Essen & Trinken

Journal Montag, 6. April 2020 – Nochmal ein Balkonurlaubstag

Dienstag, 7. April 2020

Der vierte Urlaubstag. Herrlich gut geschlafen bis nach sieben, beim Aufwachen sang draußen ein Rotkehlchen.

Nach ausgiebem Räkeln, Milchkaffee, Bloggen und Twitterlesen machte ich mich – bereits in Sportkleidung – an einen weiteren Hausputz-Bestandteil: Staubwischen und Möbelpflege. Dauerte dann doch eine Stunde, ich habe wohl mehr Rumsteher, als ich gedacht hätte.

Sportrunde: Ausgiebige Kräftigung Rumpf, dann wieder ein Stündchen Crosstrainer mit Musik auf den Ohren.

Gerade als ich frisch geduscht und angezogen war, kam Besuch – unter unserm Balkon. Ein Freund führte seinen Welpen Gassi (*KRAHAISCH*) und meldete sich per Telefonanruf. Wir auf dem Balkon, er davor tauschten wir Neuigkeiten aus, es gab gute Nachrichten. Und ich freute mich sehr, ihn zu sehen.

Frühstück holte ich beim Bäcker, es gab Handsemmeln, dazu Lektüre der Tageszeitung. Über einen Artikel im Lokalen und Internetrecherche fand ich heraus, wer der Vogel ist, dessen Ruf ich in den letzen beiden Jahren immer wieder vom benachbarten Park herüberhörte, auch beim Radeln durch den Bavariapark: ein Grünspecht. (Ich hatte immer einen Greifvogel vermutet.) Jetzt würde ich ihn gerne dazu noch sehen.

Eigentlich hatte ich geplant, im wunderschönen und warmen Frühlingswetter an der Isar zu radeln, doch ich hatte dann doch mehr Lust auf Lesen und tauchte wieder in Der nasse Fisch von Volker Kutscher, setzte mich dazu wieder in die Sonne auf den Balkon.

Am späten Nachmittag machte ich mich mit Herrn Kaltmamsell ans Abendessen: Nudelteigkneten für die Krautflecker (Weißkraut aus Ernteanteil) aus Österreich vegetarisch. Während der Nudelteig ruhte, nutzte ich die letzte Sonnenstunde auf dem Balkon.

Das Kochen war das eine, was mir als gemeinsames Tätigkeit mit Herrn Kaltmamsell für diese Urlaubstage eingefallen war. Das Wetter hätte nach Anwandern gerufen, doch wir alle wissen, dass das auf absehbare Zeit nicht geht (ich hatte den ganzen Tag Flashbacks an frühere Frühlingswanderungen).

Die Krautfleckerl wurden sogar ganz besonders gut.

Journal Sonntag, 5. April 2020 – Sonnenlesen auf dem Balkon

Montag, 6. April 2020

Dann doch mal wieder eine richtig schlechte Nacht – nicht mal wegen Schmerzen, ich konnte einfach nicht einschlafen, schlief dann leicht, wachte immer wieder auf. Aber nach einigen guten Nächten bekümmerte mich das nicht, ich ruhte mich halt einfach aus.

Die Wohnung putzt sich immer noch nicht von selbst. Mittlerweile habe ich aber das Ziel aufgegeben, immer alles auf einmal zu erledigen und dann eine richtig saubere Wohnung zu haben: Mir fiel ein, dass ich das im Grunde erst seit zwanzig Jahren kenne, nämlich durch den wöchentlichen Besuch der Putzmänner. In den 13 Jahren Alleinleben davor reichte meine Energie immer nur für einen Teilaspekt der Wohnugsreiningung, Ausnahme vielleicht noch vor Übernachtungsbesuch. Vergangene Woche hatte Herr Kaltmamsell durchgesaugt und gewischt, gestern putzte ich Bad und Küche gründlich (für meine Verhältnisse – halt die Art Bad- und Kücheputzen, die zusammen anderthalb Stunden dauert). Außerdem wusch ich Bettwäsche und Handtücher, aber das ist Routine.

Nach dem Putzsport strampelte ich ein bisschen weniger Crosstrainer als die Tage davor, es gab auch keine Kraftübungen (einmal aussetzen ist hoffentlich ok).

Frühstück um halb drei: Brot, Grapefruit mit Joghurt, Zitronenkuchen.

Dann tauchte ich in ein neues Buch ab: Volker Kutscher, Der nasse Fisch, also die Romanvorlage für Babylon Berlin (als E-Book, ich will wirklich, wirklich so wenige Papierbücher wie möglich dazubekommen). Das Wetter war so schön warm geworden, dass ich damit sogar zwei Stunden auf dem Balkon in der Sonne saß (Snack noch ein Stück Zitronenkuchen); ich genoss das sehr und fühlte mich privilegiert – im sonstigen sonnigen Draußen waren sicher wieder zu viele Menschen.

Leuchttulpen von der Gegenseite.

In der Abenddämmerung wieder eine Fledermaus gesehen.

Zum Nachtmahl hatte ich mir Carbonara gewünscht – Herr Kaltmamsell servierte.

§

Die zweite Coronawoche von Carolin Emcke:
„Politisch-persönliche Notizen zur Corona-Krise“.

Bitte lesen Sie im Eintrag von Freitag, 3. April, den Absatz der beginnt mit „Es gibt eine Aufnahme eines legendären Konzerts der portugiesischen Pianistin Maria João Pires“ – wundervolle Geschichte, gutes Gleichnis.

Emckes Beschreibung ihrer Freundschaft mit diesem Polizisten erinnerte mich daran, dass ich als Schöffin in mittlerweile sechs Verhandlungen gelernt habe: Polizeibeamte und -beamtinnen sind sehr unterschiedlich. Das ist nicht trivial, und wie bei so Vielem, was lerne, schäme ich mich, dass es mir vorher nicht bewusst war.

Alle, die ich im Gerichtssaal kennenlernte, waren jung, alle erlebte ich als Zeuginnen und Zeugen. Und da gab es die Technikbegeisterten, es gab kleingeistig in Stereotypen denkende, es gab mütterliche/väterliche, denen der Angeklagte ganz offensichtlich ans Herz ging, es gab die Bürokraten, es gab die selbstherrlichen. Bis dahin kannte ich halt nur einen Menschen aus diesem Beruf näher: Den Bereitschaftspolizisten, der in meiner Volontariatszeit in einer Lokalredaktion die Fotoabzüge unserer Negative machte, dafür am frühen Nachmittag vorbeikam und die entwickelten Filme mitnahm, später die Abzüge brachte. Es waren die Zeiten von Wackersdorf, wo er regelmäßig eingesetzt wurde. Sehr wahrscheinlich war er einer der vielen Polizisten, der dort am Zaun mit den Demonstrierenden diskutierte, denn er brachte seinem kleinen Sohn das Lied bei: „Maikäfer flieg, dein Vater ist im Krieg, dein Vater ist in Wackerland, Wackerland ist abgebrannt…“

§

Sehr lustiges TikTok der Filmregisseurin Alina Polichuk.

Journal Freitag, 3. MärzApril 2020 – Urlaubstag mit Sonne und Fondue

Samstag, 4. April 2020

Urlaubstag! Ursprünglich eingereicht für einen Familienausflug nach Salzburg – unser Geschenk zum 75. Geburtstag meiner Mutter. Storniert ein paar Tage vor offiziellem Lock-down in Österreich. Doch die vier freien Tage am Stück (Montag habe ich ebenfalls frei) kamen mir auch so mehr als recht.

Ausgeschlafen, die letzte Stunde leider mit Kopfweh.

Das ließ sich aber schnell mit Ibu vertreiben (so lange nicht mehr auf Schmerzmittel angewiesen, dass ich die fast schon mühsam hervorkramen musste), ich bloggte und las fröhlich mit Blick aufs sonnige Draußen.

Nach Ferien-verlängerter Kraftübungsrunde auf den Crosstrainer. Ich genoss die Musik auf meinen Ohren und strampelt leicht und nahezu schmerzfrei eine Stunde.

Dennoch traute ich mir eine Einkaufsrunde zu Fuß zu – und das ging! Ich war zwar sehr langsam unterwegs, sah dabei aber mehr als ohnehin schon bei normalem Gehtempo.

Stillleben Baustellenbrotzeit in einem leer geräumten Laden oben am Oberanger.

Wand-Oktopus beim Jakobsplatz.

Ich ließ mich sogar auf menschliche Interaktion ein: Der junge Kassenangestellte bei Eataly grüßte mich besonders herzlich und fragte nach meinem Befinden. Da erzählte ich ihm, dass es mir gut gehe, weil ich frei hätte. Wir plauderten ein Weilchen und ich erfuhr unter anderem dass der Herr zum Deutschlernen ins Land gekommen war, bereits einen Kurs erfolgreich abgeschlossen hatte und bedauerte, dass es derzeit keine Kurse gebe – dass er deshalb versuche, mit Gesprächen in Übung zu bleiben. Ausgesprochen herzerfrischend. (Und es rührt mich immer sehr, wenn sich jemand entschuldigt, dass ihr/sein Deutsch schlecht sei. Ich nahm mir vor, Gelegenheiten für Deutschlob zu suchen – so wie ich in vielen Ausländen ja sogar für die armseligsten Brocken der Landessprache gelobt werde.)

Nach Kauf von Brot, Nudeln, Käse im Eataly spazierte ich zur friendly neighborhood Metzgerei. Ich besorgte Fleisch für den Abend und wurde gut beraten – während andere Angestellte Kunden zum Abstandhalten scheuchen mussten, für den auch hier Bodenmarkierungen eingezeichnet waren. Im Basitsch bekam ich den Rest von meiner Einkaufsliste.

Schlimme Nachricht aus dem Freundeskreis, es gibt noch anderes neben Corona, was einen auf direktem Weg auf die Intensivstation bringen kann. Da schaue ich seit Jahren besorgt in Richtung meiner Eltern, Schwiegereltern und deren Freunde – und dann erwischt es jemanden Ende 40.

Frühstück war dann Ernteanteilspinat mit zwei wachsweichen Eiern und einem Laugenzöpferl – selbst zubereitet, denn Herr Kaltmamsell hatte noch keine Ferien und musste arbeiten. Es ist fast schon ungewohnt, dass ich nicht lediglich einen Essenswunsch äußern muss und das Gericht dann von Elfenhand auf den Tisch gezaubert wird

Zeitunglesen im sonnigen Wohnzimmer, da und auch sonst den ganzen Tag Samstagsgefühl – was mehrfach zu Verdutzung führte, weil Menschen von Arbeit twitterten.

Leuchttulpen.

Als Abendessen war Fondue geplant; auf die Idee hatten mich Bilder von Quarantäne-Raclette gebracht, denn warum nicht, wir sind erwachsen und können Fondue essen, wann immer wir wollen. Auch dafür war ich verantwortlich: Ich hatte Champignons eingelegt, Sößchen angerührt, jetzt schnitt ich Aubergine und Fleische, darunter der Tipp aus der Metzgerei – Entenbrust.

Wie es sich bei Fondue gehört, überfraßen wir uns völlig, bis wir einander nur noch etwas vorächzen konnten. Die Entenbrust funktionierte gut, mein Liebling war aber die Aubergine.

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Wenn Sie in München wohnen, könnte es am morgigen Sonntag an der Tür klingeln: Das Tropeninstitut der Ludwig-Maximilians-Universität will in einer großen Studie herausfinden, wie viele Menschen tatsächlich schon mit dem Coronavirus infiziert sind.
„Die wirklichen Zahlen über Covid-19“.

Auch für Nicht-Münchnerinnen eine interessante Lektüre, da die Methodik der Datenerhebung ungewöhnlich detailliert erklärt wird (u.a. lernte ich den Begriff „Random Walk“ – überhaupt lerne ich in diesen Tagen so viel, allerdings tendiert mein Gemüt ohnehin dazu, sich in Zeiten großer Unsicherheit an Faktenwissen festzuhalten).

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Noch ein bissl Spaß und Musik zum Wochenende.

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https://youtu.be/3q7ExHaKt2M

via @widenka

Journal Donnerstag, 2. April 2020 – Sportvergrämer, Kirschblüte, Coronazukunft

Freitag, 3. April 2020

Gestern war (nach gutem Schlaf) wieder Yoga dran. Und da hat mir Adriene leider doch ein bissl das Kraut ausgeschüttet: „toning“ und „losing weight“ (auffallenderweise jetzt ohne jegliches „whatever that means to you“) will ich als Ziel eigentlich in überhaupt keiner Sportanleitung hören, und schon gar nicht im sonst so introspektiven Yoga. 1. Bin ich ein Drucker? 2. WHAT? THE? FUCK? Zumal ich ganz sicher nicht die einzige bin, für die zweiteres nah am Trigger ist. Vielleicht brauche ich erst mal Pause von Adriene. (Tony Britts statt dessen?)

Herr Kaltmamsell beklagte sich, er habe den „Kopf nicht frei“ zum Lesen. Ich war erschüttert, denn gerade wenn man zu viel im Kopf hat, bedeutet für die leidenschaftliche Leserin doch ein Buch (in welcher Medienform auch immer) Ausruhen, Urlaub, Fluchthöhle. Bevor ich befürchten konnte, mein Lebensgefährte und ich hätten uns in einem fundamentalen Aspekt auseinandergelebt, fragte ich nach, und: Ja, das passiert ihm zum ersten Mal im Leben.

Sonniger Radlweg in die Arbeit, in der Arbeit weitere Emsigkeit, allerdings nicht mehr so zerstückelt. Mittags eine rote Paprika mit Vilstaler Schafskäse und das Restl spanischen Cabrales mit einer Birne (die es dazu braucht, um die brutale Schärfe zu dämpfen). Nachmittags weitere Birnen. Dass ich die Urlaubstage Freitag und Montag trotz ausgefallenem Familienausflug nehmen würde, hatte dann doch mehr Herumschieben und Information zur Folge.

Auf dem Heimweg radelte ich am Edeka im Schwanthalerforum vorbei, der mir als besonders leer berichtet worden war: Ich brauchte unter anderem Vanillinzucker (für einige Speisen halte ich an dem künstlichen Geschmack fest), den gibt es nicht im Biosupermarkt. Und ich gönnte mir die ersten Tulpen der Saison – die ich sonst ganz sicher nicht im Supermarkt kaufen würde, doch die Blumenläden sind ja geschlossen.

Auf dem Heimweg fotografierte ich endlich meine Referenzkirschbäume, die ihre Blüte begonnen haben.

(Für die Chronik: Am Mittwoch hatte ich bei St. Paul die ersten Schlüsselblumen gesehen.)

Daheim telefonierte ich erst mal mit meiner Mutter: Alles in Ordnung, noch fühlen sich ihre Tage mit Ausschlafen und Sich-treiben-lassen ohne Termine wie Ferien an.

Herr Kaltmamsell probierte zum Nachtmahl Pad Thai aus. Ich machte als Aperitif Pink Gin & Tonic.

(Das Weiße ist Seidentofu.) Schmeckte mir sehr gut, lediglich hatten die Nudel noch zu viel Biss.

§

Was mir am allerschnellsten in dieser Pandemie klar wurde: Auf Bauchgefühl kann ich gar nichts geben. Unsere Instinkte wurden mit keinerlei Erfahrung gefüttert, die man jetzt heranziehen kann. Das war der Moment, ab dem ich versuchte, alle relevanten Entscheidungen über Vernunft laufen zu lassen. Die Chemikerin und Wissenschaftsjournalistin Mai Thi Nguyen-Kim (Glückwunsch zum kleinen Freund der Sonne!) kalkuliert den weiteren Verlauf der COVID-19-Pandemie nüchtern auf der Basis von Expertenzahlen durch, abgewogen und Vernunft-basiert. Das Resultat ist – scheiße. Je nach Modellierung in verschiedenen Tiefen und Farben. Nein, so schnell werden wir nicht zu irgendeinem Leben prä-Corona zurückkehren.

Dringende Guck-Empfehlung.

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https://youtu.be/3z0gnXgK8Do

Wie meinte Kurt Kister in seinem jüngsten SZ-Abonnenten-Newsletter?

Ich lese gerne Geschichtsbücher, möchte aber mit meinen Erlebnissen darin eigentlich nicht vorkommen.

Da ich es nicht fertigbringe, mich den Ergebnissen der optimistischen Modellierungsvariante anzuschließen (weil: Menschen!), bedeutet das für mich konkret: Das neue Hüftgelenk muss ich realistischerweise bis weit ins nächste Jahr schieben.

§

Geht zwar in erster Linie vom US-amerikanischen Markt aus, ist aber trotzdem interessant:
„What Everyone’s Getting Wrong About the Toilet Paper Shortage“.

There’s another, entirely logical explanation for why stores have run out of toilet paper — one that has gone oddly overlooked in the vast majority of media coverage. It has nothing to do with psychology and everything to do with supply chains. It helps to explain why stores are still having trouble keeping it in stock, weeks after they started limiting how many a customer could purchase.

In short, the toilet paper industry is split into two, largely separate markets: commercial and consumer. The pandemic has shifted the lion’s share of demand to the latter. People actually do need to buy significantly more toilet paper during the pandemic — not because they’re making more trips to the bathroom, but because they’re making more of them at home.

Kurzfassung: Die Löcher in den Regalen der Supermärkte (und bitte daran denken: die nicht entfernt von einem existenziellen Mangel zeugen) sind nicht (allein) durch hirnlos hamsternde Käuferinnen und Käufer erzeugt – sondern durch die Verschiebung des Komsumorts. Das Klopapier und die Tomatendosen, die sonst in Schulen, Büros und Kantinen verwendet wurden, werden jetzt in Privathaushalten benötigt – die aber durch komplett andere Lieferketten und im Fall von Klopapier sogar andere Produzenten versorgt werden. Es braucht noch ein Weilchen, bis die Anbieter sich auf das sehr schnell veränderte Szenario eingestellt haben.

Journal Montag, 30.März 2020 – Prinzessinnensekt aus dem Bioladen

Dienstag, 31. März 2020

Vielleicht hätte ich die lange Siesta am Sonntag doch lieber bleiben lassen sollen: Ich schlief sehr schlecht, obwohl mich keine Schmerzen wachhielten. In meinen Träumen tauchte erstmals die Corona-Quarantäne auf.

Radfahrt im leichten Schneewirbel, zumindest war es nicht frostig.

Emsiger Tag, an dem mir dieser Cartoon genau einen Smalltalk zu spät begegnete.

Mittags eine große Portion Eintopf vom Vorabend, in der Mikrowelle erwärmt, nachmittags eine Semmel und Schokolade.

Auf dem Heimweg Besorgungen vom Vollcorner: Jetzt wird Kundschaft durchgezählt, man bekommt am Eingang einen Einkaufswagen (und kann nur von den Einkaufswagenverteilenden von draußen reingelassen werden), großes Plakat mit Verhaltensregeln, Lücken u.a. im Nudelregal. Ich kaufte Orangen, Birnen, Handseife, Apfelmus, nichts davon in größeren Mengen als sonst.

Ebenfalls mitgenommen habe ich diesen Spumante: Er steht seit Weihnachten auf einem Sondertisch und sticht in dieser Bio-Umgebung heraus wie ein weher Finger – Glitzer hat man hier normalerweise nicht. Aber Glitzer brauchte es gestern, also erbarmte ich mich des Flakons. Und der Spumante schmeckte gut!

Nachtmahl waren zum einen Rote Bete aus Ernteanteil: Herr Kaltmamsell machte zweierlei Pürees daraus, eines nach Ottolenghi mit Joghurt, Knoblauch, Olivenöl, das andere mit Tahini. Außerdem gab es Käse zu Weizensauerteigbrot aus der Fritz Mühlenbäckerei.

Abendunterhaltung war eine reizende Sendungsidee des Bayerischen Fernsehens: Jobtausch über Ländergrenzen hinweg, diesmal „Oberbayerische Trachtenschneiderinnen in Schottland“. Zwar viel daran offensichtlich gestellt und geskripted, aber es blieb genug für Sehvergnügen.

§

Zum Glück mehren sich in meinem Internet die Stimmen, die sich über all die Tipps und Angebote gegen Langeweile in der Quarantänezeit wundern, weil WELCHE LANGEWEILE BITTE?! Bei mir ähnlich: Zu all den kulturellen Online-Angeboten (Podcasts, Lesungen und Sendungen zum Nachhören), die ich schon bislang nicht schaffte, kommen jetzt täglich neue und absolut wundervolle kulturelle Online-Angebote, die ich zusätzlich nicht schaffe. Nächsten Freitag und Montag habe ich frei, vielleicht hole ich dann ein uraltes Strickzeug raus, um endlich ein paar der offenen Tabs wegzuhören.

Jetzt beginnen ja eigenartigerweise viele Menschen, selbst Brot zu backen (während ich mir mein gewohntes Brotbacken verkneife, um den kleinen Bäcker um die Ecke zu unterstützen). Jemand, der nicht erst Anfang März damit angefangen hat, ist Seamus Blackley: Er hat ein Jahr lang daran gearbeitet, altägyptisches Brot nachzubacken – mit Hefekulturen aus altägyptischen Ausgrabungsfunden.

§

Laurie Penny ist Expertin für Science Fiction und für End-of-the-world Fiction. Ihr ist aufgefallen, was auch ich seit einiger Zeit denke: Diese weltweite Katastrophe ist überhaupt nicht wie im Film (außer vielleicht dem US-amerikanischen Topos von Wissenschaftler vs. Bürgermeister des Touristenorts). Penny hat darüber einen Artikel geschrieben:
„This Is Not the Apocalypse You Were Looking For“.

Was sich bislang als richtig herausgestellt hat, kommt nicht aus einem Katastrophenfilm, sondern aus der Occupy-Bewegung vor zehn Jahren:
„It is easier to imagine the end of the world than the end of capitalism.”

To the rich and stupid, many of the economic measures necessary to stop this virus are so unthinkable that it would be preferable for millions to die. This is extravagantly wrong on more than just a moral level—forcing sick and contagious people back to work to save Wall Street puts all of us at risk. It is not only easier for these overpromoted imbeciles to imagine the end of the world than a single restriction on capitalism—they would actively prefer it.

Journal Freitag, 27. März 2020 – Bits and Bobs aus dem Pandemiealltag

Samstag, 28. März 2020

Und nun wieder mit Kopfweh aufgewacht, in den letzten beiden Stunden Schlaf zudem mehrfach hochgeschreckt, weil ich träumte, dass der Wecker klingelt. Dieses Ende der Arbeitswoche sehnte ich schon sehr herbei: Ich bin erschöpft, ich brauche Pause.

Es war milder geworden, ich konnte im Büro das Fenster auf der Sonnenseite den ganzen Vormittag gekippt lassen. Emsiges Arbeiten, einiges davon sogar geplant und nicht als Querschuss.

Mittags Butterbrot aus selbst gebackenem, nachmittags eine Orange (überraschend köstlich) und ein kleiner Lagerapfel.

Beim mittäglichen Zeitunglesen bemerkte ich endlich den Jugoslawien-Effekt: Ich lese nicht mehr jede Faktenmeldung und -analyse zur Pandemie, meine Aufmerksamkeit schaltet aus seelischer Überforderung auf Langeweile. Wie halt, deshalb meine Bezeichung, damals im jugoslawischen Bürgerkrieg, als ich monatelang (wofür ich mich durchaus schämte), die Titelseite der Süddeutschen ungelesen umblätterte.

Langsam mehren sich die bekannten Namen unter den COVID-19-Todesfällen, gestern der US-amerikanische Architekt Michael Sorkin und Marguerite Derrida, Psychoanalystin, Übersetzerin und Witwe von Jacques Derrida.

Wenn jetzt alle ihre Urlaubsanträge zurücknehmen, weil ihre Urlaubsreisen ausfallen, bekommen wir zum Jahresende ein echtes Problem.

Nun wurde auch der diesjährige Bachmannpreis abgesagt, also die Tage der deutschsprachigen Literatur in Klagenfurt.

Ich machte früh Feierabend und radelte zum Viktualienmarkt. Schon auf dem Weg dorthin erfasste mich endlich der tiefe Pandemie-Schrecken (auch hier „endlich“, weil ich mittlerweile weiß, dass mein Gemüt bei Einschlägen sehr lange eisern an business as usual festhält, bis unweigerlich ja doch der Knick kommt – je früher desto besser, doch ich habe das nicht in der Hand): Es waren die nun doch auffallend leeren Straßen an einem milden Frühlingsfreitagnachmittag und die Blumenläden, deren Leere auf mich wirklich apokalyptisch wirkte.

Auf dem Viktualienmarkt, auch hier sah die Entvölkertheit gespenstisch aus, steuerte ich den Tölzer Kasladen an. Aus einem Fenster mit Plexiglasscheibenschutz wurde verkauft, ich stand ein wenig an. Und kam dann beim Einkauf ins Fachgespräch mit dem kundigen Herrn innen, der mir unter anderem einen Käse vorstellte, der dem Manchego ähnlich sei, aber aus Niederbayern komme, von Vilstaler Schäfern. Er ließ mich probieren und tatsächlich hatte ich Manchego-Erinnerung im Mund, und zwar bevor die industrielle Produktion in Spanien Nuancen wegentwickelt hatte. Ich freute mich: Ein richtiger Einkauf im Fachgeschäft ist es, wenn ich etwas dabei lerne.

Daheim das SZ-Magazin des Tages gelesen. Am meisten freute mich diesmal die Rubrik „Getränkemarkt“: Die Wiener Autorin Verena Mayer disste den Kaffee ihrer Heimatstadt:
„Bohnenseiche Plörre“.

(Im Heft trägt der Artikel die Überschrift „Melange“.) Ich machte mehrfach „HA!“ und lachte laut auf, denn das war für mich bei meinem ersten Wien-Besuch auf den Spuren der Tante Jolesch die eine große Enttäuschung gewesen, die ich mich nie zu elaborieren traute, weil ich den Zorn der Wien-Götter fürchtete. Und jetzt:

Ich bin vor Corona in Wien ins Kaffeehaus gegangen, und ich werde es nach Corona tun. Es gibt viele Gründe, in Wien ins Kaffeehaus zu gehen. Keiner davon lautet: der Kaffee. Ich gehe so weit zu sagen, dass es wenige scheußlichere Getränke gibt als Kaffee in Wien. Das, was man in Form eines kleinen Braunen, einer Melange oder eines Einspänners bekommt, ist entweder sauer oder bitter oder abgestanden oder alles zugleich. Oder wie es die Wiener Autorin Andrea Maria Dusl nannte: »Bohnenseich«.

Ein weiterer anzumerkender Artikel: Dorothea Wagner schreibt darüber, dass ihr Mode immer erst gefällt, wenn sie schon am Verschwinden ist. Daran fiel mir das Absätzlein unterm Autorinnennamen auf:

Dorothea Wagner stellte vor Kurzem ihren Rekord auf, als sie am Morgen die Jeans ihres Freundes anzog, die Beine etwas hochkrempelte und zur Arbeit ging – fast zwölf Jahre nachdem die Boyfriend-Jeans zum Trend wurde.

Weil nämlich hier der Topos der charmant viel zu weiten Männerkleidung an einer Frau aufgegriffen wird, das nie schöner war als in der Kombi Doris Day – Rock Hudson. Und weil ich lange darunter litt, dass das bei mir nicht funktionierte, weil an mir Konfektionsgröße-42-Frau über 1,70 die Kleidung meiner Partner nie charmant zu groß aussah. (Ich leide schon lange nicht mehr, sondern habe den Topos als fiktiv erkannt: Die wenigsten Frauen sind so zierlich.)

Zum Nachtmahl gab es erst mal Artischocken mit Knoblauchmajo (Majo selbst gemacht). Während das Gestrüpp kochte, machte ich uns zur Feier des Wochenendes Cosmopolitans.

Nach den Artischocken gab es Pastetenresterl und den Käse.

Von links im Uhrzeigersinn: Gratte Paille, Langres (der noch nicht davonrennt), Vilstaler Schafskäse, Valedon (ein spanischer Ziegen-Schimmelkäse, der so rass ist, dass er zurückbeißt).

Dass ich am warm angekündigten Samstag nicht werde an der Isar joggen können ist derzeit einfach nur eins von vielen Dingen, dich ich nicht kann (neues Rad kaufen, Essengehen, mich mit Freundin treffen, Cocktailtrinken gehen, Schwimmen.)

§

Schlimme Dinge: Prof. Carl T. Bergstrom ist Biologe an der University of Washington und hat viele Jahre an epidemologischen Modellen geforscht. In einem bestürzenden Twitter-Thread schildert er den Beschuss, unter dem er gerade für das Äußern wissenschaftlicher Fakten und Zusammenhänge steht – und dass er den Faktor Politik und Missinformation in seinen bisherigen Modellen unterschätzt hat.

I’m sure that 99% of these are motivated by what we call tribal epistemology, the idea that truth is determined not so much by the facts as by the way that a claim aligns with the story that a preferred leader is telling.

(…)

For me, this is the heartbreaking part.

It turns out we’re not all in this together.

Jetzt kostet die Polarisierung der Gesellschaft in den USA hunderte Menschenleben.

Journal Donnerstag, 26. März 2020 – Arbeitsalltag

Freitag, 27. März 2020

Kurz vor Weckerklingel erfrischt aufgewacht.

Da ich von der mittwöchlichen Kraftrunde leichten Muskelkater hatte, beschränkte ich mich auf Dehnen und stieg für eine halbe Stunde auf den Crosstrainer, die mir sehr gut tat. Außerdem sah ich ein Eichhörchen vorbeispringen.

Beim Radeln in die Arbeit war es nicht mehr ganz so kalt, nicht mehr frostig.

Mittags ein Meat Pie, den Herr Kaltmamsell aus Resten der Wildpastete gemacht hatte, die es zum Abendessen gab.

Der Arbeitstag wurde länger als geplant (ich habe inzwischen erkannt, dass diese Phase keineswegs ruhig für mich wird), Heimradeln durchs Helle und gegen unangenehmen Wind.

Herr Kaltmamsell servierte die Wildpastete mit eben geholtem Postelein aus Ernteanteil. Dazu ein Gläschen Scheureube Auslese. Köstlich.

§

Bei Dita van Teese daheim.

Aktivieren Sie JavaScript um das Video zu sehen.
https://youtu.be/rHyIOIstYRA

via @DonnerBella

Ein Haus, in dem ich definitiv nicht wohnen möchte. Sondern im schlichten Nebenhaus, um jeden Tag für eine Stunde rüberzugehen und einen kleinen Ausschnitt davon anzusehen. Den Hausanzug wiederum würde ich jederzeit tragen.


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