Essen & Trinken

Journal Dienstag, 13. Oktober 2020 – Evidenz-Skepsis

Mittwoch, 14. Oktober 2020

Fast fünf Stunden am Stück geschlafen!

Das Wetter war zunächst weiter kalt und grau, doch die Aussicht auf See und umliegende Berge ist durch die tiefen Wolkenbänke auch bei diesem Wetter interessant.

Beim Frühstück (wieder Lust auf Müsli mit Joghurt) verabschiedete ich meine Tischgenossin, deren Reha endete: Sie war sympathisch gewesen, und da sie sich wirklich auf freundlichen Smalltalk beschränkte, auch keine Belastung.

Ich lernte manuelle Lymphdrainage kennen: Der ausführende Physio wusste nicht zu erklären, wozu sie mir verschrieben wurde, auch nicht den Kompressionsstrumpf – mein operiertes Bein ist weiterhin nicht geschwollen. Laut ihm hätte ich beides am ehesten in den Tagen direkt nach der OP gebraucht. Wir einigten uns, dass ich im Tragen des doofen Strumpfs flexibel sein kann.

Bis zum nächsten Termin lungerte ich im Foyer herum (das hatte ich von der vergangenen Reha keineswegs vergessen: die vielen 20-30-minütigen Pausen zwischen den Terminen, mit denen nichts anzufangen ist) und las Zeitung auf meinem Handy. Dann endlich: Fango! Der Weg zur Behandlung war im labyrinthischen Bäder-Untergeschoß halbwegs nachvollziehbar. Da die Fango-Platte für den Rücken platziert wurde, ist auch ihr Nutzen mir unklar, aber die Wärme war angenehm.

Jetzt wäre ein Cappuccino schön gewesen, doch die Cafeteria hatte gestern um 11 Uhr noch keinen Betrieb.

Neugierig war ich auf „Pilates Einführung“. Im mittelgroßen Gymnastikraum waren wir nur zu dritt plus Trainerin. Sie erklärte Grundsätzliches, auf dem Boden wurden wir zu ersten Übungen angeleitet. Das könnte interessant werden.

Mittagessen in Bildern:

Gemüsesuppe mit deutlicher Kümmelnote.

Penne al arrabiata (die ich im Kopf vermutlich bis an mein Lebensende wie Darth Vader in der Death Star Canteen aussprechen werde).

Vanillepudding (cremig).

Inzwischen regnete es leicht. Ich krückelte dennoch meinen Verdauungsspaziergang im Park, nicht mal die Rauchergruppe war draußen.

Der nächste Termin war nochmal „Bewegungsschiene“. Diesmal kümmerte sich ein Physio und stellte die Schiene ein, auf die ich mein Bein lege und die es dann maschinell anwinkelt und ausstreckt. I’m not an expert, but – da ich dazu neige, im Zweifel $Medikament oder $Therapie in Verbindung mit dem Suchbegriff „Evidenz“ zu recherchieren, sind meine Fragen nach dem Nutzen wohl berechtigt. Aber man kann’s vermutlich halt abrechnen.

Eine Runde „Med. Training“, also Trockenradeln (ich stellte mal auf deutlich aktiver, um den Puls wenigstens ein kleines Bisschen hoch zu bekommen) und Bewegungsmaschinen.

Tagesprogramm beendet, zurück im Zimmer zog ich mich um (also von Gymnastikhose und Funktionsoberteil in weite, warme Sporthose, T-Shirt und Pulli – Straßenkleidung habe ich hier tatsächlich noch nie getragen). Ich ackerte mich weiter durch Connie Willis, Doomsday Book. Von all den Details der Pesterkrankungen (auch hier wieder und wieder dieselben Beschreibungen in Varianten) wurde mir selbst ganz kränklich.

Abendessen Biryani, das gut schmeckte, allerdings fast ausschließlich aus Reis bestand. Davor eine Suppe. Über den Nachmittag war es trocken geblieben, ich drehte meine Abendrunde im Park sogar unter Sternen.

Abendunterhaltung war Auslesen des Romans. Die Grundidee der missglückten Zeitreise einer Geschichtsstudentin ins Mittelalter, startend von einer mittelnahen Zukunft Mitte des 21. Jahrhunderts, gefiel mir zwar gut, doch die Erzähltechniken sind sehr verbesserungsbedürftig. Ein Drittel der Auserzählungen (niemand geht einfach in einen Raum und setzt sich, sondern öffnet die Tür, schließt die Tür hinter sich, geht zum Stuhl und setzt sich erst dann) müsste man kürzen, dann bekäme die Geschichte Tempo. Interessantes Detail: Als Willis den Roman 1992 veröffentlichte, stellte sie sich eine Zukunft mit Bildtelefonie als Standard vor, doch die Menschen müssen dafür immer noch zu stationären Apparaten gehen. Offensichtlich gab sie der Mobiltelefonie, die damals ja bereits mit Aktenkoffer-großen Apparaten begonnen hatte, keine Chance.

§

„9 (Kinda) Hilarious Lessons From My 99 Days on a COVID Ventilator“.

via @teresabuecker

Journal Sonntag, 27. September 2020 – Kino! The Personal History of David Copperfield

Montag, 28. September 2020

Deutlich besser und zudem lang geschlafen, little blessings. Bei einem der mehrfachen Aufwachen gefröstelt, gedacht: Jetzt wäre ein klimakterischer Hitzeschub parktisch. Und da war er auch schon. Weitergeschlafen. Beim Rollladen-Hochziehen blickte ich zu meiner Überraschung in blauen Himmel und Sonne, zapfig kalt war es allerdings immer noch.

Ausführlich gebloggt, dazu erst Milchkaffee, dann eine große Tasse Tee.

Das mit dem Sport lasse ich jetzt einfach, Körper says no. (Bloß ein bisschen Trizeps.)

Maniküre und Pediküre – der Termin bei meiner Fußpflegerin hatte nicht geklappt. Ich freue mich sehr, dass sie immer gefragter wird, doch nun reichten bereits drei Wochen Vorlauf nicht mehr für einen Abendtermin.

Zum Frühstück gab es selbstgebackenes Brot mit Butter (gekochter Schinken hätte perfekt zu Textur und Geschmack gepasst, aber es war halt keiner im Haus), ein Stück Käse, Brownie-Kekse. Unterhaltung dazu SZ-Magazin und die Rede des Neffen auf der lokalen FFF-Demo.

Ich schob mir einen Lesesessel vor die Balkontür und las Roman. Herr Kaltmamsell musste mal wieder Gschwerl aus dem Hinterhof vertreiben. (Aber wacker: Die hatten selbst am Regensamstag in – allerdings weniger – Gruppen den Nußbaumpark mit Saufen und lautstarkem Streit belegt.)

Am späteren Nachmittag erstes Kinogehen seit den Schließungen im März. Die Neuverfilmung von The Personal History of David Copperfield war angelaufen, die ich sehr gerne sehen wollte; im Arena-Kino um zwei Ecken lief der Film OmU. Mir war klar, dass einfach hinzugehen wohl derzeit keine gute Idee ist. Online konnte ich ein Ticket kaufen, zwei Plätze auf allen Seiten wurden dadurch blockiert. Der ohnehin kleine Vorführraum (der zweite wird gerade renoviert) war dadurch mit fünf Personen ausgebucht. So fühlte ich mich mit Maske sicher, allerdings waren Straßen und Wege im Glockenbachviertel trotz Kälte in der Sonne so voller Menschen, dass ich für Abstand wieder viel zwischen Autos lief.

Der Film unterhielt mich gut. Mir gefiel die wild diverse Besetzung: SWINTON ist in komischen Rollen eh zum Niederkniehen, und Dev Patel macht sich in der Titelrolle durch und durch glaubwürdig. Sehr schön fand ich auch die weiteren vielen nicht-realistischen Erzählmittel: Rückblicke, die auf eine Zimmerwand projiziert wurden, Zeichnungen, die zum Leben erwachten, Handlung, die sich durch Erzähltwerden veränderte.

Zurück daheim stand nochmal eine Runde Bügeln an (auf die OP-bedingte Bügelpause freue ich mich schon). Zum Nachtmahl servierte Herr Kaltmamsell selbst gemachtes Corned Beef, ein Teil gekocht, ein Teil im Ofen gegart. Dazu gekochte Karotten und Kartoffeln.

§

Ich gehöre ja zu den vielen Fans von Michael Spicer und seiner Idee „The Room Next Door“. Im Guardian analysiert Sirin Kale, warum diese Art von Humor und Comedy derzeit die angemessene ist und warum Social Media dabei eine so große Rolle spielen.
„How comedian Michael Spicer hangs politicians out to dry“.

His mother couldn’t understand why his career never seemed to take off.

“She’d say to me,” Spicer chuckles, “‘but there’s so much rubbish on TV. How can there not be room for you?’”

(…)

In this age of howlers so big you can see them from outer space – the gulf of guff, the ocean of lies – the role of the comedian is to remind us that the times we are living in are not normal, no matter how desensitised we have become to the cringing failures and mendacious distortions of our elected leaders.

(…)

There was a period at the beginning of Trump’s presidency when media outlets tried to interpret what he was saying, and parse it into some sort of coherent narrative. Those days are past. Now, many media outlets report Trump unfiltered because there is no discernible message, in any traditional sense. Trump is uncontrolled id with a whipped-cream hubris frosting – how to satirise someone so contemptuous of legal, social, and moral norms?

(…)

Into this logic void has stepped a wave of comedians, who don’t write jokes about the news, so much as literally report it.

Journal Samstag, 26. September 2020 – Der verstörende Salzriese

Sonntag, 27. September 2020

Eine besonders üble Nacht, obwohl ich sie bereits herankommen gefühlt hatte und zum ersten Mal diese Woche zum Ibu gegriffen. Ich versuchte mich daran zu erinnern, wie schmerzfreier Schlaf ging, hatte ich ja noch in der ersten Jahreshälfte dank Cortison gehabt (in der Monaten vor der OP ist Cortison verrbotten).

Aber es war ja Samstag, ich konnte zwei Stunden dranhängen und schlief bis halb acht. Draußen war es regnerisch, windig und kalt, ich genoss den modernen Luxus, einfach nur Heizkörper aufzudrehen.

Vormittags Brotbacken, einen meiner Standards: Glänzendes, großes Bauernbrot nach Plötzblog, diesmal schrieb ich meine Version auf.

Parallel wusch ich zwei Maschinen Wäsche und strampelte auf dem Crosstrainer – allerdings vorsichtig, mein Hüftgelenk gibt wohl kurz vor endgültigem Ende ganz auf.

Während der Stückgare des Teiglings machte ich mich auf eine kleine Einkaufsrunde ins Sauwetter. Am Stephansplatz kam ich an einer neu platzierten, verstörenden Bronze-Skulptur vorbei:

„Giant of Salt“ der Spanier Joan Coderch und Javier Malavia.

In der Galerie Benjamin Eck Projects ums Eck fand ich im Schaufenster eine Anknüpfung, auf deren Website Infos. Die kleinen Skulpturen wirken auf mich vor allem gefällig und dekorativ, doch der Salzriese auf dem Stephansplatz ging mir nach.

Zum Frühstück gab’s Croissant mit Orangenmarmelade, dann Wassermelone, dann Mango mit Joghurt.

Perfekt war das Brot nicht geworden: Es riss unten auf statt oben, hätte vielleicht etwas längere Stückgare gebraucht und mehr Dampf.

Mit der Resthitze vom Brot buk ich Browniekekse nach ZuckerZimtundLiebe.

Einige der Angaben brachten mich zum Schmunzeln und erinnerten mich an das Gesetz meiner Großmuttergeneration, den Teig unbedingt nur in einer Richtung zu rühren, weil sonst der Kuchen zusammenfalle: „die Schale mit der Schokolade und Butter dürfen das Wasser nicht berühren“ (mit Wasserberühung nennt man das Wasserbad und es ist die klassische Methode, Schokolade zu schmelzen), „genau 5 Minuten lang mit dem Teigmischeraufsatz oder Handrührerquirlen mixen“ (ich bin sehr sicher, dass die Geschwindigkeit des Mixens eine Rolle spielt und die Zeit davon abhängt).

Die Kekse waren sehr gehaltvoll und riesig, schmeckten mir auch sehr gut. Das nächste Mal versuche ich es mit der halben Größe und doppelten Anzahl.

Internet und Zeitung gelesen.

Bücher für Klinik und Reha auf mein Kindle gekauft, fünf sollten für den Anfang reichen. Kurzer Heulen- und Zähneknirschen-Anfall, weil ich wirklich sehr, sehr viel lieber kein arthrotisch kaputtes Hüftgelenk hätte und mich von meinem Körper mal wieder verraten fühle.

Fürs Abendessen sorgte ich: Der Lievito Madre im Kühlschrank hatte mich immer wieder auffordernd angesehen, also nutzte ich ihn für Pizzateig, den ich am Vorabend gestartet hatte.

Doch der Teig wollte im Ofen nicht recht aufgehen und blieb klitschig. Sehr viele Chancen werde ich dem Lievito Madre nicht mehr geben.

§

Es macht mich sehr traurig, dass es immer noch eine besondere Geschichte ist, wenn eine geniale Frau ihren Mann überflügeln darf und er sie leidenschaftlich unterstützt:
„May Every Woman Find Her Marty Ginsburg“.

“All too often women are marrying their glass ceilings.”

Ja, auch ich kenne Beispiele aus dem Freundinnenkreis – außerhalb dieser Gruppe ähnlich-gesinnter Menschen wird es allerdings schlagartig dünn. Ich bin gespannt, ob ich in meiner mittlerweile 30-jährigen Berufstätigkeit noch erleben werde, dass eine einzige direkte Kollegin nach Niederkunft in Vollzeit an ihren Arbeitsplatz zuückkehrt (oder auch nur stufenweise darauf hin arbeitet).

§

Ich habe auf dem abgebrochenen Weg zum Doktortitel ja Bekanntschaft mit so manchem schrägen Stipendiumskonstrukt gemacht, aber das von Frau Brüllen schießt alles davon ab:
„So war das mit dem Wurststipendium“.

Journal Freitag, 25. September 2020 – Jahreszeitenwechsel

Samstag, 26. September 2020

Wieder früher Wecker, diesmal für Gymnastik mit ausführlichen Physio-Übungen.

Patientenverfügung individualisiert, lektoriert (der beste Beweis, dass ich sie wirklich durchgelesen habe und ernst meine), ausgedruckt, unterschrieben.

Es regnete, doch ich wollte die unangenehm vollen öffentlichen Verkehrsmittel meiden und nahm trotzdem das Rad. Freundlicherweise fiel mein Arbeitsweg in eine Regenpause, ich wurde lediglich angetröpfelt.

Emsige Arbeit, viel Handwerkliches digital und analog. Mittags Ernteanteil-Tomaten und Bergkäse, eine halbe Riesenpapaya.

Herzliche Abschiede von Kolleginnen, die ich gestern zum letzten Mal vor OP-Abwesenheit sah. (Nachtrag zur Klarstellung: Andere Kolleginnen werde ich nächste Woche noch sehen, dann folgt Telearbeit aus Quarantänegründen.)

Ich machte früh (= fast pünktlich) Feierabend. Dass es jetzt regnete, musste mir einfach egal sein, ich hatte ja eine Regenjacke dabei. Wie geplant hielt ich unterwegs beim Vollcorner für schnelle Einkäufe (vor allem Nüsse, Trockenobst, Schokolade für Klinik/Reha), daheim war ich aber nur mittelnass. Und konnte mich gleich umziehen.

Herr Kaltmamsell reichte Manhattans zum Einläuten des Wochenendes an.

Es war richtig kalt geworden.

Also Wollsocken und Start der Heizperiode (Ende September ist das ok).

Zum Nachtmahl hatte ich mir in Vorausschau auf Temperaturabfall Gulasch gewünscht; Herr Kaltmamsell hatte eines aus Wildschwein zubereitet (vermutlich das Fleisch mit dem allergeringsten schlechten Gewissen bei mir) und servierte es mit Böhmischen Knödeln sowie selbst gemachter Moosbeermarmelade, einem Kollegengeschenk.

Schmeckte hervorragend würzig, und Böhmische Knödel sind ja das absolute Soßensaugwunder.

Zum Nachtisch etwas ganz Besonderes:

Wassermelone aus Eigenanbau des Kartoffelkombinats. Sie schmeckte wunderbar süß.

Die VG-Wort-Ausschüttung wurde angekündigt, mit einer Auflistung aller Blog-Posts, für die es Geld gab: Dieses Jahr waren das 40 Euro pro Post, der auf die Mindestbesuchszahl gekommen war, in Summe wieder einige Tausend Euro. Ich werde sie in mehr Genossenschaftsanteile am Kartoffelkombinat stecken.

§

Über eine englische Pionierin der Fotografie, mit Bildern aus der Mitte des 19. Jahrhunderts:
„Lady Clementina Hawarden – an introduction“.

Hawarden was absorbed in motherhood, having ten children – two boys and eight girls – and yet she found time to be a prolific photographer. (…) Her work records the domestic life of an upper-class mid-Victorian woman. While male photographers at that time often set off to explore faraway places, Hawarden had to work close to home. But by creating exquisite images of her adolescent daughters, she staked out new perimeters for art photography.

Journal Montag, 21. September 2020 – Corona wird deutlicher

Dienstag, 22. September 2020

Viel geschlafen (die Kategorie „gut“ hebe ich mir für andere Zeiten auf), aber mit Kopfweh aufgewacht. Gleich Angst, das könnte ein weiterer Migräne-Anfall sein (sie hat jetzt oft genug bewiesen, dass sie keinen Alkohol als Auslöser braucht), doch eine Tablette Paracetamol half.

Eine Runde Bankstütz, um die wichtigste Muskulatur zu erhalten.

Sonniges Radeln in die Arbeit, die Temperaturen machten die langärmlige Jacke nötig.

Mein Bürovormittag wurde strukturiert von Technik-Kämpfen.
Mittags ein Senfhuhnschenkel und Hefezopf. Nachmittagssnack mehr Hefezopf (der am zweiten Tag nicht mehr sehr schmeckt, aber halt satt macht).

Mein Büronachmittag wurde strukturiert von externen Anrufen (möchten Sie auch mal versuchen, Athenerinnen Eulen zu verkaufen?).

Zum vierten Mal, seit ich sie nutze, zeigte die Corona-Warn-App auf meinem Handy eine „Risiko-Begegnung mit niedrigem Risiko“ an. Ich verlegte meine Einkaufspläne für den Abend in einen hässlichen, aber weitläufigen Edeka. Dort wollte ich in erster Linie Leergut loswerden, doch wenn ich schon mal da war, besorgte ich Obst für Brotzeit sowie Süßigkeiten.

Mit drei Tagen Verpätung reagiert München auf die hohen SARS-CoV-2-Infektionszahlen und das fehlende Problembewusstsein von Oktifestfans: Unter anderem mit Maskenpflicht in der Innenstadt, Auflagen für Treffen mit anderen Menschen.

Telefonat mit Eltern, derzeit sammeln wir in der gesamten Familie ausgiebig (geplante) Krankenhauserfahrungen. Da sich im Kreis gesorgt wird, reden wir tatsächlich hauptsächlich über Körperlichkeiten. Ich hoffe, das wird auch mal wieder anders.

Herr Kaltmamsell machte aus Zucchini, Kartoffeln, Karotten eine Kugel aus einem unserer jüdischen Kochbücher (Herr Kaltmamsell hat es auch online gefunden). Schmeckte auch diesmal nach überraschend mehr als die Summe der Einzelteile und sehr gut.

§

Mein Verdacht, seit ich mich mit KI beschäftige, bereits bestätigt von Herrn Kaltmamsell und jetzt auch von Boris Hänßler in der Süddeutschen:
„Wo künstliche Intelligenz draufsteht, steckt oft nur simple Software drin.“

Journal Freitag, 18. September 2020 – Geschöfft und Geburtstag

Samstag, 19. September 2020

Ich hatte mir den Tag frei genommen: Morgens ein Einsatz als Schöffin, außerdem hatte Herr Kaltmamsell Geburtstag – da ließ ich doch mal ein paar Überstunden so springen, statt sie mir auszahlen zu lassen.

Nach gemischter Nacht stand ich früh auf, um Herrn Kaltmamsell Geburtstags-Milchkaffee servieren zu können, bevor er in die Arbeit musste. Und für eine Runde Crosstrainer.

Chronistinnenpflicht: So sehen die Kastanien vorm Haus heuer um die Zeit aus, also nur mittel niedergefressen von Miniermotten.

Das Radeln zum Gericht dauerte doppelt so lang wie von Google Maps veranschlagt: In der Rush Hour waren so viele Fahrräder unterwegs in einer weiterhin nicht auf Radverkehr ausgerichteten Infrastruktur, dass nicht nur jede Ampel bei Ankunft auf Rot stand, sondern auch so viele Fahrräder davor warteten, dass einmal nicht alle bei einer Grünphase durchkamen. Statt Tempo zu versuchen, schwamm ich in der Radlmasse mit, um mich nicht zusätzlich in Gefahr zu bringen.

Corona-Maßnahmen am Eingang des Justizzentrums: Meine Schöffinnen-Ladung hatte ein vorausgefülltes Formular mit Kontaktangaben umfasst (Service!), das musste ich nur noch unterschreiben und abgeben.

Den Sitzungssaal fand ich erst mal nicht – ein erstes Mal, denn die Bezeichnung der Säle folgt eigentlich einem nachvollziehbaren System. Ein freundlicher Polizist vor einem anderem Saal konnte mir helfen und die Richtung weisen; dass ich nicht die erste mit diesem Problem war, sah ich an vereinzelten auf dem Weg mit Tesa befestigten Zetteln, auf denen die Saalnummer stand. Doch eine Gerichtsangestellte bat uns ohnehin kurz vor angesetztem Start um Umzug: Die Verhandlung fand in einem anderen, deutlich größeren Sitzungssaal statt.

Ausstattung für Corona-Infektionsprävention: Im Zuschauerteil war ein Großteil der Sitze gesperrt, die Plätze auf Anklage- und Richterbank waren durch stabile Plexiglaswände in sauber geschreinerten Holzfassungen getrennt. Keine Maskenpflicht im Sitzungssaal (aber sonst im gesamten Gebäude) – nachvollziehbar, da Mimik im Gesamtgeschehen eine große Rolle spielt. Die Staatsanwältin nutzte jede Gelegenheit zum Lüften.

Verhandelt wurde zwei Stunden lang ein Verstoß gegen das Betäubungsmittelgesetz. Ich lernte wieder eine Menge nicht nur über Gesetzliches, sondern auch über die Arbeitsweise von Richterinnen und Richtern sowie über Ermittlungsarbeit. Neue Wörter: in Tatmehrheit, überschießendes Geständnis.

Vom Richterzimmer aus entdeckte ich, dass im Innenhof des Strafjustizzentrums richtige Apfelbäume stehen.

Anschließend radelte ich an den Josephsplatz: Ich hatte Kleingeld eingesteckt, um nach vielen Monaten mein Projekt Alterungsdokumentation im Fotoautomaten fortzusetzen – am Sendlinger Tor gibt es ja wegen der Bauarbeiten keine Fotoautomaten mehr.

Auf dem Heimweg besorgte ich noch Semmeln, die mit frischen Feigen und Käse mein Frühstück wurden.

Der Tag war gemischtwolkig kühler, doch jeder Sonnenstrahl heizte auf. Ich überlegte, welche Erledigungen anstanden – doch mir fielen keine bis zur Abendessenszubereitung ein. Ich hatte wirklich frei! So setzte ich mich auf den Balkon und las Zeitung, dann ein wenig Internet, dann Karosh Taha, Im Bauch der Königin aus. Dazwischen kam Herr Kaltmamsell aus der Arbeit, dazwischen aß ich eine weitere Semmel und einen Ernteanteilsapfel (in Stücke geschnitten, ich möchte meinen ausgebesserten Schneidezahn nicht durch kraftvolles Zubeißen gefährden).

Für sein Geburtstags-Festmahl hatten wir uns schon vor einiger Zeit gegen einen Restaurantbesuch entschieden: Für einen Draußenplatz war es voraussichtlich zu kühl, und Gastro-Innenbereiche zeichnen sich immer deutlicher als Corona-Infektionsrisiko ab. Also ein Festmahl daheim.

Ich steuerte die Vorspeise bei: Focaccia al formaggio, ein ligurisches Rezept, das ich vor längerer Zeit oft nach Reinhardt Hess, Sabine Sälzer, Die echte italienische Küche zubereitet hatte, jetzt wiederentdeckt.

Diesmal habe ich auch das Rezept mit meinen Erfahrungen aufgeschrieben.

Hauptgang durfte Herr Kaltmamsell basteln.

Flanksteak mit Ernteanteil-Spinat und Süßkartoffel-Pommes aus dem Speisefön (zu lange geföhnt), dazu mallorquinischen Rotwein, zum Anstoßen auch für mich ein Gläschen.

Als Nachtisch war die Crème brûlée vom Vorabend geplant – die unerklärlicherweise nicht fest geworden war. Gab’s halt gehaltvolle Crème anglaise mit Zuckerkruste.

Jähes Ende des Abends: Mir wurde schlecht. Sehr. So blieb mir nur, mich bei Herrn Kaltmamsell für mangelnde Aufmerksamkeit auf seinen Geburtstag zu entschuldigen und schnell ins Bett zu gehen. Wo sich die Übelkeit zum Glück beruhigte und ich einschlief.

Journal Donnerstag, 17. September 2020 – Zerschlagen daheim

Freitag, 18. September 2020

Bis zum Weckerklingeln hatte ich sogar mehr als drei Stunden am Stück geschlafen, es weckte mich gründlich. Ich hätte mir sogar eine Zusatzstunde gegönnt, doch jetzt war ich wach und der Puls ging nicht wieder runter. Doch nach einigem Hin- und Herdenken überm Morgenkaffee und da mich die Migräne-Nachwehen immer noch nicht geradeaus schauen ließen, gab ich der grundsätzlichen und tiefen Zerschlagenheit nach: Ich meldete mich krank.

Erster Effekt nach Abfallen des Zusammennehmens: Ich konnte in mich horchen. Und fand dort unter anderem die Angst vor der OP. Meine Vernunft weiß sehr wohl all die Fakten, ich habe gründlich recherchiert, viele beruhigende Anekdoten gehört, bin auf dieser Ebene nicht nur ruhig und gefasst, sondern freudig aufgeregt: Erstens Abenteuer, zweitens Wissenschaft und Technik, drittens eine Lösung für mein langjähriges Problem.

Aber: HOLY SHIT! Man wird mein Bein aufschneiden, ein fast faustgroßes Stück Knochen aus meinem (!) Körper sägen, einen dreimal so großen Titankeil längs in den Oberschenkelknochen einhauen. In meinen Körper, dem schon die Vorstellung Unbehagen bereitet, Farbe unter die Haut nadeln zu lassen. Es ist meiner Ansicht nach völlig in Ordnung, dass mich das beutelt und verstört, auch diese Seite gehört zu mir.

Zweiter Effekt und Migräne-typisch: Nichts müssen. Über den gestrigen Vormittag weiß ich fast nichts mehr, ich schaute einfach nur migränisch blöd.

Dritter Effekt: Beim Hinterherlesen der Twitter-Timeline seit Mittwochnachmittag ein Dutzend assoziativ gelockerte Tweets rausgehauen. Weil zum einen Migräne eine neurologische Erkrankung ist und bei vielen Betroffenen zu Synapsengewitter führt (auch beschrieben hier von novemberregen), unter anderem bei mir. Weil zum anderen so früh am Morgen eh fast niemand auf Twitter ist. (Oh selig befreiende Irrelevanz!)

Gegen Mittag duschte ich und zog mich an. Erholsame frische Luft holte ich mir auf einer langsam erhumpelten Einkaufsrunde. Das Wetter war leicht abgekühlt und ein wenig wolkig.

Zurück daheim Frühstück mit eben geholten Semmeln, Käse, frischen Feigen, dann verlangte die Erschöpfung eine weitere Schlafrunde.

Nach diesen beiden Stunden fühlte ich mich ganz wiederhergestellt. Mittlerweile war Herr Kaltmamsell heimgekommen, hatte unterwegs den Ernteanteil der Woche abgeholt (für uns kein Kürbis, den hatten wir schon in der Woche davor, und statt Mangold Spinat – jetzt, wo wir so viele Haushalte geworden sind, gibt es öfter mal von einem Gemüse nicht genug für alle 1500 – völlig in Ordnung).

Ich setzte mich auf den Balkon und las die Süddeutsche des Tages. Vorm Balkon klackerten, plumpsten, raschelten, donnerten die Kastanien herab, je nach Landestelle. Dann kurze Küchentätigkeit: Für das Geburtstagsfestmahl am Freitagabend machte ich das Wunsch-Dessert Crème brûlée.

Auch für das Abendessen sorgte ich:

Gestern wieder mit Tahini-Dressing. Zum Nachtisch Schokolade.

§

Frau Nessy verlinkte einen Fahrradklima-Test des ADFC. Ich fand den Fragebogen gut gemacht und empfehle Teilnahme hiermit weiter, der ADFC könnte als Lobby-Sprecher Gehör finden. Die Stadt der Zukunft MUSS andere Prioritäten als den Pkw-Verkehr haben.
„Und wie ist das Radfahren in Deiner Stadt?“

§

Die Website Jobinklusiv fasst faktenreich und gut aufbereitet zusammen:
„Wie das System der Behindertenwerkstätten Inklusion verhindert und niemand etwas daran ändert“.

Dabei gibt es Behinderte, für die tatsächlich eine so betreute Berufstätigkeit ideal ist. Nur reichen die wohl nicht aus, um das System in der jetzigen Form am Laufen zu halten.

§

Tierniedlichkeit: Igel mit Nachwuchs, bitteschön.


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