Essen & Trinken

Journal Samstag, 22. August 2020 – Bett-Investitionen

Sonntag, 23. August 2020

Stand des Hexenschusses: Ich kann wieder die Bauchmuskeln und den Beckenboden anspannen, ohne dass Lendenwirbelsäule und Iliosakralgelenk aufbrüllen, hurra!

Morgens war es bewölkt, aber warm genug für Kaffee auf dem Balkon.

Ich freute mich nach fast einer Woche Pause über eine Runde Crosstrainer-Strampeln mit Filmmusik auf den Ohren.

Familientelefonate: Auf allen Seiten Medizinisches, zumindest in meiner Generation waren wir uns einig, dass der Körper um den 50. Geburtstag sehr deutlich signalisiert, dass evolutionär nach 45 Jahren das Mindesthaltbarkeitsdatum abgelaufen ist. You’re on your own now, mate.

Einkaufsrunde unter sich verdunkelndem Himmel. Beim Betten Rid bestellte ich nach ausführlicher Beratung und Probeliegen neue Lattenroste und eine neue Matratze für mein Bett – erstere, weil seit Jahren Latten aus den Halterungen brechen, Matratze, weil sie nach ebenfalls 22 Jahren erneuert werden sollte (ohne dass ich mich als Marketing-Opfer fühle). Kostet alles zusammen im Gegensatz zu den Vorläufermodellen von Ikea fast ein Monatsgehalt, ist aber auf die nächsten 22 Jahre runtergerechnet in meinen Augen vertretbar. UND wird geliefert, die Vorläufermodelle werden mitgenommen. (Die neue Taschenfederkernmatratze lag sich so gut Probe, dass sich die alte Latexmatratze danach geradezu gammlig anfühlte.)

Auch auf meiner Einkaufsliste: Nicki-Tücherl aka Bandanas, die ich mir beim Sport um den Kopf binde, damit mir Vielschwitzerin der Schweiß nicht ab Minute 10 in die Augen rinnt. Mittlerweile sind aus meinem Altbestand (so alt, dass ich bei keinem wusste, woher ich es hatte) alle bis auf eines zerrissen. Da ich diese Baumwolltücher aus der Bergsteiger-Welt kannte, lief ich erst mal ins Sportkaufhaus. Zu meiner Verdutzung hieß es, man führe „nur so Schläuche zum Überziehen“, vielleicht ist mein Bergsteigerbild schlicht in den 1960ern hängengeblieben. Ansonsten kenne ich Bandanas an Musikern, aber auch die sind ein paar Jahrzehnte her, also ging ich nicht als nächstes in einen Musikinstrumenteladen, sondern fragte Twitter. Die Lösung sind wohl Kaufhäuser! (Wie bin ich als begeisterte Kaufhaus-Kundin bloß nicht selbst draufgekommen?)

Obst und Brot holte ich beim Eataly (sehr voll), da begann es bereits gischtig zu nieseln. Zum Glück regnete es erst richtig los, als ich heimgehumpelt war, das blieb dann aber die nächsten Stunden so, inklusive deutlicher Abkühlung.

Zum Frühstück Tomaten-Gurken-Salat aus Ernteanteil (so gut!) mit italienischem Weizensauerteigbrot, ein Pfirsich. Ich legte mich eine Runde flach, um die Hüftschmerzen zu mildern.

Nachmittags las ich, unter anderem die Wochenend-SZ. Als Snack ein Stück Käse mit Brot. Dann holte ich doch den Arbeitsrechner hervor und schaute die E-Mails der drei Urlaubswochen durch, in der Hoffnung, dass der erste Arbeitstag so ein weniger großer Horror wird. (Am Sonntag bin ich unterwegs.) Klappte nur so mittel, weil die beiden akuten großen Brocken, von denen ich wusste, halt wirklich akut, groß und brockig sein werden.

Nachtmahl war von Herrn Kaltmamsell zubereiteter Gazpacho.

Danach teilten mir uns ein gebratenes Entrecôte, zum Nachtisch frische Feigen und Eis. Kein Alkohol, weil Medikamente.

Vermisst irgendwer im Norden zwei Mauersegler? Gestern flatterten sie zu unserer Überraschung am Abendhimmel, gut drei Wochen nach der letzten Sichtung.

§

Die Reihe „Reden wir über Geld“ der SZ-Wirtschaftsredaktion mag ich besonders gern. In ganzseitigen Interviews mit den unterschiedlichsten Menschen (und in sonst für den Wirtschaftsteil ungewohnter Diversität) beleuchtet sie das Thema Geld aus immer wieder neuen Blickwinkeln. Am Freitag war der Gesprächspartner der Soziologe Aladin El-Mafaalani, geboren und aufgewachsen im Ruhrgebiet, heute Professor für Erziehungswissenschaft an der Universität Osnabrück (€).
„‚Verzichten kann nur, wer hat'“.

Zum einen erläutert er, wie das Aufwachsen in Armut die künftige Einstellung zu materiellem Besitz prägt.

Ich bin in Waltrop aufgewachsen, ein Ort, den man ohne Auto schlecht verlassen kann, und da gab es zwei Gruppen, die Hip-Hopper, die Graffiti cool fanden, und die Punks, die Skateboard gefahren sind. Ich mochte Graffiti und Skateboard – deshalb hatte ich mit beiden viel zu tun. Interessant ist im Nachhinein der Umgang dieser beiden Freundeskreise mit Geld.

(…)

In der Hip-Hop-Kultur sind Statussymbole wichtig. Die Punkkultur ist das genaue Gegenteil davon. Meine Eltern stammen aus Syrien, mein Vater ist Arzt, meine Mutter hat Psychologie studiert, ich bin sehr privilegiert aufgewachsen. Ich hatte zu beiden Gruppen eine gewisse Nähe, habe aber auch zu beiden Differenzen gespürt. Bei den Punks war ich lange Zeit der einzige, der nicht blond war, und in der Hip-Hop-Gruppe war ich der einzige, der aus einer wohlhabenden Familie kam.

(…)

Wer wenig Geld und Anerkennung hat, will reich und berühmt werden und orientiert sich an Statussymbolen. Und wer Geld hat, hat einen selbstverständlichen Umgang damit und kann sich die Haltung leisten, Statussymbole abzulehnen.

(…)

Warum gibt es diese Milieugrenzen schon bei Jugendlichen?

Einer der Hauptfaktoren ist Geld. Das trennt und prägt. Wenn man in einer Familie mit sehr viel Geld aufwächst, dann ist der gesamte Alltag darauf ausgerichtet, mit diesem Überfluss umzugehen. Man muss also selektieren. Hat man kaum Geld, muss man den Mangel managen. Schon Kinder entwickeln eine Strategie: Die ärmeren müssen jeden Tag kurzfristige Knappheitsprobleme lösen. Sie fragen: Was bringt das genau, ist das wirklich notwendig? Sie denken funktional, denken kurzfristig, gehen kein Risiko ein und vermeiden Unsicherheiten. Die reicheren Kinder hingegen probieren viel mehr aus, sie gehen Risiken ein, weil sie auch viel weicher fallen. Sie orientieren sich langfristig, entwickeln eine Abstraktionsfähigkeit, denken in Alternativen. Dass die alternative Szene relativ privilegiert ist, kann man alleine an diesem Begriff festmachen. Ob Geld da war oder nicht, wird Teil der Persönlichkeit.

Auch hier erkenne ich wieder einmal, dass ich die zweite Generation des sozialen Aufstiegs bin: Mein spanischer Vater wuchs noch in echter Armut auf, da ging es darum, genug Essen für die Familie zu beschaffen (deshalb auch die Verschickung der Kinder im Sommer zu den Verwandten aufs Land, wo zwar die Arbeit hart war, sie aber ein paar Monate durchgefüttert wurden). Selbst aber hatten meine Eltern die Chance, sich durch enormen Fleiß und kluges (bis halb-legales) Wirtschaften ein Eigenheim zu erarbeiten.

Mindestens so interessant fand ich El-Mafaalanis Gedanken zur Auswirkung von Bildung:

Bildung ist kein Allheilmittel gegen soziale Probleme, sondern eine Grundlage, auf der man nach Lösungen suchen kann und streitet. Klimawandel hat zum Beispiel viel mit Gebildeten zu tun: je gebildeter, desto mehr Einkommen, desto tiefer der ökologische Fußabdruck.

(…)

Wenn Menschen von Bildung sprechen, missverstehen sie sich oft. Dabei gibt es mindestens zwei Begriffsfamilien. Einmal ist Bildung das, was gesellschaftlich verwertbar ist, man spricht oft von Kompetenzen oder von Humankapital. Dann gibt es noch die Persönlichkeitsbildung, also das humboldtsche oder humanistische Bildungsideal: Von Kindheit an bildet man sich ein Selbst- und ein Weltbild, Bildung ist hier Selbstzweck. Wer Bildung in diesem Sinne meint, der denkt, dass ein gebildeter Mensch doch vernünftig ist, das Klima retten muss und nicht rechtsradikal sein darf. Recht romantisch. Die Idee der Persönlichkeitsbildung tut so, als gäbe es keine Gesellschaft, sie ist blind für soziale Ungleichheit. Denn die Motivation von armen Kindern ist relativ gering, Bildung als Selbstzweck zu verstehen. Das wäre ja das Gegenteil von anwendungsorientiert.

Er beleuchtet auch die Fallen von Unterrichtsmodellen, die auf den ersten Blick fortschrittlich wirken:

Offene Bildungsansätze sollen Schülern das selbstorganisierte Lösen von komplexen Problemen beibringen. Ist das Bildung, wie Sie sich das vorstellen?

Ich habe meine Haltung zu solchen Projekten grundlegend geändert. Die Forschung zeigt, dass solche Unterrichtsansätze Ungleichheit derzeit eher verstärken. Das Potenzial ist zwar enorm, aber die Umsetzung ist offenbar nicht gut: Leute aus einem höheren Milieu – Lehrkräfte – überlegen sich Probleme, die Kinder aus einer völlig anderen Lebenswelt als anregendes Problem erkennen sollen. Lehrkräfte finden Probleme sehr spannend, für die man Risiken eingehen und langfristig denken muss. Ein benachteiligtes Kind hat diese Denkweise nicht gelernt. Ärmere Kinder lernen oft keine Selbstorganisation, weil sie in einem Umfeld aufwachsen, das sie diszipliniert. Sie sind im Alltag fremdbestimmt. Der Umgang mit Freiheit muss systematisch gefördert und gelernt werden. Derzeit wird das zu stark vorausgesetzt.

(Erwähnte ich, dass ich als nächstes Studienfach unbedingt Soziologie wählen würde?)

Journal Mittwoch, 19. August 2020 – Kränklicher Urlaubstag

Donnerstag, 20. August 2020

Die Nacht war ja eh gestört durch das Dauerblutdruckmessgerät, da war es fast schon egal, das sich morgens die Migräne meldete. Triptan half gegen das Schlimmste, aber ich blieb den ganzen Tag eingeschränkt – und war froh, dass ich nicht auch noch in die Arbeit musste.

Morgens statt Milchkaffee also auf ärztliche Anweisung zwei große Tassen entkoffeinierten Earl Grey, nicht gerade eine Aufmunterung. Kurz vor Mittag brachte ich das Messgerät zurück zur Arztpraxis, kaufte auf dem Rückweg Obst ein. Zum Frühstück etwas Weißbrot, außerdem einen Pfirsich und zwei Feigen mit Joghurt, dazu die Lektüre der gestrigen Süddeutschen.

Die Schmerzen im Kreuz und in der Hüfte plagten mich so, dass ich kaum sitzen, stehen, gehen konnte: Ich legte mich flach und schlief auch ein wenig ein. Danach war ich deutlich beweglicher.

Nächste Sabotage meines Körpers: Beim Abknabbern eines Haustfetzens brach ein Stück Schneidezahn ab (er hatte schon vor Jahren ein wenig gebröselt und war damals lediglich abgeschliffen worden). Jetzt reicht’s aber wirklich. Wenig überraschend ist die treue Zahnärztin noch die nächsten zweieinhalb Wochen in Urlaub.

Der Tag war gemischtwolkig und warm, ich las auf dem Balkon. Nachmittagssnack war ein Becher Hüttenkäse mit Johannisbeergelee.

Fürs Abendessen spazierte ich mit Herrn Kaltmamsell zum Flaucher-Biergarten. Wehmut beim Hinktrippeln entlang einer meiner früheren Standard-Laufstrecken.

Im Biergarten war wenig los, es gab die übliche leichte Kost.

Ich schaffte nur den Knödel nicht, die Schweinshaxe war besonders saftig und knusprig.

Zurück nahmen wir die U-Bahn, auch der Weg zur Station Thalkirchen war wunderschön in der späten, goldenen Sonne.

Journal Samstag, 15. August 2020 – Kuchenbacken und Bügeln

Sonntag, 16. August 2020

Im letzten Schlafabschnitt schön geträumt: Ich war mit Freunden (niemand, den ich im echten Leben kenne) in einer weitläufigen Sport- und Freizeitanlage untergebracht, es gab Schwimmtraining und Volleyballspielen ohne Bewegungseinschränkungen. (Nur die Zimmer waren unangenehm weit weg, wenn ich etwas dort vergessen hatte, waren bis zum Wiederkommen die anderen schon mitten im Spiel).

Feiertag also. Es war gemischtes Wetter angekündigt, doch tatsächlich strahlte fast durchgehend die Sonne, und das ohne Hitze: Ich konnte Fenster und Türen fast durchgehend offen lassen und die frische Luft genießen, saß viel auf dem Balkon. Dass ich das Haus überhaupt nicht verließ, war Zufall (und der Vorstellung geschuldet, wie voller Menschen das Draußen sicher war).

Nach Morgenkaffee und Bloggen, aber noch vor Crosstrainer (die Gymnastik ließ ich lieber bleiben) backte ich mal wieder einen Kuchen aus David Lebovitz‘ Ready for Dessert, den ich noch nicht ausprobiert hatte: Nectarine-Raspberry Upside Down Gingerbread Cake (hier nachgebacken). Ich haderte mit den 170 Gramm (!) Zucker, die ich allein schon für die Zucker-Butter-Mischung ganz unten verteilen sollte, reduzierte auf 140 Gramm, ich erhitzte auch nicht die Backform, sondern nur die Butter und träufelte diese über den Zucker, den ich auf den Springformboden mit Backpapier gestreut hatte. Meine Nektarinen waren sehr hart – wahrscheinlich zum Glück, denn sonst wäre das eine noch suppigere Angelegenheit geworden.

Beim Abnehmen der Form war der Himbeerduft umwerfend. Geschmack ok, doch mein liebster gestürzter Obstkuchen bleibt der erste, den ich je kennenlernte: Apfelkuchen mit Walnüssen.

Während der Kuchen im Ofen buk, strampelte ich auf dem Crosstrainer – wieder vorsichtig und eher langsam, wie es sich gut anfühlte. Nach dem Duschen und Anziehen war der Kuchen auf Frühstückstemperatur abgekühlt.

Den Nachmittag verbrachte ich auf dem Balkon, wo ich in der ZDF-Mediathek drei Folgen Wild Bill guckte: Wirklich, wirklich gut. Die dicke Figur von DC Muriel Yeardsley wird in der ersten Folge doch mal thematisiert: Sie wehrt sich energisch, dass diese etwas Negatives sein soll, bei drei Brüdern sei ihr Leben lang jedes Gramm wichtig als Kampfgewicht gewesen. Fertig. Ich liebte jedes Szene, in der Bronwyn James diese so unfertige Person zwischen Ehrgeiz, Hirn, Mitgefühl und Verunsicherbarkeit spielte.

Dazwischen bügelte ich Sommerkleidung von zwei Wochen weg, freute mich weiter an den aufblühenden Gladiolen im wechselnden Licht.

Zum Nachtmahl verwandelte Herr Kaltmamsell angesammelte alte Semmeln aus Monaten zu Semmelnknödeln und servierte sie mit Pilzrahm.

Journal Mittwoch, 12. August 2020 – Urlaub in Bremen: Bürgerpark und Rollo

Donnerstag, 13. August 2020

Nach sechs Stunden Humpeltrippeln mit zwei Pausen war ich so erledigt wie sonst nach sechs Stunden beherzter Wanderung: Es ist wohl egal, dass ich dabei mit zwölf Kilometern nicht mal die Hälfte einer früheren Wanderstrecke zurückgelegt hatte.

Den gestrigen letzten Urlaubstag in Bremen verbrachten wir nämlich im Bürgerpark (und Stadtwald, um genau zu sein). Wir hatten so lang geschlafen, dass mich beim Aufwachen der Blick auf die Uhr (es war neun) schlagartig munter gemacht hatte. Also zügiges Duschen und Bloggen, um das Housekeeping-Personal nicht zu lange aufzuhalten. Nach dem Morgenkaffee im Hotelrestaurant (der Cappuccino ist nämlich ganz hervorragend) zogen wir los Richtung Bürgerpark. Das Überseemuseum passierten wir unbesichtigt: Ich habe vorerst genug von Saurierskelett-Repliken und ausgestopften Tieren, das zusätzliche Raubgut aus ehemaligen Kolonien, das dort ausgestellt wird, hätte mir lediglich schlechte Laune bereitet. Möglicherweise sind die Tage naturhistorischer Museen gezählt.

Beim Unterqueren des Hauptbahnhofs zeigte ich Herrn Kaltmamsell, wo ich bei meinen beruflichen Aufenthalten Pause gemacht hatte, von der Rückseite des Bahnhofs aus deutete ich von Ferne auf das zukünftige weltweite Mekka postmoderner Architektur.

Die nächsten Stunden spazierten wir in großer Hitze und mit wenig und dann warmer Brise durch den Bürgerpark, vorbei an schönen Sichtachsen und Blicken, mit längerem Halt am Tiergehege, machten Mittagspause in der wunderschönen Meierei (Nizza-Salat für mich, hausgemachten Knipp für Herrn Kaltmamsell, Apfelschorle und viel Wasser für uns beide, eine Wespe aus Apfelschorleflasche gerettet), gingen hinüber in den Stadtwald und folgten dem Naturlehrpfad. Als ich eindeutige fröhliche Badesee-Geräusche hörte, gingen wir ihnen nach und standen ein wenig in der Brise des großen Stadtwaldsees. Erschütterung über den Anblick von Joggern (Bikram-Running?). Zurück im Bürgerpark kehrten wir bei Emma am See ein auf ein Bier (Herr Kaltmamsell) und ein Stück Buchweizentorte (verteidigt gegen vier Wespen) mit einem Glas Apfelschorle für mich.

Mittlerweile ging ich noch langsamer als eh schon, genoss es aber weiter, mit Herrn Kaltmamsell im Grünen zu gehen, selbst bei Hitze. Ich hätte nach einem Bus zurück zum Marktplatz schauen können, doch die Recherche erschien mir noch mühsamer als der Fußweg. Also nutzte ich ihn wenigstens, um im neuen Einkaufszentrum beim Bahnhof Obst für die Rückreise am Donnerstag zu besorgen. Doch es war klar, dass ich für ein Abendessen nicht nochmal laufen würde.

Park-Hotel.

Lokal Emma am See. Ruderbootfahren ist im Bürgerpark besonders attraktiv, denn die beiden Seen sind mit weitläufigen Wasserarmen verbunden. Nur dass es uns dafür viel zu heiß war.

Das Tiergehege, in dem es Bauernhoftiere in Kleinfassung gab: Zwergesel, Zwergziege, besonders kleine Schafe (Skudde), Zwerghühner, Zwergzebus, Meerschweinchen. In Normalgroß: Alpakas, Dammwild, Mufflons.

Die Meierei, auch von Nahem von außen und innen sehenswert.

Blick von der Meierei aus Richtung Bremen auf Park-Hotel und Domtürme – mit den Rindern davor fühlte ich mich an englische Landschaftsmalerei erinnert.

Aussichtsturm im Stadtwald.

Im Hotel musste ich mich erst mal flach auf den Rücken legen, bis die Schmerzen in Hüfte, Bein und Kreuz nachließen.

Fürs Abendessen war bereits eine weitere lokale Spezialität eingeplant: Das autochthone Bremer Street Food Rollo. Wir waren zwar am Montag im Steintorviertel am Imbiss des Erfinders vorbeigekommen, doch gestern Abend konnte ich mich nicht zum Weg dorthin aufraffen: Wir nahmen den Rollo des nächstbesten Anbieters (Falaffel für den Herrn, Tsatsiki für mich) – und aßen ihn dann auch noch im Sitzen.

In unserem Alter darf man das.

Journal Dienstag, 11. August 2020 – Urlaub in Bremen: Kunsthalle

Mittwoch, 12. August 2020

Gestern war Kunst. Nach Ausschlafen (schrieb ich vorgestern, dass ich Klimaanlagen beim Schlafen meide? Ach papperlapapp…), Bloggen und gutem Morgenkaffee im Restaurant des Hotels spazierten wir durch die bereits vormittags sengende Hochsommersonne zur Bremer Kunsthalle.

Im Erdgeschoß war ein Raum für die Ausstellung von Skulpturen aus 400 Jahren genutzt, die den Menschen darstellten, nach Größe sortiert (leider finde ich auf der Website nichts dazu, kann also Details nicht nachschlagen – hier zumindest ein Bericht des Weserkuriers).

Diese Zusammenstellung brachte mich zum Nachdenken über die Rolle des Kuratierens. Denn: Das Wesen von Skulptur besteht für mich in der Dreidimensionalität, was für mich einschließt, dass ich das Kunstwerk von allen Seiten betrachten kann. Doch das Podest, auf dem diese Skulpturenzusammenstellung ausgestellt wurde, durfte nicht betreten werden. Im Grunde waren sie zu einer Gesamtskulptur verarbeitet, die ich nur gesamt von allen Seiten betrachten konnte. Zusammen mit der stark interpretierenden Beschreibung an der Wand des Saales drängte sich mir der Eindruck auf, dass der Kurator oder die Kuratorin hier selbst Kunst machen wollten statt sich in den Dienst der Kunstwerke zu stellen. Ich weiß noch nicht, wie ich das finde.

Die Idee des Remix, unter der der gesamte Bestand der Kunsthalle einmal umgekrempelt und dann neu ausgestellt wurde, gefiel mir allerdings ausgesprochen gut. Die Einordnung der Kustwerke, die thematischen Zusammenstellungen und die Reflexionen über frühere Ausstellungskonventionen ware angenehm zeitgemäß. Für meinen Geschmack hätten die Erläuterungen der einzelnen Werke weniger interpretierend, sondern mehr beschreibend sein dürfen, aber das liegt wahrscheinlich an meiner Verwurzelung in der Literaturwissenschaft, die dem Apekt „was der Künstler damit sagen wollte“ eine stark untergeordnete Rolle beimisst.

Ein Beispiel: Für mich als Betrachterin war an diesem Kunstwerk oben relevant, dass ich mich darin spiegelte und dass die spiegelnde Oberfläche das Werk durch einen Lichtreflex auf dem Boden davor fortsetzte. Ob die Künstlerin (leider finde ich das Werk nicht im Online-Katalog) das beabsichtig hat, ist mir unwichtig.

Es gab wirklich ein Menge zu sehen. Nach drei Stunden war ich nicht mehr aufnahmefähig und befasste mich in den verbleibenden Räumen nur noch mit einzelnen Werken.

Wir traten hinaus in die Hitze und spazierten sehr langsam in heißem Wind durch den Wall hinüber zur Mühle.

Dort gab es viel Wasser und die erste Mahlzeit des Tages (halb drei ist für Nicht-Arbeitstage ja normal bei mir). Es gab Bruschetta für den Herrn, ich hatte Matjes nach Hausfrauen Art.

Rückweg mit Abstechern im Hachez-Laden und im Bremer Teekontor (jajaja, die Produkte bekäme ich auch in München, ABER), Abkühlen im wohltemperierten Hotelzimmer mit Internetlesen. Auch wenn die Glocken des Doms ausgesprochen häufig läuten: Ich habe selten so wohlklingende Glocken gehört.

Fürs Abendessen folgten wir der Empfehlung einer ehemaligen Bremen-Studentin ins Viertel und aßen im Kleinen Lokal.

Es gab (von links unten gegen Uhrzeigersinn) Saibling mit Erbsenvariationen, Kabeljau mit Blumenkohl, Spargel, Sommertrüffel und Hummerschaum, gerösteten Pulpo mit Spinatcoulis, Bohnenkernen und eingelegtem Fenchel.

Links der Hauptgang: Lammrücken und hausgemachtes Knipp (aus Lamm, eine Art Grützwurst und die lokale Spezialität) mit Bärlauch, Safrangraupen, Kichererbsen und Artischocke. Statt Dessert nahmen wir Käse. Mit Wein ließen wir uns glasweise begleiten und waren ebenso zufrieden wie mit den Speisen.

Spaziergang zurück im Abendlicht.
Nachtrag, weil für die Chronik relevant: Vom Außenbereich des Restaurants aus hörten und sahen wir zwei Mauersegler – fast zwei Wochen nach den letzten in München.

§

Die gestrige Süddeutsche schilderte auf der Seite Drei den Fall von Roberto Rocca, einem kerngesunden 29-jährigen, der COVID-19 überlebte – und jetzt einen Rollator zur Fortbewegung benötigt (€):
„Ich doch nicht“.

Clemens Wendtner, Chefarzt der Infektiologie, sagt: „Er hat wirklich die ganze Palette der Intensivmedizin bekommen. Ohne Intensivstation wäre das nicht so gut ausgegangen.“

Alexandra Vossenkaul, Co-Chefin der Intensivstation, sagt: „Da hat man oft dagestanden und gedacht: Mein Gott, der ist sechs Jahre jünger als ich.“

Clemens Cohen, Nephrologe, sagt: „Wir kennen viele verschiedene Krankheiten, die vogelwilde Sachen machen. Wo Sie denken: Ulkig, was die Natur da alles anstellt. Bis jetzt war es aber so: Bei all diesen Krankheiten konnten Sie an den Computer gehen oder in einem Buch nachschlagen und sich einlesen. Aber hier, bei Covid-19, gab es einfach nichts.“

(…)

Dass er keine Luft bekam, ist das Letzte, woran er sich erinnert. Das war am 26. März. Das Nächste, woran er sich erinnert, ist, dass er aufwachte, den ganzen Körper voller Schläuche, Kabel und Kanülen, und vor ihm stand eine Ärztin, die sagte: Herr Rocca, heute ist der 4. Mai.

Journal Montag, 10. August 2020 – Urlaub in Bremen: Schnoor, Viertel, Geschichten und Schlachte

Dienstag, 11. August 2020

Gemischte Nacht: Einerseits wollte ich gerne die Nachtkühle nutzen, andererseits weckten mich bei offenem Fenster die Glocken des Doms, die eisern jede Viertelstunde schlugen. (An sich bin ich gegen Klimaanlagen immun, aber nachts scheue ich sie.)

Aufgewacht zu Hochsommersonnenschein.

Frühstückskaffee gab’s bei der amerikanischen Kette, dann spazierten wir ins mittelalterliche Stadtviertel Schnoor, in dem die Geschäfte gerade öffneten und wo wir noch wenigen Besucherinnen und Besuchern begegneten.

Hinein gingen wir in die Bonbon-Manufaktur und hatten viel Spaß dort.

Gleich angrenzend an den Schnoor: Ein Ensemble, das mich verdächtig an den unvergleichlichen Postmoderismus des CongressCentrums erinnert – gleicher Architekt?

In immer heißerer Sonne spazierten wir vorbei an der Kunsthalle in den Ortsteil Viertel: Hier hatte ich zweimal beruflich übernachtet und beim feierabendlichen Spazieren einige Läden entdeckt, in denen ich gerne eingekauft hätte, ich war halt nie zu Öffnungszeiten da. Das wollte ich jetzt nachholen.

Und wurde enttäuscht: Der Laden mit handwerklichem Geschirr und mit Holzwaren ist über den Sommer ein Obstverkauf, andere Geschäfte gab es nicht mehr oder sie machten gerade Sommerferien. Wir beschränkten uns also darauf, den Ostertorsteinweg / Vor dem Steintor entlangzuspazieren, hin und wieder in eine der entzückenden grünen Seitenstraßen.

Ein wunderbar buntes Viertel, überraschend groß, geprägt von unkonventionellen Menschen, politischem Bewusstsein und Aktivismus, von Zuwanderung, von Offenheit gegenüber vielen Kulturen – bemerkenswerter Weise noch nicht weg-gentrifiziert. Auch die Menschen, denen wir begegneten, waren sehr verschieden.

Zum Essen ließen wir uns an einem Tisch vor einem veganen Lokal nieder und aßen gemischte mediterrane Vorspeisen – sehr gut.

Die anschließende Stadtführung des Touristikbüros führte uns zwei Stunden zwar nicht an neue Orte, doch erfuhren wir eine Menge über die Gebäude und Gegenden, die wir seit gestern selbst schon in der Innenstadt gesehen hatten. Sie strengte mich allerdings ziemlich an: Zum einen prügelte die Sonne sehr heiß herunter, und die Stadt bot wenig Schatten, zum anderen ging ich gestern besonders schlecht.
(Weil auch diesmal der Satz fiel, Kolumbus habe Amerika „entdeckt“: Wie drückt man das eigentlich sachlich richtig aus? „Kolumbus hat Amerika für Europa erschlossen“? Wobei ja bis heute unklar ist, ob Kolumbus überhaupt verstanden hat, dass er an einen Kontinent geraten war, den weder Europa noch Asien auf ihren Karten hatten.)

Danach brauchte Herr Kaltmamsell einen Eisbecher. Man ist ja auch Partnerin, also begleitete ich ihn selbstlos.

(Foto hauptsächlich weil ich dieses neue Hemd an Herrn Kaltmamsell sehr begrüße.)

Im gut gekühlten Hotelzimmer verbrachten wir die nächsten Stunden lesend. Als es auf 20 Uhr zuging, konnte ich erstaunlicherweise bereits wieder an Essen denken. Urlaub gleicht darin Familienfeiern: Gutes Essen setzt nicht unbedingt Hunger voraus. Wir gingen also zu einem empfohlenen edlen Italiener in der Nähe und lernten den Bezirk Schlachte kennen.

Es gab gegrillte Calamaretti zur Vorspeise, dann Tortelloni mit Fleischfüllung für Herrn Kaltmamsell, Ravioloni gefüllt mit Fasan und in Salbeibutter für mich. Dazu empfahl der freundliche Kellner einen Vermentino di Sardegna. Wir hatten an allem viel Freude und genossen das Sitzen in mildem Abendhauch, während der Tag zu Nacht wurde.

Verdauungsspaziergang über die Teerhofbrücke.

§

Ungesunde Schönheitsideale:
„Das ist wie eine Geschlechtskrankheit im Kopf“

Mütter kritisieren ein Leben lang die Körper ihrer Töchter. Das ist übergriffig und vergiftet deren Liebesbeziehungen, sagt die Psychotherapeutin Irmgard Hülsemann.

Journal Samstag, 8. August 2020 – Urlaub in Oldenburg: Ausflug nach Groningen

Sonntag, 9. August 2020

Unsere Gastgeberinnen hatten einen Ausflug in die Niederlande mit uns geplant, genauer: nach Groningen, wo eine der beiden studiert und gewohnt hat.

So gab es lediglich einen kurzen Morgenkaffee, dann brachen wir im Haus-eigenen Kleinauto Richtung Niederlande auf. Schon vor zehn war es ziemlich heiß.

Viele Vogelsichtungen auf der anderthalbstündigen Fahrt: Reiher, viele Greifvögel, Krähen, Elstern. In Groningen stellten wir das Auto ab und spazierten zu einem Fahrradverleih, bei dem die Gastgeberinnen Fahrräder reserviert hatten.

Eine ganz entzückende Stadt, wie ich im Verlauf des Tages feststellte. In einer der Altstadtgassen gab es Frühstück.

Mit den Rädern fuhren wir hinaus aufs Land. Der Fahrtwind des langsamen Radelns war hochwillkommen: Die Sonne brannte, es war sehr heiß (kenne ich ja von den Niederlanden – „Und, Obelix, wie sind die Niederlande so?“ „Heiß.“). Aber halt auch sehr, sehr schön von diesen Fahrradwegen aus: Kühe, Kanäle, Wiesen, Windmühlen, Alleen, Dörfchen, Schwalben, Reiher, Schwäne, Blesshühner. Dazu Erklärungen hiesiger landwirtschaftlicher Strukturen.

In dieser Mühle wurde sogar gerade gemahlen, es gab Mehle und Brotmischungen in einem kleinen Laden innen.

Wir nutzten immer wieder Schatten für Wasserpausen, dennoch kamen wir nach der guten Stunde Rundweg ziemlich zerflossen zurück in die Stadt. Die ortskundige Gastgeberin zeigte uns prächtige alte Universitätsgebäude inklusive eigene Geschichte dazu, wir sahen nach einigen Stellen, die sich seit ihrer Studienzeit verändert hatten.

Erholungsbierchen in einem kühlen Traditionsgasthaus, dann nutzten wir den samstäglichen Markt für Abendessenseinkäufe: Es sollte Fisch geben, die Wahl fiel auf kleine Seezungen.

Nun aber das niederländisch-kulinarische Highlight vor Ort:

Bitterballen, die frittierten Ragout-Kroketten, die ich ebenfalls im Vorjahr kennen- und schätzengelernt hatte. Mit Bierchen.

Zurück in Oldenburg ein weiterer geselliger Abend. Die Seezungen kamen in die Pfanne und wurden ein köstliches Abendessen. Unter anderem.

Viele Informationen darüber, wohin sich universitäre Strukturen seit meiner Studienzeit verändert haben – und wie in den vergangenen Monaten mit den Folgen der Pandemie umgegangen wurde.

Der Himmel hatte inzwischen zugezogen, es kühlte leicht ab.


Durch die weitere Nutzung der Seite stimmst du der Verwendung von Cookies zu. Weitere Informationen

Die Cookie-Einstellungen auf dieser Website sind auf "Cookies zulassen" eingestellt, um das beste Surferlebnis zu ermöglichen. Wenn du diese Website ohne Änderung der Cookie-Einstellungen verwendest oder auf "Akzeptieren" klickst, erklärst du sich damit einverstanden.

Schließen