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Journal Freitag, 22. August 2025 – Teilzeit-Wienerin im Herzen

Samstag, 23. August 2025

Noch vor Wecker aufgewacht, mit innerer Unruhe und nur mittel erholt.

Mehr urlaubsvorbereitendes Wirbeln, mittlerweise durchaus mit dem nagenden Zweifel, ob eine Reise all die Tage mit Unruhe, Hektik, Organisation und Erschöpfung wert ist.

Der Himmel hatte aufgerissen, auf meinem Marsch in die Arbeit bekam ich in kühler Luft sogar Sonnenschein.

Im Büro von der ersten Minute an viel Handarbeit und Gerenne – darauf war ich aber gefasst gewesen. Dann Ackern am Schreibtisch, Gehirn wie Stubenfliege – ich schloss keinen Job am Stück ab, sondern sprang ständig zwischen allem Möglichen hin und her, dazu passten einige Querschüsse, war auch schon egal. Zumindest schloss ich alles urlaubsfertig ab, es wurden keine neuen Fässer aufgemacht, die mich im Urlaub verfolgen würden (Kopfkino barrel chase).

Mittagscappuccino im Westend – nicht ganz so schnell weggekippt wie ideal, weil er dafür zu heiß war.

Auch zum Mittagessen räumte ich auf:

Letzte Tomaten und Gurke aus Ernteanteil, letzter Apfel aus dem Obstkorb, Rest Joghurt (und eine Hand voll Nüsse als Substanzielles, das zu schnellen neuen Hunger verhindern sollte).

Mehr Abarbeiten und Übergaben, erneute Erkenntnis, dass die Vorbereitungen für eine Woche Urlaub sich nicht groß von denen für drei Wochen unterscheiden; zumindest habe ich eine weitere Stellvertretungs-Infrastruktur geschaffen, die ich auch für meine Oktoberfestflucht ab Ende September nutzen kann.

Da doch noch einiges zu tun war, packte ich um drei recht abrupt und nahm eine U-Bahn zum Hauptbahnhof, wo Herr Kaltmamsell mich mit den Koffern bereits erwartete. Ereignislose Fahrt mit dem Railjet nach Wien Hauptbahnhof, ich übte gleich mal Blödschaun durchs Fenster auf die wechselnde Landschaft, las neben Mastodon-Timeline lediglich das aktuelle SZ-Magazin,1 hörte ein wenig Musik. Möglicherweise setzte hier bereits Loslassen ein!

(Kaputte Klos kann übrigens auch die ÖBB, drei der sechs am nächsten erreichbaren.)

Die eigentliche Beschallung kam von einer größeren Gruppe junger Frauen, die in München bereits feiernd und johlend eingestiegen war – ein entsprechender Gesang wies auf den Anlass Geburtstag mindestens einer der Frauen hin – und in Salzburg Zuwachs bekam: Eine sehr fröhliche und freudige Geräuschkulisse, ich freute mich mit. Ankunft in Wien mit nur wenig Verpätung (Bauarbeiten -> eingleisige Abschnitte).

Unterwegs dachte ich nach über einen Umstand, der mir bei der etwas detaillierteren Planung unserer Woche aufgefallen war: Ich fühle mich Wien sehr nah, weil ich hier einige Leute aus dem Internet kenne, zum Teil schon seit Jahrzehnten. Über sie verfolge ich Wetter, Stadtpolitik, Anekdoten, Gastronomie, Selbstverständnis, Veränderungen. Im Grunde ähnlich wie bei Berlin und meinen berliner Internet-Freund*innen, das sogar deutlich weiter von München entfernt ist. Nur: In Wien bin ich fast nie. Zuletzt reiste ich zu einer Hochzeit im April 2016 her, davor war ich im Abstand von einigen Jahen zweimal ein paar Tage auf Besichtigung da. Das Resultat: Bei aller gefühlten Nähe ist mir die Topografie Wiens unvertraut – im Gegensatz zu der Berlins, wohin ich mindestens einmal im Jahr fahre. Das fand ich lustig und nahm mir vor, bei diesem Besuch sehr viel rumzulaufen und auf Stadtpläne zu schauen.

Was mir erleichtert wird durch die Lage unserer Ferienwohnung: Nachdem das gezielte Buchen einer Wohnung in bestimmten, vorher als sehenswert recherchierten Gegenden Wiens gescheitert war, hatte ich die Lust verloren und irgendwas genommen, Hauptsache verlässlich und professionell vermietet (in den vergangenen Jahren war ich ja durchgehend reingefallen) und irgendwie zentral. So landeten wir in der Nähe des Westbahnhofs, außerhalb des Gürtels (ich beginne, lokale Terminologie zu lernen), in einem Außenbezirk. Meine Wochenplanung hatte gezeigt, dass es zu fast allen erstrebten Zielen ein ganz schönes Stück Weg ist.

In der Dämmerung fanden wir zum Haus mit unserer Ferienwohnung, kamen durch drei Türen mit bis zu achtstelligen Tipp-Codes hinein: Sauber, freundlich, mit allem Versprochenen ausgestattet – nur halt im Erdgeschoß zu einem Innenhof und ohne Außenfenster. Aber insgesamt zufriedenstellend, kein Reingefallen-Gefühl.

Es war schon spät, wir hatten großen Hunger. Also nur schnell entknitternd ausgepackt, dann spazierten wir in milder, trockener Nacht zu einer vorher ausgesuchten Wirtschaft zum Abendessen. Wie schon auf dem Wegstück von U-Bahnhof zur Wohnung war ich sehr angetan: Viele Menschen vor Gastronomie, beides höchst bunt und einwanderisch geprägt wie mein heimisches Bahnhofsviertel, spielende Kinder in Parkanlagen, viele Cafés, offensichtlich bewohnte Gründerzeithäuser. Schön auch der für mich typisch wienerische Blick Seitenstraßen entlang hinunter auf die nächtlich glitzernde Innenstadt.

Frischkäse mit Drumrum und Süßkartoffelfritten für mich, dazu zwei Achtel Gemischter Satz – angenehmes Nachtmahl.

Sehr dekorative Kneipenkatze, die sich ihrer Instagramabilität durchaus bewusst schien.

Auf dem Heimweg holten wir uns Nachtisch in einer riesigen Eisdiele: Meine Kugel Himbeer-Mohn schmeckte hervorragend (die zweite Kugel Karamell-Cheesecake ok).

  1. Oh Gott oh Gott: Tobias Haberl lobt und preist darin die Pfälzer Weinstube in der Münchner Residenz. Hoffentlich glaubt ihm niemand! []

Journal Dienstag, 19. August 2025 – Standardarbeitstag in Lieblingssommerwetter

Mittwoch, 20. August 2025

Wieder ein Betriebssystem-Update des heimischen Rechners, nach dem ich sorgfältig iCloud und Siri umschifft habe (dafür, dass ich nicht “Nein”, sondern nur ein manipulatives “Später” wählen kann, möchte ich sehr gerne jemanden beißen).

Eine eigentlich gute Nacht, dennoch fühlte ich mich morgens wieder erschlagen. Vor meinem Aufbruch in die Arbeit konnte ich dem Übernachtungsgast noch einen guten Morgen wünschen.

Die nackten Schultern im Sommerkleid ohne Jacke erforderten gestern bei wieder knapp über zehn Grad trotz Sonnenschein beherztes Marschtempo, damit ich nicht fror.

Im Büro freute ich mich darüber, dass ich als Kanne Kräutertee des Vormittags Lindenblütentee aufbrühen konnte: Ich hatte ihn am Montag im Vollcorner entdeckt, ist in München gar nicht so einfach aufzutreiben.

Arbeitsvormittag mit viel Bewegung, ich kümmerte mich ums Äußere eines Workshops (ab 1. September entfällt wahrscheinlich dieser Teil meines Jobs, dafür gibt es dann wieder einen Dienstleister).

Als ich gerade nicht gebraucht wurde, ging ich auf meinen Mittagscappuccino ins Westend und freute mich an Sonne und Farben.

Zu Mittag gab es später Apfel, Banane, Hüttenkäse, Aprikosen.

Dichter Arbeitsnachmittag, an dessen Ende ich mich wieder ziemlich durch fühlte. Auf dem Heimweg kurze Einkäufe, zu Hause eine längere und anstrengende Einheit Pilates.

Abendessen spontan umgeplant, denn: Mit Blumenkohl habe ich mich ja erst angefreundet, als ich die Zubereitungsform im Ofen kennenlernte, den Geruch von Blumenkohl beim Kochen fand ich schon immer furchtbar. Nun hatte Herr Kaltmamsell mit dem Ernteanteil-Blumenkohl ein neues asiatisches Rezept ausprobiert, für das er erstmal gekocht werden musste. Der Geruch davon füllte die Wohnung, während ich turnte – und ich fand ihn so abstoßend, dass ich mein Pilates fast abgebrochen hätte: Er erinnerte mich an Müll, der seit zwei Monaten nicht rausgebracht worden war. Essen wollte ich das wirklich, wirklich nicht (auch wenn es mir leid tat um das mit viel Liebe zubereitete Gericht). Aber das war ja nicht das einzige Lebensmittel im Haus, ich holte mir statt dessen Brot und Käse, außerdem war noch ein Restchen der köstlichen Auberginen vom Vorabend übrig. Nachtisch Eiscreme und Schokolade.

Am Abend kam unser Übernachtungsgast zurück von einem Konzertbesuch, wir unterhielten uns, bis ich wieder erledigt ins Bett ging.

§

Nachruf auf eine britische IT- und Frauenrechts-Pionierin:
“Ein unmögliches Leben ist zu Ende: Zum Tode von Dame Stephanie Shirley”.

Tatsächlich unterzeichnete Stephanie Shirley ihre Geschäftskorrespondenz als Steve Shirley.

Hier ihr TED Talk von 2015:
“Why do ambitious women have flat heads?”

Unter anderem schildert Shirley, wie Programmieren in den frühen 1960ern tatsächlich aussah (fast keine Computer involviert).

Vielleicht noch eine Kandidatin für ein Bild, das neben den Portraits von Ada Lovelace und Margaret Hamilton in Informatik-Schulzimmern aufgehängt werden könnte?

Journal Montag, 18. August 2025 – Perfektes Sommerwetter und Besuch

Dienstag, 19. August 2025

Nachts holte mich bereits die unangenehme, anstrengende Arbeitswoche ein, die mir bevorsteht: Alle in der Vorwoche ungelösten Fragen zwickten mich, eine Angstwelle spülte einige zusätzliche der kommenden Wochen hervor, dazu kamen Zweifel an der einen oder anderen Entscheidung, die ich beruflich getroffen hatte. Nach mehrfachem Aufwachen zwischendurch konnte ich schon weit vor Weckerklingeln nicht mehr schlafen.

Zustand bei Aufstehen folgerichtig: gerädert. Vorbereitungswirbeln aller Art, unter anderem kontaktierte ich die Vermieter unserer Ferienwohnung in Wien: Ein paar Tage vor Ankunft möchte ich dann doch wissen, wie der Bezug der Wohnung funktioniert (und sichergehen, dass die Buchung und Bezahlung über FeWo-direkt auch bei ihnen angekommen ist).

Der Morgen wurde nahezu wolkenlos sonnig, allerdings ausgesprochen kühl. Ich ließ dennoch die Jacke daheim, auch bei wenig über 10 Grad reichte ein strammer Marsch gegen Frieren. Weiterhin leichter Muskelkater in den hinteren unteren Oberschenkelmuskeln – die mich eigentlich ein wenig beleidigen, denn was mache ich denn bitte Tag für Tag, wenn nicht gehen, auch extra viel rauf und runter? Und das wollen die Muskeln auf einmal nicht gewohnt sein?

Am Schreibtisch ging es wie erwartet nach meinen drei arbeitsfreien Tagen rund, zu meiner großen Erleichterung ließ sich aber gleich eines der Probleme lösen, das mich nachts wachgehalten hatte.

Emsiger Vormittag, genau zur richtigen Zeit konnte ich mich ohne schlechtes Gewissen auf einen Mittagscappuccino im Westend losreißen. In der Sonne war es jetzt schon wieder heiß.

Ein bisschen sieht man am Unterschenkel die Wanderkrätze vom Samstag.

Gollierstraße mit Sommerfarben.

Zu Mittag gab es Nüsse, Apfel, selbstgebackenes Brot. (Warum das unterm Strich böse Bauchschmerzen ergab, ist mir ein Rätsel.)

Auch der Nachmittag war recht emsig. Zu meiner Erleichterung reagierten die Vermieter in Wien, sogar sehr freundlich: Jetzt bin ich beruhigt, dass wir wirklich eine Unterkunft haben, erst kürzlich berichtete Feinanteil in ihremseinem Blog, wie sie als vierköpfige Familie in London überraschend ohne dastanden.

Im Gespräch mit einer jungen, geplagten Frau kam ich zur Erkenntnis, dass die meisten Hochzeiten heute einfach LARPs sind (“alle gleich!”): Zwei Leute spielen Brautpaar, die Eingeladenen Hochzeitsgesellschaft.

Eher später Feierabend. Auf dem Heimweg durch herrliche Luft mit Wind noch Lebensmitteleinkäufe beim Vollcorner – ich genoss das für mich perfekte Sommerwetter.

Zu Hause gesellte sich bald zu Herrn Kaltmamsell und mir der Übernachtungsbesuch aus Goslar, ab bald wird er aus Hannover anreisen (Anlass diesmal: Söhne werden bereits 30). Es gab viel zu plaudern, Herr Kaltmamsell kochte das Nachtmahl:

Erstmal die köstlichen Zucchini auf Ricotta mit Haselnuss.

Dann Duftauberginen, unter anderem mit dem sensationellen Sechuanpfeffer – eine meiner Lieblingszubereitungen eines meiner Lieblingsgemüse. Dazu natürlich viel Austausch über die jüngste und weiter zurückliegende Vergangenheit, Überlegungen zu dem Menschen im Nußbaumpark und zu den Niederlanden.

Allerdings war ich zum einen komplett erledigt, zum anderen wartete am Dienstag ein weiterer Arbeitstag auf mich: Ich ging wie sonst auch Schlafen.

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Die Betonfreundin in mir (doch, wirklich!) jubelt: Fotografin Cordula Schulze war in Frankreich unterwegs und hat Fremdenverkehrsarchitektur einer bestimmten Zeit festgehalten.
“La Grande-Motte: futuristische Ferienarchitektur”.

via @frauvogel

Hier mal nicht über die Ästhetik des Verfalls vermittelt, sondern in wertgeschätzter, gut erhaltener Form.

Was ist denn jetzt das Besondere an La Grande-Motte? Schließlich entstanden zu dieser Zeit überall rund ums Mittelmeer Infrastrukturen für Massentourismus – mehr oder weniger originell und grün. Meine Antwort lautet: Weil der Architekt den damals schicken, flüssigen Baustoff Beton nutzte, um Skulpturen zu schaffen. Die Tatsache, dass es viel Kunst im Öffentlichen Raum gibt, lenkt ein bisschen von der Skulpturenhaftigkeit der Gebäude ab – und genau diese macht La Grande-Motte aus meiner Sicht aus.

Journal Sonntag, 17. August 2025 – Dicht genutzter Tag (Laufen, Haushalt, Zeitung, Podcast)

Montag, 18. August 2025

Sehr zerstückelte Nacht, mit viermal Aufwachen (Blasendruck, Lärm vorm Schlafzimmerfenster) fühlt sich Schlaf nicht recht erholsam an. Beim Aufstehen spürte ich die Wanderung des Vortags in der rückseitigen Beinmuskulatur, plante dennoch eine Laufrunde, weil das wahrscheinlich die letzte Gelegenheit für die nächsten zwei Wochen war.

Ein kühler Morgen, das freute mich. Nach Bettwäscheversorgung, Geschirrspülerausräumen, Pflanzengießen setzte ich mich mit meinem Morgenmilchkaffee zum Bloggen auf den Balkon, brauchte aber eine Strickjacke (so gehört sich das um halb acht).

Vormittags radelte ich zum Tierpark Hellabrunn, unter gemischtwolkigen Himmel lief ich nach Pullach.

Das Laufen fühlte sich wunderbar und leicht an, und dass ich beim Start sogar ein wenig fröstelte, war genau richtig. Erst als ich nach meinen gut 100 Minuten stoppte und ein paar Meter zum Bäcker ging, spürte ich meine Bein-Rückseiten deutlich. Vor dem Heimradeln dehnte ich also gründlicher als sonst.

Ungewohnte Wasservögel auf der Floßlände.

Hinterbrühler See.

Heimradeln durch angenehm frische Luft. Zu Hause erstmal Räumen für Übernachtungsbesuch, dann gründliche Selbstreinigung.

Frühstück kurz nach zwei: Apfel, Aprikose, Semmeln mit Tomaten.

Bei wechselnden Temperaturen und mal mit Sonne, mal mit kühlem Wind las ich auf dem Balkon die Wochenend-Süddeutsche. Wieder ein sehr schönes Buch zwei: Ein ausführliches Interview mit Bully Herbig zu seiner Fortsetzung Das Kanu des Manitu (€) – und wie immer, wenn ich ihn sehe oder lese, kommt er als ungeheuer sympathischer und netter Mensch rüber. (Ich bin eine große Freundin des unpopulären Nett, denn für mich steckt das schwer übersetzbare kind drin, von der die Menschheit durchaus mehr braucht.) Außerdem ist das Interview ein Stück deutsche Fernseh- und Kinogeschichte.

Wenn ich Das Kanu des Manitu in München sehen möchte – aber es gibt das einzige dafür angemessene Kino nicht mehr, das Filmtheater Sendlinger Tor. Was mach ich denn dann? (Wir sind uns doch einig, dass es für manche Filme nur ein perfektes Kino gibt?)

Es hatte sich Bügelwäsche angesammelt, die ich auch mit Blick auf den nahenden Wien-Urlaub weghaben wollte – also bügelte ich eine Weile. Das gab mir die Gelegenheit, ein Interview mit der verehrten Maren Kroymann nachzuhören:
“67. Maren Kroymann: ‘Ich bin nicht trashig genug'”.
Sehr bereichernd, unter anderem verhalf sie mir mit klugen Beobachtungen zu einem neuen Blick auf Reality TV, ganz konkret auf das Dschungelcamp. Sehen will ich das zwar immer noch nicht, aber jetzt bin ich nicht mehr der Ansicht, dass solche Formate die Welt zu einer schlechteren machen.

Fürs Nachtmahl hatte Herr Kaltmamsell den Ernteanteil-Chinakohl zu einem asiatischen Pfannengericht mit Sojahack, Chili, Frühlingszwiebel verarbeitet.

Hervorragend – hinter der fruchtigen Note vermutete ich Ingwer, doch es stellte sich heraus, dass sie allein vom Sechuanpfeffer kam: Herr Kaltmamsell hatte einen edlen besorgt, der eine ganz andere Nummer ist als die Billigversion aus dem Asialaden.

§

Bei “Tax the rich!” geht es keineswegs um Leute, die neben dem ererbten Mietshaus in der Münchner Innenstadt auch noch ein Ferienhaus in der italienischen Schweiz besitzen, also nicht um diese Höhe von Reichtum (SIE haben also nichts zu befürchten).

Sondern um den ausbeuterischen, gesellschaftsschädlichen Reichtum von Milliardären. Spanien hat wohl einen Weg gefunden, die Gesellschaft an den Früchten dieser Leute teilhaben zu lassen – und im Gegensatz zu den Warnungen, die auch in Deutschland gegen die Einführung solcher Umverteilung reflexartig ertönen, sind die Milliardäre nicht etwa alle mit ihren absurden Vermögen davongerannt:
“How Spain put up wealth taxes – without chasing away the billionaires”.

As chancellors around Europe cast about for ways to repair the damage to public finances caused by successive global shocks, there is a growing clamour for more effective ways to tax the largest private fortunes.

Spain is one of only three European countries (along with Switzerland and Norway) to still collect wealth taxes, and policymakers are looking to Madrid for lessons in what works – and what doesn’t.

(…)

What is clear is that, two years on, a predicted exodus of the rich, trumpeted in endless alarmist headlines, has not materialised. Forbes counted 26 Spanish billionaires in 2021. This year, it lists 34, with a combined net worth comfortably over $200bn.

Dass diese Abgabe in Spanien “Impuesto de Solidaridad” heißt, also Solidaritätssteuer, finde ich besonders charmant (leider ist bei uns der Name schon vergeben, Mist).

§

Christian Zaschke war Korrespondent der Süddeutschen in London (2011-2017), dann in New York (2017-2024). Neben vielen lesenswerten Artikeln in glaubwürdig unverbissenem Tonfall war eine Folge, dass Zaschke die Bundesrepublik Deutschland zu schätzen lernte: nämlich im Vergleich zu seinen Arbeitsländern zwischen 2011 und 2024. Seit er zur SZ-Parlamentsredaktion in Berlin gehört, fällt er mir immer wieder mit Artikeln auf, die – fast schon mit einer gewissen G’schamigkeit – berichten, was hierzulande so richtig gut läuft. Zum Beispiel auf der Seite Drei der aktuellen Wochenendausgabe über das Berliner Regierungsviertel (€):
“Deutsches Herz”.

Journal Samstag, 16. August 2025 – Unerwartet trockene Wanderrunde am Starnberger See über Berg

Sonntag, 17. August 2025

Halleluja: Die Gewitter in der Nacht hatten deutliche Kühle gebracht, beim Aufwachen regnete und grummelte es noch – und war zu kühl für Balkonkaffee!

Trotz der Wettervorhersage war ich zum Wandern verabredet – ein bisschen Regenrisiko wog die Alternative einer Wanderung in Brüllhitze in meinen Augen auf.

Als ich mich um halb zehn für diese Verabredung zum Bahnhof aufmachte, schüttete es gerade energisch. Ich schlüpfte also schon für diesen Weg in meine Regenjacke – und nahm die U-Bahn, um nicht schon nass im Zug nach Starnberg zu sitzen. Dorthin nämlich fuhr ich mit einer Freundin, um die Rundwanderung nach Percha, Berg, Leoni, Bismarckturm Assenhausen, über Aufkirchen, Manthal zurück zu machen, mit der ich vor drei Wochen mit Herrn Kaltmamsell wegen Regenfluten gescheitert war.

Starnberg empfing uns mild und trocken, und um es abzukürzen: So blieb das Wetter den ganzen Tag; uns erwischte kein einziger Regentropfen, wir bekamen sogar ein wenig Sonne – wunderbares Wanderwetter, die Schwüle brachte mich aber mehrfach ins Schwitzen.

Ich genoss es sehr, mit der Freundin zu gehen, manchmal einander auf Anblicke hinweisend, aber meist ins Gespräch vertieft – deshalb auch nur wenige Fotos, meine Begleitung fesselte mich mehr.

Die Votivkapelle bei Berg über der Uferstelle, wo sich unser Kini dersoffen hat.

Unten am Erinnerungskreuz für Ludwig II. im See haben kürzlich Segler ihr Boot befestigt, gemeinsame Schnappatmung aller Königstreuen, die Ermittlungen laufen.

Hinter Leoni stiegen wir hoch zum Bismarckturm Assenhausen – ich komme weiterhin nicht über diesen Auswuchs nationalistischen Fantums hinweg. Hier griff ich dann doch zu meinem Mückenspray (wohnt fest in meinem Wanderrucksack), in Waldstücken bekamen die Viecher offensichtlich großen Appetit auf mich.

Freudige Überraschung: Die Kapelle bei Sibichhausen wurde neu gebaut. Im April 2019 hatte sie Herrn Kaltmamsell und mir bei unserer ersten Erwanderung der Runde als Brotzeit-Unterstand gedient, 2022 hatte ein Sturm den nebenstehenden Baum draufgestoßen, die Kapelle war zerstört. Jetzt informierte eine große Metalltafel über eine sofort gestartete Spendenaktion, die den Neubau ermöglichte, im Juni 2024 wurde er gesegnet. Und hat wieder eine Form, die zum Ausruhen und Brotzeiten einlädt.

Pause und Brotzeit machten wir nach knapp drei Stunden Wanderung, ich hatte Äpfel und selbstgebackenes Brot dabei.

In Aufkirchen sahen wir bei Oskar Maria Graf vorbei, tauschten Erinnerungen an seinen wunderbaren Roman Das Leben meiner Mutter aus, der mir viele Einblicke in die Gegend und ihre Entwicklung vom Ende des 19. in die ersten Jahrzehnte des 20. Jahrhunderts verschafft hatte.

Zurück in Starnberg kehrten wir im Tutzinger Hof ein. Das waren etwa 19 Kilometer in etwa fünfeinhalb Stunden mit einer Pause gewesen, ich fühlte mich angenehm durchbewegt

Auf das Brotzeitbrett hatte ich mich schon sehr gefreut – und wieder stellte sich heraus, dass hier der Obatzte serviert wird, der mir von allen am besten schmeckt (nächstes Mal bestelle ich vielleicht einfach nur eine große Portion davon). Dazu eine Halbe alkoholfreies Weißbier.

Auf den Zug zurück nach München mussten wir ein Viertelstündchen warten, schauten noch ein wenig auf den See (so lange das vom Bahnsteig aus geht, der Starnberger Bahnhof soll weg vom Seeufer verlegt werden, wohin und wie ist allerdings weiterhin offen).

Auch in München war es schwülwarm, wie schon Herr Kaltmamsell den Tag über war ich unschlüssig, wie ich die Wohnung temperieren sollte: Würden offene Fenster sie kühlen oder aufwärmen?

Abends holte ich noch das Dessert nach:

Zwetschgenkuchen mit Sahne. Dazu eine weitere Folge Mad Men, im Bett las ich Mortadelo y Filemón en Alemania, entzückt über die Detailliebe des zeichnerischen Humors.

Journal Freitag, 15. August 2025 – Mariä Himmelfahrt mit großer Hitze

Samstag, 16. August 2025

Diesmal hatte ich in der Arbeit daran gedacht, für den gestrigen nur saarländischen und bayerischen Feiertag (und das nur in überwiegend katholischen Gemeinden) eine Abwesenheitsnachricht zu hinterlassen: Mit dem rechnet im Rest der Welt nun wirklich niemand, der Anlass zur Feier ist ähnlich schwer vermittelbar wie Fronleichnam.

Nach dem Aufstehen erstmal Geschäftigkeit: Ich knetete den Teig fürs Roggenmischbrot mit Vollkorn.

Dann aber Milchkaffee. Ein angenehm frischer Morgen, es saß sich sehr gut auf dem Balkon.

Das Brot gelang problemlos.

Ich traute mich per Radl ins Dantebad – an einem Feiertag würde mich auf der Strecke über Nymphenburger Straße und Gern schon kein LALÜ! erwischen. Das klappte, doch überraschend hatten sich die Ampeln die Schaltung der Schleißheimerstraße abgeschaut: Alle bei Ankunft rot, ich hoppelte stückchenweise und war genervt.

Am Dantebad ergossen sich die Fahrräder bereits 100 Meter von den Ständern die Straße entlang (während, wie so oft, an den offiziellen Ständern durchaus noch Lücken waren; ich ließ mein Radl in einer davon), an der Kasse stand die Schlage kurz vor elf bereits bis auf den Gehweg – die ich mit meiner Bäderkarte lässig überholte.

Das Schwimmen lief schonmal besser: Ich fühlte mich wegen regelmäßigem Überholbedarf gehetzt, kam nicht recht in den Fluss. Zudem wehte kontinuierlich vom Kiosk unangenehmer Frittenfettdunst herüber. Die zusätzlichen 300 zu meinen 3000 Standardmetern schwamm ich im Grunde aus Trotz (“wenn’s schon keinen rechten Spaß macht” – dochdoch, das ist logisch).

Ein Stündchen Sonnenbaden mit Musik, um mich herum reichlich Freibadvolk. Dann wollte ich aber wirklich ins Kühlere, packte zusammen und radelte über die Dachauer Straße nach Hause – wieder fast nur von roter Ampel zu roter Ampel.

Frühstück kurz vor drei: Drei Scheiben frisches Roggenbrot (mit sommerlich großer Porung – eigentlich hätte ich das Wetter zum Backen von Weizensauerteigbrot nutzen sollen, hohe Wahrscheinlichkeit, dass es so mediterran gelungen wäre wie gedacht), zwei mit Butter und Tomate (SO GUT!), eins mit Butter und Hagebuttenmarmelade.

Zweites Backen des Tages: Zwetschgenkuchen mit Nussboden. Zum Glück hatte ich beim Einkaufen am Vortag die Menge Zwetschgen sehr großzügig aufgerundet: Seither waren so viele schimmlig geworden, dass sie genau reichten.

Den restlichen Nachmittag verbrachte ich mit Lesen und einer Runde Pilates; mittlerweile war die Hitze in einem Maß in die Wohnung gedrungen (Schlafzimmer 25 Grad), dass ich mich sehr auf den angekündigten Wetterumschwung in der Nacht freute.

Zum Abendessen verarbeitete ich den großen Kopf Salat aus Ernteanteil mit Joghurtdressing, dazu gab es gekochte Eier, Käse, Brot.

Ich öffnete die Flasche griechischen Weißwein, den ich vor ein paar Wochen zum Einstieg in griechische Weine gekauft hatte: Novus A Priori Mantinia, mit viel Säure, kräutrig zitronig – schmeckte uns sehr gut, die Rebsorte Moschofilero hatte man mir als typisch für die Region Peloponnes erklärt.
Nachtisch Zwetschgenkuchen, Schokolade.

Abendunterhaltung: Zwei Folgen Mad Men, ich bin immer noch überraschend gefesselt (wo ich doch in den vergangenen Jahren nie Fernsehserien durchgehalten hatte). Was mir unter anderem bislang besonders gut gefällt: Zum einen die Maske – der fettige Strähnen-Pony und das selten gewaschene (der Aufwand damals!), aber ondulierte Haar von Peggy samt ihrer schreienden Ungeschminktheit in dieser ersten Staffel fallen mit immer wieder als glaubwürdig auf (außerdem spielt Elisabeth Moss sensationell). Zum anderen die Rolle/Bedeutung der Sekretärinnen: Sehr glaubwürdig, da hat sich heute eigentlich nur die Technik geändert (no, you shouldn’t have told her).

Zu Bett mit geschlossenen Fenstern wegen immer noch sehr warmer Außenluft, am Himmel aber bereits vereinzelt Blitz und Donner.

§

Maximilien Buddenbohm beobachtet Nichtstun und macht sich Gedanken darüber:
“Die Stunden zwischen Hotel und Bahnhof”.

Ja, das bemerke ich auch schon seit Längerem: Ich weiß nicht, wo mein Nichtstun hin ist. Jede Minute muss gefüllt und genutzt sein, und wenn es dafür keine Möglichkeit gibt, ändere ich die Situation. Das ist sicher auch ein Grund, warum ich an Tagen am See oder im Freibad nichts Attraktives finden kann: Weil ich die Fähigkeit zum dafür nötigen Blödschaun ohne Beschäftigung verloren habe.

Am ehesten komme ich beim Zugfahren ins reine Schauen und Denken – aber da ist ja die Erledigung schon durch die Reisetätigkeit abgedeckt, dazu kommt Schauen in wechselnde Umgebung. Kein echtes Nichtstun. Ich bin ja schon stolz auf mich, wenn ich auf U-Bahn-Fahrten nichts lese, sondern einfach nur schaue. Also zum Beispiel während der sieben Minuten zwischen Heimeranplatz und Odeonsplatz. (Ist das krank!)

Journal Donnerstag, 14. August 2025 – Ein Sommerabendtraum

Freitag, 15. August 2025

Unruhige Nacht mit größter Unruhe, als gegen halb zwei ein Auto vor meinem Schlafzimmerfenster anhielt (also kurz vor der Straßensperre zum Klinikgelände), das bei offenem Fahrerfenster die Wummermusik so laut gestellt hatte, dass die Hausmauern davon schier bebten. Das riss mich aus so tiefem Schlaf, dass ich zwar erstmal mein Fenster schloss, aber mir detailliert vorstellte, wie ich im Nachthemd vors Haus ging und den Mann am Lenkrad fragte, was ihn wohl zu diesem Verhalten bewegte (eher neugierig als aufgebracht).

Dennoch fühlte ich mich beim Aufwachen vor dem Wecker halbwegs erfrischt, frisch war auch der Morgen.

Nochmal Balkonkaffee auf dem Küchenbalkon, ich nutzte für den angekündigten Hitzetag eine weitere Chance, ein diesen Sommer noch ungetragenes Kleid anzuziehen – nicht nur ärmellos, sondern gleich ein Trägerkleid!

Die Morgenfrische nutzte ich im Büro für Durchzug und Temperierung: Funktionierte wunderbar, ich musst den ganzen Tag weder schwitzen noch frieren.

Mittagscappuccino bei Nachbars, Mittagseinkäufe auf dem Markt am Georg-Freundorfer-Platz. Leider macht der von mir bevorzugte Bodensee-Stand wohl gerade Sommerpause, ich musste die gewünschten Zwetschgen am gestern einzigen Obst- und Gemüsestand mit entsprechend langer Schlange besorgen. Lufttemperatur gut erträglich, der immer noch leicht kühle Wind half – aber in der Sonne wollte ich wirklich nicht sein.

Mittagessen: Eingeweichtes Muesli mit Joghurt, dann Feigen und eine (gute!) Aprikose.

Nachmittags hatte ich einiges zu tun, leider machte mein Kreislauf Sperenzchen.

Heimweg in der größten Hitze des Tages, ich ging lieber langsam. Im Vollcorner besorgte ich die restlichen Posten auf der elektronischen Einkaufsliste, die Herr Kaltmamsell noch nicht erledigt hatte.

Daheim schnelles Auspacken, fürs Brotbacken am Freitag setzte ich den Roggensauerteig an.

“Abgedeckt 12-14 Stunden von 30 Grad auf Raumtemperatur fallend reifen lassen” erledigte ich gestern einfach per Draußen, die Temperaturkurve sollte stimmen.

Fürs Auskosten des Sommerabends hatte ich in der Rustikeria im Müller’schen Volksbad reserviert: Ich wollte Herrn Kaltmamsell die dortige florentiner Spezialität Schiacciata vorführen, reich belegtes Fladenbrot. Wir nahmen eine Straßenbahn zum Deutschen Museum, für rasches Gehen oder Radeln war es mir zu heiß.

Wieder beobachtete ich Fächereinsatz in freier Wildbahn (unter anderem an einem Herrn einen besonders eleganten schwarzen Fächer), mir fiel auf: Hiesige Fächernutzer*innen neigen dazu, ihn nicht ganz aufgeklappt zu fächeln, also eher in Form eines großen Tortenstücks denn als Halbkreis. Das geht natürlich nur, wenn man ihn nicht so hält, wie ich es in Spanien gelernt habe, also nicht mit Daumen nach vorn, Fächerunterseite in der Handfläche – sondern eher in den Fingerspitzen.

Das Müller’sche Volksbad ist immer noch eingerüstet, die Gemütlichkeit des schönen Vorhofs leidet natürlich darunter: Dennoch ließ ich mich gern mit Herrn Kaltmamsell dort nieder. (Reservierung war eine gute Idee gewesen, alle Tische besetzt.)

Nach einem Hugo zum Einstieg ins lange Wochenende gab es Kochschinken u.a. mit scharfer Sauce bei mir, bei Herrn Kaltmamsell vor allem gegrilltes Gemüse als Füllung – die Hauptrolle spielt aber das herrliche Brot. Dann noch ein Glas toskanischen Weißwein Fumaio, abschließend für mich Tiramisu, für Herrn Kaltmamsell einen Cynar Spritz.

Dazu wurden wir umwölkt von Rauch aus kleinen Alutöpfchen, die am Boden standen: gegen die Wespen, wie die Bedienung erklärte. Die waren reichlich unterwegs: Wir achteten darauf, nie ohne hinzusehen von unserer Schiacciata abzubeißen.

Die Hitze war jetzt verschwunden, in der Abenddämmerung herrschten aber weiterhin sommerliche Temperaturen. Wir bummelten so lang wie möglich entlang der Isar nach Hause, zwischen vielen, vielen anderen, die den Sommerabend auskosteten.

Die Boazn unter der Ludwigsbrücke.

Die bronzene Bukolika (im Volksmund “Isarnixe”) von Martin Mayer hat eine gemalte Schwester im Fußgängertunnel bekommen.

Noch ein Monsterchen! Dieses unter der Corneliusbrücke.

An der Reichenbachbrücke bogen wir in die Fraunhoferstraße: Menschentrauben vor jedem der vielen Lokale entlang der Straße, die Luft glitzerte vor Geselligkeit.

Dennoch war ich froh, zurück in die deutlich kühlere Wohnung heimzukommen. Noch eine Runde Schokolade als Dessert 2, bei geschlossenen Fenstern und Türen ins Bett.

§

T. Kingfisher, Nettle and Bone

Dass wir uns in einer nicht-realistischen Erzählung befinden, verrät schon das Titelbild meiner Ausgabe des Romans von 2022. Dass darin eine Ich-Erzählerin, Marra, jemanden umbringen will, bekommen wir ebenfalls schnell mit, in der deutschen Übersetzung bereits durch den Titel Wie man einen Prinzen tötet. Diese Erzählerin ist eine Prinzessin in einer unbestimmten Elektrik-freien Vergangenheit (in der meinem Gefühl nach auch Grimms Märchen spielen), und durch sie erfahren wir, dass mit dem Prinzessinnentum zwar eine Menge Privilegien verbunden sind (aufwachsen ohne Arbeitszwang, und jeden Tag wird Fleisch serviert!), aber auch eine Menge Zwänge: U.a. politische Ehe, Fortpflanzungsdruck. Eine Schwester der Erzählerin hat es besonders schlimm erwischt, und der will Marra zu Hilfe kommen: mit Mord.

Überirdische Kräfte spielen dabei eine große Rolle, allerdings auf eine Art und Weise, die ich als unkonventionell empfand und sehr mochte: Die Zauberinnen sind sich ihrer Seltsamkeit bewusst und der Komik, die darin steckt – die Art Komik, die ich bei Terry Pratchet immer schätzte. Mit ähnlich reflektierter Perspektive werden Themen wie Heldentum und Macht eingebaut. Zeitgemäß wirkten auf mich das Zulassen von Grauzonen und der Respekt vor Vielfalt sowie persönlicher Entscheidung (wieder assoziierte ich Terry Pratchett). Schöner Roman, wenn man sich auf das nicht-realistische Setting einlassen kann.

Vermutlich bin ich durch die Kurzrezension von Kathrin Passig auf Goodreads draufgekommen: “Angenehm unglamouröse Heldinnen (zwei sind alt und die dritte ist meistens ratlos)”. Empfehlenswert auch die längere Besprechung auf NPR von Caitlyn Paxson:
“‘Nettle & Bone’ creates a once-upon-a-time that is familiar, yet original”.

Nettle & Bone rounds up all the secondary (and let’s face it, more interesting) characters of fantasy lore and gives them the chance to save the day on their own terms.

§

Interessante Ansätze aus der Verhaltensforschung vom Max-Planck-Institut für Bildungsforschung: Ralph Hertwig und Stephan Lewandowsky schreiben über
“Das Paradox des Erfolgs der Demokratie”.

Warum wir Warnsignale für die Autokratisierung übersehen und Katastrophen nicht einschätzen können.

Die Zusammenfassung:

  • Persönliche Erfahrungen: Individuelle Erlebnisse beeinflussen die Wahrnehmung von Risiken, was dazu führt, dass seltene, katastrophale Ereignisse als unwahrscheinlich angesehen werden.
  • Kollektive Gleichgültigkeit: Aufgrund stabiler Demokratien in Westeuropa seit 70 Jahren haben Bürgerinnen und Bürger keine Erfahrungen mit autokratischen Regimen, was zu einer gefährlichen Skepsis führt.
  • Simulation von Erfahrungen: Um das Bewusstsein für die Gefahren autokratischer Regime zu schärfen, könnten Simulationen und Erfahrungsberichte von Betroffenen hilfreich sein.

Ich empfehle aber die Lektüre des ganzen Aufsatzes.

Einen einmaligen Konventionsbruch durch Spitzenpolitiker und -politikerinnen wird die Öffentlichkeit in der Regel nicht als demokratiegefährdend wahrnehmen. Wenn jedoch toleriert wird, dass demokratische Normen wiederholt durch die politische Führungsschicht verletzt werden, wenn rhetorische Grenzüberschreitungen eskalieren, wenn eine Flut von Lügen und manipulativen Behauptungen zur „Normalität“ wird und die Öffentlichkeit versäumt, die frühen Anzeichen eines solchen Verhaltens an der Wahlurne abzustrafen, kann dies drastische Folgen haben. Ähnlich wie der Betrieb eines Atomkraftwerks so lange als sicher gilt, bis das letzte Sicherheitsventil ausfällt, können auch Demokratien den Anschein von Stabilität bis zu dem Zeitpunkt aufrechterhalten, an dem die Schwelle zur Autokratie überschritten wird.

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Und nochmal das Max-Planck-Institut für Bildungsforschung:
“Demokratie in den Play-offs”.

Etablierte Demokratien geraten zunehmend unter Druck – und erodieren. Erst langsam, unbemerkt und mit einem Mal rasend schnell. Welche Effekte besonders fatal wirken und wie eine Gesellschaft der Entwicklung begegnen kann.

Schockierende Entwicklung:

Mittlerweile leben viel mehr Menschen in Autokratien als in Demokratien – und zwar 72 Prozent der Weltbevölkerung.

Das hat das V-Dem (Varieties of Democracy) Institut in Göteborg für die Saison 2024 ermittelt.

Besonders spannend finde ich die Untersuchungen von Ralph Hertwig, Direktor des Forschungsbereichs Adaptive Rationalität, zu Social Media:

Dass etablierte Demokratien mit dem Aufkommen sozialer Medien vor 15 Jahren zunehmend unter Druck stehen, ist für Verhaltensforscher kein Zufall. Bereits 2022 hat ein Team um Ralph Hertwig gezeigt, wie die Nutzung digitaler Medien – vom Post auf X und Co. bis zum Kommentar unter einem Online-Artikel – und wichtige Dimensionen liberaler Demokratien zusammenhängen. „In Autokratien und sich entwickelnden Demokratien kann der Austausch im Internet durchaus positive Effekte haben, etwa für politische Teilhabe und Zugang zu Informationen“, berichtet Politikwissenschaftlerin Lisa Oswald, Forscherin am Max-Planck-Institut für Bildungsforschung, die mit Hertwig rund 500 Forschungsarbeiten ausgewertet hatte.

„In etablierten Demokratien zeigen sich indes auch diverse Gefahren. Viele Studien finden Zusammenhänge zwischen der Nutzung digitaler Medien und geringem Vertrauen in die Demokratie und ihre Institutionen, stärkerer Polarisierung und Zustimmung für populistische Akteure“, sagt Oswald. 2025 überprüften – replizierten, wie es im Fachjargon heißt – andere Forschende diese Effekte auch in Studien, die bis 2024 veröffentlicht wurden, und bestätigten sie. Polarisierende Beiträge erzeugen typischerweise größere Reichweiten durch ein Geschäftsmodell, das Aufmerksamkeit belohnt und monetarisiert. „Zusätzlich wird die Mehrheit politischer Inhalte in sozialen Medien von einer kleinen, aber hochaktiven Minderheit erzeugt – die aber sehr sichtbar ist“, erklärt Lisa Oswald. So können Räume von Gleichgesinnten entstehen, die sich gegenseitig verstärken und mehr und öfter Inhalte produzieren als die moderate Mitte, die eher schweigt.

(…)

„Wir beobachten eine erschöpfte Gesellschaft“, sagt Hertwig. Eine beträchtliche Anzahl von Menschen ignoriert Fakten, boykottiert Qualitätsmedien und bezieht politische Informationen allein aus den sozialen Medien. „Unsere Fähigkeit, kritisch zu denken und zu hinterfragen, gerät durch die Flut an Nachrichten, Krisen und Regelbrüchen an ihre Grenze.“ Hertwig untersucht Wege, unsere begrenzten kognitiven Ressourcen besser einzusetzen. Er verwendet den Begriff des „citizen choice architect“, wonach jeder Mensch Architektin oder Architekt der eigenen unmittelbaren Umwelt ist – gerade und vor allem im Digitalen. „Es gibt eine Menge von kleinen, aber wirkungsvollen Änderungen, die wir vornehmen können, um uns zum Beispiel vor Falschinformation, Manipulation und der Enteignung unserer Aufmerksamkeit im Internet schützen können.“

§

Bislang habe ich meine Speicher- und Back-up-Routine (heimisches NAS, zwei externe Festplatten) immer ein wenig verschämt damit erklärt, dass ich “Cloud”-Speichern (also Firmen-Servern, die irgendwo anders stehen) einfach nicht traue. Jetzt weiß ich: UND ich spare eine Menge Strom.
Miriam Vollmer erklärt das in einem Thread auf Bluesky anlässlich der offiziellen Bitte in UK, wegen der aktuellen Dürre Fotos aus Clouds zu löschen.