Fotos

Journal Gründonnerstag, 1. April 2021 – Frühsommerspaziergang und Gründonnerstagkulinarik

Freitag, 2. April 2021

Gut geschlafen, davon einmal fast vier Stunden am Stück, beim Zwischenaufwachen schien mir der Mond ins Gesicht und ich fand das sensationell. Entspanntes Aufstehen, weil FREI!

Draußen war ein letzter strahlender Frühlingstag angekündigt mit Wärme deutlich über 20 Grad – und so geschah es. Meine Freude über die Frühsommersonne war ein wenig getrübt, weil ich die Fenster nicht lange offenlassen konnte: Der Baustellenlärm (Erneuerung Fernwärmeleitungen vorm Haus) war zu laut.

Eigentlich hatte ich den Tag frei genommen, um zusammen mit Herrn Kaltmamsell beim Umzug aussortiertes Zeugs (von viel alter Technik, meist kaputt, bis Farbreste und Renovierungsmaterial vom Einzug vor 21 Jahren) zum Wertstoffhof zu bringen – doch der Herr hatte das bereits in den Tagen davor mit mehreren Straßenbahnfahrten allein erledigt. (Wie bisher immer schon, dabei sehe ich das wirklich nicht als seine Aufgabe an.)

Ich schritt zum nächsten Ostergebäck: Spanische Torrijas.

Die neue Küche eignet sich hervorragend für eine Produktionsstraße: Aufgeschnittenes Brot, gesüßte und aromatisierte Milch, mit Eigelb vermischter Eischnee, Pfanne mit viel Fett, Reine, Zucker und Zimt zum Drüberstreuen.

Mit dem neuen Herd, Induktion, hatte ich allerdings noch ein bisschen Schwierigkeiten, weil die Pfanne nicht auf der ganzen Fläche gleichmäßig erhitzt wurde: Ein paar Torrijas wurden sehr dunkel – eine konnte man nicht anders als verbrannt nennen, ich sortierte sie aus. (Gegessen hat sie Herr Kaltmamsell, der Verbranntes gerne einfach „knusprig“ nennt.)

Selbst hatte ich gar keinen Appetit darauf, aber ich freute mich jedesmal, wenn ich in die Küche kam, an dem Duft: eindeutig kurz vor Ostern.

Für letzte Einkäufe ging ich nochmal los, in kurzen Ärmeln: Mehl im Hofbräuhaus-Mühlenladen, in der dazugehörigen Bäckerei Frühstückssemmeln, in einem Supermarkt Milch bis einschließlich Dienstag. Die Innenstadt war erträglich voll, mehr als 90 Prozent hielten sich an die Maskenpflicht. (München hat am Mittwoch die 100er-Inzidenz gerissen, das blieb gestern so, da die Infektionszahlen weiter stiegen.)

Daheim gab’s zum Frühstück Semmeln und eine Orange. Ich hatte mir ein Milchhörnchen mitgebracht: Zwar wusste ich, dass ich die in meiner Kindheit immer enttäuschend fand, wollte die Erinnerung aber auffrischen. Es ist halt recht trocken, hat aber viel Aroma.

Nachdem ich die Zusammenstellung der Lieblingstweets für März nachgeholt hatte, nutzte ich endlich das herrliche Wetter: Ich wollte an der nördlichen Münchner Isar meine frühere Laufstrecke entlang spazieren. Dafür stieg ich zum ersten Mal seit Hüft-OP Anfang Oktober wieder aufs Rad. Fühlte sich nur bei den ersten Tritten komisch an, dann war’s wie Radlfahren: verlernt man nicht.

Mittlerweile hat sich ja eine Unterstellmöglichkeit gefunden: Nachbarn hatten dafür gesorgt, dass ein kleiner Betriebsraum, vom Müllhäuschen aus zugänglich, zum Abstellen genutzt werden darf, jetzt haben wir einen Schlüssel dazu. Das ist deutlich bequemer als ein Hochtragen in den dritten Stock (der aktuelle Mietvertrag untersagt das Abstellen von Fahrrädern in der Wohnung, verpflichtet zum Abstellen im Fahrradkeller – den es halt nicht gibt).

Die Radwege waren sehr belebt, ich fuhr lieber langsam und vorsichtig statt auf Tempo (Radeln nach Hüft-OP ist ja deshalb im Stadtverkehr riskant, weil man abrupt abspringen müssen könnte). Unterwegs stieg ich kurz ab, um dieses Foto aufzunehmen.

Maximilianswerk mit Zulauf des Auer Mühlbachs.

Ich stellte mein Rad an der Luitpoldbrücke ab, bat den Friedensengel, ein Auge darauf zu behalten, und marschierte los. Anderthalb wundervolle Stunden mit Bewegung in kurzen Ärmeln, mit einer Brise voll Frühlingsdüften, Wassergeräuschen (die Isar hatte Normalstand), Vögeln, nicht allzu vielen Menschen – allein dafür hatte sich der Urlaubstag gelohnt.

Beim Heimkommen sah ich, dass die Kastanien vorm Haus Pfötchen geben.

Die dunklen Wolken wurden immer mehr, es gab sogar ein kurzes Gewitter.

Mit dem Abendessen rundete Herr Kaltmamsell den Gründonnerstag kulinarisch ab:

Grie Soß. Zum Nachtisch hatte ich dann doch Lust auf Torrijas.

Der Herr war abends mit Freunden zu einem Online-Treffen verabredet, ich las Internet und Buch.

Journal Dienstag, 30. März 2021 – Ernsthaft Frühling

Mittwoch, 31. März 2021

Nachts oft aufgewacht, aber immer wieder schnell eingeschlafen. Dennoch sehne ich mich nach mehr als zwei Stunden Schlaf am Stück.

Fußweg in die Arbeit in strahlender Frühlingssonne, die sich den ganzen Tag hielt.

Die Entscheidung gegen Friseur aus Infektionsvorsicht wird inzwischen immer schwieriger: Ich ertappte mich bei der Kopfbewegung Pony-aus-Gesicht-schleudern. (Kann ich an mir nicht ausstehen.) Daheim behelfe ich mich mit Haarspangerl, aber das sieht halt wirklich bescheuert aus. So neige ich derzeit dazu, meinen Termin in einer Woche tatsächlich wahrzunehmen.

Mittags gab es eine Scheibe selbstgebackenes Brot mit Paprikaspeck, Birne, Apfel. Am Nachmittag ein Stück schwarze Schokolade.

Wundervoller Heimweg in warmer Sonne, ich gönnte mir einen Blumenstrauß im Blumenladen. Die Frühlinssonne der vergangenen Tage hatte Büsche und Bäume zum Blühen gebracht. (Schon vergangene Woche hatte ich Schlüsselblumen gesehen.)

Daheim stellte ich nur kurz Zeug ab, dann holte ich bei einem Kartoffelkombinats-Genossen den neuen Jahrgang Solidarisches Olivenöl aus Lesbos. Draußen Menschen in sommerlicher Kleidung, für meine Kostümjacke war es eigentlich zu warm.

Herr Kaltmamsell hatte zum Abendessen aus Ernteanteil-Kartoffeln und -karotten eine Suppe gekochte, sie schmeckte sehr gut. Abendunterhaltung war die vierte Folge von Good Omens.

§

Seit Montag ist das Containerschiff Ever Given frei, der Stau im Suez-Kanal löst sich langsam auf. Wie die Befreiung technisch funkionierte:
„Als würde ein Zahn aus dem Kiefer gerüttelt“.

(Man ist vermutlich alt, wenn man sich noch an Red Adair erinnert.)

§

Der Mann mit dem möglicherweise besten Oscarverleihungs-Kleid jemals, Billy Porter, im Interview mit der InStyle:
„Billy Porter Is Finally Free“.

„I used to get frustrated that women could wear whatever they wanted and men had to show up in the same penguin suit,“ he says. „The reason why women wearing pants is considered OK by society’s standards is because it comes from the patriarchy. The patriarchy is male, so suits are strong, and anything feminine is weak. I was sick of that discussion, and I knew my platform allowed me to challenge it.“

Dass Frauen sich wie Männer kleiden (also Hosen tragen), ist leichter zu akzeptieren, weil es als Eroberung der höherwertigen, männlichen Welt angesehen wird. Dass ein Mann sich auf die niedrigere, schwache Ebene herablässt und einen Rock, ein Kleid trägt, erntet deutlich größeres Unverständnis (kurze Erinnerung an das ikonische Kleidbild von Iggy Pop?). Aber vielleicht ändert sich das ganz, ganz langsam – irgendwann kann vielleicht jeder im Sommer zum bequemen und luftigen Wickelrock greifen (und wir lästern lediglich, dass man diese! Socken! also wirklich nicht dazu tragen kann).

Journal Sonntag, 28. März 2021 – Auer Mühlbach revisted

Montag, 29. März 2021

Herr Kaltmamsell hat Osterferien, das bedeutet, dass er mir einen Tag des Wochenendes zur Verfügung stellen konnte: Wir wollten den Spaziergang den Auer Mühlbach entlang wiederholen, den wir vor neun Jahren zum ersten Mal gemacht hatten. Ich war ihn seither zwar nochmal allein, auch mal mit Besuch gegangen, doch mit Herr Kaltmamsell nicht.

Am Vormittag hatte ich eine Runde Reha-Kraftgymnastik gemacht, meine Matte auf einem sonnenbeschienen Stück Parkett im Wohnzimmer ausgerollt: Der Tag war wie angekündigt herrlich sonnig.

Zum Frühstück gab’s zwei Scheiben vom Samstag gebackenen Brot (also halbe Scheiben, weil ich den riesigen Laib immer viertle und drei Viertel einfriere, eins zum Gleichessen behalte), eine mit Käse, eine mit Butter und Marmelade.

Für den Spaziergang reichte eine leichte Wanderjacke überm kurzärmligen Shirt, wir nahmen die U-Bahn nach Thalkirchen.

Erst mal gingen wir an den Anfang des Auer Mühlbachs, wo er vom Isarkanal abzweigt und unter der Isar durch führt (Düker).

Am Kreuzweg vor der Marienklause werden Wildpiesler vergrämt. Hier sahen wir bereits durch eine Lücke im Zaun zum Tierpark Eisbären, vom Weg über dem Tierpark aus dann Seehunde beim Training (Herr Kaltmamsell hat mich möglicherweise für alle Niedlichkeisgefühle verdorben, als er meinte: „Sehen eigentlich aus wie Nacktschnecken.“) und hinunter auf den Pavianfelsen, beim Absteigen des Harlachinger Bergs erspähte ich noch einen Elefanten.

An der Kraemer’schen Kunstmühle die traurige Info, dass das Café Fausto es nicht durch Corona geschafft hat und schließen musste.

Zumindest das (vom Auer Mühlbach angetriebene) Wasserkraftwerk in der Mühle ist noch zu sehen.

Das Templer-Kloster, dessen Hintergrund die Süddeutsche vor ein paar Jahren mal recherchierte, am Tor Info-Blätter, wie die Essensausgabe an Bedürftige in Corona-Zeiten abläuft.

Auch Giesing hat einen Schlittenberg. Beim Wegbiegen von der Falkenstraße gesehen: Das Restaurant Österia gibt es nicht mehr (aber vorne noch den Weinhandel Ösiwein).

Mondstraße (verdenkmalt in Sigi Sommers autobiografischem Roman Und keiner weint mir nach) mit abgefahrener Hausschild-Typografie.

Hier stand mal die Paulaner-Brauerei.

Das ehemalige Zuchthaus ist immer noch Baustelle, wie schon vor zwei Jahren – nur dass das Gerüst inzwischen ziemlich mitgenommen aussieht und nach Renovierungsruine. Eigentlich sollte das Projekt (Luxuswohnungen, was sonst) bereits 2017 fertig geworden sein. Oder dann doch zumindest 2020?

Den Kunstbunker gibt’s noch.

Bislang war ich immer nur bis zum Müller’schen Volksbad spaziert, diesmal begleiteten wir den Auer Mühlbach bis an sein Ende.

Hier verlässt er das Muffatwerk.

Er fließt parallel zur Isar, bis er zu Füßen des Maximilianeums zum letzten Mal verschwindet.

Im Maximilianswerk dient er ein letztes Mal der Stromerzeugung (wir hörten es darin rauschen und brummen), und vom gegenüberliegenden Ufer sieht man, wie er unter zwei dunklen Torbögen in die Isar fließt.

Nachtragsbild vom 1.4.: Maximilianswerk und Zufluss zur Isar.

Die Strecke war durchaus menschenreich gewesen, doch es funktionierte ganz gut mit dem Ausweichen. Auffallend viele Bärlauchsammlerinnen und -sammler in den Grünanlagen.

Wir spazierten weiter bis zur Haltestelle Bayerisches Nationalmuseum und ließen uns von der Tram nach Hause fahren.

Es war dann doch keine gute Idee gewesen, gar kein Wasser mitzunehmen, ich hatte nach den zweieinhalb Stunden vor Durst Kopfweh. Daheim also erst mal zwei Gläser Wasser runtergestürzt, dann gab es Kuchen. Nämlich:

Dieses Ostern steuere ich einen internationalen Back-Overkill an: Torrijas UND Hot Cross Buns UND Osterzopf UND Colomba pasquale UND Pinzen UND polnischen Mazurek. Wobei ich noch am ehesten auf den gewohnten Osterzopf verzichten könnte und die Colomba gern erst mal kaufe. Doch als ich Herrn Kaltmamsell meine Pläne erzählte, warf er sich in die Brust und behauptete, Hot Cross Buns seien SCHON IMMER seine Sache gewesen. Na gut, also war er am Sonntagvormittag backend in der Küche gestanden, und jetzt wartete beim Heimkommen frisches Hefegebäck auf uns:

Nicht so fluffig wie in England gekaufte, aber sehr aromatisch und saftig.

Ein bisschen Internetlesen, bis es Zeit war, das Sonntagabendessen zu kochen. Herr Kaltmamsell hatte Hirschlende gekauft, die er zubereitete, ich machte dazu aus dem Ernteanteil-Weißkraut Bayrisch Kraut. Die Hirschlende kam in drei Formen auf den Teller: In der Pfanne gebraten, im Ofen gegart und Sous-vide, die letzten beiden in der Pfanne nachgebraten.

Und dann sah ich von der Küche aus den Vollond und freute mich wieder sehr an der neuen Wohnung.

Journal Samstag, 27. März 2021 – Schneller Netzkabel-Kauf in Zeiten der Pandemie

Sonntag, 28. März 2021

Nicht so lang geschlafen wie erhofft, mit Kopfweh aufgewacht (der Alkohol?).

Nach dem Morgenkaffee machte ich mich ans erste Brotbacken in neuer Küche, vor allem mit neuem Ofen: Meine Häusemer Bauerekrume machte keinerlei Probleme.

Backen bei Tageslicht! Ich bin immer noch geflasht.

Während das Brot im Ofen buk, wieder eine Stunde die Nachbarschaft mit Crosstrainerstrampeln bequietschknarzklackt. Herr Kaltmamsell hatte seine Einkaufsrunde darauf abgestimmt, ich musste also seinetwegen kein schlechtes Gewissen haben.

Zum Frühstück gab es gekauftes Baguette mit Resten des Avocado-Salats vom Vorabend, das Durchziehen über Nacht hatte dem Geschmack gut getan (vielleicht zweite Chance?).

Das Netzkabel meines Laptops hatte am Vorabend den Geist aufgegeben – Katastrophe, weil ohne Strom kein Computer. Ich hatte noch vor dem Schlafengehen online ein neues gekauft, zum Abholen im Apple Store am Marienplatz. Für dieses Abholen hatte ich gleich einen Termin buchen müssen.

Das Wetter hatte wie angekündigt umgeschlagen, es regnete mit teils heftigem Wind, war deutlich kühler geworden. Am frühen Nachmittag spazierte ich zum Marienplatz, vor vielen Geschäften in der Sendlinger Straße standen Schlangen. So auch vor dem Apple-Laden, ein freundlicher Security-Mitarbeiter stellt neu eintreffende Kundinnen und Kunden auf Bodenmarkierungen. Ich bekam mit, dass es Termine für Reparatur, Abholen und „Shoppen“ gab. Ein weiterer freundlicher Mitarbeiter am Eingang und mit Kopfhörerverbindung zu anderen Stellen im Haus glich die Angaben der Anstehenden auf einem iPad mit seiner Terminliste ab. Bevor ich zu einem Verkäufer vorgelassen wurde, maß ein weiterer Mitarbeiter meine Temperatur, ich musste meine Hände desinfizieren, dann an einer Theke in der Nähe des Eingangs bei einem weiteren freundlichen Mitarbeiter meine Kontaktdaten angeben. Der Verkäufer veranlasste auf seinem Smartphone das Bringen meines Netzkabels, bis es da war, machte er Technik-Smalltalk; die Erkundigung nach meinem aktuellen Rechner endete – wie ich es bei Apple gewohnt bin – mit der Freude über die Haltbarkeit meines Geräts („So ist es gut.“), nicht etwa mit Neukauf-Überredung. (Ob das Gespräch auch so verlaufen wäre, wenn es sich um iPhones gedreht hätte?)

Herr Kaltmamsell hatte kurzfristig kandierte Früchte als Backzutat auf die Einkaufsliste gesetzt, ich spazierte durch die Fußgängerzone (deutlich zu voll für enstpanntes Gehen) zum Stachus und in den dortigen Edeka (leer, Hauptkundschaft sind hier halt doch Touristen und Pendlerinnen). Ich hatte anschließend eine Radfahrt in die Maxvorstadt geplant, doch der heftige Wind und die dunklen Wolken ließen mich umplanen: Am Hauptbahnhof nahm ich eine U-Bahn. Espressokauf in der Augustenstraße, zurück nach Hause ging ich zu Fuß. Mit der Zeit verstand ich das derzeitige Corona-Einkaufssystem: Für das Betreten von Läden braucht man einen zuvor vereinbarten Termin.

Zu Hause hatte ich wieder Hunger, es gab Brot sowie Orange und Apfel mit Joghurt.

Gemütliches Zeitunglesen im Sessel. Die Wochenend-Süddeutsche hatte meinen Wehlaut „Warum hört denn keiner auf die Experten, die seit einem Jahr Recht hatten!“ zu ihrem Aufmacher gemacht:
„Die Politik versucht es ohne die Wissenschaft“.

Während Herr Kaltmamsell in der Küche stand und das Abendessen kochte, holte ich die Yoga-Einheit vom Freitag nach – minus der sechs Anfangsminuten, in denen Adriene über das Atmen redet, allein schon, weil so langer Schneidersitz dann doch meinen Hüftgelenken weh tut. Und weil ich mit ihren Ausführungen nichts anfangen konnte.

Nachtmahl war auf meinen Wunsch ein Garnelen-Kokosmilch-Curry (aus der Lameng, kein Rezept), köstlich. Dazu ein Gläschen Verdejo vom Vorabend.

Dann versuchten wir es mit Seriengucken: Seit mir der Roman so gut gefallen hatte, hatte ich Good Omens im Hinterkopf, Herr Kaltmamsell hatte das zum Angucken nötige Abo bei Amazon abgeschlossen. Die erste Folge war schon mal nett, die Off-Erzählerin (Frances McDormand!) sorgte dafür, dass einiges vom Sprachwitz der Romanvorlage übertragen werden konnte.

Journal Freitag, 26. März 2021 – Sharon Dodua Otoo, Adas Raum, plus Containerschiffhumor

Samstag, 27. März 2021

Noch eine gute Nacht, ich wachte kurz vor dem Weckerklingeln auf. Mittlerweile weckt mich die Tageshelle, ich werde zumindest fürs Wochenende die Rollläden nachts dagegen herablassen müssen – nach der Zeitumstellung sollte es wieder ein paar Tage ohne gehen.

Im neuen Bad fehlt noch ein Regal, deshalb stehen meine Parfüms in einer Schachtel auf dem Fensterbrett. Aus dem Flacon mit dem Restchen eines Lieblingsparfüms von vor 30 Jahren war ein wenig ausgelaufen und duftete mich hin und wieder ganz leise an – ich entdeckte, dass es mir wieder ganz ausgezeichnet gefiel: Scherrer 2. Gestern benutzte ich es, und war über den Tag so begeistert, dass ich mir ein frisches Fläschchen bestellte (gab es zum Glück bereits 25 ml klein, bei meinem geringen Verbrauch ist alles andere überdimensioniert).

Ruhiger Tag in der Arbeit, draußen war es mild und meist sonnig. Auf dem Heimweg sah ich viele kurze Ärmel – das ging vom Schnee am Wochenanfang sehr schnell. Kurze Einkäufe im Vollcorner, Check meiner Referenzmagnolie, die sich jetzt voll ins Zeug wirft.

Daheim schneller Wechsel in Yogakleidung. Die Einheit musste ich allerdings im letzten Drittel abbrechen, weil die Übertragung meines Rechners zum Fernseher plötzlich weg war – Umbau oder Fehlersuche waren mir zu umständlich, ich verschob die Runde auf Samstag.

Zum Abendessen gab es Artischocken mit Ajoli-Dip, dann einen Avocado-Salat aus der New York Times.

(Nein, das schaffte ich bei Weitem nicht.)

Die Artischocken waren sehr gut, der Salat eher enttäuschend, unter anderem weil ihm die Säure fehlte. Davor Cosmopolitans, dazu Verdejo.

§

Donnerstag hatte ich Sharon Dodua Otoo, Adas Raum ausgelesen. Ich mochte, wie die Geschichten der verschiedenen Adas durch die Jahrhunderte ineinander verschwammen, wie in einem Absatz die scheinbar selbe Figur im Ghana des 15. Jahrhunderts und im heutigen Berlin ein Kind von Cash erwartet. Auch mochte ich die Vielfalt und Vielschichtigkeit der zahlreichen Frauenfiguren (für männliche Figuren blieb leider nur Holzschnitt). Mir gefiel der rote Faden des Perlenschmucks, der in jeder der Geschichten auftaucht, auch wie komplett unterschiedliche Konzepte von Familie, Gemeinschaft und Alltag unerklärt nebeneinander gestellt wurden. Die Zeitschleifen dieser Handlungen und Personen finden sich auch in den Kapitelüberschriften, von denen einige „Schleife“ enthalten.

Am lebendigsten wurde der Roman für mich im letzten Fünftel, das in Berlin spielt: Diese Ada ist eine Einwanderin aus Ghana mit britischem Pass und sucht zusammen mit ihrer deutschen Schwester eine Wohnung. Vielleicht konnte ich deshalb am meisten damit anfangen, weil ich diese Welt aus eigenem Erleben kenne.

Doch ich kam nicht mit der Erzählperspektive zurecht: Otoo gibt die Stimme Gegenständen aus der Ich-Perspektive – einem Besen, einem Zimmer, einem Türklopfer, einem Reisepass, einem Windstoß. Das könnte poetisch wirken, doch mich befremdete es bis zum Eindruck der Albernheit: Sprechende Gegenstände kenne ich sonst aus Disneyfilmen (siehe Beauty and the Beast mit Kaminuhr, Teekanne, Kerzenleuchter als Charaktere) oder der Werbung („Ich war eine Dose“). Ich kann mir die Technik zwar als Alternative zum allwissenden Erzähler erklären (sogar eine Motivation dieser Allwissenheit gibt es: Gott taucht regelmäßig auf), doch das kam nicht gegen das Kindergeschichten-Gefühl an. Auch Shirin Sojitrawalla fragt in ihrer Rezension im Deutschlandfunk:

Bei Licht betrachtet ergibt sich aus ihrem Verfahren jedoch wenig inhaltlicher Mehrwert, die Dinge erzählen nicht viel über das Offensichtliche hinaus, was zur Frage führt, welchen Zweck dieses Erzählen erfüllt?

Diese für mich so befremdliche Erzählhaltung hatte Otoo schon in der Geschichte verwendet, mit der sie 2016 den Bachmannpreis gewonnen hatte (außerdem seltsam angestaubte Kultur-Klischees).
„Herr Gröttrup setzt sich hin“.

§

Sie haben ja sicher inzwischen alle das Containerschiff-Drama im Suezkanal mitbekommen: Seit 24.3. blockiert die auf Grund gelaufene Ever Given, siebtgrößtes Containerschiff der Welt, den Suezkanal und damit den weltweiten Warenverkehr. Da ich eine Vergangenheit im Schiffsmotorenbau habe, bin ich nicht so leicht davon zu überraschen, wie hoch die Menge an Gütern ist, die in riesigen Containerschiffen zu uns transportiert wird. (Weswegen ich mir ja immer auf die Zunge beiße, wenn wieder jemand die entsetzlichen Mengen klimaschädlicher Gase durch Schweröl-betriebenen Schiffsverkehr entdeckt: Runtergerechnet aufs Kilo Ware ist Lkw-Transport klimaschädlicher. Was nicht bedeutet, dass man lange Transportwege nicht meiden sollte. Aber wie bei halt allem: Es ist kompliziert. Unter anderem weil das böse – und verführerisch billige – Schweröl ein Abfallprodukt der Erdölverarbeitung ist, das so oder so anfallen würde und auf diesem Weg zumindest zu etwas nützt. Ob die Reinigung der resultierenden Emissionen verbessert werden müsste, ist wieder eine andere Frage.)

Vor allem aber stürzt sich mein Internet mit Verve auf das Thema, weil es eine hochwillkommene Abwechslung zu allem Corona-Bezug bietet. Der Guardian hat englischsprachige Memes gesammelt:
„Suez canal drama – and a tiny bulldozer – inspire wave of memes“.
(Hier ein Bonus-Scherz von @DB_Cargo.)

Es gibt eine Website, die zu nichts anderem dient als herauszufinden:
„Is that ship still stuck?“

Und nachdem Zehntausende letztes Jahr von Bundestrainer auf Epidemiologen umgelernt haben, werden jetzt alle Technisches Hilfswerk und haben Ideen, wie man die Ever Given freibekommen könnte.

Ich stelle mir vor, dass an Bord durchgehend diese Variante des Wellerman gesungen wird.

Und wie man das Viech freikriegt, wüsste ich auch.

Journal Samstag, 20. März 2021 – Fernsehfund

Sonntag, 21. März 2021

Unruhige Nacht für uns beide. Während Herr Kaltmamsell schon vor sechs aufgab, versuchte ich mit Erfolg nochmal zu einzuschlafen und wachte erst nach sieben auf.

Zubereitung des Morgenkaffees mit diesem Ausblick vom Küchenbalkon.

Ich sehnte mich arg nach schweißtreibendem Sport – aber QuietschKlackerKnarz. Deshalb schob ich den Crosstrainer in die Küche, an den am weitesten von Herrn Kaltmamsells Arbeitsplatz entfernten Ort in der Wohnung. Wozu ich bald um des Herrn Hilfe bat, denn die Rollen am Crosstrainer gaukeln einen deutlich einfacheren Transport vor, als er dann tatsächlich war. Ich strampelte mit schönem Ausblick, immer wieder fiel Schnee.

Mittägliche Einkaufsrunde, draußen war es mindestens so kalt, wie es aussah: Semmeln beim Bäcker, Zutaten fürs Abendessen beim Basitsch, im Blumenladen am Stephansplatz kaufte ich eine Lage Primeln, zu denen mich diese Schüssel gelockt hatte.

Zum Frühstück gab’s eine Semmel mit Avocado und zwei Scheiben Nusskuchen. Mit einer Siesta Schlaf nachgeholt.

Einrichtungsdinge gestern: Ein Loch gebohrt zur Stabilisierung eines Buchregals, im Bad Hinterlassenschaften der Vormieter überm Waschbecken entfernt, und zwar einen riesigen Flüssigseifenspender, einen Magnetseifenhalter und zwei Halterungen, deren Zweck sich nicht erschließen ließ. Nach Internetrecherche entfernte ich die mannigfaltigen Kleberreste mühevoll, aber letztlich erfolgreich mit der Rasierklinge (Werkzeug zur Kochfeldreinigung).

Zeitunglesen im Sessel, bis es Zeit fürs Abendessenkochen war (Herr Kaltmamsell überließ die Küche mir): Es gab Pastinaken und Karotten aus Ernteanteil als Ofengemüse, dazu Sauerrahm mit Kresse. Drinks: Highballs aus Ginger Ale und Canadian Whisky.

Abendunterhaltung: Die Medienseite der Süddeutschen Zeitung hatte mich auf eine norwegische Fernsehserie in der ARD-Mediathek aufmerksam gemacht, deren Grundannahme sich sehr interessant las – Beforeigners. Weltweit tauchen Menschen aus der Vergangenheit im Meer auf, zu vielen tausenden. Die Serie spielt einige Jahre später in Oslo, wo Menschen aus der Steinzeit, der Wikingerzeit und aus dem 19. Jahrhundert Teil der Gesellschaft geworden sind, bei Weitem nicht integriert. Hauptfiguren sind ein Kriminalkommissar mit (natürlich) persönlichen Problemen und die erste Polizistin mit „multitemporalem“ Hintergrund. Wir sahen zwei Folgen an, und ich freute mich sehr daran, wie das Thema Einwanderung und Diversität über diese Analogie durchgespielt wird, die Herkunftsort mit Herkunftszeit ersetzt – inklusive nEhMEn uNS dIe fRauEn WEg, falsch ausgesprochenen Namen und völlig un-stereotyper Genderverteilung im Ermittlerpaar (die Zeitreisende war Wikinger-Kriegerin).

(Zweckpessimismus: Wenn die Serie mir gefällt, bedeutet das, dass sie nicht kompatibel mit dem Programmprofil ist und nach der ersten Staffel wieder abgesetzt wird. Meh.)

Journal Freitag, 19. März 2021 – Weiterhin Schnee, erstes Kuchenbacken in neuer Küche

Samstag, 20. März 2021

Schon wieder verschlafen (um 10 Minuten), ich muss meinen Smartphone-Wecker näher heranrücken.

Draußen hielt sich der Winter, den ganzen Tag über schneite es immer wieder.

Hübsch, aber an einem 19. März komplett unnötig: verschneiter Bavariapark.

Im Büro ohne Ausweichbewegungen sofort die Panik-Aufgabe vom Vortag angegangen (mir war nachts ein Work-around eingefallen, der zum gewünschten Ergebnis führen konnte): Drei Stunden ultra-konzentriertes Arbeiten, jetzt sollte das hoffentlich erledigt sein.

Der Donnerstag fühlte sich ja abschließend wie Superdeppen-Fiasko an, dabei hatte er mit einem für mich typischen Erfolgserlebnis begonnen: Ich hatte ein komplexes, mittelgroßes Unternehmensproblem gelöst, das kaum jemand als Problem auf dem Schirm gehabt hatte. Gestern wurde ich cc gesetzt, wie jemand meine Lösung gleich praktisch anwendete, und das freute mich sehr. (Doppelte Arroganz: Ich fühle mich ersetzbar, weil ja ohne mich niemand diese Probleme hat, die ich ans Licht zerre. Und wenn sie ohne mich explodiert wären, hätte sie sicher auch niemand als wirklich schlimm empfunden – nur ich, SUPER-SHERLOCKINE, erkenne die ganze Tragweite.)

Heimweg in einem weiteren Schneegestöber, auch solche Anblicke halte ich für unangebracht:

Ich machte mich sofort ans Backen des ersten Kuchens in neuer Küche, eines „So backst du saftigen Nusskuchen besser als deine Oma“. Tatsächlich hatte mir nur das schlichte Rezept gefallen, der Text passt eh nicht dazu und sieht nach 90 Prozent SEO aus zur Maximierung von Traffic, den bereits seit vielen Jahren Algorithmen zusammenstellen statt Redakteurinnen. Nusskuchen besser als meine Oma zu backen, und hier fange ich gar nicht erst mit den Gender-Stereotypen an, die sich selbst 2021 backende Opas nicht vorstellen können, ist die einfachste Übung der Welt, denn meine spanische Yaya buk überhaupt keinen Kuchen (Kuchen kaufte man in Spanien zumindest damals zu besonderen Anlässen beim Bäcker oder in der Pastelería und machte ihn nicht selbst), meine polnische Oma ließ Kuchen grundsätzlich zu lange im Ofen, ihre waren immer sehr trocken.

Herr Kaltmamsell hatte sich Nusskuchen gewünscht, er bekam Nusskuchen (wenn auch mit gemahlenen Mandeln, weil die halt noch da waren). Die Handgriffe und Orte beim Backen müssen sich noch einrütteln in der neuen Küche. Ich fürchte, unser Brotkasten wird rausfliegen: Nimmt viel zu viel Platz weg an strategisch wichtigen Plätzen, wird dafür viel zu wenig genutzt.

Alkohol zum Einläuten des Wochenendes: Prosecco mit Aperol. Herr Kaltmamsell servierte das besonders hübsche und wohlschmeckende Nachtmahl:

Tahini-Hähnchen auf Hummus mit Kichererbsen-Chips, Frühlingszwiebeln und Knoblauch.

§

Auch diese Folge maiLab empfehle ich sehr: „Wie sicher ist AstraZeneca wirklich?“

Aktivieren Sie JavaScript um das Video zu sehen.
https://youtu.be/oBLQmE-nG60

§

In den meisten Hetero-Familien sind es die Mütter, die sich um die Haushaltslogistik kümmern, meist vom Rest der Familie ohne Anerkennung als selbstverständlich hingenommen. Ich weiß, dass sehr viele davon träumen, einfach mal ein paar Tage das ständige Hinterherräumen und -putzen bleiben zu lassen, um diesem Rest vor Augen zu führen, dass es nicht von allein passiert. Eine, @MissPotkin, hat es durchgezogen – und zum Glück für uns alle dokumentierte sie es auf Twitter.


Durch die weitere Nutzung der Seite stimmst du der Verwendung von Cookies zu. Weitere Informationen

Die Cookie-Einstellungen auf dieser Website sind auf "Cookies zulassen" eingestellt, um das beste Surferlebnis zu ermöglichen. Wenn du diese Website ohne Änderung der Cookie-Einstellungen verwendest oder auf "Akzeptieren" klickst, erklärst du sich damit einverstanden.

Schließen