Journal Donnerstag, 19. August 2021 – Rollkragenpulli vs. Sandalen

Freitag, 20. August 2021 um 6:16

Zwar tief und fast durchgeschlafen, doch der Wecker klingelte viel zu früh. Ich war morgens und den Vormittag über müde bis in die Knochen.

Ein grauer, kühler Tag. Während die Kolleg*innen in Rollkragenpulli oder Strickjacke im Büro saßen, hatte ich Sandalen an den nackten Beinen – frisch rasierte Haut und frisch pedikürte Füße wären doch sonst verschwendet gewesen. Ich brauchte auch nur hin und wieder meine Bürojacke über dem kurzärmligen Kleid.

Mittags gab es einen Salat, den Herr Kaltmamsell zubereitet hatte: Gekochte Rollgerste mit Frühlingszwiebeln, frischer Chilli vom Berliner Balkon, Erbsen, Tomaten.

Nach Feierabend Abstecher zum Supermarkt, um Proviant für den Wanderurlaub zu besorgen (Äpfel, Fruchtgummi).

Daheim eine halbe Stunde Yoga, dann bereitet ich zum Abendessen aus Ernteanteil eine große Schüssel Salat: Blattsalat, junge Zucchini, Tomaten, junger Knoblauch mit Joghurt-Meerrettich-Dressing. Zum Nachtisch Schokonüsse.

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Sascha Lobo analysiert die Social-Media-Reaktionen auf Afghanistan.
“Hilflose Übersprungswut”.

Er warnt vor Übersprungswut, Spontanbigotterie und Drama-Surfing im Web.

Ich dachte sehr an die altmodische Warnung: “Mach dich nicht unglücklich!” Sie erklang einst in Situationen, in denen jemand etwas Unüberlegtes zu tun drohte, das er/sie danach sicher bereuen würde.

Mein Praxistipp: Wenn sie etwas weitergeben wollen mit dem Kommentar “Wenn das stimmt, ist es ungeheuerlich/furchtbar etc.” – lassen Sie es. Auch zum Aufregen unbedingt nur Inhalte weitergeben, auf deren Tatsachenbasis Sie sich verlassen können. Zudem bitte hin und wieder darüber nachdenken, ob Sie mit dem Weitergeben in erster Line die Propaganda des Aufregungsgegenstands verstärken und stützen (z.B. mit bestimmten Motiven der Taliban). Vielleicht ist das sogar der ideale Filter: Sachinfos ja, Aufregungs-Brennstoff lieber nicht.

die Kaltmamsell

Journal Mittwoch, 18. August 2021 – Taverna und Schullektüre

Donnerstag, 19. August 2021 um 6:50

Beim Weckerklingeln war Dämmerung nur erahnbar. Blumen gegossen, Wäsche aufgehängt. Ich muss inzwischen eingestehen: So lässig ich bei der Anordnung von Zeug in der Geschirrspülmaschine bin (macht doch, was ihr wollt), so klare Vorstellungen habe ich, wie ich nasse Wäsche aufgehängt haben möchte (mag daran liegen, dass ich das 20 Jahre länger mache). Herr Kaltmamsell kennt meine generellen Vorgaben, also möglichst bügelfreundliche und schnelltrocknende Aufhängung – macht es mir aber nie ganz recht.

Ein grauer, sehr kühler Morgen, zumindest kam ich trocken in die Arbeit.

Mittagessen Birchermuesli, zur Abwechslung mal mit Kefir statt Joghurt – das mache ich nicht nochmal, das Vergorene des Kefir schmeckte, als hätte das eingeweichte Muesli seit einer Woche in der Sonne gestanden. Außerdem war es wohl zu viel und zu Kohlenhydrat-lastig, ich fiel in Nudelkoma und konnte mich nach der Mittagspause nur schwer wachhalten.

Vorzeitiger Feierabend, weil der einzige Pediküretermin, den ich vor dem Urlaub und ungefähr nach der Arbeit bekam, 16.15 Uhr war. Herzlicher Termin, schöne Füße – und Frau Kosmetik bot mir einen Lack exakt in der Farbe meiner Sandalen an.

Obst- und Gemüseeinkäufe im Vollcorner, daheim ein wenig Yoga.

Zum Abendessen war ich verabredet, ich traf mich mit einer Freundin in der Taverna Melina. Es war mild genug geworden, dass wir in Jacke/Mantel draußen saßen, wir aßen Fischteller (Freundin) und Imam-Aubergine mit Bratkartoffeln. Im Gespräch viel Information-Nachholen und gute Nachrichten.

Herr Rau sammelt Erinnerungen an Schullektüren (bislang fast nur westdeutsche, umso interessanter ist die ostdeutsche Liste von Kittykoma) – und ich kann nur schwer mitspielen. Die Jahresberichte meiner Gymnasialzeit 1977-1986 führten die Schullektüren zwar auf, doch diese Hefte habe ich schon vor vielen Jahren weggeworfen. Und ohne Nachschlagen verschwimmen in meiner Erinnerung Schullektüren mit den Büchern, die ich zu dieser Zeit selbst las (aus der Pfarrbücherei oder der Schulbibliothek, ich schrieb ja jeden Buchtitel mit, den die Deutschlehrer auch nur erwähnten) sowie mit Theateraufführungen (meine Mutter nahm mich etwa ab dem Alter von elf Jahren zu meiner großen Begeisterung in ihre Abo-Vorstellungen am Ingolstädter Stadttheater mit, außerdem gab es Schultheater, in dem ich selbst mitspielte oder das ich sah). Weiterer Verschwimmfaktor: Ich hatte nach Schuljahresstart Mitte September bis spätestens November das jeweilige Lesebuch durch (unter der Bank bei langweiligem Unterricht, unter Umgehung der Gedichte, zu denen die ich leider noch nie Zugang hatte). Meine Schulnoten – nur zur Einordnung – waren übrigens nie sehr gut, ich lag lediglich immer leicht über dem Durchschnitt.

Als Erinnerungsstütze ging ich die anderthalb Meter Reclams in unserem Buchregal durch (gleich mal wieder zwei Dutzend rausgeworfen) und stellte fest: Die meisten Klassiker mit meinem Ex-Libris sind auf die Jahre nach meiner Schulzeit datiert. Ich las Schillers Maria Stuart oder Goldonis Diener zweier Herren wirklich aus Interesse, oft angeregt durch den Spielplan des Ingolstädter Stadttheaters. Außerdem fand ich dieses.

Weihnachtsgeschenk einer Mitabiturientin: Shakespeares Komödie der Irrungen.

Aus mir konnte nur eine Queen of Uncool werden, wenn mich schon mit 17, 18, 19 Shakespeare wirklich begeisterte. Es ist bis heute nicht geklärt, was in meiner Gymnasialzeit schiefgegangen ist, die ja offensichtlich eigentlich dazu da ist, Schüler*innen die Lektüre vor allem von Klassikern auf Lebenszeit zu vergällen.

Ein paar lebendige Erinnerungen an Schullektüre habe ich aber:

Franz Kafka, Die Verwandlung (Las uns in der 6. Klasse Referendar Willi Plankl Stück für Stück am Ende der Unterrichtsstunden vor – bis heute eines der eindrücklichsten Literaturerlebnisse überhaupt.)

Walter Kempowski, Tadellöser & Wolff (Zitate aus dem Roman wurden umgehend in die Alltagssprache der Klasse aufgenommen; Deutschlehrer Robert Köhler war zwar ein schwieriger Mensch, hatte aber immer Interessantes zu sagen.)

Friedrich Schiller, Die Verschwörung des Fiesco zu Genua (Umso weniger verständlich, dass Herr Köhler uns dieses elend langweilige Stück vorsetzte.)

Homer, Odyssee (Die Bilder, die da gezeichnet werden! Außerdem fand ich es ausgesprochen cool, die ersten 20 Zeilen auswendig zu können.)

Platon, u.a. Symposion (Wie so Vieles in meinem Leistungskurs Altgriechisch prägten die platonischen Dialoge meine Argumentations- und Anaylseweise bis heute.)

Thukydides, Der peloponnesische Krieg (Weil ich in der zugehörigen Klausur den einzigen Einser – 13 Punkte – meiner gesamten Altgriechisch-Zeit schrieb. Purer Zufall.)

William Shakespeare, Macbeth (In meiner Erinnerung von der LK-Englisch-Lehrerin eingeführt mit: “Ach, finde ich ja auch doof, aber das müssen wir halt machen.” Der siebenköpfige Leistungskurs sah das ganz anders und versuchte unter anderem tagelang, selbst Shakespeare-Englisch zu sprechen.)

J.D. Salinger, Catcher in the rye (Englisch war noch viele Jahre für mich sehr anstrengend zu lesen, vor allem erinnere ich mich an unseren eigeninitiativen Versuch, eine bessere als die Böll’sche Übersetzung zu erstellen. Wodurch wir lernten, wie scheißschwer literarische Übersetzungen sind.)

Autorinnen? Welche Autorinnen? Im Griechisch-LK war sicher das eine oder andere Gedicht von Sappho dabei, und meine LK-Hausarbeit schrieb ich über das damals eben erschienene Kassandra von Christa Wolf – aber auf eigenen Vorschlag. Ich gleiche den Frauenmangel meiner Schulzeit ein wenig dadurch aus, dass ich auf die Frage des Deutschlehrers an meiner Seite, ob mir zu einer Gattung oder einer Epoche Autorinnen einfallen, immer Vorschläge parat habe.

Was es in meiner Schulzeit sicher nur in den Fremdsprachen gab: Gemeinsames Lesen im Unterricht. Deutsch-Lektüren wurden daheim gelesen, alles andere hätte mich sehr wahrscheinlich irre gemacht.

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Hin und wieder lohnt es sich, sich über unser Krankenversicherungssystem zu freuen, weil es global gesehen alles andere als selbstverständlich ist . Jajaja, es hat Verbesserungspotenzial, und nicht zu knapp, aber hier zum Vergleich eine Twitter-Geschichte aus Chile.

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Immer wieder interessant: Juristische Perspektiven. Dr. Miriam Vollmer untersucht:
“Baurecht und Schottergärten”.

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Die Macht der Sprache, oder: Was keinen Namen hat, existiert nicht. Zum Beispiel war mir nicht klar, wie besonders das deutsche Wort “Feierabend” ist, es gibt keine englische Entsprechung. Die BBC machte sich vergangenes Jahr Gedanken über die Auswirkungen:
“How ‘Feierabend’ helps Germans disconnect from the workday”.

Feierabend isn’t just a German word for ‘work-life balance’. While it’s related, ‘work-life balance’ is a term that can often end up just as nebulous in meaning as the problem it’s trying to correct. Instead, the German approach seems to acknowledge that there will always be tension between the work self and the private self. Rather than attempting to reconcile the two, the disconnection that comes with Feierabend establishes boundaries between them.

die Kaltmamsell

Journal Dienstag, 17. August 2021 – Gewichtheberin

Mittwoch, 18. August 2021 um 6:42

Zerhackte Nacht, wenigstens ohne Schlafpausen. Der Regen versiegte morgens, ich traute mich ohne Schirm in die Arbeit.

Auf dem Weg wundervolle Luft, wenn auch kalt, klare Sicht.

Viel gearbeitet, auch abseits des Schreibtischs und Computers.

Mittags ein Kanten selbst gebackenes Brot, rote Paprika und der Rest Quitte in Earl-Grey-Sirup.

Mehr intensive Arbeit. Fast pünktlicher Feierabend, weil ich wieder im Verein Crosstrainerstrampeln und Rudermaschinenrudern wollte. Fußweg dorthin in kühler Sonne.

Im Sportverein hatte ich mich ja seinerzeit für die Abteilung “Fitness” angemeldet, doch auf meinem neuen Mitgliedsausweis steht als Abteilung die vermutlich urprüngliche Bezeichnung “Gewichtheben” – und das freut mich ungemein. (“Und? Was machst du im MTV?” “Gewichtheben.”) Ich sprach die Trainerin, die mich auf der Fitness-Galerie mit Kontaktdaten registrierte, darauf an, und sie bestätigte, dass der Gewichthebe- auch der Verband sei, bei dem sie ihre Lizenz gemacht habe und fortgebildet werde.

Mein Ausblick beim Strampeln mit Musik auf den Ohren war diesmal nicht nur Badminton in der Halle, auch die Kletterhalle rechts von mir wurde gestern besportelt.

Ich duschte wieder daheim – und zum ersten Mal vergaß ich dabei, meine Augen vorher abzuschminken (normalerweise mache ich das immer vor dem Sport, doch mit Stirnband schwitze ich der geräumigen, gut gelüfteten MTV-Turnhalle nicht in den Strömen, die dieses Abschminken dringend nötig machen würde). Anschließend sah ich sehr lustig aus.

Abendessen serviert von Herrn Kaltmamsell: Tortellini in Brühe aus der Tiefkühle mit Erbsen und Pilzen. Zum Nachtisch viel Süßigkeiten.

Im Bett Weiterlesen in Christine Cazon, Lange Schatten über der Côte d’Azur, das sich als Erklärstück über die Rolle der Einheimischen im Nazi-Südfrankreich herausstellt, transportiert in langen Monologen, eingebettet in eine dünne Krimi-Handlung. Aber es erreicht mein Ziel der geringen emotionalen Verwicklung.

die Kaltmamsell

Journal Montag, 16. August 2021 – Verschiedene Seiten der heutigen Mobilität

Dienstag, 17. August 2021 um 6:44

Unruhige Nacht, beim Weckerklingeln war ich aber nicht zu benommen. Das Draußen präsentierte sich düster, zum einen weil die Nacht noch da war, zum anderen wegen Regenwolken. Auf dem Weg in die Arbeit begann es erst auf den letzten 500 Metern zu tröpfeln, ich hatte einen Schirm dabei.

Die Mittagspause verbrachte ich wenig erholsam: Zur Rückfahrt unserer Berlinwoche Anfang September hatte ich morgens eine Nachricht der Bahn vorgefunden, der Zug ist gestrichen. Zwar verlinkte die Mail die Suche nach einer Alternative, doch ich fand keine Möglichkeit, online umzubuchen – ich hätte nur für den vollen Preise eine neue Rückfahrkarte kaufen können. Also nahm ich mittags eine U-Bahn zum Hauptbahnhof und stellte mich am Schalter an.

Dieses Bild der Schlange vor dem Reisezentrum führt irre: Zum einen hatte ich mich versehentlich vorgedrängelt und nicht am Ende der Schlange angestellt, sie hatte eine weitere Schleife hinter mir. Zum anderen entstand sie hauptsächlich durch den Corona-bedingten Einzeleinlass in den Raum; alles war ganz hervorragend organisiert, 20 Minuten nach Anstellen war ich mit erledigtem Anliegen zurück am U-Bahn-Gleis. Die Erledigung war allerdings kompliziert gewesen, da der freundliche Bahn-Angestellte die Streichung der Rückfahrt nicht im System fand und die E-Mail auf meinem Handy als Information benötigte. Dann aber richtete er alles für eine alternative Verbindung ein, fand auch zwei besonders schöne Plätze für die Reservierung. Manchmal habe ich den Verdacht, dass die Bahn-Führung alle ihre geduldigen und engagierten Angestellten nicht verdient, die das systemische Schlamassel der Deutschen Bahn Tag für Tag ausbaden. Eine Reise, die ich online gebucht habe, aber bei Wegfall der Verbindung nicht online umbuchen kann?! So bringt man niemanden von Auto oder Flugzeug ab. Das wird ein Spaß, wenn ich in Herrn Kaltmamsells Sabbatjahr 2022/2023 die eine oder andere mehrwöchige Reise mit Zugverbindungen in halb Europa buchen möchte. Wenn Sie bereits selbst (!) Erfahrungen (!) mit einer auf internationale Zugreisen spezialisierte Stelle gemacht haben (Agentur? Plattform?), wüsste ich die sehr gerne.

Zurück im Büro gab’s zu Mittag eine Scheibe Pumpernickel und einen Becher Hüttenkäse. Verabschiedung einer Kollegin in Gruppe mit Abstand.

Noch vier Wochen bis Friseur und schon jetzt beginnen mich die in die Stirn und über die Augen fallenden Haare zu nerven. Back to spangerl.

Der Tag wurde immer grauer, es regnete immer wieder energisch und wurde immer kühler. Auf dem Heimweg war ich um meinen großen Schirm sehr froh, bekam dennoch sehr nasse Füße (Sandalen sind die Gummistiefeln des Sommers).

Zu Hause eine Yoga-Einheit mit viel Dehnen und Gleichgewicht. Zum Abendessen servierte Herr Kaltmamsell Quiche aus aufgetautem Teig und Ernteanteil: Zucchini, Frühlingszwiebeln, Knoblauch, Berliner Balkon-Chilli. Zum Nachtisch gab es Vanilleeis mit Quitten in Sirup, die nicht unbedingt die nächste Quittenernte erleben sollen.

Schon vergangene Woche hatte das Münchner Mobilitätsreferat auf meine Idee einer Bürgerbüro Mobilität reagiert – sehr herzlich und ausführlich. Die E-Mail schilderte, mit welchen Mitteln derzeit und in Zukunft Münchnerinnen und Münchner aktiv auf die Möglichkeiten von gemeinschaftsverträglicher Mobilität hingewiesen werden. Die Stadt nimmt dabei Lebensumbruchsphasen, sprich Umzug, Zuzug, Renteneintritt und Familiengründung zum Anlass, und hat dafür zum Beispiel das Projekt Go Family! aufgesetzt. Meiner Idee eines Bürgerbüros Mobilität recht nahe kommen die “Mobilitätszentralen”, die in Neubauquartieren eingerichtet werden. Das liest sich alles sehr gut.

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Maik Novotny hat für den Standard über einen Münchner Neubau hinterm Rathaus geschrieben – der mir durchaus aufgefallen war, dessen Besonderheit ich aber erst durch den Artikel einordnen kann:
“Ungewöhnliches Haus in München: Die Kurve gekratzt”.

Auf einer Münchner Fassade trifft ein spielerischer Umgang mit der Geschichte auf eine kluge Kombination von Handwerk und Digitalisierung.

die Kaltmamsell

Journal Sonntag, 15. August 2021 – Fauler Sonntag, Beifang aus dem Internetz

Montag, 16. August 2021 um 6:46

In Bayern sehen wir vor lauter extra kirchlichen Feiertagen ja praktisch nie den Arbeitsplatz, ichweißichweißichweiß. Aber gestern fiel der 15. August, Mariä Himmelfahrt, auf einen Sonntag und wurde uns damit geklaut, ich war verstimmt in diesem Jahr voller Samstags-/Sonntagsfeiertagen.

Das mit dem besseren Schlaf klappte, denn nach einigen Malen Aufwachen und einer Episode mit seitlichem Wadenkrampf schlief ich bis halb acht aus.

Über den Vormittag buk ich das 7-Pfünder Hausbrot, das ich am Vorabend angesetzt hatte. Morgenkaffee auf dem Balkon (Wetter: Hochsommer in Dunstig) mit Bloggen. Der Brotteig hatte deutlich mehr Trieb als gewohnt, wahrscheinlich wegen der sommerlichen Wärme, und ich stellte mich nicht rechtzeitig darauf ein.

Der Backstein bekam eine kleine Umarmung. Das Brot wurde insgesamt aber ok.

Ich beschloss einen faulen Sonntag und ließ die Gelegenheiten Hochsommertag sowie Zeit für ausführlichen Sport ungenutzt.

Bei doch recht großer Hitze spazierte ich für Frühstückssemmeln zum Bäcker, mit Rückweg über den Alten Südfriedhof.

Jemand hatte einen alten Grabstein mit Nelken geschmückt, ein Zettel mit einem zusätzlichen Namen und dem Jahr 1854 war angeklebt. Auf dem älteren, anscheinend fremdsprachigen Grabstein (es muss nicht unbedingt der ursprüngliche sein, nach der Zerstörung durch Bombenangriffe im Oktober 1943 wurde einige durch neue ersetzt) kann ich nur “Marie Farischkin” und das Jahr 1759 entziffern. Ich sollte mal wieder eine Führung mit Florian Scheungraber machen und mich auf neueren Stand bringen (meine letzte ist ja schon wieder vier Jahre her).
Nachtrag: Kommentatorin Kathrin weist auf diesen Wikipedia-Eintrag zu Marija Antonowna Naryschkina hin, die hier wohl begraben liegt. Wilde Geschichte!

Daheim Frühstück mit Tomaten und Semmeln. Die satte Bettschwere nutzte ich für eine kleine Siesta.

Auf dem Balkon las ich die Wochenend-Süddeutsche, wurde durch Rascheln auf Eichhörnchen auf den alten Kastanien aufmerksam und sah zweien beim Klettern und Spielen zu. Ich machte uns Eiskaffee, mangels Sahne nur mit Vanilleeis, war auch so sehr gut. Währenddessen zog der Himmel dunkelgrau zu, ein Gewitter mit Sturm und Regen entlud sich.

Einziger unfauler Programmpunkt gestern: ausführliches Bügeln, in drei Wochen hatte sich ein Zweieinhalb-Stunden-Stapel angesammelt. Dazu hörte ich zwei Podcasts:

1. Im Berufsleben wird heute erwartet, dass Angestellte nicht nur ihre Arbeit sehr gut und zuverlässig erledigen, sondern dass sie sich leidenschaftlich damit und mit dem Arbeitgeber identifizieren, dass sie ihr persönliches mit dem beruflichen Fortkommen gleichsetzen. Wie sich das im 20. Jahrhundert dorthin entwickelt hat und was das impliziert, zeichnet dieser Podcast aus historischer und soziologischer Sicht nach:
“Seit wann wir für die Arbeit brennen – Geschichte der Arbeitsfreude”.

2. Holger Klein hat für einen Podcast des Baumarkts Hornbach den Dudelsackbauer Florian Ganslmeier besucht. Zwar wusste ich einiges davon schon über ein Dudelsack-spielendes Familienmitglied, erfuhr dennoch sehr viel Neues. Highlight: Holgi imitiert eine Bourdunpfeife: “ÜÄÄÄÄÄH!”

Zum Abendessen gab es frisches Brot, Tsatsiki mit Ernteanteilgurke von mir, hochoffizielles Käse-Omelette von Herrn Kaltmamsell, der großen Omelette-Ehrgeiz hat. Nachtisch eine weitere direkt gekaufte Honigmelone – auch diese nach zwei Wochen Nachreifen weitgehend geschmacksfrei.

Die Nachrichten dominierte gestern der Zusammenbruch Afghanistans durch die Übernahme der Taliban. Auffallend in meinem Internet: Keine reflexartige Besserwisserei “man müsste doch nur” – über die Jahrzehnte hat sich wohl die Erkenntnis verbreitet, dass das hier extrem kompliziert und nicht einfach zu lösen ist.

Abendunterhaltung: Blues Brothers auf arte (Erstens: Blues Brothers ist inzwischen arte-Material!). Dass einer der Zitat-Hauptlieferanten meiner Jugend (u.a. “Du magst den Wagen nicht?” “Nein, ich mag den Wagen nicht.” / “We’re on a misson from God” – Deutsch und Englisch gehen in meinem Kopf wild durcheinander) zudem filmisch richtig, richtig klasse ist, sieht man schon an den ersten fünf Minuten.

Aktivieren Sie JavaScript um das Video zu sehen.
https://youtu.be/MW5WUejMZHU

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Nina Jäger nutzt ihr Blog, um vergangene Reisen zu erzählen, zum Beispiel:
“Alaska Airlines Milk Run (2019)”.

Mit vielen Passagierflugzeug-Nerd-Details, Fisch und Bären als Flugzeugunfallgefahren und atemberaubenden Fotos: Vieles habe ich noch nie gesehen. Manches davon gibt es möglicherweise schon jetzt nicht mehr, weil Klimakatastrophe.

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Der Spiegel provozierte mit einem Titel zu maternal gatekeeping (bedeutet: Väter würden ja gerne die Hälfte der Elternarbeit übernehmen, aber die Mütter lassen sie nicht), mein Internet sprang bereitwillig darauf an. Es ist mal wieder Patricia Cammarata, die das Thema sachlich einordnet und die eigentlichen Probleme dahinter aufdeckt:
“Offene Wunden”.

(Meine Erfahrung aus dem Berufsleben ist ja, dass diejenigen Väter, die tatsächlich Elternarbeit übernehmen – von Kita-Eingewöhnung über Teilzeit bis Hinweis auf nicht verhandelbaren Feierabend -, kein Gewese drum machen.)

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Der Journalist Günter Hack twittert über seine Balkonvögel, vom Psychospatz bis Madame Amsel: Folgeempfehlung @guenterhack. In einem Interview mit der taz erklärt er, warum er das macht.
Twittern über Vögel: „‚Didü‘ ist ein Stimmfühlungslaut“.

Würden Sie auch zu dem Menschen zurückkehren, der Ihnen Rosinen hinlegt?

So funktioniert Kapitalismus: Man muss jeden Tag zur Arbeit gehen. Ich denke aber, dass der Hausamslerich kein größeres Entfremdungsproblem hat, wenn er meine Rosine nimmt. Er mag ja lieber Würmer und nimmt die Rosine nur, wenn er grad nichts anderes findet.

Und warum kriegt er von Ihnen keine Würmer?

Weil er die selber findet.

Warum überhaupt Rosinen?

Weil Amseln Wein mögen.

die Kaltmamsell

Journal Samstag, 14. August 2021 – Chiemsee mit Luxemburger Besuch

Sonntag, 15. August 2021 um 9:39

Sehr unruhiger Schlaf, der bereits kurz nach sechs vorbei war. Nach der Weinbegleitung vom Vorabend fühlte ich mich auch nicht verkaterter als sonst nach schlechter Nacht. Aber hey! Immer noch keine Rückkehr der Migräne.

Draußen weiter Hochsommer, ich bekam nach drei Wochen Pause nochmal Balkonkaffee.

Sie sehen auch die nachreifende Melone aus Kastilien, die sich ebenso wie die beiden anderen beeilen muss, da wir ja in einer Woche verreisen.

Nachdem wir in Luxemburg ein großartiges Schloss vorgeführt bekommen hatten, revanchierten wir uns mit einem großartigen bayerischen Schloss: Herrenchiemsee. Mittags trafen sich Herr Kaltmamsell und ich mit dem Luxemburger Besuch am Holzkirchner Bahnhof und nahmen einen Zug zum Chiemsee. Er war dicht besetzt, aber nicht überfüllt, kam mit nur wenig Verspätung in Prien am Chiemsee an. Wir spazierten die Gleise der Chiemseebahn entlang zur Schiffsanlegestelle und setzten mit nicht zu vielen anderen Ausflügenden über auf die Insel Herrenchiemsee. Es war gerade nicht so heiß, dass man die Sonne konsequent fliehen wollte, wir konnten gut auf einem Außendeck sitzen und den Blick über See und Insel genießen.

Kurz nach dem Anlegen mein Triumphmoment des Tages: Nach dem ersten spürbaren Mückenstich am Ellbogen kramte ich meine Sprühflasche Anti-Brumm raus. Die Begleiter und ich sprühten uns damit umfassend und reichlich ein, und so gehörten wir nicht zu den vielen Chiemseebesuchenden, die wir die Anzahl ihrer Mückenstiche vergleichen hörten, die wir wild um sich schlagen sahen, deren viele rote Quaddeln ich auf den weiteren Schifffahrten ich auf deren Beinen, Armen, Nacken sah. HA! Danke, Chemie-Industrie!

Das glich fast aus, dass ich so dumm gewesen war, nicht bereits von daheim Eintrittskarten fürs Schloss Herrenchiemsee zu besorgen: Jetzt kam Herr Kaltmamsell mit der Auskunft vom Ticketschalter, dass die Touren bereits ausgebucht waren. Also sahen wir uns lediglich auf der Insel um und bestaunten das Schloss von außen.

Der Besuch lud uns im Schlosscafé auf einen Eiscafé ein, der für das Wetter genau das richtige Frühstück war.

Gemütlicher Spaziergang zurück zum Schiffsanleger, jetzt fuhren wir rüber zur Fraueninsel.

Wir hatten Badehose und Handtuch dabei, doch nur der Besuch hatte dann tatsächlich genug Lust aufs Eintauchen in den Chiemsee. Während wir anderen beiden auf einer Bank im Schatten lungerten, zog er sich um und drehte eine Runde im Wasser. Ich machte zumindest meine Füße nass.

Wir umschlenderten das wirklich herzerfrischende Idyll der Fraueninsel. An einem der Bootshäuser blieben wir hängen, weil darin interessante Keramik angeboten wurde – und der Besuch verliebte sich in diese Vase (Linoldruck auf Ton, wurde uns erklärt). Mich faszinierten vor allem die Fischmotive der Künstlerin Iris Stoff, fast hätte auch ich nach einer Vase gegriffen – doch rechtzeitig leuchtete die innere Warnlampe “NICHT NOCH MEHR ZEUG!” auf.

Es war immer noch heiß, als wir kurz vor sechs ein Schiff zurück nach Prien nahmen, der Zug zurück nach München hatte immerhin eine funktionierende Klimaanlage.

In der Abenddämmerung verabschiedeten wir den Besuch, der am Sonntag heim fährt – auf ein Baldiges. Zu Hause zogen wir den Rollladen-Hitzeschutz hoch, aber zum Fensteröffnen war es auch um neun noch zu warm draußen. Herr Kaltmamsell bereitete das Abendessen zu, Ernteanteil-Mangold mit Orecchiette, während ich Brotteig ansetzte und uns zwei kleine Aperol Spritz eingoss. Nachtisch edle Schokolade aus Luxemburg, mit Hoffnung auf eine bessere Nacht.

die Kaltmamsell

Journal Freitag, 13. August 2021 – Abschied, Broeding mit Luxemburger Besuch

Samstag, 14. August 2021 um 8:31

Aus tiefem Schlaf geweckt worden, im Spiegel sahen mich übermüdet und verkatert rote Augen an – ich schaffe das auch mit siebeneinhalb Stunden Schlaf und ohne Alkohol. Das innere Elend wird statt heller immer düsterer, ich setze die verbliebene Hoffnung auf den Urlaub, der in einer Woche beginnt.

Wegen einer Mittagsverabredung mit dem Fahrrad in die Arbeit, ich geriet in ein überraschendes Gewitter (KATWARN-Warnung!), wurde zum Glück nur ein wenig feucht (und sah ein Eichhörnchen vor mir auf einen Baum fliehen, garantierter Lächler – wenn dieser Reflex nicht mehr funktioniert, sollte ich mich vermutlich einweisen lassen).

Im Büro drohte das Elend meine Konzentrationsfähigkeit zu beeinträchtigen, zum Glück gab es Serotonin-Ausschüttung durch eine menschliche Interaktion – ich war wieder voll einsatzfähig.

In der Mittagspause ein Abschiedstreffen am Busbahnhof, das mich vorher wochenlang mitgenommen hatte. Keine closure, kommt auf den wachsenden Stapel verlorener Freundschaften. Dessen erste Schicht gelegt wurde, als ich mit sieben aus dem Wohnblock mit den vielen gleichaltrigen Kindern wegzog, mit denen ich sechs Jahre gespielt hatte und mit denen ich aufgewachsen war.

Zurückgeradelt durch echte Sommerhitze. Mittagessen im Büro: Eine Scheibe Pumpernickel und eine Hälfte der ersten von vier Honigmelonen aus meinem Crowdfarming-Paket, nach einer guten Woche nachreifen (yoah…).

Nachmittags war ich arg müde, obwohl ich meinen Arbeitsplatz gut temperieren konnte. Ich machte früh Schluss, daheim legte ich mich im kühlen und abgedunkelten Schlafzimmer vor der Abendverabredung ein wenig ins Bett.

Die Abendverabredung war mit Herrn Kaltmamsell und dem Besuch aus Luxemburg im Broeding.

Wir saßen im schönen Gastgarten und aßen von Dämmerung bis in die Nacht Köstlichkeiten. Zum Merken: Der Mohn, der so gut zu Roter Bete und Blauschimmel passte, und der Milchbrätling, ein Pilz mit Grillaromen und ganz besonders mürber Textur.

Im Bett war ich erst nach Mitternacht (für meine Verhältnisse ist das dicht an Sodom und Gomorrha), erst jetzt kam die echte Sommernacht von draußen mit ein wenig Kühle herein.

die Kaltmamsell