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Journal Mittwoch, 31. Juli 2019 – Ein trauriger Tag

Donnerstag, 1. August 2019

Ekel in Zeiten des Internets: Seit der Nachricht von Sophies Tod haben sich die Zugriffszahlen auf dieses Blogs verdreifacht – obwohl ich außer dem Link zur Irish Times nichts veröffentlicht hatte. Irgendetwas oder irgendjemand kreist über diesem Blog.

Gestern wurde Sophie in ihrer Geburtsstadt Wittenberg bestattet, ich dachte viel an sie. Das taten auch viele andere, die sie gern hatten – es war tröstlich, dass es in meinem Internet eine kleine Welle von Menschen gab, die gestern ein Stück Nussschokolade auf sie aßen, weil Sophie die doch so mochte. Danke auch für Ihre tröstenden Worte per E-Mail.

Düsterer Himmel gestern über München, vormittags regnete es. Die Temperaturen aber blieben mild.

Nach Feierabend spazierte ich beim Hertie am Hauptbahnhof vorbei und kaufte zum Abendbrot Käse (Sophie liebte Käse) und gesalzene Butter. Ich hatte in Utrecht in einem Spezialgeschäft an der Oudegracht niederländischen Käse besorgt, den ich damit zur Käseplatte machte.

Ich hatte große Lust auf ein Glas Weißwein und beschloss, dass gestern Abend der passende Anlass für die Flasche Pouilly-Fumé war, den wir zum Rosenfest geschenkt bekommen hatten.

Mein Favorit mit Abstand, auch weil er am besten zum wunderbaren Wein passte, war der niederländische alte Ziegenkäse von Henri Willig: Unglaublich vielfältig aromatisch, mürbe mit Salzkristallen. (Der andere Willig war der Räucherkäse, der wie eine braune Wurst aussieht.)

Zum Nachtisch gab es nochmal Rote Grütze mit Custard, beides von Herrn Kaltmamsell zubereitet.

Abendprogramm: Die berühmte Folge Grey’s Anatomy, zurecht viel beachtet.

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Meiner mittäglichen SZ-Lektüre entnahm ich, dass mein Verein MTV noch bis mindestens April 2020 auf Sparflamme kochen muss:
„Kampf mit der Korrosion“.

Geplant war, die Sanierung in drei bis vier Monaten durchzuziehen. Doch der Verein hatte nicht mit den Schäden gerechnet, die sich während des Umbaus zeigten. Inzwischen geht niemand mehr davon aus, dass die Halle vor April 2020 fertig wird. So lange, beinahe zwei Jahre, fehlt Tausenden Mitgliedern ein Großteil der Trainingsräume.

Ich war ja gerade mal ein halbes Jahr Vereinsmitglied, als die Halle Mitte 2018 wegen Umbaus schloss. Dieses Jahr nahm ich bislang nur wenige Male ein Sportangebot wahr. Zusammen mit den Umständen, dass es am Wochenende und in den Ferien praktisch nichts Interessantes für mich gibt, mein Ausdauersport jetzt aus Laufen und Schwimmen besteht, ich zudem für die Zukunft eher Gesundheitssport plane – wäre eine Kündigung zum nächsten Termin naheliegend (Mitgliedsgebühr fürs 2. Halbjahr wurde gerade erst abgebucht). Aber in dem Artikel steht blöderweise, dass dem MTV natürlich die Mitglieder reihenweise davonrennen, was die finanziell eh schon enge Situation verschärft. Ich überlege noch, ob ich die Gebühren einfach als Spende in die Denkmalpflege verbuche und passives Mitglied bleibe.

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„The Enduring Feminist Vision of ‚The Silence of the Lambs'“.

via @ineshaeufler

Unter anderem interessant, weil Nahaufnahmen von Dialogpartnern analysiert werden: Welche Wirkung hat es, ob jemand in die Kamera sieht oder leicht zur Seite.

The brilliance of The Silence of the Lambs is that the movie not only subverts the male gaze but reflects that gaze back on the viewer instead of letting them contribute to it.

Den Film habe ich mir seinerzeit (1991!) hart erarbeitet. Damals las ich noch Kinomagazine und wusste viel über den Film, doch damit wusste ich auch, dass er von der Sorte ist, die ich wegen zu spannend nicht ertrage. Ich wollte ihn aber unbedingt sehen. Also ließ ich ihn mir vor dem Kinobesuch von jemandem erzählen, der ihn schon gesehen hatte, so war die Spannung erträglich reduziert. Ich halte ihn immer noch für exzellent.

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Und wenn wir schon mal beim Thema sind: Margrith Bigler-Eggenberger, heute 86, war die erste Bundesrichterin der Schweiz. „Nach ihrer Wahl wurde sie als Mörderin beschimpft, ein Richterkollege weigerte sich gar fünf Jahre lang, mit ihr zu sprechen.“
„Justitias Kämpferin – Besuch bei einer Pionierin der Gleichstellung von Mann und Frau“.

Bigler-Eggenberger spricht ruhig und gewählt, das Wort «Karriere» nimmt sie ungern in den Mund. «Ich habe das gemacht, was mir gefällt und was jeder Mann mit meiner Ausbildung auch getan hätte.»

Ich wurde erst durch den Frauenstreik jüngst darauf aufmerksam, wie weit zurück Frauenrechte in der Schweiz sind.

Journal Sonntag, 21. Juli 2019 – Ein Tag in Hof

Montag, 22. Juli 2019

Für den gestrigen Sonntag hatte mein Bruder seinen Besuch angekündigt, ich wünschte mir einen Ausflug nach Hof.

Da da die Fahrt damit fast doppelt so schnell ging, kam er mit seinem Auto statt mit dem Zug und holte mich von der Klinik ab. Ich zeigte meinem Bruder ein wenig Kurpark und Kuranlagen, dann fuhr er uns nach Hof.

Erster Stopp in der dortigen Fußgängerzone: Neumodisches Café mit selbst abzuholendem Getränk – endlich ordentlicher Cappuccino!

Wir spazierten durch die Innenstadt, guckten hier und da, ich freute mich über Typografie aus verschiedenen Jahrzehnten des 20. Jahrhunderts.

Am eigentlich nicht zu übersehenden Rathaus waren wir unbemerkt vorbeigelaufen weil auf der falschen Straßenseite. Dann spazierten wir die schönen Wege entlang der Saale entlang.

Bitte beachten, wie wörtlich ein Vogel das Bauen im O genommen hat (Entdeckung des Herrn Bruder).

Zu Mittag nochmal Schäufele, dieses deutlich saftiger und zarter als das Exemplar eine Woche zuvor. Mein Bruder, soll ich (aus Gründen) betonen, hatte einen Salatteller mit gebratenem Ziegenkäse.

Dann nahmen wir uns den Bürgerpark Theresienstein vor und spazierten darin fast zwei Stunden.

Wir sahen uns im Botanischen Garten um, folgten einem Pfad mit weiten Aussichten, mäanderten an künstlichen Ruinen und Seen vorbei – es ist wirklich eine sehr schöne Parkanlage.

Zurück zum Auto guckten wir uns ein ehemaliges Fabrikhaus an der Saale nochmal genauer an, gleich bei St. Michaelis, das zu einem sehr interessanten Wohnhaus umgebaut wurden war. Und dann fuhr mich das Brüderchen zurück nach Bad Steben. Das war dann doch eine ganze Menge Rumlaufen und Sonne gewesen, ich verbrachte den Rest den Abends im Sitzen.

Dummer- und eigenartigerweise wurde mir nach der Tagesschau schlecht, so heftig und so viele Stunden nach der letzten Mahlzeit, dass ich einen Infekt befürchtete. Als das nicht aufhörte, legte ich mich ins Bett, schlief unruhig ein – und wachte zwei Stunden später ohne Übelkeit auf. Appetit auf Abendessen welcher Art auch immer hatte ich dennoch nicht.

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Der Observer fragt:
„Why do some people develop the lost camera films of total strangers?“

via @goncourt

Denn anscheinend tun das nicht nur Leute, die zufällig in alten Fotoapparaten unentwickelte Filme finden: Auf Ebay scheint es einen regen Markt für unentwickelte Filme unbekannter Menschen zu geben.

Journal Samstag, 20. Juli 2019 – Schwimmen und verworfener Eisbecher

Sonntag, 21. Juli 2019

Noch zwei Wochen hier, und ich spräche Fränkisch – große Affinität zu diesem Zungenschlag.

Eigentlich hatte ich diesen Samstag für einen Ausflug nach Karlsbad oder Marienbad eingeplant, wie sie von Bad Steben aus an Wochenenden per Bus angeboten werden. Nur halt nicht an diesem Wochenende.

Also schwenkte ich um auf einen weiteren Schwimmausflug nach Naila. Am Freitagabend hatte es noch kräftig geregnet, ich hätte auch eine Regenschwimmrunde akzeptiert. Doch Samstag wachte ich früh zu Sonnenschein und schnell steigenden Temperturen auf.

Nach einer Tasse Tee und einem Glas Hafermilch spazierte ich zum Bahnhof und nahm wieder den Zug nach Naila. Unterwegs:

Für die Freunde und Freundinnen des missbrauchten Apostrophs – diese Verwendung kannte ich noch nicht.

Das Freibad war wieder recht leer, wieder hatte ich für den größten Teil meiner 3000 Meter die Bahn allein. Bei einer Wende sah ich aus dem Augenwinkel einen sehr großen Vogel überm Becken. Ich stoppte und sah nach: ein Rotmilan, er flog tief genug, dass ich ihn identifizieren konnte.

Diesmal schien die Sonne durchgehend, ich schwamm über glitzerndem Boden; da ich wieder niemanden zum Sonnencremen hatte, machte ich mich auf einen roten Rücken gefasst. Doch der Check beim Heimkommen ergab: Nicht mal die Spur eines Sonnenbrands. Ich verstehe meine Haut nicht.

Nach der Schwimmrunde wechselte ich in einen trockenen Bikini und cremte mich ein; so legte ich mich mit Musik auf den Ohren auf die spärlich belegte Wiese. Als Brotzeit gab es zwei große Bananen, als der Kiosk öffnete, bekam ich einen passablen Cappuccino.

Um zwei nahm ich den Zug zurück nach Bad Steben. Kurz vor Ankunft begann mein Magen zu knurren, schnell fiel ihm ein, worauf er Lust hatte: einen Eisbecher. Ich ließ mich im Eiscafé Tropea nieder, in der Eiskarte erschien mir der Becher Babá am verwegensten:

Ja, das sind kleine Stücke Babá au Rum. Er war köstlich. (Und dann war mir ein kleines Bisschen schlecht.)

Zurück in der Klinik ausgiebiges Duschen und Cremen. SZ-Magazin und Wochenend-Süddeutsche auf dem Smartphone gelesen.

Zum Abendessen hatte ich schon wieder Hunger, danach noch ein mittelausgedehnter Spaziergang durch den Kurpark.

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Die iranische Fotografin Gohar Dashti zeigt, was aus Wohnungen und Häusern wurde, die ihre Bewohner aufgeben mussten.
„Nature Thrives in Tehran’s Abandoned Courtyards, Staircases, and Bedrooms in a Photo Series by Gohar Dashti“.

via @Hystri_cidae

Journal Freitag, 19. Juli 2019 – Reha jetzt auch mit Anfassen

Samstag, 20. Juli 2019

Vorletzter Therapie-Tag – der erste, an dem mich jemand professionell anfasste.

Um 7.35 Uhr hatte ich endlich meinen Termin Einzel-Physiotherapie. Ich erklärte und zeigte Frau Physio, was ich mit Bewegungseinschränkung der rechte Hüfte meinte. Sie legte mich auf die Liege im Behandlungszimmer, nahm meine Beine von verschiedenen Seiten, bat mich um die Ausführung verschiedener Bewegungen.

Dann wurde es sehr, sehr schmerzhaft. Ich lag anweisungsgemäß bäuchlings auf der Liege, Frau Physio strich mit aller Kraft erst mehrfach die rechte Wade zum Knie, dann den rechten hinteren Oberschenkel zum Po, die rechte Hüfte, das schmale Muskelband seitlich von der Wirbelsäule. Dann drehte ich mich um, jetzt waren die Schienbeinmuskeln und der vordere Oberschenkel dran. Ich musste immer wieder um Atempausen bitten – buchstäblich, denn ich bekam vor lauter Schmerz keine Luft. (Frau Physio launig: „Brauchen’S an Beißring?“ Und später: „Da komm’ma beide ins Schwitzen, gell?“)

Ein wenig Atem nutzte ich dazu zu fragen, was sie da eigentlich tat: Faszien lockern. In ihnen vermutete sie die Ursache meines Beweglichkeitsproblems – und bekam in der Gegenprobe recht. Schon beim Umdrehen auf den Rücken hatte sie mich gebeten, die Bewegung zu wiederholen, mit der ich ihr die Einschränkung vorgeführt hatte: Ich kam deutlich weiter. Und als sie die Faszien der Vorderseite malträtiertausgestrichen hatte, war ich rechts so beweglich wie links – das hatte ich zuletzt vor etwa zwei Jahren.

Ihre Ratschläge für daheim: Faszienrolle (zefix, wo die doch so weh tut) und regelmäßig gründliches Dehnen. Ich wünschte, diese Behandlung hätte ich schon vor zwei Wochen gehabt, dann hätte ich um Wiederholen zur Übung bitten können.

Bis zum nächsten Programmpunkt des Tages war reichtlich Zeit. Ich holte den Frühstückstee und ein Glas Hafermilch nach, zog mich um für eine Laufrunde. Der Tag hatte bewölkt begonnen, jetzt tröpfelte es. Egal, ich setzte eine Schirmmütze auf und lief los. Die am Mittwoch erkundete Strecke war wunderbar, ich begegnete keiner Menschenseele. Dafür zwei Hasen!

Meine Laufrunde dauerte eine gute Stunde, in der es immer dichter regnete, aber bis zuletzt nicht wirklich heftig. Zudem war es ja mild. Brav dehnte ich Beinrückseiten und Po anschließend doppelt so lang wie sonst.

Nach dem Duschen Wirbelsäulengymnastik. Passend zum Thema des Tages war Dehnen der Muskulatur rund um die Hüfte dran, und zwar Dehnen um der Flexibilität willen, nicht das Dehnen nach Muskelaktivität. Diese Frau Physio teilte Seile aus, mit deren Hilfe auch wenig gelenkige Patientinnen und Patienten die Bewegungen ausführen konnten. (Nebenbei: Erster konstruktiver Einsatz der Männlein-Weiblein-Geschichte; weil Frauen ein schwächeres Bindegewebe haben als Männer, sind ihre Bänder meist flexibler, sie sind meist gelenkiger.) Die Beweglichkeit nach der Einzel-Physio war nicht mehr da – klar, bis ich die dauerhaft bekomme, ist ein weiterer Weg. Ich werde meine Feierabende häufiger mit Blackroll und Seil verbringen müssen.

Zu Mittag aß ich mich gezielt nicht satt: Ich wollte mir für den Nachmittag Appetit aufheben. (Ja, bitter, ich weiß – aber ich kann mich im Moment nicht ganz auf meine Gefräßigkeit verlassen.) Erst mal war aber der vorletzte Vortrag meines Reha-Aufenthalts dran, „Stress und seine Auswirkungen“. Nichts Neues, aber gar nicht schlecht, das mal in Zusammenfassung zu hören.

Jetzt war ich bleiern müde, ich legte mich eine halbe Stunde hin. Und erinnerte mich, dass bis zum Eintauchen in die Freie Wirtschaft mit 30 Mittagsschlafmüdigkeit zu meinem Naturell gehörte. In der Zeitungsredaktion und auch im Unibüro kämpfte ich zum Teil extrem hart mit der Müdigkeit direkt nach Mittag. Das war ab dem Wechsel in die Hochleistungswelt von Agenturen und Unternehmen weg. Heute ist es ganz selten, dass ich zumindest am Wochenende die Bettschwere für eine Siesta habe.

Nun aber mein Nachmittagsplan: Kaffeeundkuchen im Glas-Café.

Die Mohn-Preiselbeer-Torte schmeckte mir sehr gut (kam gleich auf die Nachbau-Liste), der Vollautomat-Cappuccino ließ mich meine Heimkehr noch mehr herbeisehnen als eh schon.

Twitter hat das Layout komplett geändert. Und belästigt mich wieder mit Werbung sowie den Likes anderer Twitterer in der Timeline, das werde ich ihm erst wieder mühsam abgewöhnen müssen – bislang klappte das bei Werbung mit Blockieren (sensationell, wie viele Werbekanäle SAP unterhält), bei Likes mit (neue Formulierung) „Show me less often“. Mal sehen, wie lange das diesmal dauert.

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Familie Bruellen macht gerade Kanada-Urlaub. Und Blog-Chefin Frau Bruellen hat ausführlich ihren Kayak-Trip um Vancouver Island beschrieben und bebildert.
„130719-160719: Wie war das mit dem Kayaken?“

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Nun aber doch mal zur Mondlandung vor 50 Jahren. Hier ein schöner und informativer Twitter-Faden:
„Let’s talk about peeing in space.“

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Ich werfe dem Universum, darin besonders dem Internet, darin besonders Ihnen allen heftig vor, dass sie bis vor kurzem Maren Kroymann an mir haben vorbeigehen lassen. Die Frau ist ja wohl durch und durch großartig! Und da sie eben gerade 70 Jahre alt geworden ist und auf eine lange Karriere als Kabarettistin und Schauspielerin zurückblickt, kann ich dahinter nur Absicht, wenn nicht sogar ein abgekartetes Spiel vermuten.

Für die Süddeutsche hat Christine Dössel einen Geburtstagsartikel verfasst:
„Eine klassische Spätzünderin.“

Dem Artikel habe ich den Hinweis auf diese Show in der Mediathek der ARD entnommen:
„Kroymann – Der Geburtstag.“

Dickste Empfehlung, ich kam gestern aus dem Begeisterungsquietschen schier nicht mehr raus.

Journal Donnerstag, 18. Juli 2019 – Reha-Entlassungsprogramm

Freitag, 19. Juli 2019

Früh aufgewacht nach einer Nacht mit wilden Träumen. Zumindest, glaube ich, habe ich niemanden darin umgebracht.

Der erste Termin war um 7 Uhr Rotlicht. Der Apparat war so schlampig an die Liege beschoben, dass ich 20 Zentimeter nach oben rutschen musste, bis ich die Wärme in der Lendenwirbelsäule spürte. Auch schon egal.

Um 7.30 Uhr trank ich im Speisesaal nur schnell ein Gläschen Hafermilch, um meine Aufgestandensein zu belegen. Ich beeilte mich, damit bis zum nächsten Termin genug Zeit für Crosstrainer war. Zu meiner Erleichterung war der Ausdauerraum offen und unbelegt, ich konnte eine Dreiviertelstunde strampeln.

Noch verschwitzt hatte ich um 8.30 Uhr die Abschlussuntersuchung im Stationszimmer (Schwesternzimmer). Eine andere Krankenpflegerin als bei der Eingangsuntersuchung wog mich, genauer: Sie wies mich an, mich auf die Waage zu stellen und ihr das Ergebnis durchzugeben. Wie schon in der Eingangsuntersuchung bat ich darum, das Ergebnis nicht kennen zu müssen. Die Pflegerin guckte verdutzt, las dann aber selbst ab und notierte. (Mein Gewicht und all die tausend Zwänge, die sich für mein verbeultes Gemüt daraus oder gar aus seiner Veränderung ergeben, tue ich mir in diesem Leben nur noch bei zwingender Notwendigkeit an.)

Immer noch schwitzend vom Crosstraining hatte ich einen Termin im Maschinenraum; ich spielte mein Programm durch.

Danach blieb gerade genug Zeit zum Wechsel in Badeanzug und Bademantel, damit schlappte ich zum Termin Bewegungsbad: Diesmal Wassergymnastik mit zwei Styroporscheiben (Durchmesser wie Ein-Kilo-Scheiben für Langhanteln), wieder nur mittellustig.

Nach dem Mittagessen Abschlusstermin bei der Stationsärztin. Sie konnte sich an keine meiner Erklärungen vor zwei Wochen erinnern, auch schon egal. Entsprechend spulte sie ihr Standardprogramm für das Ende der Reha ab, ermahnte mich, die hier begonnenen körperlichen Aktivitäten auch daheim weiterzuführen, außerdem sei die hier gelernte richtige Ernährung wichtig. Ich nickte einfach. Den Abschlussbogen hatte ich wahrheitsgemäß ausgefüllt. Die Ärztin stolperte über das Kreuzel „nicht erreicht“ beim Reha-Ziel „Flexibilität rechte Hüfte steigern“ und erkundigte sich nach dem Grund: Na, weil ich keine Anwendung dafür bekommen hatte. (Allerdings gibt es einen Physio-Einzeltermin am Freitag.) Und nein: Die mitgebrachten Schmerzen sind nicht besser geworden, dafür habe ich durch den Schlingentisch nach Langem mal wieder Rückenschmerzen.

Konstruktiv war der Hinweis der Ärztin auf die Nach-Reha. Ich rief beim nahe zur Arbeit gelegenen Reha-Zentrum an (10 Minuten zu Fuß) und versicherte mich, dass es dort in den nächsten drei Monaten Kapazitäten gibt. Die Adresse reichte ich anweisungsgemäß an die Klinikverwaltung hier weiter, damit die entsprechenden Unterlagen zusammengestellt werden können.

Blieb noch ein Termin für den Nachmittag: „Rückengerechtes Arbeiten/PC“. Wir übten Heben von Lasten, z.B. Biertragl aus Autokofferraum.

Zurück im Zimmer wurde ich über meiner Buchlektüre sehr müde und legte mich ein Stündchen hin. Nach dem Abendessen Spaziergang zum Supermarkt, Obst und Hüttenkäse für die kommenden Tage.

The Bonfire of the Vanities ausgelesen.

§

Jutta Pivecka, nur wenig älter als ich, hat über die Generation unserer Mütter nachgedacht:
„FRIEDENSMÜTTER. Ein Danke an ‚unsere Mütter'“.

Vieles davon passt auch auf meine Mutter. Was mich immer am meisten beeindruckt hat: Sie und viele ihrer Altersgenossinnen, die neue Wege beschritten haben, hatten ja keine Rollenvorbilder: Sie schufen diese neuen Wege ganz selbst.

Als ich über die Frauen aus der Generation meiner Mutter nachdachte, erkannte ich, wie unglaublich der Fortschritt ist, den sie „uns“, den Mädchen, die sie großzogen, ermöglichten. Ich benutze bewusst das Wort „Fortschritt“, wohlwissend, dass es ambivalent ist und dass jeder „Fortschritt“ in der Geschichte auch einen Preis hat (…). Die meisten Mütter meiner Freundinnen waren keine „68er“, auch wenn sie dieser Alterskohorte angehörten. Sie studierten nicht, sondern machten – im besten Fall – eine Lehre, viele blieben Ungelernte. Das Elternhaus verließen sie, wenn sie heirateten. Trotzdem kam der Kulturwandel, der Ende der 60er Jahre einsetzte, auch bei den meisten von ihnen an: nicht nur die Röcke wurden kürzer, sondern auch Autofahren gelernt, Volkshochschulen besucht, oft eine Teilzeiterwerbstätigkeit aufgenommen, wenn die Kinder „aus dem Gröbsten“ raus waren. Die Emanzipation unserer Mütter vollzog sich häufig nicht laut, nicht revolutionär, sondern im Kleinen, im Alltag. Meine Mutter schaute sich bei einer amerikanischen Freundin ab, dass auch einmal die Frau sitzen bleiben kann, wenn der Tisch abgeräumt werden muss, dass Männer durchaus Abtrocknen und Staubsaugen können. Sie lernte Fremdsprachen, weil sie mehr von der Welt verstehen und reisen wollte. Die Volkshochschulen, die in jenen Jahren in vielen Städten ihr Programm erweiterten, machten Bildung auch in der Provinz für breite Schichten zugänglich. Es waren überwiegend Frauen, „unsere“ Mütter, die diese Kurse besuchten. In den evangelischen und katholischen Frauengruppen wurden in jenen Jahren über neue Erziehungsstile und -theorien, Feminismus und Matriarchat diskutiert. Meine Mutter las Alice Miller und Alice Schwarzer. Sie knüpfte Freundschaften mit Frauen außerhalb des dörflichen Zirkels, sie lebte mir vor, wie ich erst heute erkennen kann, dass Beziehungen zwischen Frauen frei gewählte sein können, jenseits von Verwandtschaft und Nachbarschaft. Das war neu. Das hatte ihr niemand vorgelebt.

Journal Mittwoch, 17. Juli 2019 – Der Abstand zwischen Erkenntnis und Umsetzung

Donnerstag, 18. Juli 2019

Früh aufgewacht nach gutem Schlaf. Zum Frühstück sogar Mueslihunger.

Mein erster Termin des Tages: Bewegungsbad. Diesmal Wassergymnastik mit Schwimmbrett, war nur mittellustig.

Gründliches Duschen, gefolgt von Abschlussterminen Schmerzbewältigung und Entspannungstraining. Bei Ersterem ging es um Stress und Selbstfürsorge; ich landete mal wieder an dem Punkt, dass zwischen Reflexion/Selbsterkenntnis und Umsetzung der Erkenntnisse mehrere Galaxien liegen. Und wie ich die überwinden soll, weiß ich nicht. Die PME-Geschichte nehme ich mir aber mit heim.

Mittagessen, Lesen (ich arbeite mich beherzt durch Bonfire of the Vanities, so ein dickes Buch ist doch genau das Richtige für einen Reha-Aufenthalt, da kann ich auch mal so richtig Schwung nehmen und länger am Stück lesen), Nickerchen.

Dann war immer noch Zeit bis zum nächsten Therapietermin, die nutzte ich für einen Cappuccino in einem Café der Kur-Hauptstraße (leider ziemlich greislich) und für einen Spaziergang im Kurpark.

Bereits der letzte Termin des Tages war nochmal eine Runde Qi Gong – wie könnte ich nicht auf eine Übung anspringen, die „Schwimmender Drache“ heißt?

Wieder beherztes Lesen, bis es Zeit fürs Abendessen war. Schichtwechsel: Drei neue Menschen am bislang so angenehm ruhigen Sechsertisch, ein recht junger Mann zeigte besorgniserregende Geselligkeit. Denn werden wir schon noch ruhiglächeln.

Weil ich es noch nicht getan hatte, sah ich mir die Patientenbibliothek an. Sie erfüllte alle meine Erwartungen: Simmel, Karl May, Angélique, aber auch Harry Potter.

Der gemischtwolkige Tag war sonnig geworden, ich spazierte nochmal ins Seifenbachtal und erkundete eine mögliche Laufrunde für Freitag. Als ich einen kleinen Ort durchquerte, überfiel mich eine Geräuscherinnerung aus Kindertagen: Ich hörte deutlich die Maschine, die auf dem Bauernhof frisch gemolkene Milch filtriert. Wenn ich als Kind zum Milchholen ging, lärmte sie immer im gekachelten Raum, in dem die Bäurin mir die Milch abfüllte.

Ich genoss den Spaziergang, allerdings diesmal mehrfach gestört durch Mountainbiker und E-Radelnde.

Die Ernte hat begonnen.

Journal Montag, 15. Juli 2019 – Sport trotz Reha, nicht einfach

Dienstag, 16. Juli 2019

Diesmal verzichtete ich sogar auf den Tee beim Frühstück, um möglichst schnell vor dem ersten Termin um 8.15 Uhr auf den Crosstrainer zu kommen. Doch vergeblich: Im Konditionsraum fand gerade eine Einführung statt, ich konnte nicht trainieren. Sehr schlecht für meine Laune.

Der erste Termin war einer mit Folgetermin: Erst einstündige Gruppensitzung „Schmerzbewältigung“, dann „Einführung Entspannungstraining“, beides geleitet von einer Psychologin. Das Entspannungstraining war sehr interessant: PME, also Progressive Muskelentspannung, auf sehr bequemen Sesseln brachte mich tatsächlich ein wenig zur Ruhe.

Jetzt hatte ich noch über eine Stunde bis zur Wirlbesäulengymnastik, das konnte ich doch für Ausdauertraining nutzen. Den Plan hatten offensichtlich andere Patientinnen und Patienten auch: Alle Geräte im Ausdauerraum waren besetzt. Jetzt reichte es mir: Dann würde ich halt jetzt und hier testen, wie Joggen funktionierte, wenn ich die Schmerzen einfach ignorierte. Ich wechselte in die Joggingschuhe bändigte meine Haare (ich brauche dringend einen Schnitt) mit einer Kappe und lief raus ins Seifenbachtal. Das ging recht gut, und nach einer halben Stunde kam ich auch in die ersehnte Laufruhe, die ich so vermisst hatte. Ich lief hinauf zur Frankenwarte, brachte meinen Puls endlich mal wieder richtig hoch. Mit einer Ehrenrunde schaffte ich es auf eine ganze Stunde Lauf.

Frankenwarte

Schnell geduscht, dann wieder Wirbelsäulengymnastik, diesmal mit Sitzball. Ich bin sehr positiv überrascht, in welch zahlreichen Schattierungen ich hier Wirbelsäulengymnastik kennenlerne. Das kommt auf jeden Fall auf die Nachsorgeliste, die ich ja zum Abschluss zusammenstellen muss.

Nach dem Mittagessen Massagestuhl, dann lange Pause, in der ich mich auch ein wenig hinlegte. Abschluss des Therapietags war Qi Gong, kommt auch auf die Nachsorgeliste.

Ich wechselte in Zivilkleidung und setzte mich mit Buch raus (es war sonnig und mild geworden), konnte mich allerdings schlecht auf die Lektüre konzentrieren, weil nebenan genau das Schauspiel an Kliniktratsch und Nichtigkeiten aufgeführt wurde, noch dazu lautstark, dem ich bislang erfolgreich ausgewichen war.

Zum Abendessen war ich sehr hungrig, genoss Käsesemmel, Salate, Frischkäse-gefüllte Pepperoni. Ich spazierte zum Supermarkt am Bahnhof und deckte mich wieder mit Obst, Joghurt und Süßigkeiten ein.

Abends nach einem neuen Schreibtischstuhl für Herrn Kaltmamsell recherchiert. Er braucht schon lange einen neuen, ich wurde in der Reha zum Thema geschult, also bat er mich, ihm einfach einen Link zu schicken, welchen er kaufen soll.

Währenddessen tobte im Raucherpavillon vor meinem Zimmer Party: Deutsche Schlager der 70er (zum Glück aus nicht sehr kräftigem Lautsprechern) mit lautstarkem Mitsingen. Ich hoffe sehr, dass der Patiententausch am Dienstag die Schreihälse nach Hause schickt.


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