Fotos

Journal Donnerstag, 5. Mai 2022 – Arbeit auf drei Ebenen

Freitag, 6. Mai 2022

Das ist eine lange Woche. Als mich der Wecker aus einer unruhigen Nacht mit einem langen Wiedereinschlafproblem holte, musst ich erst mal überlegen, welchen Wochentag wir hatten. Das Ergebnis freute mich nicht.

Was mich freute: Der Fußweg in die Arbeit mit blauweißem Himmel und wunderbaren Nach-Frühlingsregen-Düften, kraftstrotzenem Boden, grünenden und blühenden Pflanzen.

Der Vormittag im Büro wurde dann unerwartet Guerillakrieg, in dem ich praktisch durchgehend zwei bis drei Dinge gleichzeit machen musste, z.B. Online-Infoveranstaltung/Telefon-Annahme/Dienstplan-Bearbeitung. Sehr anstrengend und mit hohem Fehlerrisiko. Vieles arbeitete ich auch zackig weg, wofür ich gar nicht zuständig bin – weil ich weder Bock noch Geduld für den Zeitaufwand hatte, die eigentlich zuständige Stelle herauszufinden. (Sie dürfen mich an diesen Satz gerne erinnern, wenn ich mal wieder genervt rumfuchtle: “Warum fragen immer alle MICH?!”)

Mittags eine rote Paprika, Birne, Joghurt mit Mango – die derart fasrig war, als hätte ich sie bei Wolle Rödel gekauft.

Nach einem Nachmittag mit ähnlich dichter Parallel-Arbeit war ich kurz nach vier fix und alle. Musst aber noch einen Termin abwarten.

Also Feierabend um die übliche Zeit. Auf dem Heimweg Einkäufe im Vollcorner.

Und Foto einer Efeu-Frisur am Bavariaring (immer noch viele Bayern-Cosplayer*innen in allen Sprachen unterwegs, das Frühlingsfest geht noch bis Sonntag) – inklusive unbeabsichtigtem Selfie.

Daheim ausführlich Yoga, diesmal 40 Minuten langsames Halten und Dehnen bei Mady Morrison.

Dann gab es Salat, jetzt gehört er wieder donnerstags zum Ernteanteil – und die kräftigen Blätter aus dem Freiland schmecken so großartig! Gestern mit Joghurtdressing, in das auch der Schnitt-Knoblauch aus Ernteanteil kam, zudem zwei gekochte Eier. Zum Sattwerden gab es anschließend Käse darunter die junge Version vom adoptierten Schaf, der schön kräftig schmeckte (derzeit kann man hier übrigens, also in der Nähe von Madrid, wieder Schafe adoptieren), Nachtisch Osterschokolade.

Journal Dienstag, 3. Mai 2022 – Arbeitstag mit Radlgefahr

Mittwoch, 4. Mai 2022

Auf dem Weg in die Arbeit war ein wenig blauer Himmel sichtbar, das war schön. Sonst weiter der Jahrezeit angemessen kühl – aber zu trocken.

Beim Queren des Kaiser-Ludwig-Platzes bei Fußgängergrün wie schon oft fast von Radler*innen mit Karacho über den Haufen gefahren worden. Also nicht von “Ach-die-Straße-ist-eh-frei-da-warte-ich-nicht-an-der-roten-Ampel”-Radeln, sondern von “Mir-sind-Ampeln-egal”-Radlraudis. Das nehme ich diesen Menschen durchaus übel; bin aber sicher, dass eine Analyse von Kreuzungen mit besonders vielen Ampelverstößen Anlass zur Verbesserung der Verkehrsführung sein sollte. Denn die ist um den Kaiser-Ludwig-Platz für alle Teilnehmenden so katastrophal undurchsichtig, dass ich auch mal ein Polizeiauto in aller Gemütlichkeit und offensichtlich keines Vergehens bewusst über eine rote Ampel zur Inspektion 14 in der Beethovenstraße abbiegen sah.

Jetzt können die Mauersegler nicht mehr lange auf sich warten lassen.

Ein Arbeitsvormittag, an dem ich mich mehrfach regelrecht tüchtig fühlen konnte.
(Aber wieder unter meiner Versehrung litt: Wenn ich einen komplexen Job mit Leichtigkeit, Erfahrung und Routine strukturiert und abgearbeitet habe – schrecke ich gerne ein paar Stunden später hoch und vollziehe alles nochmal rückwärts nach, ob ich nicht durch diese Leichtkeit kolossalen Mist gebaut habe. Irgendwann in den vergangenen zehn Jahren bin ich gründlich kaputt gegangen.)

Die Büros werden spürbar belebter. Bei immer noch regelmäßigen Meldungen von Covid-19-Erkrankungen entspannt mich, dass die Einzelbelegung der Büros und FFP2-Maskenpflicht weiterhin gelten.

Mittags gab es eine Wiederholung des Montags: Apfel, misslungenes Brot, Orangen-Mandel-Kuchen (jetzt ist aber mal gut – ich weiß schon, warum ich mittlerweile so selten Kuchen backe).

Auf dem Heimweg Obsteinkauf beim Verdi.

Zu Hause turnte ich nochmal die Yogafolge vom Samstag – jetzt aber wie vorgesehen mit Blöcken und Gurt: Spannend.

Noch währenddessen hatte sich der Himmel dunkelst verdüstert, es gab Donner und Blitz. Das Gewitter entlud sich erst nach einer Stunde, und dann auch erstmal mit Hagel, bis es ein paar wenige Stunden dringend nötigen Regen gab.

Auch gestern servierte Herr Kaltmamsell das Abendessen:

Mac’n’Cheese mit Süßkartoffel, Feta und frischem Salbei. Schmeckte ganz ausgezeichnet, durch die große Süßkartoffel geradezu gemüsig. Nachtisch Eiscreme und Schokolade.

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Das Foto vor der berühmten historischen Aufnahme (auf Spanisch).

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Berufs-Cellist Yo-Yo Ma beantwortet Twitter-Fragen zum Cello:

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https://youtu.be/XPv4ohPTC4M

Journal Montag, 2. Mai 2022 – Vergebliche Sommerkleidung

Dienstag, 3. Mai 2022

Da mögen meine Blutwerte noch so super gewesen sein, ich fühlte mich beim Aufstehen ausgesprochen unfit und nicht gesund.

Was mich nicht an meinem geplanten Bekleidungs-Experiment hinderte: Ich verkneife mir ja mühevoll den Kauf weiterer Kleidung, unter anderem weil mich eh ausschließlich Sommerkleidung anlacht, mir aber sehr bewusst ist, dass deren Einsatz in unseren Breiten auf höchstens 15 Prozent des Jahres begrenzt ist (selbst im tatsächlichen Sommer hat’s ja kühle Tage). Jetzt versuchte ich’s mal mit Sommerkleid und dicken Strumphosen plus langärmligem T-Shirt drunter. Der erste solche Kombination war schon mal nicht so gut: Im Lauf des Tages stellte ich fest, dass das Sommerkleid in dieser Kombi wie ein OP-Kittel aussah.

Wobei mir mal wieder auffiel, dass die Schaufenster über die Hälfte des Jahres von Sommerkleidung dominiert zu sein scheinen – was machen die Käufer*innen damit?

Das Draußen war wieder ausgesprochen kalt.

Ordentlich Arbeit in der Arbeit. Durchs Bürofenster sah ich einen Zeppelin mit Goodyear-Aufschrift, der mir schon am Samstag überm Dantebad aufgefallen war. Ein schön altmodischer Schriftzug – der halt auch für die alles dominierende Automobilindustrie steht.

Mittags Apfel, gummiges selbstgebackenes Brot (ich musste so viel kauen wie am Vollkornbrot), Orangen-Mandel-Kuchen.

Nachmittags misslangen mir Dinge in der Arbeit, damit kann ich sehr, sehr schlecht umgehen.

Nach Feierabend machte ich einen kleinen Umweg und kaufte doch mal Yoga-Blöcke (sehr praktisch: ich hatte vorher im Web sicherstellen können, dass diese Filiale sie im Bestand hatte – mit Anbindung ans zeitgenössische Warenwirtschaftssystem technisch kein Problem, dennoch eine selten angebotene Funktion). Ich fühlte mich gar nicht wohl, mir war leicht übel und ziemlich wackelig. Doch ich freute mich auf eine halbe Stunde Yoga daheim. Es wurde eine zweite Einheit mit der hier empfohlenen Bärbel Miessner: Auch diese richtet sich an Menschen mit Vorkenntnissen, sagt die meisten Bewegungen und Haltungen lediglich an, legt ein flottes Tempo vor. Erstmals setzte ich einen Yoga-Block ein. Und wieder ging es mir danach deutlich besser als vorher. Allerdings merke ich: Je länger ich Yoga in aller Freiheit für mich allein zu Hause turne, desto höher wird die Hürde, das mal live in einer Gruppe mit echter Vorturnerin zu tun – ich bezweifle, dass ich dort dieses “find what feels good” bekomme. Hat hier jemand eine verlässliche Empfehlung fürs Münchner Zentrum (im Altstadtring bis Westenend), Hatha/Vinyasa? Ich bitte um Influencierung.

Als Nachtmahl servierte Herr Kaltmamsell Pak Choi aus Ernteanteil mit einer Hand voll Ruccola aus derselben Quelle chinesisch mit Sojahack als scharfes Pfannengericht, dazu Reis – ganz hervorragend. Nachtisch Osterschokolade.

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Warum viele dem Internet keine Zukunft zutrauten – und manche halt doch.

Journal Sonntag, 1. Mai 2022 – Brot-Fail, neue Kunst

Montag, 2. Mai 2022

Die Nacht war ok, nach dem Aufwachen um halb fünf konnte ich nochmal zwei Stunden schlafen.

Erstmal sah ich nach dem Teigling des San Francisco Sourdough Bread im Kühlschrank, kalte Gare über Nacht: War nicht wirklich aufgegangen. Ich ließ ihm nochmal zwei Stunden bei Zimmertemperatur und buk erst dann im Eisentopf – das Brot misslang trotzdem.

Wahrscheinlich hatte der Weizensauerteig nicht genug Power gehabt.

Das Wetter zum Maianfang: Kühl und düster. Ich hatte trotzdem Lust auf eine Laufrunde. Diesmal dachte ich endlich daran, Adrienes Yoga For Runners – Warm Up Sequence vorher durchzuturnen: Tat gut.

Dennoch machte die linke Wade schon nach 30 Minuten Zicken und ballte sich schmerzhaft. Nach einer weiteren halben Stunde gesellte sich die rechte dazu. Ich hatte eh keine große Runde vorgehabt, nach 75 Minuten marschierte ich den Rest – zackig, um nicht zu frieren.

Ich war bei allerleichtestem Regenhauch (Gischt) über den Alten Südfriedhof Richtung Isar losgelaufen, der Schirm meiner Mütze hielt die Tropfen von meiner Brille. Auf dem Weg nach Thalkirchen auf der westlichen Isarseite wurde der Tropfengehalt in der Luft immer geringer. Ich lief bis zur Brücke Maria Einsiedel, auf der östlichen Isarseite zurück.

Neue Street Art unter der Brudermühlbrücke:


Das zweite ist wirklich mal ein ganz anderer Stil.

Nachdem ich Samstagnacht um die Wittelsbacherbrücke Fledermäuse gesehen hatte, war die Brücke jetzt Schwalben-umflogen.

Zum Frühstück um eins gab es misslungenes Brot mit Butter (hier wird nichts Essbares weggeworfen), Orangen, ein Stück Orangenkuchen.

Halbes Stündchen Siesta, den weiterhin düsteren Nachmittag verbrachte ich mit Zeitunglesen, Internetlesen, ein wenig Bügeln, Hosenbeine kürzen an der blauen Jeans (nach innen eingeschlagen festnähen). Es war so geruhsam, dass mir fast ein wenig langweilig wurde. (Dabei hätte es durchaus zu erledigendes gegeben, zum Beispiel zwei alte Sessel über ebay Kleinanzeigen zu verschenken, aber so weit ging es dann doch nicht.)

Zum Nachtmahl bereitete Herr Kaltmamsell ein Pastagericht zu, das meinen Namen trägt. Es schmeckte ausgezeichnet, ich liebe Garnelen. Zum Nachtisch ein Stück Kuchen, Osterschokolade.

Im Fernsehen ließen wir Charade laufen – und ich musste mich aufregen, dass Drehbuchautor Peter Stone die Hauptfigur, obwohl Simultandolmetscherin bei den Vereinten Nationen, derart hilflos zeichnete, dass sie ohne männliche Hilfe nicht mal ein Hotelzimmer in Paris finden konnte.

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Interessante Hintergründe von Politikwissenschaftler Mykola Borovyk:
“‘Die Ukraine ist nicht einmal ein Staat’
Von der Geschichtsfälschung zum Angriffskrieg”.

Auch die öffentliche Debatte in Deutschland zeigt, dass hierzulande immer noch Illusionen und falsche Vorstellungen über die Ursachen des Krieges bestehen. Diese Ursachen sind nämlich nicht in den Beziehungen zwischen Staaten und zwischen militärisch-politischen Blöcken zu finden, sondern in Russland selbst. Dem Regime, das sich dort in den letzten zwanzig Jahren entwickelt hat, sind aufgrund seiner Natur Konflikte und Kriege immanent. Als die gesamte westliche Diplomatie versuchte, die russische Großinvasion mit Kompromissen zu verhindern, war der Krieg tatsächlich bereits unvermeidlich. Denn für die Menschen im Kreml, aber auch für viele Russen, sind die Liquidation der Ukraine als Nation und die Auflösung ihrer Staatlichkeit der einzig befriedigende Ausgang dieses Konflikts.

Warum ist dem so?

(…)

Das Konzept der „russischen Welt“ wurde zur ideologischen Grundlage einer revanchistischen Politik. Viele Russen sehen ihr Land als eine separate Zivilisation, das letzte Zentrum wahrer Religion, Kultur und traditioneller Werte. Sie glauben an eine besondere russische Mission – nämlich diese Werte und diesen Glauben zu bewahren und die Welt vor moralischem Verfall und Erniedrigung zu retten. Der Patriarch der russisch-orthodoxen Kirche Kirill sagte kürzlich, dass Russland in der Ukraine diejenigen Menschen schützt, die keine Schwulenparaden in ihren Städten haben wollen. Diese „russische Welt“ umfasst dabei mehr als das heutige Russland. Zwar wird nirgendwo definiert, wo ihre Grenzen verlaufen – angesichts der heiligen Töne in diesem Konzept ist jedoch klar, dass die Ukraine und insbesondere Kiew, als das „Taufbecken Russlands“, unbedingt dieser Welt angehören müssen.

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Ein Multimedia-Artikel in der New York Times: Wie der Fund eines Stapels Musikkassetten zur Geschichte der Schwulen-Community auf Fire Island (vor Long Island) in Zeiten von AIDS führte.
“Hidden in a Fire Island House, the Soundtrack of Love and Loss”.

via @misscaro

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Ich wiederhole es gerne: Wer gut schreiben kann, kann über alles gut schreiben. So zum Beispiel novemberregen, so zum Beispiel über Atmen:
“30042022”.
(Sehen Sie, Adriene: Das Thema Schnaufen muss gar nicht so langweilig und nervig sein wie bei Ihnen.)

Journal Samstag, 30. April 2022 – Schwimmen, Brotteig und Pizza

Sonntag, 1. Mai 2022

Nacht ganz ok, aber zu kurz, zur Abwechslung auch mal mit externer Störung: Um halb vier wachte ich von lautem Streit auf der Straße auf, musste das Fenster schließen.

Da ich schon um sechs wach war, kam ich besonders früh zum Schwimmen los und war noch vor halb zehn im Dantebad. Ich machte mir Hoffnung auf ein wenig beschwommenes Becken, da laut Google-Auslastungsanzeige samstags früher weniger los ist. Mein Denkfehler: Das Dantebad besteht aus Schwimm- und Plantschbereich (Wasserschnecke, Sprudeldüsen), früh kommen eher die Schwimm-Interessierten, erst später die Plantscher und Sprudlerinnen. Also teilte ich mir sogar mit besonders vielen die Schwimmbahn, zum Glück fast ausschließlich kooperative und rücksichtsvolle Menschen. Meine Waden ließen mich krampflos 3.300 Meter schwimmen.

Durch Aushänge erfuhr ich, dass das Dantebad ab Montag bis zum 13. Mai wegen Wartungs- und Reinigungsarbeiten komplett geschlossen ist. Ich könnte mal wieder im Olympiabad schwimmen; gestern fror es mich zwar auch im besonders warmen Wasser des Dantebads, aber auch das erkläre ich mir inzwischen mit den Klimakteriums-bedingten Temperaturschwankungen und versuche es zu ignorieren.

Auf dem Heimweg Bäckerstopp zum Semmelnholen. Daheim setzte ich erst mal Sauerteig und Autolyseteig für San Francisco Sourdough Bread an, das einen halben Tag Fürsorge braucht und deshalb seit Monaten als offener Tab auf seinen Einsatz wartet.

Einen Vorteil hatte das Timing meiner Schwimmrunde dann doch: Ich blieb beim Radeln trocken. Kurz nach meiner Heimkehr setzte nämlich der angekündigte Regen ein. Zum Frühstück gab es Semmeln und den gekochten Orangen-Mandel-Schoko-Kuchen (weitere Korrektur neben Reduzierung der Orangen-Kochzeit auf eine Stunde: es braucht eine Backform mit 24 cm Durchmesser, die 20-cm-Springform aus dem Rezept wäre gründlich übergelaufen).

Der Kuchen schmeckte ausgezeichnet.

Der Nachmittag war strukturiert von Brotteig-Handgriffen (gebacken wird erst Sonntagmorgen). In einer Geh-Phase legte ich mich zu einer Siesta hin, in einer anderen las ich Internet und Zeitung, in einer weiteren probierte ich Yoga von Yogamour aus, eine ausgesprochen zackige halbe Stunde – für eine Wiederholung lege ich mir dann aber doch endlich Yogablöcke zu. Und in noch einer stellte ich Lieblingstweets zusammen.

Fürs Abendessen hatte Herr Kaltmamsell in La Sophia reserviert, einer schicken Pizzeria am Kolumbusplatz. Wir spazierten unter vorübergehend aufgerissenem Himmel hin.

Das Denkmal für DIE MORDWEIHNACHT VON SENDLING! auf dem Alten Südfriedhof ist fertig restauriert. Im Vorbeigehen entdeckt (ich entdecke ja jedes Mal etwas auf dem Alten Südfriedhof):

Das Grab von Turmuhrmacher Johann Mannhardt – “ein Universalgenie und ein großer Erfinder”.

Johann Mannhardt soll insgesamt 1200 Türme öffentlicher Gebäude mit Uhren ausgestattet haben – darunter die Münchner Frauenkirche, das Berliner Rathaus und der Kölner Dom. Seine Präzisionsuhrwerke im Großformat exportierte er in alle Welt.

Im La Sophia wurden wir freundlich umsorgt, aßen gemischte Antipasti und Pizza (ok), tranken Rosato/Giesing Mule, ein Fläschchen Nachschlag vom fränkischen Weingut Stahl (sehr schön frisch).

Sehr satter und zufriedener Spaziergang nach Hause in leichtestem Regentröpfeln, daheim noch ein Glas edler spanischer Brandy.

Journal Donnerstag, 28. April 2022, Everything Everywhere All at Once

Freitag, 29. April 2022

Tja, dann halt wieder eine Nacht, die kurz nach drei endete, mir dann nur noch ein paar Phasen Dösen erlaubte. Ich stand vollverkatert auf.

Frostiger Gang in die Arbeit, in strahlender Sonne unter wolkenlosem Himmel.

Diesmal drehte ich mich an meiner sonstigen Fotostelle Richtung Bavaria mal um zur Beethovenstraße.

Im Büro führte die schlafgestörte Benommenheit unter anderem dazu, dass ich vor jeder Passworteingabe gründlich nachdenken musste, mein Hirn bewegte sich wie durch Wasserwiderstand.

Highlight des Morgens: Meine erste ärztliche Video-Sprechstunde, ich habe sie fürs Techniktagebuch aufgeschrieben. (Alle Blutwerte tippitoppi, auch Schilddrüse, selbst Eisen – aber zu der Zeit nahm ich ja auch Eisenkapseln.)

Zum Glück wurde ich über den Vormittag wacher und musste weniger kämpfen.

Mittagessen: Hüttenkäse, Orangen, Banane.

Überraschende Begleiterscheinungen des Alterns, Teil ganz viele: Dass Haarwuchs sich deutlich verändert (Art und Ort), ist ja durchaus Gegenstand von Witzeleien. Nicht gefasst war ich darauf, dass die Wimpern meiner Oberlider nach unten wachsen würden und damit ins Sichtfeld, mit einer Vehemenz, gegen die auch die Wimpernzange nichts ausrichtet. Noch ist die Zahl gering genug zum Ausreißen.

Trotz später ambulanter Querschüsse machte ich recht pünktlich Feierabend, denn ich hatte Kinokarten.

Herr Kaltmamsell servierte aus frisch geholtem Ernteanteil Spinat und Salzkartoffeln mit Spiegeleiern, dann radelten wir durch die schräge Frühlingsabendsonne zum Cinema und sahen Everything Everywhere All at Once zum Deutschlandstart.

Ein großartiger Film, endlich mal wieder was ganz was anderes im Kino, so erfrischend. Gerade im Gegensatz zum Trailer für Doctor Strange in the Multiverse of Madness, der davor lief, bewies Everything Everywhere All at Once, dass es für ein Multiverse-Szenario keinen Bombast braucht, kein Riesenbudget, keine Superhelden-Riege. Atemberaubend fand ich die Schauspielkunst der drei zentralen Darstellenden:
– Michelle Yeoh als chinesische Einwanderin Evelyn Wang, der ihr Waschsalon, die Versorgung ihres alten Vaters, die widerspenstige Tochter komplett über den Kopf wachsen.
– Ke Huy Quan als ihr Mann Waymond Wang, der auch aus anderen Universen zu ihr kommt und sie überzeugt, dass sie die Welt retten muss. (Dass Quan, Kinderdarsteller in Indiana Jones and the Temple of Doom, viele Jahre keine Rollen bekam und deshalb hinter die Kamera wechselte, ist ein enormer Verlust für die Kinogeschichte.)
– Stephanie Hsu als die Tochter der beiden, Joy Wang, die mit Fingerschnippen zwischen ihren Rollen in den verschiedenen Multiversen springt, auch ohne Kostümwechsel.
Das Drehbuch der Daniels (Daniel Kwan, Daniel Scheinert), die auch Regie führten, ist ein Meisterwerk, durchkreuzt Zuschauererwartungen, nickt freundlich in die Richtung ihrer Vorgänger der britischen SciFi-Komödie (Douglas Adams’ Idee vom Improbability Drive entfaltet sich aufs Schönste), birst vor Ideen – ich habe viel gelacht.

Auch Jamie Lee Curtis ist in dem Film eine Wonne und lässt so richtig die Sau raus.

Ja, mit zwei Stunden 20 Minuten zu lang (seit einiger Zeit sind alle Kinofilme zu lang), im letzten Viertel hätte ich gerne etwas weniger Botschaft gehabt. Aber ein echtes Ereignis. Dass die Süddeutsche den Film auf der gestrigen Kino-Seite mit einem kurzen Absatz in der Randspalte abfrühstückte, wunderte mich sehr. Im großen Münchner Cinema bekam ich schon vor einer Woche nur noch die vorletzten Karten für die gestrige Premierenvorstellung im Original.

Sehr zu empfehlen: Kurz vor der Weltpremiere im März unterhalten sich Ke Huy Quan, Daniel Scheinert, Jamie Lee Curtis, Michelle Yeoh, Stephanie Hsu und Daniel Kwan eine halbe Stunde über die Dreharbeiten – ich habe eine Menge gelernt.

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https://youtu.be/3trFt71LXGE

§

Wie sich das private Kochen in den vergangenen 60 Jahren weiterentwickelt hat, in denen die Küchentechnik mehr oder weniger gleich geblieben ist, was der große Unterschied zum Vorher war – und warum es noch nie einen solch enormen Fortschritt in der Kochkunst gab.
“Better eats”.

via @ankegroener

Journal Mittwoch, 27. April 2022 – Hildegard Knef, Der geschenkte Gaul

Donnerstag, 28. April 2022

Wieder eine unruhige, aber deutlich bessere Nacht, keine Lücken zu beklagen.

Als ich früh wie immer aufstand, war Herr Kaltmamsell schon fort: In Bayern ist Abitur.

Die Linden um die Theresienwiese tun ihren April-Job: Grünen.

Geschäftiges Arbeiten, nützliche Informationen.

Mittags gab es Apfel, Birchermuesli mit Joghurt, Banane.

Pünktlicher Feierabend, den ich wollte auf den Crosstrainer im Verein. Die Wolken hatten aufgerissen.

Frühlingsfarben im Bavariapark.

Im renovierten MTV-Gebäude fand ich mich diesmal schon besser zurecht. Auf dem Crosstrainer hörte ich einen Podcast zu gewaltfreier Kommunikation, um endlich mal ein konkreteres Bild davon zu bekommen. Stellt sich heraus: Mit den Inhalten bin ich gut bekannt, ich wusste nur nicht, dass sie “gewaltfreie Kommunikation” heißen. (Was keineswegs bedeutet, dass ich sie kann – dazu müsste ich mir ja meiner eigenen Gefühle und Bedürfnisse in zwischenmenschlichen Beziehungen bewusst sein und sie mir eingestehen, hahahaha.)

Zum Nachtmahl bestellte ich für Herrn Kaltmamsell und mich Sushi – und schaffte endlich mal, den Umfang realistisch zu halten. Schmeckte sehr gut. Nachtisch Osterschokolade.

§

Die Ausgabe von Hildegard Knefs Der geschenkte Gaul, die ich jetzt gelesen habe, hatte zwar ein anderes Cover – aber das da oben ist ganz gewiss das der Ausgabe beim Erstlesen.

Auch diesmal bewunderte ich und begeisterte mich diese romanhafte Autobiografie mit ihren Erzähltechniken, ihrer umgemein kraftvollen Sprache, mit der Hildegard Knef bis zur Veröffentlichung jahrelang gerungen hatte – ich hoffe, sie ist mittlerweile ein Referenzwerk für deutsche Nachkriegsliteratur.

Bei aller Fiktionalisierung zehrt die Handlung mit vielen Details von selbst Erfahrenem. Knef erzeugt mit wenigen sprachlichen Pinselstrichen die Atmosphäre historischer Szenen. Ein paar Ausschnitte ihres Stils: Als junge Schauspielschülerin im kriegerischen Berlin.

Wie verschieden die Bombennächte in Berlin gewesen sein müssen – Knef beschreibt sie mit unterschiedlichen Mitteln.

Klarsichtig und klug ihre Analyse von gebildeten Nazi-Ideologen am Beispiel Ewald von Demandowsky – und warum kaum jemand andere Ansichten mitbekam.

Eindrücklich auch Knefs Schilderung der Flucht vor den heranrückenden russischen Truppen bei Kriegsende. Sie hatte sich als Soldat verkleidet, “Ich wollte nicht vergewaltigt werden” – wie sie den Russen beim Verhör nach ihrer Gefangennahme sagt, immer wieder, auf die wiederholte und bohrende Frage nach dem Grund für ihre Verkleidung. Diese Fluchtpassage mit vielen grauenhaften und nüchtern geschriebenen Details – sie passt erschreckend zu den Bildern aus der Ukraine.

Immer fesselnd sind ihre aufmerksamen Beschreibungen von Menschen und Umständen, auch als sie nach Kriegsende zunächst in die USA übersiedelt – oft entlarvend, doch sie lässt sich auch selbst nicht unbedingt gut wegkommmen. Knefs Beschreibung der Broadway-Produktion Ninotschka, in der sie (zu ihrer eigenen Verblüffung) die Hauptrolle spielte und sang, erinnerte mich mit ihrem Chaos, dem unmenschlichen Druck und der Abfolge von Vorpremiere an Valley of the Dolls. Dazu kommt bei ihr aber eine überraschende Menge von Schabernack und Streichen, die hinter der Bühne getrieben wurden. Herzerfrischend auch: Die regelmäßigen Auftritte von Marlene Dietrich.

Woran mich die Lektüre erinnerte: Dass eine Frau vor nur wenigen Jahrzehnten von Medien und Gesellschaft verrissen und ausgeschlossen wurde, wenn sie eine Beziehung mit einem verheirateten Mann hatte. Die unangepasste Knef wurde nicht nur deshalb zu Lebzeiten in Deutschland nie umarmt und breit anerkannt.

Spannend war für mich auch die finanzielle Seite ihres Schauspiel- und Künstlerinnenlebens. Sie gibt zu, sich nie recht darum gekümmert zu haben, gerät dadurch immer wieder in echte Armut – Berater und Agenten scheinen sie aber auch ausgenommen zu haben. Andererseits zeigt die Lebensphase nach ihrer zweiten Rückkehr aus USA, dass sie sich nicht unbedingt aktiv um Engagements kümmerte, bis das Geld halt aus war. Dass sie zu ihrer späten Karriere als Sängerin kam, weil man ihr keine akzeptablen Rollen anbot, wusste ich schon vorher.

In diesem kurzen rbb-Beitrag vom Januar anlässlich ihres “Für mich, soll’s rote Rosen regnen” bei Angela Merkels Zapfenstreich kommt auch Tocher Christine zu Wort:
“Das Leben der Hildegard Knef”.

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Gesprächsthema in befreundeter (und durchwegs verfressener) Runde, seit ich denken kann: Wie die Menschheit im Lauf der Geschichte herausgefunden hat, was in welcher Form essbar oder sogar wohlschmeckend ist.
Hier können Sie Zeuge einer zeitgenössischen Forschung werden.

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Verlassene Gebäude bieten fast immer schöne Fotomotive. Roman Robroek hat verlassene Kirchen in Italien aufgenommen:
“The Remains of 100 Abandoned Italian Churches Peek Through Rubble and Foliage in Roman Robroek’s Photos”.


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