Journal Montag, 1. Juli 2019 – Endspurt zur Reha, Hochsommerende

Dienstag, 2. Juli 2019 um 5:43

Unruhiger Schlaf, zu früh aufgewacht.
Haushaltliche Geschäftigkeit (Spülmaschine ausgeräumt, Wäsche aufgehängt – ausnahmsweise auf dem Balkon, um dem Putzmann nichts in den Weg zu stellen, Pflanzen gegossen), dann erst Morgenkaffee.

Abschied von der Theresienwiese als Wiese. Bereits vor acht war es heiß.

Ein heftiger Arbeitstag – es war eine gute Idee gewesen, für diesen einen Tag ins Büro zu gehen, ich konnte einiges wegschaffen, was mich in drei Wochen in Panik versetzt hätte und mit einer Kollegin Geburtstag feiern.

Schon kurz nach Mittag zog ein Gewitter auf, ich dachte mit Bangen an meine Wäsche auf dem Balkon: Diese Kleidung wollte ich ja in die Reha mitnehmen. Als Herr Kaltmamsell heimkam, stellte er fest, dass der Wäscheständer in den Wohnzimmer gestellt worden war, vermutlich vom lieben Putzmann.

Später Feierabend, auf dem Heimweg wieder ein Gewitter, aber mit nur wenigen Regentropfen. Ich kaufte Proviant für die Reha – ich rechne mit drei Wochen höchstens mäßigem Essen, wenigstens gute Schokolade und Röstnüsschen sollen mich bei Laune halten. Ein wenig Sorge bereitete mir, dass der Atemwegsinfekt, der noch nicht zu hundert Prozent kuriert war, von Neuem die Luftröhre zu attackieren scheint.

Daheim roch es bereits fantastisch, Herr Kaltmamsell kochte aus Ernteanteil-Blumenkohl und -Koriander Alu Gobi. Ich bügelte restliche Wäsche, nach dem Abendessen packte ich für Temperaturen zwischen 15 und 35 Grad.

Im Bett las ich einen Kinderbuchklassiker (?) aus: Ponzl guckt schon wieder von Dagmar Chidolue. Mit seiner Erzählperspektive ganz konzentriert auf die Hauptperson Laura gut gemacht, dadurch auch kunstfertig indirekt erzählt, ungewohnte Themen für ein Kinderbuch (u.a. alleinerziehende Mutter, Büroarbeitswelt), ohne dass es auf erwachsene Leser hin thematisiert würde. Nun kenne ich mich auf dem Kinderbuchmarkt der vergangenen 40 Jahre wirklich nicht aus, doch das hier scheint mir ein besonderes Buch zu sein.

die Kaltmamsell

Journal Sonntag, 30. Juni 2019 – Heiße Generalversammlung Kartoffelkombinat

Montag, 1. Juli 2019 um 11:13

Vor dem Wecker aufgewacht, den ich gestellt hatte, um morgens vor der diesjährigen Generalversammlung des Kartoffelkombinats noch Dinge tun zu können. Erst mal den Rahmkartoffelsalat fürs zugehörige Buffet fertiggestellt.

Morgenkaffee auf dem Balkon, bevor die große Hitze kam. Und die kam: Nachdem wir wieder alle Fenster der Wohnung geschlossen und die Rollläden heruntergelassen hatten, radelten wir zum Leonrodplatz, auf jedem unbeschatteten Abschnitt erschlagen von der Sonne.

Die diesjährige Generalversammlung war ein Einschnitt in der Geschichte des Kartoffelkombinats: Sowohl an der Spitze des Aufsichtsrats als auch im Vorstand gab es den ersten Wechsel. Während der erstere lange angekündigt war, ergab sich der zweite aus einigen Entscheidungen, die mit vielen Diskussionen und grundsätzlichen Überlegungen verbunden waren. Diesmal führte durch die Versammlung also der neue Aufsichtsratsvorsitzende Rauno Fuchs (schon immer Mitglied des Aufsichtsrats), und im Vorstand war dem Gründungsvorstand Simon Scholl Vorständin Teresa Lukaschik gefolgt. Teresa kommt von außerhalb der Genossenschaft und ist die erste studierte Landwirtin in der Führung des Kartoffelkombinats. Sie stellte sich mit dem Statusbericht zu Genossenschaft und Gärtnerei vor – und beeindruckte mich gleich mal sehr: Nicht nur war ihr Bericht sehr sorgfältig vorbereitet und sprachlich ausgearbeitet; Teresa äußerte viel Bewunderung fürs Projekt, spendete detailliertes und herzliches Lob für den Weg, den wir bislang gegangen sind. Sehr kompetent gab sie aber auch vorsichtige Hinweise, dass nach dem schnellen Wachstum auf heute 1600 Ernteanteile das eine oder andere an Prozessen und Abläufen überdacht und verbessert werden muss – auch zum Besten des mittlerweile beachtlich angewachsenen fest angestellten Teams. Unter anderem erklärte sie so, warum der Bau der neuen Lagerhalle, deren Planung wir 2018 beschlossen hatten, besser auf nächstes Jahr verschoben werden sollte. (Das war die beste Antrittsansprache eines neuen Vorstandsmitglieds, die ich bislang – sonst ja immer beruflich – erlebt habe.)

Was wir auch aus dem Lagebericht 2018 und dem Statusbericht erfuhren: Der Gärtnerei geht es gut, wir blieben bislang von Unglücken verschont (der Hagel im Mai hätte unsere gesamte Einrichtung und Ernte zerstören können – wie es einer befreundeten Gärtnerei passierte). Wir lernen immer mehr über den Boden, der ja bis zu unserem Kauf eine konventionelle Baumschule war, das Team freut sich über das neue Gewächshaus, das mit Folien statt Glas sehr gut funktioniert. Auch über Bewässerung wird dazugelernt, Teresa deutete an, dass hier grundsätzlich und langfristig an einem System gearbeitet wird.

Weitere übliche Tagesordnungspunkte: Feststellung des Jahresabschlusses, Beschlussfassung über die Ergebnisverwendung, Entlastung des Vorstands, Entlastung des Aufsichtsrates, zwei Anträge. Alles wurde sehr ausführlich diskutiert. Ich hatte den Verdacht, dass so manche unerwartet bohrende Nachfrage einer Unkenntnis von Grundbegriffen entsprang (z.B. “Jahresabschluss”, der eine rein finanzielle Sache bezeichnet). Deshalb werde ich vorschlagen, der nächsten Einladung zur Generalversammlung ein Glossar beizulegen – ich erinnere mich noch gut, wie in meiner ersten Generalversammlung des Kartoffelkombinats manche sogar über den Begriff “Entlastung” stolperten.

Sehr spannend fand ich auch den Bericht zum Kartoffelkombinat-Verein. Nachdem ich lange nicht so recht fassen konnte, worin Sinn und Zweck bestanden, richtet ihn jetzt der vormalige Genossenschaftsvorstand Simon aus: Der Verein soll die Grundideen des Kartoffelkombinats und die bisherigen Erfahrungen weitertragen und nutzbar machen, als Open-Source-Projekt.

Die Teilnahme an der Generalversammlung schien mir ein wenig reger als vergangenes Jahr, aber ich kann das nicht durch Zahlen belegen. In der Mittagspause viele vegetarische Salate, Gebäck, Kuchen – alle wurden zufrieden satt.

Als Herr Kaltmamsell und ich um halb vier aus der – ohnehin warmen – Versammlungshalle traten, wurden wir auch im Schatten von der Hitze erschlagen. Wie betäubt radelten wir heim. Die Verdunklung hatte gewirkt, in der kühlen Wohnung kam ich langsam wieder zu mir. Doch eigentlich war ich für den Nachmittag zum Eisessen verabredet: Ich fasste mir ein Herz und sagte ab, in diese Hitze wolle ich nicht nochmal raus – wie sich herausstellte, ging es meiner Verabredung auch so. Zudem stresste mich die nahende Abreise zur Reha. Jetzt hatte ich Zeit, im verdunkelten Wohnzimmer die Aufnahmeformulare der Reha-Klinik auszufüllen und einen Schwung Kleidung zu bügeln.

Nach sieben traute ich mich mit Herr Kaltmamsell doch nochmal vor die Tür und spazierte zum Flaucher-Biergarten. Hier war es deutlich angenehmer als in der Stadt, und da man an diesen Biergarten halt nicht mit dem Auto kommt, gab es weder an Essens- noch an Getränkeausgabe Schlangen.

Nach Wurstsalaten, Brezen und Radlermaßen spazierten wir zurück durch Flanierende, Badende, Radelnde, Ruhende.

Heimweg in der Dämmerung. Je näher wir den Häusern kamen, desto wärmer wurde es. Noch ein Ballabeni-Eis beim Jessas in der Baumstraße (Joghurt-Heidelbeer fand ich ganz ausgezeichnet), daheim räumen und machen in Vorbereitung der Reha-Reise.

die Kaltmamsell

Lieblingstweets Juni 2019

Sonntag, 30. Juni 2019 um 18:57

die Kaltmamsell

Journal Samstag, 29. Juni 2019 – Der erste 18. Familiengeburtstag der nächsten Generation

Sonntag, 30. Juni 2019 um 8:07

Unruhige Nacht, unter anderem wegen mehrerer dringender Tamponwechseln und eines Hochschreckens um vier durch heftiges Hämmern an eine Nachbarhaustüre (?) gefolgt von AUFMACHEN! POLIZEI!

Reha-Koffer 1 fertig gepackt (mich gezwungen, auch etwas Nichthochsommer-Kleidung dazu zu legen – auch wenn ich es mir derzeit nicht vorstellen kann, ist ein Kälteeinbruch oder auch nur Ende der Hitze möglich), Adressschilder dafür gebastelt und befestigt. Zwischen 8 und 18 Uhr sollte er abgeholt werden, ich hatte also nicht für die nachmittägliche Familiengeburtstagsfeier von Neffe 1 zusagen können.

Dazwischen Balkonkaffee mit Bloggen. Endlich fühlte ich mich wieder gesund genug für eine Runde Kraftttraining und stellte fest, dass meine Schwäche bei den vorherigen beiden Versuchen sehr wahrscheinlich dem Atemwegsinfekt geschuldet war: Ich hielt alle Übungen gut durch und fühlte mich stark. Schwitzte allerdings auch ganz schön.

Noch vor eins klingelte es: Der Koffertransport. Das war sehr großartig, denn so blieb Zeit für die Geburtstagsfeier. Ich füllte noch eine Waschmaschine (letzte dunkle Wäsche vor der Reha), holte Frühstückssemmeln, und nach dem Frühstück nahmen wir einen wohlklimatisierten Regionalzug durch Sommerlandschaft nach Ingolstadt.

Bei Bruderfamilie gab es KaffeeundKuchen, Neffe 1 war am Vortag 18 geworden und hatte sein Abiturzeugnis entgegen genommen.

Die Abizeitung hatte er layoutet, ich ließ mir anhand der Einträge erzählen.

Zurück in München war es immer noch sehr warm, aber erträglich. Ich kochte Kartoffeln, hängte Wäsche auf, bevor wir Abendessen im Freien suchten. Da das angesteuerte griechische Lokal bis elf Uhr nachts ausgebucht war, spazierten wir weiter zum Paulaner Bräuhaus.

Ich bin weiterhin unentspannt, weil bis zur Reha-Abfahrt Dienstagmorgen noch so viel ansteht.

§

Auf der Zugfahrt Wochenend-SZ gelesen. Heribert Prantl brachte mir den Paragraph 18 des Grundgesetzes nahe:

Wer die Freiheit der Meinungsäußerung, insbesondere die Pressefreiheit (Artikel 5 Abs. 1), die Lehrfreiheit (Artikel 5 Abs. 3), die Versammlungsfreiheit (Artikel 8), die Vereinigungsfreiheit (Artikel 9), das Brief-, Post- und Fernmeldegeheimnis (Artikel 10), das Eigentum (Artikel 14) oder das Asylrecht (Artikel 16a) zum Kampfe gegen die freiheitliche demokratische Grundordnung mißbraucht, verwirkt diese Grundrechte. Die Verwirkung und ihr Ausmaß werden durch das Bundesverfassungsgericht ausgesprochen.

“Die Ultima Ratio der wehrhaften Demokratie”.

Prantl erläutert gut nachvollziehbar, warum die Väter und Mütter der bundesdeutschen Verfassung diesen Selbstschutzmechanismus einbauten – und warum er noch nie angewendet wurde.

§

Ich möchte daran erinnern, dass ich eine große Freundin des Bahnfahrens und der Deutschen Bahn bin. Wenn auch ich zugestehen muss, dass sich das Bahnfahren in Deutschland immer weiter verschlechtert, ist das tendenziell nicht Vorurteilen geschuldet.

Karl-Markus Gauß beschreibt die marode Infrastruktur:
“Deutschland, Du armes Land der Reichen”.

Nach und nach begriff ich, dass die meisten Reisenden das, was sie an Unbill erlebten, nicht für den skandalösen Einzelfall hielten, sondern für etwas, mit dem man als Zugreisender in der Ära des digitalen Fortschritts eben zu rechnen habe. Sie schienen keine Erinnerung mehr daran zu besitzen, dass diese Form der Fortbewegung einmal auch etwas anderes bedeutet hatte. Zum Beispiel, dass man seine Uhr sprichwörtlich nach der Eisenbahn stellen konnte!

Letzteres ging bei der Wiedervereinigung verloren – woran aber wirklich nicht die Wiedervereinigung schuld ist, sondern der Prozess des Zusammenschließens zweier Deutschen Bahnen (in einer Zeit, als die Bahn schick für einen Börsengang gemacht werden sollte).

§

Ein schönes Fotoprojekt:
„Warum gelten Merkmale, die 90 Prozent aller Frauen aufweisen, als ,Schönheitsfehler‘?“

§

Wie schön! Nach Langem mal wieder ein Blogpost von Christiane Link:
“Woran man Verbündete behinderter Menschen erkennt (und wie man eine/r wird)”.

die Kaltmamsell

Journal Freitag, 28. Juni 2019 – Rückreise von Utrecht in die Hitze und Hektik

Samstag, 29. Juni 2019 um 9:53

Noch vor dem Wecker aufgewacht, Wasser getrunken, geduscht, gepackt, vorbereiteten Blogpost nochmal geprüft und veröffentlicht.

Ich hatte mich für die in München angekündigte Hitze gekleidet (kurze Hose, kurze Ärmel), in Utrecht war mir damit kalt, ich zerrte ein zusätzliches T-Shirt aus dem Koffer. Am Bahnhof Kaffee bei Starbucks, weil das hier der einzige Kaffeeladen war, der wenigstens fürs Trinken im Lokal keine Pappbecher verwendete. Brotzeit geholt bei Pret A Manger (Zimtschnecke und ein ein belegtes Vollkornbaguette, dass sich als besonders köstlich herausstellte: Avocado, angeschmorte Tomaten, geröstete Pinienkerne, etwas Tapenade, ein wenig Ruccola, Babyspinat, frischer Basilikum).

Der ICE nach Frankfurt fuhr mit nur einem statt zwei Zugeteilen ein, Menschen und Gepäck pressten sich in alle Gänge. Doch diesmal war die Stimmung entspannt (ich war sofort bereit, das auf den hohen Anteil Niederländer und Niederländerinnen zurückzuführen), man half mir und meinem Koffer zum reservierten Platz – und beglückwünschte mich freundlich zu meiner Reservierung.

Der Zug fuhr Stop-and-go, die durchsagende Schaffnerin betonte ein ums andere Mal, das sei plangemäß und liege an den Baustellen auf der Strecke. Ich hatte keine Gelegenheit sie zu fragen, woher dann die wachsende Verspätung kam, die schon bald ein Erreichen meines Anschlusszugs in Frankfurt unmöglich machte.

Statt mit 25 Minuten Umsteigezeit erreichten wir Frankfurt zehn Minuten nach Abfahrt meines Anschlusszugs, der den Bahnhof laut DB-App pünktlich verlassen hatte. Da ich jetzt fast eine Stunde bis zur nächsten Verbindung Zeit hatte, sah ich erst mal am geplanten Abfahrtgleis vorbei – und jetzt profitierte ich vom Unglück anderer: Der Anschlusszug stand noch am Gleis. Weil auch er nur halb so lang war wie geplant und auch er dadurch völlig überfüllt, versuchte der Zugchef Passagiere bis zum nächsten Halt Aschaffenburg zum Wechsel in alternative Züge dorthin zu überreden. Mein Glück: Der Wagon mit meiner Reservierung war da, ich kam an einen Platz.

Als wir endlich fuhren, wünschte ein hörbar erschöpfter Zugchef: „So weit es geht, wünsche ich eine angenehme Reise. Ich kann Ihren Unmut zu 100 Prozent verstehen.“ Und er appellierte, den Unmut nicht am Team auszulassen, sie seien ebenfalls Opfer und nicht Verursacher der Umstände. Ich will mir gar nicht vorstellen, wie sehr die Unbillen, über die wir Reisende maulen, bei den Bahnbeschäftigten ankommen, die als Personal jeden Tag ICE fahren – als wüsste ich an keinem Arbeitstag, ob mein Büro überhaupt steht, in welchen Zustand es sein wird, wie lange ich im Einsatz sein werde. Und das mit der Aussicht, es nur mit verärgerten und übel gelaunten Kunden zu tun zu haben. Doch auch gestern war die Schaffnerin, die unsere Tickets kontrollierte, sichtlich verschwitzt und angestrengt, freundlich und geduldig, lächelte sogar. Meine Bewunderung.

Tausch von drei Wochen PMS-Brustschmerzen gegen Uteruskrämpfe. Plus Springflutmenstruation – in Kombination mit schwankendem ICE kann das dazu führen, dass jemand ein eh nicht mehr besonders appetitliches Zugklo mit angefeuchteten Papiertüchern von Blutspritzern befreien muss. (Too much information? Stellen Sie sich mal vor, wie viel ungewollte Information der Mensch in der Kloschlange nach mir bekommen hätte, hätte ich nicht mit zusammengebissenen Zähnen geputzt.)

Ich las für unsere Leserunde Jakob Arjouni, Kismet, fühlte mich 20 Jahre in die Vergangenheit transportiert.

Endlich Heimatanblick.

In München war es heiß, doch Herr Kaltmamsell hatte durch Verdunkelung und geschicktes Lüften für angenehme Wohnungstemperatur gesorgt.

Für Ausruhen war keine Zeit: Am nächsten Tag zwischen 8 und 18 Uhr würde mein Gepäck für die Reha abgeholt, ich musste also alles zusammenstellen, was ich bereits abschicken konnte (und vorher in den Unterlagen nachlesen, was ich mitbringen sollte). Das war vor allem Sportausstattung, aber auch der erste Schwung Kleidung. Den Rest bringe ich selbst nächsten Dienstag mit.

Abends kam Herr Kaltmamsell von der Abiturfeier seiner Schule zurück und kochte uns Abendessen (Orecchiette mit Tomaten-Gemüse-Sugo, von mir kam der Salat mit Orangensaft-Tahini-Knoblauch-Dressing).

Wir erzählten einander ein wenig von unseren vergangenen Tagen. (Das hätte besser geklappt, wenn wir auswärts Essen gegangen wären, doch wir waren beide zu erschöpft, um das Haus nochmal verlassen zu wollen.)

§

Die taz hat sich mit der legendären Gerichtsreporterin Gisela Friedrichsen unterhalten:
„’Ich war die einzige Frau’“.

Fragwürdige Überschrift, hochinteressantes Gespräch. Unter anderem unterstreicht Friedrichsen, was für mich zu den wichtigsten Erkenntnissen meiner wenigen Schöffinneneinsätze gehört, selbst wenn es nur um kleine Amtsgerichtsfälle ging:1

Vor Gericht spielt sich ein Theaterstück ab, dessen Ausgang niemand kennt. Eingebettet in ein Zeremoniell, werden eine Vorgeschichte, die Tat als Höhepunkt und die Geschichte danach erzählt und dann ist da ja auch noch der Prozess selbst, der ein äußerst dynamisches Geschehen ist. Vor Gericht entfaltet sich ein Entwicklungsroman mit realen Personen, der Einblick in Milieus bietet, zu denen man normalerweise keinen Zugang hat, von der Deutschen Bank bis zum obdachlosen Junkie.

Warum lesen Sie nicht einfach einen spannenden Krimi?

Was mich immer fasziniert hat: Das Recht ist ein scheinbar starres Gebilde aus Paragrafen, Regeln und geregelten Ausnahmen. Und dann erleben Sie die Geschichten der Angeklagten, Zeugen und Opfer und denken: Dafür kann es doch gar keinen Paragrafen geben. Aber das Recht ist in der Lage, das alles so zu sezieren und zu analysieren, dass am Ende meist ein Urteil ergeht, das gar nicht so verkehrt ist.

Geht es vor Gericht um Gerechtigkeit?

Jeder versteht darunter etwas anderes. Wenn es um das Urteil geht, sollte man besser von Verhältnismäßigkeit oder Angemessenheit sprechen.

  1. In Torbergs Tante Jolesch kommt der Begriff “Bassenaprozess” vor, an den ich oft denken musste. []
die Kaltmamsell

Journal Donnerstag, 27. Juni 2019 – Verschiedene Seiten von Utrecht

Freitag, 28. Juni 2019 um 7:48

Das mit den Wettervorhersagen müssen wir hier aber erst noch üben: Die angekündigten 26 Grad für Mittwoch wurden niemals erreicht, dafür war der gestrige als dauerbewölkt und höchstens 21 Grad frisch angekündigte Donnerstag von morgens an sonnig und wurde immer wärmer bis heiß.

Resultat: Am Mittwoch fröstelte ich im Sommerkleidchen, gestern waren die langen Ärmel zu warm, außerdem verbrannte mich die Sonne ein wenig (ausgerechnet der welke Ausschnitt).

Früh ausgeschlafen aufgewacht. Bloggen dauerte ein Weilchen wegen all der Bilder.
Verabredung auf Morgenkaffee, existenzielle Gesprächsthemen. Ach, ich wünschte, manche hätten es einfacher.

Diesmal hatte ich früher Frühstückshunger: Schon um halb zwölf holte ich mir bei Stach ein Stück Carrot Cake und einen Haferkeks mit Cranberrys, nach ein paar Mitbringseleinkäufen aß ich beides im Hotelzimmer – eher enttäuscht, weil die Gebäcke abgestanden schmeckten (und noch ein paar Stunden aufstießen).

Mein Plan war, das Rietveld Schröderhuis zu besichtigen, das mir die Gastgeber als Klapphaus mit vielen Überraschungen beschrieben hatten. Man kann nur mit einer Führung hinein, die Karten dafür holt man sich im Centraal Museum.

Wieder genoss ich den Spaziergang entlang der Oudegracht.

Im Centraal Museum allerdings die Enttäuschung: Die gestrigen Führungen waren bereits alle ausgebucht. Man bot mir eine für Freitag an, aber da bin ich ja schon wieder weg.

Ich beschloss, trotzdem zum Haus zu wandern, damit ich es wenigstens von außen sehen konnte.

So sind weite Teile des Utrechter Altstadtrings angelegt: Zwei Spuren für Fahrräder, ein Auto breit Autostraße.

Das Rietveld Schröderhuis von 1924, gebaut im Geist von De Stijl (von Rietveld kennt man diesen Stuhl):

Die Klappfunktionen und anderes kann man sich schön auf der Website zum Haus zeigen lassen.

Auf dem Rückweg sah ich noch mehr interessante Architektur:

Kurze Pause am Stadtwall, ich las mein Granta aus. Ich hatte die Jubiläumszusammenstellung aus Geschichten von 40 Jahren interessiert und angeregt gelesen, vermisste aber den einen oder anderen Favoriten. Eine Geschichte, an die ich bis heute immer wieder denke, ist “Alive, Alive-Oh!” von Diana Athill aus Granta 85 aus dem Jahr 2010. Netterweise steht sie online zur Verfügung, beim Wiederlesen bemerkte ich, wie viel ich ganz anders im Gedächtnis hatte. (Vielleicht denke ich nur so oft an die Geschichte, weil ich das Lied dazu sofort im Ohr habe.)

Spaziergang entlang der Nieuwegracht (schmaler, fast keine Läden oder Cafés, aber auch hier werden die Kellergewölbe genutzt).

An einer Stelle wurde die Nieuwegracht gerade renoviert: Hier sah man die Struktur des Untergrunds.

Der Stadtgraben wurde rege bepaddelt.

Zurück ging ich wieder an der Oudegracht. Mittlerweile hatte ich Hunger, im Supermarkt holte ich mir Joghurt, Nektarinen, Salznüsse und machte im Zimmer Brotzeit.

Im Lauf des Tages hatte ich festgestellt, dass ich nachts für ein paar Mücken ein Festmahl war – dabei hatte ich sogar Autan dabei gehabt, allerdings nicht angewendet.

Den ganzen Tag hatte ich schon Visionen von Salat gehabt, genauer: von griechischem Salat. Zum Abendessen ging ich dann auch zum nächstgelegenen.

Der Wirt kümmerte sich rührend darum, mir einen schönen Platz zu verschaffen. Die studentische Bedienung war nicht so ganz fit und hatte meine Bestellung “with pita bread” wohl nicht verstanden. War trotzdem ok. Wahrscheinlich Zufall: Die Lokale, in denen ich während meiner drei Tage hier aß, boten keine Salate an (selbst die fleischlastigste bayerische Boaz führt inzwischen mindestens “Salat mit Putenbruststreifen” auf der Speisenkarte). Allerdings stelle ich immer wieder fest, dass es mir auf Reisen schwer fällt, meinen Gemüsebedarf zu decken, wenn ich keine Ferienwohnung mit Küche habe.

Zum Nachtisch noch ein Steckerleis aus dem Supermarkt (an der automatischen Kasse musste mir ein junger Mann helfen, die Maestrokarte richtig einzustecken, ich fühlte mich hundertausend Jahre alt).

Domtoren auch mal in Postkartenformat und von außen.

Grachthund.

§

“Mordfall Lübcke: Diese Menschen machen die Arbeit, die der Verfassungsschutz nicht macht”.

Sie heißen “Exif”, “Recherche Nord”, “der rechte rand” oder “NSU-Watch”. Zusammen bilden diese Plattformen so etwas wie das Gedächtnis der Antifa. Und dieses Gedächtnis ist ziemlich gut: Mittlerweile haben sie so viel Wissen über die rechtsextreme Szene in Deutschland gesammelt, dass sogar der Verfassungsschutz bei ihnen abschreibt. Und das, obwohl praktisch alle, die diese Informationen zusammentragen, das auf freiwilliger Basis tun.

§

Mit dem Theodor-Wolff-Preis des Bundesverbands Deutscher Zeitungsverleger (BDZV) ausgezeichnet, in der Kategorie „Reportage lokal“:
Maris Hubschmid, “Die Trinker vom Kreuzberger Herrenwohnheim”.

Weil Alkoholismus nunmal eine Krankheit ist. Manchmal unheilbar.
Der Haken: Alkohol wird in unserer Gesellschaft mit Genuss, Geselligkeit und Freizeit verbunden. Ich kann gut nachvollziehen, wenn Menschen auf ein Projekt wie das beschriebene mit Bitterkeit reagieren – weil es sich für sie wie bezahltes Feiern anfühlt.

§

“Meet the young tailor who dresses like a Regency gentleman, every day”.

Ich habe den Herrn gleich mal auf instagram gesucht; hier beantwortet er ein paar häufige Fragen (“No, I’m not hot in this”).

die Kaltmamsell

Journal Mittwoch, 26. Juni 2019 – Oratie in Utrecht

Donnerstag, 27. Juni 2019 um 9:10

1A Urlaubstag, jederzeit wieder. Vor allem weil die Hitze weg war und den ganzen Tag nicht wiederkam.

Das komplette Öffnen der Fenster und schweren Vorhänge, um die Nachtkühle hereinzulassen, hatte den Preis frühen Tageslichts im Zimmer gehabt. Dennoch schlief ich fast bis acht, unruhig und mit Kopfschmerzen.

Duschen im Bad, das ich mir mit dem Nebenzimmer teilte (von dem ich aber nichts mitbekam).

Nach dem Bloggen machte ich mich auf den Weg zu einem empfohlenen Morgenkaffee.

Der Gang zum Obergeschoß mit den Zimmern.

Da ich mir gestern eh Utrechtgucken vorgenommen hatte, machte ich Umwege zum Café, anschließend spazierte ich den Stadtgraben drei Viertel um die Stadt, wechselte immer wieder die Seite – je nach dem, wo gerade keine Bauarbeiten waren oder überhaupt ein Gehweg. Mir fielen die verschiedenen Stile der Brüstungen auf den Brücken auf.

Ich kam auch an einem der Utrechter Wassertürme vorbei.

An der Mündung der Oudegracht bog ich ab:

Jetzt am Mittag hatte ich Frühstückshunger.

Klo im Kellergewölbe der Oudegracht.

Der Utrechter Bahnhhof und ich hatten noch eine Rechnung offen, also spazierte ich nochmal dorthin.

Durch den Hinweis von Kommentatorin “Andere Franziska” fand ich im Obergeschoß die Stelle mit den Schaukeln – allerdings abgeräumt.

Auf dem Rückweg zum Zimmer entschloss ich mich spontan, eines der Wahrzeichen Utrechts zu besichtigen: Den Domtoren (Domturm). Das Ticket für die Besteigung mit Führung verkaufte mir in der Tourist Information ein Surferboy, die Führung selbst machte eine freundliche junge Frau.

Ich sah ein Glockenspiel:

Teil 1, die manuelle Bespielung.

Teil 2, die Glocken des Glockenspiels und die Spieluhrrolle zum automatischen Betrieb.

Mächtige Glocken:

Die Glocken von 1505 sind an den Apfelbutzen-förmigen Schwengeln erkennbar,

die aus den 1980ern haben Lutscher-förmige.

Und dann guckte ich runter:

Hier sieht man rechts den Bahnhof.

Und hier unten die Universität.

Genau dorthin in die Aula ging ich nach einem kurzen Frischmachen und Umziehen: Zur Antrittsvorlesung “‘Bridging the Gap’, or: How to become a Modernist”1 von Prof. Dr. Eva-Maria Troelenberg. Beeindruckende Talare, lustige Hüte (was man beides als Professorin, wie ich erfuhr, gegen Geld auf Lebenszeit ausleiht), hochspannende Vorlesung (und anrührende Einleitung, in der Eva ihren akademischen Weg bis zu diesem Moment skizzierte).

Gratulation, Häppchen (Bitterballen!) und Getränke im angeschlossenen Kreuzgang des Doms.

Es war mittlerweile sonnig geworden, aber lediglich angenehm mild – keine Spur von Hitze.

Abends trafen sich einige von Evas Gästen noch in einem Restaurant an der Oudegracht, angenehmstes Plaudern mit Evas Familie.

Neben den hier omnipräsenten Dohlen (die auf Englisch hooded crows heißen und die ich deshalb vielleicht künftig Kapuzenkrähen nenne) hatte mich morgens durchs Zimmerfenster ein Rotkehlchen angesungen, ich sah und hörte viele Mauersegler, auf den Gewässern gab es Nilgänse und Enten, in der Luft darüber schweigende Seemöven.

  1. Hier stand als Verschreiber ursprünglich ‘Bridging the Gag’ – was ich wegen BRUAHAHA! fast stehengelassen hätte, dann überwog aber doch der Respekt vor dem Vortrag. Danke an Birgit für den Hinweis! []
die Kaltmamsell