Essen & Trinken

Journal Dienstag, 7. Mai 2024 – Nele Pollatschek, Dear Oxbridge: Liebesbrief an England

Mittwoch, 8. Mai 2024

Nachtschlaf in Etappen, nach halb fünf schlief ich nicht mehr richtig ein.

Draußen hatte sich die Trübe des Vorabends gehalten, es war kühl.

Begrünter Platz, im Vordergrund ein Haufen ausgerissener Pflanzen, im Hintergrund ein Reiterdenkmal

Schichtwechsel in den Blumenrabatten des Kaiser-Ludwig-Platzes.

Wieder ein sehr emsiger Vormittag. Doch auch im Trüben zog es mich mittags hinaus auf einen Cappuccino im Westend. Große Freude: Mauersegler am Himmel auch hier.

Das Mittagessen wurde wegen Querschläger wieder spät:

Selbst gefärbtes Osterei von der griechisch-orthodoxen Kollegin, eingeweichtes Muesli mit Joghurt.

Arbeitsreicher Nachmittag, der Feierabend wegen eines kurzfristigen Anliegens wieder später. Aber langsam halte ich es für möglich, dass mein System sich in absehbarer Zeit an die neuen Büroumstände gewöhnt und ich nicht mehr 24/7 an die Arbeit denken muss.

Der Tag war düster und kühl geblieben, ich mochte meinen Fußmarsch nach Hause dennoch. Beim Vollcorner holte ich die Einkäufe vom Montag nach.

Daheim eine Einheit Pilates “Move with Nicole” für Anfänger, nochmal die erste Folge, die mir dieses Mal einfacher fiel und richtig gut tat.

Brotzeitvorbereitung, als Nachtmahl servierte Herr Kaltmamsell gefüllte Kartoffeltaschen (Kombination aus mehreren Rezepten, Füllung aus Salsicce und Frühlingszwiebeln) mit Sauerrahm.

Eine flache Kartoffeltasche, aufgeschnitten, auf Glasteller

Schmeckte sehr gut. Nachtisch Schokolade.

Sehr früh ins Bett zum Lesen, ich war gespannt auf meine nächste Lektüre (die Vormerkung in der Stadtbibliothek war wieder punktgenau eingetroffen): Didier Eribon, Sonja Finck (Übers.), Eine Arbeiterin.

§

Bereits Montagabend hatte ich Nele Pollatschek, Dear Oxbridge: Liebesbrief an England ausgelesen. Das Sachbuch erschien 2020, und Nele Pollatschek berichtet darin von ihrer eigenen Studienzeit in Oxford und Cambridge, wie sie sich da hingekämpft hat, und was sie daraus über Großbritannien lernte. Das fand ich spannend, interessant und gut geschrieben, und selbst wenn ich einigen ihrer Argumente nicht folge (zum Beispiel ihrer Begründung, warum sie immer im männlichen Genus von sich schreibt, Schriftsteller, Student – das hatte sie auch mal in einem SZ-Artikel erläutert), mochte ich sie gerne lesen. Die britische Art der Gedankendarlegung und Argumentation ist sehr wahrscheinlich ohnehin, warum ich Pollatscheks Texte immer schon gern las. Wie sie das System Oxbridge als Schlüssel für die Analyse der britischen Gesellschaft verwendet und daraus die Schwierigkeit ableitet, die inhärente Ungerechtigkeit zu bekämpfen, fand ich nachvollziehbar.

Und viele ihrer Studienerlebnisse hatte ich auch gehabt, wenn auch an der im Vergleich unendlich popligeren Swansea University in Wales: Zum Beispiel set text courses, die aus einer Hand voll Studierender plus Dozent bestanden und für die wir jede Woche einen Roman lasen – der im Kurs 18th-century British novels auch mal über 1000 Seiten haben konnte (siehe Camilla von Fanny Burney). DAS FAND ICH SO SUPER! Endlich wurde in Literaturwissenschaft auch mal so richtig gelesen, deshalb studierte ich das doch, um endlich hemmungslos und ohne Entschuldigung lesen zu können! Vorher in Augsburg waren in Seminaren drei übersichtliche Romane pro Semester das Höchstmaß gewesen. Allerdings musste ich, anders als Pollatschek in Cambridge, nicht über jeden dieser Romane pro Woche zusätzlich einen Aufsatz schreiben. Das hätte meinen Spaß möglicherweise getrübt.

Worüber ich stolperte: Pollatschek berichtet, Studiengebühren seien in Großbritannien erst 1998 eingeführt worden. Das bestätigt die Website studying-in-uk.org. Mich überraschte das, denn schon meine einheimischen Kommilitoninnen in Swansea (working class) hatten 1991/92 Kredite für ihr Studium aufgenommen, erzählten von regelmäßigen Terminen mit ihrem Bankberater, schlossen ihr Studium mit einem Berg Schulden ab – ich war deshalb immer von Studiengebühren ausgegangen, doch offensichtlich hatten sie schlicht für ihren Lebensunterhalt während des Studiums Kredite aufgenommen, die sie mit ihrem späteren Gehalt abstotterten.

§

Gabriel Yoran erzählt bei Krautreporter:
“Wie ich versuchte, mich vom Konsum freizukaufen”.

Waschmaschinen aus den 1970ern funktionieren klaglos 30 Jahre lang, bei den Nachfolgegeräten aber gibt nach zehn Jahren die Pumpe auf. Die neuen Maschinen sind leiser und sehen eher nach Unterhaltungselektronik als nach Militärtechnik aus, vor allem aber verbrauchen sie viel weniger Strom und Wasser, was für ihre Nachhaltigkeitsbilanz spricht. Dafür gehen sie oft früher kaputt. Das ergab eine Langzeitstudie des Umweltbundesamtes. Der Anteil der untersuchten Elektrogeräte, die schon in den ersten fünf Jahren kaputtgehen, hat sich zwischen den Jahren 2004 und 2012 mehr als verdoppelt (von 3,5 auf 8,3 Prozent). Und während viele Geräte in der Benutzung immer sparsamer werden, sieht die Studie praktisch keine Fortschritte bei der trivialsten Nachhaltigkeitsmaßnahme: der schieren Lebensdauer eines Produkts. Die nimmt nämlich nicht zu.

Wir erleben eine merkwürdige Scheinnachhaltigkeit.

Den Begriff werde ich mir merken.

Journal Sonntag, 5. Mai 2024 – #WMDEDGT

Montag, 6. Mai 2024

An jedem 5. des Monats fragt Frau Brüllen: “Was machst Du eigentlich den ganzen Tag?” und sammelt die Antworten unter #WMDEDGT, zum Mai hier.

Das war eine sehr zerhackte Nacht mit viel Aufwachen, vor allem der Unruhe vor meinem Schlafzimmerfenster geschuldet (Abbau der Kulturtage Ludwigvorstadt Isarvorstadt, viel Autoverkehr). Aber ich hielt bis sieben im Bett aus.

Ein zunächst freundlicher Morgen, der sich aber immer weiter verdüsterte: Diesmal stimmte die Wettervorhersage. Ich trug im Wohnzimmer Socken und Strickjacke, ließ die Fenster nach dem morgendlichen Lüften zu.

Für den gestrigen Blogpost musste ich nur noch die Bilder bearbeiten und einstellen – was mich inzwischen noch mehr Zeit kostet, da ich den Ehrgeiz habe, zu jedem Foto einen Alt-Text zu hinterlegen, um die Barriere für Sehbehinderte zu senken. Ich rede mir ein, das sei Hirntraining, da ich für diese Alt-Texte (erscheinen bei entsprechender Browser-Einstellung statt des Fotos und können maschinell vorgelesen werden) möglichst schnell erfassen und formulieren muss, worum es bei dem Bild geht.

Gegen zehn machte ich mir für eine Schwimmrunde im Olympiabad fertig. In angenehmer Luft radelte ich von roter Ampel zu roter Ampel bis zum Olympiabad.

Die Bahnen waren überraschend dicht beschwommen, doch ich kam zu erfreulichen 3.000 Metern – mal wieder als eine der wenigen Unplugged-Schwimmerinnen unter Geräteschwimmer*innen. Unter der Dusche nutzte ich meinen Peeling-Handschuh: Nach dem Schwimmen ist die Haut so schön aufgeweicht, dass ich mir gesteigerte Wirksamkeit einbilde.

Als ich heimradeln wollte, stellte ich fest, dass ich eingesperrt war: Im Olympiapark war eine Laufveranstaltung ausgebrochen, die man mit eisernen Gittern eingegrenzt hatte. Eine Bewacherin vertrieb mich von der menschenleeren Strecke, als ich um Durchfahrt bat, ich musste sie mehrfach fragen, wie ich denn rauskommen könne, bevor sie vage antwortete: “Ganz außen rum.” Doch in alle Richtungen von Olympiabad und Olympiahalle aus stoppte mich früher oder später die abgesperrte Laufstrecke. Richtung U-Bahn war ein (menschenleeres) Stück lediglich mit Plastikband abgesperrt, unter dem schob ich schnell mein Fahrrad durch – eigentlich hätte man das Olympiabad gestern schließen müssen.

Zu meinem (allerdings nur leichten) Ärger darüber setzte auch noch Regen ein, ich wurde mittelfeucht.

Daheim dennoch erstmal zur Nasendusche gegriffen: Nach den letzten Schwimmrunden hatte mich der Chlorschnupfen nachts geplagt, ich hatte jedesmal Nasenspray gebraucht. Vielleicht konnte ich das diesmal durch ordentliches Durchspülen der Nasenschleimhäute verhindern. (Wirkte leider nicht.)

Vor dem Verräumen des Sportsack-Inhalts holte ich Kisten mit Sommerschuhen (zum Wechseln gegen Winterschuhe) und abgelegter Sommerkleidung (zur erbetenen Weitergabe an meine Mutter) aus dem Keller.

Frühstück gegen halb zwei: Selbstgebackenes Brot mit Butter und Honig, eine Orange.

Dann las ich die Wochenend-Zeitung aus, außerdem eine liegendgebliebene Ausgabe der Woche. Wechsel der Schuhe, Aussortieren von Kleidung, ich brachte die Kisten zurück in den Keller.

Ein knappes Stündchen Bügeln vor dem jetzt wieder sonnigen Balkon mit dem SWR4-Interview:
“Vincent Klink: ‘Ein trauriger Koch kocht nicht gut'”.

Für meinen Geschmack (haha) hätte es ein bissl mehr ums Essen und Kochen gehen dürfen – vielleicht handelt er das erschöpfend in seinen Fernsehsendungen ab, die ich nicht kenne. Doch wie Herr Klink ausführlich erklärte, ist das für ihn halt nicht das Wichtigste beim feinen Essengehen. Schad eigentlich; wenn ich fein Essen gehe, unterhalte ich mich mit dem Service am liebsten übers Essen, das mir serviert wird. Für mich ist das Verhältnis umgekehrt wie für Vincent Klink: Von schönen Räumlichkeiten und aufmerksamem Service gehe ich aus, und jetzt möchte ich was über Geschmack lernen.

Mit Herrn Kaltmamsell holte ich die Balkonpflanzen aus ihrem Winterquartier in der Bibliothek und stellte sie hinaus auf den Balkon.

Balkon mit Blick in Bäume, auf dem Balkon drei große Topfpflanzen

Ich hoffe, sie reagieren dieses Jahr nicht wieder so angepisst wie im Vorjahr darauf, “Iiiih, frische Luft! Echte Sonne! UND WIND!”, und machen sich nicht gleich wieder ans dramatische Sterben mit gelben Blättern und Wasserverweigerung. Ich setzte mich ein wenig zu ihnen und wies sie auf das wunderschöne spätnachmittägliche Licht zwischen den Lindenblättern hin.

Plötzlich hatte ich nach Jahren mal wieder Lust auf einen Wasserkakao: Backkakaopulver mit einem Teel. Zucker vermischen, mit etwas Milch glattrühren, mit heißem Wasser aufgießen, nach Belieben süßen. Volle Kanne Schokolade und heiß, ohne resultierendes Völlegfühl.

Lesen von Nele Pollatschek, Dear Oxbridge: Liebesbrief an England auf dem Balkon. Nachdem mir die ersten Kapitel lediglich Bekanntes erzählt hatten, fand ich die nächsten wirklich spannend: Jetzt ging es ganz konkret um Oxbridge und wie man als Deutsche reinkommt (und wie als Brite).

Ich fühlte mich müde und hatte keine Lust auf Gymnastik. Aber ich guckte kurz in mein Arbeits-E-Mail-Postfach, weil ich auf einige Informationen wartete und der Montag sehr früh mit einem Termin beginnt.

Aufsicht auf Esstisch, darauf links eine Pfanne mit Gemüse, rechts ein Topf mit Reis

Herr Kaltmamsell servierte als Nachtmahl ein rotes Thaicurry aus Ernteanteil-Karotten, -Pakchoi, -Koriander mit Reis (tse, schon wieder vegan), sehr gut. Nachtisch Schokolade.

Früh ins Bett zum Lesen.

Journal Samstag, 4. Mai 2024 – Von Starnberg über Andechs nach Herrsching in unerwarteter Sonne

Sonntag, 5. Mai 2024

Mittelgute Nacht, denn ich wachte immer wieder von Hackebeil-in-der-linken-Gesichtshälfte-Schmerzen auf.

Herr Kaltmamsell schenkte mir den Großteil des gestrigen Tags für eine Wanderung. Darum hatte ich ihn schon vor Wochen gebeten, doch er machte mir wenig Hoffnung: Zu viel Arbeit, außerdem laboriert er immer noch wie seit Monaten an einer Kalkferse, die ihm das Tragen geschlossener Schuhe schmerzhaft macht. Umso mehr freute mich, dass er am Donnerstag ankündigte, er wolle eine Wanderung versuchen. Da hatte ich schon für mich allein die Strecke von Starnberg nach Andechs und Herrsching rausgesucht, von der ich auf meinem Regenabenteuer durch die Maisinger Schlucht erfahren hatte.

Und dann war das Wetter auch noch wunderbar sonnig und warm – wo doch eigentlich bedeckter Himmel und mittelkühle Temperaturen angekündigt waren.

Herr Kaltmamell machte ein wenig Druck, damit wir schon einen Zug um zehn nach Starnberg erwischten.

Draußen Cafétischchen im Sonnenschein, daraud Cappuccinotassen, im Hintergrund ein See mit Passagierschiff

Bei Ankunft gab es erstmal Cappuccino am italienischen Standl am See.

Unter einem Nebentischchen sitzt ein Spatz

Mit Spatzenbegleitung!

Links See, rechts in den See ragend ein Fischerhäusel, die Wand mit hellem Graffiti bemalt

Und dann durch Starnberg in die Maisinger Schlucht und an den Maisinger See. Herr Kaltmamsell zitierte Gedichtfragmente, und ich stellte die These auf: So wie es heute Menschen gibt, die die Welt nur durch den Bildschirm ihres Smartphones wahrnehmen, gab es früher(TM) welche, die die Schönheit der Natur und der Jahrezeiten nur durchs Gedichtelesen wahrnahmen und selbst gar nicht rausgingen und hinsahen.

Sonnige Landschaft mit hellgrüner Wiese, hell ergrünten Bäumen, knallbaluem Himmel mit weißen Haufenwolken

Rechts seichter Bach, links Wiese und Weg, umgeben von ergrünten Bäumen

See, in den einige Stufen mit Holzgeländer führen und in dem sich blauer Himmel mit weißen Wolken spiegelt

Vom Maisinger See bogen wir diesmal nicht wie sonst Richtung Pöcking ab, sondern gingen weiter nach Andechs.

Weite Landschaft mit Wiese im Vordergrund und dunstige Alpenkette im Hintergrund, darüber weiß-blauer Himmel

Runder Verkehrsspiegel vor blauem Himmel, in dem sich zwei Wanderer fotografieren

Durch Aschering.

Siedlung in der Sonne hinter Bäumen und einer Wiese

Hinter Rothenfeld (Ableger der JVA Landsberg am Lech) machten wir nach gut zweieinhalb Stunden Pause und Brotzeit.

In der Sonne zwischen zwei Bäumen eine Bank, darauf sitzt ein Wanderer

Es gab Apfel und Käsebrot (aufgetautes selbst gebackenes mit Manchego). In dieser Gegend waren die Bäume und Büsche noch nicht so weit wie in München, ich bekam reichlich Fliederduft – so wie überhaupt herrliche Frühlingsdüfte, Farben (grüner wird’s nicht!) und Anblicke. Die Vogelwelt legte sich ebenfalls ins Zeug: Wir sahen einen Graureiher, Falken, Bussarde, unter anderem. Und viele Hühner: Hinter Maising und vor Andechs passierten wir Wiesen, auf denen fahrbare Hühnerhütten standen, umgeben von Hühner…herden.

Nach Andechs kamen wir aus einem ganz anderen Winkel als gewohnt – aber eigentlich der korrekten Richtung, nämlich entlang dem Pilgerweg mit Kreuzwegkapellen.

Schattiger Wanderweg durch Laubwald

Sonnige Wiese, weit im Hintergrund eine Klosteranlage mit Zwiebelturm

Derselbe Anblick näher, jetzt mit links einem gemauerten Kreuzweghäuschen

Jetzt am Himmel: Reichlich Segelflugzeuge.

Die barocke Klosterkirche im Sonnenschein von außen

Die Aufnahme der Andechser Wallfahrtskirche hat die Perspektive so brutal verzerrt, dass ich sie nicht mehr wegkorrigiert kriege – und sie gleich lasse.

Blick auf einen Aussichtspunkt mit Menschen und einem riesigen christlichen Kreuz, im Hintergrund sonnige Landschaft mit Alpenkette

Nähere Aufnahme dieses Aussichtspunkts, im Mittelpunkt eine Frau mit Fahrradhelm von hinten, die gerade mit ihrem Handy die Aussicht fotografiert

Diesmal gingen wir durch die Kienbachschlucht runter nach Herrsching – und waren pünktlich zur Abfahrt der S-Bahn am Bahnhof.

Blaues Holzhäuschen mit einer Verkaufsluke unter einem blühenden Apfelbaum im Sonnenschein, drumrum Menschen

Nachtrag: Nahezu unerträglich idyllischer Kiosk in Herrsching.

Sonnenbeschienener Hügel mit Bäumen, oben lugt ein Zwiebelturm in den blauen Himmel, unten steht eine Mariensäule

Weiterer Nachtrag: Herrsching.

Das waren etwa 16 Kilometer in knapp fünf Stunden gewesen mit einer ausführlichen Pause, auch Herr Kaltmamsells Körper hatte ohne große Schwierigkeiten mitgemacht.

Ab dann wurde es zäh, am Wochenende hemmen Baustellen an der Stammstrecke den S-Bahn-Verkehr. Hauptspaß war diesmal das Umsteigen in einen Regionalzug in Pasing. Exakt um die Abfahrtzeit schickte uns eine Durchsage zu einem anderen Bahngleis – großes Rennen vieler Menschen. Eine Minute nach Ankunft dortselbst schickte uns eine weitere Ansage zurück zum ursprünglichen Gleis, an dem der erwartete Zug bereits stand. Allgemeines Fluchen und Keuchen, ich leistete mir Amüsement.

Daheim Zeitunglesen auf dem Balkon, eine Folge Yoga-Gymnastik mit Rundum-Stretch. Vom Nußbaumpark tönte Musik: Derzeit finden die Kulturtage Ludwigvorstadt Isarvorstadt statt, der Nußbaumpark ist der Festplatz.

Zum Nachtmahl kochte Herr Kaltmamsell einen Eintopf aus Schwarzen Bohnen (getrocknet vom Kartoffelkombinat-Partnerbetrieb Biohof Lex), Ernteanteil-Lauch, geräucherten roten Paprika, Mandeln, Ernteanteil-Kartoffeln, den er im Guardian als “leek and beans romesco” gefunden hatte – er schmeckte hervoragend (zufällig vegan). Zum Nachtisch gab es erst Brandy Alexander, dann Schokolade.

Im Bett eine neue Lektüre: Nele Pollatschek, Dear Oxbridge: Liebesbrief an England. Zum Schlafen schloss ich dann lieber das Fenster und sperrte die herrliche Frühlingsluft aus: Nach lauter Musik kam lautes Abbauen vom Nußbaumpark und von der Straße vor meinem Fenster.

Journal Freitag, 3. Mai 2024 – Louise Erdrich, The Night Watchman

Samstag, 4. Mai 2024

Louise Erdrich, The Night Watchman. Wieder erinnerte ich mich nicht, warum ich das Buch auf meine Leseliste gesetzt hatte, vertraute aber meinem früherem Ich – und kam so zu einem bereichernden Lese-Erlebnis.

Der Roman, 2020 veröffentlicht, spielt in den frühen 1950ern in einem Indianer-Reservat in Norddakota. Der titelgebende Nachtwächter Thomas gehört dem Rat der Chippewa an und erfährt vom Entwurf eines neuen “emancipation” bill, das alle Verträge mit Indianer nichtig machen und sie in die Gesellschaft “integrieren” soll – sie also auslöschen. Er versucht mit anderem Stammesmitgliedern, dieses bill zu verhindern. In diesem Rahmen werden Leben, Geschichte und Alltag einiger Stammesmitglieder und Weißer im Reservat erzählt, sprachlich zurückhaltend, mit nahezu neutral erscheinendem Blick und fast unsichtbarer Erzählstimme.

Im Mittelpunkt steht eigentlich Pixie, die Patrice genannt werden möchte: Eine junge, eigenwillige Frau, die in der neu eröffneten Fabrik arbeitet, mit ihrem Einkommen ihre Familie einschließlich alkoholkrankem Vater ernährt. Ihre große Sorge gilt der Schwester, die vor einiger Zeit in die Stadt gezogen ist und von der sie schon lange nichts mehr gehört hat.

Man könnte The Night Watchman als historischen Roman einordnen – aber hier störte mich das nicht, auch weil ich keine Bilder zu dieser Zeit im Kopf hatte. Zudem wurde nicht ein historischer Vorfall erschöpfend erzählt, auch nicht ein historisches Leben: In einem offensichtlich sauber recherchierten historischen Umfeld ist ein historisches Ereignis Anlass für eine Romanhandlung, die mich sehr fesselte.

Zu dieser besonderen Welt, von der ich wenig wusste, gehört auch ein wenig magischer Realismus aus der Kultur dieser Indianer heraus – den ich weder als romantisiert noch esoterisch empfand. Denn ist es wirklich so etwas anderes, ob nachts ein verstorbener Freund vorbei kommt und darauf hinweist, dass ein Kollege klaut – oder ob einem selbst klar wird, dass bestimmte Beobachtungen nur dann Sinn ergeben, wenn ein Kollege klaut? Und sind arme Menschen, die als Familien in Hütten weit voneinander entfernt wohnen, nicht schlicht darauf angewiesen, jede Veränderung in der Natur ihrer Umgebung zu deuten?

Als typische weiße Westlerin bin ich erheblich entspannter mit einer Art von Spiritualität, in der zum Beispiel Tote von Verwandten und Freunden auf ihrem letzten Weg begleitet werden müssen, damit ihre Geister zur Ruhe kommen. In der der Schlaf neben einem winterschlafenden Bären tiefe Ruhe verleiht. In der wiederkehrende Träume von abwesenden lieben Menschen echte Sorge auslösen können – als mit der meisten christlichen Spiritualität, die für mich als Angehörige dieser Kultur und mit meinen Erlebnissen belastet ist.

Was die Welt der Romanhandlung besonders macht, ist innerhalb der Romanhandlung Alltag: Wenn du eine weite Strecke zurücklegen musst, zum Beispiel in die nächste Stadt, und weder Auto noch Führerschein hast, dein Nachbar aber Pferde besitzt, dann reitest du halt in die nächste Stadt, klar.

Und mir wurde klar, dass im Grunde verlangt wurde und wird, dass sich die Indianer (und andere kolonialisierte Menschen z.B. in Australien oder Neuseeland) an das ihnen aufgezwungene politische System anpassen, wenn sie ihre Rechte (und ihre Identität) verteidigen wollen – eigentlich paradox. (Assoziationen mit Frauen, die nur dann eine Rolle in einem komplett männlich geprägten System spielen können, wenn sie sich erstmal dessen Regeln unterwerfen.)

Das Nachwort von Louise Erdrich erklärte ein wenig historischen Hintergrund – der mich dann wirklich erschütterte: Denn jetzt erfuhr ich, dass die Turtle Mountain Chippewa zu den wenigen Stämmen gehörten, die durch ihre sorgfältige politische Einflussnahme der termination entkamen:

In all, 113 tribal nations suffered the disaster of termination; 1.4 million acres of tribal land was lost. Wealth flowed to private corporations, while many people in terminated tribes died early, in poverty. Not one tribe profited. By the end, 78 tribal nations (…) regained federal recognition; 10 gained state but not federal recognition; 31 tribes are landless; 24 are considered extict.

Mehrere Dutzend andere Stämme wurden also durch genau diesen bill ausgelöscht – ein weiteres historisches Unrecht, von dem ich keine Ahnung hatte.

§

Zum Tage:

Ich wachte früh auf, aber nicht viel unruhiger als sonst.

Draußen war es trübe. Auf dem Weg in die Arbeit sah ich einen Falken, der gerade auf der Villa Wagner auf der Theresienhöhe landete, aufgeplustert.

Intensiver Vormittag, doch ich konnte ruhigen Gewissens raus auf einen Mittagscappuccino marschieren, genoss die Bewegung.

Mauer an einer Straße mit buntem Grafitti, rechts Altbauten

Breite Fensterbank eines Cafés darauf links eine Tasse mit Cappuccino, rechts ein ausgestrecktes Beim abgelegt in schwarzer Jeanshose und mit rotem Schuh

Später Mittagessen am Schreibtisch: Apfel, außerdem eine unglaublich aromatische Mango (muss eine andere Sorte gewesen sein als sonst, hatte mir bislang völlig unbekannte Geschmacksnoten) mit Sojajoghurt.

Auch der Nachmittag wurde intensiv: Dank neuer IT-Berechtigungen konnte ich mit Schwung in neue (wiederbelebte) Aufgaben einsteigen.

Fast pünktlicher Feierabend, jetzt war es deutlich kälter geworden. Ich legte meinen Heimweg über einen Lidl, in dem ich unseren Süßigkeitenvorrat auffüllen wollte – und die ersten heimischen Erdbeeren sah und kaufte (sie hatten mich deutlich angeduftet).

Zu Hause ein wenig Gymnastik. Ich folgte der Empfehlung von Nichte und Bruder (beide begeisterte und intensive Heimtrainierende) und machte Pilates, nämlich “Move with Nicole”. War anstrengend, gefiel mir gut (außer dass meine Wirbel mittlerweile bei jeder Bauch-Übung krachen und rumpeln), das mit dem Schnaufen bekam ich noch nicht ganz hin. Allerdings hatte mich niemand auf den australischen Akzent vorbereitet (ich finde super, dass man den auch mal hört! kommt in Hollywoodfilmen/-serien ja nicht so oft vor). Und Menschen mit Gummigelenken finde ich immer ein bisschen gruslig.

Fürs Nachtmahl hatte Herr Kaltmamsell ein Blaukraut-Risotto aus der Gefriere aufgetaut, ich machte den restlichen Ernteanteil-Salat mit Tahini-Dressing an und schnippelte Erdbeeren zum Nachtisch. Wir stießen mit einem spanischen Rotwein Dehesa la Granja aufs Wochenende an.

Wir lernten: Einfrieren tut einem Risotto nicht wirklich gut, beim Wiederauftauen wird Reisbrei daraus. Durchaus schmackhafter Reisbrei. Die Erdbeeren zum Nachtisch bekamen ein wenig flüssige Sahne dran, schmeckten gut. Dann noch ein wenig Schokolade.

Ich ging früh ins Bett zum Lesen, las Zoë Beck, Memoria aus – in meinen Augen das bisher schwächste Buch von ihr.

Journal Mittwoch, 1. Mai 2024 – Diesig, sommerlich, feiertäglich

Donnerstag, 2. Mai 2024

Eine gute Nacht, die für meinen Geschmack allerdings zu früh endete. Auch für den ersten Balkonkaffee, es war noch viel zu kalt. Nun, ich hielt mir das “Mehr vom Tag” vor Augen.

Für den Morgen war ich mit meinem Bruder zum Telefonieren verabredet, ich hatte schon viel zu lange nichts mehr aus seinem Leben mitbekommen. Das war dann ein schönes, ausführliches Telefonat.

Draußen hatte es wie angekündigt sehr schönes Wetter mit Sonnenschein und Wärme, allerdings sorgte wieder Saharasand für einen diesigen Schleier. Als ich zu meinem Isarlauf startete, war es bereits später Vormittag, ich wählte die Strecke direkt von der Haustür aus über Alten Südfriedhof Richtung Wittelsbacherbrücke und Thalkirchen. Ich lief beschwerdefrei, nur das letzte Drittel fühlte sich anstrengend an.

Allerdings war sehr viel los, klar bei diesem Wetter am Maifeiertag. Ich lief also in Schwaden von Grillanzündern und immer wieder Slalom durch Radln, Hunde, sommerlich gekleidete Menschen.

Alter Friedhof mit großen Bäumen, rechts eine kleinere Kirche, davor ist der Weg mit Brettern verschalt

Hinter St. Stephan wird gebaut, aber laut Infotafel nur bis Juli.

Das Grab von Carl Spitzweg, allerdings ein Ersatzstein, wie ich aus einer Friedhofsführung weiß, der originale verschwand in den Wirren der Zerstörung durch Bombenangriffe im Oktober 1943.

Flaucher.

Unter der Brudermühlbrücke entdeckte ich neue Street Art.

Buntes Graffiti auf einem breiten Brückenpfeiler

Buntes Graffiti auf einem breiten Brückenpfeiler

Silbernes Graffiti auf einem Brückenpfeiler

Grafitti in Weiß und Schwarz auf einem Brückenpfeiler

Blick auf einen Fluss, rechts badende Menschen, am Horizont eine Kirche

An vielen Stellen wurde in der Isar gebadet.

Zweischen grünen Bäumen Bierbänke, an denen Menschen sitzen, rechts ein rosafarbener Maibaum

Auf dem Weg zum Semmelholen im Glockenbachviertel schallte mir Blasmusik entgegen: Der Karl-Heinrich-Ulrichs Platz bekam gestern einen neuen schwulen Maibaum, das Rosa Stangerl.

Frühstück um halb zwei: Kürbissemmel, Grapefruit mit Joghurt. Obwohl ich extra nicht so viel gegessen hatte, wurde ich sehr müde – verkniff mir aber die Siesta, weil ich den Nachtschlaf auf den aufregenden Donnerstag nicht gefährden wollte.

Zeitunglesen auf dem Balkon, auf Linde und Ahorn davor eine sehr krähfreudige Krähe. Immer wieder fuhr eine Brise in die Baumkronen. Sie raschelten schon viel routinierter, vor zwei Wochen waren die Lindenblätter gerade erst jung und hell ausgeklappt, ihr Rascheln war noch eine sanfte, weiche Übung.

Neues Buch angefangen: Zoë Beck, Memoria. (The Night Watchman hat mir sehr gut gefallen, ich werde noch ausführlicher darüber schreiben.)

Fürs Abendessen war ich zuständig. Ich hatte mich an einen italienischen Braten erinnert, den ich in der ersten Zeit des Zusammenlebens mit Herrn Kaltmamsell mindestens zwei Mal gemacht hatte.

Mitte der 1990er hatte ich dieses Kochbuch, Das große Buch der italienischen Küche, bei einem meiner damaligen regelmäßigen Fischzüge durch reduzierte Bücher günstig erstanden. Ich fand die Rezepte interessant, glaubwürdig und gut geschildert, kochte viel aus diesem Buch (bevor es durch den GU-Meilenstein Die echte italienische Küche abgelöst wurde). Ein besonders abgefahrenes Rezept war Farsumagru, eine riesige Rinderroulade, die mit gewürztem Rinderhack, Käse, Speck und Ei gefüllt wurde. Meine vertraute Metzgereiverkäuferin damals in Augsburg beim Reiter schnitt die Roulade so aus der Oberschale, dass sie dreimal so groß wurde wie sonst.

Großes Rouladenfleisch

Den Dreh hatte die Fachfrau am Dienstag nicht heraus, ich bekam statt dessen zwei doppelt große und legte sie übereinander.

Aufsicht auf klein geschnittenen Speck, Eierscheiben

Riesenroulade in Pfanne, drumrum bratende gehackte Zwiebel

Während der Braten garte, turnte ich sportliche Yoga-Gymnastik.

Großer Glasteller, darauf Scheiben Riesenroulade und Nudeln

Ich war sehr zufrieden mit dem Ergebnis.

Und dann hörte ich auch noch das Schrillen der Mauersegler am Himmel, lief auf den Balkon: Jawoll, sie sind jetzt auch in der Innenstadt.

Früh ins Bett zum Lesen und mich verrückt Machen wegen Donnerstag, Letzteres gar nicht mal so schlimm.

§

Nele Pollatschek nimmt sich in der Süddeutschen die aktuelle Debatte um Schwangerschaftsabbrüche vor – nein, im Grunde nicht nur die aktuelle, sondern die bereits seit Jahrtausenden geführte: “Höchste Zeit also, mal durchzusortierten.”
“Schwere Geburt”.

Besonders interessant finde ich diesen Gedankengang:

Das eigentliche argumentative Problem der §218-Befürworter ist aber ein ganz anderes, das auch im Bericht der Kommission zur reproduktiven Selbstbestimmung deutlich wird. Hier heißt es: “Dem Staat obliegt eine Schutzverpflichtung zugunsten des ungeborenen Lebens, die er letztlich aber nur mithilfe der Schwangeren erfüllen kann.” Die entscheidende Frage ist daher nicht “Was ist (potenzielles) Leben?”, sondern: “Was darf ein Staat einem Bürger antun, um das Leben eines anderen Bürgers zu erhalten?” Hier ist die Antwort, die der Gesetzgeber in allen Fällen außer §218 gibt, erschreckend eindeutig: nichts.

Wo ein Bürger eine Niere zum Überleben braucht und ein anderer Bürger zwei kompatible Nieren besitzt, darf der Staat nicht einfach zugreifen. Wo das Leben eines leukämiekranken Kindes nur durch eine Rückenmarkspende gerettet werden kann, darf der Staat sich nicht gegen den Willen eines kompatiblen Spenders bedienen. Nicht mal einen so minimalinvasiven Eingriff wie eine Blutspende darf der Staat zum Lebensschutz erzwingen. Sogar vor einer posthumen Organspendepflicht schreckt er zurück. So ernst nimmt der Staat das Recht auf körperliche Selbstbestimmung, dass er es seinen Bürgern erlaubt, ihre toten Körper in Erdlöchern verrotten zu lassen, anstatt mit den Organen anderen das Leben zu retten.

§

Schon mal zum Einmerken:
8. Juni, 16 Uhr auf dem Königsplatz Demo gegen Rechtsextremismus.

§

“Autorin über Nachwendekinder: ‘Ich feiere Nie-Wieder-Vereinigung'”.

Die Aufarbeitung der Vereinigung von Ost- und Westdeutschland fängt gerade erst an. Die gesellschaftlichen und persönlichen Spuren sind tief. Zum Beispiel die von Paula ­Fürstenberg, 1987 in Potsdam geboren.

Meine Urerfahrung von Welt ist: wirklich überall Baustelle. Niemand weiß, wo es langgeht. Diese Straße heißt morgen anders, die Leute haben morgen einen anderen Beruf.

(Ich erinnere mich an eine Mitpatientin der Reha in Bad Steben aus Erfurt, die erzählte, mit welch wackligem Lehrplan und Material ihre Kinder in der Grundschule unterrichtet wurden: Die alten gingen ja wohl nicht mehr, neue waren aber noch nicht beschlossen.)

Journal Dienstag, 30. April 2024 – Metzgerei-Test und Casablanca

Mittwoch, 1. Mai 2024

Die letzten Stunden der Nacht leider unruhig und mit Kopfweh, wo ich doch so wohlig mit den Frühlingsnachtdüften aus dem offenen Fenster eingeschlafen war.

Schon auf dem Weg in die Arbeit war es mild; ich bereute die Jacke, da ich wusste, dass ich sie nach Feierabend würde heimschleppen müsssen.

Die Kastanien im Bavariapark in Blütenpracht.

Ausgesprochen emsiger Vormittag, für meinen Mittagscappuccino huschte ich nur zu Nachbars.

Die Mittagspause nutzte ich, um einer Metzger-Empfehlung nachzugehen, nachdem unser Metzger Schlagbauer in Wohnungsnähe aufgegeben hat. Diese Metzgerei liegt drei U-Bahn-Stationen von der Arbeit entfernt, dort gleich beim Ausgang, ist also gut erreichbar für eine Nutzung alle paar Wochen. Auch diese hat sich vor allem auf das Angebot von fertigen Speisen verlegt, daran stand eine lange Schlange. Doch die Auswahl der Fleischtheke sah ernsthaft aus, ich bekam meine extragroß geschnittene Rindsroulade für den geplanten Farsumagru am Mittwoch. (Nennung mit Empfehlung erst nach mehr Tests.) Allerdings ist die Mittagspausenzeit überreizt, wenn es sowohl hin als auch zurück U-Bahn-Probleme gibt und ich je eine Viertelstunde warten muss, sieht künftig eher nach Feierabendeinkauf aus.

Spätes Mittagessen am Schreibtisch: Mango mit Sojajoghurt und eingeweichten Haferflocken.

Der Nachmittag wurde zackig, ich versuchte, so viel wie möglich für die große Veränderung (meiner Rahmenbedingungen, ich bleibe, wo ich bin) am Donnerstag vorzubereiten, was unter anderem zu einer beachtlichen Zahl auf meinem Schrittzähler führte.

Auf dem Heimweg (ich ließ die Jacke einfach im Büro) noch ausführliche Einkäufe im Vollcorner.

Zu Hause eine Dehn-Runde Yoga-Gymnastik, dann öffnete ich einen Feierabendwein: Meinen ersten georgischen Amphorenwein, Koncho & Co Rkatsiteli Qvevri.

Maischevergoren, doch offensichtlich gefiltert, bernsteinfarben und dennoch trocken, auf jeden Fall ein neuer Weingeschmack mit seiner Sherrynote. Gefiel mir gut, doch mir fällt erst mal keine Speise dazu ein (luftgetrockneter Schinken?).

Als Nachtmahl machte Herr Kaltmamsell aus den restlichen Ernteanteil-Kartoffeln seine ersten Gnocchi (den Rest fror er ein).

Auf der Rbeitsfläche einer Küchenzeile rohe Gnocchi auf Plastikbrettern

Gedeckter Esstisch, im Vordergrund ein weißer Teller mit Gnocchi in Tomatensauce, im Hintergrund Topf und Weinglas

Sie waren ganz hervorragend gelungen, samtig und leicht, kein Vergleich zu dem pomfigen Klopsen aus dem Supermarkt.

Für den Nachtisch nutzten wir endlich die seit Wochen kalt gestellten Dessertschälchen aus der Gefriere und gingen zur nächstgelegenen Eisdiele in der Landwehrstraße – um grade mal noch etwas zu bekommen, die Schildchen an den Eissorten waren bereits weggeräumt: Der Eisdieler schloss gestern vorzeitig, um ein Fußballspiel anzusehen.

Selbst hatte ich mir als Abendunterhaltung Casablanca erbeten: Herr Kaltmamsell kennt den Film im Detail sehr gut, weil er ihn bereits mehrfach im Unterricht zur Vermittlung von Filmtechniken verwendet hat, von Drehbuch und Set über Besetzung und Kamera bis Film- und Zeitgeschichte. Ich aber hatte den Film nur einmal im Leben gesehen und kannte eigentlich nur die kanonischen bis ikonischen Bilder, Szenen, Dialogausschnitte.

Ich genoss ihn bei diesem zweiten Mal sehr, ein einmaliges Meisterwerk – mag die Meisterschaft auch zahllosen Zufällen geschuldet sein (zu den vielen Fans des Films gehört Steven Spielberg, hier erzählt er ein wenig, warum). Allein all die Kriegsflüchtlinge, die hier als Komparsen eingesetzt wurden und deren Vielfalt damit für immer festgehalten wurde!

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“Null Euro Eigenkapital, null Quadratmeter Anbaufläche und null Ahnung vom Gärtnern” – das Kartoffelkombinat wurde gestern 12 Jahre alt und erinnerte sich an seine Anfänge, unter anderem auf instagram (wo inzwischen regelmäßige Einblicke in unsere Gärtnerei gepostet werden, falls Sie mitgucken wollen).

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INTERNET IST TOLL! Ich glaube, ich erwähnte es schon mal. Denn Cordula Schulze hat wirklich gemacht, wovon ich seit Jahrzehnten denke: Man müsste endlich mal, bevor es weg ist. Nämlich Nachkriegsbaulücken mit provisorischer Bebauung festhalten, ich nannte sie immer Bombenlöcherfüller.

Geboren 1967 wurde ich groß mit deutschen Städten, in denen eingeschoßige Flachbauten mitten in viel höheren Häuserzeilen klar signalisierten: Hier stand mal ein Häuserzeilen-hohes Haus, das durch einen Bombenangriff im Zweiten Weltkrieg zerstört wurde, danach zog jemand schnell ein Provisorium hoch.

Cordula Schulze zeigt hier ihre Sammlung:
“Provisorien in Baulücken: ephemere Dauerhaftigkeit”.

Bei dieser Gelegenheit weise ich immer darauf hin: Es wird uns noch leid tun, wenn wir die Bombenlöcherfüller in den Städten, seien sie eingeschoßig oder höher, alle beseitigt haben, nur weil wir sie in einer späteren Phase hässlich fanden. Ihre sofortige Erkennbarkeit belegte ihren unverwechselbaren Stil – der dann nur noch auf Fotos existiert. Oder wie Cordula Schulze es formuliert:

Aus meiner Sicht eignet sie sich besonders dafür, uns die langfristigen Folgen von Kriegszerstörungen vor Augen zu führen.

Journal Montag, 29. April 2024 – Durch Frühlingsdüfte

Dienstag, 30. April 2024

Eine eher unruhige Nacht, aber ich schlief nach Klogang um halb fünf nochmal ein.

Vogelgebrüll ohrenbetäubend, es wurde mit herrlichen Frühlingsdüften hell mit Sonnenanteil. Anhand der Wettervorhersage hatte ich beschlossen, dass dies der perfekte Tag für den zweiten Einsatz meiner Ruby Slippers war, diesmal in der Inkarnation der Wicked Witch of the East.

Frau mit kurzen weißen Haaren vor Spiegel in einem Wohnungsflur. Sie trägt ein schwarzes Kleid, weiß-schwarze Ringelstrümpfe und rote Glitzerschuhe

Das Risiko auf mich fallender Häuser schätzte ich gering ein.

Dichter Arbeitsvormittag voller Besprechungen, darunter auch eine nützliche Schulung, die aber rechtzeitig für meinen Mittagscappuccino durch waren. Jacke brauchte ich jetzt draußen fast nicht mehr.
(Dann gebe ich’s halt zu: Ich mag Reggae. In dem Café nahm ich erst lediglich den typischen Bass wahr und bekam sofort gute Laune. War dann eine reizvolle Mischung aus Raggae und Jazz, die ich noch nie gehört hatte.) (Hahaha, als wenn das bei mir Musik-Ignorantin irgendwas zu sagen hätte.)

Mittagessen spät zurück am Schreibtisch: Apfel, restliche Rote-Bete-Emmernudeln vom Samstagabend.

Arbeitsnachmittag mit Schulungsfortsetzung und Kopfweh-verstärkenden Aufgaben.

In wunderbaren Frühlingsdüften und milder Luft marschierte ich nach Feierabend über die Theresienwiese am Frühlingsfest vorbei und zu einer Reinigung am Goetheplatz (die näher gelegene Reinigung am Sendlinger Tor hat vor zwei Jahren geschlossen): Ich gab meinen Wintermantel ab, und wenn ich schonmal da war, ein paar Hemden von Herrn Kaltmamsell.

Sonnige Theresienwiese, am Horizont Riesenrad, Kirche St. Paul rechts davon viele Baukräne

Das Baukranballett rechts gehört nicht zum Frühlingsfest (kürzlich zählte ich mal die Kräne um die Theresienwiese und kam auf 17).

Für Abendessen war ich eigentlich mit Herrn Kaltmamsell zu einem Abstecher zum Frühlingsfest verabredet. Doch zum einen schreckten mich die Menschenströme in Bayernverkleidung ab, die Richtung Volksfest gingen, zum anderen hatte ich auf keine der dortigen Speisen Lust (sonst gerne Bratwurst, Pommes, Langos). Statt dessen entschieden wir uns, nach Jahren mal wieder bei Max Beef Noodles zu essen.

Blaue Glockenblumen auf Wiese

Unterwegs hielt ich die diesjährige Hasenglöckchenblüte bei St. Matthäus fest.

Ich wählte eine Suppe mit Tofu und ein wenig Pakchoi – die leider langweilig schmeckte, ich musste sie mit der bereitgestellten Chillisauce aufpeppen. Und die Nudeln kamen im zusammengepappten Klotz, der eben erst mit Brühe übergossen war, ich musste sie auseinanderlockern. Aber meine Beilage, geprügelte Gurken, schmeckte gut. Ich fürchte, aus dem Lokal ist eine Massenabfertigung geworden, kein Vergleich zu seinen familiären Anfängen. Daheim gab es noch Schokolade zum Nachtisch.

Früh ins Bett zum Lesen – auch wenn Tele5 montags alte Folgen Raumschiff Enterprise zeigt. (Mir ist bewusst, wie albern mittlerweile bei solchen Serien der Verweis auf Live-Fernsehen ist.)

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Wunderschöne Überschrift für ein Textlein übers Altwerden:
“Langweilig macht frei”.

Was Autorin Barbara Dribbusch allerdings nicht erwähnt: Feuer, Leidenschaft und Neugier sind dabei keineswegs versiegt. Sie richten sich lediglich auf Inhalte, die man in Zeiten des Mitfieberns mit Sex-Szenen als langweilig erachtet hätte.