Fotos

Journal Freitag, 30. November 2018 – Besuch aus Oldenburg und Meyer Lemon Bars

Samstag, 1. Dezember 2018

Ziemlich unruhige Nacht: Da der Donnerstag wirklich unglücklich für ein Fehlen in der Arbeit gewesen war, hielt mich die Sorge um all die aufgelaufenen Jobs wach.

Im Büro nahm ich mir dann auch nicht mal Zeit fürs Teekochen, sondern machte mich umgehend an eben diese Jobs.

Die Lage beruhigte sich, ich konnte wie geplant früher gehen – denn ich erwartete Besuch aus Oldenburg auf der Durchreise. Das Wetter entschied sich dazu, genau jetzt den angekündigten Regen zu starten, doch der Oldenburger Besuch war ganz Anderes gewohnt und brauchte für den Spaziergang durch Glockenbach- und Gärtnerplatzviertel nicht mal eine Kapuze. They make them fierce, them women up North!

Zum Abendessen kochten Herr Kaltmamsell und ich Currys, er ein Chicken Tikka Masala und Naan, ich Palak Paneer.

Aus den beim Vollcorner entdeckten Meyer-Zitronen hatte ich zum Nachtisch Lemon Bars gemacht. Sie schmeckten schön nach den besonderen Zitronen, aber ich glaube nicht, dass das meine Lieblingsverwendung wird. Als nächstes plane ich Lemon Curd mit ihnen.

Wunderschöner Abend mit dem Besuch, den ich nach langer Pause zum dritten Mal in drei Monaten sah – daran könnte ich mich sehr gewöhnen.

Journal Donnerstag, 29. November 2018 – Schlecht terminierte Migränepause

Freitag, 30. November 2018

Die Uhr zeigte 4:30 an, als mich der Schmerz eines Beils quer durch die Stirn weckte. Nach einer halben Stunde meldete sich auch noch Übelkeit, jetzt war klar: Migräne. Ich nahm mein Triptan, wartete auf Nachlassen des Schmerzes, schickte kurz nach sechs eine Krankmeldung in die Arbeit – die mir gestern ausgesprochen schlecht in den Kram passte.

Die Migräne hätte schlimmer sein können: Gegen 11 Uhr konnte ich aufstehen, um zwei bekam ich sogar Appetit, nachmittags war ich in der Lage, von der Ferne Arbeitsmails zu bearbeiten, Termine zu verschieben und mich bei den Kolleginnen und Kollegen zu entschuldigen, die ich durch meine Abwesenheit in Schwierigkeiten gebracht hatte.

Abends war ich wieder fit genug für eine kleine Einkaufsrunde – ein Glück, dass meine Migräneattacken so kurz sind.

Die sechs Amaryllistengel, die ich am Samstag gekauft hatte, sind in unvermutet viele Blüten explodiert.

§

Annette Ramelsberger hat für die Süddeutsche Zeitung den Prozess gegen Beate Zschäpe, vulgo NSU-Prozess, begleitet. Das von ihr und ihren Kollegen erfasste Protokoll des Prozesses erschien bereits ausschnittweise im SZ-Magazin, Teile wurden am Residenztheater vorgelesen, jetzt werden sie gesamt als Buch veröffentlicht. Der Spiegel hat Rammelsberger interviewt:
„Rechter Terror
‚Zehn Morde. Sind ihnen völlig egal'“.

Am Tag des Urteils hat sich gezeigt, dass die Angeklagten nicht allein waren. Auf der Besuchertribüne erschienen verurteilte Rechtsterroristen, alle in Schwarz gekleidet, wie auch die Angeklagten, das war abgesprochen. Manchen Kollegen wurde ihre Privatadresse zugeflüstert – eine glatte Bedrohung.

via @niggi

Auch das habe ich am Mittwoch in der Schöffeneinführung gelernt: Landgerichtsprozesse werden nicht wörtlich protokolliert – Amtsgerichtsprozesse übrigens schon.

Journal Mittwoch, 28. November 2018 – Erste Schritte in die Schöfferei, J.G. Farrell, Troubles

Donnerstag, 29. November 2018

Im Spätsommer erhielt ich ein Schreiben, dass ich für die Amtsperiode 2019 bis 2023 als Hilfsschöffin beim Amtsgericht München gewählt worden war. Über das Schöffenamt hatte ich mich ja ausführlich informiert und freute mich sehr – erst nach einiger Zeit begann ich mich zu fragen, wodurch sich das Amt der Hilfsschöffin wohl von der einer Schöffin unterschied. Die Details fand ich gestern heraus, nämlich in der Einführungsveranstaltung.

Bis dahin hatte ich genug Zeit gehabt, die bürokratischen Modalitäten mit meinem Arbeitgeber zu klären. Die Gesetzeslage nach § 45 Abs. 1a DRiG (Deutsches Richtergesetz): „Ehrenamtliche Richter sind für die Zeit ihrer Amtstätigkeit von ihrem Arbeitgeber von der Arbeitsleistung freizustellen.“ Das heißt: Statt ins Büro gehe ich ans Gericht, das wird als Arbeitstag gezählt.

Ich war gestern schon ganz schön aufgeregt; das Gebäude des Strafjustizzentrums in der Nymphenburger Straße (Stil Hochbetonik der 70er, vertraut durch die Schulneubauten meiner Kindheit) passiere ich zwar seit 30 Jahren regelmäßig (schräg gegenüber liegt mein Lieblingskino seit Studientagen, das Cinema), aber drin war ich noch nie gewesen.1 Genau genommen wusste ich nicht mal, wo der Eingang liegt.

Den fand ich nach meinem Fußmarsch durch kalten Novembernebel problemlos, weil mit rot-weißen Sicherheitsabsperrungen gut sichtbar. Richterinnen und Richter (Schöffen und Schöffinnen sind halt genau das, huiuiui) müssen sich an der Sicherheitsschleuse auch lediglich ausweisen und nicht durchsuchen lassen. Auch den Schulungssaal fand ich zusammen mit anderen Neuschöffinnen, hoch oben im 7. Stock. Aussicht:

Sehr gut und sorgfältig strukturiert wurde unsere etwa 50-köpfige, sehr vielfältige Gruppe (insgesamt gibt es wohl 1.000 Schöffinnen und Schöffen an den entsprechenden Gerichten in München) drei Stunden lang von einem Amtsrichter und einer Angestellten darüber informiert, was auf uns zukommt – bis in die Details, wer in einem Gerichtssaal wo sitzt. Am neuesten war mir die Erkenntnis, dass nicht nur die Unabhängigkeit von Richterinnen und Richtern funamentaler Teil unserer Verfassung ist, sondern auch die Unabhängigkeit der Richterauswahl: Eine Richterin darf sich nicht aussuchen, welche Fälle sie richtet, auch die Schöffinnen und Schöffen werden neutral zugewiesen – nun verstand ich, warum die Auflagen für die Ablehnung auch nur von Verhandlungsterminen derart streng sind.

Und ich erfuhr, warum ich bislang keine Sitzungstermine zugeschickt bekommen hatte: Hilfsschöffinnen werden nach einer vorher ausgelosten Reihenfolge kontaktiert („in der Regel kurzfristig telefonisch“), wenn eine Hauptschöffin oder ein Hauptschöffe ausfällt. Ich werde meinen Arbeitgeber also darauf vorbereiten müssen, dass ich sehr spontan wegmüssen könnte.

Weitere erste Male: Mittagssnack in der Cafeteria des Justizzentrums mit Ausblick auf den Innenhof, in dem sich nach dem Zschäpe-Urteil die Pressevertreterinnen geballt hatten.

Mittags brachte uns ein Bus nach Landsberg am Lech: Wir Neuschöffinen besichtigten die dortige Justizvollzugsanstalt. Ein sehr fotografables Gebäude mit vielen interessanten visuellen Details – doch aus nachvollziehbaren Gründen durften wir keine Fotoapparate, Handys (oder Autoschlüssel) hinein nehmen. Ausführliche Informationen der Gefängnisleitung über die Geschichte des Gebäudes und – was mir am meisten nachging – des Strafvollzugsrechts: Erst 1977 regelte die Bundesrepublik gesetzlich den Strafvollzug (angeschubst durch ein Urteil des Bundesverfassungsgerichts, das diesen massiven Einschnitt in die Bürgerrechte bitteschön geordnet haben wollte). Mit der Föderalismusreform 2006 ging der Strafvollzug in die Zuständigkeit der Länder über, die enstprechenden Strafvollzugsgesetze unterscheiden sich.

Die vielen Daten über den Gefängnisalltag (das fiel mir sprachlich auf: es war ganz unbürokratisch von „Gefängnis“ und „Gefangenen“ die Rede) und der Rundgang durch die Gebäude schlugen die Tür in eine weitere Welt auf, über die ich mir noch nie so recht Gedanken gemacht hatte.

Ein Detail seines Vortrags baten uns der stellvertretende Gefängnisleiter und die Gefängnisleiterin ausdrücklich nach draußen zu tragen, und die Bitte erfülle ich gerne: Die JVA Landsberg sucht derzeit eine zweite Ärztin oder einen zweiten Arzt, der bisherige ist in Ruhestand gegangen und sie benötigen eine Nachfolge. Festanstellung mit Bezahlung nach Tarif Marburger Bund.

§

Am Abend traf sich unsere Leserunde, um über J.G. Farrell, Troubles, zu sprechen. Der Roman hatte mir gut gefallen, auch die anderen waren angetan gewesen: Er spielt im Irland kurz nach dem Ersten Weltkrieg, vordergründig geht es um ein riesiges, altes und von Engländern geführtes Hotel in der Nähe von Dublin, das Majestic, das langsam aber energisch verfällt, im Mittelpunkt steht vordergründig der britische Major Brendan Archer, nach dem Krieg und Aufenthalt im Sanatorium frisch aus dem Militär entlassen. Hintergrund aber sind die vielen kleinen und mittelgroßen gewalttätigen Auseinandersetzungen der britischen Kolonialmacht mit den einheimischen Iren, die sich erst aus historischer Entfernung als Unabhängigkeitskrieg herausstellen.

Ich war sehr angetan von der dichten und detailreichen Handlung, in der sich das steigende Chaos im und am Hotel mit dem Verfall des britischen Empire verwebt, von den grotesken Einzelheiten, mit denen sich die Hotelbewohner abfinden und von der Erzählstimme, die indirekt die überhebliche Haltung der Briten und nur wenig Hellsicht spiegelt – unter anderem haben zwar alle britischen Bewohnerinnen und Besucher des Hotels Namen, aber aus dem zahlreichen einheimischen Personal des Komplexes nur zwei Personen.

Den Roman (der erste aus Farells „Empire Trilogy“) ist ein großartiges Stück Commonwealth Literature aus unerwarteter Richtung, Leseempfehlung.

Zu Essen gabe es köstliche gebratene Ente, an der ich mich komplett überfraß, dazu bestens passenden Spätburgunder aus Baden.

  1. Meine Amtsperiode wird auch die letzte Gelegenheit dafür sein: 2023 soll das Justizzentrum in einen Neubau am Leonrodplatz ziehen, für den im Mai dieses Jahres der Grundstein gelegt wurde. []

Journal Dienstag, 27. November 2018 – Schneebavaria und geschwungene Nudeln

Mittwoch, 28. November 2018

Verschlafen: Ich hatte vergessen, den Wecker zu stellen – um viertel nach sechs wunderte sich Herr Kaltmamsell genug darüber, dass sein Morgenkaffee ausblieb, um mal nach mir zu sehen, und weckte mich.

Es schneite nass.

Zum ersten Mal in der Saison: Die Bavaria im Schnee. Freundlicherweise hat man mir fürs Foto einen dekorativen Vordergrund augeschüttet und die Baggerschaufel draufgelegt. (Das ist nämlich das Einzige, was ich je übers Fotografieren gelernt habe, von einer Freundin, die zu Studienzeiten Fotografieren systematisch in Kursen und aus Büchern lernte: Immer einen Vordergrund suchen. Heute weiß ich, was ich wirklich können müsste, um die Fotos zu schießen, die ich gerne aufnehmen würde: Mich unsichtbar zu machen.)

Auf meinem Heimweg hatte es aufgehört zu schneien. Ich machte einen Umweg über die Blumenstraße, um im dortigen Kräuter- und Gewürzladen gemahlenen Kardamom zu bekommen – Herr Kaltmamsell, der sich beim Einkaufen viel Mühe gibt, hatte keinen gefunden.

Aushäusiges Abendessen. Auf meiner Einkaufsrunde am Samstag war mir an der Sonnenstraße kurz vor dem Sendlinger Tor aus einer Ladentür ein ganz kleines Kind entgegengestolpert, schnell eingefangen von einer alten Dame. Ich hob den Blick und sah im Schaufenster einen Mann mit Kochkappe Nudeln wirbeln, chinesische Nudeln. Eine spätere Recherche ergab: Wo ich seit vielen Jahren einen Running Sushi kannte, ist jetzt Max’s Beef Noodles.

Wir wurde von einem freundlichen und sehr eleganten älteren Herrn bedient, die Suppe war für das Schmuddelwetter genau das Richtige (ich beim Essen). Als Beilage hatte ich (offensichtlich geprügelten) Gurkensalat bestellt, sehr gut. Und wir guckten eine Weile Nudelschwingshow.

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„The trouble with talking“.
Im Merkur von Kathrin Passig ein kleiner Steinbruch an Argumenten, nicht nur zur Wertigkeit von mündlicher Kommunikation vs. schriftlicher, sondern auch zur (nicht haltbaren) Unterscheidung zwischen zwischenmenschlichem Austausch offline und online. Unter anderem mit Beobachtungen wie:

Naturgemäß kommt die Verteidigung der Mündlichkeit vor allem aus Gruppen, die durch physische Anwesenheit Vorteile genießen, also von Personen mit unproblematischen Körpern, die redegeübt und sozialkompetent sind und es sich leisten können, zur richtigen Zeit lange genug am richtigen Ort zu sein.

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Es gibt Themen, die ich mich inzwischen schäme anzusprechen: Zum Beispiel Antisemitismus. Vor lauter Scham und Fassungslosigkeit ertappe ich mich dabei, wie ich beim Anblick von Artikeln über Antisemitismus am liebsten wegsähe; Scham weil ich offensichtlich nicht genug getan habe, ihn zu verhindern. Das wäre natürlich das Allerschlimmste, denn als Nächstes sähe ich dann bei antisemitischen Äußerungen und Handlungen weg – wie es die Mehrheit im Deutschland der 30er tat. Also: Tief Luft geholt und besonders genau hingesehen, nämlich auf die Umfrage von CNN, treffend betitelt mit:
„A shadow over Europe.
CNN poll reveals depth of anti-Semitism in Europe“.

Ausschnitte:

A third of Europeans in the poll said they knew just a little or nothing at all about the Holocaust, the mass murder of some six million Jews in lands controlled by Adolf Hitler’s Nazi regime in the 1930s and 1940s.

More than a quarter of Europeans polled believe Jews have too much influence in business and finance. Nearly one in four said Jews have too much influence in conflict and wars across the world.
One in five said they have too much influence in the media and the same number believe they have too much influence in politics.

(…)

Nearly one in five said anti-Semitism in their countries was a response to the everyday behavior of Jewish people.

§

Ein Lied über einen weißen Schmetterling, die Königin aller Schmetterlinge.

Aktivieren Sie JavaScript um das Video zu sehen.
https://youtu.be/UoBGR8ZTi2o

(Mehr über Lole y Manuel.)

Journal Sonntag, 25. November 2018 – Isarlauf im Nebel

Montag, 26. November 2018

Ausgeschlafen. Derzeit brauche ich anscheinend neun Stunden Nachtschlaf.

Gemütliches Bloggen und Bettwäschewaschen. Große Lust auf eine Laufrunde an der Isar, trotz nassen Nebels. Ich nahm eine U-Bahn nach Thalkirchen, freute mich, dass ich Geld für den Akkordeonspieler am Ausgang dabei hatte.

Zum ersten Mal in der Saison ging ich durch eine Wolke Glühweinduft, nämlich am Kiosk 1917 an der Thalkirchner Brücke.

Der Lauf war sehr schön, nach Langem kam ich nach einer Stunde gemütlichem Traben in die körperliche und geistige Leichtigkeit, wegen der ich laufe. Dazu dieses seltsame Licht, das sofort Ideen für einen Spukfilm produzierte.

Diese Ansicht kennen sie mit Fluss.

Auf dem Heimweg besorgte ich Semmeln fürs Frühstück.

Den Nachmittag verbrachte ich mit Internetlesen, einem Telefonat mit meiner Mutter (u.a. zur Abklärung des Stollenversands nach Italien), Zeitunglesen, Teetrinken und Plätzchenessen (Frau Schwieger hatte bereits gebacken und ein Kistchen voll mitgebracht). Es dauerte eine Zeit, bis ich genug heißen Tee getrunken und genügend dicke Socken angezogen hatte, dass mir warm genug war.

Zum Abendessen gab es weitere Reste vom Vortag, nämlich die unverarbeiteten Auberginen und Sojabröckerl aus der Pfanne.

§

Die Stadtwerke München hatten mich zu einer infas-Umfrage eingeladen, und ich habe fürs Techniktagebuch die Technikseite daran aufgeschrieben.

§

Nachdem ich mir zwei Exemplare gesichert habe (mein erster Kelm!), gebe ich die Möglichkeit gerne weiter: Katia Kelm verkauft ihre Radierungen, deren Herstellung sie kürzlich in ihrem Blog beschrieben hat.

§

Seit ich die ersten Fotos von Vivian Maier gesehen habe, war ich begeistert. Ihre Bilder hätten in die Magnum-Werke gepasst – jede Aufnahme eine Kurzgeschichte. Das Online-Magazin Lensculture zeigt 120 von Vivian Maiers Bildern und ein Interview mit der Kuratorin der großen Ausstellung von 2014 “Vivian Maier: A Photographic Revelation”, Anne Morin.
„Vivian Maier: Street Photographer, Revelation“.

Eine der Attraktionen ist sicher die Geschichte drumrum: Entdeckung des Oevres (zwischen 120.000 und 150.000 Fotos!) einer nie veröffentlichten Künstlerin, die ihren Lebensunterhalt als Kindermädchen verdiente. Doch auch ohne die unglaubliche Biografie und Entdeckungsgeschichte (ich habe den Film immer noch nicht gesehen…) sind die Bilder einfach der Hammer – Fachausdruck.

Mag jemand die Geschichte (Drehbuch?) schreiben, wie Vivian Maier von einer Magnum-Fotografin entdeckt wird und zwar weiterhin ein Doppelleben führt, aber eines, in dem ihre Fotos schon zu ihren Lebzeiten veröffentlicht werden?

Journal Samstag, 24. November 2018 – Chinesisches Schwiegerfamilienessen

Sonntag, 25. November 2018

Ausgeschlafen, zu Nieselregen und mit bösem Kopfweh aufgewacht. Ibu half nur temporär.

Für gestern Mittag hatte Herr Kaltmamsell seine Eltern und Tante/Onkel zum Essen eingeladen, Chinesisches mit Soja, ich übernahm die Besorgung von begleitendem Wein und ein paar Kleinigkeiten.

Den Wein (ich hatte mir zum Chinesischen einen Riesling vorgestellt) bekam ich nicht beim kleinen Weinhändler an belebter Innenstadtstraße, den ich angesteuert hatte – weil der erst um 11 Uhr aufmachte. Also weißt‘, München: Ja, ich bin als Frühhaufsteherin eher die Minderheit. Und ja, du bildest dir etwas auf dein bissl Italienischsein ein, das zu Arbeitszeiten eher ab 9 Uhr denn ab 8 Uhr führt. Und kleine Läden dürfen in der Innenstadt meinetwegen am Samstag etwas später öffnen, deshalb hatte ich ja 10 Uhr einkalkuliert – ABER ELF? ERNSTHAFT?

Auf dem Viktualienmarkt ließ ich mir eine reife Mango aussuchen, den Wein suchte ich im Biosupermarkt eigenmächtig aus: rheinhessischen Riesling Spätlese vom vertrauten Weingut Keth, der sollte auch Szechuanpfeffer etwas entgegenzusetzen haben.

Ich kaufe zwar nur ein- bis zweimal im Jahr bei ihr Blumen, doch die Blumenstandlerin am Sendlinger Tor gab vor, mich wiederzuerkennen. Beim Einwickeln der Amaryllis (zack, Ohrwurm) meinte sie nur kurz: „Wasser wissn’S ja.“ Ich riet: „Wenig, richtig?“ und traf. Nur so viel – die Standlerin hielt Daumen und Zeigefinger etwa sieben Zentimeter weit auseinander – in die Vase, wenn’s mit der Zeit weniger wird, macht’s auch nichts.

Während meiner Einkaufsrunde war der Niesel zu größeren Tropfen angewachsen, die ein paar Stunden blieben – immer noch viel zu wenig.

Daheim wirblete Herr Kaltmamsell in der Küche, ich baute und deckte den Tisch, räumte die Wohnung auf (Einsatz der uralten Kulturtechniken Bügelwäscheverstecken und Krams-in-Schubladen-stecken).

Tischdeko kann ich nicht.
Herr Kaltmamsell hatte sich als Motto des Menüs Variationen von Soja gesetzt. Es gab also eine selbst erfundene Udon-Suppe, die neben viel Gemüse und etwas Rind auch gepressten, gebratenen Seidentofu (köstlich!) enthielt. Zum Hauptgang servierte er Auberginen mit Sojahack (auf der Basis von fish fragant aubergine) sowie Soja in würziger Soße („pock-marked old woman’s tofu, vegetarian version“ aus Fuchsia Dunlop, Every Grain of Rice).

Als Nachtisch hatte Herr Kaltmamsell den bewährten Kokospudding mit Mango gekocht, allerdings mit braunem Zucker (keine gute Idee, macht eine unangenehme Farbe) und deutlich weniger Tapioka – selbst dann wurde der Pudding fester als gewünscht.

Dazu angenehmste Geselligkeit. Den weiteren Nachmittag und Abend verbrachten wir mit Aufräumen, Abspülen, Internetlesen (ich), Lehrerarbeit (er) und abschließendem Resteessen. Erst am späten Nachmittag war ich die blöden Kopfschmerzen los.

§

Erschütternde Nachrichten aus Spanien:
Der Gemeinderat des spanischen Orts Betanzos, der Tortilla-Hauptstadt, hat für den alljährlichen Tortilla-Wettbewerb die Verwendung von Zwiebeln untersagt.
Tortilla ohne Zwiebeln? Untergang der Zivilisation!

Werde ich also in künftigen Onlineprofilen „cebollista“ hinterlegen. (Gnihi, auf Spanisch klingt das immer gleich nach politischem Aktivismus – ich grinse noch heute über das spanische Wort für Surfer, „surfista“.)

§

Carolin Emcke für die Süddeutsche:
„Das Brexit-Chaos liefert die besten Argumente für Europa“.

Kaum jemand hat in der jüngeren Geschichte mehr für Europa geleistet als diejenigen, die Europa für überflüssig erklären wollten. All die Nationalisten, die gegen multilaterale Vereinbarungen zu Felde zogen, haben eindrücklich vorgeführt, dass es den autonomen Nationalstaat längst nicht mehr gibt. Es gibt ein Europa, das so eng miteinander verflochten ist, dass es nur transnational denken und handeln kann. Kontrolle gibt es im Zeitalter der Globalisierung nicht allein, sondern nur mit anderen Staaten zusammen.

(Wäre ich nicht eh schon ein Emcke-Fangirl gewesen, hätte mich der Einstieg dieses Artikels dazu gemacht: Sie kennt Gilbert & Sullivan-Operetten!)

Journal Mittwoch, 21. November 2018 – Bremen-München mit erstem Schnee

Donnerstag, 22. November 2018

Gerädert vom Wecker geweckt worden, weil ich wieder sehr schlecht eingeschlafen war: Schmerzen und Intervall-Frieren (Schlafzimmer war nicht kalt, ich hatte zwei Decken – in den Wechseljahren sind ja Hitzewallungen sprichwörtlich, aber kennt die Literatur auch Kältewallungen?).

Mein Hirn machte sich derweil selbsttätig über das Thema Fortpflanzungwunsch vs. Kindermögen her. Zu beidem, das wissen langjährige Leserinnen und Leser, habe ich Zugangsschwierigkeiten, deswegen muss ich mich immer wieder neu um Verstehen bemühen. Und schon als junge Frau wunderte ich mich, dass Menschen sich eigene Kinder wünschten, die sich für Kinder an sich gar nicht interessierten noch sie besonders mochten. Diese Erscheinung sah ich in den nachfolgenden Jahrzehnten wieder und wieder bestätigt: Menschen trauerten darüber, dass sie keine Kinder bekamen oder bekommen konnten, die nie irgendein Interesse für den Kontakt mit konkreten Kindern hatten oder sich auf der Sachebene für Kinder und ihre Lebensumstände interessierten. Irgendwann habe ich verstanden, dass das eine mit dem anderen schlicht nichts zu tun hat, dass der Wunsch nach Fortpflanzung bei fast allen Menschen zu den Bedürfnissen wie die Sehnsucht nach Liebe und zwischenmenschlicher Nähe gehört. Ich mag nicht so recht einen evolutionären Antrieb sehen, da ja gleichzeitig Eltern ihre Kinder misshalnden und manchmal sogar umbringen – statistisch geht die größte Gefahr für Säuglinge und Kinder von der eigenen elterlichen Umgebung aus.

Affinität zu Kindern äußert sich zum Beispiel in den Interessensgebieten menschliche Entwicklung, Spracherwerb, Verhaltensmuster, Lebensumstände von Kindern. Sie wird gerne mal beruflich ausgelebt.
Kinderbezug wegen Fortpflanzungswunsch äußert sich beispielsweise in Momy Wars über Erziehungsformen und korrekte Mutterschaft, Stilldiskussionen, Impfkämpfen.
Natürlich gibt es Überschneidungen. Doch die weite Entfernung zwischen Kindermögen und Fortpflanzungswunsch zeigt sich unter anderem, dass ich immer wieder einen Umgang von Eltern mit ihren Kindern beobachte, dessen Bösartigkeit und Gehässigkeit darauf hinweist, dass sie Kinder gar nicht mögen.

Ordentlich aufgehellte Bilder des Bremer Stadtwalls, das tatsächliche Licht war apokalyptisch.

Recht müder Morgen in Bremen, leider klingelte ich die Vermieterin für die Schlüsselrückgabe offensichtlich aus dem Bett. In aller Ruhe zum Bahnhof spaziert, dort Proviant für die Fahrt gekauft (Mohnschnecke, Laugenbrötchen mit Camembert). Ereignislose Fahrt in dünn besetztem ICE. Ich schlief ein bisschen, sah zwischen Fulda und Kassel meinen ersten Schnee der Saison, las mein Buch fast aus.

Zurück im kalten, dunkelgrauen München erledigte ich noch ein paar Stunden Arbeit im Büro, rollkofferte zu Fuß nach Hause und genoss dabei Luft und ein wenig Bewegung.

Auch Herr Kaltmamsell ist auf Dienstreise, allerdings noch bis Freitag. Ich zog also nochmal los, um dringendste Lebensmittel und Abendessen zu besorgen; Letzteres wurde Rahmspinat aus der Tiefkühltruhe, mein Strohsingleklassiker.

Im Bett Troubles von J.G. Farrell ausgelesen, es wird in unserer Leserunde viel zu reden geben.


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