Journal Mittwoch, 1. September 2021 – Berlin 3: Jüdisches Museum in Neu

Donnerstag, 2. September 2021 um 9:32

Nicht lang genug geschlafen, leicht verkatert aufgewacht.

Die ersten Stunden brauchte ich fürs Bloggen, währenddessen recherchierte Herr Kaltmamsell das Tagesprogramm. Wir planten ein wenig hin und her: Das Wetter hatte nicht mitgeschrieben, als ein sonniger Tag vorhergesagt wurde, der Himmel war bedeckt. Die Spreeschifffahrten, die uns am besten gefielen, waren bereits ausgebucht. Für einen Ausflug nach Potsdam war uns der Tag bereits zu fortgeschritten. Doch mir fiel ein, dass das Jüdische Museum seit anderthalb Jahren eine neue Leitung hatte, Hetty Berg, und dass ich in der Süddeutschen über die kürzliche Neueröffnung der neuen Dauerausstellung gelesen hatte: Die wollten wir sehen.

Wir verließen das Hotel erst mal auf der Suche nach Frühstück. Zum Morgen-Cappuccino aß ich sogar ein Stück Käsekuchen (das mir dann stundenlang quer kneifend im Magen lag).

Auf dem Weg zum Jüdischen Museum sahen wir uns auf der Museumsinsel um, jetzt ist ja ein weiterer Bauabschnitt beendet. Vielleicht brauche ich das fertige Gesamtensemble, um ihn richtig einschätzen zu können (Pergamonmuseum ist noch komplett Baustelle), im Moment sah das neue Stück für mich sehr abweisend aus.

Wir mäanderten zum Jüdischen Museum, es war einfach gewesen, einen Besuchstermin zu buchen (anders als bei der eben fertig restaurierten Neuen Nationalgalerie, die auf Monate ausgebucht ist).

Meine Eindrücke der folgenden beiden Stunden sind gemischt. Zum einen war ich angetan vom künstlerischen Anspruch und der Ästhetik der neuen Dauerausstellung. Zwar schien es es mir, als seien weniger Inhalte als in der Vorgänger-Ausstellung dargestellt (mein letzter Besuch ist allerdings zehn Jahre her), sehr viele als Kunstwerke/Installationen. Und daraus folgt das Zum anderen: In diesem Museum ist ohnehin die Architektur von Daniel Libeskind so dominant, dass sie manche Inhalte überstrahlt, jetzt gibt es einen weiterer Vordergrund für das, was erzählt und erklärt wird – ich frage mich, ob der Hintergrund, die eigentlichen Inhalte damit manchmal verdeckt werden. Nehmen wir als Beispiel das Thema Musik, das so präsentiert wird:

Am Anfang erklärt eine Tafel kurz die Präsenz musikalischer Elemente in jedem Bereich des Judentums, man hört sie in Nischen oder durch Berühren von Metallrohren. Die Wellen des Kettenvorhangs bekomme ich durchaus in eine Verbindung mit Schallwellen, doch die Erklärungen zu den einzelnen Sound-Stückchen sind sehr kurz (ich kann ein Shofar-Horn anhören, doch wozu dient es?) und das Eruieren der Technik zum Abrufen braucht zusätzliche Aufmerksamkeit.

Nach meinem Eindruck gehen all die originellen Präsentationsideen auf Kosten der Zugänglich- und Nahbarkeit, möglicherweise werden damit nur noch Menschen angesprochen, die bereits sehr viel über das Judentum und seine Geschichte in Deutschland wissen. Ich wüsste gerne, wie eine Besucherin das Museum erlebt, die sich vorher noch sehr wenig mit dem Thema befasst hat. (Ich hatte allerdings nicht den Audio-Guide genutzt, aber dort wären die fehlenden Inhalte auch nicht ideal aufgehoben.)

Präsentation des Themas Sabbath.

Immer wieder humorvolle Elemente.

Unter grauem Himmel spazierten wir gemütlich zurück ins Hotel. Ich holte eine Stunde tiefen Schlaf nach.

Abends waren wir in der Nähe bei einer Freundin aus Studienzeiten zum Essen eingeladen. Ich lernte einen sehr freundlichen Corona-Hund kennen und freute mich sehr über die Gelegenheit, die vergangenen beiden Jahre an Lebensinfo nachzuholen. (Und bekam eine Menge Spannendes vom hauseigenen Hobby-Formiculogen erzählt.) Es gab köstliches geschmortes Schweinfilet mit Oliven und Pflaumen, dazu Salat und gebratene Polenta. Wein ließ ich lieber aus.

In sternenklarer und sogar milder Nacht spazierten wir zurück.

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Nachgeholt: Auf mehrfachen Wunsch ein Bild der Neuerwerbung aus dem Gemäldegalerie-Museumsshop an Kleid.

die Kaltmamsell

Journal Dienstag, 31. August 2021 – Berlin 2: Von Spätgothik bis Revuebeine

Mittwoch, 1. September 2021 um 10:09

Von Herrn Kaltmamsell habe ich ja eigentlich gelernt: Auf Reisen jeden Tag nur eine Unternehmung, der Rest ergibt sich. Gestern ging das halt nicht und es wurden vier Unternehmungen daraus.

1. Schwimmen im Stadtbad Oderberger

Darauf hatte ich mich seit Buchung des Hotelzimmers gefreut und hatte lange gebangt, ob das Bad bis zu unserer Reise reaktiviert sein würde – schließlich ist das der Clou an einem Hotel, das mal ein Stadtbad war. War es, und so duschte ich mich nach dem Aufstehen kurz und trank ein Glas Wasser, schlüpfte dann in Badeanzug und den bereitgestellten Bademantel. An der Rezeption ließ ich mir eine Zugangskarte geben und ging in die herrlich renovierte alte Schwimmhalle. Das Becken (20 Meter) war in zwei Bahnen geteilt, die im Oval beschwommen wurden, anfangs hatte ich eine Bahn für mich. Nach zehn Minuten Kraulen kam aber ein halbes Dutzend weiterer Schwimmerinnen dazu – mir war von vornherein klar gewesen, dass ich hier keine Trainingseinheit absolvieren würde. Dennoch tat die gute halbe Stunde Schwimmen gut.

2. Gemäldegalerie

Nachdem wir bei unserem ersten Besuch vor lauter Faszination nicht über die ersten drei Räume hinausgekommen waren, wollten wir nochmal die Gemäldegalerie besuchen. Das Wetter war grau, aber trocken, also machten wir uns zu Fuß auf den Weg, blieben unterwegs in einem Café in der Choriner Straße hängen und tranken dort unseren Morgen-Cappuccino.

Federfund im Tiergarten.

In der Gemäldegalerie kamen wir zu früh für unseren gebuchten Eingangstermin an, leider war die Cafeteria geschlossen, dann saßen wir halt rum. Wir ließen uns Audio Guides geben und sahen uns erst mal ausführlich in der Sonderausstellung Spätgothik um (Audio-Erläuterungen gelesen von Regierungssprecher Steffen Seibert).

Die Ausstellung fand ich ganz hervorragend aufgebaut und erklärt, unter anderem weil sie eingangs klar machte, was der rote Faden der Zusammenstellung war (technischer Fortschritt in der Kunst der Zeit): Mit dem im Hinterkopf konnte ich die ausgestellten Werke einordnen. Ich lernte eine Menge, sah hochinteressante Kunst, der Audioguide wies mich immer wieder auf Details und Zusammenhänge hin, die mir sonst entgangen wären. Und Fotografieren war ausdrücklich erwünscht.

Anschließend machten wir noch einen Abstecher in die ständige Ausstellung, waren aber beide nicht mehr wirklich aufnahmefähig.

Für einen Besuch im Museumsshop reichte die Aufmerksamkeit noch: Ich kaufte nicht nur Postkarten, sondern gab mir einen Ruck, als eine Halskette von Georg Jensen meinen Blick nicht mehr losließ: Ich kaufte sie, auch weil sie perfekt zu dem Kleid für die Abendverabredung passte.

Essengehen zählt nicht als Unternehmung.
Zum Essen wollten wir eigentlich ins Mogg in der ehemaligen jüdischen Mädchenschule, ich hatte Herrn Kaltmamsell Reuben Sandwich versprochen. Doch dann bogen wir am Eingang nicht rechtzeitig ab und landeten statt dessen im Garten des House of Small Wonder. Die Speisekarte sah sehr interessant aus, mischt Japanisches mit dem Rest der Weltküche. Und so aß ich Mentaiko Spaghetti mit Kabeljaurogen, Nori-Algen und Jakobsmuscheln, Herr Kaltmamsell bestellte geschmorten Schweinebauch.

Satt und zufrieden spazierten wir zurück ins Hotel, mittlerweile war sogar die Sonne herausgekommen.

Erst mal organisierten wir zur Beruhigung unsere Heimreise: Auch der umgebuchte Zug fällt wegen Streiks aus, wir reservierten Sitzplätze in einer alternativen ICE-Verbindung mit Umsteigen in Nürnberg – drücken Sie mit uns Daumen, dass das klappt.

Bis zum Abendprogramm war ich mit der Zusammenstellung der Lieblingstweets August beschäftigt.

3. Eine Show im Friedrichstadtpalast

Seit sehr langem wollte ich mal solch eine klassische Tanzrevue sehen mit aufwändigen Kostümen und bombastischen Spezialeffekten. Herr Kaltmamsell als Freund der alten MGM Musicals war schnell dafür gewonnen. Vor diesem Berlinbesuch dachte ich rechtzeitig daran Karten zu buchen und freute mich sehr auf schöne Frauen mit endlosen Beinen und Federbuschen auf dem Kopf. Die aktuelle Show heißt Arise, die Vorstellung war noch eine Vorpremiere.

Noch geübt wurde auch das Eintrittsprozedere: Mit der aktuellen Regelung mussten wir vor Betreten des Gebäudes nicht nur Ticket, sondern auch Impf-Zertifikat plus Identifikation vorzeigen, es bildeten sich lange Schlangen. Leider hatte uns unser Ticket zum falschen Eingang geschickt – das erfuhren wir natürlich erst, als wir endlich drankamen und es vorzeigten. Also nochmal an einer neuen Schlange angestellt, wir schafften es aber pünktlich zum Vorstellungsbeginn auf unsere Sitze.

Und was für eine Vorstellung! Wir saßen recht nah an der Bühne, so sah ich nicht nur die sensationellen Kostüme, sondern in den Gesichtern auch die wirklich unterschiedlichen Persönlichkeiten. Tolle Choreografien, darin auch eine unerwartet ernste Nummer ganz glitzerfrei, die Inszenierung arbeitete großartig mit der riesigen Bühne, auch das Orchester war zu sehen. Und es gab artistische Einlagen inklusive Trapez – das hatte ich zuletzt vor 30 Jahren live gesehen. Zudem bekam ich ganz viele lange Beine: Ich lernte, dass “die Reihe” mit allen Tänzerinnen, die untergehakt ihre Beine hochwerfen, ein fester Bestandteil jeder Revue ist.

4. After-show-Drinks mit Frauen aus dem Internet

Schon in der Pause waren wir auf zwei Bloggerinnen der ersten Stunde gestoßen, Frau Indica und Creezy, die sich nach Absprache mit uns spontan um Karten für die Show bemüht hatten. Mit ihnen zogen wir in Café Nö, wo eine befreundete Maskenbildnerin der Show zu uns stieß, die ich seit Jahren von Twitter kenne (aber nicht gewusst hatte, dass sie dort arbeitet). Sie versorgte uns mit vielen spannenden Hintergrundinfos zur Inszenierung, ich erfuhr unter anderem, dass während der Show zehn Maskenbildnder*innen im Einsatz sind und dass der ständige Kostümwechsel genau so viel exakte Planung und Orga erfordert, wie ich mir das so vorgestellt hatte.

Dazu gab es Wein (bei mir zu viel – es war eine dumme Idee nachzubestellen), die Herrschaften um mich stillten ihren Hunger. Ein wenig Update mit den vertrauten Bloggerinnen.

Nach Mitternacht (!) nahmen Herr Kaltmamsell und ich eine U-Bahn von der Mohrenstraße zurück zum Hotel.

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Sie erinnern sich, wie am Anfang der Pandemie nach und nach Probleme mit den globalen Lieferketten auftauchten? Sie sind immer noch da. Die New York Times schildert, wie viele Bereiche weit entfernt von vorherigen Zuständen sind, unter anderem das britische Gesundheitssystem, das bestimmte Bluttests nicht durchführen kann, weil Teile dafür fehlen.
“The World Is Still Short of Everything. Get Used to It.”

Ich finde durchaus interessant, wie jetzt die so umjubelte lean production mit Just-in-time-Lieferung der benötigten Teile zurückschlägt, die Lagerkosten und -raum sparen sollte – und das Risiko auf die Zulieferer schieben (ich habe seinerzeit detailliert mitverfolgt, wie José Ignacio López de Arriortúa dieses System bei Volkswagen einführte).

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Ausdruckstanz am Limit.

via @Klugscheisser

die Kaltmamsell

Lieblingstweets August 2021

Dienstag, 31. August 2021 um 17:56

Urlaub hin oder her – ich freue mich ja auch, wenn ich die später hinterherlesen kann.

die Kaltmamsell

Journal Montag, 30. August 2021 – Berlin 1: Anreise

Dienstag, 31. August 2021 um 7:31

Aufgewacht zu ausgesprochen energischem Regen.

Morgenkaffee, Fertigbloggen, Kofferpacken, für die Reise gleich mal die Ersatzschuhe angezogen (eigentlich einzupacken für den Fall, dass die Hauptschuhe auch über Nacht nicht trocknen), denn die würden sicher nass werden. Kurz vor Aufbruch griff ich noch in die Winterschublade und zog einen Schal heraus, um den ich schnell dankbar war. Unterm Regenschirm zum Bahnhof gerollkoffert.

Ereignislose Zugfahrt nach Berlin Hauptbahnhof in den traumhaften viereinhalb Stunden, die einen Flug zu wirklich keiner erstrebenswerten Alternative machen (mit Schnäppchenticket 1. Klasse), Unterwegs-Snack ein Eiweißriegel. Die Rückfahrt wird deutlich anstrengender: Den gebuchten direkten Zug gibt es ohnehin nicht mehr, und es sind Streiks angekündigt.

Ich las Megan Abbott, Dare me aus – na ja: Leider fand ich die Geschichte um tödliche Intrigen in einem Cheerleader-Team überspannt, künstlich dramatisiert erzählt und nicht glaubwürdig.

In Berlin regnete es deutlich weniger, ich brauchte nur einen Teil der Strecke zum Hotel einen Schirm. Was mir gleich mal positiv auffiel: Die Radwege mit physischer Abgrenzung zum Autoverkehr auf der Invalidenstraße.

Wir checkten im Hotel Oderberger ein, auf das ich mich schon lange freute (ja, man wollte unsere Impf-Zertifikate sehen), und bezogen unser Maisonette-Zimmer. Ich buchte Tickets für die Gemäldegalerie und verabredete uns für Dienstagabend nach der Vorstellung im Friedrichsstadtpalast (schöne Frauen mit endlosen Beinen und Federpuscheln auf dem Kopf!).

Bis zur Abendessensreservierung war noch Zeit für Blödschaun und eine Folge Queer as Folk, das in der arte-Mediathek (im Original!) angeboten wird. (Ich fürchte, ich kann TV-Serien wirklich nicht, ich sah die übliche Soap, nur halt mit queeren Menschen.)

Fürs Abendesse gondelten wir mit der S-Bahn nach Schöneberg: Wir waren einem Tipp meiner Leib-und-Magen-Rezensentin Frau Indica zum Wein-Lobbyisten gefolgt (ja, man wollte unsere Impf-Zertifikate sehen).

Gegen den Hunger gab es Rindertartar, Oliven, Jahrgangssardinen aus der Dose, Flammkuchen sowie frisches Sauerteigbrot mit Kürbiskernbutter, alles sehr gut (man beachte die Sardinenraushebegabel).

An Wein eine echte Entdeckung: Der Cabernet Blanc vom Weingut Schmalzried in Württemberg schmeckte mir in seiner frischen Vielschichtigkeit ausgezeichnet. Wir waren die ersten Gäste des Abend gewesen und gingen auch als erste. Zurück im Hotelzimmer bestellte ich gleich mal ein Kistlein des Weins.

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Noch eine Stelle, an der man Urlaub per Bahn statt mit Auto attraktiver machen könnte: Radtransport. Oder überhaupt ermöglichen, Vanessa Giese schildert die Umstände ihrer kürzlichen Anreise zu einem Radlurlaub in Dänemark (ich argwöhne ja, dass große Teile der Deutschan Bahn von der Autolobby gelenkt werden):
“Dänemark, Teil I: Grundmoränen und ein Besuch bei Gorm dem Alten”.

die Kaltmamsell

Journal Sonntag, 29. August 2021 – Zwischen den Reisen

Montag, 30. August 2021 um 8:07

Bessere Nacht, aber viel zu früh wach geworden.

Nach so viel Menschenkontakt in geschlossenen Räumen machte ich doch mal wieder einen Schnelltest. Ja, auch geimpft kann man sich infizieren, wenn auch mit deutlich geringerer Wahrscheinlichkeit. So wie man auch mit Empfängnisverhütung schwanger werden kann, aber deutlich weniger wahrscheinlich. Die Inzidenz ist bei Ungeimpften zehn Mal höher, und 94 Prozent der Corona-Erkrankten, die in Deutschland derzeit auf Intensivstationen behandelt werden müssen, sind nicht geimpft.

Briefwahlunterlagen beantragt. Wahlhelferin bin ich in einem Wahllokal, da muss ich nicht ein zweites mit Präsenz belasten. Und da meine Wahlentscheidung auf Partei- sowie Wahlprogramm basiert, zudem auf dem Profil der Kandidat*innen meines Wahlbezirks und nicht auf aktuellen öffentlichen Auftritten von Partei-Repräsentant*innen, wird sich an ihr nichts mehr ändern. (Kann es sein, dass die tatsächliche Bedeutung des Kanzleramts, unabhängig von den in der Verfassung festgelegten Befugnissen, überschätzt wird? Und diese für die Bundespolitik überschaubar ist, weil stark durch Partei und Koalitionspartner beschränkt? Auf EU-Ebene ist sie wohl groß, auf sonstiger internationaler Ebene mittelgroß.)

Der Plan, am frühen Nachmittag In the Heights in den Museumslichtspielen anzusehen, scheierte an ausgebuchter Vorstellung. Also erweiterte ich meine geplante Sportrunde (Krafttraining Rumpf und Oberkörper) um ein paar lange vernachlässigte Hüftreha-Übungen (jep, sollte ich öfter machen) und legte mich anschließend in ein Vollbad. Ausgiebige Körperpflege mit einmal alles.

Frühstück um zwei: Nektarinen mit Sahnequark und Weizenkleie.

Mit einer Siesta Schlaf nachgeholt.

Wer viel Wäsche wäscht, hat auch Bügelwäsche. Doch in einer guten Stunde war sie erledigt.

Es zog mich doch noch an die frische Luft, man soll ja nach einer Wanderwoche nicht abrupt mit dem Draußen aufhören. Als es gerade mal nicht regnete, spazierte ich an die Isar, als Talisman hatte ich einen Schirm dabei.

Ende August, und die Spazierenden waren in Wollpulli, Anorak, Parka unterwegs. Aber ich sah noch viele, viele Schwalben über der Isar.

Unterwegs hatte ich viel an die bevorstehende Berlin-Reise gedacht, ich legte schon mal die Kleidung dafür raus.

Zum Nachtmahl servierte Herr Kaltmamsell Nudeln aus Kichererbsenmehl (gut! leicht süßlich und nussig) mit frischen Steinpilzen (Samstag am Viktualienmarkt gekauft), Zucchini und Belugalinsen in Sahnesauce, dazu gab es grünen Salat. So gut! Ich aß gleich zwei Portionen. Nachtisch Schokolade.

Auf arte lief Der mit dem Wolf tanzt, den guckten wir noch eine Weile. Möglicherweise geht der Film vor allem deshalb in den Geschichte ein, weil er einen nie abreißenden Strom an Anspielungen in Zeitungsüberschriften begründet hat. Doch er war 1990 in vielerlei Hinsicht eine echte Sensation, vor allem durch die differenzierte Darstellung der Lakota und ihrer Sprache – auch wenn gerade Letzteres von manchen Lakota wegen Fehlern kritisiert wurde. Den Soundtrack habe ich so viel gehört, dass mir der Film bis heute präsent ist.

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Lesenswerte nüchterne Gedanken von Bloggerin Herzbruch zur Forderung nach Übernahme politischer Verantwortung für aktuelle Missstände in und um Deutschland. (Aber mit Nüchternheit lassen sich schlecht Pointen setzen und Retweets generieren, das mag erklären, warum man sie so selten im Internet findet.)
“The State that I am in”.

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Morgens blieb ich an der Website von Martin Moser hängen, der Schuhe und andere Gegenstände aus archäologischen Funden nachbaut.

Vielleich mögen Sie mit dieser Pharaonen-Sandale anfangen, deren Vorbild etwa 4000 Jahre alt ist.

via @Hystri_cidae

Hier der Vergleich, wie die nachgebauten Schuhe mit Vorbild aus dem 3. Jahrhundert nach Christuns nach sieben Jahren Tragen aussehen.

Diese Schuhe könnte ich mir heute noch an meinen Füßen vorstellen:
Aus dem Grab von Tutenchamun.
Römische Schuhe aus dem 2. Jahrhundert nach.
Niederländische Schuhe aus dem 4. Jahrhundert nach.
Aus York, 9. Jahrhundert.
Männerschuhe von 1750.

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Apropos Wahl.

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https://youtu.be/USoiJgmW4Aw

die Kaltmamsell

Journal Samstag, 28. August 2021 – Bayerischer Wald 7: Rückfahrt, Heimkommen in München

Sonntag, 29. August 2021 um 8:09

Diese Nacht dann mit zwei Stunden Schlafpause. Nicht mal Lesen machte mich schläfrig, ich stand auf, setzte mich in die Bettdecke gewickelt an den Rechner und stellte die Bilder für den Blogpost fertig.

Gepackt war morgens schnell, trotz Gerädertheit von schlechter Nacht. Wir nahmen nach Frühstück/Morgen-Cappuccino die Halb-Zehn-Waldbahn zurück nach Plattling, von dort die Regionalbahn. Das Wetter war wieder grau, kalt und regnerisch, auch bei unserer Ankunft in München.

Vor unserem Wohnhaus sahen wir gleich mal ein rotes Eichhörnchen, dann trippelte einen Meter vor meinen Füßen ein winziges, kugliges Mäuselein in die Hecke. Willkommen daheim.

Immer spannend beim Heimkommen nach Urlaub: Der Geruch der eigenen Wohnung, den man ja beim Bewohnen nicht wahrnimmt – das eigene Zuhause riecht gar nicht. Jetzt aber erschnupperte ich etwas, und ich fand es zum Glück angenehm.

Koffer auspacken, ich füllte die erste Waschmaschine. Mit Herrn Kaltmamsell besprach ich die Essenspläne für Samstag und Sonntag, Montag reisen wir nach Berlin. Wir teilten uns die Einkäufe auf und ich zog mit Regenschirm los.

Die Innenstadt war voll wie vor der Pandemie, ich hatte bereits vergessen, wie gründlich das zügiges Einkaufgehen behindert. Am Viktualienmarkt stand ich um Blaubeeren und Pilze an einer Schlange an – dachte ich: Als sich gar nichts bewegte, erinnerte ich mich daran, dass die meisten Rumsteher vor Ständen früher vor allem am Samstag Touristen waren. Ich fragte also laut: “Steht hier irgendjemand an?” – Und schon zerstob die scheinbare Schlange, es blieben zwei Einkäufer*innen vor mir übrig.

Abstecher im Eataly, dann ging ich Stop-and-go in die Kaufingerstraße zum Bodyshop. Und erschrak, weil auch der zugemacht hat (nach meinem langjährigen Stammladen in der Sendlinger Straße). Einer fiel mir noch ein: im Stachus-Untergeschoß. Den gab es tatsächlich noch, die Verkäuferin versicherte mir, dass es für diese Filiale keine Schließungspläne gebe (aber wüsste sie diese?). Vorsichtshalber kaufte ich die benötigten Produkte (Oliven-Körperbutter und Oliven-Körperlotion) gleich doppelt ein, ich rechne ja seit Jahren mit dem Verschwinden des Unternehmens.

Zurück daheim aß ich vernünftig eine Schale Weizenkleie mit Milch. Beim Knopfannähen fiel mir aus meinem Nähkästlein ein Werkzeug entgegen, das ich seit Teenagerjahren besitze und eigenartigerweise all die Jahre unnütz aufbewahrt habe.

Das ist eine Verlängerung des Schiebergriffs von Jeans-Reißverschlüssen aus den 1980ern.

Hintergrund: In den 80ern waren neben den ikonischen Karottenhosen auch Röhrenjeans angesagt – Teil des Fifties-Revivals (hier ein Beispiel). Die ideale Passform dieser Röhrenjeans war knalleng. Doch Stretch-Material gab es damals noch nicht, das bedeutete: Frisch gewaschen war eine als knalleng gekaufte Jeans nur mit enormer Anstrengung auch nur über Beine und Hüften zu ziehen. Dann noch den Reißverschluss zu schließen, war allerdings nahezu unmöglich und kostete so manchen Fingernagel. Abhilfe schaffte das abgebildete Werkzeug (Werbegeschenk von Rosner, das war damals ein angesagter Hosenhersteller mit Sitz in meiner Geburtsstadt und Werksverkauf in der Nähe meines Elternhauses): Es verlängerte den Griff.

Ich legte die Reißverschlussverlängerung zurück ins Nähkästchen: In 20 bis 30 Jahren könnte sie Erleichterung bei altersstarren Fingern bedeuten.

Mehr Waschmaschinenfüllungen und Wäscheaufhängen. Ich gönnte mir eine ausführliche Runde Rückenyoga.

Aufs Abendessen hatte ich richtig Appetit: Herr Kaltmamsell hatte auf meine Bitte Shakshuka gemacht, es gelang ihm besonders gut – und die Eier hatte meine Mutter dagelassen, sie waren von den glücklichen Hühnern an der Ingolstädter Antoniusschwaige gelegt worden.

Zum Nachtisch gab es die Blaubeeren (so lala, sie waren offensichtlich vor einigen Tagen gepflückt) und Schokolade.

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An diesem Haus im Westend gehe ich oft vorbei. Jetzt weiß ich, was sich darin abspielt – aus einer wundervollen Multimedia-Reportage der Süddeutschen (€):
“Ein Leben im Ledigenheim”.

Frauenbesuch ist verboten, um zehn ist Nachtruhe und einmal die Woche wird geputzt: Im Westend wohnen knapp 400 bedürftige Männer in einem alten Backsteinbau. Das Heim ist eines der letzten seiner Art in Europa – und ein großes Glück.

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Das British Museum zeigt gerade eine Ausstellung über den römischen Kaiser Nero. Mary Beard erklärt ihre Lieblingsstücke.

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https://youtu.be/Hywug2mmoQc

die Kaltmamsell

Journal Freitag, 27. August 2021 – Bayerischer Wald 6: Zwiesel und Nationalpark-Wanderung bis Bayerisch Eisenstein

Samstag, 28. August 2021 um 7:47

Doofe Nacht mit langer Schlafpause, irgendwann gab ich auf und las auf meinem Handy schon mal die Freitagszeitung (Roman auf Papier hätte Licht benötigt, mit dem ich fürchtete, den Herrn neben mir zu wecken). Kurz vor sechs schlief ich aber nochmal ein.

Es war gemischtes Wetter angekündigt, und wir hatten im Restaurant des Grenzbahnhofs von Bayerisch Eisenstein, Vo’Gunders (keine Website), auf die Empfehlung von Lempel fürs Abendessen reserviert. Bis dahin wollten wir noch ordentlich wandern, vorher ein wenig Zwiesel erkunden.

Wir nahmen eine frühe Waldbahn nach Zwiesel und spazierten hoch zur Pfarrkirche. Dort sahen wir uns lange die Buntglasfenster an, an denen die jeweiligen Stifter*innen genannt und die mit 1912 bis 1915 datiert waren. Sie zeigten sowohl traditionelle (die “Jungfrauen der Stadt Zwiesel” spendierten natürlich eine Heilige Agnes) als auch zeitgenössische Motive, am auffallendsten in einer Seitenkapelle Soldaten aus dem Ersten Weltkrieg (ein Zettel im Schaukasten darunter, der den Gefallenen des eben zu Ende gehenden Afghanistan-Einsatzes gedachte, rückte das Motiv brutal nahe).

Plan war gewesen, nach einem Spaziergang durch die Stadt in einem Café einzukehren und ein wenig zu lesen. Doch – das ging nicht so recht. Zwiesel hatte etwas von Geisterstadt und deprimierte mich ziemlich: So viele Leerstände. Und darunter halt auch Wirtschaften sowie alle Cafés oder Konditoreien mit Café, an denen wir vorbeikamen. (Wie passt das zu der Information, der Bayerwald boome derzeit als Urlaubsdestination? Sind Zwiesel besonders viele Kurkliniken weggebrochen?) Zum Glück hatte ich eh geplant, die örtliche Kaffeerösterei anzusteuern, eine der zehn Hauptattraktionen, die die Stadt selbst aufführt. Darin gab es auch ein paar Tische, und wir bekamen Kaffee: In Form von Espresso und in Form von einem Pfund Bohnen, die wir halt auf der Wanderung trugen.

Um zwölf nahmen wir eine Waldbahn nach Ludwigsthal. Hier drehten wir erst eine Runde über die Wildgehege, bevor wir uns auf die eigentliche Wanderung durch den Nationalpark Felsenstein bis Bayerisch Eisenstein machten. Wir kamen durchs sehr attraktive Wildniscamp Felsenstein, wanderten unter anderem den Schwellbach entlang (wo uns zwei sehr niedliche Grasfrösche begegneten), machten nach gut drei Stunden Brotzeitpause neben dem wildromantischen Schwellhäusl, wo ich einen Apfel aß, wanderten weiter Richtung Bayerisch Eisenstein – und weil wir für unsere Reservierung noch zu früh dran waren, drehten wir eine Extrarunde über den Hochfels.

Das Wetter hielt, wir wurden nur hin und wieder von ein paar Tropfen angeregnet, allerdings fand ich es für August deutlich zu kalt. Der alte Körper spielte sowohl bei Herrn Kaltmamsell als auch bei mir mit. Wir begegneten nur wenigen anderen Wandernden, die Radler*innen hatten entspannenderweise ihre eigenen Wege – und blieben darauf.

Sehr hungrig kehrten wir in den Bahnhofsgasthof ein. Der Raum ist großartig und ließ mich erwarten, dass wir in einem Salonwagen zurück nach Bodenmais fahren würden. Wir aßen gut: Nach einem Gruß aus der Küche (Wurstsalat) gab es für uns beide Wildkräutersalat mit gebratenem Taleggio, dann für Herrn Kaltmamsell Seeteufel in Schinken mit Frischkäse-gefüllten Ravioli, für mich eine mit u.a. Mais gefüllte gebackene rote Paprika. Dazu trank ich einen freundlichen Veltliner. Die Kochkunst ist kein Zufall: Der namengebende Wirt Mathias Gunder, gebürtiger Eisensteiner, hat in hochklassigen Häusern auf der halben Welt gekocht. Ein Träumchen wären auch noch lokale Zutaten (z.B. in der Nähe produzierter Käse statt Taleggio, ein Gemüse- oder Linsengericht mit örtlichen Ölen statt der Venusmuscheln auf der Karte), aber zum einen wird vielleicht wirklich im Bayerischen Wald einfach nichts angebaut oder produziert (außer Fleisch und Schnaps), zum anderen haben uns die gastronomischen Tiefschläge dieser Woche doch sehr dankbar und demütig werden lassen.

Satt und zufrieden ließen wir uns mit der Waldbahn zurück nach Bodenmais schaukeln – wo es auf den letzten Metern zu unserer Pension nochmal ordentlich zu gießen begann.

Stadtkirche Zwiesel von außen.

Innen interessante Stühle – und Glasfenster.

Rüber zum Nationalpark Falkenstein:

Wir sahen ein paar Auerochsen, doch Wölfe und Luchse hatten gerade keine Lust auf Show.

Wildniscamp:

Am Schwellbach (ganz am Anfang Rastplatz mit lustigem Sprotzbrunnen):

Einer der beiden Frösche auf dem Weg (Foto: Herr Kaltmamsell):

Schwellhäusl/Trifthaus:

Viel Wald:

Blick vom Hochfels:

Pfarrkirche Bayerisch Eisenstein: St. Johannes Nepomuk.

Das Abendessen im Vo’Gunders:

Wunderschöner Raum.

Wildkräutersalat mit gebratenem Taleggio. (Brot dazu mit gesalzener Butter und einer wundervollen Aioli.)

Gefüllte Paprika bei mir, Seeteufel bei Herrn Kaltmamsell.

Vollgefressen vor Rückfahrt.

Im Pensionszimmer bloggte ich noch bis spät, am nächsten Morgen würde ich wegen der Rückfahrt-Vorbereitungen wenig Zeit dazu haben.

die Kaltmamsell