Fotos

Journal Sonntag, 28. Juni 2020 – Familiengeburtstag

Montag, 29. Juni 2020

Im Bett des Herrn Kaltmamsell aufgewacht, in das ich in den sehr frühen Morgenstunden umgezogen war, weil mein leichter Schlaf durch seine Geräusche gestört wurde. Er protestierte, weil er früher als ich wach geworden war und so nicht an seinen Rechner und seinen Morgenmantel rankam. (Eigentlich möchte er, dass ich ihn in diesen Fällen wecke und wegschicke, doch das hatte ich nicht übers Herz gebracht.)

Auf dem Balkon war es bereits so warm, dass ich gründliches Fensterschließen tagsüber beschloss.

Aufgenommen auf meine Bitte von Herrn Kaltmamsell, echter #boyfriendsofinstagram.

Ausführliche Gymnastik, ein Stündchen auf dem Crosstrainer. Gegen Unterzucker knabberte ich einen Haferkeks und einen Apfel. Kurz nach Mittag machten wir uns auf den Weg zum Bahnhof: Ein Zug sollte uns zu einer Familiengeburtstagsfeier bringen.

Dem Hopfen geht’s gut.

Wir hatten den Tipp bekommen, am Bahnhof Ingolstadt Audi auszusteigen – dem Neuzugang unter den Ingolstädter Bahnhalten. In postypokalyptischer Umgebung zwischen Hightech-Fabrikzaun und Parkhaus-Rohbau (was man im Norden Ingolstadts richtig, richtig gut machen kann: parken) gab es eine Bushaltestelle, von der aus ein Bus uns zur Feier brachte. Einen solch perfekten Öffi-Zubringer hat es in Ingolstadt in den vergangenen 30 Jahren nicht gegeben, ich war verwirrt.

Auf der angenehm temperierten Terasse gab es Kaffee und vielerlei Kuchen. Es freute mich sehr, die befreundete Verwandtschaft mal wieder zu sehen. Außerdem bekamen wir einen Eimer voll Ernte, zum Teil selbst aus dem Baum geholt:

Kirschen, Gürkchen, Zucchini, den Kohlrabi hatte Herr Kaltmamsell im Rucksack.

Im München hat es zu regnen begonnen, wir gönnten uns eine Tram nach Hause. Daheim machte Herr Kaltmamsell aus Pulpo vom Vortag eine tomatige Soße und servierte sie mit Spaghetti. Zu sanftem Regenrauschen ging ich zu Bett.

§

Viel verlinkt in meinem Internet, gestern fand ich beim Morgenkaffee Zeit für die Lektüre: Für Geo waren Vivian Pasquet und Daniel Etter mehrere Wochen während der heftigsten Corona-Krise im Universitätsklinikum Bonn.
„Um Leben und Tod: Aus dem Inneren einer Corona-Klinik“.

Hört man als Laie nur sehr viel Piepen, Pumpen und Klopfen, können die Pflegekräfte mehr als 50 Alarmtöne unterscheiden: Knick im Kabel, Medikament leer, Lungenmaschine streikt; Irgendwas-ist-ab-Alarm, Sauerstoffsättigung zu niedrig, Blutdruck zu hoch; Dialyse gestartet, Luftblase im Schlauch, Blutkonservenkühlschrank zu warm. Herzstillstand-Alarm. Einmal, auf einer Weihnachtsfeier, machten sie bei Keksen und Glühwein ein „Alarmton-Quiz“.

(Oder warum ich von Anfang an zuckte, als es hieß, dann sollten halt Fabriken mal schnell auf die Produktion von Beamtmungsgeräten umstellen – als wenn es sich sowas Simples wie Kaffeemaschinen handelte.)

Journal Freitag, 26. Juni 2020 – Von Rosen und Nelken bei „d‘ junga Leit“

Samstag, 27. Juni 2020

Weil ich morgens nur Minimalsport plante, hatte ich mir den Wecker auf eine halbe Stunde später als sonst gestellt. Doch nach unruhiger Nacht (u.a. wegen geselliger Nachbarn mit Balkongästen) wachte ich sogar früher als üblich auf.

Wir spielten Lieferlotterie: Nachdem wir für eine angekündigte Weinlieferung über DHL den ganzen Samstag davor für Besetzung unserer Wohnung gesorgt hatten und dann doch keine Lieferung kam, hatte ich das Weinpaket auf den gestrigen Freitag terminiert – obwohl Herr Kaltmamsell erst ab halb elf daheim sein würde. Wir erlosten den Hauptgewinn: Lieferung erst, als jemand da war.

Nachdenken über den Umstand, dass niemand in Rente/Pension/Ruhestand gehen kann, ohne dass alle, alle das als „wohlverdient“ bezeichnen. Möglicherweise das hartnäckigste epitheton ornantium der Gegenwart, möglicherweise gibt es demnächst einen Duden-Eintrag in einem Wort: Wohlverdienterruhestand. Befürchten Sprecher und Sprecherinnen, dass ohne dieses Attribut dem scheidenden Kollegen Drückebergertum unterstellt wird? Soll das eine Wort im Vorbeigehen Wertschätzung für das gesamte Arbeitsleben ausdrücken? „Viel zu früher Ruhestand“ geht aber auch nicht, ebenso wenig „mitten aus dem Arbeitsleben gerissen“. Hat schon mal jemand eine Alternative gehört oder gelesen?

Mittagessen waren Birnen mit Quark und Kefir, dazu eine Breze, eine weitere Breze als Nachtmittagssnack.

Auf dem Heimweg von der Arbeit kaufte ich Blumen. Ich wollte gerne Rosen, weil ich immer wieder an wundervollen Rosen in Vorgärten vorbeiradle. Im Ratsch mit der Blumerin lernte ich, dass „d’junga Leit“ sich derzeit nicht für Rosen interessieren, sondern möglichst wilde Zusammenstellungen möchten, wie auf Wiesen. Ich bot den Begriff „instagram-Strauß“ an. Wir kamen auf unpopuläre Blumen, zum Beispiel Nelken – und ich erfuhr, dass es davon inzwischen ganz wundervolle gibt. (Und dass junge Kundschaft durchaus offen für sie ist, solange man ihnen nicht verrät, dass es sich um Nelken handelt.)

Wochenendverschönerung.

Ich kam früh genug heim, dass vor dem Abendessen noch Zeit für einen Aperitif (Negroni) auf dem Balkon war und für Lesen.

Nachtmahl waren Spare Ribs vom Herrmannsdorfer (die schlachten selbst, auch das trägt sicher zu den hohen Preisen bei – aber ich ließ mir mal von einem der Mitarbeiter an der Fleischtheke des Ladens am Vikutalienmarkt erzählen, dass alle, die dieses Fleisch verkaufen, auch mal in der Schlachterei gearbeitet haben müssen), dazu Bulgur mit Gurke, Paprika, Salzzitrone (!).

Einen Teil der Rippchen garte Herr Kaltmamsell im Speiseföhn, den größeren wie gewohnt im Backofen – letztere gerieten deutlich besser. Dazu eine Glas Rosé aus dem frisch eingetroffenen Weinpaket: Mont Clou Cabernet Sauvignon-Syrah Rosado, sehr intensiv und kräftig. Eiscreme Pistazie und Gianduia zum Dessert.

§

Der Wert von Kunst ist ja nicht darüber definiert, dass sie jemand Bestimmtem gehört. Der Wert von einem Kunstwerk besteht doch in dem, was es an Gefühlen, Gedanken, Diskursivität in die Welt bringt.

Daniel Richter

Artikel über lebende Künstlerinnen und Künstler interessieren mich selten. Noch viel weniger will ich von ihnen Aussagen über das eigene Werk lesen, ihre Aussage soll bitte das Kunstwerk sein (dazu zähle ich auch Literatur).1 Deshalb überraschte mich, wie interessiert ich die ausführliche Geschichte im Süddeutschen Magazin las, in der Autor Peter Richter die Entstehung eines Gemäldes von Maler Daniel Richter mitverfolgt (€):
„Wie entsteht ein Kunstwerk?“

  1. Katia Kelms Ausführungen lese ich auch deshalb so gerne, weil sie Techniken erklärt und Mechanismen der Kunstwelt, nicht aber ihr eigenes Werk interpretiert. []

Journal Dienstag, 23. Juni 2020 – Beim Griechen den Abend versommert

Mittwoch, 24. Juni 2020

Ein herrlicher Sommermorgen, selbst die kühle Luft, die beim Morgenkaffee durch die offene Balkontür wehte, trug das Versprechen eines Tags am Badesee herein. Das halt ein ganz normaler Arbeitstag nicht einlösen könnte.

Zumal ich meine Runde auf dem Crosstrainer aus Rücksicht auf die Nachbarn bei geschlossenem Fenster strampelte.

Kurzärmliges Radeln in die Arbeit, die fehlende Eichhörnchensichtung beim Sport wurde ausgeglichen durch eines, das vor mir die Beethovenstraße kreuzte. (Hier neue Höhen an Eichhörnchenniedlichkeit.)
Auch mittags radelte ich los: Ich holte in der Innenstadt meine frisch geknüpfte Perlenkette ab und genoss das Radeln sehr.

Zu Mittag hatte ich mir am Montag die beiden lila Ernteanteil-Kohlrabi gehobelt und mit Sonnenblumenöl, Dijonsenf, Zitronensaft, Salz, Pfeffer als Salat angemacht. Schon beim Hobeln hatte ich entdeckt, dass einer der beiden sehr holzig war, und zwar nicht nur außen – das kann man ja wegschneiden -, sondern auch innen holzharte Fasern hatte. Aber weggeworfen wird nichts, das Marinieren über Nacht hatte die Spreißeln auch etwas aufgeweicht, gestern hatte ich halt viel zu kauen.

Lasst-mich-einfach-hier-liegen-Moment: Ich musste mir zum x-ten Mal im Leben Prozentrechnen herleiten (wie viel Prozent von x ist y?). Das heißt, ich probierte Rechenwege aus, bis etwas rauskam, was wahrscheinlich aussah.1 Mal wieder war ich fassungslos, dass man so durch einen Schulabschluss kommt (ich habe zwar Mathe-Abitur, aber Prozentrechnen hätte ich mir auch zu Abiturzeiten mühsam herleiten müssen). Dreisatz kann ich auch nur, weil ich ihn regelmäßig fürs Backen und Stricken brauche.

Den sonnigen, aber nicht heißen Abend nutzte ich mit Herrn Kaltmamsell für ein Auswärtsessen bei unserem Lokalgriechen Melina Merkouri (ich hatte reserviert – was sich als gut Idee herausstellte, ab 19 Uhr standen die Leute Schlange für einen Tisch).

Wir bestellten die Vorspeisen für zwei und aßen uns daran satt: Spinatsüppchen im Kaffeekännchen, Calamari, Auberginenscheiben, Zucchinipuffer frittiert, gefüllte Paprika, Schafskäsecreme, Tarama, Tsatsiki, Bohnensalat, Pita.

§

Ein Bürgerrat hat in Frankreich Klimapolitik erarbeitet:
„Tempolimit, Flughafenverbot und Klimasteuer“.

Der französische Klimarat ähnelte an den sieben Wochenenden, an denen er für seine Beratungen zusammentrat, einem arbeitsamen Seminar: Die Teilnehmenden hörten Vorträge von Klimawissenschaftlern und darüber, wie Wohnhäuser zu isolieren und Felder klimafreundlich zu bewirtschaften seien. Sie studierten in Kleingruppen die Steuervorschriften für Aktienkonzerne und beschäftigten sich mit den CO2-Emissionen auf der Autobahn. Damit erledigten sie im Schnelldurchgang die Arbeit einer kompletten Ministerriege.

Das Prinzip Bürgerrat hatte ich vor zwei Jahren in Irland kennengelernt, wo er den Gesetzesentwurf zu Abtreibung erarbeitet hatte.

Mir scheint das eine deutliche bessere Alternative zur Basisdemokratie, in der immer die Gefahr besteht, dass die am lautesten schreienden Populisten den größten Einfluss auf die Entscheidung haben. Ob die deutsche Verfassung das wohl hergibt?

§

Immer eine gute Idee: Genauer hinsehen. Vor allem wenn eine Geschichte zu gut klingt. Auch ich kicherte am Sonntag bei der Vorstellung, die leeren Ränge bei Donald Trumps Wahlveranstaltung in Tulsa könnte von einer Welle Schabernack-Anmeldungen seiner Gegner verursacht worden sein. Im Lauf des Tages gab es erste Relativierungen, die Washington Post dröselt jetzt den Hintergrund genauer auf:
„Did TikTokers and K-pop fans foil Trump’s Tulsa rally? It’s complicated.“

Ergebnis: Der Schabernack wäre die bessere Pointe, der wahrscheinlichere Hintergrund aber ist noch viel besser – die US-Wähler haben tatsächlich umgedacht, der Trump-Populismus zieht nicht mehr.

  1. y durch (x durch 100) übrigens. []

Journal Samstag, 20. Juni 2020 – Mittsommer in der Acetaia

Sonntag, 21. Juni 2020

Unruhige Nacht, trotz kühler Temperaturen hatten die Hinterhausnachbarn wieder Balkongäste. Deren Spaß direkt unter meinem Schlafzimmerfenster (Abschied?) weckte mich um zwei trotz Ohropax, dann schlief ich ziemlich lang nicht wieder ein.

Aufwachen noch vor sieben, gelassener und gemütlicher Morgen zu grauem Himmel. Ausführliche Gymnastik, ausführliches Crosstrainerstrampeln.

Als ich zu einer kleinen Besorgungsrunde aufbrach, wurde der Himmel gerade dunkelgrau. Ich schaffte es aber, alle Vorhaben mit dem Auf- und Abschwellen des zugehörigen Wolkenbruchs abzustimmen.

Vor ein paar Wochen war mir ja eine lange Perlenkette gerissen. Einer der vielen Gründe, aus denen ich gerne in der Großstadt lebe: Mir fielen sofort zwei Läden in der Innenstadt ein, die wahrscheinlich Perlenketten knüpfen – oder zumindest einen Kontakt dafür haben. Gleich beim ersten hatte ich Glück – und der freundliche Herr mit stahlgrauer Mähne, ebensofarbigem Schnauzer und in Hippie-goes-Guerilla-Kleidung fing sofort mit der Reparatur an.

In diesen Laden war ich in genau dem Moment gebogen, als es zu schütten begann. Mir fiel ein, dass ich meine nächste Station über eine überdachte Einkaufspassage (Hofstatt) erreichen konnte. Also wartete ich nur wenige Minuten auf ein leichtes Nachlassen des Regengusses und schnellhumpelte über die Straße zur Passage. Ich schlängelte mich durch die vielen Menschen, die hier Schutz gesucht hatten, am anderen Ende der Passage wartete ich wieder kurz auf weiteres Regenabklingen und hoppelte zum Schuhgeschäft. Hier musste ich zwar warten, bis eine Höchtzahlkundin Platz für mich machen würde, wurde aber schon mal in den trockenen Eingangsbereich gebeten.

Im Laden holte ich lediglich etwas ab: Der Schuhersteller Ecco bietet die Möglichkeit, Produkte online zu bestellen und an ein Geschäft eigener Wahl liefern zu lassen. Das hatte ich mit roten Sandalen gemacht, denn von Ecco haben mir bislang alle Sandalenmodelle gepasst – und andernfalls hätte ich sie nicht nehmen müssen. Doch auch diesmal passten die Schuhe, ich kaufte.

Lebensmitteleinkäufe hatte ich eigentlich weiter entfernt geplant, doch in der Passage gab’s ja auch einen Supermarkt. Ich kehrte durch den jetzt sanften Regen zurück, besorgte Lebensmittel und Frühstückssemmeln. In der jetzigen Tröpfelstärke wurde ich auf dem Heimweg nur wenig nass.

Bei Frühstückbesorgungen hatte mich Unvernunft überwältigt: Eigentlich kaufe ich seit Jahren keine Marmelade mehr, denn wir bekommen so viel geschenkt (oder kochen selbst ein, nämlich Orangemarmelade), dass erst mal die wegmuss. Was bei unserem sehr geringen Marmeladenverbrauch sehr lange dauert. So hatte ich seit Jahren kein Pflaumenmus mehr bekommen, das ich eigentlich besonders gerne esse; gestern hatte ich trotzig eines gekauft – und genoss meine Semmeln damit sehr.

Nachmittags statt Kuchenbacken: Erdbeerschokolieren. Eigentlich hätte es die wie jedes Jahr um die Zeit auf der Geburtstagsfeier meines Bruders gegeben, doch wegen SITUATION keine Feier. Nach vielen Jahren machte ich sie also mal wieder selbst und dachte innig an meinen Bruder.

Zeitunglesen bis zu meiner Abendverabredung: Ich hatte zur Sonnwend einen Tisch in einem der schönsten Gastgärten Münchens reserviert, in der Acetaia. Nur dass halt wirklich kein Draußenwetter war, ich dieses Jahr um das Erleben der Dämmerung am längsten Tag unter freiem Himmel gebracht wurde.

Gegessen haben wir dennoch ausgezeichnet, und der Innenraum der Acetaia ist ja auch besonders schön – vor allem der Terrazzoboden entzückt mich jedes Mal.

Es gab ein Glas Franciacorta vorab (Ca’del Bosco – wunderbar), und dann, begleitet von einem Verdicchio dei Castelli di Jesi Stefano Antonucci 2017:

Rindertatar mit Fenchel für uns beide (Erkenntnis: ist mir lieber als Carpaccio).

Frische Schafskäseravioli mit Butter, Majoran und Aceto Balsamico Tradizionale – nahmen wir auch beide, jeweils eine halbe Portion.

Wolfsbarsch für mich, Steinbutt für den Herrn.

Nach Dessert war uns nicht, wir begnügten uns mit einem guten Espresso als Abschluss.

Als wir gegen halb zehn zurück zur U-Bahn-Station Rotkreuzplatz spazierten, war es noch hell.

§

Katha Seiser erklärt im ORF die Vielfalt von Kohlrabi – und ich lernte gleich mal drei Dinge: Was Kohlrabi holzig macht, warum auch im Newsletter unseres Kartoffelkombinats immer darauf hingewiesen wird, man solle den Kohlrabi ohne Blätter lagern, und was man mit diesen Blättern machen kann.
„Lebensmittelkunde Kohlrabi“.

Nachtrag: Auf instagram hat Katha aufgeschrieben, wie sie die Blätter gefüllt hat.

Journal Freitag, 19. Juni 2020 – Zahnpflege, Pralinen und Wild

Samstag, 20. Juni 2020

Gestern war komplett sportfrei, weil ich um halb acht einen Termin bei der Zahnärztin hatte (Zahnreinigung und jährlicher Check) – Aufstehen um fünf ist selbst mir als Preis zu hoch (den würde ich nur für eine hochsommerliche Laufrunde an der Isar vor der Arbeit zahlen – das Licht! -, und wir wissen, wie das derzeit mit Laufrunden ist).

Radfahren war schon wieder gestrichen: Aus dem düsteren Morgenhimmel lösten sich bereits erste Tropfen. Ich nahm die U-Bahn nach Schwabing.

Informations- und Stimmungsaustausch mit der vertrauten Zahnreinigerin (alles in Ordnung, aber schon auch Kurzarbeit seit Monaten), wieder ordentliche Zähne bekommen, Zahncheck durch Ärztin (alles in Ordnung – wenigstens dieser Teil meines Körpers widersteht weiterhin dem altersbedingten Abbau), Informations- und Stimmungsaustausch mit ihr über die SITUATION (inklusive Kurzvortrag über die Wirkung selbst von leichten Atemmasken, denen alle im Bereich Zahnmedizin aus guten Gründen und Evidenz-basiert vertrauen).

Ab neun regnete es dann in München. Und wieder kämpfte in mir der Konflikt zwischen „Der Bauer braucht den Regen“ (und wir als Kartoffelkombinat sogar sehr) und männooooooichwillaberSommer…

Gut sortierbare und machbare Arbeit in der Arbeit. Mittags Erdbeeren mit Kefir und ein Kanten Brot, nachmittags Kirschen.

Zum Schluss hatte ich noch die eine oder andere Stunde Bastelarbeit – aber nichts Gefährliches mit Tesa oder sonstigem Bapp (Bayerisch für Klebstoff) und Schere, sondern mit Software (und auch da bar jeder Gestaltung – na gut, Farbcodierung war dabei). Das machte Spaß.

Da ich eine Öffi-Tageskarte hatte, fuhr ich nach Feierabend ins Lehel: Pralineneinkauf in der Schokoladengalerie, wo man eher klassische Ware anbietet, handgefertigt. Ich bat um eine von jeder Sorte.

Auch in dieser Gegend Münchens war ich länger nicht gewesen, also spazierte ich Schaufenster- und Hauseingang-bummelnd Richtung Isartor. Und wieder überschätzte ich mein Gehvermögen, die letzten hundert Meter war mir nur langsames Trippeln möglich.

Zum Nachtmahl hatte ich mir Fleisch gewünscht (selbstverständlich mit anständigem Hintergrund). Und weil wir durch die Sendung quer am Donnerstagabend erfahren hatten, dass die Jägerinnen und Jäger derzeit (SITUATION = geschlossene Restaurants) nicht wissen, wohin mit dem Wild, das so oder so geschossen werden muss, war Herr Kaltmamsell auf den Viktualienmarkt Wild kaufen gegangen. Nach Mojitos als Aperitif (Ernteanteil-Minze) gab es Wildschweinlende mit Spitzkrautsalat (Ernteanteil) und Champignons.

Zum Nachtisch Pralinen, die hervorragend schmeckten (Lavendel!).

§

Wieder eine ausführliche (und wunderbar lesbare) Analyse der Lage Großbritanniens von Laury Penny und was das mit Downton Abbey zu tun hat.
„Tea, Biscuits, and Empire: The Long Con of Britishness“.

Every nation-state is ninety percent fictional; there’s always a gap between the imaginary countries united by cultural coherence and collective destinies where most of us believe we live, and the actual countries where we’re born and eat breakfast and file taxes and die. The U.K. is unique among modern states in that we not only buy our own hype, we also sell it overseas at a markup.

Zum ersten Mal lese ich auch explizit, wie sehr Briten weltweit persönlich von diesem Image profitieren („Living in a place where all you have to do is say something in your normal accent to be told you’re clever and wonderful is all very well, until you start believing it.“) und denke sofort an die Einwanderergeschichten nach München aus dem Bekanntenkreis: Der Brite mit amüsanten Anekdoten seiner Einbürgerungsbürokratie („They loved me!“) im Gegensatz zu den erschreckenden der Griechin (auch in bayerischen Amtsstuben kann Bestechung helfen – immaterielle, wenn man zum Beispiel bei einem Arbeitgeber angestellt ist, der unerhältlich rare und begehrte Eintrittskarten hat).

Lavish Britscapist vehicles like Downton Abbey, The Crown, and Belgravia are more popular with Americans than they are at home. Trudging through Finsbury Park in London on a cold morning last Christmas, a poster advertising The Crown had been gleefully tagged “royalist propaganda” by some local hero with a spray can. My American friends were confused when I explained this to them. “Don’t you like your royal family?” They asked. No, I explained. We like Hamilton. The stories we export lay bare the failing heart of Britain’s sense of itself in the world — the assumption that all we have to do, individually or collectively, is show up with a charming accent and say something quaint and doors will open for us, as will wallets, legs, and negotiations for favorable trade deals.

This is a scam that works really well right up until it doesn’t.

(…)

The impression I was given as a schoolgirl was that we were jolly decent to let the Empire go, and that we did so because it was all of a sudden pointed out that owning other countries wholesale was a beastly thing to do — of course old boy, you must have your human rights! Really, we were only holding on to them for you.

(…)

If you love your country and don’t own its difficulties and its violence, you don’t actually love your country. You’re just catcalling it as it goes by.

§

Der Thai Enquirer schreibt über die USA im Sprachstil, den US-amerikanische Medien sonst verwenden – herrlich entlarvend.
„Foreign Affairs: Unrest continues for a seventh day in former British colony“.

via @afelia

Apropos Umkehrungen: Letzthin dachte ich an einer Version von My Fair Lady mit vertauschten Geschlechterrollen herum (ich hörte auf dem Crosstrainer gerade „Why can’t a woman be more like a man?“): Die Suffragette aus der Upper Middle Class Ende 19. Jahrhundert, sehr belesene Linguistin mit Forschungshintergrund in den Elendsvierteln Nordenglands, die mit einer subalternen Freundin einen jungen Burschen um Covent Garden aufgabelt, der dort als Lastenträger arbeitet. Sie schließen eine Wette ab, ob sie ihn nach Generalüberholung in einen der renommierteren Londoner Clubs als Gentleman einschleusen können.
Neben korrekter/posher Aussprache bringen sie ihm Männerphrasen bei, die jede inhaltliche Aussage ersetzen und dennoch den Anschein von Checkertum verleihen – also das Pendant zum weiblichen „How kind of you to let me come“.
„Why can a man not be like a woman?“ würde ebenfalls wunderbar mit umgekehrten Geschlechterrollen funktionieren, ebenso „I’m an ordinary woman“.

Journal Donnerstag, 18. Juni 2020 – Sommerfeierabend im Seecafé

Freitag, 19. Juni 2020

Unruhige Restnacht nach Klogang, wie schon in der Nacht zuvor. Freude über das Licht, das beim Weckerkingeln das Schlafzimmer erhellte: Es kündete von blauem Himmel.

Erwähnte ich, dass mich die tägliche Orthopäden-empfohlene Gymnastik total annervt? Wo ich sonst nie verstanden habe, warum mir für meine geliebte sportliche Bewegung Disziplin unterstellt wurde, muss ich mich jetzt tatsächlich loben. (Allerdings merke ich ja an Steigerung, dass die Übungen anschlagen: Mittlerweile halte ich den Bankstütz 2×2 Minuten mit Füßeheben, beim Seitstütz bin ich bei 27 Wiederholungen – sauber ausgeführt – auf beiden Seiten.) Zur Belohnung gibts dann halt Spaß und Genuss in Form von Crosstrainer (gestern) oder Yoga.

Mein Fahrrad stand ja noch vorm Büro, also musste ich trotz schönem Wetter mit der U-Bahn in die Arbeit – die im Gegensatz zu meinen Fahrten in den Vorwochen bereits wieder unangenehm dicht besetzt war.

Endlich mal ein ruhig-emsiger Tag in der Arbeit. Mittags Quark/Kefir/Netzmelone, nachmittags eine Hand voll Nüsse. Anlass für pünktlichen Feierabend sollten wieder Einkäufe (Obst) sein, doch als sich zeigte, dass das ein sonniger Tag blieb, hatte ich eine bessere Idee: Ich verabredete mich mit Herrn Kaltmamsell im Westpark im Café Gans am Wasser. Und zwar schon um fünf!

Ich machte mich also wirklich mal pünktlich vom Acker, radelte die wenigen Minuten zum Westpark – und es war herrlich im Café.

Herr Kaltmamsell reichte Aperol Spritz an, zwischen den Gästen (ganz andere Leute als bei uns ums Eck im Schnitzelgarten) spazierten Stockenten, auf dem See, wir erzählten einander von unseren derzeitigen Lektüren.

Reichlich angetüdelt radelten wir einen mir völlig unbekannten Weg über Brücken und Stege zur Theresienwiese und gingen noch eine Runde Einkaufen im Edeka – der ja mein Edeka geworden ist und den ich bei dieser Gelegenheit mal Herrn Kaltmamsell zeigen konnte.

Frugales und köstliches Nachtmahl:

Zum frisch geholten Ernteanteil-Kopfsalat (der ein ausführliches Vollbad brauchte, da er durch Regenüberschwemmung durchgeerdet war) briet uns Herr Kaltmamsell ein Omelett.

Erdbeeren aus der Rosentagsfest-Geschenkschüssel, die die perfekte Erdbeergröße hat.
(Als Gastgeschenke hatte es vergangenes Jahr ja kleine Rosenstöckchen im Topf gegeben – und nun posten Gäste regelmäßig Fotos vom Gedeihen der ihren, meist eingepflanzt. Ich bin sehr bewegt und gerührt. Unsere sind umgehend eingegangen wie alle nicht superrobusten Pflanzen auf unserem Balkon.)

§

Das Bachmannpreislesen bekomme ich über Kommentare auf Twitter mit.

Clemens Setz bedichtet eine Nebenerscheinung der Virtualisierung des Bewerbs:
„Die Klagenfurter Räder zur Literatur“.

Bester Bachmannpreis-Sehnsuchtstweet: Blättersound.

Journal Sonntag, 14. Juni 2020 – Zurück zum kalten Regen

Montag, 15. Juni 2020

Sehr lang geschlafen – bei erstem Aufwachen um halb sechs hatte Regen gerauscht, Schlafen war ganz klar eines der Top-Vorhaben für diesen Sonntag.

Gemütliches Bloggen, gemütliche Gymnastik, gemütliches Strampeln auf dem Crosstrainer. Wie angekündigt war der Sommer ebenso schlagartig vorbei, wie er für zwei Tage gekommen war, draußen war es den ganzen Tag kalt, grau und ab Nachmittag regnerisch.

Weiterhin Specht-Show auf dem Balkon. Der ältere Jungspecht (erkennbar an rotem Fleck oben auf dem Kopf) kann jetzt allein am Knödel fressen, der jüngere (Flauschi) wird noch gefüttert, gestern von Papa.

Fürs Frühstück holte ich Semmeln. Unterwegs machte ich einen Zeitungsredakteur auf Straßenumfrage glücklich, weil ich mich auf seine vorsichtige Ansprache sofort bereit erklärte, etwas zu meinen Urlaubsplänen zu sagen und mich fotografieren zu lassen: Ich war in einem sehr früheren Leben für Zeitung oder Radio oft genug selbst in dieser unangenehmen Situation, habe kein Problem mit Öffentlichkeit (hüstel), es handelte sich um ein akzeptables Medium – und es wird eh niemand sehen, der mich kennt. Interessantes Detail: Er schrieb auf seinem Smartphone mit, tippend – fotografierte aber mit richtigem Fotoapparat.

Frühstück nach einem letzten Stückchen Lach-Tarte also zwei Semmeln. Netflix-Nutzen: Ich sah mir Tig Notaros Show „Happy to be here“ an. Unterhaltsam – aber kein Vergleich zur Vielschichtigkeit und Tiefe von Hannah Gadsby.

Eine Runde Bügeln, Nachmittagssnack eine letzte Zitronenschnecke aus der Gefriere. Familientelefonat zu Geburtstagfeiern in Zeiten der Pandemie und dem anstehenden Schulanafang mit Wechselschicht.

Zum Nachtmahl hatte Herr Kaltmamsell ein Stück Zicklein aufgetaut, das gab es langsam gebacken aus dem Ofen mit Gurkensalat.

Abendunterhaltung wieder von Arte: Billy Elliot, der mir schon seinerzeit im Kino sehr gut gefallen hatte. Und die männlich besetzte Schwanensee-Aufführung will ich immer noch sehen.

Wohnungräumen für Putzmann, schweren Herzens die nächste Arbeitswoche vorbereiten.

Ins Bett zu Regenrauschen.

§

Barack Obama über „Call-out culture“: Andere konsequent auf ihr Fehlverhalten hinzuweisen.
„If all you’re doing is casting stones, you’re probably not going to get that far.“


Durch die weitere Nutzung der Seite stimmst du der Verwendung von Cookies zu. Weitere Informationen

Die Cookie-Einstellungen auf dieser Website sind auf "Cookies zulassen" eingestellt, um das beste Surferlebnis zu ermöglichen. Wenn du diese Website ohne Änderung der Cookie-Einstellungen verwendest oder auf "Akzeptieren" klickst, erklärst du sich damit einverstanden.

Schließen