Noch vor dem Wecker aufgewacht, Wasser getrunken, geduscht, gepackt, vorbereiteten Blogpost nochmal geprüft und veröffentlicht.
Ich hatte mich für die in München angekündigte Hitze gekleidet (kurze Hose, kurze Ärmel), in Utrecht war mir damit kalt, ich zerrte ein zusätzliches T-Shirt aus dem Koffer. Am Bahnhof Kaffee bei Starbucks, weil das hier der einzige Kaffeeladen war, der wenigstens fürs Trinken im Lokal keine Pappbecher verwendete. Brotzeit geholt bei Pret A Manger (Zimtschnecke und ein ein belegtes Vollkornbaguette, dass sich als besonders köstlich herausstellte: Avocado, angeschmorte Tomaten, geröstete Pinienkerne, etwas Tapenade, ein wenig Ruccola, Babyspinat, frischer Basilikum).
Der ICE nach Frankfurt fuhr mit nur einem statt zwei Zugeteilen ein, Menschen und Gepäck pressten sich in alle Gänge. Doch diesmal war die Stimmung entspannt (ich war sofort bereit, das auf den hohen Anteil Niederländer und Niederländerinnen zurückzuführen), man half mir und meinem Koffer zum reservierten Platz – und beglückwünschte mich freundlich zu meiner Reservierung.
Der Zug fuhr Stop-and-go, die durchsagende Schaffnerin betonte ein ums andere Mal, das sei plangemäß und liege an den Baustellen auf der Strecke. Ich hatte keine Gelegenheit sie zu fragen, woher dann die wachsende Verspätung kam, die schon bald ein Erreichen meines Anschlusszugs in Frankfurt unmöglich machte.
Statt mit 25 Minuten Umsteigezeit erreichten wir Frankfurt zehn Minuten nach Abfahrt meines Anschlusszugs, der den Bahnhof laut DB-App pünktlich verlassen hatte. Da ich jetzt fast eine Stunde bis zur nächsten Verbindung Zeit hatte, sah ich erst mal am geplanten Abfahrtgleis vorbei – und jetzt profitierte ich vom Unglück anderer: Der Anschlusszug stand noch am Gleis. Weil auch er nur halb so lang war wie geplant und auch er dadurch völlig überfüllt, versuchte der Zugchef Passagiere bis zum nächsten Halt Aschaffenburg zum Wechsel in alternative Züge dorthin zu überreden. Mein Glück: Der Wagon mit meiner Reservierung war da, ich kam an einen Platz.
Als wir endlich fuhren, wünschte ein hörbar erschöpfter Zugchef: „So weit es geht, wünsche ich eine angenehme Reise. Ich kann Ihren Unmut zu 100 Prozent verstehen.“ Und er appellierte, den Unmut nicht am Team auszulassen, sie seien ebenfalls Opfer und nicht Verursacher der Umstände. Ich will mir gar nicht vorstellen, wie sehr die Unbillen, über die wir Reisende maulen, bei den Bahnbeschäftigten ankommen, die als Personal jeden Tag ICE fahren – als wüsste ich an keinem Arbeitstag, ob mein Büro überhaupt steht, in welchen Zustand es sein wird, wie lange ich im Einsatz sein werde. Und das mit der Aussicht, es nur mit verärgerten und übel gelaunten Kunden zu tun zu haben. Doch auch gestern war die Schaffnerin, die unsere Tickets kontrollierte, sichtlich verschwitzt und angestrengt, freundlich und geduldig, lächelte sogar. Meine Bewunderung.
Tausch von drei Wochen PMS-Brustschmerzen gegen Uteruskrämpfe. Plus Springflutmenstruation – in Kombination mit schwankendem ICE kann das dazu führen, dass jemand ein eh nicht mehr besonders appetitliches Zugklo mit angefeuchteten Papiertüchern von Blutspritzern befreien muss. (Too much information? Stellen Sie sich mal vor, wie viel ungewollte Information der Mensch in der Kloschlange nach mir bekommen hätte, hätte ich nicht mit zusammengebissenen Zähnen geputzt.)
Ich las für unsere Leserunde Jakob Arjouni, Kismet, fühlte mich 20 Jahre in die Vergangenheit transportiert.

Endlich Heimatanblick.
In München war es heiß, doch Herr Kaltmamsell hatte durch Verdunkelung und geschicktes Lüften für angenehme Wohnungstemperatur gesorgt.
Für Ausruhen war keine Zeit: Am nächsten Tag zwischen 8 und 18 Uhr würde mein Gepäck für die Reha abgeholt, ich musste also alles zusammenstellen, was ich bereits abschicken konnte (und vorher in den Unterlagen nachlesen, was ich mitbringen sollte). Das war vor allem Sportausstattung, aber auch der erste Schwung Kleidung. Den Rest bringe ich selbst nächsten Dienstag mit.
Abends kam Herr Kaltmamsell von der Abiturfeier seiner Schule zurück und kochte uns Abendessen (Orecchiette mit Tomaten-Gemüse-Sugo, von mir kam der Salat mit Orangensaft-Tahini-Knoblauch-Dressing).

Wir erzählten einander ein wenig von unseren vergangenen Tagen. (Das hätte besser geklappt, wenn wir auswärts Essen gegangen wären, doch wir waren beide zu erschöpft, um das Haus nochmal verlassen zu wollen.)
§
Die taz hat sich mit der legendären Gerichtsreporterin Gisela Friedrichsen unterhalten:
„’Ich war die einzige Frau’“.
Fragwürdige Überschrift, hochinteressantes Gespräch. Unter anderem unterstreicht Friedrichsen, was für mich zu den wichtigsten Erkenntnissen meiner wenigen Schöffinneneinsätze gehört, selbst wenn es nur um kleine Amtsgerichtsfälle ging:
Vor Gericht spielt sich ein Theaterstück ab, dessen Ausgang niemand kennt. Eingebettet in ein Zeremoniell, werden eine Vorgeschichte, die Tat als Höhepunkt und die Geschichte danach erzählt und dann ist da ja auch noch der Prozess selbst, der ein äußerst dynamisches Geschehen ist. Vor Gericht entfaltet sich ein Entwicklungsroman mit realen Personen, der Einblick in Milieus bietet, zu denen man normalerweise keinen Zugang hat, von der Deutschen Bank bis zum obdachlosen Junkie.
Warum lesen Sie nicht einfach einen spannenden Krimi?
Was mich immer fasziniert hat: Das Recht ist ein scheinbar starres Gebilde aus Paragrafen, Regeln und geregelten Ausnahmen. Und dann erleben Sie die Geschichten der Angeklagten, Zeugen und Opfer und denken: Dafür kann es doch gar keinen Paragrafen geben. Aber das Recht ist in der Lage, das alles so zu sezieren und zu analysieren, dass am Ende meist ein Urteil ergeht, das gar nicht so verkehrt ist.
Geht es vor Gericht um Gerechtigkeit?
Jeder versteht darunter etwas anderes. Wenn es um das Urteil geht, sollte man besser von Verhältnismäßigkeit oder Angemessenheit sprechen.

die Kaltmamsell