Essen & Trinken

Journal Mittwoch, 20. Januar 2021 – Gegen Rückenzwicken

Donnerstag, 21. Januar 2021

Der zerstückelte Nachtschlaf endete kurz nach fünf, als mich ein Rumpeln im Müllkammerl unter meinem Schlafzimmer weckte.

Weg in die Arbeit unter leuchtend blauem Morgenhimmel mit rosa Rand. Es hatte weiter getaut, was viele Wege frei, manche sogar trocken machte, doch die vorher nicht geräumten, festgetretenen Abschnitte waren superglatt und rutschig.

In der Arbeit viel Sekretariats-Jonglieren. Mittags Käse mit Birne, dazu eine Breze, ein Apfel, nachmittags Hüttenkäse.

Ein sonniger Tag, mittags drehte ich eine Runde im Hof mit milder Luft. Zu Feierabend packte ich Rechner und ein wenig Zeug ein, da ich am Donnerstag daheim arbeiten würde – ein bisschen Kontakte reduzieren.

Auf dem Heimweg Einkäufe im Supermarkt. Ich kam nicht an den Blumen vorbei (sehr wahrscheinlich Ausbeuterblumen, ich weiß) und nahm gelbe Rosen mit, außerdem kaufte ich von unserer Liste, was ich fand.

Daheim gönnte ich mir wieder Yoga, allerdings nicht das Programm von Adriene: Da es weiterhin in meinem Rücken zwickt und zwackt, erinnerte ich mich an ein Rücken-Special von Mady. Das funktionierte viel besser als vor der Hüft-OP und tat sehr gut.

Abendessen: schlechte Pizza. Zumindest war das die Ansage von Herrn Kaltmamsell. Es hilft zu wissen, dass Herr Kaltmamsell sehr gerne Pizza isst, auch kalt, sogar sagt: „Schlechte Pizza ist immer noch besser als keine Pizza.“ (Das geht mir nicht so.) Zu der Ansage kam es, weil er Pizza von einer Pizzeria holen wollte, bei der wir siet vielen Jahren keine gute bekommen hatten. Im vorletzten Moment bot er mir noch an, auf Vietnamesisch zu wechseln, doch ich kniff nicht.

War dann auch gar nicht schlimm. Sicher keine gute, aber auch keine grauslige Pizza (Rätsel: woraus war der Teig gemacht, der etwas von durchweichtem Knäckebrot hatte?). Herr Kaltmamsell war ganz konsequent pervers und holte eine Pizza Hawaii, ich hatte eine mit Parmesan und Rucola.

Im Fernsehen ließen wir auf arte einen Wes-Anderson-Film laufen, den wir noch nicht gesehen hatten: Die Tiefseetaucher. Sehr schön Wes Anderson (Willem Dafoe schwäbisch synchronisiert, warum nicht; ansonsten typisch: die Schauspieler*innen lächeln praktisch nie), leider war ich zu müde, um ihn ganz zu sehen.

Journal Sonntag, 17. Januar 2021 – Schneetag drinnen

Montag, 18. Januar 2021

Zerstückelte Nacht, dennoch fühlte ich beim Aufwachen kurz vor sieben erfrischt.

Ich meldete mich online zur Covid-19-Impfung an, für Bayern geht das auf dieser Website. Dazu muss man sich erst mal registrieren, dann mit diesen Daten einloggen, Online-Formular ausfüllen (der Risikofaktor Bluthochdruck verbirgt sich hinter dem Fachbegriff „arterielle Hypertension“ – ich hatte den Verdacht, das sollte ein aktives Verstecken sein, weil der wohl auf viele zutrifft), abschicken.
Bestätigungsmail: „Ihre Anmeldung zur COVID-19 Impfung wurde erfolgreich entgegengenommen.“
Jetzt heißt es warten, bis ich in ein paar Monaten dran bin. Doch sehr wahrscheinlich komme ich durch aktive Anmeldung schneller an eine Impfung als durch Warten, dass man mich findet.

Sport war gestern eine Stunde Reha-Kraftsport. Ich hoffe, es wirft mich nicht in der Heilung zurück, wenn ich ihn nur einmal die Woche schaffe.

Draußen schneite es ein wenig, eigentlich den ganzen Tag über.

Gegen Mittag machte ich einen vereinbarten Abstecher zu den Mietern unserer künftigten Wohnung, um ein paar Wände auszumessen (einmal für den Schreiner, der den Einbauschrank anfertigen soll, zum anderen für Herrn Kaltmamsells Buchregalplanung). Der Ausblick aus meinem künftigen Schlafzimmer:

Zum Frühstück gab’s Brot aus eigener Fertigung (auch am Tag nach Backen sehr gut) mit Butter und Schinken, eine Schüssel Granatapfelkerne.

Einen unangenehmen Brief geschrieben, um den ich mich seit Wochen drücke (es geht um die Einforderung einer ausstehenden Rückzahlung). Ehrlich gesagt seit Monaten. Wenn das nicht funktioniert, muss ich mich nach professioneller Unterstützung umsehen.

Im Sessel die Wochenend-Zeitung gelesen, immer wieder raus in den Schnee geschaut. Ich beschloss, dass mir das so gefiel: aus dem gemütlichen Drinnen rauszuschaun. Und nach Langem mal einen Tag nicht rauszugehen.

Statt dessen bügelte ich ein Stündchen, mehr hatte sich in den vergangenen Wochen nicht gesammelt. Dabei hörte ich ein Stück Podcast Plötzlich Bäcker von Lutz Geißler mit Holger Klein, es ging um „Faule Brote für faule Bäcker“.

Im bereits Dunkeln gönnte ich mir eine Runde Yoga, die Einheit 8 bestand aus purer Sanftheit (mache ich nicht ein zweites Mal, hebe ich mir für Bedarf nach Entspannung auf).

Als Nachmittagssnack ein Schüsselchen Zwetschgen – ohne Teig, ganzganz ausnahmsweise warfen wir gestern ein Lebensmittel weg.

Ich las weiter in Bernardine Evaristo, Girl, Woman, Other, das mir sehr viel Vergnügen bereitet. Passend dazu stand anlässlich des Erscheinens der deutschen Übersetzung im jüngsten SZ-Magazin ein Interview mit ihr (€):
„‚Ältere Frauen sind viel interessanter als junge Leute'“.
Unglücklich gewählte Überschrift, dass ist sicher nicht die zentrale Aussage des Interviews: Evaristo geht es viel mehr um das Sichtbarmachen nicht-weißer Menschen in der britischen Gesellschaft – wie sie schon nach der Auszeichnung mit dem Booker Price 2019 betonte.

Als Nachtmahl hatte Herr Kaltmamsell die spanischen Wurstwaren aufgebraucht, die ich vor Monaten gekauft hatte und dann im Kühlschrank vergessen: Es gab Kutteln auf Madrider Art (Callos a la Madrileña).

§

Antje Schrupp dröselt auf, wie wir so tief ins Pandemie-Schlamassel geraten konnten:
„Warum Corona tödlicher ist als Ebola“.

Bei einem Virus wie Corona haben Chefs ein persönliches Interesse, ihre 100 Mitarbeiter:innen ins Büro zu holen. Denn selbst wenn dort Corona zirkuliert und sich die Hälfte der Leute ansteckt, stirbt statistisch nur einer oder zwei. Ein Risiko, das viele bereit sind, einzugehen. Würde es sich hingegen um Ebola handeln, müsste der Arbeitgeber damit rechnen, dass im Fall eines Ausbruchs die Hälfte der Belegschaft hinterher tot wäre – dieses Risiko wird er nicht eingehen, nicht nur aus Menschenfreundlichkeit, sondern aus reinem betrieblichem Eigeninteresse. Wäre Corona Ebola, wären längst alle im Homeoffice, die das nur irgend könnten.

(…)

In Europa herrscht eine Art Common Sense darüber, dass es falsch ist, moralische Ansprüche an Menschen (also zum Beispiel auch sich selbst) zu stellen, dass es in ethischer Hinsicht völlig okay ist, egoistisch zu handeln, solange man nichts Illegales tut. Aus diesem illusionären Traum wurden wir nun von Corona unsanft geweckt. Corona hat uns gezeigt, dass unsere Kultur, in der es als moralisch legitim gilt, in erster Linie die eigenen Interessen zu verfolgen, solange es im Rahmen einer formal-demokratischen Rechtsstaatlichkeit geschieht, nicht in der Lage ist, externe Herausforderungen zu bewältigen.

Journal Samstag, 16. Januar 2021 – Hefeteig-Fiasko und Winterspaziergang

Sonntag, 17. Januar 2021

Ausgeschlafen, nach einem Aufwachen um fünf aber nur bröckerlweise.

Den Vormittag im Haushaltswirbel verbracht:
– Zwei Maschinen Wäsche waschen, in Aufhängen und Trockner sortiert, entsprechend verarbeitet.
Abend-Brot in allerlei Einzelschritten gebacken.
– Zwetschgendatschi aus dem letzten Tiefkühl-Paket elterlicher Zwetschgen zubereitet.
– Bank- und Seitstütz, eine Runde Cardio auf dem Crosstrainer mit Blick in einen hellen Wintertag, an dem ganz selten die eine oder andere deko-hübsche Schneeflocke trudelte.

Das Brot geriet hervorragend.

Der Zwetschgendatschi aber nicht: Seltener Fall von komplett totem Hefeteig (Hefe war frisch und hatte im Brot gewirkt, Milch nicht zu heiß). Er hatte sich auch nach 90 Minuten Gehen im Warmen nicht einen Millimeter bewegt, und während ich mich selbst in diesem Fall sonst auf eine Reaktion im Backofen verlassen konnte, blieb der Teig auch nach 40 Minuten bei 180 Grad flach. (Jajaja, der Bäckervater von Novemberregen lehrt, dass man dem Hefeteig einfach genug Zeit lassen müsse, irgendwann werde er sich schon rühren. Doch ich hatte nicht unendlich Zeit, weil ich mit Herrn Kaltmamsell zum Spazierengehen verabredet war.)

Diesmal stimmte nicht mal „schmeckte trotzdem“: Der Teig hatte die Konsistenz einer dicken gekochten Lasagneplatte, und das war unter Zwetschgen schon arg seltsam. Im schlechten Sinn.

Zum Frühstück aß ich Birchermuesli mit Joghurt und zwei echten Mandarinen (köstlich, aber voller Kerne).

Für einen Spaziergang nahm ich Herrn Kaltmamsell mit zu der Strecke überm Isartal, die ich schon mal nach Weihnachten gegangen war. Wir ließen uns von einer (entspannend leeren) S-Bahn durch die Sonne nach Großhesselohe fahren und gingen los.

Am Isarfräulein.

Anders als bei meinem letzten Spaziergang stiegen wir in Pullach eine Treppe hinunter zur Isar (zum Glück mit Geländer zum Festhalten, sie war durch Schnee und Eis sehr rutschig) und spazierten auf dem Damm zwischen Isarwerkkanal und Isar zurück.

Burg Schwaneck.

Wir sahen einen Bussard im schrägen Sonnenlicht auf einer Nadelbaumspitze landen, nach einer Umschau nochmal auffliegen, wieder landen – ganz schön beeindruckend.

Auf der Rückfahrt trug ich wie schon auf der Hinfahrt erstmals eine FFP2-Maske (beide Bestellungen sind mittlerweile eingetroffen, ich kann den Anbieter Siegmund Care empfehlen). Bloß: Das ist schon eine ganz andere Nummer als die leichten OP-Masken, die ich in der Arbeit oder auf meinen Wegen durch die Innenstadt fast nicht spürte. Damit sie ordnungsgemäß abschließen kann, sind die Bänder der Maske eng und drücken hinter den Ohren, durch den deutlich dickeren Stoff fällt das Atmen schwer – ich fühlte mich sehr unwohl und bekam Kopfschmerzen. Mal wieder höchsten Respekt vor dem medizinischen Personal, das seine ohnehin anstrengenden Arbeitstage dadurch erschwert. Allerdings werde ich wohl für längeres Tragen ein Band über den Hinterkopf verwenden, das sollte bequemer sein.

Ich freute mich wieder an der Temperatur: Beim Spazierengehen war mir in ganz normaler Winterkleidung (gefütterte Stiefel, Jeans, T-Shirt und Wollpulli, Mantel, Schal, Mütze, Fäustlinge) wohlig warm. Daheim begann ich trotz Heizung zu frieren und musste mir heißen Tee kochen. Wie praktisch, dass das Gewebe um die lange OP-Narbe immer wieder heiß wird und ich meine rechte Hand daran wärmen kann.

Im Abendlicht aß ich Zwetschgen…dings, kein echter Genuss, aber sättigend.

Gestern fand der erste CDU-Parteitag im Internet statt. Meine Twitter-Timeline schien ihn zu einem großen Teil zu verfolgen – was mich überraschte. Ich bilde mir ein, dass Nicht-CDU-Wähler die Bestimmung eines neuen Parteivorsitzenden bislang nicht in allen Details so mitnahm (es wurde Armin Laschet).

Herr Kaltmamsell sorgte fürs Nachtmahl, es gab aus Ernteanteil Rote-Bete-Suppe, dazu frisches Brot und aufgetauten Weihnachtsschinken. Dazu die letzte Flasche Gut Oggau Atansius 2013.

§

Nach dieser Berechnung (via Crocodylus) und Berücksichtigung meines Bluthochdrucks ist das meine Aussicht auf Covid-19-Impfung.

Damit kann ich gut leben.

Journal Freitag, 15. Janaur 2021 – Ende der ersten vollen Arbeitswoche

Samstag, 16. Januar 2021

Wieder ein recht eisig-rutschiger Arbeitsweg, ich bewunderte vor allem die Radlfahrerinnen und Radler.

Eisiger und schöner Nebel über der Theresienwiese, dann wurde es sonnig, blieb allerdings kalt.

In der Arbeit nützlich gewesen, das ist ein gutes Gefühl. Vormittags eine Butterbreze, mittags eine Breze, Joghurt mit Orangen, nachmittags Kekse.

Auch der Heimweg war eisig, doch wieder litt ich nicht unter der Kälte. Zu Hause setze ich zwei Sauerteige fürs samstägliche Brotbacken an, es wird Abend-Brot aus dem Plötzblog geben. Weizen- und Roggensauerteig hatte ich Donnerstagabend aufgefrischt. Dazu bin ich in letzter Teig übergegangen: Die Sauerteige nicht alle paar Tage zu füttern und dann wegen seltener Verwendung große Mengen wegzuwerfen, sondern sie vor ihrem Einsatz aufzufrischen – das verbraucht weniger Mehl (macht sie aber wahrscheinlich auch weniger triebstark).

Meine erste Ganztages-Fünftagewoche seit Ende September war gut erträglich, aber vor allem in diesen Pandemiezeiten kein wirklich schönes Leben. Auf jeden Fall werde ich versuchen, den einen oder anderen Tag die Woche von daheim zu arbeiten, irgendwie meine damit kompatiblen Tätigkeiten dafür zu sammeln – das sind mir im Büro dann doch zu viele Kontakte.

Zur Feier des Wochenendes gab’s Prosecco zu lustiger Unterhaltung mit Herr Kaltmamsell, als Thekenersatz in der Küche an die Arbeitsfläche gelehnt (ergab sich so).

Das Nachtmahl, wieder von Herrn Kaltmamsell serviert: Kalbsleber mit Apfel und Zwiebel, Bratkartoffeln, dabei Zwiebeln und Kartoffeln aus Ernteanteil.

§

Ein Podcast über seltene und sehr seltene Tiere (in idealer Länge von sechseinhalb Minuten), in dieser Folge:
„Kreaturen Podcast – Folge 16: Die Bayerische Kurzohrmaus mit Kathrin Passig“.

Bereits in der ersten Minute rief ich zweimal „NEIN!“, denn 1. wurde diese Maus vom Leiter der Vogelwarte Garmisch entdeckt, die es also wirklich gibt (mein seinerzeitiger Standardscherz beim Melden am dauerklingelnden Stationärtelefon von Kolleg*innen: „Vogelwarte Garmisch.“ BRÜLLER!), 2. wurde auf dem Fundort des Viecherls das Klinikum Garmisch gebaut, dem ich mein neues Hüftgelenk verdanke. Möglicherweise ist die Bayerische Kurzohrmaus mein Patronus.

Journal Freitag, 8. Januar 2021 – Grippegeimpft

Samstag, 9. Januar 2021

Erst kurz vor sechs aufgestanden und trotzdem Zeit für volles Reha-Kraftprogramm vor der Arbeit? Tja: Noch bin ich so entspannt, dass ich für meine Grippeimpfung einen Termin um 9 Uhr akzeptierte und nicht OH-MEIN-GOTT-DANN-KOMME-ICH-WOMÖGLICH-ERST-UM-ZEHN-INS-BÜRO auf einen früheren wartete.

Statt dem formlosen Pieks in der Vorsaison beim Arbeitgeber (auch diesmal angeboten, allerdings während meiner Hüft-Abwesenheit) heuer also mit ärztlicher Voruntersuchung (eine Vertretung meiner vertrauten Hausärztin) in Form von Abhorchen und Ausfragen, zudem mit eingehender Information über mögliche Nebenwirkungen und Hinweis auf Indikatoren für Besorgnis. UND ich hatte meinen Impfausweis dabei, der ein Aufkleberchen bekam.

Danach Spaziergang in die Arbeit; ich genoss, dass es schon hell war, kostete vor allem den Weg über die Theresienwiese aus: Das überraschend laute Fluggeräusch macht mich auf einen kreuzenden Schwan aufmerksam, zweimal, (?), ich beobachtete eine Saatkrähe beim Schneebad – wo doch Saatkrähen eigentlich die gravitätischen sind, anders als die verspielten Rabenkrähen.

In der Arbeit (für mich) Anstrengendes, aber auch das schaffte ich. Bedrückende Aussicht auf fünf durchgehend volle Arbeitswochen bis zu zwei freien Faschingstagen. Im lange schon Dunkeln ging ich nach Hause. Ich finde es schön, dass mir die Kält knapp unter Null nichts ausmacht und ich den Aufenthalt draußen genießen kann.

Daheim traf ich auf einen sehr erschöpften Herrn Kaltmamsel, der dennoch für Abendessen sorgte: Negronis zum Aperitif, außerdem Kuh auf Wiese, nämlich ein Flanksteak vom Herrmannsdorfer (dort „Bavette“ genannt), das er mariniert und in der Pfanne gebraten hatte, mit Rucola und selbst geschnitzten Süßkartoffelstreifen.

Dazu ein sensationeller Wein, Geschenk eines Kollegen des Herrn Kaltmamsell: ELisabeth Chambellan Côtes du Rhône Châteauneuf-du-Pape 2018. Sehr komplex, in der Nase leichte Veilchen, am Gaumen Himbeer.

Journal Dienstag, 5. Januar 2021 – Mal wieder Übergewicht und Gesundheit

Mittwoch, 6. Januar 2021

Nach dem ersten vollen Arbeitstag war ich so schnell eingeschlafen wie schon lange nicht (nach Lichtaus dachte ich gerade mal noch „mmmmh, kuschlig“) und schlief auch recht gut. Früher Wecker ermöglichte mir wieder eine Runde Yoga: nochmal Folge 3, diesmal mit Sorgfalt und Genuss, weil ich wusste, worauf die Anleitungen rausliefen.

Vor der Arbeit machte ich einen Abstecher zur Hausärztin, wo ein Rezept für mich bereit lag. Unter trübem Himmel zu Fuß ins Büro – vielleicht ein wenig zu zackig, der Hüftbeuger am operierten Bein jammerte bei jedem Aufstehen. Der Himmel blieb den ganzen Tag trüb und hätte Schneeflocken vertragen (die Temperatur passte).

Fürs Mittagessen hatte ich mir Quark und Joghurt verrührt, dazu gab’s zwei Orangen. Nachmittags eine Hand voll Trockenobst. Austausch mit Kolleginnen.

Auf dem Heimweg bog ich zum Vollcorner ab, um Brotzeit und Zutaten fürs Abendessen einzukaufen. Herr Kaltmamsell stellte sich damit umgehend in die Küche und kochte Aloo Gobi, mein derzeit liebstes Blumenkohl-Gericht, ich reichte Manhattans an.

Kurzer Abend, da wir beide erledigt und müde waren.

§

Das Thema Übergewicht hatten wir hier schon länger nicht mehr, dabei hat sich die Forschungslage nicht verändert, wird aber weiterhin nicht berücksichtigt. Zum Beispiel wurde ich ja vor der OP gewogen und durchgemessen mit dem Ergebnis, dass die freundliche Angestellte mich darauf hinwies, dass mein BMI – etwa so aussagekräftig für meine Gesundheit wie mein Musikgeschmack – leichtes Übergewicht bedeute. NACHDEM ihre Messungen einen geringen Fettanteil und hohen Anteil an Muskulatur ergeben hatten sowie eine Verteilung des Fetts an statistisch wenig riskanten Stellen. Warum?
„Everything you know about obesity is wrong“.

Diese ausführliche Sammlung wurde 2018 veröffentlicht, ist aber bedrückenderweise keineswegs überholt.

1. Starkes Übergewicht gilt als persönliches Versagen, als so ziemlich schlimmster Charakterfehler – alle Forschung widerlegt das.

Obesity, we are told, is a personal failing that strains our health care system, shrinks our GDP and saps our military strength. It is also an excuse to bully fat people in one sentence and then inform them in the next that you are doing it for their own good. That’s why the fear of becoming fat, or staying that way, drives Americans to spend more on dieting every year than we spend on video games or movies. Forty-five percent of adults say they’re preoccupied with their weight some or all of the time—an 11-point rise since 1990. Nearly half of 3- to 6- year old girls say they worry about being fat.

2. Starkes Übergewicht dominiert das Leben der Betroffenen komplett.

Growing up, my mother’s weight was the uncredited co-star of every family drama, the obvious, unspoken reason why she never got out of the car when she picked me up from school, why she disappeared from the family photo album for years at a time, why she spent hours making meatloaf then sat beside us eating a bowl of carrots.

3. Diäten/Kalorienreduktionen funktionieren nicht. Sie verändern den Stoffwechsel so stark, dass ein Halten des niedrigeren Gewichts lebenslanges Hungern erfordert.

Since 1959, research has shown that 95 to 98 percent of attempts to lose weight fail and that two-thirds of dieters gain back more than they lost. The reasons are biological and irreversible. As early as 1969, research showed that losing just 3 percent of your body weight resulted in a 17 percent slowdown in your metabolism—a body-wide starvation response that blasts you with hunger hormones and drops your internal temperature until you rise back to your highest weight. Keeping weight off means fighting your body’s energy-regulation system and battling hunger all day, every day, for the rest of your life.

4. Gewicht und Gesundheit beeinflussen sich nicht direkt: Bis zu zwei Drittel der als fettleibig eingestuften Menschen haben gesunde Stoffwechselwerte.

The second big lesson the medical establishment has learned and rejected over and over again is that weight and health are not perfect synonyms. Yes, nearly every population-level study finds that fat people have worse cardiovascular health than thin people. But individuals are not averages: Studies have found that anywhere from one-third to three-quarters of people classified as obese are metabolically healthy. They show no signs of elevated blood pressure, insulin resistance or high cholesterol. Meanwhile, about a quarter of non-overweight people are what epidemiologists call “the lean unhealthy.” A 2016 study that followed participants for an average of 19 years found that unfit skinny people were twice as likely to get diabetes as fit fat people. Habits, no matter your size, are what really matter.

5. Ärzte und Ärztinnen nehmen gesundheitliche Beschwerden von Übergewichtigen nicht ernst – mit gefährlichen Folgen.

Doctors are supposed to be trusted authorities, a patient’s primary gateway to healing. But for fat people, they are a source of unique and persistent trauma. No matter what you go in for or how much you’re hurting, the first thing you will be told is that it would all get better if you could just put down the Cheetos.

6. Während der Anteil übergewichtiger US-Amerikaner stieg, wuchs das mit Übergewicht verbundene Stigma. Stress wiederum verstärkt die Neigung zu unkontrollierter Nahrungsaufnahme.

Paradoxically, as the number of larger Americans has risen, the biases against them have become more severe. More than 40 percent of Americans classified as obese now say they experience stigma on a daily basis, a rate far higher than any other minority group.
And, in a cruel twist, one effect of weight bias is that it actually makes you eat more. The stress hormone cortisol—the one evolution designed to kick in when you’re being chased by a tiger or, it turns out, rejected for your looks—increases appetite, reduces the will to exercise and even improves the taste of food.

(…)

Surveys of higher-weight adults find that their worst experiences of discrimination come from their own families.

7. Anders als bei anderen diskriminierten Bevölkerungsgruppen verbindet das Stigma Übergewicht nicht: Die Betroffenen haben die Vorurteile verinnerlicht und verachten andere Übergwichtige.

But perhaps the most unique aspect of weight stigma is how it isolates its victims from one another. For most minority groups, discrimination contributes to a sense of belongingness, a community in opposition to a majority. Gay people like other gay people; Mormons root for other Mormons. Surveys of higher-weight people, however, reveal that they hold many of the same biases as the people discriminating against them.

8. Eine von vielen negativen systemischen Auswirkungen: Die fehlgeleitete Konzentration auf Übergewicht als angeblich gesundheitsschädlich verstellt den Blick auf den eigentlichen Krankmacher Fehlernährung.

For more than a decade now, researchers have found that the quality of our food affects disease risk independently of its effect on weight. Fructose, for example, appears to damage insulin sensitivity and liver function more than other sweeteners with the same number of calories. People who eat nuts four times a week have 12 percent lower diabetes incidence and a 13 percent lower mortality rate regardless of their weight. All of our biological systems for regulating energy, hunger and satiety get thrown off by eating foods that are high in sugar, low in fiber and injected with additives. And which now, shockingly, make up 60 percent of the calories we eat.

Wichtiger Hinweis zu den sehenswerten Illustrationen des Artikels:

So many images you see in articles about obesity strip fat people of their strength and personality. According to a recent study, only 11 percent of large people depicted in news reports were wearing professional clothing. Nearly 60 percent were headless torsos. So, we asked our interview subjects to take full creative control of the photos in this piece. This is how they want to present themselves to the world.

Journal Donnerstag, 31. Dezember 2020 – Nymphenburger Schlosspark

Freitag, 1. Januar 2021

Ausgeschlafen bis kurz vor sieben. Erst Mal Brotteig geknetet für ein Pane Vallemaggia – schon sehr lange nicht mehr gemacht, doch vor ein paar Wochen hatte ich mal wieder Weizensauerteig angesetzt. Es gelang nur so mittel (zu dicht und zu kleine Porung), wahrscheinlich hätten die kühleren Innentemperaturen im Winter längere Gärzeiten erfordert.

Sport war gestern die erste Cardio-Einheit der Woche, 45 Minuten Crosstrainer. Machte der Körper problemlos mit, ich war endlich mal wieder richtig nassgeschwitzt. Herr Kaltmamsell brachte währenddessen ein großes Paket Bücher zur Post: Es hatte sich eine Blogleserin gefunden, die sich für die deutschsprachigen unter unseren ausgemusterten interessierte, hurra!

Zum Frühstück gab’s Marmeladenbrot und Joghurt mit Sirupquitten, ich wartete auf das Fertigbacken der Brote. Das zweite Brot überließ ich Herrn Kaltmamsell, denn ich wollte den letzten Gültigkeitstag meiner MVG-Monatskarte und den herrlichen Sonnenschein für den letzten Spaziergang des Jahres nutzen: raus in den Nymphenburger Schlosspark, den ich überhaupt nicht kenne.

Ich nahm eine S-Bahn nach Laim und begann am nördlichsten Ende des Parks, von dort schlug ich den weitest möglichen Bogen durch den Park, ging auch neugierig mal in interessante Ecken am Rand. Es war herrlich, wieder wuchs meine Freude aufs Wandern.

Das ist die Wiese außerhalb der Schlossmauer, die ich seit Jahren vom Zugfenster nach Ingolstadt sehe.

Die Magdalenenklause, von Joseph Effner auf Anweisung von Kurfürst Max Emanuel 1725-1728 gleich als schicke Ruine gebaut (die zerrissen gekauften Jeans des 18. Jahrhunderts? die bekanntlich auch auf die Vergänglichkeit alles Irdischen, vor allem modischer Strömungen verweisen?).

Auf der Ostseite des Schlosses (der Platz völlig zugeparkt mit Autos, wenig idyllisch) spazierte ich den Bogen entlang und kam an der Nymphenburger Porzellanmanufaktur vorbei.

Deren Geschirr finde ich schon ganz besonders schön.

Mit der Tram ließ ich mich heimfahren, dort aß ich ein Stück Käse und machte mich mit Füßehoch auf dem Bett ans Zusammenstellen der Lieblingstweets.

Beim Spazierengehen hatte ich viel an dieses Kinderbild gedacht, das ich deshalb aus den Kommentaren hochhole.

Diese kleine Kaltmamsell mag ich sehr, identifiziere mich auch mit der pragmatischen Lesehaltung, die sich nicht durch Röckchen und Bluserl behindern lässt. Auf dem Schoß habe ich sehr wahrscheinlich Das große Buch von den heiligen Namenspatronen, das mich lange fesselte und faszinierte.

Silvestermahl:

Dazu luxemburger Crémant Alice Hartmann.

Und dann machten wir, was wir meistens an Silvester machen (2019 war eine Ausnahme): Wir gingen ins Bett, als wir müde waren.

§

Eine Reporterin der New York Times, Katrin Bennhold, blieb am Fall Frank A. dran – Sie erinnern sich vielleicht? Der Bundeswehrsoldat, der sich als syrischer Flüchtling ausgab, um mit Terroranschlägen die Stimmung gegen Flüchtlinge anzuheizen? Demnächst beginnt der Prozess, dann erinnern Sie sich wahrscheinlich einfacher.
„A Far-Right Terrorism Suspect With a Refugee Disguise: The Tale of Franco A.“

Aydan Ozoguz, a lawmaker who was commissioner for refugees and integration at the time (…): “The asylum system should identify cheaters, no doubt. But the bigger story is: How could someone like this be a soldier in Germany?”

(…)

In his generation, which came of age after 9/11, during the wars that sprang from it and in an era of global economic crisis, the distrust of government, far-right messaging and the embrace of conspiracy theories not only entered pockets of the security services. They also entered the mainstream.

“Far-right extremist messages have shifted increasingly into the middle of society,” Thomas Haldenwang, the president of the domestic intelligence agency, the Office for the Protection of the Constitution, told me in an interview.

They can even be heard in the halls of Parliament, where the far-right Alternative for Germany, or AfD, leads the opposition.

Bennhold zeichnet am Beispiel Frank A. sorgfältig nach, wie sich in den vergangenen Jahrzehnten eine neue rechte Bewegung in Deutschland etablieren konnte, und wie ihre Realitätswahrnehmung gefiltert ist.

§

Albernheiten mit Cello gehen immer.

Aktivieren Sie JavaScript um das Video zu sehen.
https://youtu.be/LNGWS_fTxys


Durch die weitere Nutzung der Seite stimmst du der Verwendung von Cookies zu. Weitere Informationen

Die Cookie-Einstellungen auf dieser Website sind auf "Cookies zulassen" eingestellt, um das beste Surferlebnis zu ermöglichen. Wenn du diese Website ohne Änderung der Cookie-Einstellungen verwendest oder auf "Akzeptieren" klickst, erklärst du sich damit einverstanden.

Schließen