Essen & Trinken

Journal Dienstag, 12. August 2025 – #12von12 mit Sommer

Mittwoch, 13. August 2025

Am 12. des Monats gibt es das Spiel, den Tag mit 12 Fotos zu erzählen. Gesammelt werden die Geschichten von “Draußen nur Kännchen” hier.

Der Morgen war so frisch, dass ich für meinen Balkonkaffee in eine Strickjacke schlüpfte.

1 von 12 – Balkonkaffee.

Beim Finalisieren des Blogposts schreckte ich hoch von einem lauten, langen Vogelschrei, ähnlich einer Möwe. Doch im Blick hatte ich einen Falken, der gerade aufs Dach des Nebengebäudes flog. Kann ein Falke fast wie eine Möwe schreien?

2 von 12 – Sommerkleidung.

Irgendwann in den vorherigen 24 Stunden hatte mich eine Mücke erwischt und herzhaft in den Rücken gestochen. Der Riemen meines Handybands lief genau drüber.

Auf dem Weg in die Arbeit sorgte die wolkenlose Sonne dafür, dass mir die kalten Zehen in den Sandalen nichts ausmachten.

3 von 12 – Sommerliche Nussbaumstraße, leergefegt wie immer in den mittleren beiden Augustwochen.

4 von 12 – Wackeres Blümelein im Gehweg der Lessingstraße.

5 von 12 – Idiotensymptom an der Pettenkoferstraße.

Am Schreibtisch gereiztes Wegarbeiten unter Augenrollen: Die Welt weigerte sich schon wieder, so zu sein, wie ich sie (zu unser aller Bestem!!!) gerne gehabt hätte. Ibu gegen Ärger-Kopfweh noch vor zehn.

Mittagscappuccino im Westend – erstmal ausgebremst: Mein angesteuertes Ziel machte Sommerpause. Ich ging ein paar Schritte weiter zu einem Dean & David.

6 von 12 – Vollautomat (die verräterischen zwei dunklen Punkte im Milchschaum) statt Siebträger, schmeckte dann auch nach Automatenkaffee.

Jetzt waren die Temperaturen in der Sonne wirklich hochsommerlich, im Schatten mit dem gestrigen Wind aber weiterhin auf der angenehmen Seite.

Zu Mittag gab es später Banane, Hüttekäse, Mirabellen (sehr gut – und ich schaffte, vor Ende des halben Kilos aufzuhören).

7 von 12 – Zweites Treppentraining des Tages. Wer genau hinsieht, erkennt die Bauarbeiten am S-Bahnhof Heimeranplatz, die natürlich zu Umstellungen beim Umsteigen führen. Eigentlich sehr gut ausgeschildert, doch jeden Tag sammle ich wieder Verirrte ein und drehe sie in die richtige Richtung.

Am Nachmittag war ich für die Arbeit viel unterwegs durch die verschiedenen Temperaturzonen des Bürohauses; am angenehmsten kühl war es im Atrium, zu dem die Tür meines Büros aufgeht -> ich ließ sie offen.

Nach Feierabend marschierte ich über nur einen kurzen Einkaufsstopp heim (Feigen, Auberginencreme, Dahlien). Ich brachte die Dahlien ins Wasser, packte Tischdecke und Geschirr ein. Herr Kaltmamsell hatte bereits das Abendessen im Rucksack, zusammen radelten wir durch die Isarauen zum Flaucher-Biergarten.

8 von 12 – Das Essen in diesem Biergarten hatte mich bei den Versuchen vergangenes Jahr traurig gemacht, das hatte wir also mitgebracht. Dazu holte ich zwei Radlerhalbe und eine Riesenbreze.

Für Nicht-Bayer*innen: Das ist der Kern der hiesigen Biergartenkultur, historisch bedingt, dass man die Speisen mitbringen darf – urspünglich sogar musste. Hier ein wenig Hintergrund.

9 von 12 – Es gab Tomaten, Obatzten und Liptauer (hatte ich mal gegeneinander verkosten wollen – zu meiner Überraschung schmeckte mir der Liptauer sogar besser), die Auberginencreme, die sich als so kräuterlastig herausstellte, dass die Aubergine verschwand (aber super!).

10 von 12 – So sah das auf dem Teller aus: Gutes Abendessen in wundervollem Abendlicht.

11 von 12 – Zum Abschied vergoldete die Abendsonne die Baumwipfel. Den Flaucher-Biergarten mag ich unter anderem deshalb gern, weil man ihn nicht mit dem Auto erreicht, nur zu Fuß (U-Bahnhof Thalkirchen 10 Minuten entfernt) oder mit dem Radl.

Daheim gab es zum Nachtisch noch Eiscreme.

12 von 12 – Die schönen Dahlien freuten mich sehr – ich sollte sie nicht die letzten sein lassen.

§

Michael McIntyre’s Midnight Gameshow.

via @klugscheisser

WEHE! die Ferienwohnung in Brighton hat kein echtes, lineares Boomer-Fernsehen mehr! Das einzige, was mich über den Brexit minimal hinwegtröstet, ist britisches Fernsehen.

Journal Montag, 11. August 2025 – Mehr Sommerfrische

Dienstag, 12. August 2025

Etwas zerstückelte Nacht, und ich stand auf mit ausgesprochenem Widerwillen, in die Arbeit zu gehen. Zumindest hatte mir das mehrmalige Aufwachen in der Nacht die Chance verschafft, durch gründliches Fenster- und Türenöffnen kühle Nachtluft durch die Wohnung wehen zu lassen; beim Aufstehen war es draußen kälter als erwartet.

Morgenkaffee dennoch auf dem Balkon (so lang es geht!), diesmal zur Abwechslung auf dem Küchenbalkon.

Erfrischender Marsch ins Büro, dort gesteigerte Emsigkeit, weil halt Arbeitsleben und meine Jobbeschreibung. (Tiefe Verbindung zu Frau Brüllens Arbeitsschilderungen, als man sich pressierig mit der Suche nach Hintergrundinformationen an mich wandte, und ich diese zwar nicht auswendig wusste, aber auf der Basis meiner Erinnerung und sorgfältiger Ablage mit zwei Handgriffen nachschlagen und liefern konnte. Inklusive zweier Dokumente zum Hintergrund des Hintergrunds, den ich damals halt wissen wollte und ohne Auftrag recherchiert sowie abgelegt hatte.)

Schneller Mittagscappuccino bei Nachbars, dafür später noch auf eine Einkaufsrunde. Die Temoperatur immer noch angenehm, zumal ein kühler Wind wehte. Dennoch stimmungsgebeutelt.

Zu Mittag gab es eine Banane, eine Kiwi, außerdem Mango mit Sojajoghurt.

Am Nachmittag noch einige Querschüsse aufgefangen, immer wieder hob ich den Blick in den wundervollen Sonnentag. Heimweg über Einkäufe im Vollcorner, keine Spur der angekündigten “Hitzewelle” (die ohnehin schon am Donnerstag enden soll, also eher Hitzeplätschern), es war sonnig und warm mit schönem Wind – perfektes Sommerwetter für meinen Geschmack.

Zu Hause traf ich Herrn Kaltmamsell lesend auf dem Balkon an, er stand ihm gut. Parallel kümmerte er sich ums Nachtmahl. Nach meiner Einheit Pilates (diesmal im Zentrum Mobilisierung, tat sehr gut) servierte er den Kopf Stangensellerie aus Ernteanteil als Congee, also herzhaften Reisbrei.

Dazu traditionell verschiedene Toppings: Frittierte Zwiebeln, gebratener Knoblauch, eingelegte Pilze, geröstete Mandelblätter mit Thymian, eingelegter Sellerie – letzterer mein Favorit, weil sehr überraschend aromatisch. Nachtisch Schokolade. Dazu Abstimmung mit Herrn Kaltmamsell, wie wir die kostbaren Sommersonnentage noch auskosten. (Heute: Biergarten.)

Wie schon am Sonntagabend wurde der Abend schnell kühl, ich konnte beruhigt Fenster und Balkontüren öffnen.

Mehr Lektüre von Nettle and Bones, gut gemachte Unterhaltungsliteratur ist einfach ein Genuss. Ich lese mit großem Vergnügen in einer Zauberwelt herum und freue mich an dem größten Zauber: dass schlichte Buchstaben Welten hervorbringen können.

§

Spanien überrascht mich immer wieder. Jetzt zum Beispiel mit dem Umstand, dass in keinem Land die Bereitschaft zur Organspende so hoch ist. Patrick Illinger ist dem für die Süddeutsche nachgegangen (€):
“Warum Spanier so viele Organe spenden”.

Bei dieser Gelegenheit: Wenn Sie eigentlich organspendewillig sind, aber keinen Organspendeausweis bei sich tragen, geben Sie sich doch einen Ruck. Hier können Sie einen Organspendeausweise online ausfüllen oder bestellen (nimmt wirklich nicht viel Raum im Geldbeutel ein), und hier ist der Link zum Organspende-Register, mit dem Sie das absichern können.

Journal Freitag, 8. August 2025 – Sommerlicher Wochenabschluss

Samstag, 9. August 2025

Unruhige Nacht – wie vorhergesehen. Die Stunde vor Weckerklingeln war nur noch Dösen drin, ich stand völlig benommen auf. Anders als gewohnt legte sich diese Benommenheit nicht, selbst auf meinem Marsch in die Arbeit durch Sonne und herrlich frische Sommermorgendüfte torkelte ich fast, richtig verkatert inklusive brennenden Augen (kein Tropfen Alkohol seit Sonntag). Die Luft war aber eindeutig auf der gekippte Seite des Sommers und enthielt Alterungsnoten.

Zum Glück schaffte ich am Schreibtisch genug Zusammenreißen für die letzten anspruchsvollen Lektorat-Jobs, aber dann war die Luft raus: Alles Weitere kostete mich enorm Mühe und Zeit.

Auf einen Mittagscappuccino ins Westend, der herrliche Sonnenschein kündigte bereits Hitze an.

St. Rupprecht hinter Baustelle.

Später gab es zu Mittag Nüsse, Flachpfirsiche, Mango mit Sojajoghurt.

Nachmittags ging es mir langsam ein wenig besser, die Benommenheit nahm ab. Zu meiner Erleichterung erwies sich, dass ich am Vorabend im Biergarten doch nicht von Mücken gefressen worden war (das kann ich meist erst 12 bis 24 Stunden nach Stich beurteilen).

Pünktlicher Feierabend, denn ich war mit Herrn Kaltmamsell verabredet: Wir setzten endlich unser Vorhaben um, gemeinsam das Frischeparadies im Schlachthof gründlich zu erkunden, gestern mit dem Ziel, Abendessen einzukaufen.

Auf dem Weg dorthin (jetzt war es heiß) wurde ich aufgehalten: Eine Radlerin sprach mich an, die sofort richtig einschätzte, dass ich sie nicht würde einordnen können – ich sah zwar, dass ich sie kannte, doch dass wir vor 25 Jahren als Kolleginnen in einer PR-Agentur zusammengearbeitet hatten, musste sie mir sagen. Kurzer Abgleich, was seither geschah, es erwies sich, dass wir seit Jahren nur 200 Meter Luftlinie voneinander entfernt arbeiten.

Im (stark gekühlten) Frischeparadies besichtigte ich mit Herrn Kaltmamsell ausführlich den Inhalte von Regalen, Theken, Kühlschränken (eingemerkt unter anderem die große Auswahl Sobrasada und abgepacktes Fleisch inlusive Wachteln, Fasan, Stubenküken, außerdem gibt es auch hier galicischen Käse Tetilla). Wir waren ausgesprochen diszipliniert und nahmen neben einem Einkaufslisteneintrag tatsächlich nur Abendessen mit: ein mächtiges Côte de Boeuf.

Jenny Erpenbeck, Heimsuchung ausgelesen – mindestens eine Stunde früher als erwartet, denn die letzten 18 Prozent des E-Books stellten sich mal wieder als Vorschau auf einen anderen Roman heraus. Der (also wirklich kurze) Roman hatte mir sehr gut gefallen, ich muss noch eine Weile darüber nachdenken.

Aperitif auf dem Balkon (hurra!), erst zum zweiten Mal in diesem Sommer Aperol Spritz. Gesprächsthema dabei, auf das ich mich sehr gefreut hatte: Erpenbecks Heimsuchung, das Herr Kaltmamsell vor einer kleinen Weile beruflich gelesen und bedacht hatte; wir verglichen unsere Beobachtungen. Nur selten überschneiden sich unsere Lektüren, weil halt sehr unterschiedlicher Lesegeschmack, umso mehr freute mich diese Gelegenheit.

Der Herr kümmerte sich ums Fleisch, ich hatte den Ernteanteil-Salat mit einem Zitronensaft-Knoblauch-Dressing angemacht. Dazu Brot vom Frischemarkt.

(Vor dem Teilen des Fleisches.) Sehr gutes und festliches Abendessen.

Als Nachtisch hatte ich um Vanillepudding gebeten, um das letzte Glas Zwetschgenröster 2024 dazu aufbrauchen zu können – es hat ja bereits die Ernte 2025 begonnen.

Abendunterhaltung eine weitere Folge Mad Men.

Am Vorabend hatte mir auf dem Heimweg ein riesiger aufgehender Mond entgegengeleuchtet, ich freute mich bereits auf seine Beleuchtung meines Schlafzimmers in der wolkenlosen Nacht.

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Schlaglicht im Guardian auf einen Ausschnitt der Welt, über den ich mir bislang keine großen Gedanken gemacht habe: Das Leben alter Frauen in Westafrika.
“‘Well, no, you don’t have to have children’: what African women over the age of 60 have learned about life”.

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Unbeachtete Heldinnen, Teil ganz viel: Edythe Eyde gab 1947 als 25-jährige Sekretärin bei RKO Radio Pictures in Los Angeles heimlich Vice Versa heraus, eines der ersten Lesben-Magazine.
“Meet the 1940s secretary who used office time to produce the first lesbian magazine”.

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“Da Sta” ist nicht der einzige.
“Warsteiner forscht zu Obelisk mit NS- und Zwangsarbeiter-Geschichte”.

Journal Mittwoch, 6. August 2025 – Pfützenlauf

Donnerstag, 7. August 2025

Schon vor fünf aufgewacht, aber das nach tiefem Schlaf, außerdem wollte ich eh den angekündigten wolkenarmen und hellen Morgen für einen Isarlauf vor der Arbeit nutzen.
Verdutzung, als ich die Augen aufschlug: Das große Isolierglasfenster meines Schlafzimmers war blind mit Kondenswasser (später stellte sich heraus: auch zwei Fenster im Wohnzimmer).

Der Himmel war nicht ganz so frei wie erhofft, doch als ich um sechs startete, bekam ich genug Tageslicht – was umgehend die Hoffnung auf einen weiteren Lerchenlauf nächste Woche weckte.

Ich lief gut und froh, der Körper spielte mit. Der besondere Anblick gestern: Dunstfetzen über den Wiesen, Spiegelungen in den großen Pfützen.

Der Morgen wurde immer schöner, ich marschierte unter strahlend blauem Himmel und in kühler Luft in die Arbeit. Die Wettervorhersage verspricht ab jetzt mindestes eine Woche Sommer.

Alles muss man selber machen. (Dank an @giardino für den Hinweis!)

Emsigkeit am Schreibtisch, ich lernte beim Korrekturlesen viel.

Mittagscappuccino mit Kollegin bei Nachbars (von ihr lernte ich eine Menge über Wacken): Nachdem es am Vortag überraschend warm geworden war, blieb es gestern kühl.

Später gab es als Mittagessen Banane, sehr reife Renekloden (die Herr Kaltmamsell auf meine Bitte gesucht und gekauft hatte), Quark mit Joghurt.

Nachmittag mit mehr Korrekturlesen, das hohe Konzentration erforderte. Doch ich hatte genug Energie, um mich über das Sonnenlicht draußen zu freuen.

Mittelspäter Feierabend, über Lebensmitteleinkäufe beim Vollcorner nach Hause. Dort stellte ich fest, dass ich keine Lust auf die recherchierte Folge Pilates hatte; statt dessen Wäscheaufhängen, Blumengießen (und Wegwerfen einer über die Monate immer hässlicheren Weißlilie), Brotzeitvorbereiten.

Als Nachtmahl servierte Herr Kaltmamsell LINSEN!

Und zwar mit selbstgemachtem Pesto (Ernteanteil-Basilikum), spanischen Familienzwiebeln, Knoblauch (Ernteanteil), Champignons, gebratener Ziegenrolle – super.

Nachtisch erstmal Obst: Herr Kaltmamsell hatte es ungeplant vom Viktualienmarkt heimgebracht – man hatte ihm einfach was zum Probieren hingehalten, und das schmeckte SENsationell (Renekloden, Mirabellen, Rosé-Trauben) – wie bei so Schulhof-Dealern. Dann noch Schokolade.

Abendunterhaltung: Die zweite Folge Mad Men auf Arte.

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Nachgespielt: Wie jemand Social Media leider kennenlernte, der erst in den vergangenen zehn Jahren dazugekommen ist.

via @nicolediekmann (die sich schon so lang im Web rumtreibt, dass sie es auch noch anders kennt)

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It’s not coming, it’s here. … We do now live in a country that has an authoritarian leader in charge. We have a consolidating dictatorship in our country.

Rachel Maddows melodramatischer Aufruf, es nicht als Melodramatik abzutun.

Ein Effekt von Trumps Taktik “Flood the zone with shit” ist ja, dass man (ich) dazu neigt, all den bescheuerten Blödsinn, den er täglich von sich gibt, als – bescheuerten Blödsinn abzutun. Aber Rachel Maddows belegt, dass die USA sich tatsächlich immer weiter auf diesen autoritären Anführer ausrichten.

This is not going to fix itself.

via @niggi

Journal Montag, 3. August 2025 – Montagshighlight Einkäufe

Dienstag, 5. August 2025

Aufgewacht ein wenig pässlicher als am Vorabend, aber immer noch etwas wacklig. Keineswegs zu wacklig für Arbeitsfähgkeit, also packte ich die letzte von sieben erbarmungslosen 5-Tage-Wochen in Folge an. Mein Bauch fühlte sich immer noch komisch an, er gluggerte und rauschte, ich erklärte meine gewohnte Appetitlosigkeit bis Mittag für ideal passend.

Das Draußen startete gestern mitteldüster und kalt, ich marschierte in warmen Schuhen, dicker Hose, langen Ärmeln und Jacke in die Arbeit. Allerdings leichtsinnigerweise ohne Schirm: Diese Regenpause hielt nur auf der ersten Hälfte meines Arbeitswegs, dann wurde ich feuchtgetröpfelt. Ab dann regnete es friedlich und mit wenigen Unterbrechungen bis zum Nachmittag durch.

Urlaubszeit Schmurlaubszeit: Wenn Leben und Arbeit eh deckungsgleich sind, macht das keinen Unterschied, ich musste also wieder erstmal mein freies Wochenende nachholen. Das Ganze den Vormittag über begleitet vom Warnsirenen-Jodeln, das von den S- und Regionalbahngleisen hinter dem Bürogebäude hertönte: Es wurde wohl gebaut, gewartet (also im Sinne von Pflege, nicht von herumstehenden Passagieren wie sonst bei der Bahn erwartbar, hahaha) und repariert.

Trotz aller Bauch-Samba ging ich auf einen Mittagscappuccino ins Westend, hatte auch richtig Lust darauf.

Später hatte ich Hunger und aß Quark mit Joghurt sowie überreife Nektarinen und Flachpfirsiche. Der Bauch kam damit zurecht.

Am Nachmittag überraschte mich ein Arbeitsproblem. Ich schaffte es, nicht meinen ersten Lösungsimpulsen zu folgen, sondern erst zu recherchieren und eine E-Mail an die eigentlich zuständige Stelle mit Bitte um Rat aufzusetzen (abgeschickt wird am nächsten Morgen, damit mein Hirn Zeit für weiteres Durchdenken und Verarbeiten im Hintergrund hat).

Nach Feierabend U-Bahn-Fahrt zum Odeonsplatz, um in einer Arztpraxis ein Rezept zu bekommen. Die Website dieser Praxis bot in den vergangenen drei Jahren nach und nach immer weniger (!) Information, mittlerweile stehen dort neben Anschrift nur noch die Zeiten telefonischer Erreichbarkeit – und während diesen war gestern bei neun Anrufen jedesmal besetzt. Also sah ich selbst nach, ob die Praxis offen war. War sie, meine Rezepte wurden zum Abruf in der Apotheke hochgeladen.

Anschließend kaufte ich in der touristischsten Innenstadt noch ein vorher recherchiertes Geschenk für Herrn Kaltmamsell: Er trinkt seinen Kaffee ja vor allem tassenweise aufgebrüht, und um Filterpapier zu sparen und damit nicht so viele ätherischen Öle des Kaffeepulvers im Papier hängenbleiben, besorgte ich einen Dauerfilter aus Metall. Ursprünglich war das meine Idee für ein Geburtstagsgeschenk gewesen – aber da er doch die nächsten Wochen Ferien hat und sich daheim sicher täglich mindestens eine Tasse Kaffee aufbrühen wird, sein Geburtstag aber erst nach den Ferien ist, entschied ich mich zum sofortigen Schenken.

Jetzt bog ich noch in den Bekleidungsladen COS ab, um nach einem Kleid zu sehen, das mir vor Wochen in der Werbung gut gefallen hatte. Gefiel mir auch in Echt, stellte sich als 100 Prozent Baumwolle heraus (gut!), doch beim Anprobieren saß es nicht richtig. Eine andere Kundin in der Umkleide bewunderte das Kleid an mir, riet aber zu einer kleineren Größe – und hatte recht. Kleid gekauft.

Daheim stellte sich heraus, dass auch Herr Kaltmamsell ein Geschenk für mich hatte:

Er hatte einen Sammelband Mortadelo y Filemón aufgetrieben, der unter anderem “Mortadelo y Filemón en Alemania” enthielt (ich reiche ihn nach dem Lesen weiter, lieber Papá, lieber Bruder). Das Schild “Pellejen Platz” auf dem Foto ist ein schönes Beispiel: Im Spanischen imitiert man Deutsch, indem man spanische Wörter mit der Endung -en versieht, also zum Beispiel “beberen”, “comeren”, “pagaren”. Brüller.
(Und pellejo heißt Trunkenbold.)

Eine Runde Yoga-Gymnastik, zum Nachtmahl hatte Herr Kaltmamsell aus den Hühnerinnereien vom Samstag eine Sauce gekocht, er servierte Nudel damit. Ich machte dazu den restlichen Ernteaneil-Salat mit Haselnussmus-Dressing an, sehr gut. Nachtisch Käsekuchen und Schokolade.

Neue Lektüre aus der Münchner Stadtbibliothek: Jenny Erpenbeck, Heimsuchung. Fing gut an, nämlich mit einem Prolog, bei dem ich mich gleichmal bremsen musste: Ich hatte mit Lesetempo auf Handlung begonnen, doch hier ging es um jeden Satz – in einer guten Art! (Bin immer noch sauer, dass ein ungelenker Mist wie der von Jasmin Schreiber einen Verlag findet und viel bessere Manuskripte nicht, weil sie halt gerade nicht ins Programm passen oder Lektor*innen keinen Markt sehen.)

Journal Sonntag, 3. August 2025 – Wintergrillen im Hochsommer

Montag, 4. August 2025

Erholsame Nacht, beim Aufstehen regnete es gerade nicht mit fast schon hellem Himmel.

Ich war mit Herrn Kaltmamsell zu Familiengrillen bei meinen Eltern in Ingolstadt eingeladen, meine Mutter hatte das als sicher angesagte Scheißwetter für irrelevant erklärt. Gestartet wurde ein wenig später (die Bruderfamilie hatte sich nach einer großen Hochzeit am Samstag Ausschlafen erbeten), das verschaffte mir Zeit für einen Isarlauf, zur Zeitersparnis die Strecke direkt ab Haustür über Alten Südfriedhof nach Thalkirchen und zurück. Da der Regenradar in diesem Zeitraum kein Regengebiet vorhersagte, verließ ich das Haus barhäuptig und ohne Regenjacke. Ich war offensichtlich nicht die einzige, die sich an dieser Wetterprognose festhielt, das Läufer*innenaufkommen war überraschend hoch.

Stephansplatz

Übergang von altem zu neuem Teil des Alten Südfriedhofs.

Die Isar hatte sich trotz anhaltendem Regen beruhigt, kein Hochwasser mehr.

Das Laufen strengte mich an, weil mein gesamtes Becken schmerzte, inklusive daran aufgehängter Lendenwirbelsäule (nicht aber die Hüftgelenke, verstehe jemand diesen Körper!). Aber ich freute mich an Luft, Licht und Bewegung.

Erst im letzten Drittel erwischte mich ein Regenduscher zwischen Flecken blauem Himmel.

Nach dem Heimkommen zeigte der Regenradar den Hintergrund des kurz getakteten Wechsels zwischen Regen und Sonne an.

Screenshot von Wetter online.

Mir fielen immer mehr Aspekte an Grete Weils Tramhalte Beethovenstraat ein, die den Roman kunstfertig und lesenswert machten – vor allem unglaublich dicht auf gerade mal 240 Seiten. Ich plapperte sie an Herrn Kaltmamsell hin, er lieh sich das E-Book schließlich von mir aus.

Unter Regenschirm zum Hauptbahnhof, wir erreichten Ingolstadt mit Verspätung. Dort freudiges Wiedersehen, alle drei Nifften waren nach ihrem Urlaub in Kastilien noch da und nicht an ihre neuen Wohnorte gezogen. Meine Eltern hatten die Grillerei auf der Terrasse aufgebaut, den Tisch aber im warmen, trockenen Drinnen gedeckt: Wintergrillen im Hochsommer.

Es gab köstliches Essen (bei mir vom Grill Seehecht, Maiskolben, Hähnchenflügel, fränkische Bratwurst, aus dem Ofen Lammschulter, dazu Kartoffelsalat und eingelegte rote Paprika) mit Aperol Spritz vorher, Rotwein dazu, Espresso und Melone danach. Dazu erfuhr ich unter anderem Details des Spanien-Urlaubs (inklusive herzerwärmende Fotos), Details aus der Kantine des Deutschen Bundestags, Berichte über die Familienhochzeit am Vortag.

Die Familie auf dem kastilischen Dorf hatte uns Naturalien mitgeschickt: Aus eigenem Anbau Zwiebeln und Knoblauch, außerdem süßes und scharfes Paprikapulver sowie Safran. Und einen lieben Brief. <3

Zum Bahnhof für unsere Heimfahrt kamen wir sogar trocken, wirkliche Wetterbesserung ist aber erst für Mitte der Woche angekündigt.

Auf der Hin- und Rückfahrt las ich in meiner nächsten Lektüre: Jasmin Schreiber, Marianengraber. Doch dieser Roman in Form einer Ansprache von Paula an ihren verstorbenen kleinen Bruder erwies sich als Missgriff: Eine Aneinanderreihung von Floskeln (“mir schlug das Herz bis zum Hals”) Klischees und Allgemeinplätzen, Flughöhe deutscher Fernsehfilm. Ich glaubte fast nichts und niemand davon, und definitiv nichts und niemand interessierten mich. Nach einem Drittel brach ich ab – meine Wunschleseliste ist zu lang, als dass ich mich mit uninteressanten Büchern aufhalte (selbst wenn ich einrechne, dass es jeder Roman nach Grete Weil schwer hat). Es hätte mich misstrauisch machen müssen, dass in der Münchner Stadtbibliothek beide vorhandenen Exemplare verfügbar waren.

Zu Hause war ich immer noch sehr satt, das Abendessen ließ ich ausfallen, eigentlich war mir sogar nicht gut. Auf Arte kam der herrliche Grand Budapest Hotel von 2014: SO viele liebevolle Details, sensationelles Schauspieler*innenaufgebot, großartige Musik. Dennoch ging ich leicht unpässlich früh ins Bett, um mich pässlich zu schlafen.

§

Herzerwärmung gefällig? Ich empfehle diese Bio-Achterbahn.

Journal Samstag, 2. August 2025 – Regenschwumm, Grete Weil, Tramhalte Beethovenstraat

Sonntag, 3. August 2025

Ausgeschlafen, zu düsterem Himmel und nassen Straßen aufgestanden. Ob es gerade regnete oder nicht, war mittlerweile irrelevant – einfach greisliches Wetter.

Nach Bloggen, Milchkaffee, Wasser buk ich Baskischen Käsekuchen – hatte ich seit Wochen als Plan im Hinterkopf, den ich aber immer wieder aufgab, weil ich zu wenig Lust auf Essen des Ergebnisses hatte. Jetzt zog ich ihn durch, um ihn aus dem Kopf zu kriegen.

Sportplan war Schwimmen im Dantebad, diesmal wirklich sicher ohne jede Ahnung von Sonne. Mal wieder freute ich mich geradezu enthusiastisch, dass ich in meine Schwimmpläne NIE WIEDER Menstruationsfluten einrechnen muss! War das scheiße bis vor wenigen Jahren! Ich erinnere mich an absolut nichts Gutes am Menstruieren; da ich sehr gründlich dafür gesorgt hatte, nicht schwanger werden zu können, brauchte ich ja nicht mal die Info “nicht schwanger”.

U-Bahn zum Westfriedhof, unterm Schirm zum Schwimmbad.

(mit überschlagend fröhlicher Stimme) Wie schön grün die Freibad-Liegewiese durch all den Regen geworden ist!

Das Außenthermometer über der Sprudelschnecke zeigte 16 Grad an. Es regnete durchgehend in verschiedener Intensität – das machte Spaß, auch wenn die heftigsten Regenphasen das Schwimmwasser aufspritzen ließen. Manche schwammen in Neopren-Anzügen, wobei sich einer davon bei näherem Hinsehen als flächendeckende Tätowierung herausstellte (wie bei den alten japanischen Holzschnitten, auf denen bunte, eng anliegend scheinende Kleidung an Männern ebenfalls in Wirklichkeit tätowiert ist – permanent clothing in Entsprechung zu permanent make-up?).

Mein Schwimmen fiel mir leicht und fühlte sich gut an, ich erweiterte auf 3.300 Meter.

Die Frauen-Sammelumkleide des Dantebads schätze ich ja. Selbst am Wochenende, wenn sich nicht die (meist alten) Frauen dort einfinden, die sich offensichtlich schon lang kennen, manche oberflächlich, manche näher, bilde ich mir ein sachtes Gemeinschaftsgefühl ein. Fast jedesmal wird über den Umstand gescherzt, dass nach dem Schwimmen in einer Reihe Spinde immer die direkt nebeneinander liegenden gleichzeitig gebraucht werden. Gestern sogar mit der Extraschleife, dass ich beim Abtrocknen der Nachkommerin automatisch den Platz vor dem Spind neben meinem freiräumte und sich herausstellte, dass sogar zwei Spinde Abstand zwischen unseren lag! Wir lachten noch darüber, als eine weitere geduschte Schwimmerin herantrat – und die hatte dann den direkt neben mir.

Oder der auffallend schöne Schwimmanzug, den eine Frau abgelegt hatte. Da ich zum Erkennen des Herstellers das Kleidungsstück hätte anfassen müssen, frage ich danach – und bekam zum Herstellernamen detaillierte Hintergründe und Empfehlungen.

Rückfahrt per Tram, unterwegs Stopp für Frühstücksemmelkauf. Das letzte Stück legte ich per U-Bahn zurück. Lange Zeit viel Regen heißt mittlerweile auch, dass das Nußbaumpark-Gschwerl (das immer zahlreicher wird, ich sehe einen Zusammenhang mit der systematischen Bereinigung des Alten Botanischen Gartens – schlichten physikalischen Gesetzen folgend haben sich die Menschen nämlich nicht in Luft aufgelöst) sich immer mehr im nigelnagelneu renovierten und fast fertigen U-Bahnhof Sendlinger Tor unterstellt, gestern musste ich Slalom laufen. Geben Sie uns noch ein, zwei Jahre und München muss sich nicht mehr als Gegenbeispiel zum Berliner Hermannplatz bezichtigen lassen. Ich halte es für sinnvoll, jetzt schon an den Öffi-Brennpunkten im München spezielle Sicherheitsleute einzusetzen wie in Berlin – die die Leute keineswegs vertreiben, sondern Auswüchse verhindern. Mir fallen die Unfälle im U-Bahnhof Goetheplatz ein, wo schon mehrfach Zugedröhnte ins Gleisbett gerieten, mindestens einmal mit tödlichem Ausgang. Vorbild könnte Berlin sein, siehe Artikel “Auf der Strecke geblieben” in der Wochenendausgabe der Süddeutschen (€).

Frühstück kurz vor zwei: Tomatenbrot (eine Sommerköstlichkeit, die auch Regen nicht kaputtmachen kann) mit Körnersemmel vom kürzlich entdeckten Bäcker Unendlich beim Edeka am Stiglmaierplatz (Sitz in Bobingen, wie ich nachrecherchierte) – sehr gut, u.a. sichtbar und schmeckbar mit Kurkuma gewürzt. Auch die Kürbis-Hafer-Semmel danach schmeckte mir. Mohnsemmeln und Dinkelseele von dort waren mir kürzlich ebenfalls als überdurchschnittlich aufgefallen.

Dann noch baskischer Käsekuchen, der allerdings nicht ganz gelungen war: Innen zu weich, musste gelöffelt werden (aber sicher nicht roh, in ungebackenem Zustand hat er ja die Konsistenz von Pfannkuchenteig).

Nachmittag mit Zeitunglesen und Yoga-Gymnastik, draußen regnete es weiter in verschiedenen Heftigkeiten.

Der Ernteanteil hatte eine dicken Bund Thymian gebracht, ich verwendete einen Teil davon fürs Zitronen-Thymian-Hähnchen zum Nachtmahl.

Als Vorspeise kombinierte ich Ernteanteil-Tomaten und -Basilikum mit Nektarinen zu einem Salat, köstlich. Das Hähnchen gelang sehr gut, aber wir ließen genug für Herrn Kaltmamsells Montagessen übrig. Dessert war mehr Käsekuchen.

Im Bett Grete Weil, Tramhalte Beethovenstraat ausgelesen. Ein kleiner, kompakter Roman, der mich überraschte. Während Weil in Der Weg zur Grenze eine Frau in den Mittelpunkt gestellt hatte, die im 3. Reich als Jüdin aus Deutschland fliehen musste (geschrieben vor Ende des Kriegs und bevor die tatsächlichen Grauen bekannt waren), steht im Mittelpunkt dieses Romans von 1963 ein deutscher Nicht-Jude, Nicht-Verfolgter: Andreas, ein Schriftsteller. Die Geschichte erzählt auf zwei Zeitebenen. Sie beginnt in Nachkriegs-München, wo er mit seiner reichen Frau wohnt, einer Holocaust-Überlebenden (“das Vermögen ihrer vergasten Eltern war enorm und sie die einzige Erbin” – dieser Satz setzt ziemlich am Anfang eine zynische Note, die immer wieder erklingt). Andreas soll wieder schreiben, aber er kann nicht mehr.

Die zweite Zeitebende führt zu dem Moment, in dem Andreas und diese Frau ein Paar werden: In Amsterdam, wohin Andreas im Krieg als Korrespondent einer Münchner Zeitung geschickt wurde – und wo er Nacht für Nacht miterlebt, wie Hunderte Juden per Tram nach Osten deportiert werden. Er schließt sich zaghaft dem lokalen Widerstand an. Die Erzählstimme bleibt konsequent bei Andreas und seiner Zerbrochenheit in der Gegenwart: Zerbrochen an dem, was er als Zeuge erlebte, und zerbrochen am Hadern, wie viel er davon hätte verhindern können – das las sich für mich in unserer “Nie wieder ist jetzt”-Gegenwart sehr aktuell.

Mir war sehr bewusst, dass der Roman auch ein Zeitzeugnis ist: Grete Weil lebte selbst in Amsterdam im Exil und engagierte sich im Widerstand, diese Alltagsdetails sind wahrscheinlich authentisch.

Es wechseln sich romantisch gefühlige und reflektierte Innensichten ab mit dokumentarischen Nebenbemerkungen, u.a. darüber, dass selbst die jüdische Exilgemeinschaft in Amsterdam erst nach dem Krieg das Ausmaß der Vernichtung in den KZ begriff, vorher zum Teil eisern an der Propaganda vom “Arbeitslager” festhielt. Die Figuren des Romans sind vielfältig und vielschichtig, die Sympathien sind keineswegs nach Opfer-Täter verteilt. Ein Stück wichtige Nachkriegsliteratur.