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Journal Samstag, 12. September 2020 – Rebellische Haltungen

Sonntag, 13. September 2020

(An #12von12 erinnerte ich mich leider zu spät.)

Mit Kopfweh aufgewacht – das mich trotz Aspirin leider nach dem ersten Schluck Milchkaffee doch zurück ins Bett trieb, weil migränoid. Statt Morgensport schlief ich nochmal zwei Stunden.

Dann musste ich aber raus in den Sommertag, denn wir waren bei Schwiegers in Augsburg zum Mittagessen eingeladen.

Auf dem Weg zum Bahnhof entdeckte ich in der Goethestraße eine mir unbekannte Hausentkernungstechnik und bat Herrn Kaltmamsell, ein Foto zu machen (mein Handy steckte im Rucksack):

Bisher war ich riesige, verstärkte Plastikschläuche gewohnt, durch die Bauschutt nach unten in einen Müllcontainer geleitet wird; hier hing nun der Container direkt am Fenster bei den Schuttarbeiten.

Am Münchner Hauptbahnhof viel Polizei: Gestern war eine Großdemo gegen Corona-Maßnahmen angekündigt, zumindest war die Kundgebung am Odeonsplatz untersagt (und damit vor der historisch belasteten Feldherrnhalle) und auf die Theresienwiese verlegt worden.

Bei Schwiegers Wiedersehensfreude und Austausch von OP-Geschichten, manche Eingriffe werden dann doch kompliziert. Außerdem köstliches Mittagessen: Vorspeisensalat, dann geschmorte Ochsenbackerl mit Spätzle und Gemüse, nachmittags Zwetschgendatschi mit Sahne.

Schwiegers sind schon früh ziemlich rumgekommen. (Ich liebe diesen Zeichenstil, den ich aus Illustrationen von Romanen der 1950er kenne.)

Ich lieh mir für die eigene OP die Greifzange aus, die ich laut Klinik-Checkliste mitbringen soll – auch wenn sie laut den beiden OP-Veteranen nicht wirklich benötigt wird.

Zurück in München setzte ich mich auf den Balkon in die warme Luft, von der Theresienwiese schallte noch bis in die Abenddämmerung das Blaffen der Redner gegen Corona-Maßnahmen.

Zum Nachtmahl servierte Herr Kaltmamsell Karottensalat mit Gewürzjoghurt und Kräutern, außerdem ein wenig Blattsalat. Nachtisch Schokolade.

Ich las weiter in Nineteen Eighty-Four. In den Zitaten des „Book“ und in den Folterszenen wird deutlich die Methode der totalitären Volksentmachtung nachgezeichnet, erst theoretisch, dann praktisch: Wie man leider an der Politik Donald Trumps erlebt, geht es eben nicht darum, eine konsequente Lüge aufzubauen, sondern eine ständig wechselnde Realität zu behaupten, bis das Volk das Vertrauen in die eigene Wahrnehmung aufgibt – also in einem Moment das eine auszusagen, im nächsten das Gegenteil, als hätte es die vorherige Aussage nie gegeben.

§

Hilmar Klute macht sich in der Wochenend-SZ Gedanken über die rebellische Haltung, die viele der Demonstrierenden gegen Coronamaßnahmen (oder auch hier gegen selbst erfundene Regelungen) verbindet (€):
„Die Maßlosen“.

Zum Vorabend der Studentenrevolte, am 5. Mai 1967, hielt der Schriftsteller Peter Schneider eine Ansprache, die später als „Rasenrede“ in die jüngere Kulturgeschichte des Zorns eingehen sollte – und mit der eine gezielte Regelverletzung gewissermaßen den Durchstoß zur Wahrheit bringen sollte. Man wisse ja, sagte Schneider damals vor der Vollversammlung aller Fakultäten der Freien Universität Berlin, dass dem Spießerdeutschen die Gräuel des Vietnamkrieges herzlich egal seien, wohingegen „wir nur einen Rasen zu betreten brauchen, dessen Betreten verboten ist, um ehrliches, allgemeines und nachhaltiges Grauen zu erregen“. Am darauf folgenden Tag wurden Studenten dabei beobachtet, wie sie, zitternd vor Kühnheit, über den Campus-Rasen der FU latschten.

Von heute aus betrachtet, kommt einem diese wilde Übertretung erstens niedlich und zweitens beinahe wie politischer Aberglaube vor: Indem ich meinen Fuß auf ein Stück Rasen setze, das von der bürgerlichen Mehrheit als schützenswert betrachtet wird, trete ich zugleich in den Kampf gegen jene imperialistischen Kräfte ein, die einem Teil der Welt Verderben und Untergang bescheren. Dieses eigentümliche Gemisch aus symbolischem Gefuchtel und der bräsigen Vorstellung, man bewege mit seinem patzigen kleinen Widerstand politisches Weltgeröll, hat sich bis heute gehalten. Aber das Image des Regelverletzers hat sich zusehends zu dessen Nachteil gewandelt.

Denn heute leben wir in einer liberalen Gesellschaft; in Jeans in die Oper zu gehen, als Paar unverheiratet zusammen zu leben, als Arztsohn Musiker zu werden, Rotwein zum Fisch zu trinken – das alles gilt nicht als Rebellentum, sondern als persönliche Entscheidung oder individueller Stil.

Die Regelverletzung ist die auf Abwege geratene Stiefschwester der Ordnung, ihre Auftritte in den Unruhephasen der Bundesrepublik haben sich ins Gedächtnis eingenistet. Die illustren Beispiele reichen von der Weigerung des Kommunarden Fritz Teufel, sich vor dem Berliner Landgericht zu erheben (einschließlich der die Autorität parodierenden Einlenkungsphrase: „Wenn es der Wahrheitsfindung dient“), über den bizarren Einfall des radikalen Studenten Karl-Heinz Pawla, vor dem Schöffengericht Tiergarten zu defäkieren, bis hin zu Joschka Fischers Vereidigung in Turnschuhen. Aber im Dezember 1985, als Fischer in Wiesbaden den Amtseid leistete, war diese Regelverletzung bereits ein fast musealer Anstrich an der Biografie eines Politikers, der sich längst der Regeltreue des Establishments verpflichtet hatte.

Als Vollendung der Umkehrung, in der Regelverletzung sich gegen Grundwerte richtet und nicht mehr gegen aufgesetzte Autorität, identifiziert Klute den Wahlsieg Donald Trumps:

Wie es aussieht, hat sich der Leumund des Regelverletzers in letzter Zeit zu dessen Ungunsten verändert. Und wenn man es weltgeschichtlich terminieren möchte, dann käme man womöglich auf den Herbst 2016, als Donald Trump zum 45. Präsidenten der USA gewählt wurde. Trump hat seine Politik, oder was er dafür hält, auf dem Prinzip der permanenten Regelverletzung begründet. Die Verabschiedung von globalen Übereinkünften, politischen Anstandsregeln und von der Achtung zivilgesellschaftlicher Normen war von Anfang an sein staatspolitisches Credo. Trump verletzt die Regeln derart brutal, konsequent und in solch monströser Zeigefreude, dass selbst dem größten Sympathisanten bizarrer Übertretungskultur die Lust an der Provokation vergehen muss. Wie rasch die programmatische Regelverletzung dazu führen kann, dass ein Land und seine Gesellschaft zugrunde gehen, war in Minneapolis, in Portland und überall dort zu beobachten, wo Menschen spüren, dass die Übereinkünfte der zivilen Welt von staatlicher Seite verhöhnt werden.

Aktuelle Ergänzung ist der britische Premier Boris Johnson, der beschlossen hat, dass ihm der mit der EU vereinbarte und bereits gültige Austrittsvertrag egal ist und UK jetzt einfach etwas anderes macht. Womit er in einer Weise gegen die Regeln verstößt, die Trump seit vier Jahren vormacht.

Unser derzeitiger geselleschaftlicher Konsens ist sogar darauf ausgerichtet, möglichst viel Individualismus und persönliche Entscheidung zuzulassen und nur dann einzugreifen, wenn das große Ganze beschädigt würde. Wie im aktuellen Fall einer Pandemie.

Die Verbindlichkeit der Regeln leuchtete den meisten Menschen bald ein, weil ihre Beherzigung womöglich schon den Weg in Richtung Aufhebung der Regeln vorzeichnen könnte. Irgendwann wurde es zur Pflicht, eine Atemschutzmaske zu tragen, und von dem Zeitpunkt an begann ein immer lauter werdender Chor damit, zur Regelverletzung aufzurufen. Mag sein, dass es der symbolische Nimbus der verschleiernden Maske war, möglicherweise auch ihr Sitz an einer so empfindlichen Stelle, dem Gesicht, das ja für Identität und individuelle Kenntlichmachung steht. Die Maske wurde den Regelkritikern zum Fetisch der Unfreiheit, was eigentlich unsinnig ist, denn mit der Maske vor der Nase hatte man sich ja den Passierschein für beinahe überallhin vor das Gesicht gebunden. Es gab auch gleich die große Palette an Farbreichtum, schickem Zuschnitt oder – für die ganz Korrekten – hygienischem Einmalgebrauch auf den Markt. Gegen die Angst, ein dumpf vor den Mund gepapptes Stück Stoff tragen zu müssen, bediente der Kapitalismus auch weiter die Nachfrage nach individueller Einzigartigkeit.

Aber sicher muss man wachsam bleiben und soll Regelungen hinterfragen, soll man Regeln weiterhin verletzten. Klute zitiert Habermas:

„Der Regelverletzer“, schreibt Habermas, „muss skrupulös prüfen, ob die Wahl spektakulärer Mittel der Situation wirklich angemessen ist und nicht doch nur elitärer Gesinnung oder narzisstischem Antrieb, also einer Anmaßung entspringt.“

Journal Freitag, 11. September 2020 – Wrack-Gefühle und mehr Sommer

Samstag, 12. September 2020

Die Nacht war um 4 Uhr vorbei, danach ruhte ich halt noch bis zum Sport-frühen Weckerklingeln. Auf dem Crosstrainer fühlte ich mich wie fast immer sehr munter, doch insgesamt geht mein Befinden recht sicher Richtung fix und fertig / am Zahnfleisch / kurz vor Zusammenbruch. (Was ich mir dann doch wieder nicht glaube, denn schließlich kann ich doch noch Crosstrainer, Radfahren und 9,5-Stunden-Tag.) Die Beschwerden durch die einseitige Belastung werden täglich mehr, jetzt schmerzt auch – aber anders – die linke Hüfte, der Fersensporn im linken Fuß meldet sich zurück.
Schbin ’n Wrack.

Kleidungswahl ist derzeit leicht neben der Spur: Ich war darauf ausgerichtet, die Sommerkleidung hinter mir zu lassen, und hatte sorgsam darauf geachtet, sie in einen gewaschenen (keine Motten beim Einlagern!) und gebügelten Zustand zu bringen. Jetzt legt die Wettervorhersage nahe, dass ich sie über dieses Wochenende hinaus brauche.

Als ich auf mein Rad stieg, sah ich ein rotes Eichhörnchen im Gebüsch verschwinden, und das rettete einiges.

Aber nicht alles: In der Arbeit war mein Geduldfaden kurz.

Mittags Tomaten mit Olivenöl, ein Laugenzöpferl.

Online einen Termin für Coronatest besorgt: Die operierende Klinik erwartet beim Einrücken eine aktuelle schriftliche Bescheinigung.

Mein Büronachmittag, fürchte ich, war nicht besonders produktiv. Nachmittagssnack getrocknete Aprikosen und halber Eiweißriegel.

Ein nochmal sommerlicher Tag, beim frühen Heimkommen setzte ich mich erst mal zum Lesen auf den Balkon.

Zum Nachtmahl gab’s Kuh auf Wiese: Herr Kaltmamsell hatte beim Hermannsdorfer Rib-Eye-Steak gekauft, das wir uns teilten, dazu Ernteanteil-Salat. Zur Feier des Wochenendes Aperol Spritz.

Mit Eiskugeln aus dem Eiskugelmacher, den mein Bruder mir geschenkt hat. (Und ja: Plastikstrohalme. Jemand in diesem Haushalt hat vor vielen Jahren eine so große Packung gekauft, dass wir wahrscheinlich noch bis zur Rente welche haben. Aber wegwerfen ja wohl lieber nach Benutzung.)

Journal Sonntag, 6. September 2020 – Familiensonntag in bei Ingolstadt

Montag, 7. September 2020

Wir waren zu einem Familientreffen in bei Ingolstadt eingeladen, ich stellte mir einen Wecker für vorherigen Sport. Diesen Wecker brauchte es dann nicht mal, es war die Sorte Nacht, deren Ende ich eh herbeisehnte.

Sport war neben Bankstütz nach Wochen mal wieder eine Runde Yoga für den Rücken – die sehr, sehr wohl tat. Sie erinnerte mich daran, dass Yoga bei mir Dinge tut, die nichts anderes schafft, und ich nahm mir weitere Einheiten für die nahe Zukunft vor.

Der Tag war deutlich abgekühlt, aber freundlich. Der Zug brachte uns nach Ingolstadt.

Das neue Normal.

Zu meiner Überraschung stand der Hopfen noch in zwei Dritteln der Gärten: Ich hatte gelesen, dass die Ernte in der letzten Augustwoche begonnen hatte und wähnte sie beendet.

Es war sehr schön, Bruderfamilie und meine Eltern zu sehen, wir saßen draußen im Garten und sahen neben vielen Schwalben auch einen Falken und einen mutmaßlichen Bussard am Himmel.
Der Hauptgang kam aus einem neu angeschafften Smoker, der rundum bestaunt wurde.

Aber erst mal Suppe mit Pfannkuchen und Grießnockerln.

Dann aus dem Smoker Lammkeule Kürbis, Kartoffeln, Auberginen, Paprika, Zwiebeln, zudem grüne Bohnen und Romanasalat – ausgesprochen köstlich.

Weil es doch ein wenig frisch wurde, setzten wir uns für Kaffee und Dessert (Apfelstrudel, mmh!) auf die Terasse und plauderten weiter. Unter anderem Austausch von Modalitäten des montäglichen Schulanfangs aus Lehrenden- und Schüler/Schülerinnen-Sicht. Die Neffen sprechen übrigens den glottal stop des Gender-Sternchens geläufig und natürlich im Redefluss, das geht. (Wer glaubt, damit nicht vertraut zu sein: Es ist das kurze Absetzen zum Beispiel in Spiegel*ei.)

Rückfahrt vom derzeitigen Spitzenreiter an Bahnhofs-Romantik.

Wie schon auf der Hinfahrt waren die Sitze nur locker besetzt, ich fühlte mich sicher.

Meine Eltern hatten uns Zwetschgen vom eigenen Baum mitgegeben, um die kümmerte ich mich daheim erst mal. Da ich gestern Abend und an den folgenden Tagen keine Zeit zur Verarbeitung haben würde, entsteinte ich sie, kämpfte mit Würmern um etwa ein Viertel davon (win some, lose some) und fror sie in zwei Portionen ein (ein Mal Zwetschgenkuchen mit Nussboden, einmal für ein Blech Zwetschgendatschi).

Zum Nachtmahl servierte Herr Kaltmamsell Nudeln mit Ernteanteil-Salbei.

Früh ins Bett, um weiter in Nineteen Eighty-Four zu lesen, das mich fesselt.

Journal Samstag, 5. September 2020 – #WMDEDGT im sommerlichen Daheim

Sonntag, 6. September 2020

Fünfter des Monats, an dem Frau Brüllen immer fragt: #WMDEDGT – Was machst du eigentlich den ganzen Tag? An diesem arbeitsfreien Samstag kann ich mitspielen.

Mittel-unruhige Nacht, zumindest freute ich mich bei jedem Halb- oder Ganzaufwachen an der Wärme eines geliebten Menschen neben mir. Gegen sieben war die Nacht vorbei.

Sehr schön: Wie erhofft war es warm genug (mit Sweatshirt und Socken) für Morgenkaffee auf dem Balkon.

Beachten Sie die rückenfreundlichen Schäufele und Besen, die es ein gutes Jahr nach meiner Rücken-Reha endlich im Haushalt gibt (Online-Kauf, nachdem Herr Kaltmamsell offline vergeblich gesucht hatte).

Ich bloggte und las Twitter samt verlinkten Artikeln, sah jungen Eichhörnchen in der Kastanie zu, stand immer wieder auf für Handgriffe des Brotbackens.

Der sonnige Tag wurde immer wärmer. Ich beschloss, gar keinen Sport zu treiben, sondern den letzten Sommertag entspannt zu genießen (in einem Jahr lässt sich beides hoffentlich wieder verbinden).

Wochenendkuchen buk ich ebenfalls, nämlich Luxemburger Schuedi. Das Backen hatte ich so organisiert, dass der Schuedi urprungsgerecht die Resthitze vom Brotbacken nutzte.

Zwischen den Zubereitungsschritten dafür bereitete ich Kartoffelsalat mit Gurke (beides aus Ernteanteil, die Kartoffeln allerdings noch von Partnerbetrieben, unsere werden erst noch geerntet) fürs Abendbrot.

Jetzt aber duschte ich mich endlich und zog mich an für eine kleine Einkaufsrunde in der Innenstadt: Der sonnige Tag legte kurze Ärmel, Caprihose und Sandalen nahe.

In der Sendlinger Straße überwogen die Hochsommerkleidchen: Angemessen, das Thermometer am Juwelier Fridrich zeigte kurz nach dem 12-Uhr-Läuten 27 Grad an, in der Sonne war es heiß.

Traurige Entdeckung: Der Body Shop in der Sendlinger Straße hat dicht gemacht – was ich seit Jahren erwartet hatte, nachdem innen die Verkaufsfläche immer weiter reduziert worden war und ich selten Kundschaft sah – und sich das Angebot nie mehr der Ursprungsidee von Anita Roddick annäherte. Als Kundin der ersten Stunde (na ja: anderthalbten, ich entdeckte die Kette 1987 auf Chortournee in Schottland) erinnere ich mich, dass Body Shop bereits in den 1980ern das Konzept hatte, die Plastikflaschen für die Produkte immer wieder im Laden aufzufüllen; außerdem bestand das Angebot aus einem Baukasten: Es gab zum Beispiel neben Deo und wenigen Hand- und Gesichtscremes genau ein Duschgel, ein Shampoo – und zahlreiche Duftöle, mit denen diese Produkte nach Wunsch der Kundin parfümiert wurden. Da mir das Konzept aus Laiensicht immer noch attraktiv und außerordentlich umweltfreundlich erscheint, würden mich die Bedenken der Marktprofis dagegen interessieren.

Für die Gurken-Körpercreme, die ich im Body Shop hatte kaufen wollen, hinktrippelte ich also langsam zur Filiale an der Frauenkirche (wo man mir das Angebot schmackhaft machen wollte, ein zweites Produkt der Serie um den halben Preis zu erwerben – ebenfalls ein Konzept, das Anita Roddicks Haltung wiederspricht: der Kundin Dinge aufzuschwatzen, die sie nicht braucht).

Sommerlicher Jakobsplatz.

Nächster Stopp war wieder Eataly, derzeit die einzige Quelle für verlässlich gutes Obst (viele Feigen, zwei Nektarinen – die Berge Pfirsich sah ich zu spät). Dort hat man die Durchsetzung des Hygienekonzepts verschärft – was mich erleichterte, die Male zuvor war es unangenehm voll gewesen. Was aber auch Schlangestehen am Eingang bedeutete, denn auch Vierergrüppchen wurden jetzt als einzelne Kunden und Kundinnen gezählt, die nur mit eigenem Einkaufswagen oder -korb eingelassen wurden, wenn einer frei war (ich wurde Zeugin einer hitzigen Diskussion mit einer Kundin, die auch nach vielen Wochen dieses Systems in vielen Läden nicht verstand, warum sie für ein, zwei Dinge zu einem Einkaufskorb gezwungen wurde).

Auf dem Heimweg besorgte ich am Sendlinger Tor noch einen Arm voll Dahlien. Die brachte ich zu Hause erst mal ins Wasser („eiskalt!“, wie mich die freundliche Standlerin anwies, von der ich schon so viel gelernt habe), dann gab es Schuedi zum Frühstück.

Zeitunglesen auf dem Balkon, weitere Backrunde: Ich hatte Sauerteig sowie Lievito Madre aufgefrischt und nach einer Alternative zum Wegwerfen der alten Starter gesucht. Jetzt knetete und buk ich Kracker daraus. Allerdings war unser grobes Meersalz sehr grob, eher Richtung Kandissalz. Gibt’s halt Kracker mit Salzbrocken.

Eine halbe Stunde Bügeln zum Verräumen, dann hatte ich Nachmittagshunger: Es gab frisches Brot (hervorragend gelungen) mit Porchetta vom Eataly.

Zurück auf den Balkon zum Zeitunglesen. Am späteren Nachmittag wurde es langsam kühler, es kamen Wolken.

Nachtmahl waren Fischstäbchen aus dem Speiseföhn (sehr ok, halt nicht knusprig) mit Kartoffelsalat. Vorher hatte ich schon Gin & Tonics eingeschenkt.

Als Abendunterhaltung ließen wir im Fernsehen Duplicity von 2009 laufen, na ja.

Der seit Monaten offene Tab zum Thema Patientenverfügung leuchtet mich fordernd an; vor der OP sollte ich das wirklich endlich hinter mich bringen – vor allem um im Fall des unwahrscheinlichen Falles anderen eine Last abzunehmen.

§

Der Beweis: Auto und Natur müssen keine Gegensätze sein.

§

Bestes Herbsgedicht.

Journal Freitag, 4. September 2020 – Vorerst letzter entspannter Restaurantabend

Samstag, 5. September 2020

So innig herbegesehnt sollte nie ein Freitag sein.
Unruhiger Nachtschlaf endete um halb fünf, nach einer Stunde „dann ruhe ich halt nur“ stand ich auf. Bankstütz klappte ein wenig besser.

Der Tag begann mild, ich brauchte fürs Radeln in die Arbeit keine Jacke.

Eigentlicht hatte ich vor Jahren sowas wie Karriere hingeschmissen, um unter anderem nie wieder Projekte leiten zu müssen. Jetzt entdecke ich das Phänomen Schatten-Projektleitung (mein Ausdruck).

Mittags Weißbrot vom Vorabend und eine kleine Cantaloupe-Melone, nachmittags ein Pfirsich, der sich zum Übergang in die Matschphase auf einer Seite entschieden hatte, während er eigentlich noch knallhart war.

Ich hatte frühen Feierabend geplant und schaffte ihn unter Ausweichbewegungen. Sonniges und mildes Heimradeln, ich nutzte die frühe Ankunft zum Ansetzen von Vorteigen für ein samstägliches Brotbacken (Häusemer Bauerekrume).

Die Corona-Pandemie ist noch lange nicht rum, die Entwicklung der Infektionszahlen in Deutschland sieht nicht gut aus. Doch weil schon so lange Corona ist, ertappe ich mich dabei nachlässig zu werden. Angst hatte ich zwar eh nie, aber vernünftiges Verhalten war ein paar Monate lang für mich intuitiv. Derzeit ist es nur noch das Aufsetzen der Mund-Nase-Maske, und ich muss mich hin und wieder zur Vernunft rufen, vor allem wenn es um diejenigen Tätigkeiten in der Öffentlichkeit geht, die ich besonders gern tue: Lebensmittel einkaufen und Essengehen. Vernünftig ist, seltener mehr einzukaufen und zwar in Läden, die Abstandhalten ermöglichen, und Essengehen in geschlossenen Räumen ist nicht vernünftig. Wir nutzten gestern eine der wahrscheinlich letzten Möglichkeiten vor dem Herbst für Essengehen unter freiem Himmel. Nachdem die Wettervorhersage seit Tagen für Freitag einen sonnigen, warmen Tag prognostiziert hatte, reservierte ich einen frühen Tisch im Melina Merkouri.

Dr Plan ging auf, wir saßen herrlich im Freien.

Zur Vorspeise aß ich eine wunderschöne bretonische Artischocke mit Kapern- sowie Joghurt-Kümmel-Dip, dazu ein Glas Sauvignon Blanc Glatzer aus Österreich, Herr Kaltmamsell hatte vier Cremes mit Pita.

Als Hauptspeise hatte ich mich den ganzen Tag schon auf Lammkoteletts gefreut, Herr Kaltmamsell aß Baby-Kalamari. Ich erinnerte mich viel an meine erste Griechenlandreise: Studienfahrt mit der Schule in der 11. Klasse, 1984. An meine erste Begegnung mit dem Phänomen Street Food in den Straßen von Athen: Gyros in Pita, Halva vom Block. (Würschtelstand am Wochenmarkt oder Leberkässemmel sind natürlich eigentlich auch Street Food.) Überhaupt: Mit 16 ganz ohne Erwachsene in einer völlig fremden Stadt herumstromern! Ein weiterer Eintrag auf meiner Wunschliste für Zeitreiseziele also: Athen im Frühjahr 1984 – um Barbara, Ulrike und mir zuzusehen, wie wir glauben, dass wir von den Bäumen vor dem Parlament Orangen klauen. Die sich als Bitterorangen herausstellten.

Frische Tat.

16-jährige Kaltmamsell in Griechenland.

Den mit Essengehen geplanten Geburtstagabend von Herrn Kaltmamsell in zwei Wochen verlegten wir nach Hause, das Drinnen mit vielen fremden Menschen ohne Mundschutz wäre (vor allem mit Blick auf meinen Krankenhausaufenthalt wenig später) unvernünftig.

Es war ein herrlicher Abend, wir spazierten für ein Eis zum Dessert durch den Nußbaumpark (darin immer noch Pop-up-Biergarten mit bunten Lichtergirlanden) – und sahen einige Fledermäuse am Himmel zwischen den Bäumen.

Abendrot über der Pettenkoferstraße.

Die Landwehrstraße spielte Großstadt.

§

Katrin Büchenbacher, Volontärin bei der NZZ, erzählt die Geschichte ihrer Ehe:
„Seine Grossmutter war enttäuscht, dass sich ihr geliebter ältester Enkelsohn verliebt hatte. Sie hätte lieber selbst eine Frau für ihn gefunden. Eine chinesische Liebesgeschichte“.

Journal Mittwoch, 2. September 2020 – Schräger werdende Sonnenstrahlen

Donnerstag, 3. September 2020

Wieder eine recht gute Nacht, allerdings drehten sich alle Träume, an die ich mich erinnere, um Arbeitsdinge (sowas wird dann wieder nicht auf bezahlte Stunden angerechnet).

Ich wagte eine Runde Bankstütz – und trauerte der Form hinterher, in der ich Ende Juli gewesen war.

Frühes Radeln in die Arbeit, es war trocken. Mein Plan, durch Arbeitsstart vor allen anderen zackig Dinge zu erledigen, klappte nur halb: Überraschend viele andere waren auch früh da und brauchten etwas von mir.

Mittags Linsensalat vom Vorabend: Immer noch ein großer Genuss. Den Nachmittag verbrachte ich mit vielerlei Arbeit, es wurde weniger anstrengend.

Stand und Farbe des Nachmittagslichts verraten: Bald werden die Blätter bunt.

Auf dem Heimweg stoppte ich im Vollcorner, um Obst und sonstige Brotzeit für die nächsten Tage zu besorgen.

Daheim verschloss ich mein Fahrrad wieder am Ständer vor dem Haus: Seit Hexenschuss schaffe ich das Rauftragen in den ersten Stock nicht mehr, weil ich mich zum Treppensteigen meist festhalten muss.

So weit kommt die sinkende Sonne nur zu dieser Jahreszeit in unseren Flur: Früher im Sommer steht sie zu hoch, später wird sie von Häuserdächern verdeckt.

Herr Kaltmamsell hatte den Nachmittag in der Küche verbracht und servierte a recipe:
Corn cakes with beetroot and apple salad von Ottolenghi.

Es schmeckte selbst für den hohen Standard des Herrn besonders köstlich. Doch der Koch selbst machte beim Essen lediglich „hm, hm“ – was bedeutet: Wenn ich das nochmal essen möchte, muss ich es selbst kochen.

Zum Nachtisch gab es eine der eben gekauften Melonen, die für mich immer die Standard-Honigmelone sein wird, weil sie meine Kindheitssommer in Spanien dominierte: Die grüne, Football-förmige Piel de sapo. Ich erinnere mich an enorme Berge davon am Rand der kastilischen Landstraßen, wo sie direkt von den Bauern und Bäurinnen verkauft wurden.

§

U.a. mit vielen Hinweisen von Katharina Seiser: Ein ORF-Hörstück über schnelle Küche – noch bis Freitag nachzuhören.
„Schwerpunkt ‚Tempo! Leben mit Geschwindigkeit'“.

Mir wurde durch Kathas Erklärung klar, dass es für schnelle Küche nicht nur braucht, kochen zu können: Man muss genug gute Sachen schon mal gegessen haben! Um überhaupt auf Ideen zu kommen.

§

Ein Twitter-Faden über schlittenfahrende Krähen. (Erntsthaft. Mit Filmchen.)

Journal Samstag, 29. August 2020 – Mittelgutes Schwimmen, gutes Ossobuco

Sonntag, 30. August 2020

Ungute Nacht, mit bösem Kopfweh aufgewacht, das aber nach zwei Aspirin und Morgenkaffee nahezu weggedämpft war. (Die anschließende Euphorie legt allerdings eine weitere Migräne nahe.) Draußen rauschte der Regen, es war so kühl geworden, dass ich alle Fenster im Wohnzimmer schloss.

Im Haus einem gewissenhaften und bereits recht erschöpften Postpaketler geholfen. Der deutlich hörbare Nicht-Deutschmuttersprachler suchte auf den Klingelschildern des Hauses vergeblich nach dem Vornamen der Adressatin: Die Adresse war Nachname Vorname geschrieben. Ich erklärte ihm, wie die Empfängerin tatsächlich heißt und wies ihm den Weg.

Seit Tagen freute ich mich aufs Schwimmen im Olympiabad, der Hexenschuss hat sich mittlerweile fast völlig aufgelöst. Es machte mir nicht mal etwas aus, dass es weiterhin ausdauernd in wechselnder Stärke regnete und ich die U-Bahn nehmen musste. Und fast nichts, dass die U-Bahn-Fahrt durch die Bauarbeiten am Sendlinger Tor und an der Münchner Freiheit umständlich und lang war.

Schwimmen war ok, bereitete mir aber nicht so viel Freude wie erhofft (Hüfte, Nacken); ich beließ es bei 2.500 Metern.

Gehen ging gestern leider sehr schlecht. Ich überlegte lange, an welcher Bäckerei ich auf dem Rückweg Frühstück und Weißbrot holen sollte, um dabei möglichst kurze Wege zu haben – wo ich eigentlich meine Strecken am liebsten daran auslege, wo es schön oder spannend ist. Treppensteigen kann ich inzwischen fast gar nicht mehr: Entweder ich steige nur mit der gesunden Seite und ziehe die wehe Seite Stufe für Stufe nach oder ich brauche ein Treppengeländer als Krücke. Rolltreppen, die ich fast Zeit meines Lebens ignoriert habe, sind jetzt hochwillkommen – und gar nicht so weit verbreitet, wie ich bislang angenommen hatte. (Noch fünf Wochen.)

Am Hauptbahnhof kaufte ich beim Rischart Semmeln, Weißbrot und zwei Stück Zwetschgendatschi: Auf letzteres hatte ich seit Tagen Lust, entschied mich aber gegen Selbstmachen, weil ein Blech im Rahmen unserer weiteren Koch- und Essenspläne zu viel gewesen wäre. Frühstück um halb drei waren also Semmeln und Datschi mit Sahne.

Fürs Abendessen sorgte ich: Es gab nach langem mal wieder Ossobuco, dazu cremige Polenta (gutes Rezept: die Idee mit dem Mitkochen von Lorbeerblatt und Knoblauch merke ich mir, die Kräuter zum Schluss ließ ich weg).

Sehr gut gelungen, am besten schmeckte mir das viele Gemüse mit Polenta (und das Knochenmark).

§

Angeln.


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