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Journal Dienstag, 26. Mai 2026 – Arbeitsächzen in Mai-Hochsommer

Mittwoch, 27. Mai 2026

Sehr unruhige Nacht mit viel Aufwachen, nicht wieder einschlafen können, unangenehmen Träumen (Menschen starben!).

Aufgestanden zu einem sonnigen, frischen Sommermorgen.

So früh in der Saison noch eine gefühlte Sensation: Balkonkaffee. Ich bin gerade auf dem Weg zu einem neuen Lieblings-Mischverhältnis meines Morgenmilchkaffees mit immer weniger Milch.

Für den Weg in die Arbeit hätte es die Jacke über meine nackten Arme im Kleid nicht mal gebraucht.

Im Büro tatsächlich keine Katastrophen, nicht mal nach Einblick ins E-Mail-Postfach. Gegen zehn hatte ich bereits einen Überblick, was zu tun war. Und ich stellte fest, dass eine Abwesenheit von sechs Arbeitstagen (die durch Feiertage und Wochenenden zwölf freie Tage am Stück ergab) gut hinterherlesbar ist.

Ich schuf mir locker Zeit für Obsteinkauf sowie Mittagscappuccino.

Zu Mittag gab es Banane sowie Skyr mit Joghurt und Leinsamenschrot.

Auch der Arbeitsnachmittag ließ sich geordnet an – bis ein Urlaub halt dann doch kein Urlaub war, sondern ein Strom von komplexen Arbeitsaufträgen. Der Feierabend war noch weit, als ich bereits erschöpft in den Seilen hing.

ABER! Schöne neue Sandalen sind schön und tragen sich auch auf mittleren Strecken bequem. Für den Marsch in die Arbeit und nach Hause schlüpfte ich allerdings vorsichtshalber in leichte Turnschuhe. (Sandalenmarke “Alma en pena” – manchmal wünschte ich, ich verstünde kein Spanisch.)

Auf dem Heimweg suchte ich Schatten, die Sonne stach unangenehm, aber ich fand ja eh gerade alles scheiße.

Lebensmitteleinkäufe beim Vollcorner. Daheim Yoga, auf das ich mich sehr gefreut hatte. Dann Aufbruch mit Herrn Kaltmamsell zu aushäusigem Essen – Pläne unter Vorbehalt: Wir wollten im Schnitzelgarten nachsehen, ob er vielleicht nicht mehr Touristen- und Instagrammer-überlaufen war. Doch wir hatten Pech: Eine deutliche Schlange davor, und ein Blick durch den früheren Zugang direkt zum Biergarten zeigte, dass tatsächlich alle Tische besetzt waren. Für einen Biergarten stelle ich mich auch bis auf Weiteres in keine Schlange, Schnitzelgarten müssen wir von unserer Sommerliste streichen. (Hat ja noch genug Posten unter anderem von Gans am Wasser über Taverna Melina und Romans bis Flaucherbiergarten und Hirschgarten.)

Keine hundert Meter weiter warteten bei Honghong chinesische breite Ramennudeln auf uns (und köstlicher Gurkensalat):

Auch diesmal sehr gut und launehebend. Daheim Schokolade zum Nachtisch.

Früh ins Bett zum Lesen.

Journal Pfingstmontag, 25. Mai 2026 – Ereignislos entspannt

Dienstag, 26. Mai 2026

Nach einer Nacht mit ein paar Lärmstörungen von draußen lange geschlafen. Einsatz für den ersten Balkonkaffee der Saison!

Aber auch übergangslos Alltag mit Hitzevorsorgemaßnahmen: Vormittags alle Außenfenster schließen, Sonnenlicht mit Rollläden aussperren, Fenster zum kühlen Innenhof auf Kipp.

Irgendwas verschattete mir das Gemüt, doch da ich keinerlei Ursache fand (nicht mal Aussicht auf Rückkehr in die Arbeit, die Woche müsste ruhig verlaufen), ignorierte ich das halt.

Sportplan des Tages: Schwimmen im Dantebad. Nicht allzu spät radelte ich los, mit Aussicht auf feiertagsruhigen Verkehr nahm ich die schöne Strecke über Nymphenburger Straße, Rotkreuzplatz, Gern. Das war schön, vertrieb die Schatten allerdings nicht. Diese Vertreibung schaffte dann die Schwimmrunde: Obwohl die Schlange an der Kasse sehr lang war, vor allem aus Familien bestand (ich passierte sie ungeschlangt dank meiner reichlich aufgeladenen Bäderkarte) und trotz rege beschwommener Bahnen war gedankenloses Durchziehen möglich – die meisten schwammen eh nur ein paar Bahnen.

Ich hängte 100 Meter an meine üblichen 3.000 dran, fühlte mich leicht und beschwingt. Nach kurzem Abbrausen, Abtrocknen, neuem Sonnencremen legte ich mich auf die bereits gut genutzte Liegewiese und hörte Musik.

Hamilton-Filter dank verschmierter Linse, automatische Anonymisierung, sehr praktisch. Ein Stündchen genoss ich die Sonne im leichten Wind, es war sogar weniger heiß als befürchtet.

Das Abendessen vom Sonntag lag mir immer noch quer im Bauch. Und es hatte aus so viel Brot bestanden (fast eine halbe Stange), dass ich keine Lust auf Frühstückssemmeln hatte. Also radelte ich direkt nach Hause, ausgebremst von durchgehend roten Ampeln (mit zwei Ausnahmen, genervt hatte ich irgendwann wieder zu zählen begonnen). Frühstück um zwei: Tomaten, Äpfel, Hüttenkäse mit Leinsamenschrot.

Nachmittag im angenehm temperierten Drinnen mit Wäschewaschen, Internetlesen (es hatten sich wieder reichlich Newsletter gesammelt) – und dann doch Wegwerfen der toten Efeutute.

Das Umtopfen samt Verkleinern des Wurzelballens hatte die Pflanze komplett ausgeknockt, meine Theorie: Die Wurzeln schafften es nicht mehr, die dicken Äste und riesigen Blätter zu versorgen. Die Beseitigung war eine rechte Sauerei, sehr viel tote Pflanze.

Im Topf ist noch ein einziges grünes Blatt übrig, jetzt hoffe ich darauf, dass sie der Neubeginn ist. (Hier ein Foto vom vorherigen Standort, hier eines nach Umtopfen/Umsiedeln vor sechs Wochen.)

Muttertelefonat (nur mittel beruhigend, aber Gelegenheit Berlin-Details zu erzählen, die im Blog nichts zu suchen haben), eine Runde Yoga, Brotzeitvorbereitung, zum Nachtmahl servierte Herr Kaltmamsell selbstgemachte Gnocchi aus der Gefriere mit Ernteanteil-Salbei in Butter, ganz wunderbar.

Fürs Dessert spazierten wir (mit vorgekühlten Schüsselchen und eigenen Löffeln) zum Nachbarschafts-Eisdieler. Für die Chronik: Preis der Kugel dort 2 Euro.

Zu meiner Erleichterung hatte die Luft bereits gegen acht deutlich abgekühlt und war nicht mehr heiß. Also daheim bald Fenster und Türen auf Durchzug. Früh ins Bett zum Lesen, Hoffnung auf Nachtruhe von außen (vielleicht mussten alle anderen am nächsten Tag auch arbeiten) und innen (eigentlich sollte in dieser Arbeitswoche nichts Unangenehmes anstehen – außer es hatten sich in meinem Urlaub große Veränderungen ergeben).

§

Theresa Bäuerlein war lange meist die einzige, die auf Geselligkeiten beim Mineralwasser blieb, jetzt gehört sie oft zur Mehrheit. Ausgerechnet das bringt sie zum Nachdenken (mein Geschenk an Sie):
“Vielleicht macht weniger Alkohol die Gesellschaft gar nicht besser”.

Denn die Kehrseite ist unter anderem Vereinzelung durch Selbstoptimierung.

Sicher, betrunkene Männer sind kein schöner Anblick. Aber wie gruselig sind Typen wie der Influencer MacKenzie William, der auf Social Media seine Bettlaken superakkurat auf Kante dampfbügelt und danach mit totem Blick etwa 17 Hautpflege-Seren in seinem Gesicht verteilt? Mir wäre wirklich wohler, er würde ab und zu ein Selfie mit seinen Kumpels in einem Biergarten posten.

Mehr noch, möglicherweise geht uns mit der Kultur des gemeinsamen Trinkens ein seit Jahrtausenden etabliertes soziales Schmiermittel abhanden, und zwar ersatzlos. Ein Drittel der Erwachsenen in Deutschland fühlt sich laut Statistischem Bundesamt zumindest teilweise einsam, knapp 20 Prozent sogar sehr. Die Entwicklung, dass Menschen in westlichen Gesellschaften mehr Zeit allein verbringen, begann schon vor der Pandemie. Die Forscherin und Autorin Sarah Stein Lubrano unterscheidet hier zwei Phänomene, die oft verwechselt werden: Einsamkeit als Gefühl, und auf der anderen Seite wie wir verlernen, Zeit mit anderen Menschen zu verbringen. Sie nennt das Soziale Atrophie. Wer soziale Fähigkeiten nicht benutzt, verliert sie, wie Muskeln, die man nicht trainiert.

Journal Pfingstsonntag, 24. Mai 2026 – Der erste heiße Sommertag / Theaterwechsel

Montag, 25. Mai 2026

Weckerwecken, um genug Zeit für mein Tagesgrogramm zu haben, aufgestanden nach einer eher unruhigen Nacht mit teils hochspannenden Träumen (leider keine Erinnerung daran, nur ans interessierte und positive Gefühl dabei).

TOP 1: Bloggen – am Samstag hatte ich mich lediglich zu Bilder-Download und Stichpunkten aufgerafft, musste also schreiben, Bilder auswählen und bearbeiten, gegenlesen.

TOP 2: Pflanzengießen. Der zweite Feigen-Versuch auf dem Küchenbalkon nach Süden scheint zu klappen, aber brutaldirekte Sonne mögen wohl wirklich nur Kakteen so richtig.

TOP 3: Isarlauf, aus Vernunftgründen (und weil ich mich danach nicht vor Abfahrt zur Mittagesseneinladung hetzen wollte) nur 90 Minuten. Mit abschließendem Brotkauf fürs Abendessen.

PFINGSTrosen auf dem Alten Südfriedhof.

Nachwuchs-Robinie beim Tierpark Hellabrunn – genauso wenig duftend wie ihre Verwandtschaft, was ist los? Das Laufen war schön und angenehm, es täte meinem Körper so viel besser, könnte ich zwei- bis dreimal wöchentlich 80 bis 90 Minuten laufen statt einmal fast zwei Stunden. Und vor zehn war die Luft auch lediglich angenehm warm, noch nicht heiß.

TOP 4: Wasserwechsel für die Rosentagsrosen.

TOP 5: Fahrt mit Herrn Kaltmamsell nach Augsburg, der gekühlte Regionalzug war bereits angenehm. Die lieben Schwiegers luden uns in ein italienisches Restaurant am Rand von Haunstetten ein, ich aß auf der schattigen Terrasse gute Penne mit Spargel und Tomate. Den abschließenden Espresso gab’s bei Schwiegers, dazu Plauderei, das war schön.

Zurück in München fühlte sich die Hitze gerade noch erträglich an, die Aussicht auf weiter steigende Temperaturen allerdings bedrückend. Auf dem Heimweg kam uns in der Schillerstraße ein Mann mit Vogelkäfig entgegen (Kopf intonierte umgehend Zauberflöte), darin saß auf einer Sittich-Schaukel schaukelnd eine Kohlmeise, die einen fröhlichen Eindruck machte. Wir Großstädterinnen wundern uns ja eher selten.

In der Woche zuvor hatte ich gelesen, dass das Residenztheater sein Programm für die neue Spielzeit vorgestellt hatte – JETZT müsste doch endlich der Kauf eines Abos möglich sein (in den Monaten davor hatte ich mehrfach vergeblich danach gesucht). Und tatsächlich war es das. Also kündigte ich mein Kammerspiele-Abo, ab Spielzeit 2026/2027 bin ich Resi-Abonnentin. Ich nutzte den Wechsel gleich für einen Wechsel von Mittwoch auf Sonntag: Früherer Beginn der Vorstellungen, kein Arbeitstag davor, und an Sonntagabenden habe ich wirklich praktisch nie etwas vor. Aufregende Neuerungen nach 17 Jahren Kammerspiel-Abo! (Ich erinnerte mich, wie es zur Entscheidung für ein Mittwochs-Abo gekommen war: Damals machte ich noch viel Sport im Sportstudio, und an Mittwochfeierabenden gab es dort NIE etwas für mich Interessantes.)

Jetzt Gymnastik, Start eines 30-Tage-Programms von Adriene, diesmal wieder “Flow”. Nochmal stelle ich mir vor, dass ich ab und zu Pilates mit Gabi Fastner einschiebe – der ich jetzt endlich auch regelmäßig ein wenig Geld überweise, das fühlte sich anständig an.

Fürs Abendessen hatte ich mich verantwortlich gemacht: Ein Rest Meatballs aus der Gefriere ergab Meatball Sandwiches, dazu Asiasalat aus Ernteanteil. Nachtisch Schokolade.

Früh ins Bett zu langem Lesen, Louise Erdrich, The Sentence findet einen weiteren überraschenden Umgang mit dem Thema native Americans im weitesten Sinn und ist lustig. Wohlige Aussicht auf einen weiteren freien Tag.

Journal Samstag, 23. Mai 2026 – Sommerwanderung von Starnberg nach Herrsching

Sonntag, 24. Mai 2026

Wunderbar lang und gut geschlafen, aufgestanden zu dem angekündigten Sommertag – allerdings noch zu kühl für Balkonkaffee.

Als Tagesprogramm war eine Wanderung mit Herrn Kaltmamsell geplant: Auch wenn er seine Pfingstferien für Arbeit benötigt, bieten sie ihm genug freie Zeit für solch einen Ausflug. Die Routenwahl fiel auf Starnberg nach Herrsching, also vom Starnberger See zum Ammersee über Andechs.

Weder Tageslänge noch Wetter beschränkten uns, wir ließen uns Zeit für den Aufbruch. Meine Vorbereitungen schlossen gründliches Einsprühen mit Insektenspray ein: Nach Regen in der Vorwoche und bei den angekündigten warmen Temperaturen wollte ich kein Mückenrisiko eingehen.

Beim Verlassen des Hauses trafen wir die 91-jährige (sie nennt ihr Alter bei jeder Begegnung) Nachbarin am Rollator, sehr edel zurechtgemacht. Ihre Reaktion auf das Kompliment für ihr Outfit:
„Die Konkurrenz ist groß!“

Und dann erklärte sie, sie trage ihre viele schöne Kleidung und ihren großen Schmuck jetzt einfach im Alltag: Worauf solle sie warten?
Großartige Einstellung – die Geburtstagseinlader*innen dieses Sommers können sich auf was gefasst machen.

Wie ich bereits befürchtet hatte, war die Anfahrt etwas umständlich: Schulferien plus Wochenende bedeuten gewöhnlich verstärkte Bauarbeiten. Also U-Bahn zum Heimeranplatz, umgeleitete (und verspätete) S-Bahn nach Starnberg.

Schon beim Aussteigen sperrte ich Mund und Augen auf: Die HATTEN aber auch ein Panorama aufgehängt!
Erstmal Mittagscappucino an der Promenade.

Dann über die Maisinger Schlucht und den Maisinger See Richtung Westen. Es wurde schnell ziemlich warm, wärmer braucht es beim Wandern für mich nicht werden. Angenehmes Gehen, allerdings ist das einstündige Fehlen von Bankerln zwischen Aschering und JVA Rothenfeld ein Mangel – zumal wir hier nach zweieinhalb Stunden gerne Brotzeitpause gemacht hätten. Wir mussten bis fast drei Stunden warten.

Hochwillkommener letzte Trinkwasserstopp an den Starnberger Wasserwerken.

Maisinger See

Nach unserer Pause (Apfel, Nussschnecke) bei Rothenfeld. Wir waren nicht die einzigen mit Bankerl-Sehnsucht: Ein weiteres Wanderpaar fragte, ob es sich für Brotzeit zu uns setzen dürfe, es gebe ja wirklich wenig Gelegenheit.

Sonst hatten wir mit Samstag wieder den besseren Wandertag am Pfingswochenende erwischt: Es war sehr wenig los auf den Wegen, allerdings wurde alles berennradelt, was ging, einzeln bis in großen Gruppen und durchaus aggressiv. Nachdem ein Wortgefecht bis “AUF’S MAUL?!” eskaliert war, musste ich mich damit aufmuntern, dass die Kunststoff-versiegelten Rennradler Kilometerzahlen und Laktatwerte heimbrachten, ich aber Anblicke, Milansichtung, Blümchenfotos und Erinnerungen.

Den Aufstieg nach Kloster Andechs ließen wir aus (genossen aber über eine halbe Stunde lang herbeiwehende Blasmusik – zum ersten Mal fiel mir auf, dass manche bayerischen Märsche durchaus was von Pasodoble hatten), genossen statt dessen ein Stündchen Uferweg am Ammersee.

In Herrsching fanden wir nach gut fünf Stunden und gut 20 Kilometern einen noch geöffneten Supermarkt, große Freude über die Möglichkeit zum Wassernachkauf – und ich entdeckte heimischen Wein, über den ich schon gelesen hatte: Gleich mal ein Fläschchen mitgenommen.

Unterwegs hatte ich wieder Spaß mit Flora incognita: Das Fotografieren und schnelle Bestimmen mit der App fühlte sich an wie Einstecken der Pflanze in einen Tornister – genauer beschäftigen würde ich mich damit daheim.

Von links oben im Uhrzeigersinn: Wolfsmilch kannte ich schon, die App sagte Zypressen-Wolfsmilch / Mausohr-Habichtskräuter – ein Knaller, der mir beim Wandern immer besonders aufgefallen war / Glockenblume (Wiesen-Glockenblume) und Margarite (Wiesen-Margarite) wollte ich lediglich bestätigt sehen.

Wiesen-Bocksbart / Kriechender Günsel (gnihihi) / Schlangen-Knöterich / Kuckucks-Lichtnelke – ich lernte Nelken-Varianten.

Auch der Rückweg von Herrsching war durch die S-Bahn-Bauarbeiten etwas umständlich: Wir kamen erstmal nur nach Pasing, eine völlig überfüllte Regionalbahn brachte uns dann zur Haltestelle Hauptbahnhof.

Beim Ausräumen daheim wurde ich erinnert: Sommerliche Temperaturen bedeuten offene Fenster bedeuten Splatter-Sound aus dem Kreisssaal der Klinik gegenüber frei Haus!

Ich hatte mich sehr auf ein reiningendes Vollbad gefreut (große Seltenheit) und genoss es. Dadurch später als sonst servierte Herr Kaltmamsell das Nachtmahl: Aus Ernteanteil Mangold und Kräutersaitlinge gebraten, dazu Wildreis. Ich hatte wieder Lust auf Alkohol und öffnete einen am Vortag gekauften Pittnauer Rosé by Nature – hefig und mit Rhabarbernoten sehr erfrischend, gefiel mir gut, wird als möglicher Aperitif vermerkt.

Nachtrag: Nachtisch Erdbeeren, Berliner Marzipan, Schokolade.

§

Für die taz berichtet Reiner Wandler aus Madrid:
“Jobwunder dank Migration
Spanien feiert zweiundzwanzig Millionen!”

Dazu gehört aber auch die Kehrseite “niedrige Durchschnittslöhne und prekäre Arbeitsverhältnisse in vielen Branchen” – und dass die meisten Einwander*innen aus Südamerika stammen, somit bereits die Landessprache können, ist ein nicht auf andere Länder übertragbarerer Faktor.

Journal Freitag, 22. Mai 2026 – Start Freibadsaison, Start Balkonabendessen

Samstag, 23. Mai 2026

Letzter eigentlicher Urlaubstag (aber vor langem Pfingstwochenende), dennoch mit Weckerwecken, denn ich wollte Herrn Kaltmamsell endlich wieder vor seiner Arbeit Milchkaffee servieren. Und mir von ihm den Rücken fürs Schwimmen im Dantebad eincremen lassen, win win.

Nachricht von der Deutschen Bahn über Rückzahlung wegen 65 Minuten Verspätung: 7,15 Euro – damit ist fast die Brotzeit auf der Rückreise drin.

Als ich, bereits aufbruchfertig, im angekündigten strahlenden Sonnenschein Altglas zur Tonne brachte, grüßte ich einen Bauarbeiter, der wohl zur Baustelle im Hinterhaus gehörte (wo eine Wohnung anscheinend komplett entkernt wird, der Dauer der Arbeiten und dem Bauschutt in den Containern nach zu schließen), bekam eine launige Antwort. Als wir uns bei meinem tatsächlichen Aufbruch gleich nochmal begegneten, fragt er, ob ich neu eingezogen sei, er habe mich ja noch nie gesehen. Ich lachte und erklärte, dass ich Urlaub hätte und sonst halt während seiner Arbeitszeit auf der Baustelle selbst in der Arbeit sei.

Radeln zum Dantebad in der Sonne begann erstmal schön mit einmal kurz Robinienduft, doch schon bald schlug der Werktagsverkehr zu: Ich war noch nicht mal 500 Meter unterwegs, als ich wegen eines LALÜs direkt neben mir und zwei Straßenzüge lang abspringen musste, um mir die Ohren zuzuhalten. Nach weiteren 300 Metern Vollbremsung, weil eine telefonierende Frau mit gefülltem Kinderwagen auf den Radweg scherte. An Ampelkreuzung 3 und 5 weitere Vollbremsungen, um nicht von einem rechtsabbiegenden Auto / Lieferwagen vom Radl geholt zu werden. Da war ich dann bereits durch mit den Nerven, Teilnahme am Münchner Straßenverkehr auf dem Rad künftig wieder nur an Sonn- und Feiertagen.

ABER! Im Dantebad war es herrlich. Wie erwartet wenig los, das 50-Meter Becken wenig frequentiert, ich schwamm gut mit nur leisester Ahnung, dass Waden- und Fußkrämpfe im Bereich des Möglichen lagen. Dennoch widerstand ich der Versuchung, auf die 3.000 Meter weitere draufzulegen (auch weil ich in den nächsten drei Tagen mehr Bewegung plane).

Aus den anfangs angezeigten 20 Grad Lufttemperatur waren am Ende meiner Schwimmrunde 23 geworden, ideal für ein kleines Sonnenbad nach nochmaligem Eincremen.

Dabei hörte ich Musik: Meine Berliner Freundin aus der Musikbranche hatte mir Links zu zweien ihrer Spotify-Playlists geschickt – und mir dadurch einen ganz speziellen Zugang zu neuer Musik verschafft. Das wird ein herrlicher Musik-Sommer! Im Hintergrund hörte ich eine Gruppe Teenager, die wohl gerade den gestrigen Start der Pfingstferien mit einem Freibadbesuch feierten – alterstypische Geräusche der rührenden Art.

Auf dem Heimweg verschreckte mich der Verkehr zum Glück nicht weiter, ich stieg an einer Bäckerei ab für Frühstückssemmeln. Die gab es mit Butter und Münchner Honig aus Kolleginnenvatershand (semsationell aromatisch).

Jetzt machte ich mich auf eine Runde Lebensmitteleinkäufe fürs Wochenende.

Plan war das Eröffnen der Balkon-Abendessen-Saison mit wie immer Salade niçoise, dazu stellte ich mir aus Wir2liebenWein einen mal anderen Rosé von Pittnauer vor. Bekam ich auch, doch als ich Salade niçoise als Ziel fallen ließ, bekam ich gleich eine zusätzliche, ganz gezielte Empfehlung – anders als in Buchhandlungen nehme ich die im Weinladen gerne an.

Nächste Draußenrunde: Erdbeeren und Friseurtermin holen. Die jüngste Friseur-Katastrophe war bereits nach vier Wochen rausgewachsen und brauchte dringend einen Haarschnitt. Doch der liebe Nachbarschaftsfriseur war feierabends ausgebucht und macht demnächst Urlaub, ich werde weitere vier Wochen durchhalten müssen.

Zeitunglesen auf dem Balkon, eine Runde Pilates mit Gabi Fastner, dann öffnete ich den Wein zum Abendessen:

Nittnaus Zorra 2004 (Zweigelt und Blaufränkisch). Oh ja, der gefiel mir schonmal sehr gut, entwickelte sich im Glas mit der Luft unglaublich vielfältig. Und tatsächlich passte er zur Salade hervorragend.

Für die Salade niçoise hatte Herr Kaltmamsell Dosensardinen statt Thunfisch verwendet, die Tomaten schmeckten bereits sehr gut, insgesamt ein Gedicht. Nachtisch Erdbeeren mit Sahne und danach noch Schokolade. Wir saßen lange auf dem Balkon und erzählten einander, fast bis es dunkel wurde.

§

Mal wieder ein Das-ist-MEIN-Internet-Moment: Victoria bat um einen Näh-/Flicktipp für ihre Leinenhose.

Es folgen wirklich praktische Tipps inklusive einer Stich-Anleitung aus Satzzeichen.

(Aber im selben Internet gibt es halt auch dieses – wobei: Ein bissl lustig ist es schon.)

Journal Donnerstag, 21. Mai 2026 – 33. Rosentag japanisch

Freitag, 22. Mai 2026

Gut- und ausgeschlafen, sehr angenehm. Erster Handgriff morgens am Rechner: Ausfüllen des Fahrgastrechteformulars der Deutschen Bahn, ein wenig Rückerstattung des (ohnehin niedrigen Superspar-) Fahrpreises sollte drin sein.

Bloggen an Milchkaffee und Wasser, dann stieg ich in Laufkleidung. Mein erster Weg führte aber zum Nachbarschafts-Blumenladen, denn 21. Mai ist Rosentag (seine Geschichte, meine Geschichte).

Nein, dieses Vase funktioniert nicht mehr.

Später vaste ich um (der Rand der idealen Vase wäre allerdings sieben Zentimeter niedriger).

Keine Lust auf Radeln, zumal das bedingt, dass ich meinen Lauf an derselben Stelle beenden muss, an der ich ihn starte. Also zwei Stationen U-Bahn bis Odeonsplatz. Am Marienplatz stiegen zwei Polizisten zu, über und über mit Ausstattung behängt, die in meinen Augen nach Kampfausstattung aussah. Da half auch das Lächeln des einen nicht: In solcher Gegenwart fühle ich mich nicht sicherer, sondern bedroht. Der gute alte bayerische Polizist in klar erkennbarer grüner Uniform, diese aber als einzige sichtbare Waffe, hatte da ganz andere Wirkung. Selbst wenn er grantelte. Der neue Phänotyp strahlt auf mich nur Gewalt aus.

Auf Mastodon meinte dazu jemand aber:

Daran halte ich mich künftig fest.
Interessanterweise äußerten sich auf Mastodon aber auch viele, die sich durch diese Präsenz tatsächlich beschützt und sicherer fühlen, die die Polizisten in den vorherigen Uniformen als schwach, wenn nicht sogar lächerlich empfanden. Jetzt muss ich nachdenken, worin die Unterschiede, wahrscheinlich in der Selbstdefinition bestehen.

Schöner Lauf durch den touristischsten Teil des Englischen Gartens an die Isar, von dort nach Norden und zurück bis Tivoli. Nachts hatte es genug geregnet, um den Boden ein wenig federnder zu machen – doch der niedrige Wasserstand ist weiterhin besorgniserregend. Der Körper spielte gut mit, signalisierte lediglich jenseits der 90 Minuten Laufdauer (diesmal sah ich auf die Uhr), dass jetzt gut war, vor allem die Waden.

Was ich bei meinen Wochenend-Läufen nie zu sehen bekomme: Im Hofgarten wurde gegeärtnert.

Robinienblüte startklar, aber noch ohne Duft.

Unterwegs hatte ich Spaß mit der Pflanzenbestimmungs-App Flora Incognita und ließ mir Blümchen am Wegesrand bestimmen:

Wiesen-Salbei (hatte ich bislang Rittersporn genannt)

Akeleiblättrige Wiesenraute (fiel mir zum ersten Mal auf)

Pyrenäen-Storchschnabel (vertrauter Anblick, aber was macht ein Pyrenäen-Kraut an der Isar?)

Zottiger Klappertopf (sehr vertraut, auch in Parkanlagen – aber mit dem Namen nehmen die mich auf den Arm, oder?)

Diesmal guckte ich auch Blumen nach, die ich gut kenne. Zum Beispiel die gute alte Butterblume.

Um zu lernen, dass Profis sie Scharfer Hahnenfuß nennen. Kann man wenigstens sagen: “Die Butterblume ist die Blüte des Scharfen Hahnenfußes”?

Eine Tram brachte mich nach Hause, ich stieg aber einen Halt früher aus, um Frühstückssemmeln zu besorgen. Meine Lieblingssorte sah ich schon von fern als noch vorrätig, doch dann wurde meine Bestellung abgewürgt: Keine Kartenzahlung möglich, technische Probleme. Enttäuschend, dann folgte ich halt meinem anderen Frühstücksgelüst Erdbeeren. Die ich im Supermarkt ebenfalls ins Regal zurückstellen musste: Nur Barzahlung möglich, technische Probleme. Beim Laufen habe ich halt nur mein Handy dabei, empfinde es als sehr bequem, dass ich damit auch bezahlen kann. Eigentlich. Nun war ich sehr enttäuscht, fürs Frühstück um halb drei (nach Duschen eh schon spät, deswegen kein neuer Einkaufsversuch mit Bargeld) griff ich auf Kühlschrankvorräte zurück. Gab es halt wieder Skyr mit Joghurt und Leinsamenschrot – schmeckt mir schon, ist aber in erster Linie funktionale Hungerbekämpfung.

Herr Kaltmamsell hatte auf meine Bitte eine Plastikhülle von Hemdenreinigung aufbewahrt: In die hängte ich Wintermantel und -jacke, beides kam in den Keller – jetzt habe ich ausreichend Platz im Schrank für meine (zu vielen) Sommerklamotten.

Beim Ankleiden für den festlichen Abend musste ich mir eine Dummheit gestehen: Der blaue Sommerrock, den ich mir aus Spanien habe schicken lassen, ist einfach zu eng. Die Rumrechnerei mit den Größen (EU/Deutschland) war geraten gewesen, und als der Rock ankam, kniff sein Bund. Doch Zurückschicken/Umtausch war mir zu umständlich, also redete ich mir ein, dass er halt lediglich nicht ganz bequem sein würde und bügelte ihn auf. Gestern erwies sich beim ersten Tragen: Nein, geht nicht. Letzte Chance Änderungsschneiderin, vielleicht hat sie einen Erweiterungstrick auf Lager.

Zur Feier des gestrigen Rosentages hatte ich in einem japanisch(ischen) Restaurant im Westend reserviert: Koji in der Parkstraße. Dorthin geführt hatte mich meine (vergebliche) Suche nach einem japanischen Restaurant in München, dessen Karte nicht um Sushi herum gebaut war: Vor Jahrzehnten hatte es in Augsburg einen edlen Japaner gegeben, dessen Menü an einem Küchen-Karree vor den Augen der Gäste zubereitet wurde, fein abgestimmt von Gang zu Gang in Texturen, Zutaten, Geschmäckern, optischer Komposition – wie es auch seither Japan-Reisende von Menüs im Land selbst berichten. Den gibt es auch in Augsburg nicht mehr, und in München fand ich nichts Derartiges. Also wurde es “Fusion” im Koji, hier wurde zumindest ein Menü des Hauses und aus dem Moment ohne Sushi angeboten.

Besonders freute ich mich über die Begleitung mit Sake, ausführlich erklärt. Hier als Aperitif Sparkling Sake mit Eiswürfeln, gut und überraschend.

Wir aßen Fisch-lastig und sehr gut. Die verschiedenen Sakes waren sehr interessant und schmeckten mir alle, als mein Sake-Liebling erwies sich Takasago Junmai Daiginjo Omachi: Er war uns als ein traditioneller vorgestellt worden, und als ich dem (freundlichen und aufmerksamen) Keller meine Begeisterung kundtat, wies er fein lächelnd darauf hin, dass das auch sein hochwertigster sei – sofort fühlte ich mich als Sake-Obercheckerin.

Nicht zu später Heimweg in letztem Tageslicht und unter Mauersegler-Schrillen, der tapfere und sehr erschöpfte Herr Kaltmamsell hatte sehr gut durchgehalten.

Ich war sogar noch munter genug (Sake macht deutlich weniger betrunken als Wein-Begleitung) für Start einer neuen Lektüre: Louise Erdrich, The Sentence.

Journal Mittwoch, 20. Mai 2026 – Berlin 7: 3. Tag re:publica und lange Heimreise

Donnerstag, 21. Mai 2026

Gestern war der re:publica-Tag, an dem ich unterm Strich mindestens so viel Bereicherndes aus Gesprächen mit Internet-Kontakten mitnahm wie aus Sessions.

Nach Längerem reiste ich wieder am Abend des letzten Veranstaltungstages nach Hause (ich wollte dringend am Donnerstag ganz daheim sein, weil 21. Mai und Rosentag) und bemerkte, dass ich mir damit diesen 3. Tag re:publica zu großen Stücken nahm: Im Kopf war ich bereits auf dem Heimweg, richtete alles darauf aus.

So auch den frühen Wecker, um frühzeitig an der re:publica sein zu können. Ich hatte große Schlangenangst: 1. Kofferschlange, ich musste ja mein Gepäck bis Abfahrt unterstellen, 2. Einlassschlange. Zudem musste ich packen und das Apartment gemäß vorgegebender Checkliste aufräumen.

Gestern in Tarnkleidung.

Ausgeräumtes Apartment – war sehr in Ordnung, nur den Matratzenschoner in Bettnässer-Qualität hätte ich gern gegen etwas weniger Schweißtreibendes getauscht.

Anfahrt mit einmal Umsteigen, an Kofferabgabe und Einlass ging alles flugs. Jetzt war ich dann wieder viel zu früh drin, guckte ich mich halt an den Partner-Ständen um. Ich blieb hängen an dem der Arolsen Archives, in deren Online-Angebot ich ja schonmal die Spur meiner polnischen Großmutter und meiner Mutter gefunden hatte.

Am Touchscreen vor diesem Schild erklärte mir eine Arolsen-Mitarbeiterin das Projekt #everynamecounts: Freiwillige helfen, Namen und Daten von NS-Verfolgten digital zu erfassen, indem sie die Angaben von abfotografierten Originaldokumenten online in eine Eingabemaske übertragen. Weil die Karteien und Dokumente oft handschriftliche Eintragungen enthalten, können sie nicht einfach maschinell ausgelesen werden, es braucht Menschen zur Verarbeitung. Die Dame versicherte mir, dass jede Eingabe dreimal überprüft werde, um Fehler so gering wie möglich zu halten. So wird der durchsuchbare Datenbestand zur NS-Verfolgung immer größer. Was für eine großartige Bürgerbeteiligungs-Aktion! (Die Projekt-Website regt auch an, das für Schul- oder CSR-Projekte in Unternehmen zu nutzen.)

Mit Frau Klugscheisser traf ich mich ganz vorne in Stage 1 für “Ohne Moral keine Demokratie? Über Werte, Macht und gesellschaftlichen Zusammenhalt”: Yasmine M’Barek unterhielt sich mit Anne Rabe zu ihrem Buch Das M-Wort: gegen die Verachtung der Moral. Sehr schnell waren sie wieder bei den bedrohlichen Prognosen der Landtagswahl Sachsen-Anhalt im Herbst, aber drumrum nahm ich einige neue Gedanken mit.

Bei der nächsten Session hatte ich nur den Titel gelesen und etwas ganz Anderes erwartet (selber schuld): In “‘Wir spüren auf, wir graben tiefer’ – ARD Team Recherche zeigt, wie investigativer Journalismus auf Social Media funktionieren kann” ging es NICHT darum, wie das ARD Team Recherche auf Social Media recherchiert, sondern wie recherchierte Themen dieser Redaktionen als instagram-Reels und TikToks aufbereitet werden. Als ich meine Enttäuschung überwunden hatte, fand ich das doch interessant, vor allem mal wieder den Einblick in den Maschinenraum des Arbeitsalltags Öffentlich Rechtlicher.

Zeit für Mittagscappuccino im Hinterhof, Festhalten der neuen U-Bahn-Wagen der Berliner Verkehrsbetriebe, Schwatz mit wirres-Blogger Felix Schwenzel. Auch wenn das Wetter gestern düster aussah, es später auch regnete, war die Luft angenehm mild.

Die nächste Session hatte ich mir als Highlight gleich beim ersten Durchsehen des Programms markiert: “Schrumpfende Spielräume – ARD-Korrespondentinnen berichten” – was für ein Line-up mit (von links) Isabel Schayani vom ARD-Weltspiegel, Gudrun Engel (Studioleiterin des ARD-Studios in Washington), Tamara Anthony (bis 2024 Leiterin des ARD-Büros Peking), Sophie von der Tann (ARD-Korrespondentin für Israel und die palästinensischen Gebieten), Marie-Kristin Boese (Leiterin des ARD-Studios in Mexiko-Stadt). Von Schayani schön mit gezielten Fragen strukturiert berichteten die vier von den aktuellen Umständen ihrer Arbeit und wie sich diese verändert haben – durchaus unterschiedlich, denn während Engel mit einer immer größeren Flut von Ereignissen und Informationen kämpft, sehen sich die anderen von teils immer bizarreren (China) Hindernissen eingeschränkt. Was sie verbindet: Ein ungeheuer kämpferischer Geist. Und ja: Es machte auch diesmal einen Unterschied, dass da nur Frauen als Fachleute saßen (und es überhaupt nicht um ihr Frausein ging).

Ich saß am Rand, neben mir eine E-Rolli-Fahrerin, die sich am Ende, als wir zum Glück auch mal zur Seite schauten statt nach vorne – als Christiane Link herausstellte, Bloggerinnen-Urgestein! Große Wiedersehensfreude, auf meine zweite Frage (nach Befinden), die nach ihrem Blog, verwies Christiane auf ihren Substack “The accessible Link”. Wie bei jeder Begegnung hatte sie gleich mal wieder aberwitzige Geschichten auf Lager, von ihrer Rolle in einer parlamentarischen Anhörung (!) (!!) bis zu den Drehbuch-reifen Turbulenzen um ein Gutachten, das sie für ein Gerichtsverfahren in Schottland erstellte und mit dem sie sich über schlimme gesundheitliche Probleme rettete. Außerdem bin ich sicher nicht indiskret, wenn ich hier weitergebe, dass Christiane es jetzt offiziell und schriftlich hat, dass sie KEINE mad woman ist.

Wegen Verratschens besonders spätes Mittagessen: Kurz vor drei gab es drinnen auf dem Affenfelsen Apfel und Hüttenkäse. Und Nachklingenlassen des Umstands, wie lange ich mit Frau Klugscheisser, Felix und Christiane über das Internet verbunden bin und ihre Leben mitverfolge (in dem Maß, in dem sie selbst das zulassen).

Als Pflicht-Programmpunkt “Session, deren Thema mich überhaupt nicht interessiert”, ging ich in “Battle of the Nerds – LIVE auf der re:publica!”, sonst eine Spielshow als Podcast. Doch ich war durch, konnte auch das nur wenig wahrnehmen.

So schweiften meine Gedanken ab. Auffallend dieses Jahr auf meinen Fußmärschen durch Berlin: Wie oft mich Passantinnen anlächelten, in allen Altersstufen, mal Kinderwagen schiebend, mal gebeugt und mit schwerem Schritt Hackenporsche ziehend, mal mit funkelnden Augen zwischen unzähligen Piercings. Auch die E-Radlerin, die mir an einer Kreuzberger Kreuzung nach Blickkontakt den Vortritt ließ und eigens dafür abstieg. Möglicherweise bin ich in einen universitären Feldversuch geraten. Allerdings verweigert mir Berlin ja seine verbriefte schlechte Laune und Anranzigkeit seit Jahrzehnten.

Gestern eine weitere Entdeckung auf meinem Fußmarsch, nämlich auf der Brücke über den Kanal:

Laut der App Flora Incognita Scharfer Mauerpfeffer, noch nie gesehen/wahrgenommen.

Die Rückreise wurde beschwerlich. Ich hatte mich besonders schlau gefühlt (nein, diesmal kein Selbst-Bashing, meist sind diese schlauen Ideen nämlich wirklich schlau), weil ich mit meinem schweren Koffer eine direkte Busverbindung zum Hauptbahnhof rausgesucht hatte, Haltestelle zehn Fußminuten von der Station entfernt. So musste ich nämlich den Koffer nicht die Treppen zur U-Bahn und die Treppen beim unweigerlichen Umsteigen schleppen. Und ich verließ die re:publica mit reichlich Zeit bis Zug-Abfahrt.

Nicht bedacht hatte ich als Auto-Ferne, dass Busfahren demselben Hindernis unterliegt wie Autofahren: Stau. Und der war durch zahlreiche Baustellen durchgehend. Nach 45 Minuten Schleichfahrt und Stehen (so lange hätte ich zu Fuß zum Hauptbahnhof gebraucht) waren wir grade mal bis Unter den Linden gekommen. An der dortigen U-Bahn-Station ließ der Busfahrer mich und einige andere Rollkoffermenschen raus (auf der Treppe bot mir eine Passantin Hilfe mit dem Koffer an – die Berlinerinnen sind einfach entzückend, siehe oben), die U-Bahnfahrt ließ mir noch genügend Zeit für Brotzeiteinkauf vor Abfahrt.

Die sich immer weiter verschob: “Wegen Bauarbeiten” verzögerte sich die Abfahrt des Zuges nochmal und nochmal – während meiner Stunde Rumstehens wurde für nahezu alle, viele ICEs Verpätungen von mindestens 15 Minuten durchgesagt, aus wechselnden Gründen, vorwiegend aber “wegen Bauarbeiten”, nur zwei fuhren pünktlich. Ich stand so lange Handy-lesend am Bahnsteig, dass mir – auch nach dem langen Stehen im Bus – der untere Rücken ausgesprochen unangenehm weh tat. Ein paar Gabi-Fastner-Übungen (ja mei, dann schaun’s halt) taten so gut, dass die Schmerzen erst nach anderthalb Stunden Zugfahren (Abfahrt mit 40 Minuten Verpätung) wieder einsetzten. Da hatte ich bereits zu Abend gegessen: Apfel, Vollkornsemmel mit Brie, Nussecke.

Der Ausblick vom locker besetzten Wagen bot mir unter anderem einen Reiher, dann eine ganz schmale Mondsichel am Himmel, ich las Mastodon-Timeline, Süddeutsche, guckte instagram.

Bei der Ankunft in München war die Verspätung von “Wir haben für Sie Wasser und Kekse bereitgestellt” mit 65 Minuten jenseits von Fahrgastrechteformular gerutscht. Ziemlich erledigt nach Hause gerollkoffert, den extra nochmal aufgestandenen Herrn Kaltmamsell geherzt. Mich am Kofferausräumen gehindert und nur das Notwendigste rausgeholt (E-Zahnbürste aufladen, Butter in den Kühlschrank), Bett.

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Auch “Blogosphäre”-Mitdiskutantin Franzi machte sich nachträglich Gedanken:
“Mythos Blogosphäre: Was mir noch durch den Kopf geht”.

Stimmt: Die Bedeutung von Sprache ist bis heute in Blogs geblieben. Ich lache beim Bloglesen immer wieder laut auf: Weil da Leute, die Schreiben keineswegs beruflich machen, Pointen setzen können, Geschichten erzählen, Wörter erfinden oder für ihre Zwecke umfunktionieren.

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Ein kleiner Knaller auf der re:publica war, als in einer Session verglichen wurde, was Verlage manchmal als Buch-Vorschüsse zahlen. Berit Glanz erklärt fachlich die Mechanismen und Hintergründe solcher Vorschüsse (und verlinkt den Knaller-Moment der Session):
“Zwischen Bestseller und Brainrot – Wie der Markt die Literatur sortiert”.