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Journal Donnerstag, 31. Dezember 2020 – Nymphenburger Schlosspark

Freitag, 1. Januar 2021

Ausgeschlafen bis kurz vor sieben. Erst Mal Brotteig geknetet für ein Pane Vallemaggia – schon sehr lange nicht mehr gemacht, doch vor ein paar Wochen hatte ich mal wieder Weizensauerteig angesetzt. Es gelang nur so mittel (zu dicht und zu kleine Porung), wahrscheinlich hätten die kühleren Innentemperaturen im Winter längere Gärzeiten erfordert.

Sport war gestern die erste Cardio-Einheit der Woche, 45 Minuten Crosstrainer. Machte der Körper problemlos mit, ich war endlich mal wieder richtig nassgeschwitzt. Herr Kaltmamsell brachte währenddessen ein großes Paket Bücher zur Post: Es hatte sich eine Blogleserin gefunden, die sich für die deutschsprachigen unter unseren ausgemusterten interessierte, hurra!

Zum Frühstück gab’s Marmeladenbrot und Joghurt mit Sirupquitten, ich wartete auf das Fertigbacken der Brote. Das zweite Brot überließ ich Herrn Kaltmamsell, denn ich wollte den letzten Gültigkeitstag meiner MVG-Monatskarte und den herrlichen Sonnenschein für den letzten Spaziergang des Jahres nutzen: raus in den Nymphenburger Schlosspark, den ich überhaupt nicht kenne.

Ich nahm eine S-Bahn nach Laim und begann am nördlichsten Ende des Parks, von dort schlug ich den weitest möglichen Bogen durch den Park, ging auch neugierig mal in interessante Ecken am Rand. Es war herrlich, wieder wuchs meine Freude aufs Wandern.

Das ist die Wiese außerhalb der Schlossmauer, die ich seit Jahren vom Zugfenster nach Ingolstadt sehe.

Die Magdalenenklause, von Joseph Effner auf Anweisung von Kurfürst Max Emanuel 1725-1728 gleich als schicke Ruine gebaut (die zerrissen gekauften Jeans des 18. Jahrhunderts? die bekanntlich auch auf die Vergänglichkeit alles Irdischen, vor allem modischer Strömungen verweisen?).

Auf der Ostseite des Schlosses (der Platz völlig zugeparkt mit Autos, wenig idyllisch) spazierte ich den Bogen entlang und kam an der Nymphenburger Porzellanmanufaktur vorbei.

Deren Geschirr finde ich schon ganz besonders schön.

Mit der Tram ließ ich mich heimfahren, dort aß ich ein Stück Käse und machte mich mit Füßehoch auf dem Bett ans Zusammenstellen der Lieblingstweets.

Beim Spazierengehen hatte ich viel an dieses Kinderbild gedacht, das ich deshalb aus den Kommentaren hochhole.

Diese kleine Kaltmamsell mag ich sehr, identifiziere mich auch mit der pragmatischen Lesehaltung, die sich nicht durch Röckchen und Bluserl behindern lässt. Auf dem Schoß habe ich sehr wahrscheinlich Das große Buch von den heiligen Namenspatronen, das mich lange fesselte und faszinierte.

Silvestermahl:

Dazu luxemburger Crémant Alice Hartmann.

Und dann machten wir, was wir meistens an Silvester machen (2019 war eine Ausnahme): Wir gingen ins Bett, als wir müde waren.

§

Eine Reporterin der New York Times, Katrin Bennhold, blieb am Fall Frank A. dran – Sie erinnern sich vielleicht? Der Bundeswehrsoldat, der sich als syrischer Flüchtling ausgab, um mit Terroranschlägen die Stimmung gegen Flüchtlinge anzuheizen? Demnächst beginnt der Prozess, dann erinnern Sie sich wahrscheinlich einfacher.
„A Far-Right Terrorism Suspect With a Refugee Disguise: The Tale of Franco A.“

Aydan Ozoguz, a lawmaker who was commissioner for refugees and integration at the time (…): “The asylum system should identify cheaters, no doubt. But the bigger story is: How could someone like this be a soldier in Germany?”

(…)

In his generation, which came of age after 9/11, during the wars that sprang from it and in an era of global economic crisis, the distrust of government, far-right messaging and the embrace of conspiracy theories not only entered pockets of the security services. They also entered the mainstream.

“Far-right extremist messages have shifted increasingly into the middle of society,” Thomas Haldenwang, the president of the domestic intelligence agency, the Office for the Protection of the Constitution, told me in an interview.

They can even be heard in the halls of Parliament, where the far-right Alternative for Germany, or AfD, leads the opposition.

Bennhold zeichnet am Beispiel Frank A. sorgfältig nach, wie sich in den vergangenen Jahrzehnten eine neue rechte Bewegung in Deutschland etablieren konnte, und wie ihre Realitätswahrnehmung gefiltert ist.

§

Albernheiten mit Cello gehen immer.

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https://youtu.be/LNGWS_fTxys

Journal Mittwoch, 30. Dezember 2020 – Sanct Onuphrius und Leserinnen-Aufmerksamkeit

Donnerstag, 31. Dezember 2020

Gut geschlafen, sehr früher Wecker: Für meine letzte Einheit Nach-Reha-Sport wollte ich möglichst wenig Gesellschaft. Das klappte gut. Gutes, anstrengendes Training, ich reizte jede Übung (die ich mangels Ausstattung ja daheim nicht weiterführen kann) bis zum Anschlag aus.

Den Rückweg hatte ich so getimet, dass ich im Eataly kurz nach Öffnung einkaufen konnte. Das Stück vom Odeonsplatz dorthin ging ich zu Fuß, unter anderem um nach der Schlange vorm Dallmayr zu sehen (am 23. Dezember hatte sie so ausgesehen). Ging um halb zehn nur bis zum Kosmetikteil von Ludwig Beck.

Stolze Barockschönheit Theatinerkirche.

Wiederholt war ich vor diesem Haus am Marienplatz stehen geblieben und hatte das überraschende Mosaik betrachtet, „Sanct Onuphrius“ – ein so obskurer Lokalheiliger, dass sein Name es nicht mal zu den hiesigen Akademikerbuberln der jüngsten 20 Jahre geschafft hat (wo es zum Beispiel vor Korbinians wimmelt). Diesmal fotografierte ich ihn und schlug daheim nach, fündig wurde ich hier und hier: Da schau her, ein Äthiopier, ab dem 12. Jahrhundert Stadtpatron Münchens, „Schutzheiliger für Weber, Homosexuelle, Prostituierte und von sexuellen Übergriffen Bedrohte“. Es sei Volksglaube, „dass kein Mensch, der das Bild ansehe, am selben Tag eines jähen Todes sterbe“. (Man muss ihn sich wohl etwa so vorstellen.)

Eataly hatte laut Website um 9 Uhr aufgemacht, doch als ich dort erst mal Obst und Gemüse ansteuerte, wurde ich vertrieben: Dieser Teil öffne erst um zehn. Na gut, bekommt mein Geld halt jemand anders. Salumi, Käse und Panettone für Silvester verkaufte man mir aber zum Glück. (Die plastikreiche Verpackung bereitete mir ein schlechtes Gewissen, aber die Silvestermenüs von Restaurants hätten mindestens so viel Müll ergeben.) Obst und Gemüse holte ich mir auf dem Viktualienmarkt nebenan.

Daheim betrieb ich eine ausführliche Runde Körperpflege, machte nochmal Milchkaffee – und stellte fest, dass ich frei hatte! Also gemütliches Lesen erst am Tisch, zum Frühstück Brot und mit Ziegenrolle und Sirupquitten, restlichen Spinat-Pie. Im Bett mit Füßehoch abwechselnd Zeitunglesen, Internetlesen, Arbeit an diversen Jahresrückblicke.

Sehr spät hörte ich die Post an den Briefkästen im Haus klappern. Herr Kaltmamsell holte unsere – darin enthalten eine wundervolle Überraschung von einer Blogleserin:

Das ist so großartig! Ich äußere im Internet den Wunsch, diese Erkenntnis zu „gesundem Essen“ am liebsten auf Küchentücher gestickt zu besitzen – und jetzt tue ich das! In der neuen Küche bekommt die Stickerei einen Ehrenplatz.

Abends bereitete ich die Nachspeise für den Silvesterabend zu: Limoncello-Tiramisu, also mein Standardrezept, mit diesen Hinweisen von Bella abgewandelt. (Wenn es dann noch so heißen darf: Ich bin sicher, auch bei dieser Dessert-Erfindung aus den 70ern gibt es inzwischen eine „Nur-wenn-XY-ist-es-Tiramisu!!!EINSELF“-Bewegung.) Davon allerdings nur zwei Drittel, zum einen weil ich sonst Löffelbiskuits hätte nachkaufen müssen, zum anderen wies Herr Kaltmamsell vernünftig darauf hin, dass wir nur zu zweit sind.

Das Abendessen bereitete Herr Kaltmamsell zu. Ich hatte ihm einen Link zu Würzig-saurer Garnelensuppe aus Vietnam – canh chau tom geschickt, unter anderem weil ich wusste, dass er noch einen Block Tamarinde im Küchenschrank hatte. Wurde eine sehr gute Suppe, die kann es nochmal geben.

§

Autor Till Raether möchte für seinen nächsten Roman wissen, wie sich die 1970er angefühlt haben – und entscheidet sich, das über damals populäre Parfüms herauszufinden. Eine sehr gute Idee.
„Feinmachen“.

Ich habe sofort die Parfümflasche vor Augen, aus der meine Mutter sich in den 70ern beduftete: Es war ein spanisches Colonia, Joya, und sah so aus. Mein Vater benutzte nach jeder Rasur spanische Rasierwässer, die gerne mal bunt waren. (Meine Mutter erzählt ja, dass in ihrer Ingolstädter Jugend in den 60ern die Spanier auf Tanzveranstaltungen beliebte Partner waren: „Weil die immer so gut gerochen haben.“ Deutsche Männer waren damals wahrscheinlich noch im Kernseifen-Stadium und hätten es weibisch gefunden, sich zu parfümieren.)

Journal Dienstag, 29. Dezember 2020 – Der Arnulfsteg

Mittwoch, 30. Dezember 2020

Heute vor zehn Jahren mit Photobooth (Laptop-Kamera) aufgenommen:

Mein letzter Versuch, längere als sehr kurze Haare zu haben (wodurch ich endgültig lernte, dass ich mich damit nicht identifiziere), offensichtlich bemühte ich mich damals noch um weihnachtliche Deko.

Sehr gut geschlafen, die Vornacht ist ausgeglichen.

Als Sport war Yoga dran. Ich bewegte mich nochmal durch Folge 1 von „Home“, ums zu lernen und meine heilende Hüfte langsam einzugewöhnen. Für die bewegungseingeschränkte rechte Hüfte setzte ich mich auf ein dickes Buch als Yogablock-Ersatz.

Einkaufsrunde beim Vollcorner: Die Liste fürs Abendessen war umfangreich, außerdem ein paar Vorräte. Der Weg war in sonnigem, kühlen Wetter ein Genuss.

Zum Frühstück gab es Spinat-Pie vom Vorabend, den letzten Rest Brot vom Hl.-Abend-Schinken (!), ein Stück frisch gekauftes Weißbrot.

Der Draußenplan für gestern: Raus an den neuen Arnulfsteg mit der Tram. Zur Eröffnung hatte es Corona-bedingt kein Tschingderassabum gegeben, wir Münchnerinnen und Münchner gucken einfach so nach und nach vorbei.

Auf der Nordseite eine Schnecke für Radler, ich glaubte einige freudige HUI!s zu hören.

Arnulfsteg von der Seite.

Von innen.

Hinweis auf die voraussichtliche Nutzung im Sommer, eine Erleichterung für die Hackerbrücke.

Mit diesen Aussichten.

Zum südlichen Weiterspazieren im Westend ist keine Querung der Landsberger Straße möglich (Fahrradwege, vier Autospuren, Tram-Trasse), doch ich entnahm der gestrigen Süddeutschen, dass ein Übergang zumindest geplant ist.

Was mir bei meinen Wegen durch die Stadt auffällt: Die Tage zwischen Weihnachten und Neujahr fühlen sich nicht so besonders ruhig an wie in den Jahren zuvor. Schließlich sind die Läden und Restaurants seit Wochen geschlossen, und das bereits zum zweiten Mal im Jahr. Die daraus resultierende Ruhe und diesmal beabsichtige Menschenleere ist also vertraut und eher bedrohlich.

Daheim Zeitungs- und Internetlektüre, bevor ich das Abendessen zubereitete: Unsichtbaren Salat von Katha Seiser (Schnittlauch diesmal nicht vergessen, sondern gestern in zwei Lebensmittelgeschäften nicht erhältlich).

Journal Montag, 28. Dezember 2020 – Lokalinformationen durch Tatort-Schauen

Dienstag, 29. Dezember 2020

Nach Längerem mal wieder eine blöde Nacht: Nach Klogang um zwei schlief ich nicht mehr ein, döste nur die eine oder andere Runde, verbuchte den Rest unter „Ausruhen“.

Der Wecker klingelte eh sehr früh, weil ich wieder die menschenarme erste Stunde nach Öffnung des Reha-Sportstudios nutzen wollte. Das klappte gut, zudem bat ich an diesem vorletzten Nach-Reha-Termin einen Trainer um Rat zu anschließender sportlicher Bewegung. Er verwies zwar zunächst auf den Operateur, der das am besten beurteilen könne, doch der ist weit, und ein Termin bei ihm ist erst zwölf Monate nach OP vorgesehen. Doch dann beantwortete er meine konkreten Fragen. Ich wollte vor allem wissen, wovor ich mich bei meinen Sportplänen besser hüte (Tipp: Radeln erst mal abseits vom Straßenverkehr – wie gut, dass die Theresienwiese ums Eck ist), bei Yoga die nächste Zeit nur langsam in die Positionen kommen, Kraulschwimmen wäre ideal (*schluchz*, zumal gestern dicke Schneeflocken fielen, die eine Draußenrunde im Dantebad wundervoll gemacht hätten), alles andere langsam steigern, echtes Warnsignal wäre ein stechender Schmerz, der anhält. Wunderbar, ich fühle mich gerüstet für die nächsten Monate.

Die ausführliche Reha-Runde lief dann gut. Ich nutzte die frühe Stunde zudem für Einkäufe im Edeka unterm Rehazentrum; zwar wurden noch Regale bestückt, doch es waren kaum Kund*innen da. Alltags-Einkaufsliste (vor allem Bestand wie Senf, Essiggurken, Majo, zudem Zutaten fürs Abendessen) war hiermit abgehakt.

Daheim zwickte es wie schon in den vergangenen Tagen im Kreuz. Trotz Unlust ließ ich mir ein Entspannungsbad ein, das tatsächlich half. Die Wirkung war allerdings nach einer Stunde Sitzen am Tisch (Frühstück Quark mit Granatapfel und Birne) verflogen, ich setzte mich mit Füßehoch aufs Bett und las die Süddeutsche.

Im München-Teil schrieb Holger Gertz über 30 Jahre München-Tatort mit Ivo Batic und Franz Leitmayr (€): „Ein Münchner Denkmal“. Ich vertraute seinem Urteil, weil eine der ausführlich besprochenen Folgen „Frau Bu lacht“ von 1995 ist, die auch ich für ein Highlight der Tatort-Geschichte halte. Ebenfalls besonderes Lob von Goetz bekam „Der oide Depp“, eine Folge von 2008.

Das schwarz-weiße München der Sechziger, tatsächlich mit original Sequenzen aus „Funkstreife Isar 12“, wird amalgamiert mit dem München des Jahres 2008. Der Zuschauer schaut in die Vergangenheit der Schwanthalerstraße, und in der Gegenwart sagen die Kommissare, wo sie gerade sind, indem sie ins Handy rufen: „Batic hier, wir brauchen einen Notarztwagen, Landwehrstraße, Foto Würzbauer.“ Und so entsteht ein Film, der eine Zeit lebendig werden lässt, als die Polizei noch dealte mit den Luden und tote Prostituierte nur Kollateralschäden waren.

Die kannte ich nicht, und so sah ich sie mir auf YouTube an. Wirklich gut, und Jörg Hube, der ein Jahr später starb, spielt den jovialen Arsch wunderbar understatet. Was Gertz nicht erwähnt: Einer Münchnerin liefern München-Tatorte immer wieder Informationen über den Zustand und die Veränderungen von Stadtvierteln, in die sie selten kommt, zum Beispiel dass eine Großbaustelle jetzt abgeschlossen ist.

Das Wetter war immer noch grau und regnerisch, trotzdem wollte ich kurz an die frische Luft (dieses Bedürfnis ist ziemlich klar ein Symptom für Erwachsensein). Vor der Wohnungstür stand eine Flasche Schaumwein mit einem lieben Gruß von den Drübernachbarn: Entschuldigung für die fehlende Stille der Nächte davor, sehr charmant.

Ich ging zackig zum und durch den Alten Südfriedhof – vor der OP ein ausführlicher Spaziergang, jetzt eine halbe Stunde Bewegung, so schön! Es wurde Nacht, und der Regen verwandelte sich langsam in dicke, schwere Schneeflocken.

Dieses alte, verwitterte Grab, kein Name erkennbar, hatte eine volle Wucht Weihnachten abbekommen – ob wohl eine Geschichte dahintersteckt?

Daheim gab’s Stollen und Lesen, bis es Zeit war, das Abendessen zuzubereiten: Ich machte Cheese and Spinach Pancake Pie, der sehr gut wurde. Zum Nachtisch gab’s griechischen Joghurt mit Quitten in Sirup, im Fernsehen lief Henckel von Donnersmarcks Werk ohne Autor mit hervorragenden Darsteller*innen und zweifelhaftem Drehbuch, nach einer guten Stunde schaltete ich ab – nicht nur wegen der vielen Anachronismen in Sprache und Handlung (wenn hier historischer Realismus unwichtig ist, sollte man nicht optisch den Anschein historischer Genauigkeit erwecken wollen, es gibt Alternativen).
Nachtrag: Hahaha, auch SZ-Autorin Johanna Adorján musste den Film abbrechen: „Männer – Florian“.

Journal Sonntag, 27. Dezember 2020 – Neubeginn Yoga

Montag, 28. Dezember 2020

Ein dritter Feiertag nach den Weihnachtsfeiertagen dieses Jahr; ich war darauf vorbereitet, er befremdet mich nicht.

Viel wichtiger: Ich probierte gestern wieder Yoga. In der Reha-Klinik war ich mehrfach informiert worden, dass man ab drei Monate nach Hüft-TEP-OP Yoga machen dürfe. Die eine Woche, die bei mir zu diesen drei Monaten fehlt, macht das Kraut sicher nicht fett. Ich startete also nochmal vorsichtig das Adriene-Programm „Home“ vom Januar 2020 und fand sehr spannend, was jetzt geht (Ausfallschritt beidseitig) und was – noch? – nicht (Schneidersitz rechts). Zwar werde ich das nicht täglich durchziehen, weil ich an manchen Tagen halt anderen Sport treiben will, aber regelmäßig – und freue mich sehr darauf.

Zum Frühstück gab es Mango mit Joghurt und ein Schinkenbrot – zumindest den Schinken von Hl. Abend haben wir jetzt geschafft, am Brot wird noch gegessen.

Mich drängte es wieder mit Macht raus (Herr Kaltmamsell musste wieder arbeiten). Gestern nahm ich eine S-Bahn nach Großhesselohe, um am Isarhochufer zu spazieren (frühere und hoffentlich künftige Laufstrecke). Es war wieder herrlich, wenn auch mit verhangener Sonne. Ich bewegte mich in einer Gegend Münchens, in der Spaziergänger*innen einander grüßen, sehr kuschlig. Hin und wieder sah ich Menschen, die zu zweit oder dritt zusammenstanden, mit mitgebrachten Heißgetränken sowie Dingen aus Tupperboxen.

Die Alpenkette im Hintergrund war in Echt viel deutlicher!

Es ist weiterhin viel zu trocken.

Ich bekam dann doch etwas mehr Bewegung als geplant, weil ich mich auf dem letzten Stück verkalkuliert hatte und die S-Bahn nach Hause verpasste. Also musste ich zusätzlich 20 Minuten auf und ab marschieren, um nicht zu frieren. Daheim auf dem Bett mit Füßehoch war der genesende Körperbereich aber auch nicht erschöpfter als früher nach einer Tageswanderung.

Heißer Tee mit einer dicken Scheibe Stollen, Lesen.

Zum Abendessen kochte Herr Kaltmamsell herrliche Rinderrouladen, dazu gab es Kartoffelpü aus Ernteanteil.

Es kommen weiter Statusmeldungen ehemaliger Mitschüler*innen, darunter auch schlimme. Bitte nehmen Sie Covid-19 ernst, das Virus kann Schneisen in Familien schlagen.

Ich hoffe, dass hier im Haus jetzt ein paar stille Tage beginnen: Die Drübernachbarn hatten vier Tage lang durchgehend laute Gesellschaft, die anscheinend nur rufend sprach (sicher wegen des Abstands).

§

Zu einer anderen Ära Blogtexte (in der ich oft nicht wusste, ob da ein Mann oder eine Frau schrieb, es war aber auch egal) gehört dieser von 2014 auf Camp Catatonia, jahreszeitlich angemessen:
„Zeichen im Schwarzwald“.

via @gouncourt, dessen Blog in dieselbe Ära gehört.

Im Schwarzwaldkurort brachte ich das Wochenende letzes Jahr im kostspieligen, renovierten Hotel auf der einen Talseite zu. Dieses Jahr nächtigte ich im weniger kostspieligen 1980er Hotel auf der anderen (“im Stil der 1980er Jahre renoviert”). Mehr junge Paare dort, mehr ältere Paare hier. Mosaikfliesen im Dampfbad dort, Plastikverschalung hier. Gewiss, mehr Wohlhabende dort, mehr weniger Wohlhabende hier. Kinder in beiden Fällen eher eine Seltenheit. Ich bilde mir ein, der missbilligende Blick war in beiden Hotels recht gut vertreten, stärker jedenfalls als im Elsässer Hotel, damals. Es ist ja weniger stets ein akut missbilligender Blick, vielmehr der Eindruck, die meisten Anwesenden würden sich missbilligend verhalten, sobald sie sich zu Verhalten aufgefordert sähen. Es ist die Disposition zur Missbilligung, die im Aktualisierungsfall zu einem an die Allgemeinheit gerichteten „ts, ts!“ oder „also sowas!“ wird (von Kopfschütteln begleitet). Darin unterscheidet sich im übrigen der deutsche Griesgram vom österreichischen Guftwuzel (man kann fast sagen: der Deutsche vom Österreicher, denn das Griesgrämige gehört beiderorts zur Grundstimmung), denn letzterer äußert sein Missfallen direkt in einem „bist deppert?“, während sein deutsches Pendant stets zur Allgemeinheit gerichtet missbilligen muss.

Außerdem darin: Beobachtungen zum Bahnfahren in den Tagen vor Weihnachten und zu deutschen Kurorten. (Selbsterinnerung: In 30 Jahren die Prognosen weiter oben im Text überprüfen.)

Journal Samstag, 26. Dezember 2020 – Marsch in frostiger Weihnachtssonne

Sonntag, 27. Dezember 2020

Lange ausgeschlafen, das war schön.

Nach Bloggen, Morgenkaffe, Twitterlesen gab es die verschobene große Sportrunde mit viel Kraftübungen, und sie machte so richtig Spaß. Die Pause am Vortag war also eine gute Idee gewesen und kein Symptom dafür, dass ich nie wieder Lust auf Sport haben würde.

Schon beim anfänglichen Crosstrainerstrampeln sah ich in Sonne.

Beim Sport hörte ich die aktuelle Folge Rice and Shine: „Meine Mama die Blumenfrau.“ Linh Tran erzählt von ihren Eltern und damit auch von ihrer eigenen Kindheit auf dem Hochbett im berliner Laden ihrer Eltern – keine einfache Geschichte.

Bei meinen letzten Berlinbesuchen waren mir die vielen Blumenläden in vietnamesischer Hand aufgefallen – offensichtlich das Ergebnis einer historischen Entwicklung jüngeren Datums. Das ist in München definitiv nicht so, von den hiesigen Menschen mit Viet-Hintergrund sind sehr wahrscheinlich die wenigsten als DDR-Vertragsarbeiter nach Deutschland gekommen.

Zum Frühstück aß ich Schinken, Rote-Bete-Salat, Honigbrot.

Das Wetter blieb überraschend sonnig, ich wollte dringend raus. Und zwar in einen Teil des Englischen Gartens, der vielleicht nicht zu überlaufen sein würde. Also fuhr ich mir der U-Bahn nach Norden und stieg an der Alten Heide aus. Auf dieser Höhe war der Englische Garten zwar auch nicht menschenleer, aber die Menschen hatten genug Platz sich zu verteilen.

Es war herrlich in der Sonne zu gehen, sogar Schneeflecken zu sehen. Ich konnte über eine Stunde lang so rasch marschieren, dass mir trotz Temperaturen um den Gerfrierpunkt nicht kalt wurde.

Daheim aufs Bett mit Füßehoch und einer Tasse Tee. Ich schaute in der arte-Mediathek eine Doku von 2011 über Stan Laurel und Oliver Hardy: „Die komische Liebesgeschichte von „‚Dick & Doof'“.

Als Snack gab’s Mandarinen und Marzipan, zum Abendessen Schinkennudeln (wir sind mit dem Schinken in Brotteig immer noch nicht durch).

§

Eine sehr lustige Sammlung von Vätern, die von ihren kleinen Töchtern geschminkt wurden („Dude, we’re finally pretty now.“).

Journal Freitag, 25. Dezember 2020 – Bewegende Grüße aus der Vergangenheit

Samstag, 26. Dezember 2020

Ist es nur in meinem Kopf seltsam, dass ein Tag ein Freitag sein kann UND Weihnachtsfeiertag? (Nicht antworten.)

Noch vor elf hatte ich dreimal Tränen in den Augen wegen freundlicher Worte (nicht an mich gerichtet). „Furiously kind“ ist doch mal ein Ziel für zwischenmenschlichen Umgang (Empfehlung von Laurie Penny in ihrem Patreon-Newsletter).

Ehepaare auf Twitter:

Obwohl eigentlich Rundum-Rehagymnastik drangewesen wäre und ich mangels Reise zu Familienweihnacht mehr als genug Zeit dafür gehabt hätte, ließ ich mich nach nur wenig Hadern in die Lethargie fallen, zu der graues Wetter (die fünfeinhalb Schneeflocken zählten nicht) und stillster Feiertag des Jahres lockten. Wegen eines Tags Untätigkeit würden meine Muskeln schon nicht verkümmern.

Herr Kaltmamsell brütete über Möbel- und Dingeverteilung in der neuen Wohnung, schob auf seinem Bildschirm Rechtecke herum, maß Teile unserer vielen, vielen Bücherregale aus. Wir besprachen Möglichkeiten der neuen Aufteilung unserer Bibliothek. Eine Folge: Ich mistete nachmittags den einen oder anderen Meter Bücher aus, u.a. alles von Luise Rinser, Hermann Hesse, Minette Walters, Nick Hornby, Sujata Massey, Fred Vargas, Esther Vilar. Wenn ich das jemals nochmal lesen möchte, komme ich wirklich leicht ran. (Sollten Sie Interesse haben: Ganz oder in Teilen gegen Porto zu verschenken – an mitlesende Familie natürlich auch ohne Porto. Nur kenne ich deutlich mehr Menschen, die Bücher loswerden wollen, als Menschen, die darauf erpicht sind.)

Ausgemusterte Bücher, Herr Kaltmamsell hatte sich über die vergangenen Tage von DVDs befreit.

Buchregal mit wundervollen Löchern.

Frühstück war ein ordentliches Stück Schinken mit ordentlich Brotteig drumrum.

Nach reichlich Internetlesen wollte ich raus, auch wenn es unwirtlich aussah. Zur Feier des Tages in Capa (und weil ich keine Tasche mitnehmen musste und den Hausschlüssel in eine Kleidtasche stecken konnte).

Aufgenommen von #boyfriendofinstagramm Herr Kaltmamsell.

Ich spazierte die Theresienwiese entlang über KVR ins Schlachthofviertel, übers Dreimühlenviertel an die Isar, übers Glockenbachviertel zurück. Es schneeregnete und schneite mal leichter, mal stärker.

Neuer Street-Art-Liebling am Bahnwärter Thiel.

Beim Heimkommen hatte ich Hunger (dieses Weihnachten ist ernsthaft kaputt: HUNGER!), ich aß Mandarinen und das Scherzl des In-Brotteig-Brots mit Butter und Marmelade.

Zum Abendessen war Käsefondue geplant, das gab es dann auch. Brot eben nicht am selben Tag eigens gebacken, sondern Brothülle vom Schinken. Ich hatte seit Tagen Lust auf Schaumwein gehabt, wir öffneten unsere letzte Flasche Rieslingsekt von Buhl. (Der uns so gut schmeckte, dass ich umgehend ein Kistlein vom nächsten Jahrgang nachbestellte.)

Ein Mitabiturient (einer von den vielen, die sich als Erwachsene als völlig andere Menschen herausstellten, als ich sie als Jugendliche eingeschätzt hatte – schon damals war ich offensichtlich gefangen in Stereotypen) mailt seit vielen Jahren Weihnachtsgrüße an den Abitreffen-Verteiler – schon seit Zeiten, als E-Mail als Medium exotisch war. Doch dieses Jahr gab es erstmals Reaktionen darauf: Ein Blick in meinen „Unbekannt“-Ordner überraschte mich damit, dass viele ehemalige Mitschüler*innen an den Gesamtverteiler geantwortet hatten, mit ebenfalls guten Wünschen, aber auch mit ein paar Stichpunkten zu ihrer aktuellen Lebenssituation 35 Jahre nach dem Abitur – oder noch länger nach unserer gemeinsamten Schulzeit, in diesem Verteiler sind auch Menschen, die vor diesem Abitur 1986 die Schule gewechselt hatten. Im Lauf des Tages meldeten sich immer mehr (auch ich hatte ein paar Zeilen geschrieben und ein aktuelles Bild angehängt), darunter Menschen, an die ich oft gedacht hatte, von denen ich aber seit fast 40 Jahren nichts wusste. Sehr bewegend.
(Nachtrag weil vermutlich nützliches Detail: Unser Abi-Jahrgang, humanistisches Gymnasium, zählte nur 49 Köpfe.)

§

Ein Tagebuchtext von Landwirt James Rebanks im Spectator (der Mann kann halt wirklich schreiben):
„A farmer’s notebook: why I’m not dreaming of a white Christmas“.

§

Auf Twitter hinterfragt @pete_lectro das Wort „Plätzchen“ und zieht Konsequenzen. (Unbedingt die Antworten lesen.)


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