merkel in einer NDR-Talkshow 1997.

§

Apropos: Was ist eigentlich eine Emission? Expertin Dr. Miriam Vollmer erläutert den rechlichen Hintergrund.
„Was ist eine Emission: Zu OVG BB 12 B 14/20“.

Journal Samstag, 5. Juni 2021 – Bad fertig #WMDEDGT

Sonntag, 6. Juni 2021

Ein Beitrag zu Frau Brüllens WasMachstDuEigentlichDenGanzenTag? #WMDEDGT.

Ich schlief mit wenigen Unterbrechungen bis zum Wecker um sieben.

Erst mal holte ich die Zeitung. Seit einiger Zeit werden die Tageszeitungen im Haus nicht mehr bis zur Wohnungstür gebracht – was mich beim Einzug hier irritiert hatte, doch viele Jahre erfreute. Ein freundlicher Nachbar recht weit oben, der sehr früh aufsteht, erledigt das mit dem Aufzug für die drei Abos im Haus, wenn er seine aus dem Briefkasten beim Hauseingang holt. Doch er ist seit drei Wochen im Urlaub und hat mich vor Abreise gebeten, sie statt seiner der alten Dame ganz hoch zu bringen – das mache ich doch gerne. Anders als er allerdings nicht mit dem Aufzug, ich habe ganz gerne kurz nach dem Aufstehen die Gelegenheit, den Kreislauf ein wenig hoch zu bringen.

Erst Milchkaffee, dann eine große Tasse Tee mit Milch, dazu Bloggen. Das Wetter war wunderbar sonnig, aber nicht heiß.

Ich räumte Küche und Wohnung, absolvierte zwei meiner morgendlichen Reha-Übungen (Vierfüßler Cross, Käfer), duschte mich und zog Handwerktaugliches an (Bermudas, T-Shirt, Innenturnschuhe).

Meine Eltern klingelten kurz nach zehn: Sie kamen, um nochmal bei Wohnungsherrichtung zu helfen. Beide haben vollen Impfschutz, ich hatte per Selbsttest morgens Corona-Negativität (größtenteils) sichergestellt: Zum ersten Mal seit über einem Jahr begrüßte ich meine Eltern mit einer innigen Umarmung, das war sehr sehr schön.

Meine Mutter installierte Stangenbohnen am Küchenbalkon und nahm mir ungenutzte Blumentöpfe ab. Mit meinem Vater kümmerte ich mich ums Bad: Ein alter Spiegel bekam neue Löcher in die dicke hölzerne Rückseite (es gibt extra Bohrer für große Mulden-Löcher!), dafür legten wir ihn auf den Balkontisch, das Spiegelglas mit einer Decke geschützt.

Im Bad brachte mein Vater eine Lampe über dem Spiegel an, drei Regale und den Spiegel. Ich ging ihm zur Hand (Werkzeug anreichen, beim Bohren das Staubsaugerrohr drunterhalten) und lernte unter anderem, wie man in Fliesen bohrt, ohne sie zu zerbrechen: Erst vorsichtig mit Spitz und Hammer Loch anlegen, Bohrmaschine erst ohne Schlag verwenden, bis die Glasur weggebohrt ist, dann Schlag zuschalten. Außerdem lernte ich, dass es spezielle Hohlraumdübel gibt, die sich beim Eindrehen der Schraube hinten spreizen. Abschließend holte mein Vater Dübel aus Altlöchern (auch da zeigte er mir eine Technik für Fliesen) und verschloss die Löcher.

Im Flur brachten wir einen Haken an, um den Vorhang vorm Fenster in den Innenhof dekorativ zu raffen – meine Mutter hatte eine Auswahl an Bändern und Quasten mitgebracht, aus der ich mir ein gestreiftes Band aussuchte.

Damit war kurz vor eins alles für gestern erledigt. Ich hätte meine Eltern gerne noch auf ein Mittagessen in den Schnitzelgarten eingeladen, doch sie fuhren lieber heim. Zu meiner großen Freude nahmen sie aus meinem Schlafzimmer zwei alte weiße Kommoden mit (Ikea frühe 1980er), die noch aus meinem Kinderzimmer stammten und die jetzt, da ich den fabulösen Einbauschrank habe, endgültig nicht mehr benötigt wurden. Fertig einrichten kann ich mein Schlafzimmer aber erst, wenn der Crosstrainer darin seinen Platz gefunden hat – und der muss erstmal beweisen, ob er reparierbar und wieder benutzbar ist.

Zum Frühstück kochte ich mir zwei Eier weich, aß eine Semmel vom Vortag dazu.

Ich befreite das Bad von restlichem Bohrschutt und räumte die Regale ein, versuchte mich ein weiteres Mal daran, die schwarzen Schimmelstellen in der Badewannenverfugung zu beseitigen. Wieder erwiesen sie sich dem brutalen eingewirkten Schimmelfrei-Mittel und der anschließenden Bürstenbehandlung gewachsen, ich werde recherchieren müssen.

Verpackungen zur Wertstoff- und zur Papiertonne gebracht, eine Kiste mit Umzugsmaterial (Pinsel, Glühbirnen in Fassungen, Moltofill, Waschmaschinenschlauchverlängerungen) in den Keller.

Jetzt hatte auch ich Feierabend und setzte mich mit Laptop auf den sonnigen, aber nicht heißen Balkon zum Internetlesen. Dabei musste ich mich mehrfach gegen Ausgesperrtwerden wehren: Wenn Herr Kaltmamsell rauskam, neigte er beim Zurückgehen in die Wohnung dazu, die Balkontür hinter sich zu verschließen.

Kurz nach fünf radelte ich nach Neuhausen, um dem Broeding die Weck-Gläser vom Mitnahme-Menü zurückzubringen. Am Himmel türmten sich dunkle Wolken, es blies Regenwind – aber ich blieb trocken.

Daheim eine Runde Yoga, bevor Herr Kaltmamsell das Abendessen servierte:

Zweimal Rind, einmal weichgemacht mit schwarzen Bohnen und Ernteanteil-Pakchoi chinesisch, einmal als Spieße mit Erdnussoße, zu allem Vollkornreis. Im Glas ein Rest Riesling vom Vorabend. Das schmeckte schon mal sehr gut, und dann gab’s auch noch Nachtisch! Herr Kaltmamsell hatte den Saft der Schattenmorellen vom Mais-Kirsch-Kuchen mit Tapioka angedickt und dazu echtes Custard gekocht – superköstlich, ich aß zwei Portionen.

Abendunterhaltung diesmal Echtzeit-Fernsehen: Das Bayerische Fernsehen zeigte Leo, eine Familiengroteske von 2006: Hochkarätige Besetzung (Gisela Schneeberger, Elmar Wepper, August Zirner, Matthias Brandt), wunderbares Drehbuch von Gerlinde Wolf, sehr schön verfilmt von Regisseurin Vivian Naefe in realistischem Setting, mit immer wahnwitzigeren Enthüllungen.

Eingeschlafen zu Regenrauschen.

§

Wurde gestern durch mein gesamtes Internet gereicht: Ein ausführliches Interview von republik.ch mit Prof. Christian Drosten unter anderem zum wahrscheinlichen Ursprung von SARS-CoV-2 und den Mechanismen dahinter. Diesmal wurde Drosten auch nach den Anfängen seiner Corona-Forschung 2003 gefragt – und auch das ist superspannend.
„Herr Drosten, woher kam dieses Virus?“

§

Alltäglicher offener Antisemitismus in Deutschland.

§

„Das ist doch Werbung für dich!“ Aber es zahlt halt nicht die Miete: Warum Berühmtheit mit viel öffentlicher Präsenz keinen Lebensunterhalt bedeutet.

Die Schriftstellerin Sharon Dodua Otoo kann sich vor Anfragen kaum retten – und lebt dennoch in ständiger finanzieller Unsicherheit.

Hier der ganze Artikel, in dem die gebürtige Britin darauf hinweist, dass in Deutschland Klassenzugehörigkeit verschwiegen wird und wie sich das auswirkt:
„Sharon Dodua Otoo: ‚Veränderung entsteht durch persönliche Erzählungen'“.

Während ich den Roman schrieb, der gerade erschienen ist, habe ich mir hier und da Geld ausgeliehen, in der Hoffnung auf eine entspanntere Situation, wenn das Buch fertig ist und die Lesungen losgehen. Bereits vor der Veröffentlichung gab es unheimlich viele Anfragen. Und immer wieder gibt es Anfragende, die selbstverständlich davon ausgehen, dass ich mich mit einem reduzierten Honorar zufrieden geben könnte, da sie selbst nicht so viel Budget zur Verfügung haben. Solche Anfragen kann es nur geben, wenn die Leute denken, ich könnte mir das leisten, auf ein angemessenes Honorar zu verzichten. Und es macht mich ziemlich wütend, dass ich mich so oft exponieren und meine Lage offenlegen muss, um ein Honorar zu bekommen, mit dem ich meine Miete zahlen, ein bisschen was für die Rente beiseitelegen und meine Kinder versorgen kann.

(…)

Ich glaube, dass dieser abwertende Blick damit zusammenhängt, dass unsere Gesellschaft verinnerlicht hat, dass eine Person selbst schuld ist, wenn sie arm ist. Dass sie faul sein muss, denn wenn sie arbeiten würde, wäre sie nicht arm. Ich für meinen Teil arbeite sehr, sehr viel, und habe dabei das Gefühl, es ist relativ egal, was ich mache – mit reiner Lohnarbeit werde ich nie genug verdienen, um als alleinerziehende Mutter den Lebensunterhalt für mich und meine Familie zu bestreiten.

(Hervorhebung im Original)

§

Durch Schließungen in der gefährlichsten Phase der Corona-Pandemie konnten viele lange nicht zum Friseur. Am sichtbarsten war das wohl an den Frauen, die ihre grauen Haare färben. Fotografin Elinor Carucci zeigt für den New Yorker, dass daraus aber auch eine besondere Ästhetik erwachsen ist (und viele Frauen sich danach nicht mehr die Haare färben):
„Silver Linings“.

via @ankegroener

Jeannine Carson, 53. “When I would see the silver, I would have an excited feeling, like, ‘Oh, that’s me.’ ”


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