Essen & Trinken

Journal Sonntag, 26. Januar 2020 – Schwimmrunde und Afternoon tea

Montag, 27. Januar 2020

Ich sollte wirklich, wirklich daran denken, vor dem Aufbruch zum Olympiabad auf der Website nachzusehen, ob eine Veranstaltung stattfindet.

Gestern las ich nämlich erst am Eingang, dass ab 11 Uhr die Schwimmhalle für ein Wasserballturnier gesperrt würde. Schwimmen könne man im Trainingsbecken, „(25 m)“. Großes inneres Augenrollen und Nölen, gleichzeitig Verwunderung, weil das Trainigsbecken, in dem ich während der Renovierung der Schwimmhalle Bahnen gezogen hatte, 50 Meter lang ist. Nur dass es gestern halt in der Mitte abgeteilt war (vermutlich wurde die andere Hälfte fürs Warmschwimmen der Wasserballer benötigt). Weiteres inneres Nölen (DA KRIEG ICH JA ´NEN DREHWURM!), bis das Schwimmen halt auch so derart gut tat und mir Vergnügen bereitete, dass das egal wurde. Zumal ich die innere Nölerin, die was von „hätte ich ja gleich in irgendein anderes Schwimmbad gehen können“ maulte, darauf hinweisen konnte, dass andere Schwimmbäder halt keine klar abgetrennten und markierten Schwimmbahnen haben, auf denen weder Querschwimmende noch Plauderpärchen stören.

Die 2.500 Meter (in etwa, die kurzen Bahnen machten das Zählen wirklich anstrengend) vergingen im Flug. Strom. Fluss.

Daheim packte ich nur kurz aus: Ich war mit Herrn Kaltmamsell zum Tee verabredet, wir lösten ein Geschenk zum Rosenfest ein. Im Victorian House endete um zwei gerade die letzte Frühstücksschicht, wir bekamen gleich einen Tisch (für Sonntagnachmittag hatten wir keine Möglichkeit für eine Reservierung gefunden); eine halbe Stunde später wurde es schon wieder voll. Und nun: Victorian House Champagne Tea!

Die Teewahl fiel mir leicht: Auf das Kännchen Lapsang Souchong hatte ich mich schon gefreut.

Die Sandwiches waren ganz ausgezeichnet raffiniert, die Scones (mit echter Clotted Cream) herzhaft, die Kuchen (Lavendelkuchen, Schokoladen- und Aprikosentarte) unterm Strich vielleicht etwas viel (Macarons sind ja leider an mich verschwendet – there, I said it).

Träger Daheim-Nachmittag mit Internet- und Romanlesen. Zum Abendessen machte Herr Kaltmamsell aus dem Ernteanteil-Grünkohl Chips, sonst gab es Reste.

Journal Mittwoch, 22. Januar 2020 – Freier Tag durchgetaktet, ärztliche Bestürzung

Donnerstag, 23. Januar 2020

Urlaubstag, den ich genommen hatte, um alle Vorhaben unterzubringen.

Nach guter Nacht war der erste Termin ein MRT meiner schmerzensreichen Hüfte. Dieses Radiologiezentrum besuchte ich in den vergangenen vier Jahren zum mindestens vierten Mal – ich war versucht, mich nach Streifenkarten zu erkundigen. Für meine Hüfte war es allerdings eine Premiere – die, so erwies sich, um einiges früher hätte stattfinden müssen: Der alte Radiologe machte ein so bestürztes Gesicht, als er mir die deutliche Arthrose des Gelenkkopfs und die resultierende deutliche Entzündung des Gelenks zeigte, und ich dauerte ihn offensichtlich so sehr, dass ich fast in Tränen ausgebrochen wäre. Was nun zu tun sei, meinte er, müsse aber der Orthopäde sagen.

Im Bus zurück nach Hause verspürte ich Erleichterung: Tatsächlich hatte ich befürchtet, wieder hilflos ohne greifbare Diagnose dazustehen.

Nächster Programmpunkt: Vorbereitung des Mitbringessens für eine abendliche Geburtstagseinladung, nämlich Buschbohnen und Mangetouts mit Haselnüssen und Orange. Die Schüssel, in der ich den Salat mitbrachte, sollte gleich das Geburtstagsgeschenk sein.

Zum mittäglichen Frühstück gab es eine große Portion Porridge mit Joghurt und Quitten in Sirup.

Den Nachmittag verbrachte ich in Hadern bei der Wahlhilfeschulung. Diesmal ging es um die Modalitäten der Kommunahlwahl am 15. März mit Stimmauszählung auch am 16. März (wofür der Arbeitgeber freistellen muss; ich habe mir lieber einen Tag Urlaub genommen, das geht meinen Arbeitgeber nichts an) und der sehr wahrscheinlichen OB-Stichwahl am 29. März. In München sind das drei Wahlen: Oberbürgermeister oder -bürgermeisterin, Stadtrat (80 Sitze = 80 Stimmen), Bezirksausschuss. Das ist nicht nur fürs Wahlvolk recht komplex (kein Wunder, dass die Stadt eine Teilnahme an dieser Schulung für Wahlhelfende zur Pflicht macht, wir müssen ja Auskunft geben können), sondern wird auch richtig viel Arbeit. Ich bin auch diesmal wieder Schriftführerin und habe zusätzlich den Wahlkoffer mit Laptop zur Übertragung der Ergebnisse zu bedienen, fühle mich jetzt aber gewappnet. Die anderen neun Wahlhelfenden im Raum waren alle aufmerksam und schnell von Begriff, alle Zwischenfragen halfen dem Verständnis.

Die Schulung selbst und die Unterlagen waren noch besser strukturiert als die letzten Male, das Wahlamt München macht hier einen wirklich guten Job. Für den Termin war ich weit, weit gefahren: Er fand im Nebenzimmer einer Wirtschaft statt, für mich Innenstadtpflanze fühlte sich die Gegend um den U-Bahn-Halt Haderner Stern schon gar nicht mehr nach München an.

Nicht immer nur die hübschen U-Bahnhöfe fotografieren.

Mit ein paar Minuten Verspätung kam ich direkt von dort zu meinem Friseurtermin. Diesmal hatte ich mir als Wunsch ausgedacht, das Ganze gröber durchzufransen, dafür nicht ganz so kurz, aber wieder Fülle weg. Genau das bekam ich, inklusive Hinweis, dass es für die Sichtbarkeit der Fransen Stylingprodukt braucht.

Von dort aus wieder direkt zur Geburtstagsfeier, die in derselben Gegend der Stadt stattfand. Das Gemüse hatte Herr Kaltmamsell von daheim mitgenommen, er war ebenfalls Gast. Dann doch sehr erledigt nicht lange geblieben.

Journal Dienstag, 14. Januar 2020 – Sonnenwärme

Mittwoch, 15. Januar 2020

Früher Wecker, um eine Runde Sport einlegen zu können. Die Nacht bis dahin war überdurchschnittlich (für mich) ruhig.

Das Ganzkörper-Krafttraining nach Fitnessblender verlief so lala – gleich im Anschluss und im Lauf des Tages wiesen Schmerzen darauf hin, dass es vielleicht keine gut Idee war. Andererseits sind der Verlauf meiner Schmerzen und meine Tagesform derart erratisch, dass ein ursächlicher Zusammenhang mit was auch immer wahrscheinlich nur konstruiert ist.

Dienstag ist in der Arbeit Meeting-Tag, ich erwähnte es schon mal, erst ab Mittag saß ich dauerhaft am Schreibtisch.

Mittags Wirsingeintopf vom Vorabend, in der Mikrowelle aufgewärmt.

Draußen schien die Sonne, wie schon in den vorhergehenden Wintern ließ ich nur die Innenrollos herunter, damit sie mein Büro wärmen konnte.

Ich fühlte mich müde und flügellahm, war froh, vor mich hin arbeiten zu können. Im letzten Abendrosa nahm ich mit dem Rad einen kleinen Umweg über Bavariapark und Theresienwiese, um ein wenig Luft und Weite zu bekommen, vermisste sehr meinen früheren Fußmarsch nach Hause.

Nach Hause kam ich verhältnismäßig früh. Ich hatte als Bookmark noch eine arte-Doku offen und sah sie an: Über den Stand der Forschung 2017 zu Faszien und ihre Rolle für Rückenschmerzen. Durchaus interessant, wenn man über den raunenden Tonfall und das ständige „Rätsel“ und „Geheimnis“ weghören kann. (Auch mag ich es nicht, wenn Forschungsergebnisse sehr stark mit den forschenden Personen verknüpft werden, gebt mir lieber grafische Darstellungen von Versuchsaufbau und Zusammenhängen – aber das mag Berufskrankheit sein.)

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https://youtu.be/RPzqjy0rCHY

Zum Nachtmahl hatte Herr Kaltmamsell die Sellerieknolle aus Ernteanteil zu Waldorfsalat verarbeitet und servierte ihn an getoasteten Sandwiches aus dem Sandwichtoaster. Sehr gut. Nachtisch war neben Schokolade der selbst gemachte Eierlikör, den Gäste am Samstag mitgebracht hatten.

Sehr früh ins Bett weil totmüde.

Journal Samstag, 11. Januar 2020 – Kochvergnügen wie in den 70ern

Sonntag, 12. Januar 2020

Aufgewacht mit benommendem Kopfweh, das migränoide Züge hatte, für die geplante Runde Crosstrainer ging es mir zu schlecht. Ich ließ alles sehr langsam angehen.

Wohnung aufgeräumt – mittlerweile habe ich mich dreingefunden, dass ich das unsystematisch assoziativ mache und nicht Zimmer für Zimmer: Wenn ich abschließend alle Zimmer checke, ist ja dann doch alles nötige geräumt. Mit Herrn Kaltmamsell Wohnung geputzt: Nach vier Wochen ohne Putzmänner war sie wirklich ungemütlich geworden, und eine ungemütliche Wohnung wollten wir unseren abendlichen Gästen nicht antun. Diesmal also im Gegensatz zur reinen Schmutzbegrenzung vor Weihnachten so richtig: Staubwischen überall, Möbelpolitur wo angebracht (habe ich erst von unseren Putzmännern gelernt), Bad, Klo, Küche putzen, Staubsaugen. Na gut, um Bodenwischen haben wir uns auch diesmal gedrückt.

Dabei wurde ich dankbarer als eh schon sehr für die Arbeit der beiden Putzherren. Allerdings kam ich ihnen auch auf ihre Abkürzungen (u.a. die obersten beiden Bücherregale – aber wahrscheinlich reicht es tatsächlich, wenn dort nur alle paar Jahre gewischt wird).

Duschen und Anziehen für eine Einkaufsrunde. Im Samsonite-Laden holte ich dabei die neuen Rollen für meinen größten Koffer ab. Bestellt hatte ich nur Ersatz für die eine kaputte, doch als die Angestellte merkte, dass die Kofferseite nicht notiert worden war, kaufte ich kurzerhand alle viere, die geliefert worden waren: Nach zehn Jahren kann man dem sonst rundum neuwertigen Koffer ja einen Satz neuer Rollen gönnen (wenn eine 12,50 Euro kostet, das Koffermodell aber derzeit 470 Euro). Die beiden ausgesprochen zuvorkommenden Verkäuferinnen beteuerten zwar, die Rollen samt Gehäuse seien ganz einfach auszuwechseln („Wenn’s sogar ICH schaffe, haha…“ – ich schluckte mal wieder eine feministische Intervention runter.), doch ich könne auch je-der-zeit mit dem Koffer kommen, dann werde das im Laden für mich erledigt.

Pft, wie schwer konnte das sein? War es dann auch nicht – weil ich ein Set Torx-Schlüssel besitze, mit dem mein Vater vor einigen Jahren den ohnehin super bestückten Werkzeugkasten ergänzt hatte, den ich von ihm zum Auszug von daheim bekam (danke Papa!). Anstrengen musste ich mich dennoch, denn der Winkel zum Ansetzen des Schlüssels für vier mal vier Schrauben in den Ecken des Koffers war sehr ungemütlich. Wie eine der beiden Verkäuferinnen geraten hatte, hob ich die drei nicht-kaputten Rollen auf: „Wenn Sie mal schnell eine auswechseln müssen.“

Den weiteren Nachmittag verbrachte ich mit Lesen und Vorbereitungen des Abends. Nämlich: Herr Kaltmamsell besitzt ein Kochbuch Kochvergnügen wie noch nie von Gräfe und Unzer aus den 70ern (von seinen Eltern übernommen), in dem die Kategorien zum Beispiel heißen „Für schicke Abendessen“, „Braten mit Tradition“, „Spaß beim Flambieren“ und das Rezepte für so wunderbare Gerichte enthält wie „Zungenschärfer“, „Knabberkeulchen“, „Grillmasters gefüllte Kissen“, „Rumpsteak Mirabeau“, „Auberginensalat ‚antique'“, „Westfälisches Blindhuhn“, „Bromberger Hirschfilet“, „Schnippelkuchenpfanne“, „Hillibilly-Heidelbeertoast“.

Nachdem ich mich eines Abends mit Herrn Kaltmamsell darüber beömmelt hatte, kam ich auf die Idee, zu einem 70er-Abendessen mit solchen Gerichten einzuladen. Und das war gestern.
Zuvor natürlich Ananasbowle – mein Bowleset ist aus der Aussteuer einer Freundin übernommen, die wir auch eingeladen hatten.

Herr Kaltmamsell stellte das Menü zusammen und bastelte Menükarten:

Ich sorgte für Getränke: Ananasbowle, als Weißwein fränkischen Bocksbeutel Silvaner Juliusspital, als Rotwein einen Chianti la spinosa Riserva – in meiner Familie war zwar der klassische Weißwein in den 70ern Kellergeister, der Standard-Rotwein Edler von Mornag, doch keines von beidem wollte ich den Gästen und uns antun. Und sowohl Bocksbeutel als auch Chianti hatten es auch in den 70ern auf die Münchner Tische geschafft. Auch die Grießnockerl und der Nachtisch waren von mir.

Es wurde ein vergnügter Abend: Wir bekamen Blumen, Bier und Liköre mitgebracht, die Bowle ging schnell weg, und nichts an dem Menü schmeckte grässlich (Herr Kaltmamsell betonte, ich hätte ihn erst kurz vor abschließender Menüentscheidung informiert, dass Wohlgeschmack ein Entscheidungskriterium sein müsse). Die größte positive Überraschung war für mich die Romanoff-Torte: Hackfleisch, Speck und Blätterteig können, richtig zubereitet, eine sehr gute Kombination sein.

Fotos habe ich dann doch viel zu wenige gemacht, weil ich mit Bewirten und Spaßhaben beschäftigt war.

Die meisten der Vorspeisenhäppchen beim Warten auf ihren Einsatz.

Romanoff-Torte mit Endivien- und Gurkensalat.

Es wurde spät, ich ging ins Bett mit der Vorfreude auf den Morgen, da zwei Gäste über Nacht blieben.

§

Autorin und Kuratorin Mahret Ifeoma Kupka schreibt ausführlich über die Rolle ihrer dunklen Hautfarbe für ihr Deutschsein (und nimmt unter anderem die Aussage von Weißen auseinander, sie sähen ja keine Hautfarben, das sei für sie keine Wahrnehmungskategorie).
„Identitäten (6/7)
Farbe bekennen“.

via @buschheuer

Es ist wahnsinnig frustrierend, die eigene Lebensrealität immer als exotischen, komplexen Sonderfall gespiegelt zu bekommen.

(…)

Die Schublade „Schwarz“ ist selbstgeschaffen. Sie beschreibt keine Hautfarbe, sondern ist eine politische Selbstbezeichnung. „Schwarz“ beschreibt nicht ausschließlich die Zugehörigkeit zu einer bestimmten „ethnischen Gruppe“, sondern eint vor allem Menschen, die die Erfahrung teilen, auf eine bestimmte Art und Weise gesellschaftlich wahrgenommen zu werden.

Journal Samstag, 4. Januar 2020 – Venedig 4, Markt, antike Skulpturen, Aperitivo im Gewächshaus

Sonntag, 5. Januar 2020

Gestern wieder ein eher sonniger Tag, doch schon das erste morgentliche Schnuppern auf dem Hotelzimmerbalkon ergab eindeutig: Winter – Geruch und Temperatur.

Diesmal ließ ich mich nicht vom Hotel-Cappuccino traurig machen, sondern trank zum Morgenjoghurt mit Mandarinen schwarzen Tee. Den Cappuccino gab es nach Verlassen des Hotels gleich ums Eck in einer Bar – und er war köstlich.

Für gestern hatte ich mir ausgedacht: Markt hinterm Rialto, Besuch des Museums Palazzo Grimani (auf Empfehlung von Mary Beard), vielleicht Spaziergang in den Giardini della Bienale.

Wir waren früh genug dran, um das Markttreiben noch ganz im Gange zu sehen. Ich freute mich an den großartigen Gemüsen (vorherrschend Radicchio Tardivo di Treviso und Artischocken, zudem viele bittere Blätter, von denen ich zu meiner Freude schon einige im Ernteanteil hatte), der Fisch und die Meeresfrüchte sahen an fast allen Ständen ausgesprochen frisch und einladend aus. Herr Kaltmamsell holte sich als Snack auf die Hand eine Tüte Frittura, Frittiertes aus dem Meer.

Den Palazzo Grimani hatte ich im Grunde aus Überforderung ausgewählt: In einer Stadt wie Venedig mit ihren unzähligen sehenswerten Museen und Kirchen kann man nur etwas verpassen. Doch ich will ja nicht das letzte Mal hier gewesen sein, warum also nicht ein eher wenig beachtetes Kleinod besichtigen.

Dieses Kleinod stellte sich als Volltreffer heraus: Zum einen bot der Palazzo gerade genug anzusehen, dass ich mich gründlich damit befassen konnte. Zum anderen war die Ausstellung wirklich besonders und entzückend, außerdem gut aufbereitet. (Plus: Wir waren fast die einzigen Besuchenden.) Das Gebäude ist ein Palazzo aus dem 16. Jahrhundert, in dem schon bald antike Skulpturen gesammelt wurden. Nach wechselvoller Geschichte hat die Stadt den Palazzo vor einigen Jahren renoviert und einige Räume so restauriert, dass sie einen Eindruck vom Wohnen darin im 16. Jahrhundert vermitteln.

Viel Zeit verbrachte ich im Sala a fogliami und seiner Decke, die mit Pflanzen und Tieren bemalt ist. Mit Herrn Kaltmamsell konnte ich die meisten Vögel identifizieren, sie waren so realistisch gemalt. Das eigentliche Herzstück des Museums aber ist die wiederhergestellte Sammlung antiker Skulpturen von Giovanni Grimani in dem Raum, in dem er sie ursprünglich ausgestellt hatte. Um diesen Eindruck zu erhalten, gab es keine Schilder an den Exponaten, sondern ein Faltblatt, das sie erklärte – besonders interessant jeweils die Aufschlüsselung, welcher Teil davon wirklich antik war, und was davon wann drangebastelt worden (mit teilweise haarsträubendem Resultat).
Nachtrag: Nehmen Sie sich unbedingt einen Audioguide! Wir lasen leider erst beim Verlassen des Palazzo, dass die italienische Version von Isabella Rossellini, die englische von Jude Law gesprochen wird.

Es war erst halb zwei, immer noch schien kalt die Sonne: Wir hatten große Lust auf einen Spaziergang in den Giardini und nahmen ein Vaporetto dorthin. Spazieren auf den begehbaren Teilen (das Biennale-Gelände war leider nicht zugänglich), Sitzen in der Sonne, Plaudern über das, was wir sahen. (Herr Kaltmamsell beschloss, die Dreier-Holzpfosten im Meer „Staketen“ zu nennen und tat das ab diesem Entschluss konsequent. Weiß jemand, wie die tatsächlich heißen?)

Wir kamen auch an einem Glaspalast-artigen Gewächshaus vorbei, Serra dei Giardini, an dem ein Schild erklärte, es sei ursprünglich Ende des 19. Jahrhundert für die Pflanzenausstattung der Kunstausttellung errichtet worden, sei aber Ende des 20. Jahrhunderts geschlossen worden und verfallen. Doch dann wurde es renoviert und wiederbelebt, jetzt bewirtschaftet es die Genossenschaft Nonsoloverde Soc. Coop. Sociale ONLU als Lokal und Blumenladen. Hier kehrten wir ein, genossen Aperitivi und die Wärme des sonnendurchfluteten Gewächshauses.

Für uns bayerische/bayerisch-schwäbischen Zentralländler ist Bootfahren auf dem Meer aufregen – auch wenn es nur eine Lagune ist. Also nahmen wir ein Vaporetto, das uns auf einer besonders schönen Strecke 45 Minuten lang bis zum Bahnhof schipperte – die Kulisse von langsam errötender Sonne beschienen. So kalt war es jetzt gar nicht mehr, ich ließ mich auf dem Außendeck bei bester Aussicht durchpusten.

Zu Fuß ins Hotel, dort wärmten wir uns auf.

Fürs Nachtmahl spazierten wir unter dunklem Himmel aber zwischen noch hell erleuchteten Schaufenstern zu einer Empfehlung in den benachbarten Stadtteil Santa Croce: In der winzigen Osteria Trefanti wurden wir freundlich aufgenommen, bekamen erstaunlichen natural Schaumwein als Aperitif und eine Flasche schönen Weißweins aus dem Veneto (Davide Spillari, Bianco Crestan), außerdem Fisch und Meeresfrüchte auf ausgezeichnete Art.

Der Rückweg war fast unwirklich menschenleer, still und dunkel. Wir blieben immer wieder stehen, um den Sternenhimmel über den Dächern zu betrachten, die dunklen Winkel, Gassen und Palazzi.

Stephen King war mir als Lektüre derzeit zu unangenem geworden: Ich hatte zum Erstling der nigerianischen Autorin Ayọ̀bámi Adébáyọ̀ gewechselt, Stay with me.

Blick von der Rialtobrücke.

Mercato.

Fischmarkt.

Der Palazzo Grimani:

Die schmale Eingangsfront.

Obst- und Tierbestimmung im Sala a fogliami mit Blick auf den Saal der Skulpturen.

Der fliegende Ganymed fliegt hier wirklich.

Laut den Museumsinformationen ist nur der Kopf dieser Venus antik, der Rest aus anderen Funden zusammengestückelt und nachgemacht. Der Gesamteindruck ließ mich an den Scherz einer Chorfreundin beim Anblick eines ähnlich misslungen Konstrukts denken: Venus von Bodybuildy (der Bizeps!).

Venezianischer Humor hinterm Dogenpalast.

Herr Kaltmamsell im Grünen der Giardini.

Hinterm Biennale-Gelände.

Serra dei Giardini.

Blick zurück auf Castello und die Giardini.

Hinter dieser Front (vom Vaporetto aus fotografiert) die Gasse entlang liegt unser Hotel.

Rialtobrücke.

An der Hauptfeuerwache.

Der Hauptgang in der Osteria Trefanti (erster Gang war Bacalà mit weißer Polenta für mich, Linguine mit verschiedenen Muscheln für Herrn Kaltmamsell): Schwertfisch für ihn, Wolfsbarsch mit Cicoria und Oliven für mich. Zum Nachtisch suchte sich Herr Kaltmamsell einen Flan mit Café aus, ich bekam den Käseteller.

Journal Donnerstag, 2. Januar 2020 – Venedig 2, Ghetto und Cicchetti

Freitag, 3. Januar 2020

Warum ausgerechnet diese Nacht von Hüftschmerzen zerhackt wurde und ich erst morgens ein paar Stunden Schlaf am Stück zuwege brachte, wüsste ich schon gern. Außerdem war mir kalt, ich musste eine Zusatzdecke holen.

Aber ich war ja im Urlaub und konnte ausschlafen. Das Frühstücksangebot des Hotels umfasste zu meiner Freude auch weißen Joghurt und Obst. Der Cappuccino allerdings war Hotel-üblich traurig, ich brauchte am Vormittag einen weiteren in einem Café auf dem Weg.

All die sehenswerten Kirchen und Museen Venedigs überforderten mich erst mal, außerdem strahlte herrliche Sonne: Ich hatte Lust auf ausgiebiges Rumlaufen. Als Ziel legte ich das Ghetto fest. Große Überraschung: Auf unserem Meanderweg durch das Viertel San Polo entdeckten wir auf dem Campo San Polo eine Eislaufbahn, inklusive begleitender Glühweinhütte. Wäre ich nur ein wenig abenteuerlustiger, könnte ich jetzt von mir sagen, ich sei in Venedig schon mal Schlittschuh gelaufen. Aber so jemand bin ich halt nicht.

Viele, viele Touristen, an den wenigen Brücken über den Canal Grande war schier kein Durchkommen. Und das, wo doch derzeit die nebenste Nebensaison ist und keine Kreuzfahrtschiffen anliegen. Korrektur: Laut Italien-Touristik-Expertin Vinoroma ist derzeit trotz der niedrigsten Übernachtungspreise des Jahres nicht Nebensaison, sondern Hochsaison. Aber hier ist es halt wirklich außergewöhnlich schön. Das könnte unter anderem damit zu tun haben, dass es keinen Autoverkehr gibt.

Im neuen Ghetto stand noch der große Chanukka-Leuchter, wir besuchten das Museum über die Geschichte der Juden in Venedig, sahen in den Auslagen umliegender Läden herrlichen Chanukka-Kitsch.

Gehen war bereits seit einiger Zeit anstrengend; ich fürchte, mehr als eine Stunde kann ich nur noch mit eben Anstrengung. Also ließen wir uns vom Vaporetto zum nächsten Ziel fahren: Wir leisteten uns einen Wochenpass, um jederzeit in einen der Wasserbusse springen zu können – auch wenn das wahrscheinlich nicht billiger wird als Einzelfahrscheine.

Ziel war Zattere, wir wollten Cicchetti (Schnittchen) und ein Glas Wein. Das einzige offene Lokal dafür war proppenvoll, die Schlange am Tresen stand bis auf den Gehweg. Ich war schon dabei entmutigt abzudrehen, als ich Herrn Kaltmamsell bat, mich doch bitte zu etwas Heldinnentum zu zwingen, über das ich mich anschließend sicher freuen würde. Und so fasste ich mir ein Herz und stürzte mich ins Gewimmel. Das lange Schlangestehen hatte den Vorteil, dass ich durch Zuhören und Zusehen lernen konnte. Ich kam dann mit den abgehörten Brocken Italienisch durch – oder halt dem, was ich mir als solches ausdenke. Ich rechne es meinen bisherigen Kontakten unter Einheimischen in Venedig hoch an, dass sie nicht entnervt auf eine andere Sprache umschwenkten, sondern das langsame Meucheln ihrer Muttersprache erduldeten.

Ausruhen im Hotel, für den Abend hatte ich ums Eck einen Tisch reserviert: Hier hatte ich vor sieben Jahren mit meiner Mutter gut gegessen und hoffte, dass das immer noch möglich sein würde. War tatsächlich ok.

Herr Kaltmamsell stellte wie so gerne im Ausland ethnologische Studien anhand des Fernsehprogramms an, ich las noch Internet.

Blick vom Hotelzimmer-Balkon.

Mauerkrokodil.

San Barnaba.

FEUERWEHRBOOT!

Campo San Polo.

Der Bahnhof Venedig Santa Lucia mit Wasserbushaltestellen.

Chanukkakitsch.

Zattere.

Abendessen: Erster Gang Sarde saor für mich, Baccalà für ihn, beides mit Polenta.

Nudeln mit (ganz hervorragendem) Hummer für mich, Frittura mista für ihn.

Zum Nachtisch Birne in Crème anglais, Crème caramel mit Amaretti.

§

Nancy Mitford, The Pursuit of Love ausgelesen. Ich war von Anfang an sehr angetan von dieser nach Judith Kerr weiteren und ganz anderen Sicht auf die Zeit Ende der 30er, Anfang der 40er in Europa. Nancy Mitford hat nach eigenen Angaben viel von ihrer eigenen Familiengschichte für diesen Roman genutzt, in dem der Landadel noch ungebildeter und blasierter dargestellt wird als bei P.G. Wodehouse. Und doch spricht die Erzählerstimme gleichzeitig voller Zuneigung von der Hauptfigur Linda, die im Schloss ihres Vaters aufwächst, nie eine Schule besucht – und so in Zeiten ohne Massenmedien wirklich weltfremd groß wird. Wir erleben die Zeiten des spanischen Bürgerkriegs, der Vorkriegszeit in Paris und der Bombenangriffe auf London diesmal über die Geschichte einer naiven und rücksichtslosen Person, die einfach durchs Leben getrieben wird. Das Vorwort meiner Ausgabe (eine Sammelausgabe von drei Mitford-Romanen) ist von Philip Hensher und beginnt:

Nancy Mitford’s novels have always repelled as many people as they have enchanted, and the criticism they have drawn has not often been good-natured in tone.

Ich kann gut nachvollziehen, wenn sich jemand an der Frivolität von The Pursuit of Love stößt, doch in meinen Augen zeichnet der Roman ein wundervolles Sittengemälde, umso glaubwürdiger, weil die Autorin Teil der direkt und indirekt karikierten Gesellschaftsschicht war.

Journal Montag, 30. Dezember 2019 – Besorgungen

Dienstag, 31. Dezember 2019

Am Jahresende wird es immer ein bissl voll hier im Blog, weil ich ja einerseits Bücher, Fragebogen, Dezembertwitterlieblinge posten möchte, andererseits auch die Journaleinträge – ich will doch nächstes Jahr nachsehen können, was ich vor einem Jahr gemacht habe.

Gestern hatte ich einen Wecker gestellt, um mich für das Umsetzen meiner Pläne nicht hetzen zu müssen, als da waren: Eine Runde Krafttraining Bauch/Rücken mit Aufwärmen und Dehnen, Bettwäsche und Handtücher waschen, Kleigeld zur Bank bringen, Koffer mit kaputter Rolle zum Kofferhändler bringen, Lebensmittel einkaufen, bügeln.

Krafttraining lief sehr gut, bis auf Klappmesser (Hüftbeuger-Aua) und Seitstütz (LWS-Aua) konnte ich das oft absolvierte Halbstundenprogramm bei Fitnessblender durchturnen, sogar obwohl ich davor bereits die Physio- und Orthopädenhausaufgaben durchgemacht hatte. Anschließend fühlte ich mich sehr gut.

Den schweren Sack Kleingeld radelte ich lieber zur Bank, statt ihn zu schleppen. Strahlende Sonne, aber noch frostig. Auf dem Rückweg erledigte ich nur die Hälfte der geplanten Einkäufe beim Süpermarket Verdi, weil sich die Schlange vor der Fleischtheke dreimal durch die Breite des Ladens erstreckte. Auch so wartete ich, aber lediglich zehn Minuten vor der Kasse.

Den Koffer musste ich zu Fuß transportieren: es war der ganz große von Samsonite, den ich vor neuneinhalb Jahren gekauft hatte und dessen eine Rolle (von vieren) kaputt war. Obwohl mir damals beim Kauf versichert worden war, dass ich ihn überallhin zur Reparatur bringen könne, wo Samsonite-Koffer verkauft würden, humpelte ich lieber bis zum Samsonite-Laden im Tal als zu den aktiv unangenehmen Menschen im Kofferladen ums Eck zu gehen. Dort nahm man mir den Koffer allerdings nicht etwa zur Reparatur ab, sondern bestellte lediglich eine Ersatzrolle. Ich musste das Trumm also zu meinen weiteren Einkäufen mitnehmen. Die Sonne wärmte inzwischen auch.

Lammfleisch bei einem ungemein launigen Metzger in der Metzgerzeile am Viktualienmarkt (die Launigkeit „wer um alles in der Welt mag Lammfleisch?!“ kann sich vermutlich nur jemand erlauben, der im Grunde von den Leberkäs- und Bratensemmelkäufen der Touristen lebt). Nach weiterer mühsamer Humpelei besorgte ich noch Milchprodukte im Biosupermarkt.

Frühstücksmittagessen: Borscht vom Vortag mit reingebrocktem Brotrest (bei uns verkommt nichts). Dazu Zeitungslektüre.

Letztes Bügeln vor Urlaub, Bücher-Blogpost finalisiert, am Jahresendfragebogen geschrieben, Orange, Birne und Stollen gegessen.

Zum Nachtmahl probierte Herr Kaltmamsell ein Rezept aus einem alten „Kochen aus aller Welt“-Kochbuch aus: Albanisches Lamm. Es wurde angebraten und dann im Ofen in einem Joghurt-Ei-Guss fertig gegart.

Schmeckte gut, dazu Ruccola.

Abendunterhaltung Ich war eine männliche Kriegsbraut mit Cary Grant von 1949 auf Arte.


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