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Journal Dienstag, 10. Juli 2018 – Bewegungs-App-Test

Mittwoch, 11. Juli 2018

Gestern klappte das Aufstehen für Morgensport: Ich genoss das Dreiviertelstündchen Rundum-Krafttraining sehr und schwitzte.

Der Tag war bewölkt, die Arbeit viel. Gemütliches Heimgehen mit viel PokémonGo.

Zuhause Waschmaschine angeschaltet, aus Ernteanteil-Karotten Brotzeit für Mittwoch gekocht, Zehennägel entlackt (abgebeizt?). Herr Kaltmamsell servierte zum Abendbrot Bandnudeln mit Karottengrün-Pesto, sehr gut.

Meine Suche nach dem Moves-Ersatz geht weiter, ich habe alle Tipps mal angesehen:
– Endomondo zählt nur, wenn man ein Training startet. Und beim Schwimmen kann ich das Telefon ja nicht anschnallen, aber die Einheit auch nicht nachträglich eingeben.
– Fitbit hieße Kauf eines zusätzlichen Dings. Das hatte ich vergangenes Jahr mit mi-Band durchgespielt, dessen kleine Kapsel ich im BH tragen konnte (ich finde die Armbänder hässlich) – aber trotzdem irgendwann verlor. Und das Schwimmen nicht als Bewegung zählte, mir aber auch kein manuelles Eintragen ermöglichte.
– Auf Twitter schlug man mir Sports Tracker vor: Auch hier wird nur gezählt, wenn ich ein „Training“ starte, ich müsste das Telefon beim Schwimmen am Körper tragen – was nicht geht, und manuelle Einträge sind nicht vorgesehen.

Kann es sein, dass Moves wirklich etwas Besonderes war? Die App ist im Hintergrund immer aktiv (außer ich schalte sie aktiv aus) und merkt selbst die Bewegungsform (na ja, manchmal muss ich korrigieren, mein rasches Gehen wird zum Beispiel gerne als Radfahren interpretiert). Ich muss nichts starten und kann die App einfach vergessen, abends checken und notfalls korrigieren, ich kann Sport wie Schwimmen oder Krafttraining, bei dem ich das Telefon nicht am Körper habe, einfach nachtragen.

Heute probiere ich noch die Arc App aus.

Journal Montag, 9. Juli 2018 – Auf der Suche nach einer neuen Bewegungs-App

Dienstag, 10. Juli 2018

Unruhige Nacht, in einer der Wachphasen Wecker von Morgensport auf kein Morgensport vorgestellt.

Durch den schönen Sommertag nochmal über die Theresienwiese in die Arbeit spaziert, eines der letzten Male vor Sperrung für Oktoberfestaufbau.

Kommentatorin Annette wies mich auf den Feuilletonaufmacher der SZ hin, featuring meinen gelben Zauberrock.

Da konnte ich den freundlich nachfragenden Kolleginnen doch gleich mal ein Urlaubsbild zeigen.

Nach Feierabend über Bank und Süpermarket nach Hause, zum Nachtmahl bekam ich Brokkoli nach Ottolenghi.

Wie sehr die Schritt- und Sportzählerei meinen Hang zur Zwanghaftigkeit verstärkt, ist eh offen (ich ertappe mich dabei, auf ständiges Tragen des Handys im Büro zu achten, denn nur ein gezählter Schritt ist ein getaner, GELL?!). So oder so macht meine kostenlose App Moves zum Monatsende dicht – weiß jemand Ersatz? Runtastic hat bei meinen Versuchen vor einem Jahr immer wieder ausgesetzt, verlässlich sollte die App schon sein. Sie sollte außerdem Schritte automatisch mitzählen (bei Runtastic musste ich das Zählen jedesmal als „Training“ starten). Und sie sollte mir ermöglichen, Sporttätigkeiten wie Schwimmen oder Langhanteltraining manuell einzugeben. Gestern Abend sah ich mir Gyroscope und Map My Fitness an, doch die konnten mindestens eines davon nicht.

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Nochmal zurück zum Bachmannpreis. Wie immer werden in der Berichterstattung der Bewerb als solcher, seine Modalitäten, die Beurteilungen und die Preisverteilung in Frage gestellt. Da sie sich in den verschiedenen Medien aber mindestens so sehr widersprechen wie auch diesmal wieder Juryurteile direkt nach den Lesungen und Begründungen der Preise – kann das Ganze so falsch nicht sein.

Zum Beispiel Wiebke Porombka für die Zeit, deren Favorit der Gewinnertext war:
„Vergangenheit ist eine Last“.

Anders liest sich der Bericht von Carsten Otte in der taz:
„Klappe halten und nachdenken“.

(Mit „Ich bin aus dem Internet“ wie Bov habe auch ich mich in den vergangenen Jahren in Klagenfurt regelmäßig erklärt, wenn Verlags- oder Zeitungsmenschen ein Gespräch mit mir begannen – in meinem Fall allerdings um gleich mal klar zu machen, dass ich total unwichtig und kein potenzieller Networking-Kontakt bin.)

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Zwei Jahre PokémonGo:
„The Quiet, Steady Dominance of Pokémon Go“.

via @tknuewer

Journal Sonntag, 8. Juli 2018 – Klagenfurt-München

Montag, 9. Juli 2018

Zu früh aufgewacht, dennoch keine Lust auf eine Laufrunde.
In Ruhe Kaffee getrunken (aus mitgebrachter Cafetera und mitgebrachtem Espressopulver), Internet gelesen, Ferienwohnung geräumt, Koffer gepackt.

Im Garten des ORF-Studios verfolgte ich die Abstimmung zu und Verleihung der Preise mit. Den Bachmannpreis bekam die klassisch erzählte, aber doch eher schlichte Geschichte mit aktuellem Setting: Tanja Maljartschuks „Frösche im Meer“. Ich bin weiterhin überzeugt, dass Bovs Bjergs Text um Klassen besser war – und konstruiere mir einfach zurecht, dass die Jury davon motiviert war, ein arrivierter Autor habe weniger vom Preis. Bov bekam dann den Preis des Deutschlandfunks. Hier alle gestern ausgezeichneten Texte und Autorinnen.

Abschied von anderen Bachmannpreis-Schlachtenbummlerinnen, durch die warme Sonne zum Bahnhof gerollkoffert. Brotzeit musste ich mir nicht kaufen, ich hatte noch Joghurt, Brot, Tomaten und Käse übrig, die ich mir für die Wohnung besorgt hatte.

Ich sah viel aus dem Fenster, las auch das irische Literaturmagazin The Stinging Fly – und wusste sehr schnell, warum ich englischsprachige Literatur so schätze und bei deutschsprachiger schon froh bin, wenn ich über keine groben handwerklichen Schnitzer stolpere: Adrian Duncan schreibt mit „Prosinečki“ eine Fußball-Kurzgeschichte, die mich richtig fesselte – und Sie wissen, wie verschwindend gering mein Interesse an Fußball ist. Duncan schafft es, mit der Schilderung von Spielzügen aus der Sicht eines Spielers und der Geschichte seiner Karriere unangestrengt über grundsätzlich Menschliches zu erzählen. Gut, das eigentümliche Format der Bachmannpreisgeschichten, kürzer als übliche Romanauszüge, länger als eigentliche Kurzgeschichten (immer wieder wirken die Texte gestreckt), ist eine besondere Formalie, aber genau solche Überraschungen wie eine elegante Welterklärung durch Fußball erhoffe ich mir jedesmal, wenn ich nach Klagenfurt fahre. In der englischsprachigen Literaturwelt muss ich nur das nächstbeste Magazin aufschlagen.

Umsteigen in Salzburg, der Regionalzug von dort nach München füllte sich von Halt zu Halt mit immer mehr Radlerinnen und Wanderern. Im warmen, sonnigen München überraschte mich Herr Kaltmamsell mit Abholung am Bahnhof. Ich freute mich sehr, ihn in die Arme zu schließen.

Journal Samstag, 7. Juli 2018 – Bachmanpreislesen 2018, Tag 3

Samstag, 7. Juli 2018

Zwischenfall am dritten Tag: Im Publikum kippte jemand um (Kreislauf), worauf eine Lesung unterbrochen wurde. Gelernt, dass Friedrich Torberg mal Jurymitglied beim Bachmannpreislesen war. Und dass mich drei Tage Sitzen körperlich deutlich mehr anstrengen als sechs Tage Wandern.

Literatur gab’s auch: Heute quer durch Genres, Themen und Mittel. Ich verfolgte wieder alles im Studio mit.

Es begann Jakob Nolte mit „Tagebuch einer jungen Frau, die am Fall beteiligt war“. Ich fand die Urlaubsgeschichte ganz nett, zuckte allerdings bei der Nennung von Markennamen zusammen (mein Kracht-Trauma ist tief), brachte den Text nicht so recht mit dem Titel zusammen, war irritiert durch sprachliche Fehler, die nicht erst eine Lektorin, sondern auch die liebe Tante Trudi korrigieren hätte können, mochte aber, dass immer wieder Vergleiche auftauchten, deren ausführliche Erklärung Hintergrundgeschichte erzählten.
(Das war die Lesung, die wegen einer umgefallenen Dame unterbrochen wurde. Nolte sehr souverän, fragte nach einem Arzt.)

Gmünder pickte sich zunächst den Bogen Sternenhimmel am Anfang – Versinken in diesem Himmel am Ende heraus, wies aber auch gleich darauf hin, dass niemand Tagebuch schreibe wie in diesem Text. Vielmehr sei er eine „Selbstvergewisserung“, ein „Umfassen der Realität, des Gesehenen“. Er habe das Geheimnisvolle gemocht, den Text aber insgesamt nicht recht fassen können. Weiter ging Keller: Sie sei „mit diesem Text nicht warm geworden“. Die Figuren hätten sie nicht angesprochen, auch kritisierte sie die vielen sprachlichen Fehler.

Die jederzeit enthusiastische Wilke äußerte ihren Eindruck, der Text sei ein Piranha, der darauf warte, „dass wir hineinspringen in seine Falle“ (Preis für das biologisch am wenigsten korrekte Bild der drei Tage). Sie sah „tolle Stellen“ und Formulierungen, eine „brillante Literatursimulation“, der es „jederzeit um ästhetische Positionierung“ gehe.

Auf die sprachlichen Fehler ging Winkels genauer ein: Er sah hinter ihnen Absicht, der Text „dekonstruiert klassische Erzählformen“, sei ein „romantisches Großereignis“, „das Kaputte am Text großartig gestaltet“ (Szenenapplaus im Publikum). Keller hätte gerne gewusst, wodurch man gewollte und ungewollte Fehler unterscheiden könne, bekam aber keine Antwort.

Kritisch äußerte sich Gomringer: Sie sah in der Schlussszene eine Avatar-Filmphantasie, eitel und selbstverliebt.

Kastberger lobte die Geschichte, mochte die „nachdenkliche Art“, war gefesselt durch die Sprache, verwies auf die literarische Tradition, über die eigenen Darstellungsmittel zu reflektieren. Allerdings mochte er nicht glauben, dass das eine weibliche Perspektive sei. Es folgte eine seltsame Diskussion, ob es sich um einen langsamen oder einen schnellen Text handelte, in der das vorkommende Kokain eine Rolle spielte.

Wiederstein sah sich positiv gelangweilt und lobte das Motiv des Ennui.

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Stephan Groetzner las „DESTINATION: AUSTRIA“. Schon sein Vorstellungsfilm hatte es vermuten lassen: Österreichbeschimpfung als absurdes Sprachkunstwerk an der Grenze zur Lyrik. Das Wort „Brabantbuntbarsch“ spielte seine Hauptrolle souverän, ich fühlte mich gut unterhalten. (Und freute mich, dass auch ohne Burkhard Spinnen ein Burkhard-Spinnen-Text dabei war.)

Wilke nahm das Werk als „Parodie auf die Situation hier“, sogar verschiedene Parodien: James Bond, der Wettbewerb, Provinz, Ineinanderdrehung von Verhältnissen. Wiederstein hatte recherchiert und festgestellt, dass kaum etwas in dem Text erfunden war, selbst die Wundermaschine gebe es. Für ihn behandelte er die Suche nach Identitäten, den Zustand einer Gesellschaft.

Gomringer lobte die extreme Präzision, die durch die getragene Sprache unterstrichen werde; sie sei gar nicht mitgekommen, weil so viel drin stecke. Winkels assoziierte Sacha Baron Cohen-Satire, äußerte Respekt vor der Sammlung an Elementen aus vielen Jahrhunderten, doch der Text bleibe „in der plakativen Aufmachung stecken“.

Keller hingegen fand ihn „toll gemacht“, eine Groteske, eine „K.u.K.-Kollage mit Knalleffekten“, sprach von einem „traurigen Clown“. Kastberger wieder war überhaupt nicht unterhalten: „Dieser Text ist blöd.“ Er „basiert auf einer Drogenerfahrung, die Droge heißt Österreich.“ Als Österreicher habe er all diese Schmähungen schon zu oft gehört, und meistens auch noch besser.

Ja, stimmte Gmünder zu, das sei ein Tripp, „ein Sprachtripp“, eine Reise ins wilde Österreich. Der ihm aber gefalle.

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In der Mittagspause Begegnung mit Friedrich Torberg, nämlich in einem satirischen Bachmannpreis-Zusammenschnitt, der seit zwei Tagen durch mein Internet gereicht wird und nun in der Übertragung gezeigt wurde:

Aktivieren Sie JavaScript um das Video zu sehen.
https://youtu.be/_AjxZZyYfVs

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Vorletzte Kandidatin: Özlem Özgül Dündar und ihr Romanauszug „und ich brenne“. Ich lese ja nie mit und lasse mir nur vorlesen, sehe erst jetzt, dass der gedruckte Text ein Wörtermeer in Kleinbuchstaben und ohne Interpunktion ist – das muss anstrengend gewesen sein für die Jury.

Ich mochte die Geschichte, vor allem wie sie sich indirekt durch die mündliche Rede von vier Müttern entfaltet. Dass Dündar aus Solingen kommt, hatte ich vorher gelesen, das in Kombination mit dem türkischen Namen und dem Titel der Geschichte ließ mich an den Brandanschlag vor 25 Jahren denken, bevor ich auch nur ein Wort gehört hatte. Die Geschichte vertiefte diese Verbindung. Rausgerissen wurde ich lediglich durch sprachliche Inkonsistenzen in der Mündlichkeit: Wer zum Beispiel spricht wie Mutter 2, sagt nicht „hitziger Teenager“.

Gomringer nannte den Text „furios“, lobte das mündliche Erzählen, bezeichnete es als „Sprachwucht“. Keller äußerte sich begeistert von dem „Verschwimmen von innen und außen“, auch der verschiedenen Mütter, Mütter der Opfer und der Täter. Auch Medienkritik sei eingebaut, „unbequemerweise“ in der Perspektive der Opfermutter.

Wiederstein hob die alltägliche Begegnung hervor, die zweimal auftaucht, die Sprachlosigkeit, die Entscheidung für Nichtreden – und kannte zu meiner Verblüffung offensichtlich den Solinger Brandanschlag nicht als historisches Ereignis. Winkels informierte ihn. Für Winkels war der Text eine Trauerlitanei in bedrängender Schleifenform; die Gleichförmigkeit ent-differenziere.

Kastberger warnte, der Bezug zum Anschlag sei nicht im Text selbst, er habe das Netz Mütter-Töchter beim Lesen auch so gebildet, und da die Geschichte lediglich ein Auszug sei, hoffe er auf mehr. Wilke äußerte sich überrascht, dass der Text nicht auf Widerstand stoße, weil er schließlich sehr riskant sei: durch die Anschläge von Solingen und Mölln im Hintergrund, durch die Komplexität, die aus so etwas schlichtem wie einem Gruß durch Nicken geholt werde.

An den Redundanzen störte sich Wiederstein, außerdem sei die Geschichte „an vielen Stellen zu explizit“, und die Figur von Mutter 4 eine zu viel. Ein wenig ging es dann noch um die Rolle der Mutterschaft: Für Gomringer hätte es auch einfach „Frau“ lauten können, Winkels, Wilke und Keller beharrten aber auf dem Pietá-Motiv.

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Der nächste Autor, Lennardt Loß, schüttete mir leider mit seinem Vorstellungsfilm das Kraut aus. Ihn interessieren „die kleineren Leute“, „die Boxer“, „die Arbeiter“, weil er in seinem Akademiker-Milieu keine Geschichten findet. Herr Akademiker geht also zum Geschichtenfinden in den Kleine-Leute-Zoo. Ich stellte mir diese Aussagen sofort umgekehrt vor: Eine Fleischerin, die sagt, sie interessiere sich viel mehr für studierte Leute, am besten reiche. Deren Geschichten fände sie einfach viel spannender als die ihrer Fleischereikollegen.

Und dann kam mit „Der Himmel über 9A“ auch noch feinste Testosteronliteratur. Eine klassisch geschriebene Abenteuergeschichte auf zwei Zeitebenen, sauber gemachte Flughafenlektüre (Unterschied vielleicht, dass die Abenteuer-Frau einige Chuck-Norris-Moves draufhat) mit RAF-Flüchtling, Flugzeugabsturz, BRD- und DDR-Geschichte im Hintergrund. Für Klagenfurt eher selten.

Wilke war auch davon sehr angetan, sah Schuld und Sehnsucht nach Buße, freute sich über den gut recherchierten Hintergrund zu den genannten Berufen, interessierte sich für die Personen. Letzteres tat Winkels ausdrücklich nicht, er sprach auch von „Räuberpistole“ – außer, bot er an, das sei keine realistische Geschichte, sondern die Phantasie von jemandem mit großer Flugangst, der darin mal kurz 80 Jahre deutsche Geschichte unterbringe. Denn „als realistische Geschichte geht die gar nicht“.

Klassisches Erzählen diagnostizierte Kastberger, das „ein außergewöhnliches Ereignis spezifisch gestaltet“ – hier seien es allerdings ein paar außergewöhnliche Ereignisse zu viel. Und dann auch noch die Schlusszene als Mischung aus Titanic und Life of Pi: „Völlig unglaubwürdig.“

Gmünder mochte den Humor in existenziellen Situationen (ich hatte hard boiled-Lakonik assoziiert), führte die Überfrachtung darauf zurück, dass der Erzähler seiner Geschichte nicht genug vertraue. Keller freute sich daran, wie diese „aberwitzige“ Geschichte aus der ganzen Welt Dinge zusammengesucht hatte, fleißig recherchiert, aber „unheimlich zusammengezwungen“.

Die „lässige Erzählhaltung“ gefiel Gomringer, auch dass „so viel anzitiert“ werde; für sie hatte die Schlussszene etwas von Loriot. Sie fand die Geschichte „gut und bündig zusammengesetzt“. Wiederstein sah einige schöne Bilder, fand sich an den Typus des 68er-Machos erinnert, der derzeit zum Jubiläum oft beschrieben werde. Eine politische Lesart sei für ihn im Shoppingkatalog am Anfang und dem absurd teuren Stift am Ende enthalten: Die Hauptfigur lasse den Schweinekapitalismus hinter sich.

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Draußen ein echter Sommertag, ich entschied mich dennoch für Bloggen statt Strandbad (erinnern Sie mich daran, dass ich für Klagenfurt vielleicht doch kein Leihrad brauche).

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Die Sicht von Andrea Diener auf den dritten Lesetag: „Räuberpistolen aus der Arbeiterkneipe“.

Freitag, 6. Juli 2018 – Bachmannpreislesen 2018, Tag 2

Freitag, 6. Juli 2018

Das Wichtigste vorweg: Bov Bjergs Text, auf den ich sehr hingefiebert hatte, war nicht nur sehr gut, sondern in einer anderen Liga als der Rest – auf fast schon unfaire Art. Und die Jury bemerkte die Qualität. @demhoferseikatz hat mich beim Zuhören eingefangen:

Doch auch insgesamt war das ein erntereicher Lesetag mit einigem Bemerkenswerten, den ich durchgehend und frei von Kopfweh im Fernsehstudio verbrachte.

Das größte Wagnis bisher ging die erste Autorin des Tages ein: Corinna T. Sievers zeigte sich im Vorstellungsfilm als Zahnärztin der bösartigsten Klischees, als sehr schlanke Blondine in der Praxis, am Klavier, im teuren Geländewagen – es fehlte nur, dass sie an einem FDP-Wahlplakat mit ihrem eigenen Konterfei vorbeifuhr. Und las dann eine Geschichte vor, in der eine sehr schlanke, langhaarige Zahnärztin in ihrer Praxis eine Männer-Pornophantasie auslebte: „Der Nächste, bitte!“ Ein so aggressives Verwirrspiel mit den Rollen Autorin/Erzählerin habe ich schon lange nicht mehr erlebt. Der pornografische Text hingegen befremdet mich wie alle platte Pornografie das tut.

Auch die Jury äußerte im Lauf der Diskussion die Sorge, ob Sievers am Montag ihre Praxis wieder in Betrieb würde nehmen können. Doch erst mal sprach Winkels von einem „ungewöhnlichen Text“ und verdutzte mich damit, der „sehr explizit das Begehren einer Frau benennt“. Er warf die Frage nach dem Adressaten auf: die Sachlichkeit und die szientistische Sprache weise auf eine Akademie hin. Keller bemerkte die klinische Sorgfalt, doch ihr war der Text nicht radikal genug: Er bleibe stecken „in der Pose der Provokation“. Auch Gmünder hatte sich mehr gewünscht als „pornografische Kälte“, die Wilke als „mit Handschuhen und Mundschutz geschrieben“ bezeichnete. Letztere interessierte sich mehr für den Ekel, der am Anfang thematisiert wurde. Auch sie sah die Provokation, insgesamt aber eine nachgeschriebene Männerphantasie.

Gomringer hatte die Geschichte als Erfahrung einer ungewöhnlich liebenden gelesen, sie interessierte sich für die Seitenfiguren und hätte gerne gewusste, wie es mit ihnen weitergeht. Ihr zufolge wurden die Motive Tierisches, Ärztin und Märtyrergedanke behandelt. Kastberger erzählte den Schwank, wie er vergangenes Jahr in Klagenfurt zum Zahnarzt musste, an der Geschichte war ihm die Form sehr aufgefallen: Klassisches pornografisches Setting, Kammerspiel mit Regieanweisungen, doch nur eine Verschiebung der Perspektive auf die Frau war ihm zu wenig. Diese Pespektive bezeichnete Wiederstein als „womansplaining“, in dem der Mann nur „herumliegen und abladen“ dürfe.

Als ringsum Vergleiche mit erotischer Literatur durch die Nationen und Jahrhunderte fielen, nahm Keller das als Beweis, dass dem Text zu viel fehle, sonst bräuchte es beim Reden darüber nicht so viel „literaturwissenschaftlichen Stützbeton“ (mein Postkartenausdruck des Tages). Innertextlich ging es noch um Männer/Frauen (Gomringer: „mit männlicher Kraft erzählt“), Schmutz und Macht.

§

Selbst hatte ich ganz andere Sorgen: Ich wusste nicht, woher ich atmen sollte. Meine Sitznachbarin verströmte eine ultrapenetrante Parfumwolke, die auch nach einer Stunde nicht schwächer geworden war. Sollten Sie mich bei den ersten beiden Lesungen also hinter Sievers und dann Ally Klein mit seltsam weggedrehtem Kopf gesehen haben: Ich versuchte irgendwie an parfumarme Atemluft zu kommen. Deshalb und weil ich im Büro ein ähnliches Problem habe: Bitte, bitte gehen Sie sparsam mit Parfum um. Wenn Sie einen Duft schon etwas länger verwenden, das heißt mehr als einen Monat, nehmen Sie ihn selbst kaum mehr wahr: Bitte verwenden Sie nicht so viel, bis Sie ihn selbst wieder riechen, Sie belästigen Ihre Umgebung.

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Ally Klein las „Carter“. Wieder hörte ich sehr Körperliches, doch jetzt in noch mehr Details und praktisch ohne Handlung: Reines Setting zur minutiösen Schilderung zweier Panikattacken – die auch in einem Panik-Crescendo vorgetragen wurden. Aus meiner Sicht eine gelungene schreiberische Etüde, doch mich würde das Ergebnis der Übungen mehr interessieren als die Übung.

Winkels thematisierte eingangs die Vortragsweise, hatte in dem langsamen Finden von Sinneswahrnehmungen eine Kosmogonie entdeckt. Für Gmünder hatte der Text einen „Sog von Anfang an“, er mochte das Präzise. Gomringer zählte einige der vielen Fragen auf, die der Text offen ließ (Gefangenschaftszenario?), fand ihn beklemmend. Für Kastberger erzeugte der Titel „Carter“ einen Spannungsbogen, den dorthin führe der Text, für Keller hatte er „die Sprache zum Labor gemacht“. Wiederstein sprach von einem „Adoleszenztext“, der geradezu organisch funktioniere.

Kritik äußerte Winkels an der Unterkomplexität, Wilke an der Ungenauigkeit: Das sei ein Theatertext, der den Vortrag brauche. Genau diese Ungenauigkeit bezeichnete Wiederstein als „Schwungmasse“ – und damit hatte mich die Diskussion verloren. Am ehesten verstand ich dann noch die Hinweise auf das Motiv des Unheimlichen.

§

Während Tanja Maljartschuk ihre Geschichte „Frösche im Meer“ las, entspannte sich das Publikum sichtlich. Ich unter anderem, weil ich mich aus der Parfumwolke wegsetzen hatte können, aber ebenso wie der Rest des Studios, weil wir jetzt eine richtige, klassische Geschichte hörten.

Gomringer machte sich über diese Erleichterung möglicherweise ein wenig lustig, als sie dem Publikum den Gedanken unterstellte: „Endlich Literatur.“ Wilke wies darauf hin, wie das Innenleben der Figuren nicht erzählt, sondern gezeigt werde, lobte das Fehlen von Gefühlsduselei. Kastberger zählte die positiven Aspekte auf: Einfache Geschichte, Motivation klar, Hintergrund sehr hart, Einsamkeit der alten Frau und des Migranten, „die Verlage werden sich darum reißen“.

Nun entspann sich eine Diskussion, ob der Hauptcharakter Petro eine Verliererfigur sei oder nicht – kommt halt sehr darauf an, was man als Erfolg definiert. Wiederstein kehrte zurück zu literarischen Aspekten, indem er darauf hinwies, dass der Text eine große Nähe zu seinen Figuren herstelle, was zu Empathie und Demut führe.

§

In der Mittagspause setzte ich mich um: Von den beiden Nachmittagslesern wollte ich beim Lesen nicht nur die Hinterköpfe sehen.

Bov Bjerg las „Serpentinen“. Und mei: Er kann’s halt. Vom irreführenden Einstieg über das Motivsetzen und Erzählen durch Dialoge bis zum Schließen von Verbindungen zwischen Innen und Außen ohne Vorspiegelung von erzählerischer Unschuld. Bov versteht sein Handwerk meisterlich. Ich war sehr gerührt und dann freute ich mich wie bescheuert.

Wilke sprach von einem „spektakulär unspektakulären“ Text, Winkels sah die Parallelen zwischen Erdgeschichte und Genealogie, sah die Schnitte und Risse in beidem. Die kurzen Einheiten gäben dem Text „etwas Freies“, das Ende sei ein utopischer Ausblick. Er lobte auch die spezielle Kunst, mit Dialogen zu erzählen.

Gmünder gestand seine grundsätzliche Sympathie für Texte mit Vätern und Kindern, er benannte auch die gut eingebauten Leerstellen: Fehlen der Mutter, mögliche Flucht. Wilke arbeitete heraus, wie zentral der Begriff „Versteinerungen“ sei, unter denen der Vater in mehrfacher Hinsicht leide, wie sehr ihn belaste, dass er seinem Kind schaden könne. Keller wies auf die zwei Ebenen der Kommunikation hin, die äußere mit dem Kind und die innere der Erzählerfigur, nannte die Geschichte einen „radikalen Text“.

Wiederstein war die Rolle der Provinz wichtig, die als Katalysator wirke, Schauplatz von Brüchen und Veränderungen. Winkels sah die Verzweiflung über den Zustand der Zivilisation wiedergegeben, und das mit lyrischen Mitteln. Kastberger war das Motiv der Wurzeln aufgefallen, die tief in die deutsche und österreichische Nachkriegszeit reichten, und der innere Konflikt des Vaters. Auch für Gomringer war die Geschichte „ein ausgezeichneter Text“.

§

Zuletzt las Anselm Neft „Mach’s wie Miltos!“, sehr dynamisch und dramatisch mit Rollen. Ich mochte die verschiedenen Zeitstränge, die Detailarmut in der Beschreibung eines Obdachlosenlebens, das Verwirrspiel der Realitätsebenen.

Die Jury schien erstmal überfahren, Winkels äußerte sich verstimmt über die „Massivität“, mit der er zu Mitleid gebracht werden sollte, er fühle sich „erpresst“ und nannte den Text „überinstrumentiert“. Auch Wilke fand die Geschichte „überfrachtet“: Obdachloser, Verlust, Miltos, Kritik an Angestelltengesellschaft – und dann auch noch der Hund. Außerdem habe die Schnitttechnik bei ihr Skepsis erzeugt: Damit würden oft Schwächen verdeckt. Gmünder sah nicht Schnitte, sondern Stationen und lobte die Exposition; doch auch er sah einen Text, der zu viel wolle. Gomringer fand hingegen diese „Fülle gut orchestriert“.

Eine spannende Lesart bot Wiederstein an: Was, wenn nicht Miltos der unsichtbare, halluzinierte Freund sei, sondern alles andere erfunden? Keller sah sehr viele Stellen in der Geschichte als offen an und gab zu, dass sie Anselm Neft gerne fragen würde, was er von der Diskussion der Jury halte. (Winkels: Das wäre dann eine andere Veranstaltung.)

Kastberger vermutete, dass der Text für die Bühne gemacht sei und dort mit seinen plakativen Effekten und Stilfiguren besser gewirkt hätte.

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Kurzer Austausch mit Bekannten, vage Verabredung zum Abendessen.

Hier trage ich weitere #tddl-Berichte nach, zum Beispiel
Andrea Diener, „Probebohrungen bei der Pornozahnärztin“.
Modeste, „Der dritte Tag (tddl)“.

Journal Donnerstag, 5. Juli 2018 – Bachmannpreis 2018, Tag 1 Nachtrag abends

Freitag, 6. Juli 2018

Nach sieben tröpfelte es gestern nur noch, also nahm ich die Einladung der Klagenfurter Bürgermeisterin ins Schloss Maria Loretto (Vorsicht Ton!) an. Der Wohungsvermieter hatte mir auf meine Bitte ein Fahrrad bereit gestellt, erst bei näherer Betrachtung stellte es sich als Spielzeug heraus statt als Verkehrsmittel: Keine Schutzbleche, kein Licht. Jetzt war es allerdings zu spät für ein Umschwenken. Ich hatte mich wegen des Wetters ohnehin nicht abendfein umgezogen, das Sommerkleid würde den Spritzwasserstreifen am Rücken aushalten müssen, nachts würde ich die fünf Kilometer zurück ohne Licht halt auf Nebenstraßen und sehr, sehr vorsichtig fahren.

Wir wurden ausgezeichnet und großzügig bewirtet (die Sparzeiten mit Nudelbuffet sind vorbei), ich tauschte mich mit einer fröhlichen Tischrunde über die Texte des Tages aus, plauderte dabei unter anderem auch mit dem Bachmannpreiskandidaten Anselm Neft.

Eine meiner Tischdamen erzählte von einem Telefonat mit ihrem sechsjährigen Sohn, dem sie diesen Lesewettbewerb erklärt habe. Er habe zunächst an Vorlesewettberwerb gedacht, doch in Klagenfurt gewinne ja die beste Geschichte. Enttäuscht sei er lediglich gewesen, dass bislang keine Drachen vorgekommen seien. Anselm Neft äußerte daraufhin die Einschätzung, sein Text könnte einem Sechsjährigen durchaus gefallen, und jetzt bin ich noch gespannter als ohnehin schon auf den Freitagnachmittag.

Ich verabschiedete mich wieder früh und kam heil zurück in die Innenstadt. Mehr noch als das fehlende Licht irritierten mich die schwimmenden breiten Reifen dieses eventuell Mountainbikes.

Journal Mittwoch, 4. Juni 2018 – Reise nach Klagenfurt

Donnerstag, 5. Juli 2018

Früh zog ich zum Bahnhof, es war überraschend warm in München (vermutlich sogar genug für Balkonkaffee).

Ereignislose Fahrt im Railjet (ich möchte jetzt aber doch mal den Jet-Antrieb gezeigt bekommen), interessiert Zeitung gelesen, stirnrunzelnd Buch, die Sitzhaltung immer wieder millimeterweise nachjustiert wegen Bandscheiben-induzierter Hüft- und Beinschmerzen.

Am Bahnhof Klagenfurt zerplatzte meine Hoffnung auf Kofferunterstellung in einem Schließfach:

(Aber the Kipferl are alright). Also rollkofferte ich an den Neuen Platz, ich war hungrig. Das gleichnamige Café war leider kein Kaffeehaus, ich bekam nichts zu essen. Dafür wurde ich zu meinem Cappuccino rundum zugeraucht. Das Wetter war warm und sonnig, ich zog weiter an den Domplatz und ließ mich auf einer schattigen Bank nieder. Bis sich ein Frau neben mich setzte und eine Zigarette anzündete. Die restliche Zeit bis zur Schlüsselübergabe verbrachte ich unberaucht in einer Grünanlage.

Meine Unterkunft ist die kleine echte Wohnung eines jungen Manns mit Hanteln unterm Wohnzimmertisch und wenigen Büchern, über die Hälfte davon christlich. Passt schon. Lebensmitteleinkauf bei Billa, die Selbstzahlerkasse durchgespielt (fast perfekt, nur hatte ich mein Obst nicht abgewogen).

Abends Eröffnung der Tage der deutschsprachigen Literatur im ORF-Theater, einige vertraute Bloggerinnen getroffen, Bov Bjerg die Hand geschüttelt und ihn ermahnt, sich zu benehmen. Vor den Studioeingang im Obergeschoß konnte man sich nicht mehr setzen, der Bereich war abgesperrt. Wie ohnehin alles deutlich reglementierter und abgesperrter war als bei meinem letzten Besuch vor drei Jahren (sichtbare Sicherheitskräfte!).

Ich verfolgte die Reden, die Auslosung der Lesereihenfolge, die „Rede zur Literatur“ von Feridun Zaimoglu im Garten des ORF-Theaters auf Bildschirmen, hin und wieder regnete es. Zaimoglus Rede beeindruckte mich sehr, hier ist sie nachzulesen. Überraschenderweise ist sie nicht als Gedicht gesetzt: Er hatte sie so klar rhythmisch vorgetragen, ihr Takt unterstrichen mit der rechten Hand, das ich das erwartet hatte.

Am Tisch unterhielten wir uns noch eine ganze Weile darüber, dazu ein Glas Wein. Später als sonst verabschiedete ich mich, heim zu einem Butterbrot (ans Essens-Angebot im ORF-Theater war praktisch kein Durchkommen) und zum Bett.


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