Fotos

Journal Samstag, 30. November 2019 – Gemütlicher Start ins Plätzchenbacken

Sonntag, 1. Dezember 2019

Bis kurz vor acht geschlafen – damit war die Schmerzens-Wachzeit gegen vier mehr als wieder drin.

Beim Rechneraufklappen die Nachricht von Twitter, dass ich dort vor zwölf Jahren meinen Account eingerichtet habe. Mir wurde bewusst, dass ich noch nie eine Twitterpause erwogen habe: Ein nicht-öffentlicher Account und eine sorgfältig ausgewählte Timeline samt genauso sorgfältig gesetzter Filter machen mein Leben dort aufs Angenehmste kuschlig.

Wohl erwogen, wenn auch sehr selten, habe ich Blogpausen – doch dann halte ich mir vor Augen, dass ich hier niemandem etwas liefern oder beweisen muss, dass ich auch mal bloß fünf Sätze von unterirdischer Belanglosigkeit als Journalpost des Tages veröffentlichen kann, dann geht’s wieder. Es dominiert immer noch das ungemein befreiende Gefühl kompletter Irrelevanz und erhält mir den Spaß am Bloggen. Der tägliche Post fühlt sich nie nach Mühe oder Arbeit an, ich muss mich nie überwinden oder unangenehm anstrengen; am ehesten noch im Urlaub, wenn ich am Ende eines Tages voller Eindrücke diese in einem Eintrag verarbeiten will, mit vielen auszuwählenden und zu bearbeitenden Fotos. Doch gestern las ich vor dem Bloggen erst mal noch das Vorwort von Peter Carey zu Plainsong von Kent Haruf – und begann noch währenddessen Stichworte für meinem Text darüber aufzuschreiben. Es ist mir halt ein Bedürfnis. Fisch schwimmt, Vogel fliegt, ich blogge. (Fast hätte ich geschrieben „ich schreibe“, doch vor professionellen Pflichttexten mache ich dieselben Ausweichmanöver wie jede andere durchschnittliche Lohnschreiberin auch.)

Ich entdeckte, dass im englischen Wikipedia-Eintrag über Kent Haruf nur ein Essay aufgelistet ist:

„The Making of a Writer“. Granta Magazine, issue 129: „Fate“.

Und dann fühlte ich mich tierisch bildungsbürgerlich, als ich nur aufstehen musste und zu meinem Regal mit den Grantas seit 1996 gehen, um den Text lesen zu können.

Eigentlich hatte ich nochmal zum Schwimmen radeln wollen, der Regen hatte ausfgehört, es blitzte sogar ein wenig blauer Himmel durch. Doch nach dem Bloggen war es so spät, dass ich lieber zeitsparend auf eine Runde Faszienrolle, Crosstrainer, Dehnen und Kräftigung umplante. Strampeln ging sogar 25 Minuten schmerzfrei, ich widerstand der Versuchung weiterzustrampeln.

Nach dem Duschen holte ich mir Semmeln (Herr Kaltmamsell war fort zu einer Frühstücks-Verabredung).

Zum Frühstück machte ich mir eine große Kanne Tee aus meinem feinsten Darjeeling: Ich hatte den Wasserfilter erneuert, und die ersten Liter durch frischen Filter bringen das superkalkige Münchner Leitungswasser so nah an gutes Teewasser wie möglich.

Twitterlesen, Blog-Feed, dann nahm ich mir gemütlich die Wochenend-Süddeutsche vor.

Es war bereits dunkel, als ich mich an die ersten Plätzchen der Saison machte: Teig für Gewürzblumen. Zum Kühlen über Nacht kam der Teig in den Fahrradkorb auf dem Balkon.

Zusammenstellung der Lieblingstweets des Monats.

Nachtmahl war der restliche Borscht vom Vorabend, dazu ein Glas Rosé Suez von Buhl. Abendunterhaltung aus dem Fernseher: Charlie und die Schokoladenfabrik – immer noch so schräg wie beim ersten Mal, aber nicht wirklich auf gute Art. Verdutzt stellte ich fest, dass mir der Darsteller des kleinen Charlie, Freddie Highmore, sehr bekannt vorkam, weil er derzeit als Good Doctor im Fernsehen zu sehen ist (als ich seine Biografie las, musste ich grinsen – der Anfang ist derart stereotypisch für einen britischen Schauspieler).

Journal Dienstag, 26. November 2019 – Freier Tag mit Schwimmen, Öffi-Irrfahrt, Anfassen und Kochen

Mittwoch, 27. November 2019

Ein freier Tag also. Die Idee hatte ich anlässlich des Physio-Termins am Nachmittag: Anstatt mir die Zeit von der Arbeit anzuzwacken, konnte ich doch gleich den ganzen Tag abzwacken. Ich stellte mir den Wecker eine halbe Stunde später (konnte ich gut brauchen, das Einschlafen war arg schmerzgestört verlaufen), und da Herr Kaltmamsell nicht zur ersten Schulstunde antreten musste, konnte ich ihm dennoch Milchkaffee servieren.

Noch recht früh machte ich mich auf den Weg zum Dantebad, allerdings schonend mit der U-Bahn. Im Bad war kurz nach halb zehn anscheinend gerade Schichtwechsel, mit mir kamen sehr viele weitere Frauen in die Umkleide und die Duschen. Auch die Schwimmbahnen waren so gut besetzt wie am Samstag, ich musste oft überholen (achtete bei der Beschleunigung aber darauf, nur aus dem Oberkörper zu arbeiten und die Beine weiterhin nur Anemonen-sanft zu wedeln). Aber! Es kam immer wieder die Sonne raus, ich genoss die Luft. Anschließend Dehnen im benachbarten Sprudelbecken.

Auch jetzt geriet ich in einen Schichtwechsel, die Duschen waren sogar überbelegt, manche Frauen mussten warten.

Zum Frühstück steuerte ich das Café Puck an und ließ mir von der MVV-App eine Verbindung anzeigen. Doch gestern klappte das sonst so verlässliche System überhaupt nicht: Die genannte Straßenbahnlinie gab es wohl gar nicht, zweimal verstrich die angegebene (und an der Live-Anzeige angekündigte) Abfahrtzeit an der Haltestelle, ohne dass die Tram auftauchte – ich stand 20 Minuten herum (dass eine andere Linie mich ebenfalls an den Umsteigehalt gebracht hätte, verschwieg die App). Also schlug ich mich auf eigene Faust durch, verirrte mich an der vielspurigen Kreuzung Landsberger/Nymphenburger Straße auf der Suche nach der richtigen Bushaltestelle – und brauchte insgesamt über eine Stunde für eine Strecke, die ich mit dem Rad in nicht mal 20 Minuten zurückgelegt hätte. Meine Laune war nicht mehr sehr ferienhaft (zum Glück hatte ich meinen E-Book-Reader dabei und war mit Lektüre versorgt, sonst hätte ich wahrscheinlich aufgegeben und wäre heim gefahren).

Das Café Puck enttäuschte nicht, ich frühstückte ausgesprochen feudal.

Das da rechts unten ist eine monstermäßige Brioche, warm, schwer, butterduftend. Dazu gab es Hirschschinken, Bergkäse, Zimtquark, Ei, frisch gepressten Orangensaft (ich war so durstig, dass ich mich sofort darauf stürzte), Capuccino, Apfelschorle. Und die Süddeutsche des Tages.

Nicht ganz so gemütlich wie geplant nahm ich die U-Bahn nach Hause. Dort konnte ich gerade noch die nassen Schwimmsachen zum Trocknen aufhängen, bevor ich eine S-Bahn zur Anfasserin nahm. Unterwegs las ich Shulamit Lapid, Mirjam Pessler (Übers.), Lokalausgabe aus – überraschend, denn an sich war die Fortschrittsanzeige erst bei 91%: Mal wieder bestand der Rest aus Werbung und Leseproben. Das ärgert mich immer, auch in gedruckten Büchern: Meine Leseerwartung kommt so gerade bei einem Krimi völlig durcheinander; wenn scheinbar noch ein gutes Stück Buch übrig ist, rechne ich noch nicht mit einer Auflösung des Falls. Insgesamt war mir die Hauptfigur im Verlauf dieses israelischen Provinzkrimis, Lisi Badichi, doch noch ans Herz gewachsen. Ich mochte es, an meine Wochen in Israel erinnert zu werden, amüsierte mich auch über die originalgetreue Darstellung des Alltags einer Lokaljournalistin. Und ich war mir des Alters des Romans bewusst: Es gibt noch kein Internet (meine Güte, waren Rechechern ohne noch aufwendig!) und kein Handy, Lisi hat lediglich einen Piepser.

Frau Physio ließ mich wieder auf ihrem Flur schaulaufen und war eigentlich ganz zufrieden mit der Entwicklung – in diesem Moment ging ich auch rund und hinkte nicht so heftig wie vorher am Tage. Diesmal nahm sie sich meinen zur rechten Hüfte gehörigen Fuß vor. Ich spürte, dass vor allen der Mitelfuß es nötig hatte, weil er knallhart war. Aber auch die Hüftmuskulatur bekam ihre kräftigen Hände zu spüren.

Anschließend hatte ich Einkäufe um den Marienplatz vor, fuhr also mit der S-Bahn bis dorthin durch (und sah als Aufklebern an den Fenstern zum ersten Mal Werbung für Mozillas Firefox). In der Papeterie des Ludwig Beck (danke für den Tipp!) sah ich mich gründlich bei den Notizbüchern um. Bindewerk wäre mir schon sehr sympathisch gewesen, doch in der reichlichen Auswahl gab es nur entweder ein Modell mit Haltegummi drumrum oder eines mit Einmerkeband – keines verfügte über beides (nur Kalender hätte es von Bindewerk mit meiner Idealausstattung gegeben). Meine Wahl fiel schließlich auf ein italienisches Modell von Castelli.

Im Kaufhof holte ich noch Strümpfe, Portwein und Süßigkeiten, bevor ich im Biosupermarkt Zutaten fürs Abendessen besorgte (leider kein frischer Spinat, aber ich war zu faul zu weiterer Suche, also gefrorener). Ich machte das vertraute Palak Paneer nach Germanabendbrot, dazu Naan nach einem neuen Rezept. Fürs Backen des Naan in der Pfanne  rekrutierte ich Herrn Kaltmamsell, um nicht in Hektik zu geraten.

Beides wurde ausgezeichnet, mit dem Naan war sogar der Herr zufrieden.

§

Es schrieb Direktorin Novemberregen.

Und erhielt als Antwort:

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https://youtu.be/zi8ShAosqzI

Wie großartig! Wie vielseitig einsetzbar!
(Norwegischer Humor also. Wieder was gelernt.)

Journal Sonntag, 24. November 2019 – Erster Stollen

Montag, 25. November 2019

Mittel-unruhige Nacht, mit Kopfschmerzen aufgewacht und Migräne befürchtet. Ließ sich aber mit Ibu, Kaffee und nochmal kurz Hinlegen vertreiben. Dass es doch eher Migräne gewesen war, verriet mir das Hochgefühl über das Verschwinden der Schmerzen.

Herr Kaltmamsell brachte von seiner (für meine Dimensionen) kleinen Laufrunde Semmeln mit, wir saßen frühstückend und plaudernd mit Bruder und Schwägerin zusammen, bis sie zu einem Mittagstermin in heimatlicher Gegend aufbrechen mussten.

Lust auf Sport: Crosstrainer. Eigentlich hätte ich laut Frau Physio mittlerweile sogar 25 Minuten lang strampeln dürfen, doch bereits nach 20 Minuten hätte ich über den Hüftschmerz hinweg weitermachen müssen. Wäre natürlich gegangen, ging ja viele Jahre – hat mir aber sehr wahrscheinlich meine derzeitigen Probleme eingebrockt. Danach Dehnen und zwei Runden Bankstütz.

Ich wollte den Stollen gestern möglichst komplett fertiggestellt haben, also inklussive Puderzuckerschicht nach vollständigem Auskühlen samt Einwickeln in Alufolie, also machte ich die ersten Schritte bereits vor dem mittäglichen Duschen.

Während der Stollenteig ging, gab es Frühstück – unter anderem mit Honig von Schwägerins Schwester, sehr andächtig.

Stollenbacken, Twitterlesen, Zeitunglesen.

Es war schon weit vor fünf dunkel, ich wollte aber noch eine Runde raus – um herauszufinden, wie’s draußen roch. Es war recht kühl geworden, doch ich kam ohne Mütze aus. Es roch nach wenig, gerade mal nach Herbstlaub auf dem Boden. An allen Plätzen standen bereits die Buden der Christkindlmärkte. Ich spazierte über den Gärtnerplatz zum Isartor, über den schlafenden Viktualienmarkt zurück.

Zum Nachtmahl hatte Herr Kaltmamsell ein Curry mit Lamm gekocht, dazu gab es Couscous, ich machte den Nachbarin-Salat an (mit mal einem ganz anderen Dressing, nämlich Vinaigrette auf Basis Honig-Balsam-Essig und Sonnenblumenöl).

Telefonat mit meiner Mutter (alles in Ordnung), ein Resterl Tatort im Fernsehen.

§

„My Life as a Child Chef“.

via @ankegroener

Ungewöhnliche Geschichte einer Kindheits- und Jugendleidenschaft für Restaurantküche, die eben nicht in professionellen Gelderwerb mündete.

Journal Samstag, 23. November 2019 – Mein erstes Mal Hot Pot

Sonntag, 24. November 2019

Das angekündigte Wetter lautete strahlender Sonnenschein, also legte ich meine Schwimmrunde ins Dantebad, um im Freien zu schwimmen. Nur hatte das Wetter das Memo nicht bekommen. Nicht dass es greislich gewesen wäre, aber strahlender Sonnenschein war das nicht.

Sehr spät im Jahr läuten Heckenbuche und Lärche die letzte Farbphase des Herbsts ein. Ohnehin scheint es mir, als hängten heuer die Blätter besonders lange an den Bäumen – nächsten Sonntag ist ja schon erster Advent.

Ich machte mein Schlafzimmer Besuchs-fertig: Mein Bruder und seine Frau hatten sich zur Übernachtung nach einem Fest in der Nähe angekündigt, ich freute mich auf sie.

Zum Dantebad wählte ich die Panorama-Strecke, also über Hackerbrücke, Nymphenburger Straße, Gern; leichte Mütze und Fingerhandschuhe genügten. Im Bad selbst war gut schwimmen; Zwicken in der Hüfte erinnerte mich daran, dass ich die Beine besser wirklich locker schlug und nicht mit Spannung. Brav wieder nur 2.000 Meter geschwommen, trotz großer Lust auf mehr (unter Ignorieren des Hüft-Protests).

Auf dem Heimweg kurzer Stopp an einem Bäcker am Weg. Dort legte ich Mütze und Handschuhe in den Fahrradkorb, es war so mild geworden, dass es sie nicht brauchte.

Als spätes Frühstück gab es Semmeln und Salat aus restlichem Ernteanteil-Zuckerhut (wir bekamen am Freitag zusätzlich zum Erntenanteil von einer verreisenden Nachbarin einen Kopf Salat geschenkt und jemand in diesem Haushalt, der nicht ich ist, wurde unruhig, wann denn all der Salat gegessen werden sollte).

Bruder und Schwägerin kamen, ließen nur kurz ihre Sachen da und machten sich auf eine kleine Einkaufsrunde in der Innenstadt. Später bekamen sie einfach einen Wohnungsschlüssel für möglichst eigenbestimmtes Kommen und Gehen.

Abends waren auch Herr Kaltmamsell und ich verabredet, nämlich mit zwei Freunden zum Hot-Pot-Essen im Chois.

Der Gastraum ist schlicht und schön eingerichtet, es herrschte angeregter Trubel mit vor allem jungen und vielfältigen Publikum. Unsere Freunde kannten das Lokal und konnten uns die Modalitäten erklären: Man wählt aus einem Sortiment Brühen aus (wir nahmen drei verschiedene), die in Töpfen auf den Tisch gestellt und mit Gasflamme heiß gehalten werden, außerdem Zutaten, die man darin gart. Für einen Pauschalpreis kann man zweieinhalb Stunden lang aus dem Angebot bestellen, pro Bestellrunden und pro Gast bis zu drei Zutaten aus den Kategorien Fleisch, Fisch und Meeresfrüchte, Gemüse, Nudeln (Exklusiveres wie Jakobsmuscheln kostet Aufpreis). Nach frühestens 15 Minuten kann man eine neue Bestellrunde beginnen. Das Ganze, auch die Getränkebestellung, funktioniert über ein Tablet für den ganzen Tisch.

Bild: Herr Kaltmamsell.

Wir aßen viel und lange, schwitzten, saßen bis nach Mitternacht noch über Cocktails zusammen. Gesprächsthema war unter anderem der kürzliche Segelurlaub der Freunde um karibische Inseln – und der Vergleich der sonntäglichen Stollenbackpläne, die der eine Freund und ich teilten: Der Freund hat inzwischen so viele Freunde und Familie zu versorgen, dass er in der ersten Runde zehn Stück backt und vergangenes Jahr keiner für ihn und seinen Mann übrig blieb. Ich wiederum habe dieses Jahr die Stollen für die italienische Verwandtschaft gestrichen, nachdem sie in der vergangenen Runde vier Monate bis zur Empfängerin gebraucht hatten und steinhart eingetroffen waren. (Ich zudem die Freude über Stollen von deutscher Verwandtschaft wohl ein wenig überschätzt hatte.)

Gemütlicher Spaziergang nach Hause, zum einen um die immer noch eher milde Luft zu genießen, zum anderen weil schnelleres Gehen mir Schmerzen bereitete.

Journal Freitag, 22. November 2019 – Jagd nach einem neuen Notizbuch

Samstag, 23. November 2019

Halbe Stunde vor Wecker aufgewacht. Eigentlich wollte ich noch ein wenig dösen, aber dann ging wieder Gerumpel im Müllkammerl unter meinem Schlafzimmerfenster los.

Die programmierte Waschmaschinenwäsche aufgehängt, festgestellt, dass der 25 Jahre alte Trockner entfuselt werden muss und bis dahin erst mal nicht geht, also noch mehr Wäsche in der Wohnung verteilt.

Früher in die Arbeit gefahren – zu früh, denn der Bäcker Zöttl auf dem Weg hatte noch keine Laugenzöpferl, von denen ich eines für meine Brotzeit geplant hatte, das Lieferfahrzeug legte gerade erst an. Statt dessen zwei Brezen gekauft – und jetzt weiß ich, dass der Zöttl Brezen genau so macht, wie ich sie am liebsten mag (die unkanonische Vorliebe verrate ich aber nicht, weil ich mich ein bisschen dafür schäme).

Mittags also zwei Brezen, Hüttenkäse mit dem letzten Rest Latwerge. In der Post eine besonders schöne Briefmarke.

Wissen Sie: Ich sammle nämlich Briefmarken. Das heißt: Wenn ich eine schöne Briefmarke auf einem Brief sehe, schneide ich sie mitsamt möglichst vollständigem Stempel aus (die finde ich nämlich auch interessant) und werfe sie in eine Schachtel in einem Schränkchen, das im Flur meiner Wohnung steht. Seit 18 Jahren. Wenn der Brief in meinem Sekretärinnenbüro ankommt und nicht an mich adressiert ist, frage ich die Empfängerin, ob ich die Briefmarke haben kann. In meinem früheren Berufsleben bekam ich Post aus fernen Landen, bis von Südeseeinseln, diese Briefmarken fand ich besonders aufregend. Ich habe weiterhin keine Ahnung von Philatelie, plane auch nicht, irgendwelche Alben anzulegen – ich sammle einfach. (Und sehe eine Zukunft, in der nach meinem Tod meine dann sehr spärliche Hinterlassenschaft aufgelöst wird und sich die professionellen Auflöser ganz kurz wundern, dass jemand, die so sorgfältig dafür gesorgt hat, möglichst wenig Mühe mit ihrem Nachlass zu machen und sogar Bücher, Kleidung und Geschirr in den letzten Lebensjahren fast vollständig abgeworfen hat, bis zuletzt ausgerechnet ein Kistlein Briefmarken besitzt.)

Früher Feierabend, es war noch nicht mal ganz dunkel. Ich brauche nach sechs Jahren ein neues Notizbuch, Anforderungen DinA6, liniert oder kariert, Einmerkebändchen, stabil mit einem Gummi rum (weil ich es einfach in meine Taschen werfe und es sonst aufklappen und zerküllen würde), möglichst von einem kleinen, am besten auch noch lokalen Hersteller.

Das jetzige Notizbuch hat zusätzlich eine schmale Klappe zwischen den Deckeln, die die Seiten schützt. Ich hatte es im Semikolon-Laden in der Hohenzollernstraße gekauft (Hersteller Legami Milano), und dahin radelte ich gestern wieder (ziemlich kalt, aber trocken) – nachdem ich mich im Internet versichert hatte, dass der Laden dort noch ist. Es stellte sich heraus, dass das Internet fehlinformiert war: Die Dame, die in dem Laden Werkhaus an der früheren Adresse des Semikolon stand, berichtete, dass er schon vor einem Jahr geschlossen hatte.

Ohne große Hoffnung radelte ich zu dem anderen schönen Papierladen, den ich halbwegs in der Nähe wusste, zu Carta Pura. Doch wie erwartet gab es dort zwar wunderschöne handgefertigte Schreibbücher, aber nichts davon Taschen-tauglich. Ich werde im Internet bestellen müssen.

Daheim war Herr Kaltmamsell bereits startklar für die Zubereitung des Abendesssens: Ich hatte mir Linsen mit Spätzle gewünscht. Erst mal gab es aber Wochenendanfangs-Alkohol (Gin Tonic): Oft meide ich nämlich abends Alkohol nicht nur aus Migräne-Angst, sondern auch weil ich einen klaren Kopf für Konzentration auf meine Abendlektüre behalten will. Gestern war mir das egal.

Zum Essen öffnete ich die Flasche Wein vom Vollcorner, mit der man mich vor zwei Wochen beim Einkaufen betrunken gemacht hatte:

La Marchesana Rosso Pasito, ein apulischer Primitivo, der zum Teil aus angetrockneten Trauben hergestellt ist und Restsüße hat – den konnte ich mir besonders gut zu den Linsen vorstellen. Auch Herr Kaltmamsell war angetan von dem ungewöhnlichen Geschmack, zu den Linsen passte er erst so richtig, als ein wenig Essig dran war.

Wir waren beide von der Woche erledigt und zusätzlich vom Alkohol müde, dadurch noch früher im Bett als unter der Woche.

§

Sacha Baron Cohen (ja, der), hat den International Leadership Award der Anti-Defamation League (ADL) erhalten. Auf dem ADL’s 2019 Never Is Now Summit on Anti-Semitism and Hate hielt er die Keynote Adress – nach eigener Aussage zum ersten Mal als er selbst auf der Bühne. (SO britisch!)

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https://youtu.be/ymaWq5yZIYM

Er erweis sich als kluger und beredter Denker und Sprecher (falls sie mal ein Beispiel für eine gute Rede suchen), hier der Text auch in Schriftform.

via @hatr

Unter anderem erklärt Sacha Baron Cohen die Absichten hinter seiner Art vom Comedy. Sein Argument und eine Rechtfertigung, warum ausgerechnet er die Keynote Speech hielt: Seine Witze – ebenso wie Demokratie – funktionieren nur auf der Basis eines gemeinsamen Glaubens an bestimmte Fakten (er gibt ein paar Beispiele in character).

Democracy, which depends on shared truths, is in retreat, and autocracy, which depends on shared lies, is on the march.

Er nennt die großen Internet-Konzerne die „greatest propaganda machines in history“:

On the internet everything can appear equally legitimate.

Voltaire was right, “those who can make you believe absurdities, can make you commit atrocities.” And social media lets authoritarians push absurdities to billions of people.

Cohen plädiert für eine Regulierung von Social Media Plattformen:
„Freedom of speech is not freedom of reach.“

(Mir gefällt übrigens der Titel der Veranstaltung sehr gut, „Never is Now“, weil er sich gut auf das deutsche „Niemals wieder“ übertragen lässt: Niemals wieder ist jetzt.)

§

Noch ein wenig Niedlichkeit zum Wochenende, diesmal in Comic-Form:
„Things We Realized After We Rescued a Shelter Dog“.

via @claudine

Journal Montag, 4. November 2019 – Spinnerte Kirchenglocken

Dienstag, 5. November 2019

Ein überraschend strahlender Morgen.

Weil ich vor der Arbeit noch einen Arzttermin um 8.15 Uhr gleich ums Eck hatte, musste ich später aus dem Haus. Ich nutzte die zusätzliche Zeit für das Kneten von Pizzateig, den Herr Kaltmamsell zum Nachtmahl verarbeiten würde (Gehen im Kühlschrank), und zum Pflanzengießen.

Beim Verlassen des Hauses fiel mir wieder auf, dass derzeit die Glocken von St. Matthäus verrückt spielen. Da ich seit Jahrzehnten keine Armbanduhr trage und in bayerischen Innenstädten wohne, kalibriere ich mein Zeitgefühl mit dem Schlagen von Kirchturmuhren und nehme es entsprechend stärker wahr als die Durchschnittsbürgerin. Doch schon am Wochenende, als ich beim Schlagen von St. Matthäus mitzählte, war klar, dass die vier Schläge am Morgen nicht der Morgendämmerung entsprechen konnten (St. Matthäus schlägt immer nur die Anzahl der Stunden und zur halben Stunde zweimal – anders als andere Kirchturmuhren in entfernterer Hörweite, z.B. St. Paul, die mit einer Glocke die Viertelstunden schlagen und mit einer hörbar anderen die Anzahl der Uhrzeitstunden). Gestern Morgen nun schlug eine Glocke von St. Matthäus um acht Uhr irgendwas verzagt Unregelmäßiges. Die Hund gassiführende Nachbarin, die mir vorm Haus entgegen kam, war sich mit mir einig: Jetzt gerät die Welt völlig aus den Fugen.

Beim Arzttermin wurden die Fäden an meiner OP-Wunde entfernt, Befund der Wucherungsuntersuchung war ohne solchen.

Tram und U-Bahn in die Arbeit.

Etwas verwirrende Bahnhofs-Deko: Das Siegestor rechts ist sicher nicht hier. Nachtrag: Bei nochmaliger Begegnung wurde mir klar: Das ist auch gar nicht das Siegestor, sondern das Portal zum Alten botanischen Garten – das hier tatsächlich direkt drüber liegt.

In der Arbeit reichlich Arbeit, aber nichts Schlimmes. Mittags ein mächtiges Butterbrot aus dem selbst gebackenen, nachmittags Granatapfelkerne. Das Wetter wurde grauer, es regnete hin und wieder, manchmal musste ich aber die Jalousinen gegen Sonnelicht herunterziehen.

Den Heimweg trat ich wegen Einkaufsplänen zu Fuß an. Der erste Kilometer ging wie meist gut, dann bremste mich die Hüfte. Abstecher zum Vollcorner – die elektrische Kuh mag immer noch nicht.

Daheim wollte ich dringend Alkohol, bekam einen Purple Haze (irgendwas mit Cranberrysaft, Gin, Blauem Bols, Tonic Water).

Herr Kaltmamsell hatte die vereinbarte Pizza mit Radicchio, Käsen und Walnüssen zubereitet – sehr gut.

Spätes Entspannungsbad, weil ich noch eine abends gestartete Maschinenfüllung aufhängen musste.

§

Hande hat die Untersuchung von Kate Long in Italien wiederholt: Sie hat in einem Bekleidungsgeschäft fotografiert, mit welchen Aufschriften Shirts kleinster und kleiner Kinder von Anfang an Geschlechterrollen festlegen (von wegen „sind nunmal verschieden“). Hier das Ergebnis als Twitter-Thread.

Journal Samstag, 2. November 2019 – Brotbacken, Lesen, Stricken, Kochen – ein Frauensamstag aus den 50ern

Sonntag, 3. November 2019

Wieder ausgeschlafen: Nach dem Aufwachen um sechs nochmal einzuschlafen, war eine gute Idee.

Noch vor dem Kaffeemachen Brotteig geknetet, es sollte wieder einen 7-Pfünder geben. Morgenkaffee über ausführlichem Bloggen, Twittertimeline nachgelesen.

Als ich das Brot auf dem Backofen holte, war ich auch damit fertig.

Anschnitt natürlich abends nach vollständigem Auskühlen.

Duschen und Anziehen, die Waschmaschine gefüllt und eingeschaltet, ich machte mich auf eine kleine Einkaufsrunde.

Draußen bemerkte ich, dass die Temperaturen (wie angekündigt) um mindestens zehn Grad gegenüber Allerheiligen gestiegen waren. Ich sah viele Menschen mit Jacke/Mantel überm Arm, machte zwischen zwei Einkaufsstationen einen Abstecher zurück nach Hause, um den Pulli unterm Janker abzulegen.

Zum Frühstück Semmeln vom Vortag (die guten Handsemmeln, die offensichtlich mit Sauerteig gemacht und langsam gegangen waren – ich wusste, dass die auch am nächsten Tag noch saftig sein würden), eine mit Hummus, eine mit Frischkäse und Meyer Lemon Curd.

Ich setzte mich an den Balkon und las Hayes Insomniac City aus. Zeitlich wäre danach eine Nachmittagsvorstellung im Kino drin gewesen, doch ich war noch zu sehr im Buch gefangen und wollte nicht durch eine neue Geschichte rausgerissen werden. Auch auf Zeitunglesen hatte ich aus diesem Grund erst mal keine Lust, einen Spaziergang versagte ich mir, weil meine Hüfte meldete, dass bereits die Einkaufsrunde genug Beanspruchung gewesen war.

Also kam ich auf die Idee, mein vor sechs Jahren angefangenes Strickzeug rauszukramen. Ich brauchte eine Weile, bis ich mich wieder ins (einfache) Muster reindachte, fand auch die Anleitung für den Sommerpulli aus dunkelblauem Bändchengarn wieder. Wenn ich weiterhin nur minimal Sport treiben kann, bekomme ich den vielleicht sogar bis nächsten Sommer fertig.

Dann las ich aber doch die Wochenendezeitung, bis es Zeit war, Abendessen zu kochen. Es sollte mit Ernteanteil-Schwarzkohl und -Kartoffeln Caldo verde geben (ich orientierte mich an diesem Rezept), weil mit bayerischer Kaminwurzn statt Chorizo halt Grea Caldo.

Wurde sehr gut, durch die Rinderbrühe eine richtige Festtagsversion. Zum Nachtisch Schokolade.

Im Fernsehen fand ich nach der Tagesschau rein gar nichts, was mich interessierte, las statt dessen Internet. Im Bett begann ich den nächsten Roman: Toni Morrison, Beloved.

§

Ein ganz besonderes Tänzchen im Sportstadium auf Twitter.

via @dieliebenessy

(Gibt doch sicher so ’ne Motivationspostkarte: Such dir einen Job, dessen Berufskleidung dir jederzeit Tanzen ermöglicht.)


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