Journal Samstag, 1. November 2025 – Abschluss der Wandersaison in neuen Stiefeln von Starnberg über Andechs nach Herrsching

Sonntag, 2. November 2025 um 9:05

Nach guter Nacht von heller werdendem Himmel geweckt, das war besonders schön.

Die drei Zehen junger Knoblauch vom Abendessen brachten sich mit einem Geschmack in Erinnerung, der auf tödlichen Atem hinwies.

Herbstlicher Küchenblick.

Reichlich Zeit für Wäschewaschen und Bloggen vor Aufbruch zur Wanderung. Die Anreise nach Starnberg (ich wollte von dort über Andechs nach Herrsching am Ammersee gehen), soviel hatte ich bereits recherchiert, würde durch Bauarbeiten kompliziert, aber wann sollen sie das machen, wenn nicht an einem Feiertagswochenende.

Nach dem Umsteigen in Pasing hatte ich einen bequemen Sitz, mit genügend Lesestoff bekümmerte mich die verspätete Abfahrt nicht.

In Starnberg hatte ich einen Cappuccino am netten italienischen Kiosk rechts geplant, doch bei Ankunft war mir überhaupt nicht danach. Schade. Steuerte ich also gleich die Masinger Schlucht an.

Neben Abschluss der Wandersaison (und Vergnügen) war ja Zweck der längeren Strecke, die neue Wanderschuhe in den Praxiseinsatz zu bringen. Das war dann seltsam: Schon beim Reinschlüpfen fühlten sich die Stiefel zu klein an, die linke kleine Zehe drückte, bis ins erste Viertel meiner Route mehrmaliges Ausziehen, Sockenrichten, Anziehen, Umschnüren, weil sich immer irgendwas nicht richtig anfühlte – dabei war ich doch schon einen Tag lang in den Stiefeln herumgelaufen. Ich kam zu dem Schluss, dass ich gestern einfach keine Wanderfüße hatte. Und als ich abends schmerzende Stellen untersuchte, nahm ich mir fürs nächste Mal eine andere Verteilung der Schnürfestigkeiten vor (z.B. Schaft lockerer).

Dazu litt ich unter Schwindel – ich hatte die drei mächtigen Zehen Knoblauch vom Vorabend im Verdacht, große Mengen Knoblauch senken meinen Blutdruck massiv. Doch die abwechslungsreiche Strecke bot so viele schöne Ansichten, nach dem Maisinger See auch nur wenig gestört von Mountainbiker*innen, dass ich die Wanderung genießen konnte.

Es blieb sonnig und so mild, dass ich über Mittag eine Stunde lang nur in T-Shirt unterwegs war. Erst auf dem letzten Drittel zog der Himmel zu, am Ammersee wurde es schwül.

Landmarke an dem Wegstück in Starnberg, auf die ich mich immer freue (und auf den Zustand gespannt bin).

Werden und Vergehen – mit Überraschung bei Letzterem.

Maisinger Schlucht.

Maisinger See.

Hinter Aschering Richtung Andechs.

Mittagspause nach knapp drei Stunden: Es gab Äpfel und Roggenvollkornbrot vom Bäcker Wimmer.

Kloster Andechs wie erwartet am Feiertag gut besucht (aber kein Vergleich zu einem Feiertag im Sommer). Von dort stocherte ich in verschiedene Wege: Ich wollte nicht über die kürzeste Strecke durchs Kiental nach Herrsching, sondern noch eine schöne Stunde am Seeufer entlangwandern. Die gewohnte Route fand ich nicht (ich war so überheblich gewesen, keinen GPS-Track runterzuladen – das würde ich doch wohl sehen), kam aber auf einem anderen schönen Weg ans Seeufer.

Und bekam bei einem vergeblichen Versuch einen neuen Blick auf den Turm der Klosterkirche.

Am Ammersee wurde mit Alpenblick gechillt.

In Herrsching dito, aber mit einem Aperitif in der Hand, angeboten von einigen urigen Strandbars.

Am Bahnhof Herrsching hatte der Bewegungs-Tracker meines Handys 22 Kilometer in sechs Stunden gemessen. Und ich hatte gut daran getan, früh aufzubrechen: Um halb fünf wurde es bereits grenzwertig dämmrig zum Wandern.

Die Rückfahrt ebenfalls mit Umsteigen in Pasing und Verzögerungen. Auf dem Weg vom Bahnhof nach Hause wurde ich angetröpfelt.

Zum Abendessen kochte ich mir Pasta e lenticchie (Linsen!) aus der Lameng, der Ernteanteil lieferte dafür ein paar Karotten und eine halbe Zwiebel.

Während das garte, entkernte ich vier Granatäpfel: Erst hatte Crowdfarming von meinem adoptierten Granatapfelbaum gemeldet, die Ernte davon sei dieses Jahr zu schlecht, ein anderer Landwirt übernehme die Lieferung (sowas passiert in echter Landwirtschaft, und im Gegensatz zu einem Supermarkt bin ich flexibel). Dann war mein Versuch gescheitert, die Lieferung zu terminieren: Hinter dem Link stand die Information, es gebe dieses Jahr gar nichts, ich bekäme den bereits bezahlten Betrag gutgeschrieben. Doch vor zehn Tagen wurde ich nochmal aufgefordert, meine Granatapfellieferung festzulegen – und jetzt gab es nur noch einen Termin für beide 2,5-Kilo-Kisten. Die kamen am Freitag, und nun muss ich fünf Kilo Granatäpfel wegbekommen. Da ich gleichzeitig erstmals sehr viel Crowdfarming-Werbung auf instagram sehe, vermute ich eine grundlegende Änderung im Hintergrund, die ziemlich viel durcheinanderbringt – und das Wohlwollen selbst überzeugter Kundinnen wie mir ganz schön belastet. (Die ich weiterhin bei jeder sich bietenden Gelegenheit auf Crowdfarming als Quelle hinweise, erst kürzlich jemanden, die Mangos liebt, aber Bedenken wegen der langen Transportwege äußerte. Und die genausowenig wie ich seinerzeit wusste, dass Mangos auch in Europa angebaut werden, gerade Saison haben, und unter anderem wegen billiger Konkurrenz aus Südamerika nicht in unseren Supermärkten auftauchen.)

Sehr gutes Abendessen, ich kann’s doch noch. So gut, dass ich mich nur durch dringliche Ermahnung (du willst doch noch Granatapfel und Schokolade, und dann geht’s dir nicht mehr gut!) von einem dritten Teller voll abhalten konnte. Der Rest war als Sonntagabendessen geplant, darauf freute ich mich schon.

Früh ins Bett zum Lesen.

§

Vielleicht nur interessant für Menschen, die so positiv phasziniert sind von Hazel Brugger wie ich (umschrieb sie ihr Fangirltum): In seiner Show “Missverstehen Sie mich richtig” spricht Gregor Gysi mit ihr auf der Bühne.

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https://www.youtube.com/watch?v=cLjpUvSb3hE

die Kaltmamsell

Journal Freitag, 31. Oktober2025 – Nebliger Oktoberabschluss

Samstag, 1. November 2025 um 7:33

Aufgestanden zu echtem Nebel!

Leider empfand ich kein echtes Freitagsgefühl, weil Herr Kaltmamsell abends nicht daheim sein würde und ich das Wochenende nicht mit mir feiern konnte.

Noch geschätzt zwei Wochen bis zur Befreiung der Theresienwiese von Oktoberfest, die ersten Zelte des Winter-Tollwoods sind bereits aufgebaut.
Der Nebel wurde auf dem Weg in die Arbeit und in den ersten Stunden dort erstmal dicker.

Heftige Nebenhöhlenschmerzen links, heftiges Niesen – aber ich ging davon aus, dass das trotz massiver Erkältungswelle in meinem Umfeld die einzigen Symptome bleiben würden, wie die vorhergehenden Male auch.

Erst als ich raus auf meinen Mittagscappuccino ging, ahnte ich hinterm Nebel blauen Himmel, nach Einkäufen auf derselben Runde (eine Knolle junger Knoblauch im Gemüseladen 3 Euro, ich muss es ja haben) wurde es tatsächlich sonnig.

Zu Mittag gab es einen Apfel aus Ernteanteil und einen vom Bodensee – immer wieder aufregend, wie verschieden das für mich deutscheste aller Öbste schmeckt. Außerdem eingeweichtes Muesli mit Joghurt.

Überraschend emsiger Nachmittag, nicht ganz so pünktlicher Feierabend wie geplant.

Nach Hause ging ich auf direktem Weg in schöner Abenddämmerung und guter Luft. Ich hoffte auf Einhalten der Wettervorhersage mit einem trockenen, warmen Samstag: Mein Plan war eine erste Wanderung mit den neuen Wanderstiefeln.

Ein 31. Oktober an einem Freitag hat möglicherweise positive Folgen: Das Feiern von Halloween erstreckt sich nicht auf mehrere Tage wie in den vergangenen Jahren (weil, wie ich mir erklären ließ, ein Abend mit anschließendem Ausschlafen dabei sein soll), sondern bleibt beim Tag selbst. Im Stadtbild (da war es wieder) gestern also durchaus ein paar Halloween-typische Verkleidungen.

Zu Hause Häuslichkeiten. Unter anderem machte ich mir selbst die Freude, den Balkon gleich einzuwintern, Herr Kaltmamsell half mir beim Möbeltragen: Balkonteppich von einer Seite gesaugt, ins Wohnzimmer getragen, von der anderen Seite gesaugt, Balkon gesaugt. Jetzt hatte ich am Wochenende nur noch Bügeln als Job.

Herr Kaltmamsell verabschiedete sich wie immer über ein Allerheiligenferien-Wochenende zum Monstertöten (Call of Cthulhu-Rollenspiel), und ich so.

Fingernägelschneiden. Genervt, dass das nach gefühlt drei Tagen schon wieder nötig war, knipste ich zu kurz und bezahlte mit Wundheitsgefühl.

Fürs Nachtmahl brauchte ich die meisten Ernteanteil-Karotten als Ofenfritten auf (seit ich sie roh nicht mehr vertrage, Bauchweh, stellen größere Mengen im Ernteanteil eine Herausforderung dar). Während des Garens turnte ich Yoga: Eine Entspannungsfolge, die kam mir bei meiner gestrigen Grundgereiztheit sehr entgegen.

Zu den beiden großen Tellern Karottenfritten gab es Knoblauch-Joghurt aus der 3-Euro-Knolle, der wirklich gut schmeckte und passte. Auf Alkohol hatte ich allein keine Lust. Nachtisch reichlich Schokolade.

Da ich im Fernsehen nichts zum Nebenherlaufenlassen fand, ging ich besonders früh ins Bett zum Lesen: Vicki Baums Hotel Shanghai nahm mich mit ins China Anfang des 19. Jahrhunderts.

die Kaltmamsell

Lieblings-Tröts Oktober 2025

Freitag, 31. Oktober 2025 um 16:38

Diesmal kann ich nur mit Lieblingen von Mastodon dienen, andere Microblogging-Plattformen las ich nicht.

die Kaltmamsell

Journal Donnerstag, 30. Oktober 2025 – Warnung vor Google-Ergebnissen

Freitag, 31. Oktober 2025 um 6:25

Arbeitstagmorgen halt, one to go bis Wochenende (mit einem Allerheiligen-Feiertag, der auf den Samstag fällt – und mir damit sowohl ein verlängertes Wochenende als auch einen freien Tag mit Einkaufsmöglichkeit nimmt, schlechteste aller Möglichkeiten).

Aber immer noch bunt!

Zum Abschluss meines Arbeitswegs hörte ich erst und sah dann Falken im Flug am Neben-Bürohaus.

Erst der Kommentar einer Kollegin machte mir klar, wie on Oktober brand ich mich gestern gekleidet hatte:


Ich war ein Ahorn!

Am Vormittag zog die angekündigte kleine Regenfront mit Wolken, Wind und etwas Regen durch, dann begann das milde und sonnige Wetter, das bis Samstagabend anhalten soll.

Zu meinen Jobs gehörte gestern wieder viel Korrekturlesen. Möglicherweise ist Korrektorat das letzte Feld, in dem ich die Entscheidungsfreude und das Selbstbewusstsein meiner früheren Job-Persona beibehalten habe.

Mittags ging ich auf den Markt am Georg-Freundorfer-Platz. Die gewünschten Äpfel und Birnen bekam ich (einen Apfel gleich mal zum Wärmen in die Kleidertasche gesteckt, ich wollte ihn zu Mittag essen), doch der Käsestand war nicht da, an dem ich reichlich Einkäufe geplant hatte.

Zu Mittag gab es nach dem jetzt zimmerwarmen Apfel ein Döschen dicke Bohnen in Tomaten und eine Banane.

Aufregender Nachmittag, ich wiederhole bei dieser Gelegenheit: Glauben Sie keinem Google-Ergebnis, also diesem Text, der als Antwort auf Ihre Suche ganz oben steht. Nie. Am besten suchen Sie ohnehin mit “-AI” am Ende ihrer Anfrage, dann bekommen Sie zumindest Fundstellen im Web als Ergebnis. Die sie eh bräuchten, um den Inhalt einer “Übersicht mit KI” zu überprüfen. Was Sie, siehe oben, immer tun sollten. Mittlerweile fürchte ich, dass diese opportunistische Abkürzung, die Software-Firmen mit dem nehmen, was sie “KI” nennen, zu mehr Vertrauensverlust in Informationen führt als jedes totalitäre “flood the zone with shit”.

Auf dem Heimweg kurz Einkäufe beim Vollcorner, u.a. Käse. Zu Hause Häuslichkeiten, darunter auch mit Herrn Kaltmamsell das Reinholen der Balkonpflanzen: Am Wochenende will ich den Balkon verwintern.

Eine Einheit Yoga, nach der ich mich sehr gesehnt hatte. Spät erst kam ich zur Zubereitung meines Abendessens (Herr Kaltmamsell war aushäusig): Zuckerhut aus Ernteanteil mit Haselnussmusdressing, dazu gekochte Eier, ein Stück Käse. Nachtisch Schokolade.

Dazwischen Familien-Telefonat: Halbwegs beruhigende Nachrichten, lieber wäre mir aber, wenn niemand kaputt und am Heilen wäre.

Dann doch einen weiteren Nicky-Hausanzug aka Schlumpfklamotten bestellt (halt was ich abends zwischen Yoga und Zu-Bett-Gehen sowie morgens zwischen Aufstehen und Morgentoilette trage): Hatte ich mir zwei Jahre lang verkniffen, weil ich insgesamt drei Sets besitze, auch wenn eines davon seit Jahren zu groß ist und deutlich zerschleißt. Am Oberteil von genau diesem war Mittwochabend der Reißverschluss kaputt gegangen: Lizenz zum Wegwerfen und Neukaufen, der neue Hausanzug in exotischem Dunkelgrün! Und ich liebe Nicky-Stoff, ich Kind der 1970er.

Im Bett Michaela Murgia, Julika Brandestini (Übers.), Accabadora ausgelesen. Inhaltlich durchaus reizvoll: Der Roman lebt hauptsächlich von der Exotik der aussterbenden sardischen Kultur nach dem 2. Weltkrieg, beleuchtet aber auch die komplexe Frage von Sterbehilfe. Das alles allerdings sprachlich und erzähltechnisch schlicht und geradeaus.

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Raissa Bretaña ist Mode-Historikerin. Hier untersucht sie, wie korrekt die Hauptdarstellerinnen der TV-Serie Mad Men gekleiden waren.

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https://youtu.be/O5qDIWBnbwU?si=wp8nPiBd0PeB7Ulx

Superspannend: Der technische Hintergrund, z.B. für das Aufkommen von Bleistiftabsätzen.

die Kaltmamsell

Journal Mittwoch, 29. Oktober 2025 – Der goldenste Oktober aller Zeiten

Donnerstag, 30. Oktober 2025 um 6:26

Ich stand zum Funkeln des Morgensterns am wolkenlosen Himmel auf: Es brach ein herrlich sonniger Tag an, ich beneidete Herrn Kaltmamsell um seinen Arbeitsweg mit dem Rad im Englischem Garten.

Mein Arbeitsweg war aber auch nicht schlecht, ich kam nach vielen schönen Ansichten ins Büro.

Nach einem mittelemsigen Vormittag war Zeit für einen Sonnenspaziergang zu Mittagscappuccino im Westend.

Heimeranstraße

Gollierstraße

Mein Mittagessen bestand aus Ernteanteil-Äpfelchen, Hüttenkäse, Banänchen.

Wieder hatte ich Schwimmsachen eingesteckt, ich hoffte auf ein erneutes Schwimmerlebniss im Dantebad. Abergläubig wiederholte ich das stundenlage Vordehnen meiner Beine und Füße rundum bei hochgestelltem Schreibtisch, um nochmal um Krämpfe rumzukommen.

Und beides klappte! Nach der Zeitumstellung war der Himmel bereits dämmrig, als ich gegen fünf ins Wasser glitt, und Blätter schwebten diesmal nur spärlich im Becken. Doch die Unterwasserbeleuchtung war eingeschaltet, bald strahlten auch die riesigen, quadratischen Lampen am Rand, beim Luftholen sah ich etwas Dampf überm Wasser, zwischen den Ästen der jetzt fast kahlen Bäumen die Mondsichel. Der Körper spielte hervorragend mit, ich genoss meine 3.000 Meter sehr.

Am Dantebad. Das ist definitiv der goldenste Oktober, an den ich mich erinnern kann – so lange dauerte die schönste Phase des Herbsts nie.

Daheim ließ ich mich von Herrn Kaltmamsell füttern, er reichte Pasta mit Brokkoli und Pilzen an. Sehr erfreulich. Nachtisch Schokolade.

Früh ins Bett zum Lesen.

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Andrea Diener fotografiert ja seit vielen Jahren ihre Heimat Frankfurt. In ihrem Newsletter erzählt sie, wie dadurch zufällig über Jahre eine Bilderreise entstand, die einen Artikel über die Schließung eines legendären Kiosks am Main illustriert:
“StreetLetter #26
Festhalten, was es irgendwann einmal nicht mehr gibt”.

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Seit kurzem habe ich dieses Format als interessant entdeckt: Stars, die in Filmchen für irgendwelche Magazine ihre Kleidung bei öffentlichen Auftritten ihrer Vergangenheit oder die Styles ihrer Filmkarriere kommentieren (z.b. die Vogue-Serie “Life in Looks”). Ich war überrascht, wie viel Einblick man dabei in die Persönlichkeit bekommt, auch wenn sie sich natürlich alle hochprofessionell verhalten: Freundlich, aber intellektuell übersichtlich / stachlich und mit Vorsicht zu genießen / souverän und selbsironisch / schreckhafte Künstlernatur.

Vor einem Jahr klickte sich Meg Ryan durch ihre Filme (abschließende Zusammenfassung: “I have a lot of hair to account for.”):

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https://youtu.be/UfzN42Rdg_8?si=rSMUjPwKwTMSPmuA

die Kaltmamsell

Journal Dienstag, 28. Oktober 2025 – Von der inneren Kibbuznik und dem Altern des guten Benehmens

Mittwoch, 29. Oktober 2025 um 6:29

Gute Nacht mit fast durchgehendem Schlaf. Es tagte ohne Regen, lediglich mit bedecktem Himmel, und schon freute ich mich über das frühere Hellwerden.

Beim Marsch in die Arbeit spürte ich die leichte Erwärmung der Luft im Vergleich zu den Tagen davor, schon wieder Freude.

Herbstpastell.

Im Büro freute ich mich nach einer Tasse Schwarztee an einer Kanne Lindenblütentee. Mittagscappuccino in der hauseigenen Cafetería, denn ich wollte noch raus zum Lidl (Bananen und Kondensmilch fürs Büro).

Mittags kam die Sonne raus, ich begrüßte sie herzlich und mit weiterer Freude (man soll mir nicht vorwerfen können, ich machte es mir nicht SCHÖN).

Als Mittagessen gab es eine Crowdfarming-Avocado (mal eine dünnschalige Sporte, etwas schwieriger zu löffeln, aber mit gutem Geschmack), außerdem Mango mit Sojajoghurt.

Nach Feierabend ging ich auf direktem Weg nach Hause, ich war mit Herrn Kaltmamsell zum aushäusigen Abendessen verabredet. Davor hatte ich noch Zeit für eine Einheit Yoga.

Wir spazierten für chinesisches Essen zum Shanghai in der Sonnenstraße, dort verließen wir uns auch ohne Reservierung auf einen freien Tisch. Den bekamen wir wie geplant, doch die Gasträume waren deutlich voller als erwartet.

Auch hier ist das Angebot mutiger geworden (es gibt aber immer noch das gute deutsche Schweinefleisch süß-sauer): Neben Rinderwade in Schwarzbohnen-Sauce und Wasserspinat mit Knoblauch bestellten wir auch ein Fischgericht. Der Service warnte uns, dass es sich um Fischstücke mit Gräten handle, damit kommen wir zurecht. Die Darreichungsform erinnerte mich an den Fisch nach Bauernart im legendären Berliner Ming Dynastie nahe der chinesischen Botschaft, der in Öl mit Chilis confiert wird und darin schwimmend und mit einem Sieb zum Rausfischen serviert. Hier war es nicht Öl, sondern eine scharfe Brühe. Alles schmeckte ganz ausgezeichnet, und am Fisch mussten wir halt ein wenig fieseln.

Daheim gab es als Nachtisch wieder Schokolade.

Schließlich meldete ich mich dann doch als Wahlhelferin zur Kommunalwahl im März 2026 an. Die Anfrage war schon im September eingetroffen, doch hatte ich ungute Erinnerungen an den Einsatz bei der vorhergehenden Kommunalwahl 2020: Sie fiel auf den Anfang der Corona-Pandemie, dadurch gab es sehr viel kurzfristige Rückzieher von Wahlhelfenden und Personalnot, was wiederum am Wahltag zu einiger Improvisation und spontaner Abstimmung sowie Unsicherheit führte, dazu kommt ein hochkomplexes Auszählverfahren über einen Abend und den Folgetag. Doch jetzt überwog endlich das Pflichtgefühl: Ich mache ja sonst gar nichts ehrenamtlich und für die Gesellschaft, und wer sagt bitte, dass solch ein Einsatz Spaß machen muss. Demokratie braucht freie, faire Wahlen, die funktionieren nur mit ausreichend Wahlhelfer*innen, irgendjemand muss es machen, ich kann den Einsatz völlig problemlos ermöglichen, also stelle ich mich bitte nicht so an. (Das ist der Tonfall meines inneren Kibbuznik.)
Diesmal lasse ich mich aber vom Arbeitgeber für das Auszählen am Montag freistellen, statt einen Urlaubstag zu nehmen (den freien Tag für den Einsatz am Sonntag beantrage ich wieder nicht). Spannend wird herauszufinden, wie sich das im Zeiterfassungssystem abbilden lässt.

§

Es gibt Frauennamen, die ich im Kopf automatisch mit Artikel lese, u.a. d’Roswitha (mit Doppel-T), datt Bejonze, s’Annettsche.

§

Maximilian Buddenbohm bloggte über
“Fremd gewordene Formen”.

Ich bedaure das nur, weil ich auch aus dieser alten Zeit komme und mir eine Art geistiges Heimweh also sehr wohl zusteht, durch abgelebte Jahrzehnte erwirtschaftet.

Das ist gnädiger, als ich meist mir selbst gegenüber bin: Oft verbiete ich mir dieses Bedauern und schelte mich für klebrige Nostalgie. Für Eltern muss es kompliziert sein, wenn sie ihrem Nachwuchs förmliches gutes Benehmen beibringen wollen: Was gilt noch, hat noch Gewicht, was ist überholt? Bringt man Kindern noch bei, Erwachsenen zum Gruß die Hand zu geben? Oder beschränken sich Eltern darauf, auf dem Gruß zu bestehen? “Sag hallo”?

Auch ich möchte keineswegs alles bewahren: Erst kürzlich unterhielt ich mich über das Verschwinden von Krawatten in männlicher Kleidung, und mir fielen so viele hässliche Krawatten ein, so viele Männer, deren Gesamtanblick durch Krawattentragen verschlechtert wurde, dass ich diese Entwicklung nur begrüße. An Tischmanieren halte ich deutlich stärker fest: Ich möchte in meinem Blickfeld kein Gefuchtel mit Besteck, möchte den Mundinhalt beim Kauen nicht sehen, kein Mundabwischen mit Handrücken, reagiere (innerlich) ungehalten auf Gefläze quer über den Esstisch. (Allerdings finde ich auch den Anblick überwuchernder Rauschebärte beim Essen eklig, bin also sicher unbrauchbar als allgemeiner Maßstab.)

Worin ich mich immer noch nicht einfinde, ist der veränderte Umgang mit dem Siezen. Mittlerweile eiere ich in meiner deutschen Muttersprache und Geburtskultur fast so stark wie im Spanischen mit seinem komplett anderen System (u.a. ohne Gegenseitigkeit).

Ich habe dazu wenig Meinung, will mich ja einfach nur unauffällig einfügen. Doch nicht mal in Geschäften kann ich mich auf gemerkte Regeln verlassen, dass sich nämlich einander unbekannte Erwachsene erstmal siezen: Beim Nachfragen als Kundin nach einem Pulli werde ich angeduzt und bin verunsichert. Dabei ist das der eigentliche Zweck von Benimmregeln: Sicherheit im zwischenmenschlichen Umgang, zumindest auf der formalen Ebene. Bei klaren Ansagen kann ich durchaus meine angelernten Reflexe wegdrücken: In einem Bereich (z.B. der Arbeitsabteilung) wird konsequent geduzt? Super, gehe ich mit. Doch was ist mit der Nachbar-Abteilung, auf die ich in der Teeküche stoße? Erzählen Sie mir nicht, was Sie in solchen Situationen tun und wie einfach Ihnen das fällt – MIR fällt das überhaupt nicht einfach und macht mich noch menschenscheuer als eh schon.

§

Wir brauchen gute Nachrichten:
“Indigenous artifacts held in Vatican Museums finally heading back to Canada”.

Auch wenn diese guten Nachrichten eigentlich erst durch ganz schlechte Taten vorher möglich sind.

§

Sie dachten, Fensterrentner seien schlimm, die Falschparker aufschreiben? Denken Sie neu, die werden wenigstens nicht handgreiflich. (Aus einem Druko: “Now THATS how you clear a crosswalk.”)

die Kaltmamsell

Journal Montag, 27. Oktober 2025 – Eigentlich nichts Erwähnenswertes

Dienstag, 28. Oktober 2025 um 6:26

Eher unruhige Nacht, wieder störte meinen Schlaf das Knarzen der Fensterrahmen im Herbstwind (der heftig wehte, aber nicht zerstörerisch stürmisch). Zum Glück schlief ich jedesmal schnell wieder ein.

Das Sauwetter mit Wind und Regen verhinderte, dass ich die nach Zeitumstellung theoretische Zusatzstunde Helligkeit am Morgen auskosten konnte, es war einfach düster.

Erste Leistung des Tages im Büro: Aus dem Tsunami an Aufträgen, die übers Wochenende in meinem Berufspostfach ankamen, NICHT sofort die ersten angepackt, sondern ERST alle Mails bis in die Gegenwart gelesen – falls Auftragdetails später geändert wurden oder sich ganze hochdringliche Bitten bereits erledigt hatten.
(Vielleicht doch lernfähig?)

Trotz des grässlichen Draußens ging ich raus auf einen Mittagscappuccino, den Schirm gegen den Wind gestemmt, der die Regentropfen vor sich her trieb, Blätterhaufen und Pfützen übersteigend.

Verzögertes Mittagessen, weil ich bei einem Termin auf Abruf war, erst spät gab es Ernteanteil-Äpfelchen sowie Mango mit Sojajoghurt. Ohnehin hatte ich auch abseits des Morgen-Tsunamis sehr viel zu tun, eher unerwartet für einen Montag.

Das Wetter draußen blieb regnerisch und windig, nach Feierabend stemmte ich dem wieder den Schirm entgegen. Mein erstes Ziel war Aldi, denn unsere Süßigkeitenbestände mussten dringend aufgestockt werden. Ab dann konnte ich meinen Schirm stecken lassen: Regenpause. Kurzer Abstecher zum Vollcorner, in Kälte ging ich heim, die meisten Menschen waren bereits mit Mütze unterwegs.

Zu Hause erwartete mich eine Crowdfarming-Lieferung Mangos und Avocados, diesmal war wirklich alles glatt gegangen, zum ersten Mal lagen auch zwei bereits essreife Avocados im Paket. Yoga, Brotzeitvorbereitung, als Nachtmahl servierte Herr Kaltmamsell die mexikanische Ochsenschwanz-Sauce vom Sonntag mit frischem Kartoffelpü (großartig!) und Erbsen.

Im Fernsehen ließen wir einen alten Maigret-Film mit Jean Gabin laufen, den ich immer gern sehe. Sehr früh ins Bett zum Lesen, Michaela Murgia, Julika Brandestini (Übers.), Accabadora liest sich gut weg.

die Kaltmamsell