Essen & Trinken

Journal Donnerstag, 17. September 2020 – Zerschlagen daheim

Freitag, 18. September 2020

Bis zum Weckerklingeln hatte ich sogar mehr als drei Stunden am Stück geschlafen, es weckte mich gründlich. Ich hätte mir sogar eine Zusatzstunde gegönnt, doch jetzt war ich wach und der Puls ging nicht wieder runter. Doch nach einigem Hin- und Herdenken überm Morgenkaffee und da mich die Migräne-Nachwehen immer noch nicht geradeaus schauen ließen, gab ich der grundsätzlichen und tiefen Zerschlagenheit nach: Ich meldete mich krank.

Erster Effekt nach Abfallen des Zusammennehmens: Ich konnte in mich horchen. Und fand dort unter anderem die Angst vor der OP. Meine Vernunft weiß sehr wohl all die Fakten, ich habe gründlich recherchiert, viele beruhigende Anekdoten gehört, bin auf dieser Ebene nicht nur ruhig und gefasst, sondern freudig aufgeregt: Erstens Abenteuer, zweitens Wissenschaft und Technik, drittens eine Lösung für mein langjähriges Problem.

Aber: HOLY SHIT! Man wird mein Bein aufschneiden, ein fast faustgroßes Stück Knochen aus meinem (!) Körper sägen, einen dreimal so großen Titankeil längs in den Oberschenkelknochen einhauen. In meinen Körper, dem schon die Vorstellung Unbehagen bereitet, Farbe unter die Haut nadeln zu lassen. Es ist meiner Ansicht nach völlig in Ordnung, dass mich das beutelt und verstört, auch diese Seite gehört zu mir.

Zweiter Effekt und Migräne-typisch: Nichts müssen. Über den gestrigen Vormittag weiß ich fast nichts mehr, ich schaute einfach nur migränisch blöd.

Dritter Effekt: Beim Hinterherlesen der Twitter-Timeline seit Mittwochnachmittag ein Dutzend assoziativ gelockerte Tweets rausgehauen. Weil zum einen Migräne eine neurologische Erkrankung ist und bei vielen Betroffenen zu Synapsengewitter führt (auch beschrieben hier von novemberregen), unter anderem bei mir. Weil zum anderen so früh am Morgen eh fast niemand auf Twitter ist. (Oh selig befreiende Irrelevanz!)

Gegen Mittag duschte ich und zog mich an. Erholsame frische Luft holte ich mir auf einer langsam erhumpelten Einkaufsrunde. Das Wetter war leicht abgekühlt und ein wenig wolkig.

Zurück daheim Frühstück mit eben geholten Semmeln, Käse, frischen Feigen, dann verlangte die Erschöpfung eine weitere Schlafrunde.

Nach diesen beiden Stunden fühlte ich mich ganz wiederhergestellt. Mittlerweile war Herr Kaltmamsell heimgekommen, hatte unterwegs den Ernteanteil der Woche abgeholt (für uns kein Kürbis, den hatten wir schon in der Woche davor, und statt Mangold Spinat – jetzt, wo wir so viele Haushalte geworden sind, gibt es öfter mal von einem Gemüse nicht genug für alle 1500 – völlig in Ordnung).

Ich setzte mich auf den Balkon und las die Süddeutsche des Tages. Vorm Balkon klackerten, plumpsten, raschelten, donnerten die Kastanien herab, je nach Landestelle. Dann kurze Küchentätigkeit: Für das Geburtstagsfestmahl am Freitagabend machte ich das Wunsch-Dessert Crème brûlée.

Auch für das Abendessen sorgte ich:

Gestern wieder mit Tahini-Dressing. Zum Nachtisch Schokolade.

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Frau Nessy verlinkte einen Fahrradklima-Test des ADFC. Ich fand den Fragebogen gut gemacht und empfehle Teilnahme hiermit weiter, der ADFC könnte als Lobby-Sprecher Gehör finden. Die Stadt der Zukunft MUSS andere Prioritäten als den Pkw-Verkehr haben.
„Und wie ist das Radfahren in Deiner Stadt?“

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Die Website Jobinklusiv fasst faktenreich und gut aufbereitet zusammen:
„Wie das System der Behindertenwerkstätten Inklusion verhindert und niemand etwas daran ändert“.

Dabei gibt es Behinderte, für die tatsächlich eine so betreute Berufstätigkeit ideal ist. Nur reichen die wohl nicht aus, um das System in der jetzigen Form am Laufen zu halten.

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Tierniedlichkeit: Igel mit Nachwuchs, bitteschön.

Journal Dienstag, 15. September 2020 – Nachtmahl unter freiem Himmel

Mittwoch, 16. September 2020

Der früheste Hausärztinnen-Folgetermin, den ich vor drei Wochen bekam, war gestern nach neun. Das bedeutete immerhin: Normale Weckzeit und trotzdem eine Stunde Crosstrainer. Vorm Fenster nochmal Spätsommer, ich hatte für abends einen Draußentisch im besonders schönen Draußen des Restaurants Romans reserviert.

Beim Strampeln mit Musik auf den Ohren konnte ich Müllmänner beobachten und war gerührt, dass sie offensichtlich alles daran setzen, so wenig Lärm wie möglich zu machen.

Gemütliches Radeln zur Hausärztin. Nachdem der erste Medikamentierungsversuch ohne Folgen geblieben war, hält sie es für möglich, dass der Blutdruck „nach der Aufregung um die OP“ von selbst runtergeht. Hm, ich wäre ganz offen dafür, doch bei meiner erblichen Vorbelastung zweifle ich. Jetzt nächster Medikamentierungsversuch.

Radeln in die Arbeit, durch verspäteten Einstieg hektischer Anfang. Mittags zwei Brezen, Hüttenkäse mit Zwetschgenkompott (eine Hand voll übrige vom Kuchenbacken hatte ich kurz aufgekocht). Nachmittags getrocknete Aprikosen.

Ich versuche weiterhin Interesse an meinen körperlichen Verwerfungen aufzubringen: Ah, das ist also das Hitzegefühl, das oft für Entzündungen im Hüftgelenk beschrieben wird. Oh, das linke Knie protestiert jetzt ebenfalls gegen die zustätzliche Belastung.

Erlösender Anruf von der operierenden Klinik: Der Termin ist hiermit bestätigt. Am Vortag muss ich um 8.30 Uhr antreten – das bedeutet Abfahrt von München Hauptbahnhof um halb sieben.

Ich war mit Herrn Kaltmamsell gleich in Neuhausen beim Romans verabredet; die Fahrt dorthin in den immer größeren Massen an Radlerinnen und Radlern ohne darauf ausgelegte Infrastruktur war anstrengend (auf schmalen Radwegen entgegenkommende Räder und immer mehr Lastenfahrräder (!) verschärften die Situation). Im Romans saßen wir wunderschön mit Blick auf den langsam dunkler werdenden Himmel über uns. Wir wählten das Überraschungsmenü, das recht Käse-lastig war; Herr Kaltmamsell suchte sich einen offenen Rotwein dazu aus, ich verzichtete lieber auf Alkohol.

Als Vorspeise gab es gebratenen Camembert mit Honig, Feigen und Cashews.

Pasta mit Trüffel.

Als das Kalb mit Pilzen in mächtiger Gorgozolasoße serviert wurde, war es dunkel geworden.

Zum Nachtisch Cassata Siciliana.

Sehr satt radelten wir durch die milde Nacht heim (und ich brauche jetzt erst mal ein paar fettfreie Tage, Rülpserchen).

§

Sechs Minuten Filmaufnahmen aus dem Paris der 1890er:
„Ce film gratuit, restauré en 4K vous plonge dans le Paris de la Belle Époque !“

FEUERWEHR!
Und feine Frauen, die bei jedem Schritt ihre Röcke festhalten müssen, überraschend viele Fahrradfahrer.
via @malomalo

Journal Mittwoch, 9. September 2020 – Käseabenteuer

Donnerstag, 10. September 2020

Besserer Schlaf. Ich freue mich ja schon, wenn ich überhaupt die eine oder andere Stunde am Stück tief schlafe.

Crosstrainer-Runde mit großer Dankbarkeit, dass mir die Schmerzen dieses Vergnügen noch erlauben.

Es dämmerte ein sonniger Tag, der klar blieb und warm wurde. Schönes Radeln in die Arbeit. Dort viel zu tun. (All die schmerzvollen Minuten, in denen mir Leute am Telefon erklären, dass sie mich nicht aufhalten wollen.)

Am Samstag hatte ich an der Kühltheke des Eataly zu einem Käse gegriffen, der besonders seltsam aussah, wie ein Schwamm. Er war auf der Verpackung als „Pannerone Lodigiano“ ausgezeichnet, und landete erst mal in unseren Kühlschrank. Als ich am Montag aus der Arbeit kam, erzählte Herr Kaltmamsell, er habe ihn probiert, und irgendwas stimme damit nicht: „Ich bin sicher, dass der nicht so schmecken soll.“ Auch ich probierte: Na ja, schon seltsam. Am Dienstag informierte mich Herr Kaltmamsell, dass er diesen Käse ganz sicher nicht essen werde, da sei irgendwas schief gegangen. Erstaunliche Vehemenz für jemanden, der wie ich bislang noch vor keinem noch so stinkigen oder gammlig aussehenden Käse zurückgeschreckt ist.

Meine Recherche führte mich zu diesem Artikel von 2016:
„Pannerone Lodigiano (Week 13)“.

Demnach ist der Käse eine norditalienische Rarität aus Lodi, es gibt es nur noch einen einzigen Produzenten, Slow Food bemüht sich um Erhalt (zumindest in den vergangenen vier Jahren offensichtlich erfolgreich). Aber, wie es ebenfalls in dem Text heißt, „an acquired taste“, man muss sich also erst mal dran gewöhnen. Der Artikel empfiehlt, ihn zusammen mit Obst zu essen, also schnitt ich mir fürs Mittagessen eine aromatische Nektarine dazu auf.

Passte gut, brachte mich auch drauf, was den Käse so gewöhnungbedürftig macht: er ist nicht salzig, aber dennoch leicht stinkig-seifig. Ich frage mich, mit welchem Wein er sich gut verstehen würde. Doch um das herauszufinden, müsste ich ihn nochmal kaufen – und ich weiß nicht, ob ich dazu bereit bin.

Dann mehr Arbeit, Bauchschmerzen. Ich blieb nicht bis spät.

Nach Feierabend Einkaufen im Kaufhaus: Für Krankenhaus und Reha noch ein Nachthemd, außerdem Sweatpants und Badelatschen. Um mich Menschen in Hochsommerkleidung, viele sehr urlaubsgebräunt.

Zum Nachtmahl servierte Herr Kaltmamsell eine selbst erfundene Quiche mit Speck und Lauch. Den Mürbteig dafür hatte er fertig gekauft – und einen gesüßten erwischt. Schadete dem Genuss nicht wirklich.

Als Abendunterhaltung lief im Fernsehen mal wieder The Good Doctor, bei dem ich immer noch nicht recht weiß (zumindest habe ich nicht nach wenigen Minuten das dringende Bedürfnis wegzuschalten, was die Serie erträglicher macht als ca. 95 % aller anderen). Ich mag an Ärzteserien, einem Genre, das ich durch ER als sehr attraktiv entdeckt habe, halt am meisten das Medizinische. Und davon gab es mir gestern nicht genug.

§

@herdyshepherd1 im Guardian:
„Enough with ‚local‘ and ‚organic‘. We’ll begin to eat well when we farm well“.

What we choose to eat isn’t just a personal choice. The things we pick from the shelves as we shop (and how much we pay for them) add up to a world-shaping message that is broadcast across the fields and determines what farmers choose to grow and how they must do it.

(…)

We need to ask for “regenerative” agriculture, which means boosting soil health and encouraging biodiversity by working with natural processes as we grow food. More often than not, this means using grazing animals in “mixed” farming systems. Livestock, if well managed, repair soil, trample or eat crop residues and waste, provide fertiliser and control weeds. It means our uplands becoming patchworks of native habitats – meadows and pastures, woodland and bogs – and our lowlands working as rotational mosaics of fields.

Interessant ist, dass James Rebanks meinen Verdacht bestärkt, dass Viehwirtschaft ein integraler Bestandteil von nachhaltiger Landwirtschaft ist. (Selbstverständlich hat Massentierhaltung nichts damit zu tun.)

The difficult truth is that there’s no such thing as a one-size-fits-all global sustainable diet that will solve the ecological crisis at one fell swoop. We are all local to somewhere and owning, seeing and taking responsibility for our food and how it is grown is imperative.

§

Twitter-Sammlung: ‘women writers looking bored and holding a cigarette’

Journal Sonntag, 6. September 2020 – Familiensonntag in bei Ingolstadt

Montag, 7. September 2020

Wir waren zu einem Familientreffen in bei Ingolstadt eingeladen, ich stellte mir einen Wecker für vorherigen Sport. Diesen Wecker brauchte es dann nicht mal, es war die Sorte Nacht, deren Ende ich eh herbeisehnte.

Sport war neben Bankstütz nach Wochen mal wieder eine Runde Yoga für den Rücken – die sehr, sehr wohl tat. Sie erinnerte mich daran, dass Yoga bei mir Dinge tut, die nichts anderes schafft, und ich nahm mir weitere Einheiten für die nahe Zukunft vor.

Der Tag war deutlich abgekühlt, aber freundlich. Der Zug brachte uns nach Ingolstadt.

Das neue Normal.

Zu meiner Überraschung stand der Hopfen noch in zwei Dritteln der Gärten: Ich hatte gelesen, dass die Ernte in der letzten Augustwoche begonnen hatte und wähnte sie beendet.

Es war sehr schön, Bruderfamilie und meine Eltern zu sehen, wir saßen draußen im Garten und sahen neben vielen Schwalben auch einen Falken und einen mutmaßlichen Bussard am Himmel.
Der Hauptgang kam aus einem neu angeschafften Smoker, der rundum bestaunt wurde.

Aber erst mal Suppe mit Pfannkuchen und Grießnockerln.

Dann aus dem Smoker Lammkeule Kürbis, Kartoffeln, Auberginen, Paprika, Zwiebeln, zudem grüne Bohnen und Romanasalat – ausgesprochen köstlich.

Weil es doch ein wenig frisch wurde, setzten wir uns für Kaffee und Dessert (Apfelstrudel, mmh!) auf die Terasse und plauderten weiter. Unter anderem Austausch von Modalitäten des montäglichen Schulanfangs aus Lehrenden- und Schüler/Schülerinnen-Sicht. Die Neffen sprechen übrigens den glottal stop des Gender-Sternchens geläufig und natürlich im Redefluss, das geht. (Wer glaubt, damit nicht vertraut zu sein: Es ist das kurze Absetzen zum Beispiel in Spiegel*ei.)

Rückfahrt vom derzeitigen Spitzenreiter an Bahnhofs-Romantik.

Wie schon auf der Hinfahrt waren die Sitze nur locker besetzt, ich fühlte mich sicher.

Meine Eltern hatten uns Zwetschgen vom eigenen Baum mitgegeben, um die kümmerte ich mich daheim erst mal. Da ich gestern Abend und an den folgenden Tagen keine Zeit zur Verarbeitung haben würde, entsteinte ich sie, kämpfte mit Würmern um etwa ein Viertel davon (win some, lose some) und fror sie in zwei Portionen ein (ein Mal Zwetschgenkuchen mit Nussboden, einmal für ein Blech Zwetschgendatschi).

Zum Nachtmahl servierte Herr Kaltmamsell Nudeln mit Ernteanteil-Salbei.

Früh ins Bett, um weiter in Nineteen Eighty-Four zu lesen, das mich fesselt.

Journal Samstag, 5. September 2020 – #WMDEDGT im sommerlichen Daheim

Sonntag, 6. September 2020

Fünfter des Monats, an dem Frau Brüllen immer fragt: #WMDEDGT – Was machst du eigentlich den ganzen Tag? An diesem arbeitsfreien Samstag kann ich mitspielen.

Mittel-unruhige Nacht, zumindest freute ich mich bei jedem Halb- oder Ganzaufwachen an der Wärme eines geliebten Menschen neben mir. Gegen sieben war die Nacht vorbei.

Sehr schön: Wie erhofft war es warm genug (mit Sweatshirt und Socken) für Morgenkaffee auf dem Balkon.

Beachten Sie die rückenfreundlichen Schäufele und Besen, die es ein gutes Jahr nach meiner Rücken-Reha endlich im Haushalt gibt (Online-Kauf, nachdem Herr Kaltmamsell offline vergeblich gesucht hatte).

Ich bloggte und las Twitter samt verlinkten Artikeln, sah jungen Eichhörnchen in der Kastanie zu, stand immer wieder auf für Handgriffe des Brotbackens.

Der sonnige Tag wurde immer wärmer. Ich beschloss, gar keinen Sport zu treiben, sondern den letzten Sommertag entspannt zu genießen (in einem Jahr lässt sich beides hoffentlich wieder verbinden).

Wochenendkuchen buk ich ebenfalls, nämlich Luxemburger Schuedi. Das Backen hatte ich so organisiert, dass der Schuedi urprungsgerecht die Resthitze vom Brotbacken nutzte.

Zwischen den Zubereitungsschritten dafür bereitete ich Kartoffelsalat mit Gurke (beides aus Ernteanteil, die Kartoffeln allerdings noch von Partnerbetrieben, unsere werden erst noch geerntet) fürs Abendbrot.

Jetzt aber duschte ich mich endlich und zog mich an für eine kleine Einkaufsrunde in der Innenstadt: Der sonnige Tag legte kurze Ärmel, Caprihose und Sandalen nahe.

In der Sendlinger Straße überwogen die Hochsommerkleidchen: Angemessen, das Thermometer am Juwelier Fridrich zeigte kurz nach dem 12-Uhr-Läuten 27 Grad an, in der Sonne war es heiß.

Traurige Entdeckung: Der Body Shop in der Sendlinger Straße hat dicht gemacht – was ich seit Jahren erwartet hatte, nachdem innen die Verkaufsfläche immer weiter reduziert worden war und ich selten Kundschaft sah – und sich das Angebot nie mehr der Ursprungsidee von Anita Roddick annäherte. Als Kundin der ersten Stunde (na ja: anderthalbten, ich entdeckte die Kette 1987 auf Chortournee in Schottland) erinnere ich mich, dass Body Shop bereits in den 1980ern das Konzept hatte, die Plastikflaschen für die Produkte immer wieder im Laden aufzufüllen; außerdem bestand das Angebot aus einem Baukasten: Es gab zum Beispiel neben Deo und wenigen Hand- und Gesichtscremes genau ein Duschgel, ein Shampoo – und zahlreiche Duftöle, mit denen diese Produkte nach Wunsch der Kundin parfümiert wurden. Da mir das Konzept aus Laiensicht immer noch attraktiv und außerordentlich umweltfreundlich erscheint, würden mich die Bedenken der Marktprofis dagegen interessieren.

Für die Gurken-Körpercreme, die ich im Body Shop hatte kaufen wollen, hinktrippelte ich also langsam zur Filiale an der Frauenkirche (wo man mir das Angebot schmackhaft machen wollte, ein zweites Produkt der Serie um den halben Preis zu erwerben – ebenfalls ein Konzept, das Anita Roddicks Haltung wiederspricht: der Kundin Dinge aufzuschwatzen, die sie nicht braucht).

Sommerlicher Jakobsplatz.

Nächster Stopp war wieder Eataly, derzeit die einzige Quelle für verlässlich gutes Obst (viele Feigen, zwei Nektarinen – die Berge Pfirsich sah ich zu spät). Dort hat man die Durchsetzung des Hygienekonzepts verschärft – was mich erleichterte, die Male zuvor war es unangenehm voll gewesen. Was aber auch Schlangestehen am Eingang bedeutete, denn auch Vierergrüppchen wurden jetzt als einzelne Kunden und Kundinnen gezählt, die nur mit eigenem Einkaufswagen oder -korb eingelassen wurden, wenn einer frei war (ich wurde Zeugin einer hitzigen Diskussion mit einer Kundin, die auch nach vielen Wochen dieses Systems in vielen Läden nicht verstand, warum sie für ein, zwei Dinge zu einem Einkaufskorb gezwungen wurde).

Auf dem Heimweg besorgte ich am Sendlinger Tor noch einen Arm voll Dahlien. Die brachte ich zu Hause erst mal ins Wasser („eiskalt!“, wie mich die freundliche Standlerin anwies, von der ich schon so viel gelernt habe), dann gab es Schuedi zum Frühstück.

Zeitunglesen auf dem Balkon, weitere Backrunde: Ich hatte Sauerteig sowie Lievito Madre aufgefrischt und nach einer Alternative zum Wegwerfen der alten Starter gesucht. Jetzt knetete und buk ich Kracker daraus. Allerdings war unser grobes Meersalz sehr grob, eher Richtung Kandissalz. Gibt’s halt Kracker mit Salzbrocken.

Eine halbe Stunde Bügeln zum Verräumen, dann hatte ich Nachmittagshunger: Es gab frisches Brot (hervorragend gelungen) mit Porchetta vom Eataly.

Zurück auf den Balkon zum Zeitunglesen. Am späteren Nachmittag wurde es langsam kühler, es kamen Wolken.

Nachtmahl waren Fischstäbchen aus dem Speiseföhn (sehr ok, halt nicht knusprig) mit Kartoffelsalat. Vorher hatte ich schon Gin & Tonics eingeschenkt.

Als Abendunterhaltung ließen wir im Fernsehen Duplicity von 2009 laufen, na ja.

Der seit Monaten offene Tab zum Thema Patientenverfügung leuchtet mich fordernd an; vor der OP sollte ich das wirklich endlich hinter mich bringen – vor allem um im Fall des unwahrscheinlichen Falles anderen eine Last abzunehmen.

§

Der Beweis: Auto und Natur müssen keine Gegensätze sein.

§

Bestes Herbsgedicht.

Journal Freitag, 4. September 2020 – Vorerst letzter entspannter Restaurantabend

Samstag, 5. September 2020

So innig herbegesehnt sollte nie ein Freitag sein.
Unruhiger Nachtschlaf endete um halb fünf, nach einer Stunde „dann ruhe ich halt nur“ stand ich auf. Bankstütz klappte ein wenig besser.

Der Tag begann mild, ich brauchte fürs Radeln in die Arbeit keine Jacke.

Eigentlicht hatte ich vor Jahren sowas wie Karriere hingeschmissen, um unter anderem nie wieder Projekte leiten zu müssen. Jetzt entdecke ich das Phänomen Schatten-Projektleitung (mein Ausdruck).

Mittags Weißbrot vom Vorabend und eine kleine Cantaloupe-Melone, nachmittags ein Pfirsich, der sich zum Übergang in die Matschphase auf einer Seite entschieden hatte, während er eigentlich noch knallhart war.

Ich hatte frühen Feierabend geplant und schaffte ihn unter Ausweichbewegungen. Sonniges und mildes Heimradeln, ich nutzte die frühe Ankunft zum Ansetzen von Vorteigen für ein samstägliches Brotbacken (Häusemer Bauerekrume).

Die Corona-Pandemie ist noch lange nicht rum, die Entwicklung der Infektionszahlen in Deutschland sieht nicht gut aus. Doch weil schon so lange Corona ist, ertappe ich mich dabei nachlässig zu werden. Angst hatte ich zwar eh nie, aber vernünftiges Verhalten war ein paar Monate lang für mich intuitiv. Derzeit ist es nur noch das Aufsetzen der Mund-Nase-Maske, und ich muss mich hin und wieder zur Vernunft rufen, vor allem wenn es um diejenigen Tätigkeiten in der Öffentlichkeit geht, die ich besonders gern tue: Lebensmittel einkaufen und Essengehen. Vernünftig ist, seltener mehr einzukaufen und zwar in Läden, die Abstandhalten ermöglichen, und Essengehen in geschlossenen Räumen ist nicht vernünftig. Wir nutzten gestern eine der wahrscheinlich letzten Möglichkeiten vor dem Herbst für Essengehen unter freiem Himmel. Nachdem die Wettervorhersage seit Tagen für Freitag einen sonnigen, warmen Tag prognostiziert hatte, reservierte ich einen frühen Tisch im Melina Merkouri.

Dr Plan ging auf, wir saßen herrlich im Freien.

Zur Vorspeise aß ich eine wunderschöne bretonische Artischocke mit Kapern- sowie Joghurt-Kümmel-Dip, dazu ein Glas Sauvignon Blanc Glatzer aus Österreich, Herr Kaltmamsell hatte vier Cremes mit Pita.

Als Hauptspeise hatte ich mich den ganzen Tag schon auf Lammkoteletts gefreut, Herr Kaltmamsell aß Baby-Kalamari. Ich erinnerte mich viel an meine erste Griechenlandreise: Studienfahrt mit der Schule in der 11. Klasse, 1984. An meine erste Begegnung mit dem Phänomen Street Food in den Straßen von Athen: Gyros in Pita, Halva vom Block. (Würschtelstand am Wochenmarkt oder Leberkässemmel sind natürlich eigentlich auch Street Food.) Überhaupt: Mit 16 ganz ohne Erwachsene in einer völlig fremden Stadt herumstromern! Ein weiterer Eintrag auf meiner Wunschliste für Zeitreiseziele also: Athen im Frühjahr 1984 – um Barbara, Ulrike und mir zuzusehen, wie wir glauben, dass wir von den Bäumen vor dem Parlament Orangen klauen. Die sich als Bitterorangen herausstellten.

Frische Tat.

16-jährige Kaltmamsell in Griechenland.

Den mit Essengehen geplanten Geburtstagabend von Herrn Kaltmamsell in zwei Wochen verlegten wir nach Hause, das Drinnen mit vielen fremden Menschen ohne Mundschutz wäre (vor allem mit Blick auf meinen Krankenhausaufenthalt wenig später) unvernünftig.

Es war ein herrlicher Abend, wir spazierten für ein Eis zum Dessert durch den Nußbaumpark (darin immer noch Pop-up-Biergarten mit bunten Lichtergirlanden) – und sahen einige Fledermäuse am Himmel zwischen den Bäumen.

Abendrot über der Pettenkoferstraße.

Die Landwehrstraße spielte Großstadt.

§

Katrin Büchenbacher, Volontärin bei der NZZ, erzählt die Geschichte ihrer Ehe:
„Seine Grossmutter war enttäuscht, dass sich ihr geliebter ältester Enkelsohn verliebt hatte. Sie hätte lieber selbst eine Frau für ihn gefunden. Eine chinesische Liebesgeschichte“.

Journal Donnerstag, 3. September 2020 – Könnten aussterbende Arten die Theresienwiese retten?

Freitag, 4. September 2020

Gemischte Nacht, früher Wecker für Sport. Ich freute mich an untergehendem Vollmond vor blauem Himmel und an meinem Milchkaffee, strampelte völlig gedankenversunken auf dem Corsstrainer (leider zu kurz für echte Entspannung).

Sonniges Radeln in die Arbeit, auf der Theresienwiese sah ich eine Herde Streifengänse. (Wenn sich jetzt in Abwesenheit von Oktoberfest über zwei Jahre vielleicht ein paar streng geschützte Pflanzen- oder Tierarten kurz vorm Aussterben ansiedeln würden? Und deswegen künftig weder Oktoberfest noch Bebauung möglich wäre, weil sonst Artensterben-Apokalypse?)

Theresienhöhe in Spätsommermorgensonne.

Turboarbeit von Anfang an, viele belastende Anrufe und Probleme. Mittags Reste des Rote-Bete-Salats vom Vorabend, Pfirsich, Manouri. Nachmittags ein Stück schwarze Schokolade, getrocknete Aprikosen.

Aber! Ein guter Anruf privat: Die Klinik, die meine Hüfte operieren soll (NOCH VIER WOCHEN!), meldete sich, genauer: Der Sozialdienst, der für die Planung der anschließenden Reha zuständig ist. Die eigentlich angepeilte Reha-Klinik, ärztlich betreut von der OP-Klinik, kommt nämlich nicht in Frage, weil Menschen im Arbeitsleben ihre Reha von der Deutschen Rentenversicherung gezahlt bekommen, und die zahlt nur bestimmte Kliniken – diese nicht. (Als Rentnerin käme meine Krankenkasse dafür auf.) Unter den genehmigten Reha-Kliniken, die die freundliche Anruferin nannte, entschied ich mich kurzerhand für Tegernsee. Jetzt muss dort nur noch ein Platz frei sein.

Wieder wurde es spät, diesmal wegen eines kurfristigen und eiligen Jobs. Zum Glück hatte ich dabei Hilfe, denn nach zehn Bürostunden arbeite ich nicht mehr verlässlich (ach). Danach war ich erledigt und böse.

Daheim verlangte ich wieder nach medizinischem Alkohol, Herr Kaltmamsell machte Martinis.

Nachtmahl: Ernteanteil-Salat mit viel restlichem frischen Estragon vom Vortag und Tomaten. Dazu passte ein Joghurt-Dressing.

Schmeckte sehr gut, doch der Frisee-Salat war so robust und mächtig, dass wir ihn nicht ganz schafften – und das mir Super-Salatesserin! Nachtisch: verderbende Pfirsiche und Süßigkeiten.

Früh ins Bett zum Lesen.

§

Wurde seit Veröffentlichung von meinem Internet gefeiert, nach Lektüre weiß ich: zu Recht. Mely Kiyak schreibt in ihrer Zeit-Kolumne „Kiyaks Deutschstunde“ über die Reaktionen auf die Corona-Demos vom vergangenen Wochenende:
„Alufolie drauf und gute Nacht“.

Fressomio, haben sich alle in diesem Land fertig entsetzt? Könnte man Nazitum wegempören, wegtweeten, weglamentieren, wäre es längst weg, so akribisch und streberhaft wie der über Jahrzehnte von linkspolitischen Randgruppen geforderte und ausgebliebene „Aufschrei“ seit einigen Tagen ausgeübt wird. Dabei taten die rechtsextremen Gruppen doch überhaupt nichts Überraschendes. Worüber erschreckt man sich denn gerade so? Sie kündigten einen maskenlosen Sturm auf den Reichstag an und führten das aus, im Prinzip genau wie angekündigt. Das muss man dem Nazibürgertum schon lassen, sie lügen nicht, sie lügen nie; wenn sie eine infantile Intifada ankündigen, dann ziehen sie den Aufstand auch durch.

(…)

Politik wird mit Politik gemacht. Dieser Staat und seine Politiker sollten aufhören, ihre Trauerarien in Mikrofone zu sprechen, sondern endlich Gesetze mit Polizeigewalt durchsetzen, also politisch handeln. Man ist diesem Demokratieprekariat derart weit entgegen gekommen, aber jetzt wird das ein unappetitlicher Kampf. Denn die Rechtsextremen sind vorbereitet, haben Geld, Unterstützung, Allianzen. Wenn man sie jetzt mit staatlicher Gewalt aus den öffentlichen Räumen zurückdrängt, und das muss man, werden sie komplett durchdrehen. Weil sie es nicht gewöhnt sind, dass man ihnen Grenzen setzt.


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