Journal Donnerstag, 26. August 2021 – Bayerischer Wald 5: Rumgammeln in Bodenmais

Freitag, 27. August 2021 um 7:44

Nachtschlaf mit unruhiger Pause, das Bier war’s also wohl doch nicht das Heilmittel, wenn es zweimal hintereinander nicht hilft. Aufgewacht zum angekündigten Dauerregen.

Wir planten für den Regen einen Ruhetag mit ein wenig Erkundung von Bodenmais. Hatten allerdings die Tücke des Regens unterschätzt: Ich hätte zur Superduper-Wanderjacke auch die wasserabweisende Wanderhose anziehen sollen, nach Verlassen der Pension am Vormittag war meine Jeans innerhalb von zehn Minuten klatschnass. Für den ersten Stopp (dringend nötiger Hosenkauf in einem “Oulet”) ließ ich die tropfende Jacke beim draußen untergestellten Herrn Kaltmamsell. Wir waren kurz davor umzukehren und den Rest des Tages im Pensionszimmer zu verbringen, als der Regen versiegte. Also sahen wir uns im schönen Bodenmais um.

Es gibt einen Twitter-Kanal “Pictures of the end” – wäre er nicht englischsprachig, reichte ich das Foto hier ein.

Doch wir guckten uns auch die Kirche an, die wir in den vergangenen Tagen über dem Ort thronen hatten sehen.

1805 erbaut, eine alte, baufällige Kirche ersetzend, barockisierende Ausmalung stammt von 1924. Centerpiece: eine Schwarze Madonna, wundertätig (als man sie einmal aus der Kirche trug, kam PLÖTZLICH die Sonne heraus).

Sowas hat man hier in der Gegend gern: Ehrentafeln für verdiente Bürger*innen.

Wegen Religionsfrieden (ich war schließlich mit einem gebürtigen Augsburger unterwegs) schauten wir auch zur evangelischen Kirche. Außerdem suchten wir nach dem Schornstein, den man aus vielen Ecken sieht, um herauszufinden, wozu er gehört.

Wir fanden das Gelände, aber dort findet nichts mehr statt. Abschließend folgten wir einem Schild, das in einer Schnapsbrennerei nicht nur das dort Gebrannte anbot, sondern auch Pralinen. Sie stellten sich als frische Konditor-Pralinen heraus, ich kaufte ein.

Viel mit Herrn Kaltmamsell über Politik gesprochen, zum ersten Mal systematisch seine politischen Ansichten und Gedanken hinter seiner aktuellen Wahlunterscheidung erfragt – macht man ja nie bei Menschen, die man schon lange kennt, und so beruhte meine Einschätzung eher auf Vermutungen.

Gammeln in der Pension: Ich aß einen Flapjack und las dann Internet am Panoramafenster des Frühstückraums. Entgegen der Vorhersage schien immer wieder die Sonne, es regnete nicht nochmal. Dennoch hatte ich nicht das Gefühl, etwas zu verpassen: Ich genoss den Ruhetag, an den drei vorherigen Tagen war ich viel gelaufen.

Auf dem Zimmer Romanlesen, Zeitunglesen. An der eben gekauften Hose löste sich gleich mal ein Knopf. Ich griff zum Nähzeug, das das Zimmer bereitstellte – und stieß zum ersten Mal im Leben auf eine Nähnadel, deren Öhr zu klein für den Faden war. Nein, das hatte nichts mit schwächerem Augenlicht zu tun, auch Herr Kaltmamsell versuchte sich und kam zu dem Schluss, dass ein Einfädeln schlicht unmöglich war. Werde ich den Knopf also erst daheim annähen.

Fürs Abendessen hatten wir wieder Fremdländisch reserviert, diesmal im chinesischen Lokal. Die Speisenkarte dort bot nicht mal echte deutsche chinesische Küche, sonder deutsche Take-away chinesische Küche, doch wir bekamen rundum gut gemacht: Gemüse mit Tofu, knusprige Ente und gebratene Nudeln mit Rind und Gemüse. Dazu schmeckten mir zwei Radler. Schon bei der Reservierung war uns eingeschärft worden, dass wir nur mit Impf-Zertifikat reinkommen würden, auch sonst wurden die aktuellen Pandemie-Maßnahme so streng eingehalten wie sonst nirgends hier.

Zurück in der Pension gab’s ein paar frische Pralinen zum Nachtisch.

Was mir am Vortag wieder klar geworden war, als wir die erste Hälfte der Wanderung fast nur felsig bergauf unterwegs waren, das letzte Drittel felsig nass berab: Bergwandern ist nicht meine liebste Wanderform, weil ich zu wenig dabei sehe. Wenn ich bei jedem Schritt darauf achten muss, wohin ich meinen Stiefel setze – sonst Risiko des Umknickens oder Abrutschens und Hinfallens -, bekomme ich nichts links und recht neben dem Weg mit. Das fiel mir gestern auf, als ich nicht einmal hätte sagen können, aus welchen Bäumen auch nur der Wald bestand, den ich in der vorherigen halben Stunde durchklommen hatte. Die sportliche Seite ist am Berg interessant, aber ich vermisse das Gucken und Horchen, das mir die bequemeren Wege abseits von Bergen bieten.

die Kaltmamsell

Journal Mittwoch, 25. August 2021 – Bayerischer Wald 4: Mit allen anderen auf dem Großen Arber

Donnerstag, 26. August 2021 um 8:07

Gestern war der einzige sonnige Tag unserer Urlaubswoche angekündigt. Wir überlegten also gründlich, welche Wanderroute am meisten von ihm profitieren würde und entschieden uns für eine Runde um Großen und Kleinen Arber. Es stellte sich heraus: Wie halt alle, alle derzeit im Bayerischen Wald Urlaubenden auch – so voll habe ich Wanderwege zuletzt im Voralpenland während der pandemischen Bewegungseinschränkungen erlebt. Und wir sprechen hier nicht nur von Wanderwilligen: Viele nutzten den Berg gestern für Sport, von Trekking (sehr schnelles Wandern in Turnschuhen) über Nordic Walking bis Radeln mit Motor oder ohne. Dazu sehr viele Hunde (deutlich mehr als Kinder), ein Drittel davon nicht angeleint (trotz zahlreicher Schilder, die Hunde in diesem Naturpark nur an der Leine zulassen).

Die Tour selbst war eigentlich schön: Meist schien die Sonne, es gab wundervolle Himbeeren, Blaubeeren, auch großartige Ausblicke, und ich schaffte es die meiste Zeit, die Menschenmassen skurril und witzig absurd zu finden. Mein Humor versiegte leider beim Versuch, auf den Kleinen Arber zu kommen: Auf dem schmalen, felsigen und matschigen Steig zum Gipfel mussten wir alle paar Schritte anhalten, um Leute vorbei oder herunterwärts zu lassen – 50 Meter vor ganz oben kapitulierte ich und bat um Umkehren.

Unterm Strich waren wir sieben Stunden mit zwei ausgiebigen Pausen und 20 Kilometer unterwegs, das ging körperlich erstaunlich gut – lag sicher am wieder zur Sicherheit angeklebten Tape.

Eine Ahnung vom Ausgang des Tages bekamen wir, als auf den meist Bürgersteig-freien Bodenmaiser Straßen vor lauter Autos schon kein Platz für Fußgänger beim Anmarsch zum Start der Wanderung war, wir mussten uns mehrfach in die Büsche drücken. Mein Fehler, es gibt in unserer Welt nur Anfahrt zum Wanderparkplatz.

Weder das eine noch das andere wurde konsequent beachtet.

Auf dem ersten Teilabschnitt bis zu den Rieslochfällen legten wir hin und wieder einen Zwischenspurt ein, um anderen Wanderern aus dem Weg zu gehen, zum Beispiel um genügend Abstand zu Steine werfenden Kindern zu schaffen.

Die Wasserfälle hatten wir ja schon am Montag im Regen und nahezu allein gesehen, wir wanderten zügig weiter.

Am Fuß des Großen Arber entdeckte ich, dass dort die vielen, vielen Blaubeerbüsche, an denen wir ständig vorbeikamen, nicht abgeerntet waren. Ich brockte eine Hand voll, es gab sie als Snack.

Auch Himbeeren konnte ich immer wieder naschen.

Großer Arber von unten:

Kreuzen einer Rinderweide mit sehr lautem Kuhglockengeläut und viel Muh.

Die aufregenste Blumenentdeckung gestern:

In der Nähe der Blumen machten wir auf einem Stein nach gut zwei Stunden Wanderung Pause und tranken etwas Wasser.

Oben auf dem Großen Arber war die Hölle los, ungefähr so ging es am Ende des Jakobswegs in Finisterre zu: Es mischten sich Auto-Gefahrene, Seilbahnnutzer*innen, Wandervolk und Sportleri*innen, wir hörten praktisch alle deutschen Dialekte. Schwankend zwischen Unglauben und Amüsement stapften wir den ausgeschilderten Gipfelrundweg ab, aufs Erklettern der Gipfel hatte ich wirklich keine Lust (nicht im Bild: die zusätzlichen E- und Mountainbiker):

Man nennt den Großen Arber ja auch den Marienplatz des Bayerischen Waldes. (Oder man sollte es.)

Aber: Aussicht.

Über ein Stück breiten Schotterweg gingen wir hinüber zum Kleinen Arber – Kolonnenwandern. Auf dem Weg zum Gipfel nahmen wir erst mal eine falsche Abzweigung – was uns schnell klar wurde, als plötzlich um uns keine Menschen mehr lärmten, Stille einkehrte und wir sogar Vögelchen hörten.

Zurück auf dem richtigen Weg verließ mich eben die Laune: Der Ausblick vom Gipfel war mir egal, ich wollte nur weg von den Menschen, hier auf dem Weg nach unten.

Herr Kaltmamsells Routenplanung führte uns danach zurück in einsamere und idyllische Gegenden: Wir stiegen entlang des Schwellbachs ab, machten unterwegs nochmal Pause, ich aß einen Apfel.

Zusammenfluss von Schwellbach und Arberbach:

Zurück in Bodenmais hatten wir erstmals einen klaren Blick auf den Silberberg.

Gegen fünf kehrten wir zum Abschluss des Wandertages direkt in den Brauereigasthof Adam ein: Die Brotzeitbrettln hatten attraktiv ausgesehen, und das Pils hatte besonders gut geschmeckt. Erstmals wollte man unsere Impf-Zertifikate sehen (vielleicht kommt auch sowas hier verzögert an). Während wir auf einen Tisch warteten, erkundigte sich ein englischsprachiges Paar nach einer vegetarian option. Die Bedienung ging die Tageskarte mit ihnen durch, Slapstick live: “Meat, meat, meat, fish, salad – but with meat.” Die beiden gingen wieder.

Bei uns gab es einmal Braumeister-Brettl:

Einmal Jäger-Brettl:

Wir waren zufrieden.

Zurück im Pensionszimmer war es immer noch warm, durch die offene Balkontür ließen wir echte Augustgerüche ein. Zur Abenunterhaltung lief Grey’s Anatomy – in den aktuellen Folgen wird praktisch ganz auf medizinische Inhalte verzichtet (also auf das, was Ärzteserien für mich attraktiv macht), die zwischenmenschlichen Interaktionen und Dramen finden eher zufällig in einem Krankenhaus statt.

die Kaltmamsell

Journal Dienstag, 24. August 2021 – Bayerischer Wald 3: Flusswanderung am Großen Regen

Mittwoch, 25. August 2021 um 7:54

Wieder gut geschlafen! Ich wachte vor dem Weckerklingeln auf, gemütliche Körperpflege. Nach dem Morgencappuccino präsentierte Herr Kaltmamsell das mögliche Programm für diesen weiteren Regentag: Baumwipfelpfad mit benachbartem Wildgehege – und über zweistündiger Anreise / Stadterkundung Zwiesel / gemütliche Wanderung entlang dem Fluss Großer Regen von Bayerisch Eisenstein bis Ludwigsthal, 45 Minuten Anreise mit der Waldbahn.

Dem Titel des Blogposts entnehmen Sie, wofür wir uns entschieden. Nach ein wenig online Zeitunglesen spazierten wir zum Bahnhof und nahmen die Waldbahn nach Bayerisch Eisenstein, Umsteigen in Zwiesel. Es wurde eine ganz wundervolle Wanderung den wilden Großen Regen entlang: Ohne Regen und mit vielen Farben und Tiersichtungen lief es sich doch ganz anders als am Montag; ich konnte Herrn Kaltmamsell sogar dazu überreden, die Tour weiter bis nach Zwiesel zu gehen. Über diesen Abschnitt hatte er sich allerdings nicht erkundigt, es bestand also das Risiko, dass diese zusätzlichen zweieinhalb Stunden langweilig entlang einer Straße verlaufen würden. Zu finden war er leicht, weil als Flusswanderung weiter ausgeschildert; und er war sogar noch abenteuerlicher als der erste Abschnitt bis Ludwigsthal: Wir kamen durch ein Moor, und an einer Stelle war ein neuer Bach an die Stelle des Wanderwegs getreten – wir musste einen großen Bogen schlagen, den aber zum Glück bereits Wanderer vor uns zum Pfad getrampelt hatten.

Wir kamen an vielen Bäumen vorbei, die ungewohnt aussahen: Die Tannen waren so mächtig, wie ich sie noch nie gesehen hatte / manche hatten auffallende Krankheiten und Pilzbefall / umgestürzte Bäume morschten vor sich hin / die Rinde mancher gefällten und umgestürzten Bäume war in Streifen maschinell abgetragen, wie ich es noch nie gesehen habe.

Tiersichtungen: Auf der Anfahrt Rehe, Kälber, Wildpferde, Eichelhäher, unterwegs viele, viele Schwalben, ein frischer Ameisenhügel, eine Maus, die über den Weg huschte. Einen Greifvogel und Amseln hörten wir lediglich (eine apfelnaschende Amsel sahen wir auch von fern). Dominanter Duft auf dem gesamten Weg: Indisches Springkraut, das überall dick blühte. Großer Pluspunkt wie schon am Montag: Keine Radler*innen, weder Elektro- noch Mountainbike, gar keine.

Bayerisch Eisenstein stellte sich als ganz reizend heraus und hatte einen imposanten Bahnhof.

Start am Großen Regen:

Was Sie hier nicht sehen und hören: unzählige Schwalben, die knapp überm Wasser flitzen:

Herrlicher Wanderweg.

Unterwegs eine Mühle, deren Wasser vom Großen Regen abgezweigt wurde.

So mächtig kannte ich Tannen bisher nicht:

Der Ort Seebachschleife:

Goldgelber Ziegenbart:

Gut ausgeschilderter Weg:

So sahen viele der gefällten und gestürzten Baumstämme aus – weiß jemand, warum das gemacht wird?

Pilz auch in sehr Groß: eine Breitblättrige Krause-Glucke, die ich unbedingt anfassen musste.

Beim Ort Regenhütte machten wir gegen zwei Pause. Wir setzten uns auf ein Bankerl, ich teilte mir mit Herrn Kaltmamsell einen Hafer-Flapjack und aß einen Apfel. Hier besprachen wir, ob wir wie geplant von Ludwigsthal die Waldbahn zurück nehmen sollten oder doch weiter bis Zwiesel gehen. Ich freute mich, dass auch Herr Kaltmamsell Lust auf Weitergehen hatte.

Der Große Regen floss jetzt weniger spektakulär, dafür wurde der Weg immer wieder abenteuerlich, war mal von Forstmaschinen weggepflügt, führte auch mal ein Stück aufwärts und damit weg vom Fluss. Doch die ausgezeichnete Ausschilderung stellte sicher, dass wir uns nicht verliefen.

Eine sehr lebendige Pflanze machte ich zu Hutschmuck (Foto: Herr Kaltmamsell):

Die letzte halbe Stunde mussten wir durchs Industriegebiet von Zwiesel zum Bahnhof gehen, das war der einzige langweilige Teil der knapp 20 Kilometer und fünfeinhalb Stunden.

Erst als wir zurück in Bodenmais aus dem Zug stiegen, wurde wir nass: Jetzt regnete es Schnürlregen.

Zum Abendessen versuchten wir Fremdländisches. Der örtliche Chinese war bereits ausgebucht, also steuerten wir nach kurzem Abladen und Umziehen in der Pension (wieder mit Schirm) ein bulgarisches Lokal an, das wir am Montag beim Vorbeigehen gesehen hatten. Und siehe da: Anständiges Essen, ich bekam sogar Gemüse in Form des typisch bulgarischen Salats Schopska mit geriebenem Schafskäse (richtig gut).

Und dann noch ein mit Pilzen und Käse gefülltes Hackfleisch, dazu Pommes (Herr Kaltmamsell hatte den Grillteller).

Zurück im Pensionszimmer ein wenig Fernsehen. Der riesige Apparat hier verfügt über die hochmoderne Technik, die alle wie echte Menschen wirken lässt: Ich sehe ihre Hautunreinheiten und Poren, sehe den Schweißglanz des Nachrichtensprechers. Und weiß nicht, ob ich das möchte.

die Kaltmamsell

Journal Montag, 23. August 2021 – Bayerischer Wald 2: Rieslochfälle und Silberberg im Regen

Dienstag, 24. August 2021 um 8:03

Nach schwierigem Einschlafen eine gute Nacht, vielleicht sollte ich das mit dem Bier zum Abendessen beibehalten.

Vom Wecker geweckt, weil wir die Frühschicht beim Frühstück gewählt hatten: Abstandsregeln machen es unmöglich, alle Gäste gleichzeitig mit Frühstück zu versorgen. Während Herr Kaltmamsell frühstückte (ebenfalls wegen Corona gab es kein Buffet, er hatte sich am Vortag sein Wunsch-Frühstück aus einer Liste zusammengestellt, es wurde an den Tisch gebracht), trank ich meinen Morgen-Cappuccino.

Die Wettervorhersage kündigte die einzigen beiden regenfreien Stunden des Tages jetzt gleich an, also brachen wir umgehend zu der Rundwanderung auf, die Herr Kaltmamsell ausgesucht hatte: Rieslochfälle, Schönebene, Silberberg, Riederinfelsen, etwa 15 Kilometer ohne viel Aussicht – die hätten wir gestern eh nicht gehabt. Vorher schauten wir noch bei der Tourist Information vorbei und holten eine Wanderkarte ab.

Die Wanderung war schön, auch nachdem vorhersagegemäß der Regen einsetzte. (Und anstrengend.) Genau so hatte ich mir den Bayerischen Wald vorgestellt: Nass und düster, waldig und felsig. Einzig die Tiersichtungen fehlten mir, Vögel hörten und sahen wir nicht mal ein halbes Dutzend. Außer uns waren durchaus weitere Wander*innen unterwegs, aber nicht zu viele.

Leider zickte (neben meinem Kreislauf immer wieder mit Herzdröhnen) der Akku meines Handys, ich musste bald Herrn Kaltmamsell bitten, statt meiner die Fotos zu machen. Eine Pause legten wir nach zwei Stunden ein, es regnete gerade weniger. Um eins aß ich einen Apfel und einen Eiweißriegel.

Kurz nach Start der Wanderung wurde es gleich abenteuerlich: Wir mussten die Rissloch queren. Ich ging voran, Herr Kaltmamsell hielt fest, wie ich um Gleichgewicht rudern musste.

Er hingegen meisterte die Querung souverän.

Vor den wirklich wilden Rießlochfällen gab’s ein Selfie.

Danach ging’s ausgesprochen gach hoch, für den Steig entlang den Wasserfällen brauchten wir bei dieser Nässe alle Viere.

Der Regen verwandelte den Wald in eine dunstige und mystische Gegend (Fotos: Herr Kaltmamsell).

Den Silberberg, den Bodenmaiser Hausberg, erstiegen wir in dichtem Regen. Vor dem letzten Stück nach der Seilbahn wollte uns eine entgegenkommende Wanderin gleich ganz abhalten: “Man sieht überhaupt nichts!” No na, das Gipfelkreuz sahen wir schon. (Foto: Herr Kaltmamsell)

Auf dem Abstieg ganz andere Wege, vom Erz des Berges gefärbt. (Fotos: Herr Kaltmamsell)

Von hier aus hätte man ohne Regen wahrscheinlich wirklich eine schöne Aussicht gehabt.

Als wir an den Riederinfelsen kamen, stieg ich die Leiter bis ganz nach oben – und wurde mit einem Blick über Bodenmais belohnt (mein Handy hatte jetzt am externen Akku genug Strom getankt).

Nach fünfeinhalb Stunden waren wir zurück am Ortsrand von Bodenmais.

Ich weiß, dass das unfair ist – aber bei all der geschniegelten Schickizität der Fremdenverkehrgebäude ziehen mich die Ausnahmen besonders an (demnächst wachsen mir Hippsterbart und Man Bun). Und: Warum nur hat sich die Zeitgemäßheit der Neubauten nicht auf die Speisenkarten ausgewirkt?

Bei der Rückkehr in unsere Pension waren wir nass und schmutzig, kümmerten uns erst mal um unsere Wanderausstattung. Ein wenig flachlegen.

Wieder durch Regen auf die Suche nach Abendessen, auch in diesem Wirtshaus lieblose Touristen-Abfütterung. Ich dachte, mit Schweinsbraten könnte ich nichts falsch machen, doch es kamen zwei dünne Scheiben Fleisch in Packerlsauce, dazu ein flummi-artiger Semmelknödel. Satt wurde ich und zumindest gab es ein wenig Salat dazu. Aber jetzt brauche ich wirklich irgendwas, das zumindest mit Liebe zubereitet ist. Außerdem wunderte ich mich, dass niemand unsere Impf-Zertifikate sehen wollte, wie auch in diesem Landkreis derzeit Pflicht, sondern wir wieder bloß unsere Kontaktdaten hinterlassen mussten.

die Kaltmamsell

Journal Sonntag, 22. August 2021 – Bayerischer Wald 1: Reise in den Regen

Montag, 23. August 2021 um 8:08

Ganz wunderbar geschlafen, und das bis halb acht, so schön.

Dadurch wurde allerdings das Kofferpacken etwas konfus, denn meine Eltern wollten vormittags vorbeikommen, meine Mutter würde für ein paar Tage Münchenurlaub bleiben.

Als es klingelte, war ich noch nicht mit Morgentoilette fertig, und der Koffer war noch nicht zu Ende gepackt. Mit Begrüßen, Erzählen, Wohnungzeigen und meiner ohnehin derzeit sehr schlechten Reizverarbeitung stand ich dann nach Verabschiedung mit den Koffern vorm Haus und war nicht sicher, ob wir alles eingepackt hatten. Zum Glück ging Herr Kaltmamsell nochmal hoch: Ich hatte meinen gesamten Kulturbeutel im Bad vergessen. Wetter grau, aber warm.

Der Zug Richtung Bayerischer Wald fuhr pünktlich los, mit Rausschauen (vier Falken innerhalb der ersten Stunde Fahrt!) und Zeitunglesen wurde ich ruhiger. Umsteigen in Plattling und Zwiesel (jeder Zug mit Durchsagen von Frauenstimmen in tiefstem Niederbayerisch, “Mia kemmon jetz noch Plottling”), um halb drei waren wir in Bodenmais. Auf den letzten Kilometern sah ich ein großbuchstabiges Brücken-Graffiti: “Proletarier aller Länder vereinigt euch”, man ist hier nicht von gestern (höchstens von vorvorgestern. In meiner Jugend wurde noch gescherzt, die letzten Missionare seien im Bayerischen Wald erst vor 50 Jahren abgezogen.).

Der überraschend große Ort liegt zwischen Bergen, der Spaziergang zur Unterkunft führte uns bereits ordentlich hoch und runter – und praktisch ausschließlich an Hotels, Pensionen, Restaurants, Ferienwohnungen, Cafés vorbei. Unsere ist eine sehr schicke Pension, der Wirt (ausgesprochen unbayerisch, es fiel die Formulierung, etwas gehe “über die Wupper”) erzählte unter anderem, dass sie erst im Frühjahr vergangenen Jahres geöffnet hatte. Vorgreifend auf die Corona-Regeln, die ab Montag für Beherbergungsbetriebe in Kraft treten, mussten wir unsere Impfzertifikate vorzeigen, das Datum der zweiten Impfung wurde in einem Formular festgehalten.

Wir checkten das Funktionieren des WLANs, packten aus, ich legte mich ein wenig hin. Draußen begann es zu regnen, bald verstärkt durch Donner.

Trotzdem nochmal raus, irgendwann musste ich ja doch was essen – das ist schlecht eingerichtet. Unterm Regenschirm (ich) und in Regenjacke (Herr Kaltmamsell) gingen wir zu einem riesigen Wirtshaus an der örtlichen Adam-Brauerei.

Highlight auf dem Weg: Ein Denkmal der örtlichen Weißwurstkönigin, im Hintergrund ein Video über Wurstherstellung in Dauerschleife. Fleisch wird hier schon sehr gefeiert.

Zum Abendessen gab es eine Halbe dunkles Bier (gut! aber wirklich gut war das Pils des Herrn Kaltmamsell, es schmeckte geradezu blumig) und ein mit Käse überbackenes Schnitzel – wenn ich in den nächsten Tagen auf meine Gemüsekosten kommen möchte, werde ich mich anstrengen müssen. Die zwei fleischlosen Gerichte auf der Karte waren Kässpatzen und Nudeln mit Gorgonzola-Sauce, der einzige Salat war ein Backhendl-Salat – dass man Gemüse in Speisen verwandeln kann, ist hier möglicherweise noch nicht angekommen.

Zurück in die Pension kamen wir in einer Regenpause. Abendunterhaltung war ein Film im Fernsehen, auf den sich der Fanboy an meiner Seite schon lange gefreut hatte: Der Oscar-prämierte Spider-Man: A New Universe, ein Zeichentrick-Spider-Man-Film, der nicht nur die gesamte Comic-Geschichte um diese Figur verarbeitete, sondern sehr kreativ mit Comic-Elementen spielte, ganz ausgezeichnet.

die Kaltmamsell

Journal Samstag, 21. August 2021 – Letzter Freibadschwumm, Reisevorbereitungen

Sonntag, 22. August 2021 um 8:42

Schlechte Nacht mit langer Pause, erster Gedanke beim letztendlichen Aufwachen wie ein Betonklotz an den Füßen: Ich bin ja immer noch da.

Ich hatte einen Schwimmslot im Schyrenbad erjagt, das Wetter war dafür so sommerlich wie angekündigt – der wahrscheinlich letzte Sommertag für dieses Jahr.

Verschwindendes Kohlekraftwerk.

Allerdings fürchtete ich Wadenkrämpfe im kalten Wasser – wenn sie schon nachts ohne Sport immer häufiger sind! Doch ich hatte Glück (vielleicht haben Muskelkrämpfe beim Sport tatsächlich Elektrolyt-Gründe, die nächtlichen hingegen sind was Neurologisches?): Zwar fror ich immer wieder auf meinen 2500 Metern über glitzerndem Beckenboden, doch die Waden hielten durch.

Anschließend duschte ich warm drinnen, zog mich um und cremte mich mit Sonnenmilch ein. Auf der Liegewiese hörte ich Musik und döste ein wenig.

Sonnensatt machte ich mich gegen halb drei auf den Heimweg über den Alten Südfriedhof. Wieder hatte jemand das Grab der Marija Naryschkina mit Blumen geschmückt.

Nochmal satte Sommerfarben.

Frühstück um halb vier: Fader Pfirsich mit Joghurt.

Ich bügelte die neuerliche Bügelwäsche weg, plante mit Herrn Kaltmamsell die Handgriffe vor Abreise Sonntagvormittag sowie die Wohnungsübergabe an meine Frau Mama. Mir war elend und bis in die Knochen müde.

Wir bewegten uns vorsichtig durch die Wohnung: Wespen haben im Rollladenkasten von Herrn Kaltmamsells Arbeitszimmer ein Nest gebaut. Wir wissen, dass sie nur bis Herbst dasein werden und haben sie als friedlich kennengelernt, aber bei offenen Fenstern und Balkontüren wie gestern fliegen sie halt auch herein. Und geben bei Überraschung oder Drauftreten möglicherweise ihre Friedfertigkeit auf.

Fürs Abendessen nutzten wir die wahrscheinlich letzte Gelegenheit für einen Biergartenbesuch: Wir radelten zum Aumeister, die Isar entlang und durch den wundervollen nördlichen Englischen Garten.

Schon bei der Anfahrt schallte uns Bayerische Musik entgegen: In einem Teil des Biergartens feierte eine kleine Hochzeitsgesellschaft und kam während unseres Essens bei “Wer im Januar gebooooren ist, steh auf…” an. Die Menschen allen Alters wirkten sehr vergnügt, später sah ich sie in meiner ersten Polonaise mit Mund-Nasen-Schutz.

Wir holten uns helles Bier, zu essen gab es Spareribs (werden hier nach Gewicht verkauft, an der Theke gibt man an, wie viele man haben möchte – sehr gute Idee) sowie eine kleine Schweinshaxe, Beilage Riesenbreze. Ich stellte zu meiner großen Erleichterung fest, dass es mir ein wenig besser ging.

Noch im Hellen machten wir uns auf den Rückweg, und mit Tageslicht verfuhr ich mich auch nicht.

Im Vorbeifahren dem Friedensengel zugenickt, der für mich sehr mein Münchner Daheim ist (Ankommgefühl nach Reisen, wenn ich ihn sehe).

Zu Hause gabe es als Nachtisch Süßigkeiten, Räumen und Reisevorbereitungen.

die Kaltmamsell

Journal Freitag, 20. August 2021 – Bruderfamilienbesuch

Samstag, 21. August 2021 um 8:27

Dann halt wieder eine Nacht mit Lücke plus klassischem Wadenkrampf (trotz Magnesium vor dem Schlafengehen und ausführlichem Wadendehnen in der Yoga-Einheit), auch das Schließen des Fensters gegen einen ausdauernden Laut-Monologisierer im Nußbaumpark half nicht.

In der Mittagspause rascher Einkauf in der Apotheke: Viel Anti-Brumm für den Wanderurlaub. Zu Mittag gab es ein Laugenzöpferl, außerdem Pfirsich und Orange mit Kefir. (Schon wieder zu viel: Nudelkoma. Und ein wenig Bauchweh.)

Urlaubsübergaben, zumindest wird mich nichts Unerledigtes belasten. Auf dem Heimweg zeichnete sich bereits der für Samstag angekündigte echte Sommertag ab.

Für den Feierabend hatte sich die Bruderfamilie angekündigt, die gerade “in der Gegend” sei. Als ich nach Hause kam, war sie bereits in kompletter fünfköpfiger Besetzung da, der erwachsene Neffe 1 war auch dazugestoßen. Wir zeigten die neue Wohnung vor, sie präsentierte sich in der Sommerabendsonne aufs Vorteilhafteste.

Wir (also die drei, die überhaupt Alkohol tranken) stießen mit Kir Royal an, den Cassis dafür hatte der Luxemburg-Besuch aus Familienproduktion mitgebracht hatte. Als Abendessen hatte sich mein Bruder Take-away gewünscht, das er aus meinem Blog kannte: Nah-östliches. Ich bestellte also umfassend bei Servus Habibi, holte die Bestellung zusammen mit Bruder und Neffen ab, während Herr Kaltmamsell mit Schwägerin und Nichte den Tisch dafür deckte. Allgemeines Schlemmen bei Austausch von Informationen und Erinnerungen.

Den übrigen Ernteanteil, den wir durch Fremdessen nicht vor Abreise wegbekommen, nahm die Bruderfamilie dann mit heim, außerdem allerlei für meine Eltern.

Die Wettervorhersage für den Wanderurlaub ist durchwachsen, zumindest werden wir nicht mit Hitze kämpfen müssen. (Aber ein paar Ausblicke wären schon recht.) Es wird mehr Anti-Brumm als Sonnenschutzfaktor nötig sein. Aber ein Glück: Der angekündigte Bahnstreik beginnt erst einen Tag nach unserer Anreise. Ebenfalls einzukalkulieren: Ab Montag ändern sich in Bayern die Corona-Regeln. Wir als voll Geimpfte werden uns auf wenige Umstände einstellen müssen, auch wenn am Zielort die Corona-Inzidenz bereit über 50 liegt.

§

Antje Schrupp beobachtet mit Sorge, dass in Afghanistan Frauenrechte zur ideologischen Waffe geworden sind – und welche Konsequenzen das hat.
“Emanzipation ist kein Exportgut”.

Deshalb wird es zunehmend zum Problem, dass die Propagandisten des Westens die Verteidigung der Frauenrechte zu ihrem Markenzeichen erklärt haben (obwohl diese, um das nur kurz zu erinnern, von der Frauenbewegung gegen großen Widerstand vieler Männer und praktisch aller traditionellen europäischen Institutionen erkämpft worden sind). Man hat so lange erzählt, dass Frauenrechte, Meinungsfreiheit, Rechtsstaatlichkeit etwas speziell Westliches seien, dass diese Ideale nun, wo der Stern des Westens am Sinken ist, ebenfalls in Mitleidenschaft gezogen werden.

Vor allem China bedient diese Logik ganz gezielt: Der Westen, so die dort erzählte Propaganda, will sich überall einmischen und anderen Ländern seine Meinung aufdrücken. Menschenrechte, Frauenemanzipation, individuelle Selbstverwirklichung – all das seien keine universalen Anliegen, sondern lediglich kulturelle Eigenarten Europas und der USA, die für andere Weltregionen keineswegs verbindlich gemacht werden dürften. In ein ähnliches Horn bläst inzwischen auch Russland. Und in der Tat haben beide Länder bereits freundliche Signale in Richtung der Taliban ausgesendet.

§

In einem Twitter-Thread schilderte eine Rechtsanwaltfachangestellten ihre Arbeitstagsroutine – sowas finde ich ja immer hochspannend.

§

Kathrin Passig hat ihr Handy selbst repariert, nachdem sein Display durch Sturz komplett zersplittert war. Das liest sich in der Techniktagebuch-Schilderung gar nicht so schwierig, aber halt aufwendig (möglicherweise waren allerdings die Kerzen entscheidend, die die Techniktagebuch-Redaktion dafür in Kirchen entzündet hat):
“Jetzt nur noch 16 Schrauben und ein bisschen Turnschuhkleber”.

Darin verlinkt: Eine Plattform, die die Reparierbarkeit von Smartphones analysiert und auflistet – iphones gehören demnach (und zu meiner Überraschung) zu den einfacher reparablen.

die Kaltmamsell