Essen & Trinken

Journal Sonntag, 5. Juli 2020 – WmdedgT? Geschwommen!

Montag, 6. Juli 2020

Rechtzeitig daran gedacht, dass ja der fünfte war und damit der Tag für Frau Brüllens Frage: Was machst du eigentlich den ganzen Tag?

Was ich neben dem Ausgebuchtsein des Schyrenbads noch auf der Bäderseite der Münchner Stadtwerke entdeckt hatte: Die Hallenbäder sind seit 1. Juli wieder offen, und man kommt ohne Reservierung rein. Plan war also die erste Schwimmrunde seit 4. März im Olympiabad.

Ich schlief wieder gut aus, wachte auf zur Ankündigung eines sonnigen Tags – allerdings war er auch gestern zu morgenkühl für Kaffee auf dem Balkon.

Gegen zehn machte ich mich nach Katzenwäsche fertig zum Schwimmen. Ich dachte gründlich nach, was ich dazu alles einpacken musste – und musste erst mal den Sportrucksack abwischen, der in den Monaten ohne Draußensport deutlich mehr eingestaubt war als ich.

Das Radeln zum Olympiabad war bereits ein großes Vergnügen, das rechte Bein machte sehr gut mit. Im Bad selbst waren Einbahnwege angelegt, die Bahnen im Becken doppelt breit abgetrennt, um Platz für Überholen auf Distanz zu schaffen. Mein Kalkül ging auf: Es waren sehr wenige Menschen da. Und es stellte sich heraus: Schwimmen ist wie Schwimmen, das verlernt man nicht. Ich zog meine Bahnen bald in gemütlichem Rhythmus, beschränkte mich auf 2.500 Meter. Allerdings zwickte die Hüfte durchaus, und die linke Schulter schmerzte (Letzteres führe ich auf Ganzkörper-Ausweichbewegungen plus Vorbelastung zurück).

Als ich um halb eins aus dem Olympiabad kam, war es überraschend heiß geworden.

Auf dem Heimweg besorgte ich Semmeln und sah nach der Baustelle Hauptbahnhof: Immer noch kommt man nur zu Fuß vorbei, ich schob mein Fahrrad.

Zum Frühstück (Käsesemmel, Pflaumenmussemmel, Käsekuchen) folgte ich der Empfehlung von Kommentatorin Frauke und sah die aktuelle BR-Doku über Ellen Ammann an – wirklich sehr empfehlenswert.

Diesmal war ich müde genug für eine kleine Siesta (nach einer Dosis Novalgin, da die Hüfte mich mit Ruheschmerz ärgerte).

Kleine Bügelrunde, damit’s nicht wieder so lange dauert.

Eiskaffee auf dem Balkon, es war dort angenehm warm.

Internet gelesen, Zeitung auslesen. Dann zog es mich doch raus, ich wollte nach der Theresienwiese sehen. Sonst wurde sie ja immer genau jetzt, Anfang Juli, für den Oktoberfestaufbau dicht gemacht.

Die Linden dufteten noch, unter ihnen lagen Haufen abgefallener Blüten.

Ganz zauberhaft: An einer Stelle trainierten etwa zehn Paare Formationstanz (irgendwas Lateinamerikanisches), nicht weit entfernt davon wurde Cricket gespielt. Und ich genoss die Sonne auf meiner Haut, dazu den Wind, der Hitze verhinderte.

Zudem war die Hüfte so freundlich mitzumachen.

Zurück daheim steuerte ich zum Abendessen die Spätzle bei, Herr Kaltmamsell hatte eine Rehkeule zubereitet (Sie erinnern sich? Wild gibt’s derzeit sehr viel, weil es eh geschossen werden muss, die sonstigen Hauptabnehmer Restaurants aber lang geschlossen waren und jetzt nur teilweise geöffnet sind).

Als Abendunterhaltung ließen wir Tatort laufen. Draußen wurde es lange nicht dunkel, langsam etwas kühler, ich sah den Mauerseglern am langsam von blau zu grau wechselnden Himmel zu.

Braten und Spätzle als Brotzeit für Montag vertuppert, Wohnung Putzmann-fertig geräumt. So lange aus dem Fenster geguckt, bis ich eine Fledermaus sah – derzeit flattern mindestens drei übern Hinterhof.

Im Bett noch Nancy Mitford, The Blessing gelesen.

Das war ein schöner Tag.

Journal Freitag, 3. Juli 2020 – Hüftgeröngt

Samstag, 4. Juli 2020

Aufgewacht kurz vor Weckerklingeln mit üblen Kopfschmerzen, gegen die aber eine Ibu half.

Während der Gymnastik ließ ich im Fernsehen Morgenmagazin laufen und freute mich an der Pathos-Feindlichkeit unserer Bundeskanzlerin, die zur deutschen EU-Ratspräsidentschaft sprach, staatstragend ansetzte, dass „nicht nur die EU auf uns blickt, sondern auch die Welt“, typischerweise relativiert mit „ein bisschen“.

Im Büro als Erstes nach langem mal wieder eine Kanne Grüntee gemacht – was ist nur da drinnen, dass ich den immer derart schnell wegtrinke?

Leicht wechselhaftes Wetter, immer wieder türmten sich dunkelgraue Wolkenberge auf, dann schien wieder die Sonne. Viel manuelle Arbeit, nichts Belastendes. Mittags gab es ein Butterbrot aus Selbstgebackenem und große dunkle Pflaumen.

Als Anreiz zu pünktlichem Feierabend nahm ich eine Radlfahrt an den Rotkreuzplatz: Ich löste gleich mal die Röntgenüberweisung ein. Jetzt schien die Sonne, doch die Luft war überraschend frisch.

Der Weg zur Radiologie war an einen Seiteneingang verlegt, von dem aus ich provisorischen Schildern über viele Ecken und Gänge folgte. Raus durfte ich aber über den Haupteingang, ich nehme also Pandemie-Hygienekonzept als Grundlage an. Selbstverständlich herrschte Maskenpflicht, die Angestellten an der Anmeldung saßen hinter mobilem Plexiglas.

Ich musste keine Minute warten, dann wurde ich schon in den Röntgenraum gebeten. Während ich für die Aufnahme der Lendenwirbelsäule im Februar gestanden hatte, legte ich mich jetzt auf den Rücken – und entschuldigte mich, weil das nicht schnell ging. Als mich die Angestellte für die zweite Aufnahme bat, das wehe Bein anzuwinkeln und nach außen fallen zu lassen, sah ich sie sehr gedehnt an: Genau das geht ja nicht. „So weit wie möglich“, half sie mir.

Schnell stand ich wieder draußen auf dem Verkehrs-chaotischen Rotkreuzplatz und sah mich nach einer Einkaufsmöglichkeit um. Ich landete in einem Edeka, der erschreckend voll war: Niemand hielt sich an die Regel, dass man einen Einkaufswagen nehmen muss, niemand hielt Abstand – zumindest trugen fast alle Atemmasken (Ausnahmen: Personal). Mich durchblitzte der Gedanke, dass in diesem Szenario ein Prepper-Einkauf näher lag als im März, denn es sah schon sehr nach zweiter Welle aus (in München sind wir seit einigen Tagen wieder bei zweistelligen Neuinfektionszahlen).

Angenehmes Radeln heim. Dort war es erst sechs, und ich fühlte mich unruhig. Zwar hatte ich schon seit Stunden Hunger, aber keinen Appetit. Deswegen zog ich kurzerhand das samstägliche Kuchenbacken vor, Käsekuchen muss eh ganz abkühlen. Ich hatte seit Tagen Lust auf die Fluffigkeit des Buddenbohm’schen Käsekuchens (wenn an einem Ende der Fluffigkeitsskala die Kompaktheit von American Cheesecake steht, befindet sich dieses Rezept am anderen Ende). Diesmal explodierte er im Ofen geradezu – und die Mandarinen wollten nicht versinken.

Nach dem üblichen Zusammenfallen wirkte er wie ein riesiger Yorkshire Pudding. Angeschnitten wird am Samstag.

Aperitif war Highball aus Ginger Ale und Canadian Whisky. Zum Nachtmahl verarbeitete Herr Kaltmamsell die ersten neuen Kartoffeln aus Ernteanteil zu Kräuterkartoffeln, dazu gab’s restlichen Ernteanteilsalat und eine panierte, gebratene Scheibe gepressten Kalbskopf vom Viktualienmarkt.

Im Bett las ich Zoë Becks Paradise City aus: Viele schöne Ideen, sehr gut zu lesen, für eine konsequentere Ausarbeitung hätte der Roman ruhig länger werden dürfen. (Eine der Ideen der Handlung im Deutschland der näheren Zukunft war zum Beispiel eine Gesundheitssoftware, die per implantiertem Chip Lebensbedrohungen verhindert – und eigentlich fast durchgehend positiv geschildert wird: Das Kippen in das Risiko, dass diese Software mit ihrem Auftrag zur Lebensrettung andere Interessen des Menschen überstimmen könnte, hätte ich mir erzähltechnisch besser gewünscht.)

§

Eine Firma für Menstruationsprodukte macht Werbung mit „womb stories“:

Aktivieren Sie JavaScript um das Video zu sehen.
https://youtu.be/JZoFqIxlbk0

via @HilliKnixibix

Weil:

We tell girls a simple story:

Get your period around twelve. Deal with some pain. Have some babies. Then more periods. And then around fifty your body is meant to politely retire.

But it’s never that simple. The unseen, unspoken, unknown stories of our periods, vulvas and wombs – our wombstories – are so much more complex and profound.

(Von Bodyform war ja auch 2012 der Spot „The Truth“.)

Journal Montag, 28. Juni 2020 – Blicke vom Fußweg aus

Dienstag, 30. Juni 2020

Zu Regengeräuschen aufgewacht, doch diese paar Tropfen sollten mich auf dem Rad nicht stören.

Allerdings hatten sie sich bis nach Morgenkaffee mit Bloggen, nach Kraftübungen, nach Yoga (diesmal von der schweißtreibenden Sorte), nach Duschen und Anziehen kontinuierlich zu ernsthaftem Regen gesteigert – missgelaunt griff ich mir den Regenschirm und nahm die U-Bahn in die Arbeit. Als der Regen kurz vor Mittag aufhörte, war allerdings mein erster Gedanke: Halt, weiterregnen, das war noch lange nicht genug! Das Wetter kann es mir also ultimativ nicht mehr recht machen.

Der Vormittag bestand fast ausschließlich aus Querschüssen. Alles, was ich geplant hatte, schmuggelte ich bröckchenweise dazwischen. Nachmittags vielerlei Ärger (überrascht und enttäuscht) – aber auch der Genuss, mit Menschen zusammenzuarbeiten, mit denen alles läuft wie ein Tanz: kleine Signale geben, auffangen, alles fließt und benötigt nur geringe Energie (vielleicht nenne ich die künftig Niedervolt-Kolleginnen und -Dienstleister).

Zu Mittag gab es Nudeln mit Pulpo in Tomaten vom Vorabend und Kirschen aus Bruderfamilies Garten.

Der Arbeitstag wurde länger, und ich hatte überhaupt keine Lust auf U-Bahn, dafür umso mehr auf frische Luft. Ich ging also zu Fuß nach Hause, gemütlich getrippelhinkt dauerte das 50 statt der gesunden 35 Minuten von früher.

Sie wissen ja sicher schon gar nicht mehr, wie die Bavaria aussieht.

Am Kaiser-Ludwig-Platz wird seit einigen Wochen gebuddelt. Jetzt am Abend war die Baustelle verlassen, ich konnte in die Abgründe gucken, die ich mit dem Fahrrad immer umkurve.

Fernkälteleitungen. (Dieser Post war für mich Anlass, diesem Schlagwort nachzugehen, dem ich auf den Bautafeln begegnet war – hochinteressant.)

Daheim traute ich mich doch wieder Alkohol und machte uns Erdbeer-Gintonics. Während Herr Kaltmamsell zum Nachtmahl Reste aß, darunter Pulpo-Reste, hatte ich erst mal auf längere Zeit genug von Pulpo und bekam die Zucchini aus Schwägeringarten gebraten mit einem Omelette.

Zum Nachtisch gab es den Cherry Pie, den der Herr nachmittags zubereitet hatte, mit allen Kirschen, die er den zahlreichen Würmern aus ihren gierigen Pfötchen reißen konnte.

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Als die Weilheimer Apothekerin Iris Hundertmark vor zwei Jahren ankündigte, dass sie ab sofort keine Homöopathie-Mittel mehr anbieten würde (allerdings ist sie verpflichtet, sie auf Anfrage zu bestellen), machte das eine Welle. Die Süddeutsche hat nachgehalten, was aus ihr und ihrer Apotheke geworden ist: Zu meiner Bestürzung ist sie die einzige homöopathiefreie Apotheke Deutschlands geblieben. (Leider nur gegen Geld zu lesen.)
„Nein, hier gibt es keine Globuli“.

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Auch die Süddeutsche hat das Handbuch für Zeitreisende gelesen, Jutta Person schreibt:
„Pack den Auerochsen ein“.

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instagram-Tipp: @womeninstreet stellt Fotografinnen vor, die bemerkenswerte street photography machen – sehr, sehr verschieden.

Journal Sonntag, 28. Juni 2020 – Familiengeburtstag

Montag, 29. Juni 2020

Im Bett des Herrn Kaltmamsell aufgewacht, in das ich in den sehr frühen Morgenstunden umgezogen war, weil mein leichter Schlaf durch seine Geräusche gestört wurde. Er protestierte, weil er früher als ich wach geworden war und so nicht an seinen Rechner und seinen Morgenmantel rankam. (Eigentlich möchte er, dass ich ihn in diesen Fällen wecke und wegschicke, doch das hatte ich nicht übers Herz gebracht.)

Auf dem Balkon war es bereits so warm, dass ich gründliches Fensterschließen tagsüber beschloss.

Aufgenommen auf meine Bitte von Herrn Kaltmamsell, echter #boyfriendsofinstagram.

Ausführliche Gymnastik, ein Stündchen auf dem Crosstrainer. Gegen Unterzucker knabberte ich einen Haferkeks und einen Apfel. Kurz nach Mittag machten wir uns auf den Weg zum Bahnhof: Ein Zug sollte uns zu einer Familiengeburtstagsfeier bringen.

Dem Hopfen geht’s gut.

Wir hatten den Tipp bekommen, am Bahnhof Ingolstadt Audi auszusteigen – dem Neuzugang unter den Ingolstädter Bahnhalten. In postypokalyptischer Umgebung zwischen Hightech-Fabrikzaun und Parkhaus-Rohbau (was man im Norden Ingolstadts richtig, richtig gut machen kann: parken) gab es eine Bushaltestelle, von der aus ein Bus uns zur Feier brachte. Einen solch perfekten Öffi-Zubringer hat es in Ingolstadt in den vergangenen 30 Jahren nicht gegeben, ich war verwirrt.

Auf der angenehm temperierten Terasse gab es Kaffee und vielerlei Kuchen. Es freute mich sehr, die befreundete Verwandtschaft mal wieder zu sehen. Außerdem bekamen wir einen Eimer voll Ernte, zum Teil selbst aus dem Baum geholt:

Kirschen, Gürkchen, Zucchini, den Kohlrabi hatte Herr Kaltmamsell im Rucksack.

Im München hat es zu regnen begonnen, wir gönnten uns eine Tram nach Hause. Daheim machte Herr Kaltmamsell aus Pulpo vom Vortag eine tomatige Soße und servierte sie mit Spaghetti. Zu sanftem Regenrauschen ging ich zu Bett.

§

Viel verlinkt in meinem Internet, gestern fand ich beim Morgenkaffee Zeit für die Lektüre: Für Geo waren Vivian Pasquet und Daniel Etter mehrere Wochen während der heftigsten Corona-Krise im Universitätsklinikum Bonn.
„Um Leben und Tod: Aus dem Inneren einer Corona-Klinik“.

Hört man als Laie nur sehr viel Piepen, Pumpen und Klopfen, können die Pflegekräfte mehr als 50 Alarmtöne unterscheiden: Knick im Kabel, Medikament leer, Lungenmaschine streikt; Irgendwas-ist-ab-Alarm, Sauerstoffsättigung zu niedrig, Blutdruck zu hoch; Dialyse gestartet, Luftblase im Schlauch, Blutkonservenkühlschrank zu warm. Herzstillstand-Alarm. Einmal, auf einer Weihnachtsfeier, machten sie bei Keksen und Glühwein ein „Alarmton-Quiz“.

(Oder warum ich von Anfang an zuckte, als es hieß, dann sollten halt Fabriken mal schnell auf die Produktion von Beamtmungsgeräten umstellen – als wenn es sich sowas Simples wie Kaffeemaschinen handelte.)

Journal Samstag, 27. Juni 2020 – Vollbremsung

Sonntag, 28. Juni 2020

Nachts war es nur Kopfweh, nach dem Aufstehen stellte sich dann doch heraus: Migräne. Ich legte mich nochmal hin, nahm mein Triptan und schlief bis kurz vor zwölf – mit üblen Träumen, in denen ich durch Dummheit mich und andere in ausgesprochen unangenehme Situationen brachte und vor Selbsthass brannte.

Danach das übliche Programm: Benommenheit, beim Morgenkaffee auf dem Balkon leise Trauer über den verlorenen Tag (noch dazu ein echter, aber nicht heißer Sommertag), Reiz-Filter löchrig, daher Überflutungsgefühl und Assoziationen-Querschläger (der Herr, der vor dem Nebengebäude eine rauchte, war darin mit seiner Kappe, schlampigen Jacke und zerknitterten dunklen Stoffhose ein alter kastilischer Bauer, dem ich umgehend einen Stock in der Nicht-Zigaretten-Hand dazudichtete – um nur leicht verwundert festzustellen, dass es sich wahrscheinlich einfach um einen Studenten des benachbarten Forschungsinstituts handelte).

Einige Kohlmeisen trauten sich trotz meiner Anwesenheit an den Meisenknödel am Balkon. Aber Tischmanieren, also Tischmanieren hatten die nicht. (Herr Kaltmamsell will mir ja nicht glauben, dass die Stadttauben, die er konsequent vom Balkon vertreibt, in Wirklichkeit Aufräumfunktion für die Sauerei haben, die die Kohlmeisen und Buntspechte hinterlassen.)

Ich guckte diesen Fischadlern beim Fliegenlernen zu, während einen halben Meter vom Bildschirm entfernt Kohlmeisen Körner pickten, ihr Kopfgefieder aufstellten und glätteten – wäre eine leicht bizarre Situation gewesen, hätte nicht Donald Trump das Bizarrometer in den vergangenen Jahren so gründlich neu kalibriert, dass die Bizarrheit von Situationen wie dieser inzwischen unter der Messbarkeit liegt.

Nagelpflege mal 10 (Füße nur zum Teil, ich habe nächste Woche endlich mal wieder einen Termin zur Fußpflege), Duschen und Anziehen. Zum Rauskommen ging ich Semmelholen (und weil ich Appetit darauf hatte). Das Thermometer am Juwelier Fridrich in der Sendlinger Straße zeigte 25 Grad, doch es fühlte sich in schwüler Luft wärmer an.

Frühstück um vier Uhr war selbst für meine Verhältnisse extrem. Andererseits: Vier Stunden nach Aufstehen war sogar eher früh.

Bügeln der Wäsche von zwei Wochen. Das mache ich zwar nie gerne, aber gestern war mir schwindlig und ich fühlte mich krank, gleichzeitig wollte ich einige der ungebügelten Stücke gerne zur Verfügung haben, doch der Sonntag war verplant und ich wusste, dass ich mich am Montag ärgern würde, wenn der Bügelstapel dann immer noch da ist. Überwindungsüben.

Zeitunglesen auf dem Balkon, bis Herr Kaltmamsell zum Abendessen rief. Er hatte mit Tintenfisch experimentiert: Vormittags (während ich meine Migräne ausschlief) hatte er beim Verdi zwei große Pulpos gekauft, den einen wie gewohnt in viel kochendes Wasser gegeben, die Hitze abgedreht und ihn drei Stunden darin gegart, den anderen hatte er ohne Wasser im eigenen Saft gegart. (Meinen verspäteter Hinweis, dass nur ein Teilen desselben Exemplars ausgeschlossen hätte, dass das Ergebnis vom Rohstoff abhing, wischte er weg: So weit wäre er eh nicht gegangen.) Jetzt haben wir sehr viel garen Pulpo, den ersten Teil servierte er gebraten mit gebratenem Mangold aus Ernteanteil und Bulgur vom Vortag:

Dieser im eigenen Saft gegarte war sensationell zart, hätte vielleicht sogar eine kürzere Hitze vertragen. Für Nachtisch drehten wir noch eine Draußenrunde und spazierten zur nächstgelegenen Eisdiele.

Daheim stellte ich fest, dass das Netzkabel meines Laptops zerspleißt war, ließ diesmal die Provisorien bleiben sondern bestellte sofort ein neues.

§

Unter all den klugen Sachen, die Maximilian Buddenbohm geschrieben hat, ist diese die möglicherweise bislang klügste:
„Planlos? Okay.“

(Wobei das ebenso möglicherweise die Quintessenz des Buchs Dinge geregelt kriegen – ohne einen Funken Selbstdisziplin sein könnte, aber das habe ich immer noch nicht gelesen. Dann hat Maximilian sie dennoch brillant formuliert.)

§

Ein Lob der Lokalpolitik von Lenz Jacobsen – aber auch die Analyse, warum sie so agieren kann:
„Es gibt ein politisches Leben jenseits der Hauptstädte“.

Spätestens hier droht die Begeisterung für die Gestaltungskraft der Bürgermeister in ein antipolitisches Vorurteil zu kippen: Hier die lokalen Macher und Problemlöser, da die fernen Politiker, die nur reden und nichts zustande bringen. Der Ruf der Bundespolitik ist längst auch in Deutschland so schlecht, dass viele Lokalpolitiker behaupten, genau das nicht zu sein: Politiker. Sie wollen um keinen Preis in einen Topf geworfen werden mit den Talking Heads aus Bundestag und Tagesschau, mit der oft verklausulierten Sprache und den schalen Minimalkompromissen.

Dabei ist dieser Unterschied im Ansehen eine direkte Folge der Arbeitsteilung. „Die Art von Stadtregierung, die Emanuel so rühmt, ist überhaupt nur deshalb möglich, weil sich heute vor allem die Nationalstaaten um die Staatsfinanzen und Kriegsführung tragen“, merkt David Runciman in der London Review of Books an. Diese Arbeitsteilung sei „ein moderner Luxus“ für die Städte, schreibt Runciman. Denn früher, bevor die Nationalstaaten sich gründeten, „waren die Städte wie Nationen, nur kleiner, instabiler und mit mehr Gewalt.“

§

Ein guter Journalist geht dahin, wo’s schwierig ist. Versucht Fragen zu beantworten, die unbeantwortbar scheinen. Zum Beispiel: Wer hat eigentlich das Bild entworfen, das auf allen Dönertüten prangt?
„Jäger des verflixten Dönerlogos“.

Auch beim Verein türkischer Dönerhersteller in Europa ATDID, den es wirklich gibt, auch wenn die Homepage aktuell vor allem aus Blindtext besteht, kann man mir nicht helfen.

Journal Freitag, 26. Juni 2020 – Von Rosen und Nelken bei „d‘ junga Leit“

Samstag, 27. Juni 2020

Weil ich morgens nur Minimalsport plante, hatte ich mir den Wecker auf eine halbe Stunde später als sonst gestellt. Doch nach unruhiger Nacht (u.a. wegen geselliger Nachbarn mit Balkongästen) wachte ich sogar früher als üblich auf.

Wir spielten Lieferlotterie: Nachdem wir für eine angekündigte Weinlieferung über DHL den ganzen Samstag davor für Besetzung unserer Wohnung gesorgt hatten und dann doch keine Lieferung kam, hatte ich das Weinpaket auf den gestrigen Freitag terminiert – obwohl Herr Kaltmamsell erst ab halb elf daheim sein würde. Wir erlosten den Hauptgewinn: Lieferung erst, als jemand da war.

Nachdenken über den Umstand, dass niemand in Rente/Pension/Ruhestand gehen kann, ohne dass alle, alle das als „wohlverdient“ bezeichnen. Möglicherweise das hartnäckigste epitheton ornantium der Gegenwart, möglicherweise gibt es demnächst einen Duden-Eintrag in einem Wort: Wohlverdienterruhestand. Befürchten Sprecher und Sprecherinnen, dass ohne dieses Attribut dem scheidenden Kollegen Drückebergertum unterstellt wird? Soll das eine Wort im Vorbeigehen Wertschätzung für das gesamte Arbeitsleben ausdrücken? „Viel zu früher Ruhestand“ geht aber auch nicht, ebenso wenig „mitten aus dem Arbeitsleben gerissen“. Hat schon mal jemand eine Alternative gehört oder gelesen?

Mittagessen waren Birnen mit Quark und Kefir, dazu eine Breze, eine weitere Breze als Nachtmittagssnack.

Auf dem Heimweg von der Arbeit kaufte ich Blumen. Ich wollte gerne Rosen, weil ich immer wieder an wundervollen Rosen in Vorgärten vorbeiradle. Im Ratsch mit der Blumerin lernte ich, dass „d’junga Leit“ sich derzeit nicht für Rosen interessieren, sondern möglichst wilde Zusammenstellungen möchten, wie auf Wiesen. Ich bot den Begriff „instagram-Strauß“ an. Wir kamen auf unpopuläre Blumen, zum Beispiel Nelken – und ich erfuhr, dass es davon inzwischen ganz wundervolle gibt. (Und dass junge Kundschaft durchaus offen für sie ist, solange man ihnen nicht verrät, dass es sich um Nelken handelt.)

Wochenendverschönerung.

Ich kam früh genug heim, dass vor dem Abendessen noch Zeit für einen Aperitif (Negroni) auf dem Balkon war und für Lesen.

Nachtmahl waren Spare Ribs vom Herrmannsdorfer (die schlachten selbst, auch das trägt sicher zu den hohen Preisen bei – aber ich ließ mir mal von einem der Mitarbeiter an der Fleischtheke des Ladens am Vikutalienmarkt erzählen, dass alle, die dieses Fleisch verkaufen, auch mal in der Schlachterei gearbeitet haben müssen), dazu Bulgur mit Gurke, Paprika, Salzzitrone (!).

Einen Teil der Rippchen garte Herr Kaltmamsell im Speiseföhn, den größeren wie gewohnt im Backofen – letztere gerieten deutlich besser. Dazu eine Glas Rosé aus dem frisch eingetroffenen Weinpaket: Mont Clou Cabernet Sauvignon-Syrah Rosado, sehr intensiv und kräftig. Eiscreme Pistazie und Gianduia zum Dessert.

§

Der Wert von Kunst ist ja nicht darüber definiert, dass sie jemand Bestimmtem gehört. Der Wert von einem Kunstwerk besteht doch in dem, was es an Gefühlen, Gedanken, Diskursivität in die Welt bringt.

Daniel Richter

Artikel über lebende Künstlerinnen und Künstler interessieren mich selten. Noch viel weniger will ich von ihnen Aussagen über das eigene Werk lesen, ihre Aussage soll bitte das Kunstwerk sein (dazu zähle ich auch Literatur).1 Deshalb überraschte mich, wie interessiert ich die ausführliche Geschichte im Süddeutschen Magazin las, in der Autor Peter Richter die Entstehung eines Gemäldes von Maler Daniel Richter mitverfolgt (€):
„Wie entsteht ein Kunstwerk?“

  1. Katia Kelms Ausführungen lese ich auch deshalb so gerne, weil sie Techniken erklärt und Mechanismen der Kunstwelt, nicht aber ihr eigenes Werk interpretiert. []

Journal Dienstag, 23. Juni 2020 – Beim Griechen den Abend versommert

Mittwoch, 24. Juni 2020

Ein herrlicher Sommermorgen, selbst die kühle Luft, die beim Morgenkaffee durch die offene Balkontür wehte, trug das Versprechen eines Tags am Badesee herein. Das halt ein ganz normaler Arbeitstag nicht einlösen könnte.

Zumal ich meine Runde auf dem Crosstrainer aus Rücksicht auf die Nachbarn bei geschlossenem Fenster strampelte.

Kurzärmliges Radeln in die Arbeit, die fehlende Eichhörnchensichtung beim Sport wurde ausgeglichen durch eines, das vor mir die Beethovenstraße kreuzte. (Hier neue Höhen an Eichhörnchenniedlichkeit.)
Auch mittags radelte ich los: Ich holte in der Innenstadt meine frisch geknüpfte Perlenkette ab und genoss das Radeln sehr.

Zu Mittag hatte ich mir am Montag die beiden lila Ernteanteil-Kohlrabi gehobelt und mit Sonnenblumenöl, Dijonsenf, Zitronensaft, Salz, Pfeffer als Salat angemacht. Schon beim Hobeln hatte ich entdeckt, dass einer der beiden sehr holzig war, und zwar nicht nur außen – das kann man ja wegschneiden -, sondern auch innen holzharte Fasern hatte. Aber weggeworfen wird nichts, das Marinieren über Nacht hatte die Spreißeln auch etwas aufgeweicht, gestern hatte ich halt viel zu kauen.

Lasst-mich-einfach-hier-liegen-Moment: Ich musste mir zum x-ten Mal im Leben Prozentrechnen herleiten (wie viel Prozent von x ist y?). Das heißt, ich probierte Rechenwege aus, bis etwas rauskam, was wahrscheinlich aussah.1 Mal wieder war ich fassungslos, dass man so durch einen Schulabschluss kommt (ich habe zwar Mathe-Abitur, aber Prozentrechnen hätte ich mir auch zu Abiturzeiten mühsam herleiten müssen). Dreisatz kann ich auch nur, weil ich ihn regelmäßig fürs Backen und Stricken brauche.

Den sonnigen, aber nicht heißen Abend nutzte ich mit Herrn Kaltmamsell für ein Auswärtsessen bei unserem Lokalgriechen Melina Merkouri (ich hatte reserviert – was sich als gut Idee herausstellte, ab 19 Uhr standen die Leute Schlange für einen Tisch).

Wir bestellten die Vorspeisen für zwei und aßen uns daran satt: Spinatsüppchen im Kaffeekännchen, Calamari, Auberginenscheiben, Zucchinipuffer frittiert, gefüllte Paprika, Schafskäsecreme, Tarama, Tsatsiki, Bohnensalat, Pita.

§

Ein Bürgerrat hat in Frankreich Klimapolitik erarbeitet:
„Tempolimit, Flughafenverbot und Klimasteuer“.

Der französische Klimarat ähnelte an den sieben Wochenenden, an denen er für seine Beratungen zusammentrat, einem arbeitsamen Seminar: Die Teilnehmenden hörten Vorträge von Klimawissenschaftlern und darüber, wie Wohnhäuser zu isolieren und Felder klimafreundlich zu bewirtschaften seien. Sie studierten in Kleingruppen die Steuervorschriften für Aktienkonzerne und beschäftigten sich mit den CO2-Emissionen auf der Autobahn. Damit erledigten sie im Schnelldurchgang die Arbeit einer kompletten Ministerriege.

Das Prinzip Bürgerrat hatte ich vor zwei Jahren in Irland kennengelernt, wo er den Gesetzesentwurf zu Abtreibung erarbeitet hatte.

Mir scheint das eine deutliche bessere Alternative zur Basisdemokratie, in der immer die Gefahr besteht, dass die am lautesten schreienden Populisten den größten Einfluss auf die Entscheidung haben. Ob die deutsche Verfassung das wohl hergibt?

§

Immer eine gute Idee: Genauer hinsehen. Vor allem wenn eine Geschichte zu gut klingt. Auch ich kicherte am Sonntag bei der Vorstellung, die leeren Ränge bei Donald Trumps Wahlveranstaltung in Tulsa könnte von einer Welle Schabernack-Anmeldungen seiner Gegner verursacht worden sein. Im Lauf des Tages gab es erste Relativierungen, die Washington Post dröselt jetzt den Hintergrund genauer auf:
„Did TikTokers and K-pop fans foil Trump’s Tulsa rally? It’s complicated.“

Ergebnis: Der Schabernack wäre die bessere Pointe, der wahrscheinlichere Hintergrund aber ist noch viel besser – die US-Wähler haben tatsächlich umgedacht, der Trump-Populismus zieht nicht mehr.

  1. y durch (x durch 100) übrigens. []

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