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Journal Sonntag, 7. Juli 2024 – Vergnügter Isarregenlauf und Ausdauerbügeln

Montag, 8. Juli 2024

Diesmal mittelguter Schlaf, aber davon genug. Ich zog den Rollladen zu dunklem Himmel und kühler Luft hoch, der Regen hatte aufgehört – vorläufig, bereits für den Vormittag war mehr Regen angekündigt.

Er setzte genau dann ein, als ich nach Bloggen und Milchkaffee kurz nach zehn das Haus für eine Laufrunde an der Isar verließ. War mir egal, ich hatte mich ausgerüstet.

Selfie einer Frau mit beiger Schirmmütze und Brille in einer modernen U-Bahn

U-Bahn nach Thalkirchen, dort regnete es sanft – so blieb das auch die ganze Laufrunde von 100 Minuten hindurch. Doch ich zog die Kapuze der Jacke über meine Schirmmütze und lief vergnügt bis Pullach und zurück: Mein Körper machte gestern ganz besonders gut mit, und der Regen war nicht so stark, dass er mich vom Rumgucken abhielt. Beeinträchtigt war ich lediglich auditiv: Die Kapuze über der Kappe raschelte so laut, dass ich sonst fast nichts hörte.

Für das schlechte Wetter waren überraschend viele weitere Läuferinnen und Läufer unterwegs; den meisten schien der Regen ebenfalls nichts auszumachen, die sahen keineswegs unglücklich drein.

Rechts kleine Hütte mit Graffiti, links Wehranlage mit Bäumen

Teich mit Wehranlage im Hintergrund, auf dem Wasser im Vordergrund erwachsene und junge Schwäne

Blick von oben auf einen verästelten Fluss, dazwischen Pfade, umgeben von Bäumen

Dunstiger Blick ins Tal, im Vordergrund eine nasse Sitzbank, umgeben von Bäumen, im Hintergrund Hügel

Feuchte Linse -> David-Hamilton-Filter.

Blick von der Bank aus ins regnerisch-neblige Isartal

Hydrant in hoch gewachsener Wiese vor Bäumen und regendunklem Himmel

Beim Kreuzen dieser hohen Wiese mit nackten Waden lernte ich: Auch nass stechen Brennnesseln, ich hatte noch lange etwas davon.

U-Bahn zurück nach Hause, dort ausgiebige Körperpflege (die durchgeweichte Haut meiner nassen Füße nutzte ich gleich mal für Fußpflege – nächste Woche soll es ein bis zwei Tage mit Sandalenwetter geben, dafür habe ich jetzt schöne Füße).

Frühstück kurz nach eins (wie so normale Leute am Sonntag): letzter Rest Rindfleisch von Freitagabend – köstlich, Joghurt und Quark mit Nektarinen.

Wer viele Wochen nicht bügelt, muss das lange nachholen und steht zweieinhalb Stunden am Bügelbrett. Machte mir fast nichts aus, weil das Wetter eh schlecht war und ich offene Tabs weghören konnte, nämlich zwei verpasste Sessions von der re:publica.

Zum einen Carolin Emcke, “Queer Leben – Eine Intervention” (wie ich mich freue, dass sie sich auf der re:publica daheim zu fühlen scheint – ich erinnere mich noch gut an ihren ersten Auftritt, an ihre Aufregung, und dann ging gleich mal technisch was schief, und sie seufzte, genau deshalb sei sie bislang nie gekommen; dabei geht doch auf der re:publica um ganz Anderes):

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https://youtu.be/bMCoIE6mAao?si=6ACGEqlOV7gBj_Q3

Keine leichte Kost – aber Emcke macht es weder sich noch uns einfach. Und das ist gut so.
Ich lernte den Begriff “utopischer Vorgriff”: Wenn man so lebt, als sei die Gesellschaft schon dort, wo man sie hinhaben will. Das mache ich von Kindheit an gegen Frauen-Stereotypen.

Dann hörte ich zur Verarbeitung ein wenig Musik. Zweiter Vortrag, den ich mir wegen unbedingt eingemerkt hatte: Esra Karakaya, “Ich weiß nicht, wie du es siehst – aber zukunftsfähig ist das nicht”.

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https://youtu.be/4-n7TbLvLeE?si=r_ugRTyc3Y68_ywq

Esra schilderte eine bessere Zukunft der Medien in Deutschland.

Es blieb noch genug Zeit für eine Runde Gymnastik mit Gabi Fastner – die sich länger hinzog als geplant, weil unterwegs das Internet ausfiel. Ich musste erstmal eine Ersatzlösung finden, bis ich weiterturnen konnte. Es wurde der Handy-Bildschirm, mit dem ich die Einheit beendete. (Unkomfortabel.)

Herr Kaltmamsell servierte als Nachtmahl Ernteanteil-Zucchini-Spaghetti, sehr gut. Nachtisch 1 war die restliche misslungene Panna cotta.

Auf weißen Teller ein gestürzter weißer Pudding in drei Schichten, drumrum Erdbeersauce

Und ein Stück hervorragender Kirschkuchen, den Herrn Kaltmamsell von einem gestrigen Ausflug zu seinen Eltern mitgebracht hatte.

Das schönste am Tag aber war das Ergebnis des zweiten Durchgangs der Parlamentswahlen in Frankreich: Es wird keine rechtsextreme Regierung geben, statt dessen liegt die links-grüne Volksfront vorn – es ging dann wohl doch in erster Linie um Veränderung. Und die Wähler*innen sind vielleicht doch zur Besinnung gekommen, dass Rechtsextremismus die vielen Probleme im Land nicht lösen würde.

Journal Samstag, 6. Juli 2024 – Ein paar Stunden Hochsommer

Sonntag, 7. Juli 2024

Herrlich gut und über neun Stunden geschlafen – so erfrischt und ausgeruht hatte ich mich seit Langem nicht gefühlt.

Blick über einen Balkontisch hinaus über die Brüstung in blauen Himmel, Sonnenschein und leuchtend grüne Bäume, auf dem Tisch eine Tageszeitung, ein Glas Wasser, eine große Tasse Milchkaffee

Draußen wunderschöner Sommer, endlich wieder Balkonkaffee – ohne Bloggen, weil Herr Kaltmamsell vereinbarungsgemäß ein gründliches Back-up des Blogs laufen ließ. Ich las ein wenig Zeitung, kochte für den Abend Panna cotta, die sich Herr Kaltmamsell gewünscht hatte (ohne Nelken).

Dann konnte ich wieder an mein Blog, dazu Wasser und Tee. Ich freute mich auf Schwimmen und Sonnenbaden im Dantebad, hoffte, dass das Wetter bis dahin halten würde: Es waren bereits für den Nachmittag Gewitter angekündigt.

Erstes Radeln in kurzer Hose, mit Trägershirt und Sandalen echtes Hochsommer-Outfit. Die Schwimmbahnen im Dantebad waren ziemlich voll (aber immer noch kein Vergleich zur Menschensuppe im Schneckenbecken), mit der doppelten Breite und freundlichen Menschen konnte ich dennoch ruhig meine Bahnen ziehen. Der Sonnenschein hielt nahezu durchgehend, an meine 3.000 Meter anschließend legte ich mich nach kurzem Duschen und Sonnencremen auf die Wiese, Musik auf den Ohren.

Freibadwiese, im Hintergrund wenige Menschen, einige alte Bäume, der Rand eines Schwimmbeckens, dahinter eine betonierte Tribüne und ein Betonleuchter

Nackte Beine auf rotem Handtuch längs aus der Perspektive der Beinbesitzerin

Freibadfotos bei Freibadwetter schwierig, wenn man niemanden ungefragt erkennbar mitfotografieren möchte.

Nach einer Stunde hatte ich genug UV-Strahlung getankt. Heimradeln über Espressobohnen- und Semmeleinkäufe in Schwabing, in der Sonne war es knapp unter zu heiß. Aber die Farben! Das Sommerlicht!

Die riesige und sehr dicht befahrene Kreuzung Dachauer Straße (dreispurige Straße plus Abfahrten, Geh- und Radwege auf beiden Seiten, in der Mitte Trambahntrasse) Landshuter Allee (Abfahrten von der Überführung über die Kreuzung, Geh- und Radwege) ums Ecke vom Dantebad ist seit Monaten eine Baustelle mit immer wieder neuer und spannender Wegführung erzwungen durch Trennwände. Gestern auf dem Rückweg waren alle Ampeln ausgefallen, und ich bildete mir ein, dass dadurch die Verkehrsteilnehmenden endlich aufeinander achteten: Die Autos fuhren Schritttempo, ließen einander in Gruppen vorbei, Fußgänger*innen gaben Radeln Tipps, wie sie durchs Labyrinth auf den gegenüberliegende Straße kamen, Kinderwagenschiebende wurden zu Bordsteinabsenkungen gelotst. Insgesamt aber eine eher bizarre Szenerie.

Frühstück daheim deutlich nach drei: Körnersemmel, Pfirsich mit Joghurt. Dann erst Duschen und weitere Körperpflege. Als ich frisch und fertig ins Wohnzimmer kam, zeichnete sich bereits deutlich ab, dass das Wetter nicht für den ersehnten Biergartenbesuch halten würde (Steckerlfisch im Hirschgarten).

Blick über Balkonbrüstung in Bäume, dahinter deutlich dunkelgrauer Himmel

Keine halbe Stunde nach dem Foto stürmte und regnete es.

Blick über Balkonbrüstung in Bäume, die von Wind und heftigem Regen geschüttelt werden

Restlicher Nachmittag mit Zeitunglesen – und langsamem Kleidungs-Aufrüsten, für kurze Hose und Träger-Shirt wurde es immer deutlicher zu kalt.

Statt Steckerlfisch gab es als Nachtmahl ein Ernteanteil-Karotten-Thaicurry von Herrn Kaltmamsell, ich schnippelte dazu als Salat Tomaten, Ernteanteilgurke, eine Karotte (roh vertrage ich sie ja nicht so gut), süße Zwiebel, mischte die restlichen Salatblätter unter. Aperitif Calvados-Tonic, Nachtisch mit pürierten Erdbeeren Panna cotta – die mir leider misslungen war: Die Gelatine hatte sich abgesetzt. Muss ich beim nächsten Versuch also die Mischung wieder unter Rühren abkühlen lassen, bevor ich sie in die Förmchen gieße (zumindest glaube ich mich zu erinnern, dass das früher mein Trick war).

Im Bett begann ich meine nächste Lektüre, diese wieder aus der Münchner Stadtbibliothek: Fang Fang, Michael Kahn-Ackermann (Übers.), Glänzende Aussicht. Mir hatte ihr Weiches Begräbnis ja sehr gut gefallen, jetzt nahm ich mir den Roman 1987 vor, den ersten großen Erfolg der chinesischen Autorin.

Journal Freitag, 5. Juli 2024 – #WMDEDGT

Samstag, 6. Juli 2024

Frau Brüllen fragt, “Was machst Du eigentlich den ganzen Tag?” und schart für den 5. des Monats wieder Tagebuchblogger*innen um sich unter dem Hashtag #WMDEDGT: Hier die Ausbeute für Juli 2024.

Wie erwartet schwer eingeschlafen, unruhig geschlafen, zudem aber auch viel zu früh aufgewacht – das Wochenende wird das rausreißen müssen. Ich fühlte mich nur leicht dumpf, wusste aber, dass mich der Schlafmangel am Vormittag einholen würde.

Das Wetter hatte die Vorhersagen nicht gelesen, war statt sommerlich deutlich düster und kühl, ich griff wieder zu langen Hosen, zu geschlossenen Schuhen und zu Jacke. Auf dem Weg in die Arbeit wurde ich sogar feuchtgeregnet.

Handy-Screenshot mit Anzeige "16 Grad" und Sonnensymbol

Was die App behauptete.

Blick auf hohes modernes Bürogebäude vor dunkelgrauem Himmel

Wie’s vorm Bürofenster aussah.

Auf den Gängen und Fluren freitägliche Homeoffice-Ruhe, so ließ sich gut arbeiten. Morgen-Routine: Rechner starten, Tasche auspacken (Brotzeit, Zeitung), Wasser für Tee aufsetzen, in Rechner einloggen, Tee kochen.

Beim Arbeiten merke ich immer deutlicher die Nachteile der kaputten Suchmaschinen. Bis vor kurzem dienten mir Google-Suchen auch bei der Einschätzung, wie gebräuchlich ein Fachbegriff ist und in welchem Kontext er verwendet wird. Wenn ich jetzt für einen Begriff sehr wenige Treffer bekomme, kann das auch bedeuten, dass Websites, auf denen er vorkommt, vom aktuellen Such-Algorithmus schlicht als irrelevant eingestuft werden. Es ist verheerend. Jetzt erst wird mir bewusst, für wie viele Zwecke ich Google genutzt habe, die gar nicht vorgesehen waren.

Normal emsige Arbeit, ließ sich auch mit Schlafmangel gut bewerkstelligen.

In der Challenge “Wie skurril kann ein Beschaffungsprozess werden?” wurde eine neue Benchmark erreicht: Ein Formular, mit dem ich durch Unterschrift versichern muss, dass ich die Regeln für das Ausfüllen eines älteren, weiterhin verpflichtenden Formulars kenne.

Mittagscappuccino im Westend, jetzt ließ sich endlich die Sonne sehen, wenn auch nur phasenweise und mit frischem Wind.
Zu Mittag gab es ein großes Stück Empanada vom Vorabend.

Nachmittags Routineaufgaben, ich konnte pünktlich Feierabend machen. Allerdings kämpfte ich jetzt mit Schwindel, die Einkäufe beim Vollcorner waren mühsam. Aber ich freute mich an Wärme und Sonne.

Gymnastik war daheim bei anhaltender Wackeligkeit wenig attraktiv, statt dessen kümmerte ich mich ausführlich um Finger- und Zehennägel, es war höchste Zeit. Das dauerte so lang, dass fast schon Zeit für Abendessenszubereitung war, ich setzte mich nur kurz zum Ausruhen hin.

Zum dritten Mal in Folge und innerhalb weniger Wochen teilte mir ein Online-Anbieter nach Kauf mit, dass die bestellte Ware doch nicht verfügbar war. Hmpf. Diesmal war es ein Sonderangebots-Bikini mit Neckholder, wie ich sie beim Draußenschwimmen bevorzuge – ich hatte gezielt nach einem Back-up für meinen derzeitigen einzigen gesucht.

Fürs Nachtmahl, freitäglich eigentlich traditionelle Kuh auf Wiese (gebratenes Rindfleisch mit Salat), machte ich eine Weinentdeckung der jüngsten Verkostung auf:

Stilglas mit dunklem, leicht trüben Weißwein, dahinter eine Weinflasche, dahinter Geschirrschrank

Gsellmann aus Gols hat einen Traminer, spontanvergoren und im Eichenfass sowie in Amphore ausgebaut, der echt abgefahren, aber wirklich fein schmeckt: Teerose in der Nase, dann trocken und aromatisch im Mund.

Eine große, dicke Scheibe rohes Rindfleisch mit Fettrand auf weißem Einwickelpapier

Ich hatte mir Côte de Boeuf gewünscht, Herr Kaltmamsell hatte beim Eisenreich am Viktualienmarkt ein sehr schönes gefunden.

Dieselbe Scheibe Fleisch dunkel und kross gebraten auf einem weißen Schneidebrett, im Hintergrund eine tiefe, schwarze Eisenpfanne

Gedeckter Tisch mit Stroh-Sets, zwei Glastellern mit Tranchen Rindfleisch, dazwischen eine weiße Schüssel mit grünem Salat

Dazu gab’s Ernteanteil-Salat mit Zitronensaft-Vinaigrette und süßer Zwiebel. Schmeckte alles hervorragend, der Wein passte auch zum Salat, vom Trumm Fleisch blieb nur wenig übrig (ich durfte den Knochen abnagen – wir sind eine Knochennag-Familie im Gegensatz zu der von Herrn Kaltmamsell).

Die Platz-Sets sind neu: Ich hatte sie über eine instagram-Werbung für Kleidung bei einem spanischen Shop entdeckt, der in Spanien produzierte Produkte anbietet – und sie erinnerten mich sehr an spanische Bast-Sets meiner Kindheit, die meine Mutter schön gefunden hatte. Hier ging die Bestellung dann doch gut, nachdem die erste Rückmeldung gelautet hatte, es gebe die Sets nur noch in Blau (indiskutabel, diese Farbe war die einzig korrekte). Doch nachdem ich meine Bestellung storniert hatte, wurden sie mir dann doch wie gewünscht bestätigt, ich bestellte erneut (und für günstiger). Erwähnenswert: Die runden Untersetzer sind eigentlich Brotteller, in besagtem spanischen Shop gibt es eine große Auswahl Brotteller – für spanische Privathaushalte offensichtlich sinnvoll, weil es wohl bis heute zu allem Brot gibt.

Nachtisch Schokolade. Ich war sehr, sehr müde, versuchte mich aber bis nach neun wach zu halten – eigentlich nur, weil mir Schlafengehen am hellichten Tag komisch vorkam.

Von draußen drang seit Stunden Baustellen-Lärm herein; er klang, als würde eine Straße weiter gleichzeitig ein Haus abgerissen und eine aufgerissene Straße aufgefüllt und festgerüttelt. Als würde jemand gleichzeitig mit Spundwänden Mikado spielen. Und das in der Freitagnacht. Ich griff wieder zu Ohrstöpseln, musste dennoch das Fenster schließen, denn ich wollte wirklich, wirklich schlafen.

§

Gestern las ich Dana von Suffrin, Otto aus.

Mir gefiel der Roman gut, in dem eine junge Frau als Ich versucht, das Leben ihres sterbenden Vaters Otto aufzuschreiben, die Geschichte ihrer wirren und seltsamen Familie – in der sich die Geschichte Deutschlands im 20. Jahrhundert, auch die Europas spiegelt (der Vater ist ein Jude aus Siebenbürgen). Sie beginnt in der Gegenwart in einem Münchner Krankenhaus, von dort geht es in Erinnerungen und in wirren Dialogen mit ihrem Vater hin und her – irgendwie schafft sie es ganz ungeordnet dann doch.

Es gibt keine eigentliche Handlung nach diesem Anfang im Krankenhaus, wo sie ihren Partner kennenlernt – der Roman liest sich ein wenig wie ein Werkstattbericht über das Schreiben dieses Buchs. Doch das machte nichts, denn es gibt einige interessante Figuren, denen man nahe kommt, und mir gefiel, wie viel München drin ist (Olympiastadt, Isar, Trudering). Immer wieder schreibt die Erzählerin schöne Beobachtungen auf:

Ganz am Schluss ein Hadern mit dem Festhalten von vielleicht doch nur Oberflächlichem (passt gut zum heutigen #WMDEDGT):

Mittransportiert werden Informationen, wie jüdischer Alltag heute in Deutschland aussehen kann, säkular, zwischen allen Stühlen.

Journal Montag, 1. Juli 2024 – Bewertungsringen, ein wenig Entspannung

Dienstag, 2. Juli 2024

Unruhiger Schlaf wegen zu viel Rotwein und zu viel Schnarchen im Raum. Ich stand früh mit Herrn Kaltmamsell auf, um ihn mit Milchkaffee bekochen zu können. Entspannung hatte der Alkohol keine gebracht, an Verkaterung hinderte ihn das nicht – Gift bleibt Gift.

Der Morgen begann wider die Vorhersagen sonnig, aber angekündigt kühl. Noch vor dem Bloggen formulierte ich die Unterkunftsbewertung für Klagenfurt fertig, als sachlichen Abgleich zwischen Fakten und Annonce. Zur Sicherheit machte ich von den Anbieter-Angaben Screenshots und stellte bei dieser Gelegenheit fest, dass auch die Fotos zur Annonce manipulierend waren: Der Essplatz war im Gang fotografiert, das Zimmer mehrmals mit verschiedener Ausstattung (mal mit Esstisch, mal mit Sitzecke), die gleichzeitg gar nicht reingepasst hätten. Nun stand für mich endgültig fest, dass der falsche Eindruck gezielt erweckt wurde und nicht etwa ein Versehen war. In der direkten Nachricht an die Vermieterin, die im Bewertungsprozess vorgesehen ist, bat ich um Korrektur.

Gebloggt, Morgentoilette. Ich ging raus um Semmeln zu holen und stellte fest, dass es wirklich sehr frisch war. Der Putzmann hatte für gestern abgesagt, ich konnte meinen freien Montag also deutlich freier planen als sonst. So las ich Zeitung, unter anderem (€) den Bericht von Christiane Lutz über den Bachmannpreis – dem ich anmerkte, dass sie nicht alle Jurydiskussionen mitverfolgt hatte, möglicherweise nicht mal alle Texte gelesen:

Olivia Wenzel fällt da angenehm aus dem Raster, in ihrem originellen Text „Hochleistung, Baby“ erzählt sie von einer jungen Mutter, die im Job kämpft – sie muss als Journalistin einen ehemaligen Fußballprofi auf einem Fischerboot interviewen, während sich in ihren Brüsten die Muttermilch zur Unerträglichkeit staut.

Hahaha, nein: Diese Figur kämpft keineswegs im Job als Journalistin, es stellt sich bald heraus, dass das Interview nur in ihrer Phantasie stattfindet. Außerdem gibt’s am Ende des Sex, von dem Lutz behauptet, er sei in keinem der Texte vorgekommen.

Später richtete ich dem Übernachtungsgast das Frühstück, plauderte ein wenig. Nach zehn machte ich mich lauffertig und nahm unter jetzt düsterem Himmel eine U-Bahn zum Odeonsplatz.

Mit immer wieder ein paar Regenspritzern lief ich los, ab Emmeramsbrücke regnete es eine Weile auch ernsthaft. Doch ich hatte ja eine Schirmmütze auf, es war nicht kalt: Wurde ich halt ein bisschen feucht. Die gut anderthalb Stunden waren eine körperliche Freude, und mein Hirn kam endlich ein wenig zum Verarbeiten.

In einer künstlerischen Gartenlandschaft ein alter steinerner Pavillon unter düsteren Wolken

Blick von halb oben auf Englischen Garten unter düsterem Himmel, im Vordergrund eine Säule, neben dem ein Paar sitzt

Graffiti an einem alten Wehrgebäude mit Tor, unten Flusswasser

Föhringer Wehr.

Tordurchgang mit bemalten Wänden, Wassertiere im Wasser, inklusive einem Eichhörnchen mit Taucherausrüstung

Diese Passantin war so freundlich, auf meine Geste hin bereichernd ins Bild zu laufen (den Satz, mit dem ich das erklärte, verstand sie allerdings sehr wahrscheinlich nicht: Kopfhörer).

Blick aufs grüne Wasser eines Kanals, der von Bäumen gesäumt ist, im Hintergrund ein Wehr

Mittlerer Isarkanal.

Riesiger Baum, dessen linke Stamm-Seite aufgerissen ist

Schwerverletzte Pappel.

Am Bayerischen Nationalmuseum nahm ich eine Tram zurück. Daheim war der Übernachtungsbesuch bereits abgereist. Ich betrieb ausführliche Körperpflege, kurz vor zwei gab’s zum Frühstück Semmeln mit Tomate (zugekauft) und Honig. Herr Kaltmamsell kam von der Arbeit und erzählte davon, ich wurde fressmüde und legte mich ein Stündchen ins Bett, schlief auch ein.

Noch ein Spaziergang für Einkäufe zum Vollcorner – so sah ich bereits vor dem nächsten Marsch in die Arbeit, dass die Theresienwiese abgesperrt wurde: Wieder ein wenig früher für den Aufbau des Oktoberfestes (und offiziell bis 22. Oktober). Konsequenterweise wird es in ein paar Jahrzehnten gleich nach dem Winter-Tollwood aufgebaut.

An der Ecke Pettenkoferstraße-Bavariaring eine Stele, das Münchner Pendant zu Stolpersteinen (rechts unten am Zaun-Pfeiler):

Vor einem prächtigen alleinstehenden Altbau ein Zaun mit Hecke

Albertine Neuland hat also hier einst gewohnt und wurde im Ghetto Theresienstadt ermordet.

Als ich zurückkam und die Einkäufe verstaut hatte, setzte ich mich zum Zeitunglesen auf den Balkon – und kam nach all den eigentlichen Urlaubstagen endlich zu urlaubigem Blödschaun. Bis mich dunkle Wolken und Regen zurück ins Wohnzimmer trieben, war mir leider wieder schwindlig, ich strich meine Gymnastikpläne. Es regnete überraschend energisch.

Herr Kaltmamsell nutzte die Purple Haze-Karotten aus Ernteanteil (Lagergemüse), um mir einen Rezept-Wunsch aus dem SZ-Magazin zu erfüllen: Geschmorte Karotten mit Couscous.

Glasteller auf grünem Set, darauf dunkle Karotten in dunkler Sauce, Couscous mit ein wenig weißer Sauce

Schmeckte hervorragend, mit das Beste, was man mit Lagerkarotten machen kann. Nachtisch nach fast einer Woche wieder Schokolade.

Im Bett las ich noch in Dana von Suffrin, Otto, das mir viel Vergnügen bereitet. Durchs offene Fenster hörte ich Regenrauschen und entfernt aus der Klinik mal wieder das Röhren einer gebärenden Frau (Sie erinnern sich? die Fenster der Kreissäle liegen offensichtlich auf der uns zugewandten Seite? und stehen in den Sommermonaten wohl oft offen?), und ich dachte, dass solch eine groteske Kombination eigentlich in einen frühen John-Irving-Roman gehört.

§

Informatives Interview in Spektrum mit Klimaforscher Sebastian Sippel:
“‘Was ist eigentlich Extremwetter, Herr Sippel?'”.

§

Gabriel Yoran schreibt über einen Missstand – und ich bin erleichtert, dass er ihn als Missstand beschreibt, dass ich mich also nicht einfach nur anstelle: Über die Flut von Dienst-Meldungen, die mittlerweile übers Internet hereinfließt.

Endlose (und in Deutschland oft juristisch wirkungslose) Nutzungsbedingungen bei der Installation von Apps. Cookiehinweise, die wir ungelesen wegklicken, und die immer wieder kommen. Rote Badges auf ungezählten Icons, Badges, die mal für ungelesene E-Mails standen, als das noch eine wertvolle Auskunft war. Beim Abziehen des Kindle-Readers zum tausendsten Mal „Die Festplatte wurde nicht ordnungsgemäß ausgeworfen“ (was bislang jedes Mal folgenlos blieb), Fake-SMS von „DHL“ oder dem „Zoll“ (die man auf keinen Fall anklicken sollte), Online-Werbung, die so tut, als wäre sie die Tagesschau, sich dann aber als Bitcoin-Betrug entpuppt, der monatliche Bericht der Fritzbox über Anrufe unbekannter Nummern auf dem Festnetz oder die schwankende Anzahl der Geräte im heimischen WLAN, Treuepunktberichte von Versandhändlern, denen man vor fünf Jahren mal einen Bettbezug abgekauft hat, „Bitte hilf uns, dein Konto sicherer zu machen“, „Ihr Paket kommt morgen, heute, in den nächsten vier Stunden“ und dann leider doch nicht wegen eines Staus oder einer Störung des Betriebsablaufs oder des großen Gesamtzusammenhangs, die ständigen Fragen, wie zufrieden man mit dem Kundendienst war, ob man die Firma weiterempfehlen würde auf einer Skala von eins bis zehn? Dann ändern sie noch ihre Datenschutzbestimmungen, immerzu ändern sie die, es gibt mehr Datenschutzbestimmungen als es Unternehmen auf der Welt gibt, also nochmal fünf Dutzend Seiten, in die eine Anwaltskanzlei ihr ganzes Können gesteckt hat, ungelesen wegklicken. Ach und übrigens, dieses Gerät, von dem du dich da gerade einloggen willst? Das kennen wir noch gar nicht. Das ist seit Jahren das gleiche Handy? Da könnte ja jeder kommen. Erstmal Username und Passwort bitte, Freundchen! Schließlich die Bank, die tatsächlich eine E-Mail schickt, weil ein neuer Kontoauszug vorliegt.

Nicht nur mich kostet es also immer mehr Energie, diese Nachricht zu filtern, zwischen den unwichtigen und den relevanten zu unterscheiden.

Es ist, als wäre ständig Enkeltrick, und wir alle sind die Großeltern.

Ich schenke Ihnen diese luzide und verzweifelte Zusammenfassung von gleichzeitiger Über- und Unterinformation:
(Leider ohne Verschenk-Möglichkeit.)
“Sie haben neue Pfuschnachrichten”.

Journal Sonntag, 30. Juni 2024 – Rückreise von Klagenfurt, keine Entspannung

Montag, 1. Juli 2024

Trotz spätem Einschlafen wachte ich vor Weckerklingeln auf, draußen nochmal Sommer.

Fertigbloggen, Fertigmachen für die Abreise. Ich fotografierte die Unterkunftsituation als Belege, die sachliche Bewertung mit allen Abweichungen von der Annonce formulierte ich ohnehin bereits seit Tagen im Kopf.

Blick von schräg oben auf einen sonnenbeschienenen Kanal mit vielen Bäumen gesäumt, im Vordergrund Sandboden mit Tischen und Stühlen, leer

Leerer Lendhafen

Zeitig rollkofferte ich durch die früh deutliche Sommerhitze vorbei am bereits regen ORF-Gebäude zum Klagenfurter Bahnhof. Der Railjet der ÖBB stand schon parat, ich setzte mich auf meinen schön klimatisierten Platz in offensichtlich betagter Ausstattung – und hatte damit zweifach Glück: 1. Meine Reservierung existierte in diesem Zug, dem zwei Wagen fehlten (an jedem Bahnhof herumirrende Passagiere, die vergeblich ihre Platznummer suchten), 2. Die Klimaanlage funktionierte – anders als in den Wagen, von denen in der ersten Stunde Passagiere aufgefordert wurden, sich lieber woanders Plätze zu suchen. Solche Erlebnisse haben für mich DB-Kundin ja immer eine leise Note der Erleichterung: Andere Bahngesellschaften sind auch nicht perfekt. Wieder andere Wagen wurden von alkoholisierten Fußballfans belärmt – auch dem entging ich.

Während ich auf meinem Handy Zeitung las (WLAN gab es keines auf der gesamten Fahrt, ich verschob das Zusammenstellen von Lieblings-Microblog-Posts Juni), verfolgte ich auf Bluesky und Mastodon die Bachmannpreisverleihung, zusätzlich informiert von einer Mit-Schlachtenbummlerin, die den Stream hörte. Ich konnte die Bepreisungen nachvollziehen außer dem Hauptpreis: Bei aller Gratulation an Tijan Sila – weder der Text “Der Tag, an dem meine Mutter verrückt wurde” noch die Jury-Diskussion hatten auf etwas Überragendes hingewiesen. Dass Henrik Szántó mit seinem “Eine Treppe aus Papier” komplett leer ausging, sah ich ebenfalls von Textqualität und Jurybesprechung entkoppelt.

Der Zug wurde immer voller, ab Salzburg standen die Leute in den Gängen. Ich war froh um meinen Sitzplatz, war darauf allerdings so in meinem Gepäck eingeklemmt, dass mein Kreuz immer heftiger protestierte und bis ins ganze rechte Bein unangenehm schmerzte. Ankunft in München mit großer Erleichterung.

Hier war das Wetter kühler, wenn auch schwül. Zuhause traf auch bald eine Mit-Schlachtenbummlerin ein, die auf Montag bei uns übernachten und dann weiterreisen würde. Unterhaltungen zu dritt, Herr Kaltmamsell hatte als Nachtmahl überbackene Enchiladas vorbereitet, die gab es nach einem heftigen Regen draußen und erwarteten und dennoch schlimmen Wahlergebnissen aus Frankreich: Es steht die erste faschistische Regierung einer Alliierten-Nation bevor. Ich hatte große Lust auf Alkohol gehabt und gehofft, mir damit ein wenig Entspannung nach diesen angespannten Tagen zu holen: Der spanische Rotwein zum Essen schaffte das leider nicht.

Als gute Idee erwies sich wieder, dass ich auch den Montag Urlaub genommen hatte: Ich würde diesen Tag dringend zum Runterkommen brauchen.

Journal Samstag, 29. Juni 2024 – Bachmannpreislesen, Tag 3

Sonntag, 30. Juni 2024

Der Wecker holte mich aus tiefem Schlaf, der die ganze Nacht gut gewesen war. Ich hatte ja noch fertig zu bloggen.

Moderner Hauseingang mit Schiebetür, auf der Scheibe "ORF K", rechts daneben aufgestellt ein Hinweisschild "Zum Bachmannpreis"

Wieder war ich rechtzeitig genug im Fernsehstudio für einen Sitzplatz ganz hinten. Ich betrachtete die nackten Nacken in den Reihen vor mir, an deren Kurvigkeit sich fast immer das Alter des Menschen ablesen ließ.

Tag 3, an dem vier Texte vorgelesen und besprochen wurden, begann mit Semi Eschmamp und seinem Text “Ist Realität selbst da, wo sie nicht hingehört?”: Ein surrealer Text mit verschobener Realität in Kapiteln, die einander die Hand gaben. Ich bemerkte, dass meine Aufmerksamkeit immer wieder abschweifte und ich sie mit Anstrengung zurückholen musste.

Erstmals machte Philipp Tingler den Anfang: Ihm hatte der Titel gefallen für das Projekt einer Tour durch Begriffe, Fragen von Mitteilsamkeit und Bedeutung, von einem Begriff zum nächsten, mal mehr, mal weniger gelungen. Manche Bilder fand er gut, blieb jedoch zwiespältig gegenüber einer “Sprache manchmal ein bisschen wie vom Lastwagen gefallen” – was auch Absicht sein könne. Thomas Strässle sprach von einem phantastischen Text phantastischer Literatur, der eigentlich aus der Zeit gefallen sei: Agierender Blick, Traum, personalisiertes Lächeln war eigentlich eine Strömung des 19. Jahrhunderts. Die philosophischen Exkurse darin seien vor allem Quatsch, könnten aber ebenso Absicht sein wie die regelwidrige Zeichensetzung und die Floskeln. Mithu Sanyal mochte das Arbeiten mit Absurdität, wie die Sätze verschränkt seien, fand gleichzeitig keine Beziehung der Personen zur Welt.

Klaus Kastberger stimmte den Eindrücken zu, wies auf sprachimmanente Prozesse hin, fand darin Methoden der 20er-Jahr-Avantgarde. Er hielt es für möglich, dass der Text von KI geschrieben wurde (fragte nach den Regeln des Bachmannpreises für solche Fälle), weil so vieles knapp daneben sei. Er fand gut, dass der Text seinen eigenen Produktionsprozess reflektierte – war allerdings enttäuscht über das Ergebnis. Mara Delius fand das mit KI einen schlimmen Vorwurf, doch auch sie fragte sich, ob die Reflexion des Produktionsprozesses funktioniere, von der Hinterfragung der Realität lenkten die Bilder ab, und die Verschachtelungen seien zu simpel. Brigitte Schwens-Harrant schloss sich an: Sie mochte den Blödsinn, der Text arbeite reizvoll mit Methoden, die Realität zu durchbrechen, doch wo gehe das hin? Enttäuscht war sie vor allem, dass der Text mit einer Moral von der Geschicht endet. Für Laura de Weck drehte er sich um eine Person, die Leichtigkeit sucht, sie sah die Ratlosigkeit der Jury-Diskussion als Spiegel. Veraltet fand sie ihn nicht, er habe ganz eigene Sprachmittel gefunden. Er erzähle den Blick in den Kopf von jemandem, der versuche, sich in den Griff zu bekommen. Kastberger fand ihn dann schon originell, konnte aber keine Figur erkennen.

Strässle kam nochmal auf das Veraltete zurück: Das Buch, das sich nicht öffnen lässt, sei von Novalis, und auch sonst erkannte er “supertraditionelle Elemente”. Sanyal überlegte noch, dass sie den Text lieber als Film rezipiert hätte.

Der nächste Text war ein echtes Highlight: Die Satire “Das Gurkerl” von Johanna Sebauer. Während Sebauer las, wurde das Glucksen und Prusten im Zuschauerraum immer häufiger: Perfekt ausgeführt schildert die Geschichte, wie aus einem Ungeschick in einer Lokalredaktion mit einem Essiggurkenglas eine riesige Gesellschaftskontroverse um Gurkerl wird – mit immer neuen wirklich gut gemachten Wendungen und Details. Lesen Sie den verlinkten Text, er ist wirklich vergnüglich, ich fühlte mich an den Wahnwitz der besten Satiren von Ephraim Kishon in der Übersetzung von Friedrich Torberg erinnert.

Sanyal begann mit Begeisterung über den “wahnsinnig gut geschriebenen Text” von großer Komplexität über Aufheizungsmechanismen. Delius äußerte Respekt vor dem hochriskanten Unterfangen Humor und Effekt – das hervorragend und elegant gelöst worden sei, geschickt komponiert. Gut fand sie, dass die Perspektive sich nicht auf eine Seite schlage. Auch Strässle betonte das Risiko, doch der Text sei nicht gescheitert; er mochte die gut positionierte Erzählerfigur. Allerdings wünschte er sich, er hätte mehr über die Gründe solcher Überhitzungen erfahren und sei deshalb ein wenig unbefriedigt. (Später wiederholte er das, und Delius argumentierte: “Dann würde der Text zusammenbrechen.”) Selbst Tingler fand das Stück überraschend gelungen, die sprachliche Gestaltung überaus gekonnt, mochte die Schwankhaftigkeit der Sprache auch außerhalb der Schimpfwörter, die Verbindung von rustikalem Ton und feiner Beobachtung.

De Weck erzählte von der großen Freude, mit der sie den Text gelesen habe, mochte die Sprache, die Raum suche. Man wisse ja von Anfang an, was passieren würde, und freue sich auf jede weitere Stufe. Der Text beobachte scharf, wo die Polarisierung gerade stehe. Sie wünschte sich allerdings am Schluss zumindest eine Note Dunkelheit. Kastberger war glücklich: Er habe es schon ein paar Mal mit Humor in Klagenfurt versucht, fand die Wahl des Gurkerls als Auslöser der Empörungsspirale genial. Schwens-Harrant stimmte ihm zu, weil dadurch deutlich sichtbar werde, wie komplett beliebig der Auslöser sei. Sie fand den Mechanismus Meinung-Gegenmeinung in den Medien super herausgearbeitet und freute sich, dass das Genre Satire hier vertreten sei. Dass alle Fragen beantwortet würden, liege eben an diesem Genre. Sanyal betonte, dass auch Satire gute Literatur sein könne, fand die Stimme komplett glaubwürdig, assoziierte Nöstlingers Gurkenkönig. Ein wenig ratlos waren manche über das surreale Kapitel mit wuchernden Gurkenpflanzen – ich hingegen hatte mich schon mitten im Zuhören gefragt, wie die Autorin ihre Konstruktion wohl zu Ende bringen würde und fand auch das eine originelle und gute Lösung.

Frühere und kürzere Mittagspause, ich traute mich nicht auf einen Mittagscappuccino weg, weil ich auch im zweiten Teil einen Sitz im Studio wollte. Was klappte. Es ging weiter mit Miedya Mahmod und „Es schlechter ausdrücken wollen. Oder: Ba,Da“. Der Text und das Zuhören waren ungemein anstrengende Wortkunst mit Einsprengseln anderer Sprachen, Wortschleifen, flirrenden Bildern, Personen, Verbindungen, das Ganze ohne eine lineare Geschichte – doch im Gegensatz zum Anfang des Tages litt ich nicht unter Aufmerksamkeitslöchern. Mahmod hatte wohl Fans dabei, die sich beim Applaus durch begeisterte Rufe hörbar machten.

Sanyal betonte, wie fulminant Form und Inhalt korrespondierten, wie Konsequenzen aus Zersplitterung entstünden. Auktorialer und personaler Erzähler verschmolzen ihrer Ansicht nach, sie sah eine selbstbewusste Perspektive, mutig, sich ihrer selbst bewusst. Strässler erzählte, wie gespannt er auf den Vortrag gewesen sei, dass er von einer Partitur für eine Text-Performance ausgegangen sein. Der Text wolle nicht schön sein, keine ästhetischen Kategorien bedienen – man müsse mit ihm anders umgehen als mit den anderen Texten des Bewerbs. Als Themen tauchten auf Sprachkritik, Migration, Kindheit, Ängste – radikal auf Sprache gesetzt, die sich vor den Inhalt stelle. De Weck nahm den Partiturgedanken auf, sie habe sich durch den Vortrag Zugang zum Inhalt gewünscht: Sie habe viel Zeit mit dem Text verbracht, mochte das Bild des Kindes vor dem Kühlschrank, wies darauf hin, dass die Autorin beim Vortrag Stellen des Textes weggelassen hatte. Schwens-Harrant erzählte, dass sie sich den Text sogar selbst laut vorgelesen habe, im Grunde gescheitert sei ob der Vielzahl fremder Wörter. Sie unterstrich das Babel des Nicht-Verstehens, war fasziniert von der Suche nach Bedeutungen, dem Drehen um den Kern der Sprache, fand jetzt den Klang wunderschön.

Laut Kastberger brach der Text eine Lanze für die Wiederholung, die Performance könne nicht genug bewundert werden: Wortmaterial als Faktor der Kohärenz. Auch seiner Meinung nach spielte Schönheit sehr wohl eine Rolle. Er verwies auf Ilse Aichingers Argument für “schlechte Wörter”, wünschte sich mehr Aufmerksamkeit der Feuilletons für diese Art Wortkunst. Delius griff auf, dass sehr interessant sei, was Hören mit einem Text macht; sie habe beim Lesen eher Pseudo-Progressivität gesehen, was sich im Vortrag nicht bestätigt habe. Sanyal verwies auf die Kategorien Anrufung und Gebet, Literatur komme ja ursprünglich aus dem gesprochenen Wort. Tingler äußerte sich skeptisch – wie immer, wenn “kuratorisches Begleitmaterial im Vordergrund” stehe. Er habe sich vorher alle möglichen schrecklichen Einschätzungen aufgeschrieben, sehe jetzt, dass der Text eine bestimmte Präsentation verlange. Doch er habe den Anspruch, dass die Auseinandersetzung mit Literatur auch im Privaten möglich sein müsse. Daraus entspann sich eine hitzige Diskussion. An sich ein hochinteressantes Thema, das durch die Form dieses Wettbewerbs regelmäßig in den Jury-Diskussionen auftaucht: Ich hätte mir einen suchenderen Austausch der Jury gewünscht, einen weniger konfrontativen. Kastberger nahm die Publikumsreaktion als Beleg, dass der Text funktioniere, Schwens-Harrant schlug vor, dass die Qualität eines Textes auch Klanglichkeit sein könne, Delius verwies darauf, dass Literaturkritik sehr wohl etwas damit zu tun habe, ob ein Text geschrieben funktioniert.

Strässle sprach von einem überfordernden Text, Tingler warf ein: “Durch Unterkomplexität.” De Weck versuchte es mit “Überflutung”, wie es sie auch in der Lyrik gebe.

Nachtrag: Dieser Blogpost von Tini beleuchtet die Dynamik des Textes beim Bewerb gut. “#tddl 2: Versuch mein Unbehagen beim Hören und Lesen von „Es schlechter ausdrücken wollen. Oder: Ba,Da“ besser zu verstehen”.

Der letzte Text des Bewerbs kam von Tamara Štanjer: “Luft nach unten”. Eine erwachsene Tochter spricht ihre abwesende Mutter an, erzählt von deren Flucht ins Fressen, von ihrer eigenen Kindheit, mit regelmäßgem Zwangs-Wiegen und Schmähungen ihres Körpers, “Ab jetzt gibt’s nur noch Joghurt!” (das war mir phasenweise etwas too close to home, ich versteinerte), von Erinnerungen an den Großvater. Es riss mich, weil Ingolstadt auftauchte (wegen Viktor Frankenstein), ich war bezaubert, weil die Autorin die Geräusche einer MRT vorsang. Die letzten Absätze fielen Štanjer sehr schwer, sie kämpfte mit Tränen.

Delius nannte den Text einen hochkomplexen und interessanten Brief an die Mutter; schon beim Selbstlesen habe sie den Eindruck gehabt, er habe geschrieben werden müssen. Formal wie inhaltlich sei er ein Versuch, Gesetzmäßigkeiten zu verschieben, zu verhindern, dass Traumata nochmal weitergegeben würden. Sie mochte besonders das Bild der Pünktchen und Punkte, verwies auf die Empörung des Kindes der eigenen Mutter gegenüber: Diese hatte Schlimmes erlebt und es dennoch weitergeben, offensichtlich alles vergessen. Auch Strässle ging auf die metaphorischen Punkte ein, die Flecken und die Linien. Er fand den Text sehr gut gearbeitet, nahm als Beispiel die Plastizität der Fress-Szene mit schwerem Atem, mit den Wortspielen, die sich daraus ableiteten. Tingler hob als gelungenen Aspekt die Intensivierung und die Dringlichkeit hervor: Die Aufzählung der Therapien am Anfang halte noch auf Distanz, doch dann werde die Sprache immer dringlicher. De Weck war überrascht über den leichten Tonfall des Vortrags gewesen: Sie habe die Wut und Anklage lauter erwartet. Sie fand aber die Erklärungen zum Verhalten der Mutter überflüssig – später rechtfertigte Schwens-Harrant sie: Es handle sich doch um die Erklärungsversuche der Tochter-Stimme.

Sanyal hob den Call & Response hervor, dass anfangs die Mutter ein Monster sei, dann beim liebevollen Nähen der Faschingskostüme aber Wärme bekomme. Kastberger referenzierte den Text des 1. Lesetags über das Verrücktwerden der Mutter, in dem der historische Hintergrund eine größere Rolle gespielt habe, hier nur in einem Halbsatz. Hier habe man im Gegensatz zum anderen Text die Innenperspektive. Den Titel des Texts fand er besonders super. Schwens-Harrant konzentrierte sich auf Formales: Ansprache der Mutter, aber die Mutter hört das gar nicht. Das habe eine gewisse Tragik, sei aber eine Form des Aufarbeitens. Manche Abschnitte seien wütend, andere zärtlich, auch sprachlich ganz unterschiedlich – ein imponierender Text. Für Tingler gab es manchmal einen Satz zu viel, doch die Erzählhaltung passe stimmig.

Abschließend fasst de Weck zusammen, dass es in diesem Jahrgang besonders viele Texte mit Bespiegelung der Eltern gegeben habe. Stimmt.

Ich ging recht zügig in fast schon unangenehmer Hitze zur Ferienwohnung, um dort kurz vor drei zu frühstücken: Pumpernickel mit Frischkäse, Nektarinen mit Joghurt. Dann zackiges, Umziehen, Cremen, Packen: Ich spazierte nochmal zum Strandbad.

Dort reichte es für einmal Schwimmen und ein wenig Sonnenbaden mit Musik, dann wurde ich schon wieder wepsert und spazierte zurück. In der Ferienwohnung verbloggte ich den Lesungstag, als Nachtmahl gab’s die Reste der Lebensmitteleinkäufe: Tomaten, rote Paprika, Käse, Nektarinen. Schokolade hatte ich schon auch anfangs gekauft, aber immer noch keine Lust darauf – werde ich krank?

Den Studenten, den mir die Vermieterin nachmittags als Nachbarn vorgestellt hatte, der abends an mein Zimmer klopfte und fragte, ob er meine Gang-Dusche benutzen dürfe, winkte ich dann einfach freundlich durch. (Auch er, so stellte sich heraus, hatte unter falschen Annahmen gemietet.)

Abends nutzte ich die Gelegenheit, ein paar langjährige Klagenfurt-Bekannte zu treffen, die nur für diesen Abend angereist waren: Tex Rubinowitz und Maik Novotny bespaßten den Lendhafen mit ihrem Literatur-Pop-Quiz.

Nacht: Zwischen hohen, steinernen Pfeilern einer Fußgängerbrücke ist eine kleine Bühne aufgebaut, darauf ein Tisch mit Laptop, hinter dem Tisch sitzt ein Mann, links daneben steht ein anderer, umgeben ist die Bühne von Sandboden, auf dem Liegestühlte und Stühle stehen, die meisten mit Menschen besetzt

Die Nacht war herrlich mild, ich ließ mich zu Mitdenken beim Quiz drängen (verquaste Bilderrätsel, dreimal verdrehte Fragen nach absurden Ecken der Popkulturgeschichte), plauderte, nach Abschluss des Quiz auch mit den Mastern, vor allem über die Texte des Bewerbs: Deutlich unterschiedliche Einordnungen, zum Teil auch in die Gesamtgeschichte des Bachmannpreises, und jetzt sind wir so alt, dass es Geschichten über Autor*innen gibt: “Die kannte ich schon, als sie so” (Handwedeln in Kniehöhe) “klein war.” Ungeteilt war zu meiner Überraschung unsere Begeisterung für die Satire “Das Gurkerl”, weil sie einfach genial gemacht wurde.

Erst gegen Mitternacht kam ich ins Bett.

Journal Freitag, 28. Juni 2024 – Bachmannpreislesen, Tag 2

Samstag, 29. Juni 2024

Gut geschlafen, erfrischt aufgewacht.

Nach Fertigbloggen und Milchkaffee spazierte ich in schönem Sonnenschein zum ORF-Theater.

Der Zuguckort Lendhafen war bereits gut besetzt. Ich platzierte mich wieder ins Studio. Gestern verliefen die Jury-Diskussionen kontroverser und turbulenter (Verdacht, dass ihnen das am Donnerstag selber zu fad wurde), ich bekam einen deutlichen Favoriten zu hören, und erstmals mischte sich eine Autorin in die Jury-Diskussion.

Moderator Peter Fässlacher stellte die Mitglieder der Jury wieder mit Zusammenfassungen ihrer bisherigen Aussagen vor, das hatte schwer was von Herzblatt (Verzeihung, ich bin alt).

Los ging der zweite Lesetag mit Sophie Stein und “Die Schakalin”. Der Text hatte mit einer eher jungen Frau und einem eher jungen Mann zu tun, die sich im Urlaub kennengelernt hatten und bald heimfahren würden – und er interessierte mich nicht besonders. Anders die Jury: Mithu Sanyal mochte die “unglaubliche Atmosphäre”, den magischen Anfang, sah im Mittelpunkt zwei Figuren, die sich gegenseitig korrigieren wollten. Thomas Strässle fand die Merkwürdigkeiten der Frauengestalt am Anfang übertrieben, im Lauf der Geschichte aber plausibel, mochte Stimmung und Natur, sah den Gegensatz Produktivität-Prokrastination – wurde in seinen Erwartungen aber am Ende enttäuscht. Klaus Kastberger berichtete, er habe sofort den Verdacht gehabt, der Text sei einem philosophischen oder naturwissenschaftlichen Seminar entsprungen: Er fand ihn angbeberisch, nach Nestroy “hat Sonntagsgwand an”, sei auf Ausdruck getrimmt und leide an “Adjektivitis”. Aus Mara Delius’ Sicht war der Text leicht zu unterschätzen, sie wies auf Mittel der phantastischen Literatur hin, aufs Erschauern, auf den Modus der Unsicherheit. Brigitte Schwens-Harrant1 mochte die Anlage mit dem Ort, der Zeichen des Übergangs setze – Fluss, schwarzes Meer (wo Ovid ja seine Metamorphosen geschrieben habe). Doch daraus mache der Text zu wenig.

Philipp Tingler hatte nichts gegen Angeberisches, ihm gefiel die Bewegung, die Determiniertheit. Doch er hatte ein Problem mit dem Verhältnis der Figuren zueinander: keine Bewegung, keine Dynamik. Laura de Weck konzentrierte sich auf die Korrekturen und die Frage, ob wir bereit wären, auf einen Teil unserer Kindheit zu verzichten, wenn wir dadurch von seinen Traumas befreit würden. Delius sah sehr wohl eine Entwicklung, die “Korrekturen” der Frau als utopisches Projekt zum Recht auf ein glückliches Leben. Kastberger kritisierte, dass der Text in jedem zweiten Satz etwas aus einer Theorie hole. Dann wurde es wirr, weil es mal um die Spannung zwischen den Figuren ging, dann wieder um den Realitätsgehalt von Inhalten, dann um Kastbergers unterstellte Entstehung des Texts – nach meiner Auffassung wurde viel aneinander vorbei geredet.

“Eine Treppe aus Papier” hieß der Text von Henrik Szánto, der mit einer langen Aufzählung begann – auf die ich mich nach kurzem Stutzen einließ, weil sich schon aus der Aneinanderreihung Atmosphäre und eine Geschichte ergaben. Dann setzten zunächst rätselhafte Bilder ein – doch bald wurde klar: Hier erzählte ein großes altes Wohnhaus in einer deutschen Stadt über die Bewohner*innen vieler Jahrzehnte – in ständigen zeitlichen, räumlichen, persönlichen Überlagerungen (“wie ein mehrfach belichteter Film”). Ich war hingerissen, hatte sehr deutlich Häuser in München Schwabing vor Augen. Nach der Lesung langer Applaus.

De Weck erzählte von ihrer Mühe, in den Text hineinzukommen, habe ihn dann aber gerne gelesen: Wieder Thema Vergangenheit und wie sie nachwirkt, in diesem Fall über konkrete Gestalten, bis hin zur Fliegerbombe in der Gegenwart, wegen der wieder die Bewohner das Haus verlassen müssten. Sanyal mochte die Perspektive der ersten Person Plural, sah aber das Problem, dass ein erzählendes Haus den Personen nicht sehr nahe kommen könne – sie fühlte sich an ein Ali-Mitgutsch-Wimmelbild erinnert. Kastberger nannte den Text “fulminant”, diese literarische Form sei ihm noch nie begegnet, sie mache deutlich, das Historisches nie vergangen ist. Der Text schiebe Dinge übereinander, eben nicht wie in einem Wimmelbild. Strässle fand ihn eindrücklich und originell. Tingler äußerte sich berührt durch die Offenheit des Textes, die Autonomie der Erinnerung. Wichtig sei das Thema Material, Substanz – zum Beispiel Papier als Material der Weitergabe von Erinnerungen; manches sei ihm aber “too much” gewesen.

Schwens-Harrant fand das Haus als Metapher mutig, war sofort im Text gefangen – rühmte das Medium Literatur, das ermögliche, dass alles gleichzeitig sein kann. Als Schwäche bezeichnete sie die Erklärungen, die sich “hineingeschummelt” hätten. Sanyal kritisierte die Zeichnung der negativen Figur: Sie fragte, was sie noch außer böse sei. Für Delius war das Konzept des Texts “Defiguration”, sie mochte auch die Ansprache des Publikums.

Denis Pfabe las “Die Möglichkeit einer Ordnung”. Der Text spielt in einem Baumarkt, das mochte ich, darin verbringt die Hauptfigur einen Tag. Doch schon als eher am Anfang die Rede war von Räumen des Eigenheims, die “nun doch leer bleiben würden”, schnappte der Topos (trope?) vergeblicher Kinderwunsch zu, und ich hörte alles Folgende aus dieser Perspektive. Schwens-Harrant beschrieb, wie der Text immer wieder während des Tags im Baumarkt ein Stück Information vermittle; wichtig sei das Setting Baumarkt – ein Ort, an dem Träume verkauft würden, die für ein bestimmtes Lebens- und Familienmodell stehen, für die Lebenslüge, wenn man sich nur genug anstrenge, könne man alles schaffen. Hier aber setze er eine “unheimliche Trauergeschichte in Gang”. Der Text überschreite Grenzen, wie die Hauptfigur am Ende hinter die Regale kriecht. Für Delius war das ein “absolut perfekter Text”, meisterhaft, wie er “Suspense” aufbaue, wie er komponiert sei. Aus ihrer Sicht gebe es möglicherweise das Haus gar nicht. Auch Strässle lobte ihn als hervorragenden Text, er bleibe bei der Möglichkeit. Er hatte nur spät begriffen, dass es sich um eine Verlustgeschichte handelte, das sei “extrem subtil” gemacht (wie bitte? nur wenn Baumarkt-Vorschlaghammer subtil sind). Alles gehe wunderbar auf, er fand nur die Farbsymbolik aufdringlich. Auch de Weck sprach von einem starken Text, vom Versuch einer Figur, etwas tief Emotionales mit Technischem zu lösen. Sanyal gab zu, der Text habe ihre Geduld strapaziert: Eigentlich müsse das Paar miteinander reden, doch die Hauptfigur rede statt dessen mit den Angestellten des Baumarkts.

Tingler, der die Geschichte auch mitgebracht hatte, lieferte mir den Schlüssel für einen gnädigeren Zugang: Das Surreale. Die Gespräch würden gar nicht wirklich geführt, nichts an dem Vordergrund sei verlässlich, schon gar nicht die Hauptfigur. (Damit löste sich auch mein Unwohlsein auf, dass die Hauptfigur den ganzen Tag, die ganze Geschichte hindurch weder Hunger hatte noch aufs Klo musste.) Für ihn war der Text eine Parabel des Bemühens. Kastberger fand den Text langweilig, Delius ordnete ihn als Krise der Männlichkeit ein. Kurzer abschließender Schlagabtausch zwischen Sanyal, die festhalten möchte, dass manche Texte halt manche Leser*innen nicht erreichen, das könne man aber nicht den Texten vorwerfen, und Tingler, der auf den Wert objektiver Kriterien pocht. (Ich stimmte schon wieder Tingler zu, mich interessiert aber die Wirkung dieser objektiven Kriterien auf den Rezeptionsprozess – siehe meine nie fertiggestellte Dissertation.)

Mittagspause, draußen war es sonnig und in der Sonne heiß. Für meinen Mittagscappuccino spazierte ich zur Hafenstadt – ein Bereich mit Locations, der erst nach meinem Besuch vor zwei Jahren eingerichtet wurde und mir sehr gefällt.

Schmeckte mir sehr gut!

Der Nachmittag begann mit Olivia Wenzel und “Hochleistung, Baby”: Erstmals tauchte Fußball auf, erstmals in diesem Bewerb gab es kleine Kinder. Sanyal schwärmte sofort, der Text habe sie umgeworfen mit seiner Verschränkung einer Quasi-Reportage eines Fußballer-Interviews und der Ich-Erzählung aus einer Gruppe Mütter. Er breche mit vielen Tabus (Milchstau), sei auch sehr lustig. Für Strässle war der Text vordergründig sehr attraktiv, spreche von Klasse, Gender, nutze eine Klaviatur von Effekten, sei raffiniert gemacht – und werfe mit dem Schluss als Traum rückblickend ein neues Licht auf alles. Kastberger freute sich über einen seltenen Text über Fußballer, war fasziniert von der Mischung Fußballerwelt und Frauenwelt, fand die journalistische Neugier spannend, fand die literarische Form hochinteressant, sah darin sogar eine altmodische Novelle. Delius sprach von einem Thesenstück, in dem alle Themen der Zeit vorkommen, in der Umsetzung sei es aber konservativ. Sie wies auf das merkwürdige Frauen-Kollektiv hin und die offensive Körperlichkeit – fand alles aber nicht gut genug miteinander verbunden.

Für Tingler war der Text “modische Literatur”, er arbeite mit einem modischen Begriff der Identitäten, dem sich der Fußballer aber widersetze. Ihn störte die kitschige Ozeanfantasie, die konventionelle Schilderung des Begehrens. Sanyal wiederum fand den Text radikal, unter anderem durch die reichliche Verwendung von Englisch. Für de Weck hatte der Text mehrere Ebenen, auch inhaltlich, er setze sich mit wirklich zeitgenössischen Themen auseinander, literarisch auf bestmögliche Weise verarbeitet. Schwens-Harrant sah den Schlüssel in Begehren und Körperlichkeit, ihr gefielen die “Wir”-Teile besonders gut. Die Gruppe der Frauen bestehe nicht aus Individuen, sie zeige Mütter als die eigentlichen Hochleistungssportler.

Und nun schaltete sich die Autorin Olivia Wenzel ein: Sie bat zum einen Delius darum, die Beschreibung “konservativ” genauer auszuführen, erklärte der Jury außerdem, ab wann und wie die Traumphase im Text einsetzte und dass er darum gehe, wie man aus zugeschriebenen Rollen ausbrechen kann. (Habe sofort die Mutter von Garp im Film vor Augen, gespielt von Glen Close, wie sie auf Garps Erklärung, was seine erste Kurzgeschichte bedeutet, strahlend sagt: “Wenn sie das bedeutet, mag ich sie!”) Die Autorin hatte ihre Chance doch bereits gehabt: Beim Schreiben des Texts. Delius erklärte aber bereitwillig, dass die Sprache mit ihren Bildern wenig mache, vieles sehr erwartbar sei.

Und Geschichte Nr. 5: Kaśka Bryla, “Der Kakerlakenschwarm”. Der Text erwies sich als Corona-Geschichte in einer Bauwagen-Umgebung, ich fand nichts daran, was mein Interesse gehalten hätte. De Weck aber hatte sie sehr gern gelesen, mochte die Atemlosigkeit und Direktheit. Nahezu ohne Punkt geschrieben, hätte sie von dieser Formalie allerdings einen Zusammenhang mit dem Inhalt erwartet – der nicht gekommen sei. Strässle wollte nicht mal wissen, wie die Reise weitergeht, konnte auch nichts mit den Metaphern anfangen. Viele Themen würden angetippt: Käfig als Transittraum, Geschlechtsdefinition. Sanyal hätte gerne die folgende Heilungsgeschichte gewusst. Schwens-Harrant las als Themen Schmerz auf verschiedenen Ebenen, Krankheit als Isolation, eine weitere Auseinandersetzung mit der Vergangenheit des Vaters, Nachgeborene mit dem Auftrag, die Geschichte aufzuschreiben. Sie konnte auch die Kakerlaken zuordnen.

Tingler störte sich an der Selbstbezüglichkeit ohne Transzendenzen, Kastberger fand die bisherigen Interpretationen der Jury interessanter als den Text selbst. Dann ging es ein wenig hin und her, ob das Celan-Zitat am Ende passte oder nicht.

Mein Plan war gestern, nach kurzen Einkäufen fürs Abendbrot zum Strandbad zu marschieren. Als ich aus dem ORF-Theater ins Freie trat, stutzte ich allerdings: Der Himmel war bedeckt. Erstmal frühstückte ich im Garten kurz nach drei Pumpernickel mit Fischkäse.

Bei meinen Einkäufen beschloss ich, es darauf ankommen zu lassen. In der Ferienwohnung sonnencremte ich mich also und schlüpfte in einen Bikini, warf ein Strandkleid über und marschierte los. Unterwegs wurde es immer sonniger und ich traf auf Erst-Schlachtenbummlerin Moni (@gedankenträger), die zum Strandbad radelte. Wir schlossen uns zusammen, schwammen, ratschten, sonnten uns. Sie zog aber bald schon wieder zu einer Veranstaltung ab.

Ich hörte Musik, behielt die Kopfhörer auch auf dem gut halbstündigen Weg zurück auf: Das mache ich sonst nie, ich ertappte mich dabei, wie ich immer wieder im Takt der Musik ging, manchmal fast tanzte.

Bach von Bäumen und Wiese gesäumt, daneben ein asphaltierter Weg, am Beginn ein Dreifach-Verkehrsschild absolutes Halteverbot, darunter Abschleppzone darunter Fuß- und Radweg

Mein Traum für Münchens Zentrum.

Brücke über Flüsschen, an deren Betonpfosten sich das Sonnenglitzern des Wassers spiegelt

Stamm eines riesigen alten Baums neben Pfad neben Bach

Hier am Lendkanal hat’s wirklich riesige Robinien.

Zurück in der Ferienwohnung lag noch das Verbloggen des ganzen Lesetags vor mir, ich machte mich dran. (Von Erholung war in Klagenfurt eh nie die Rede.) Um halb neun hatte ich dann aber argen Hunger, kochte also mit der weniger als mageren Ausstattung Nudeln, mischte sie mit gewürztem Joghurt, Käse, Tomaten (die einzige Schüssel hat Waschtrog-Format, kein Foto to protect the innocent). Zum Nachtisch gab’s Flachpfirsiche und sensationell aromatische Nektarinen. Es ist ein Elend, dass in der Saison importiertes Lidl-Obst verlässlich besser ist als das aus dem Bio-Supermarkt oder von Standln – ich möchte die Anbaubedingungen wirklich nicht unterstützen, liebe aber gutes Obst.

Nicht geschafft: Freitagszeitung lesen, auch nur eine Zeile meiner aktuellen Romanlektüre.

  1. Zefix behaupte nochmal jemand, ich hätte einen schwierigen Namen! Diesen muss ich auch nach Jahren #tddl fast jedesmal nachschauen – so heißt man nicht! []