Um halb sechs aufgestanden, um die leeren anderthalb Stunden nach Öffnung des Reha-Zentrums um sieben nutzen zu können; das klappte. Auch das Training selbst lief gut, Frühsportlerin halt. Draußen hatte sich der wenige Schnee vom Dienstag gehalten, trotz Sonne.
Auf der Rückfahrt stieg ich zwei U-Bahn-Stationen früher aus, nämlich am Odeonsplatz, um durch die leere Fußgängerzone heim zu spazieren. Wobei – wirklich leer war sie gar nicht: Es fühlte sich sehr großstädtisch an, um 8.45 Uhr die ruhige Geschäftigkeit von Lieferwagen, Briefträgerinnen, illegalen Radlerinnen und Radlern, sehr wenigen Menschen mit zielgerichtetem Schritt zu beobachten. Wer ausgestorbene Innenstädte sehen möchte, muss in die Provinz gehen.


Ausführliches Duschen und Pflegen, zweiter Milchkaffee. Mittägliches Frühstück war später aufgetautes, selbst gebackenes Roggenmischbrot mit Käse.
Ich widerstand dem Drang ins Draußen (mal wolkig, mal sonnig, immer kalt), denn ich war genug für einen Tag herumgelaufen, und die Lebensmitteleinkäufe hatte Herr Kaltmamsell erledigt. Nachmittags schnitt ich den Panettone an, den ich bei Eataly gekauft hatte: Natürlich kein Vergleich mit dem Bäcker-Panettone von Forno Roscoli in Rom, aber deutlich saftiger und besser als die Fabrik-Panettones in fliederfarbener Schachtel aus dem Supermarkt.
Nachdenken über meinen seltsamen Widerwillen bei Wohnungseinrichtung. Ich wohne überdurchschnittlich gern, auch im Urlaub, interessiere mich aber unterdurchschnittlich für Inneneinrichtung, Raumausstattung und Heimwerken. Das scheint eine ungewöhnliche Kombination zu sein, denn als ich auf Twitter äußerte, dass ich textile Wandbespannung attraktiv finde, ob das wohl aufwändig/teuer sei, bekam ich hauptsächlich Tipps und Erfahrungen zum Selbermachen. Nein: Bevor ich irgendwas an Wohnungseinrichtung selbst mache, gebe ich lieber den Wunsch auf (außer man kann es stricken, häkeln oder backen) – ich habe ja eh keine innigen Wünsche. Doch ich lerne im Moment, dass ich bei Wohnungseinrichung zumindest überraschend heftige Abneigungen habe.
Grobe Renovierarbeiten wie Abspachteln von Wand- und Deckenfarbe, auch über Kopf, oder Wändeeinreißen, auch Weißeln habe ich zumindest früher ganz gern gemacht. Feines Heimwerken, das eigentlich Basteln ist – nein, nie. (Dazu gehört auch die Auswahl von Farbe, fürchte ich.)
Wenn überhaupt, denke ich beim Einrichten in Funktionalität (wo möchte ich sitzen, um den schönsten Ausblick zu haben?), nicht in Ästhetik (wo muss das Sofa stehen, um am besten zu wirken? welche Farbe sollte die Wand dazu haben?). Am besten lasse ich mir von meiner innendesignenden Mutter einen Stapel Wohnzeitschriften mitbringen, die sie so gerne liest – als Info, was es überhaupt gibt und wie es heißt. Wie groß meine Wissenslücken sind, merke ich im Vergleich zu Bekleidung: Kleidung interessiert mich, es macht mir Spaß, sie auszuwählen und zusammenzustellen, ich lese gern über Herstellungsweise und Geschichte, kann zahlreiche Stoffe, Webarten, Schnitte, Farben, Besonderheiten erkennen und benennen, auch Epochen zuordnen.
Mit Herrn Kaltmamsell feiert ich den Anbruch des letzten Wochenendes im Krankenstand mit Cosmopolitans und einem wundervollen glücklichen Entrecôte an Ernteanteil-Kürbis (Herr Kaltmamsell servierte ihn mit einem Tahini-Sößchen nach Ottolenghi).


Abends trafen wir uns per Videokonferenz mit unserer Leserunde zu Alina Bronsky, Der Zopf meiner Großmutter. Das Buch hatte alle vier, die es gelesen hatten, enttäuscht weil zu klamaukig auf Kosten von Figurenhintergrund und interessanter Themen. Schön war aber das Zusammenkommen mit diesen Menschen, die ich nun doch sehr lange kenne und in der SITUATION vermisse.

Im Bett las ich Mark Holt, Munich ’72. The Visual Output of Otl Aicher’s Dept. XI zu Ende, das ich im April angefangen hatte und zwischendurch zur Seite gelegt (u.a. weil man das Riesenviech nicht unterwegs lesen kann).
Ein wirklich umfassendes Werk über alles, alles, was die Gestaltungsabteilung unter Otl Aicher für die Olympischen Sommerspiele in München 1972 geschaffen hat, mit an Wahnsinn grenzendem Vollständigkeitsehrgeiz. Fotos von allem, was in dieser Abteilung produziert wurde, dazu Protokolle des Verwaltungshintergrunds. Mark Holt hat aufwändig und gründlich recherchiert, stellt Bezüge her, hat viele Teammitglieder von damals interviewt (auch zu Otl Aicher als Person, der ja bereits 1991 gestorben ist). Auch die Illustrationen sind umfangreich, Holt hat viele Fotos aus der Zeit verwendet (immer wieder spannend: die Bauphasen des Olympiageländes, damals noch Oberwiesenfeld – um das es aber nicht geht), unter anderem den Design-Guide abfotografiert und übersetzt, den Merchandise-Katalog, die Cover der Regelheftchen für alle Sportarten. Ein Anhang listet nochmal alle Mitarbeitenden der Abteilung XI auf, inkl. Biografien (und alle Crowdfunder und Crowdfunderinnen – ich komm auch drin vor!).
Mich hatte ja schon vorher die einzigartige Gestaltung dieser Olympischen Spiele 1972 fasziniert (sonst wäre mir die Umsetzung von Mark Holts Buch-Idee kein so großes Anliegen gewesen); die Lektüre bestätigte mir die Einzigartigkeit, erklärte mir Wurzeln und Umstände – und ließ mich dazwischen immer wieder im Web nach Memorabilia recherchieren (doch noch ein Waldi? oder eines der Sport-Plakate?).
Kritisch betrachtet gibt es zwei Stolpersteine des Werks (auch wenn ich sehr froh und dankbar bin, dass Mark Holt sich diesen enormen Aufwand angetan hat): Zum einen hat es als Ergebnis eines (wirklich bewundernswerten) Einzelkämpfers keinen redaktionellen oder wissenschaftlichen Filter, ist als Basis für weitere Forschung sicher unersetzlich, aber nicht wirklich belastbar.
Zum anderen muss sich der erfahrene Grafiker Mark Holt gefallen lassen, dass ich an die Gestaltung des Buchs besonders hohe Ansprüche habe. Und auch wenn diese ebenso aufwändig ist wie der Inhalt, offensichtlich angelehnt an die Gestaltung von München ’72, ist es in einer Weise leserunfreundlich/unfunktional, wie es Otl Aicher sicher nicht hätte durchgehen lassen.
Ich spekuliere, dass Mark Holt bislang eher Broschüren und Magazine gemacht, aber nie Buch.
– Immer wieder lässt er über viele Seiten zwei Texte parallel laufen, z.B. in einem schmalen Streifen oben ein Interview und auf dem unteren Rest der Seite andere Texte über mehrere Seiten. So kann man nicht lesen.
– Neben sehr kleiner, dünner Schrift wird immer wieder silberner Text verwendet: Wenn die Leserin anfängt, ein Buch in verschiedenen Winkeln zum Licht zu halten, um Buchstaben zu erkennen, ist etwas schief gelaufen.
– Die Paginierung ist fast nicht zu finden: Um 90 Grad gedreht und für jede Doppelseite nur links.
Doch ich kann mir vorstellen, dass diese Punkte den meisten Lesern und Leserinnen gar nicht aufstoßen. Man kann das überwältigende coffee table book immer noch bei Mark Holt kaufen, ich empfehle es von Herzen.
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Mir ist in den vergangenen Jahren immer klarer geworden, wie einzigartig der Rassismus in den USA ist, in einem Land, das auf Sklaverei und Segregation gebaut wurde. Richard Frishman hat die Spuren fotografiert, die heute noch sichtbar sind – wenn man sie sehen will.
“Hidden in Plain Sight: The Ghosts of Segregation”.
All human landscapes are embedded with cultural meaning. And since we rarely consider our constructions as evidence of our priorities, beliefs and behaviors, the testimonies our landscapes offer are more honest than many of the things we intentionally present.
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Der nordenglische Schäfer und Landwirt James Rebanks über die kürzlich veröffentlichte neue britische Landwirtschaftspolitik:
“Brexit will ruin Britain’s farms”.
Ich bin auch deshalb interessiert an seiner Einschätzung, weil es Rebanks um Lösungen geht, nicht um Schuldzuweisungen und Polarisierung. Er schaut immer aufs Gesamtbild:
You might ask why governments need to interfere in farming and land management at all, but you’d be about two thousand years too late. States have always manipulated farming to regulate food supplies, cheapen food for the poor, make food safe, avoid famines and food shortages, and encourage domestic production for times of war and national crisis. The Bible is full of pharaohs storing grain, or passing decrees about food to achieve one thing or another.
(…)
The problem for me as a farmer is that despite being blessed with wonderful TV adverts telling me to plan for a “no deal Brexit,” I haven’t a clue what to plan for. I don’t know what to produce, or what I will be paid for. My options at 1,100ft above sea level on a pasture-based rocky farm are limited. I also know that the main market for what we produce is the EU — worth £14.5 billion — and if we leave without an agreement then British farm products will go from zero tariffs to a 62% on lamb, 85% on beef, 45% on cheddar cheese and 51% on barley. The National Farmers’ Union projects farm incomes would crash by 60-80% in a no-deal scenario. It would be catastrophic.

die Kaltmamsell