Journal Mittwoch, 1. Oktober 2025 – Strandpromenade Hove und The Roses

Donnerstag, 2. Oktober 2025 um 9:26

Ich wachte nach gutem Schlaf auf zu fettem Halsweh – das hatte ich nun wirklich nicht kommen sehen. Zwar wusste ich, dass solches Morgenhalsweh beim Aufwachen am stärksten ist und dann abklingt, aber es passte wirklich nicht zu Schwimmen in 19 Grad kaltem Wasser unter freiem Herbsthimmel. Während ich mich am Vorabend noch enthusiastisch auf das Schwimmabenteuer gefreut hatte, war ich jetzt nur ein bisschen enttäuscht. Nächstes Mal. (Tatsächlich verschwand das Halsweh im Lauf des Vormittags völlig.)

Beim Einschlafen hatte die neue Blase vorm linken Fußballen zudem gehörig geschmerzt, vielleicht probierte ich einfach mal diese Rekonvaleszenz aus, von der man im strukturierten Sporttreiben manchmal hört.

Also stellte ich um auf Gammeltag (darf man das denn auf Reisen, statt die raren Tage in der Ferne zu NUTZEN?!), überlegte Spaziergänge durch Brighton.

Auf der Tonspur wurde seit dem Vortag beim Bewohnen der Ferienwohnung einiges geboten: In der Wohnung über mir hatte es am Dienstag Besuch von vielen Menschen gegeben, darunter einigen kleinen Kindern, die Abenteuerspielplatzlärm machten. Mindestens eines davon blieb über Nacht, am gestrigen Morgen war viel Streitens und Weinens. Die große Baustelle am Eck ging wieder um acht in Betrieb, doch der markerschütternde Baulärm mit Bohren und sonstigem Kaputtmachen kam direkt aus dem Nebenhaus auf der anderen Seite, an dem ein Baugerüst hängt. Noch fühlte ich mich nicht sehr gestört.

Das Spazieren führte mich erst durch den Ortsteil Seven Dials: Wenn ich schon gezielt eine Unterkunft darin gewählt hatte, sollte ich mich auch mal umsehen. Das bereitete Vergnügen: Viele kleine Läden, die Greek Bakery, an die Einheimische sofort bei Seven Dials denken (eigentlich eine Bäckerei plus Feinkostgeschäft), Pubs, Cafés.

Jetzt ging ich hinunter zum Meer und am Strand entlang bis ans Ende des (hervorragend ausgebauten) Wegs in Hove. Gestern sollte laut Vorhersage jetzt aber wirklich der letzte regenfreie Tag sein, ich bekam tatsächlich ein paar Regenspritzer ab.

Aus dem hölzernen Meeting Place war ein steinernes geworden.

Neue Scheußlichkeiten an der Strandpromenade.

Doch insgesamt wurde sehr deutlich, dass dieser Abschnitt bei Hove sich herausgeputzt hatte: Viel neue Gastronomie, viele neue Sportanlagen.

Am Ende des Wegs fiel mir schon von weitem ein Schild auf, das für “The Cheese Man” warb, eigentlich bereits im Industriegebiet.

Ich schaute in den kleinen Laden – und stieß zu meiner großen Freude auf ein Angebot an heimischem Käse. Gleich mal für daheim eingekauft.

Das setzte ich zurück in Brighton fort: In dem Weinladen an der Western Road, an den ich mich erinnerte, fragte ich nach heimischen Weinen, durch deren Weinberge ich beim Wandern gekommen war. Genau die hatten sie zwar nicht im Sortiment (Sekt von Wiston eigentlich schon, lediglich im Moment nicht), aber ich ließ mir Neues vom englischen Weinbau erzählen: Weiter hauptsächlich Schaumweine nach Méthode Champenoise, mit den dafür angebauten Pinot-noir-Trauben auch ein wenig Rotwein (sehr leicht), als Weißweintraube dominant Bacchus. Markterfolg bei Schaumweinen durchaus, andere heimische Weine seien vor allem zu teuer für große Akzeptanz (kann ich mir gut mit den kleinen Anbaugebieten und viel manueller, teurer Arbeit erklären). Als der freundliche Herr mir auch zwei Pinot gris vorstellte, schlug ich zu: Grauburgunder mag ich ja sehr gerne, ich freue mich auf einen Test daheim.

Mittagscappuccino am Norfolk Square, dann Rückweg hoch in die Ferienwohnung.

Immer wieder entdecke ich neue Gässchen und Durchgänge.

Kurz vor zwei gab es in der Ferienwohnung Frühstück: Birne, rote Paprika, Butterbrote. Den Nachmittag verbrachte ich mit Lesen und Schreiben am Fenster. Und ich suchte mir einen Kinofilm aus: Das Odeon wird nämlich hinterm Baugerüst doch noch betrieben. Am späten Nachmittag spazierte ich zu einer Vorführung von The Roses mit Benedict Cumberbatch und Olivia Colman, Remake von The War of the Roses von 1989 mit Michael Douglas und Kathleen Turner.

Auffallend im Werbeblock: Einige Aufrufe zu Spenden für Organisationen, die aus deutscher Sicht staatliche Aufgaben übernehmen, zum Beispiel die Fort- und Weiterbildung von arbeitslosen Jugendlichen – wirklich eine andere gesellschaftliche Haltung hier, historisch bedingt.

Im Kino wurde ich gut unterhalten, wenn ich auch in dieser Version weder nachvollziehen konnte, was das zentrale Paar zusammengebracht hatte, noch warum sie später so gemein zueinander waren. Das ganze funktioniert nur auf der Basis einer ganzen Reihe von Prämissen zu romantischen Gefühlen, die ich für überholt gehalten hatte. Außerdem glaubte ich die Chemie zwischen Benedict Cumberbatch und Olivia Colman nicht, im Grunde war das gesamte Ensemble disparat – zum einen hinkte meiner Ansicht nach das Drehbuch (die Kinder? ernsthaft?), zum anderen könnte das an schlechter Regie liegen. Ich fürchte, der Film funktioniert einfach nicht.

Was immer funktioniert: Brightons West Pier. Als ich durchs Baugerüst nach draußen trat, empfing mich Abendrot in allen 70er Rosa-lila-blau-Tönen.


Und ein ungemein dekorativer Mond.

Nach atemlosen Fotografieren hielt ich inne und sah mich um: Einige Leute saßen tatsächlich einfach da und guckten, allein oder in kleinen Gruppen. Ohne Fotos zu machen. Verrückt.

Eine Weile machte ich es ihnen nach, sog die wundervolle Meeresluft ein (die immer noch etwas Sommerliches hatte).

Langes inneres Hin und Her, ob ich Essen gehen sollte (mit Alkohol, auf den ich große Lust hatte) oder eingekaufte Lebensmittel aufbrauchen. Es siegte die Aussicht auf die Süßigkeitenvorräte in der Ferienwohnung. Also gab es dort Linsenrest, Käserest, Paprika-Hummus. Und dann Apple Pies sowie Schokolade.

§

Selbstverständlich sind nach Katastrophen Menschenleben das wichtigste. Doch auch Kulturgüter sollen überleben, dafür gibt es, lernte ich gestern, ehrenamtliche Kulturgutretter*innen. Ein Artikel in der Süddeutschen über das Training dafür (€):
“‘Wenn wir nichts machen, macht es keiner'”.

§

Deutschlehrer @herr_rau hatte eine Unterrichtsidee – und unser gutes, altes, rosenduftendes Internet spielte begeistert mit (ich glaube, das wird den Schüler*innen am schwierigsten zu erklären sein: dass es auch heute noch Bereiche der social media gibt, in denen nicht vermarktet wird, nicht Content-Produzierende auf der einen Seite, -Konsumierende auf der anderen – sondern Leute, die miteinander Spaß haben).

So ging es los (die Vorschläge hinter dem Link oben):

die Kaltmamsell

Lieblings-Breviloquia* September 2025

Mittwoch, 1. Oktober 2025 um 16:41

Auch diesmal am letzten Tag des Monats vergessen und nachgeholt – wobei ich eh das Gefühl hatte, im September erst wegen Arbeitsdruck, dann wegen Reise viel verpasst zu haben.

Mastodon-Ausbeute:

Einer von Bluesky:

*siehe

die Kaltmamsell

Journal Dienstag, 30. September 2025 – Brighton mit Undercliff Walk und Food for friends

Mittwoch, 1. Oktober 2025 um 10:02

Wieder gut geschlafen, wieder zu einem herrlich sonnigen Tag aufgestanden.

Am Vortag hatte ich den Feierabend der 50 Meter entfernten Baustelle um fünf mitbekommen, jetzt lernte ich den Beginn des Betriebs: acht Uhr. Zum Glück, auch das lernte ich, bedeutete Betrieb keineswegs nur Wummerlärm; nach einigem Startwummern mit wackelnden Wänden blieb es ruhig.

Tagesplan 1: Laufrunde den Undercliff Walk entlang. Da ich diesmal recht weit weg von der Strandpromenade wohne, musste ich erstmal entscheiden, an welchen Punkt ich zum Starten spazierte.

In der Wohnung war mir so kalt gewesen, dass ich zum Laufen fast eine Jacke mitgenommen hätte. Doch draußen merkte ich in der Sonne sofort, dass kurze Ärmel richtig waren – unterwegs wünschte ich mir sogar kurze Hosen (Ende September in England!). Zudem halten hier die Bäume noch recht konsequent am Grün fest – wer hätte gedacht, dass ich ausgerechnet in England Herbst-Aufschub bekommen würde?

Übrigens werden hier (Brighton und davor auf dem South Downs Way) beim Joggen ähnlich viele Laufwesten getragen wie in München – ich hätte die Leute, die nach schlichter Morgenjoggingrunde aussahen, gerne gefragt, was sie darin um Himmels Willen alles transportierten (Wohnungs-/Autoschlüssel passt ja in kleine Hosentasche). Aber die Läufer*innen und Wandersleute der vergangenen neun Tage waren hier stoffliger als in München und auf Wanderungen in Bayern: Mein Gruß oder Lächeln wurde in der Hälfte aller Fälle nicht erwidert.

Das Royal Albion sieht schlimm aus: In dem 200 Jahre alten Gebäude hatte es kurz nach unserem jüngsten Brighton-Urlaub vor zwei Jahren gebrannt, noch ist offen, ob überhaupt etwas erhalten werden kann.

Fühlte sich ein bisschen wie Heimkommen an.

Kurz vor Rottingdean.

Das hier kannte ich noch nicht (kurz vor Marina) – ich erinnerte mich aber vage an Renovierungsarbeiten vor zwei Jahren. So ist das halt jedesmal: Mindestens eine Ecke ist kaputt, mindestens eine andere wird gerade hergerichtet, weitere sind schick und frisch erneuert.

Ich kam an der Schwimmmöglichkeit Sea Lanes vorbei (welch bezaubernder Name, der hier nicht nur Schwimmbahnen bezeichnet, sondern sich an The Lanes anlehnt, die winzigen ältesten Gässchen von Brighton), für die ich Badeanzug, Bademütze und Schwimmbrille dabei habe. Ab jetzt war ich SO aufgeregt, ob das am nächsten Tag klappen würde (Wetter, Überwindung wegen Fremdelns etc.). Auf der zugehörigen Website hatte ich schon einiges herausgefunden, unter anderem eine Wassertemperatur, die mit 19 Grad ein paar Grad unter der liegt, die mich nach spätestens 1.500 Metern zum Frieren bringt.

Was mich in Reflexionen brachte: FOMO (fear of missing out, also Angst, etwas zu verpassen) kenne ich ja nicht. Meine Motivation ist oft fear of regret, also Angst, dass ich mich später darüber ärgere, etwas nicht gemacht zu haben. Oder überhaupt die Befürchtung, mich rückblickend zu ärgern. Das führt zum Beispiel zu sorgfältiger Planung von fast allem, denn ich möchte mich nicht ärgern, weil ich etwas vergessen oder übersehen habe.

So frage ich mich auch nie, was ich eigentlich gerade will (woher soll ich das wissen?!). Statt dessen versuche ich mir vorzustellen, die Erinnerung woran, die Rückschau worüber mir Freude bereiten wird. Ich behaupte mal, dass ich damit vielleicht nicht die Mehrheit, aber sicher nicht allein bin.

Die Renovierung des Madeira Drive ist offensichtlich im Gang; bei den letzten beiden Brighton-Besuchen hatte ich die Kampagnen mitbekommen, dafür Spendengelder einzusammeln.

Die Bewegung, die Luft, das Licht, die Anblicke hatten mich richtig euphorisiert. Doch ich lief mit den alten Laufschuhen (ich hatte sie statt der neuen mitgenommen, um sie in der Ferne wegzuwerfen) – und schon hatte ich im letzten Drittel wieder die Fußschmerzen, die ich dank der neuen Schuhe mit Ultra-Hightech-Federung hinter mir gelassen hatte. Ich humpelte den Rest des Tages – und fand abends beim Ausziehen heraus, dass sich zwischen linkem Fußballen und Zehen direkt unter der Prinzessinnenzehe eine große Blase gebildet hatte, ganz sicher wieder ohne drückendes Hindernis, wieder einfach als Sonderpolster (erzählt mir nichts von “ungewohnter Druck” – Joggen und Gehen sollten meine Füße wirklich gewohnt sein und sich nicht so anstellen).

In der jetzt sonnenwarmen Wohnung trank ich viel Wasser, ging dann unter die Dusche. Um die Ecke gab’s einen Mittagscappuccino, der auch in diesem kleinen Speciality Café (mit Regalen voll para-medizinischen Heilmitteln) als Milchkaffee ausgeschenkt wurde (das Angebot, ihn durch “mushrooms” zu ergänzen, lehnte ich ab) (what?).

Tagesplan 2: Spätes Mittagessen im Brightoner Lieblingsrestaurant Food for Friends. Kurz vor zwei, so mein Kalkül, würde ich auch ohne Reservierung problemlos Tisch und Essen bekommen. Ich lag richtig und wurde am schönsten und sichtbarsten Tisch in der Spitze des Gebäudes platziert (mein Scherz, ob ich auch hübsch genug dafür sei, starb elendiglich).

Dann gab es wieder köstliches Essen, das wie immer zur Verwunderung führte, warum ich diese hervorragenden, liebevollen Teller, halt ohne Fleisch oder Fisch, nur hier bekomme. Sehen Sie sich einfach mal die Speisekarte an – das kann doch nicht so schwer sein?

Zur Vorspeise Crispy Tofu: “Tamari marinated tofu with a chilli and ginger sauce”. Ganz wundervoll, ich mag guten Tofu wirklich. (Weiß aber, wie grässlich schlechter ist.)

Hauptgericht gefüllt Champignons: “Oven-roasted Portobello mushroom filled with sautéed spinach, served with broccolini, fine beans, and a golden potato gratinate. Finished with a creamy garlic sauce, crispy capers and sun-dried tomato for a rich, savoury finish”. Hervorragend.

Spaziergang zurück übers Kino Odeon, ich wollte nach dem Programm sehen.

Oder auch nicht, das Gebäude wird einmal komplett durchrenoviert.

Also (nicht ungern) Nachmittag mit Lesen am Fenster und auf dem Sofa, eine Runde Yoga-Gymnastik.

Zum Nachtmahl gab es Apfel, restlichen Linsensalat, Brot mit Butter, eingeweichte Trockenpflaumen, sehr reichlich Schokolade/Süßigkeiten. Das war insgesamt zu viel.

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Aufwändige und lesenswerte Recherche von Reiner Wandler für die taz über die diesjährigen Waldbrände in Nordspanien: Warum Viehhaltung Brände verhindern kann, welche Rolle die Landflucht in Spanien spielt – und zum Beispiel war mir neu, wie viel Land in Galicien Almende ist, also Gemeinschaftsbesitz.
“Aufgestanden aus der Asche”.

§

Ich werd’s ja nicht gucken, weil a) TV-Serie, b) Bezahlkanal, freue mich aber dennoch sehr über den Anblick von Emma Thompsons wunderschönem Faltengesicht. (Vielleicht, vielleicht, vielleicht kapiert die Filmindustrie, dass solche Gesichter spannender sind, als die Landschaft aus ewig glattgespritzten/-operierten? Wirklich junge Gesichter wachsen ja nach für die entsprechenden Rollen.)

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https://youtu.be/0unUwpCfRg0?si=Fy6Q825bJh7wGKlC

Emma Thompson scheint sich ohnehin gerade auf Action-Rollen zu stürzen: Was ich sicher auch nicht sehen werde, aber in diesem Fall, weil ich solche Filme nicht vertrage:

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https://youtu.be/klGRM4Qs-gk?si=PpWtzb3j50CRcxXB

§

Die britische Kultur stirbt aus.
Na gut: Die Esskultur.
Na guter: Die süßen puddings, was hier nicht etwa das Dr.-Oetker-Packerl ist, das mit Milch und Zucker aufgekocht wird, sondern etwas in Dampf und heißem Wasser Gegartes. Auch hier tut der Guardian seine Pflicht, der Sache auf den Grund zu gehen: Tim Dowling berichtet nicht nur, sondern kocht sie.
“Steam, stodge – and so much suet: I made 10 endangered British puddings. Are any actually worth saving?”

Falls Sie deutsche Vorurteile gegenüber britischer Küche bestätigt haben wollen: Bitteschön.

die Kaltmamsell

Journal Montag, 29. September 2025 – Brighton durchschnürt

Dienstag, 30. September 2025 um 9:05

Gut und ausgeschlafen, mehr als siebeneinhalb Stunden brauche ich wohl nicht. Der erste Vogelruf, den ich beim Aufwachen hörte, war eine Krähe statt einer Möwe – alles wird anders!
Es tagte wolkenlos.

Wieder setzte ich mich warm angezogen zu meinem Morgenkaffee: Das von den Vermietern angekündigte Heizen morgens und abends war nicht eingetreten. Zumindest ist die Wohnung nicht so kalt wie einige der B&B-Zimmer vorher.

Ich saß mit Laptop an dem Tisch im Bay Window der Wohnung, sah immer wieder raus in den herrlichen Sonnentag. Mein Blick fiel zum Beispiel auf einen weißhaarigen, sonnengegerbten alten Mann in hellen Bermudas, blauem Pulli und Deckschuhen, der mit Einkäufen in der Hand die Straße hochging und so typisch küstenortig aussah, dass ich mich nun wirklich am Meer angekommen fühlte.

Blick aus der Ferienwohnung – u.a. auf die Baustelle, von der noch die Rede sein wird und die aus der gesamten Ecke des Häuserblocks besteht.

Mein gestriges Programm war Herumlaufen in Brighton für Einkäufe. Erstmal spazierte ich mit Liste zum großen Supermarkt Waitrose, sah mich dort auch gründlich um.

Ich habe solch ein Scheißglück mit dem Wetter!

Diese Einkäufe brachte ich in die Wohnung, dann nächste, größere Runde: Über Boots (Zahnpasta, Zahnbürste – das war so geplant), Ikea (für Geschirrtücher – waren aber gerade aus), Marks & Spencer (Geschirrtücher, schwarze Baumwollunterhosen – der spontane Fünferpackenkauf vor zehn Jahren hatte sich beeindruckend bewährt), Schaufenstergucken, Western-Road-Bummeln, Brotkauf, gründliches Mäandern durch die Gässchen zwischen Western Road und Strandpromenade.

I see dead shops: An vielen Stellen ergänzte mein Hirn Ansichten aus vergangenen Jahrzehnten, das zum Beispiel war das letzte große Antiquariat gewesen. (Für die Chronik: Aktuell werden geschlossene Läden im Zweifelsfall durch Coffee Shops ersetzt, “Speciality Coffee”.)

Brunswick Square.

Die Moschee ist schön renoviert.

Das chinesische Lieblingslokal (mit den lackierten Enten im Fenster), in dem ich vor vielen Jahren meine erste Peking-Ente aß, wurde aufgegeben.

Doch das Lokal, in dem ich Dim Sum kennenlernte, gibt es noch. Dahinter der verfallende West Pier.

Deutlich nach eins kam ich zurück in die Ferienwohnung und zum Frühstücken: Apfel, Tomatenbrote, Joghurt mit (seit Vortag eingeweichten) Trockenpflaumen.

Die Wäsche war am Sonntag so schlecht geschleudert aus der Waschmaschine gekommen (hatte ich nicht rechtzeitig gemerkt), dass sie sehr langsam trocknete. Ich nutzte jeden Sonnenstrahl in Wohnzimmer und Hinterhof (!), um besonders feuchte Stücke darin auszubreiten.

Gleich nochmal raus in die kurzärmlige Milde, jetzt ging ich zu North Laine mit seinen vielen kleinen Gässchen und immer noch großteils Inhaber-geführten Läden. Der mit offenen Süßigkeiten nach Gewicht war auch nach über 35 Jahren noch da, ich stellte mir eine große Tüte zusammen.

Jetzt machte ich es mir in der Ferienwohnung gemütlich mit Lesen. Tatsächlich ungemütlich allerdings: Die Baustelle nebenan. Manche Baustellengeräusche finde ich durchaus erträglich, lautes Wummern und Bohren weniger, am Nachmittag vibrierte die ganze Küchenzeile. Zum Glück wurde um fünf Feierabend gemacht.

SIE sehen hier wahrscheinlich nur einen Bettvorleger. Ich sah eine potentielle Yogamatte und trug den Teppich ins Wohnzimmer: Yoga ging darauf tatsächlich auch nicht schlechter als auf meiner Reise-Matte.

Nachtmahl: Ich kochte eine Packung Puy Linsen (hey, ich hantiere mit diesem Gasherd wie eine Alte! ist mir sogar sympathischer als Induktion, bei Gas habe ich einen direkteren Bezug zu Hitzequelle und Hitzemaß), schnippelte in einen Teil davon rote Paprika, Gurke, Tomate, Frühlingszwiebeln, machte mit reichlich Olivenöl daraus Salat.

Zum Nachtisch gab es eine große Portion aus der Tüte Süßigkeiten.

Das Wetter soll erstmal so bleiben, ich ging mit dem Plan einer Laufrunde den Undercliff Walk entlang ins Bett. Dort neue Lektüre: Gaea Schoeters, Lisa Mensing (Übers.), Trophäe – die sehr fremde Welt der Großwildjagd in Afrika, aus sofort fesselnder Perspektive.

§

Eine Blog-Empfehlung für Typografie-Nerds und -Fans wie mich (ich bringe es ja immer höchstens zum Fangirl): Thomas Pfeiffer hat einen Blick für die Form und Aussage von Buchstaben, seit ich ihn kenne (und das ist lang); an diesem Ort im Web sammelt er jetzt seine Entdeckungen und was er darüber herausfindet.
Das Typographische Fundstück.

§

Am Oktoberfest verstehe ich ja Vieles nicht. Dass es aber seit vielen Jahren eine Schwulen-Hochburg ist, liegt bei so viel geballtem Camp meiner Ansicht nach total nahe. Und so gibt es natürlich auch die Schwuhplattler, die Süddeutsche stellt sie vor – mit u.a. sehr schönen Fotos (€):
“Queeres Platteln”.

Zum weltweit größten Volksfest gehören die Münchner Schwuhplattler mittlerweile dazu wie das Teufelsrad, der Toboggan oder die Tracht. Sie sind auf dem Weg, ein Wiesn-Klassiker zu werden.

§

Fährt eigentlich noch jemand per Anhalter? Die späten Ausläufer dieser Form der Mobilität machte ich Ende der 1980er / Anfang 1990er als junge Frau noch mit (ganz selten, aber doch): Während meines Auslandsstudienjahrs in Südwales hätte ich sonst mangels Geld so gut wie nichts außer Swansea gesehen – und auch für die vier einheimischen Freundinnen, die ich dort gleich von Anfang an fand, war das die übliche Form, von A nach weiter entferntem B zu kommen.

Doch schon lange sind die meist jungen Menschen mit Pappschild in der Hand oder auch nur gerecktem Daumen an Autobahnauffahrten verschwunden. Umso interessierter las ich in der Süddeutschen den Artikel von Christin Lesker (€):
“Warum ich per Anhalter fahre”.

die Kaltmamsell

Journal Sonntag, 28. September 2025 – Ankunft in Brighton

Montag, 29. September 2025 um 9:05

Gut geschlafen, energisch fast so lang wie möglich (10:30 Uhr) mein Zimmer belegt. Mangels anderer Sitzgelegenheiten bloggte und las ich auf dem Bett.

Am Vorabend hatte ich bereits herausgefunden, dass ich nicht den Zug von Eastbourne nach Brighton nehmen würde, da vor Bauarbeiten auf der Strecke gewarnt wurde: Bei aller Neugier auf andere Kulturen – SEV auf Englisch muss ich nicht wissen (letztes Stück Lewes-Brighton). Doch der Doppeldeckerbus nimmt ja ohnehin die viel schönere Strecke entlang der Küste, die zudem nur einen Bruchteil des Zugtickets kostet: 3 Pfund fürs Tagesticket.

Dass ich eine Haltestelle der vier Buslinien nach Brighton erstmal finden musste, machte mir nach Abschied von der freundlichen jungen Gastgeberin nichts aus: Das Wetter war wieder hell und mild, ich hatte wirklich Zeit. Denn die Haltestelle an der Uferpromenade, an der ich zunächst wartete und an der laut Aushangfahrplan mindestens zwei Linien vorbeifahren mussten, blieb eisern leer. Rollkofferte ich halt zum Busbahnhof – und tatsächlich, dort erwischte ich sofort einen.

Auf den anderthalb Stunden Fahrt wurde der Bus immer voller: Ausflugsgruppen, alte Leute allein und in Gruppen, Wander*innen, Menschen mit Kindern und Kinderwagen – ich saß irgendwann sehr eingeklemmt zwischen meinem Koffer und einem Sitz, um nicht zwei zu besetzen und war froh, als ich in Brighton am Old Steine rauskam. Dort gibt es derzeit so viele Baustellen an Gebäuden, Wegen und Straßen, dass ich mich erstmal orientieren musste. Wobei “Baustellen” vielleicht nicht ganz korrekt ist: Einige Baufälligkeiten sahen lediglich gesichert und abgesperrt aus.

Zwar war Sonntag und der bot die Option auf Sunday Roast in einem Pub, doch mir war jetzt um kurz vor eins viel mehr nach einem reichlichen Frühstück. Also steuerte ich unter mittlerweile düsterem Himmel das Café The Boudica in der Western Road an.

Mediterranean breakfast und Cappuccino. Beides erfreute mich sehr.

Jetzt fielen die erste Regentropfen nach acht Tagen. Aber es waren nur wenige, das konnte ich gut im Café aussitzen.

Die Kanne Schwarztee, die ich nach dem Frühstück bestellte, war eindeutig zu viel Koffein, mir wurde zittrig und schwummrig. Doch jetzt war es endlich spät genug, dass ich (halt in dieser Verfassung) meinen schweren Koffer hoch zur Ferienwohnung schleifen konnte – in Brighton ist alles, was nicht direkt am Strand verläuft, hoch oder runter, aber erstmal hoch (außer der großen Western Road, Haupteinkaufstraße, die verläuft parallel zur Strandpromenade).

Die detaillierte Anleitung der Vermieter funktionierte, ich kam in eine genau richtig große Altbauwohnung im 1. Stock, die mit der Beschreibung bei AirBnB übereinstimmte (worauf ich mich nach den letzten Reinfällen nicht verlassen hatte).

Hinter der Brüstung links die Küchenzeile, rechts gegenüber vom Bay Window geht es ins Schlafzimmer und von dort einige Stufen runter ins Bad – typische Aufteilung dieser Häuser.

Was das Schlimmste sein soll, das mir in Brighton widerfährt: Die Vermieter waren meiner Bitte nach Waschmittel nicht nachgekommen, möglicherweise wohnen sie ja auch weit weg. Ich ging also erstmal in einen Sainsbury’s City (hier haben am Sonntag immer mehr Läden auf) und besorgte neben Abendessen und Schokolade die kleinstmögliche Packung Waschmittel.

Dank hiermit ausdrücklich der @dieliebenessy für den Tipp vergangenes Jahr mit den Packtaschen: Auch bei diesem zweiten Einsatz (nach Mallorca) für täglichen Unterkunftswechsel SO eine Erleichterung! (Hier in leerem Zustand, weil der Inhalt bereits in der Waschmaschine seine Runden drehte.) Ich verwende sie wie Schubladen eines Kleiderschranks: Eine für Unterhosen, eine für BHs, Socken, Oberteile, Hosen, Krams und Kleinzeug.

Da ich ihn fürs Abendessen brauchen würde, testete ich den Gasherd: Den eingebauten Zündfunken brachte ich nicht zum Zünden, da tat sich nichts. Es ist durchaus möglich, dass ich mich einfach nur ungeschickt anstellte, sogar wahrscheinlich. Aber brute force ist als Workaround meine Spezialität: Nochmal rausgegangen und beim News Agent ein Feuerzeug gekauft. Damit bekam auch ich das Gas zum Brennen.

Jetzt muss ich bis nächsten Samstag nirgendwo mehr hin, meine Pläne sind so vage wie schon lang nicht mehr: Lebensmitteleinkäufe, alle geliebten Straßen und Gassen durchspazieren, Laufen am Undercliff Walk, vielleicht geht sogar Schwimmen, Essen im Food for friends, im Weinladen nach englischen Weinen sehen.

Zum Nachtmahl machte ich mir wie einst als Studentin Fastfood: einen großen Kopf Brokkoli in Stücken gekocht, ordentlich Butter dran (Letzteres hätte ich allerdings als Studentin nie, sondern nur ein paar Löffel Sahne genommen, weil ich Kalorien zählte). Dann noch gekaufte kleine Bramley Apple Pies und Schokolade.

Nach dem Erstgebrauch der Küche spülte ich alles vorhandene Besteck gründlich, bis nichts mehr davon klebte, und setzte sowohl Küchenrolle (u.a. als Serviettenersatz) als auch Geschirrtuch (dieses Winzelding reicht mir niemals die Woche) auf die Einkaufsliste.

Spät (!) ins Bett zum Lesen, Die Anomalie von Hervé Le Tellier, Romy und Jürgen Ritte (Übers.) ausgelesen – war nicht so das Meine, vielleicht geht französische Literatur wirklich an mir vorbei (bis auf Krimis wie die von Fred Vargas, bei deren Lektüre das Genre überwiegt).

§

Was auch weiterhin bei der Diskussion über sogenannte KI vernachlässigt wird: Dahinter stehen Tausende von Menschen mit dem Beruf Data-Worker. Und oft menschenverachtenden Arbeitsbedingungen:
“Data-Worker und Drecksarbeit
Raus aus der Unsichtbarkeit”.

Die zitierte Joan Kinyua habe ich auf einem Panel der jüngsten re:publica gesehen.

Übrigens:

Meta hat sich in Reaktion auf die Klage darauf berufen, gar nicht selbst in Kenia zu operieren und mit dem Argument die Klage gegen sich angefochten. Das Netzwerk beauftrage lediglich Sama, für die Arbeitsbedingungen seien sie nicht verantwortlich.

Genau gegen solche Schachzüge hat die EU das Lieferkettengesetz eingeführt. Das Sie vermutlich nur vom Schimpfen gegen zusätzliche Bürokratie kennen. (Umsetzung wieder andere Sache.)

die Kaltmamsell

Journal Samstag, 27. September 2025 – South Downs Way Tag 7: Von Alfriston nach Eastbourn

Sonntag, 28. September 2025 um 9:01

Das Wichtige vorab: Bin gesund und munter (!) am Ende des South Downs Way angekommen.

Gut im sehr kalten Zimmer geschlafen, es hatte eine Weile gedauert, bis es mir unter dem leicht klammen Bettbezug warm geworden war. Vor Wecker aufgewacht, sehr munter.

Erstmal ans Fenster, eh.

Zum zweiten Mal konnte ich mich an einer luxuriösen Kaffee- und Teeküche bedienen (inklusive einem Mikro-Kühlschrank für mein Kännchen Frischmilch): Mein erster Kaffee aus der French Press (Parameter vorher natürlich online recherchiert: Wie geht das, damit guter Kaffee rauskommt) – ja, schmeckt wie guter Filterkaffee. Dann noch zwei Tassen Schwarztee.

Aber es war so kalt! Bloggen in dicken Socken, Fleecejacke, Janker. Meine letzte Wanderetappe trat ich entsprechend durchgefroren an, so sollte das eigentlich nicht sein. Als ich mich von der Gastgeberin verabschiedete (danke nein, ich nahm lieber doch nichts mit als Brotzeit, das hätte offensichtlich Umstände verursacht), bemerkte ich sehr wohl ihren dicken Wollpulli mit Steppweste drüber, so wohnt man hier halt.

Ich war früh dran und sah mich ein wenig im (übersichtlichen) mittelalterlichen Alfriston um.

Herzstück: Die Kirche St. Andrews aus dem 14. Jahrhundert.

Aus Feuerstein (flint) gebaut.

Eine Runde durch die morgenleeren Gässchen, die ungefähr lediglich doppelt so viel Fläche belegten wie der Touristen-Parkplatz – letzterer aber mit einem sehr willkommenen Klo.

Ich nahm den South Downs Way wieder auf, letzte Etappe, die Küsten-Variante über die Seven Sisters (es gibt auch eine Streckenführung weiter im Inland).

An einem Samstag war ich durchaus auf Ausflüger*innen auf der Strecke gefasst gewesen. Auch dass aus der einen Charity-Wanderung (rosa T-Shirts) zwei geworden waren (grüne T-Shirts, und davon viele, viele Gruppen und einzelne), verarbeitete ich ganz gut. Doch dass es auf den Seven Sisters zuging, wie ich mir Wandern auf dem Nanga Parbat vorstelle (minus Leichen), überraschte mich dann doch. Offensichtlich handelt es sich um eine international abzuhakende Sehenswürdigkeit, ich war von so vielen chinesischen Touristen umgeben wie zuletzt auf dem Jungfraujoch (minus Kurzatmigkeit wegen Höhe). Dafür aber nur ganz wenige Mountainbiker.

Erstmal am River Cuckmere entlang.

Hier in Litlington hatte ich am Vorabend gegessen.

Im ersten Abschnitt der gestrigen Wanderung hörte ich noch regelmäßig Fasane: Die kennen Sie sofort, klingen wie eingerostete Gockel. Mit nahender Küste dominierten immer stärker Möwen.

Beginn des Seven Sisters Country Park an der Mündung des Cuckmere (riesiger Parkplatz, einige Reisebusse); der Weg führt links hinter mir die Klippen entlang.

Die Beschäftigung zweier Rucksack-unterm-Arsch-Trägerinnen (das hat man noch?) erinnerte mich an das Wichtigste beim Besuch von internationalen Attraktionen: Selfies.

Jetzt endlich hatte ich das Meer in der Nase; zu meiner Überraschung roch es nach Meer im Sommer.

In Birling Gap, das derzeit aufwändig vorm Wegbröseln bewahrt wird, bekam ich im großen und rege besuchten Visitor’s Center des National Trust diesmal erst nach drei Stunden Wanderung meinen Mittagsmilchkaffee.

Zurückgeblickt auf Birling Gap.

Leuchtturm unter Beachy Head.

An einem Café dort machte ich in der wärmenden Sonne Brotzeitpause: Restliche Äpfelchen (ich will mehr davon!), Nüsse, Trockenfeigen und -pflaumen.

Wenig später schob sich mein Ziel in den Blick: Eastbourne. In Sonne hatte ich den Küstenort noch nie gesehen, bei den mindestens zwei vorherigen Besuchen mit Herr Kaltmamsell hatte es geregnet. (Der zusätzliche Pfeil am Wegweiser-Pfosten gilt einer der Charity-Wanderungen.)

Fertig!

Weil ich wieder früh dran war, spazierte ich noch ein wenig in Eastbourne (was ich am nächsten Tag ja eher nicht machen würde, weil ich dann meinen großen Koffer selber transportieren musste).

Blick zurück.

Edle Badehäuser – es wurde auch im Meer gebadet! Und auf den Pfählen im Wasser saßen reichlich Kormorane.

Samstags wird geheiratet, im Hintergrund der Pier.

Das waren dann gut sechs Stunden mit zwei langen Pausen für 23 Kilometer (davon gehen aber mindestens zwei auf die Extrarunde in Eastbourne).

Insgesamt bin ich den vergangenen sieben Tagen laut meinem Handy 175 Kilometer gegangen (etwas mehr als die offiziellen 100 Meilen des South Downs Way, die umgerechnet knapp 161 Kilometer sind). Fast schon unheimlich: alles ohne einen Tropfen Regen, die meiste Zeit sogar mit Sonnenschein. Das hatte ich noch bei keinem Wanderurlaub. Vermutlich noch nie habe ich mich so richtig darüber gefreut, eingepackte Kleidungsstücke gar nicht getragen zu haben (superduper Regenjacke, Regenhose).

Mein Körper hat ganz erstaunlich gut mitgemacht, da bin ich schon aus mancher übersichtlichen Tageswanderung kaputter rausgekommen. Und nach dem kleinen Durchhänger an Tag 6 bereitete mir gestern auch das Gehen wieder ausgesprochen Freude, die gleichmäßige, aber durchs Hoch und Runter nicht zu gleichmäßige Bewegung entspannte mich.
Positive Überraschung: Nahezu keine Wanderkrätze, nur am Abend des zweiten Wandertages sah ich ein wenig der typischen gesprenkelten Rötung. Ich würde sagen: Bei mir persönlich kann man “große Anstrengung” als Ursache schonmal ausschließen.

Mein gestriges B&B (die linke Hälfte).

Das Zimmer schön und mit Aussicht (und sonnenwarm), aber zu klein (kein Tisch, kein Stuhl, kein Platz für Koffer). Der Check-in lief per Telefon über Lautsprecher bei Hausklingel, das war ein wenig seltsam.

Sinkendes Herz beim Stiefelausziehen: Jetzt löst sich auch die zweite Sohle von den guten alten Stiefeln. Diesmal muss ich in mich gehen, ob mir nach knapp 30 Jahren eine weitere Neubesohlung (kostet mittlerweile 100 Euro) das Geld wert ist (das ist der aktuelle Nachfolger, hm, hm). Und wenn nicht, ob ich die kaputten Stiefel dann überhaupt zurück nach Hause trage.
Mein anderes Paar von Meindl muss ja auch zur Reparatur eingeschickt werden: Zwei Nähte (nicht mehr nur eine) lösen sich. Ach meia.

Zum Abendessen hatte ich mir den ganzen Tag schon Fish & Chips eingebildet, auf dem Weg zur Unterkunft bereits ein vertrauenswürdiges Etablissement gesehen. Dort saßen dann tatsächlich locals, und ich beobachtete, dass die alten davon Tee zu ihren Fish & Chips bestellten. So weit ging ich nicht.

Am besten schmeckten mir die extra bestellten Mushy Peas, nämlich so richtig nach Erbsen – ich hätte die Mengen zwischen Kartoffeln und Erbsen gerne getauscht. Aber: Hiermit sind Fish & Chips abgehakt, die schmecken halt nie nach viel. Zurück im Zimmer gab’s als Nachtisch Schokolade.

Da ich am heutigen Sonntagmorgen ja eher Zeit rumbringen muss (Bezug Ferienwohnung in Brighton nach 15 Uhr), verschob ich die Bildbearbeitung und Finalisierung des Blogposts darauf – und nutzte die übrige Energie für Lesen.

Vielleicht fällt ja jetzt der Druck ab? Wenn ich es erstmal nach Brighton und in die Wohnung schaffe?

§

Mal wieder Tanz!

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https://youtu.be/7nJRGARveVc?si=YFrr5LGAXsxCvM-m

via @goncourt

die Kaltmamsell

Journal Freitag, 26. September 2025 – South Downs Way Tag 6: Kingston nach Alfriston

Samstag, 27. September 2025 um 8:06

Nicht so lang geschlafen, wie ich hätte können vor der vorletzten, lächerlichen 18-Kilometer-Etappe, ab vier Uhr ging nur noch Dösen – und natürlich Weiterärgern; unter anderem stellte ich mir vor, jemand kommt auch noch regennass von einer Wanderetappe in diesem fensterlosen Winzelzimmer an, ohne Chance, irgendwas zum Trocknen aufzuhängen.

Aber wieder brach der Tag trocken an, blieb auch den ganzen sechsten Tag in Folge trotz mancher wirklich bedrohlich dunkler Wolken trocken – wahrscheinlich hat den englischen Regen einfach Frau Brüllen bei ihrer archäologischen Grabung in der Schweiz abbekommen.

Auch ohne Frühstück hatte ich Gelegenheit, mit der Gastgeberin zu plaudern, nämlich wartend an der Haustür: Das Taxi kam diesmal 20 Minuten später als vereinbart, da hatte man sogar meinen Koffer bereits abgeholt. Die Rückfahrt nach Kingston war nur ein Drittel so lang wie die Hinfahrt am Vorabend – als ich mich sehr gewundert hatte, dass der Taxifahrer (Typ alter Depp)1, mich durch halb Lewes kutschiert hatte, durch winzige Gässchen, am Bahnhof vorbei. Die Fahrt zurück zum gestrigen Ausgangspunkt entsprach meinen Recherchen für Fußweg zur Not.

Die Wanderung führte mich gestern vor allem über baumlosen Hügelrücken, meist im Wind, aber nicht so unangenehm wie am Vortag. Es gab nicht Detail-Sehenswürdigkeiten, wohl aber Ausblicke. Im ersten Teil waren um mich zwei Wandergruppen: Eine ca. zwölfköpfige auf charity walk, eine zweiköpfige. Beide traf ich über meinem Mittagscappuccino wieder (Pause wieder früher als geplant, weil Wandercafé!), doch dann ließ ich sie für den Rest des Wegs hinter mir. Insgesamt merkte ich, dass ich langsam durch bin mit Wandern für dieses Mal.

Erstmal ein bisschen Kingston.

Über dem Ort startete gerade ein Paragliding-Tandem (sehr wahrscheinlich mit einem ein ganz anderen Verhältnis zu dem blöden Wind als ich).

Typischer Bauernhof in dieser Gegend (laut meiner langjährigen Wandererfahrung in den South Downs von Brighton aus).

Mittagsmilchkaffee, als Cappuccino verkauft.

Ausblick auf Newhaven.

So sah mein Weg gestern mit wenigen Varianten die meiste Zeit aus.

Auch Mittagspause machte ich eine halbe Stunde früher als eigentlich geplant. Zum einen war ich schon weit auf meiner Tagesetappe, zum anderen kam ich an einem Parkplatz vorbei – und wir haben ja gelernt: Wo Parkplatz, da Bankerl mit Aussicht – schlicht eine andere Bankerlkultur als bei uns. Diese musste ich ein wenig suchen, doch sie stellten sich sogar als nur zwei von vieren heraus. Es gab wieder Äpfelchen, Nüsse, Trockenpflaumen und -feigen. Dazu kalten Wind, ich blieb dennoch eine Weile sitzen, u.a. weil guter Handy-Empfang.

Die Stein-Ernte scheint dieses Jahr gut gewesen zu sein.

An meinen Zielort Alfriston gelangte ich nach fünfeinhalb Stunden und gut 16 Kilometern. Das stellte sich als ganz entzückender alter Ort mit viel touristischer Infrastruktur heraus, ich bekam sogar endlich wieder Schokolade zu kaufen!

Die Entzückung hielt an, als ich an meine Unterkunft kam (ich war misstrauisch gewesen, weil ich wieder ans Ende einer Ausfallstraße geschickt wurde und kein Abendessen angeboten wird): Neben dem Weingut Rathfinny (Schild “Beware harvest in progress”) lag das historische Riverdale B&B.

Der freundliche Gastbeger hieß mich meine Wanderstiefel an der Tür ausziehen (es war sogar für einen Stuhl gesorgt), fragte meine Frühstückswünsche ab (Sandwich bekomme ich hier wohl keines zum Mitnehmen, er bot mir Brot an?) und brachte mich auf dieses wundervolle Zimmer: Wenn ich sofort aus dem Fenster fotografieren möchte, ist alles in Ordnung. Der Herr gab mir ein paar sehr brauchbare Tipps für ein Abendessen unweit.

Im schönen Bad entdeckte ich eine Badewanne: Das war meine große Hoffnung gewesen, der Wind hatte mich am Ende doch ganz schön durchgekühlt. Doof allerdings: Auch hier wird noch nicht geheizt, Ende September ist wahrscheinlich in Europa eine dafür ungünstige Reisezeit, weil vielen Gastgebern noch nicht kalt ist. Also heißes Bad in kaltem Badezimmer, besser als keines.

Zum Abendessen folgte ich der Gastgeberempfehlung ins Nachbardorf Litlington – die Orte heißen hier im Grunde so geradeaus wie im Oberbayerischen, aus dem ich komme (Manching, Gaimersheim, Lippertshofen). Nur halt auf Englisch. In Alfriston hätte es schon auch zahlreiche Lokale gegeben, aber zum Plough & Harrow in Litlington hatte er ergänzt, man brauche auch gestern am Freitagabend keine Reservierung. Und Dorfpub fand ich ohnehin sehr attraktiv.

Die 15 Minuten Fußweg dorthin waren die Entscheidung allein schon wert.

Verwunschener Weg quer durchs Tal.

Bach Cuckmere (tihihi) im Abendlicht – die Farben waren genau so.

Witzelvorlage am Wegesrand.

Im Pub erkundigte ich mich:
“Do you have any local ales on tap?”
“All of them.”
<3
Ich ließ mir eines empfehlen.

Nach nicht mal 15 Minuten hatte die eine Barmaid mich bereits “love” genannt, die andere über meinen blöden Witz gelacht – ich fühlte mich adoptiert. Mit mehr oder anderer sozialer Energie hätte ich einen denkwürdig geselligen Abend verbringen können: Ich bekam mit, dass es gestern ab spätestens acht live Musik gab.

Sehr wahrscheinlich die letzte Gelegenheit heuer für richtiges Pub Food: Ich bestellte, was Herr Kaltmamsell bestellt hätte, also Steak, Onion & Guiness Pie (den ich durchaus auch selber mag).

Kam mit einer ernst zu nehmenden Portion Brokkoli, hatte eine wundervoll blättrige Hülle und enthielt wie erwartet nur wenige Stücke Rindfleisch. Nachtisch:

Dreimal Sticky Toffee Pudding in sechs Tagen – was aufs Jahr gerechnet einer alle vier Monate ist – finde ich in Ordnung. Und wenn’s als positive Verstärkung für die Anbieter dient. Dieser war der am wenigsten gute (aber immer noch deutlich besser als kein Sticky Toffee Pudding), dafür mochte ich das Eis dazu besonders.

Rückweg im fast Stockdunklen, jetzt verstand ich die Empfehlung in meinen Wanderunterlagen, fürs Abendessen eine Taschenlampe mitzunehmen. Ging schon, vor allem genoss ich die Nachtdüfte, in Dunkelheit bin ich sonst nie auf dem Land.

Zurück im Zimmer noch ein wenig Schokolade, Bildbearbeitung, Lesen.

VG Wort hat den Ausschüttunngsbrief für 2024 geschickt: Mittlerweile gibt es pro Post (zur Erinnerung: Geld gibt es, wenn eine bestimmte Textlänge und ein Mindestzugriffszahl erreicht ist – hier habe ich das mit der VG Wort genauer erklärt) nur noch 19,73 Euro, vergangenes Jahr waren es noch 25 Euro. Damit werde ich meine Rente also auch nicht wirklich aufbessern können.

  1. These: Das eher früher geläufige “alter Dep” ist ein heutiger Alter Weißer Mann mit gleichem Anspruchsdenken, nur ohne Machtposition. []
die Kaltmamsell