Journal Freitag, 23. Februar 2018 – Bahn nach Bonn

Samstag, 24. Februar 2018 um 10:02

Seit Tagen schon freute ich mich auf die Bahnfahrt nach Bonn – ja genau, auf die Fahrt selbst. Herr Kaltmamsell und ich hatten uns für die längere und länger dauernde Verbindung entschieden, weil sie ein Umsteigen unnötig machte. Und so freute ich mich auf sechs Stunden Müßiggang mit wechselnder Aussicht und in angenehmer Gesellschaft (aber auch Fahrten allein empfinde ich fast immer als Auszeit). Ich machte bereits kurz nach Mittag Feierabend, holte mir am Bahnhof nach Langem mal wieder eine Leberkässemmel als Mittagessen und traf mich mit meinem Reisebegleiter am Gleis.

Und tatsächlich nahm der EC die alte Strecke, die ab Mainz den Rhein entlang fährt. Es dämmerte schon sehr, doch der Ausblick aus dem Fenster bot wieder Disney-Deutschland der Romantik: Burgen, Türmchen, Städtchen, Weinberge. Vorher war kurz vor Stuttgart der Schnee verschwunden, kurz vor Mannheim riss der Himmel auf und die Sonne schien.

Ärgerlich war das praktisch nicht vorhandene Funknetz, selbst an den Bahnhöfen herrschte oft nur Edgingen. Als verschmerzbar empfand ich hingegen die abschließend 15 Minuten Verspätung, die uns ein Halt auf freier Strecke wegen Bahnübergangsstörungen verschafft hatte – schließlich hatten wir keinen Anschlusszug zu erwischen.

Das mit dem Bahnübergang hatte allerdings eine überraschende Fortsetzung: Als wir im Süden Bonns ins Hotel gehen wollten, stand zwischen der Tram-Haltestelle (Straßenbahnen fahren in Bonn gerne mal unterirdisch, wir irrten am Bahnhof eine ganze Weile umher, bis wir die vorher recherchierte Straßenbahnlinie hinter dem Hinweis “U” fanden) und dem Hotel ein beschrankter Bahnübergang. An dem bei unserer Ankunft bereits ein Grüppchen Fußgänger, Radfahrer und eine beachtliche Schlange Autos wartete. Es dauerte vier Züge, bis sich die Schranke öffnete. Der Weg zum Restaurant führte uns denselben Weg zurück, bei geöffneter Schranke. Doch um nach einem sehr wohlschmeckenden italienischen Abendessen ins Bett zu kommen, musste wir wieder mit vielen anderen an der Bahnschranke warten, diesmal fünf Züge lang. Andere, die zur selben Samstags-Veranstaltung angereist waren wie wir, kamen am späteren Abend gleich gar nicht mehr zu einem Abendessen, weil die Schranke sich auch nach zehn Zügen nicht öffnete.

Ich war reichlich verdutzt, denn beschrankte Bahnübergänge habe ich schon seit Jahrzehnten nicht mehr in deutschen Städten erlebt. In Bonn aber, so ließ ich mir inzwischen von einer Bonnerin erklären, ist das ein Feature:

In Bonn heißt es “entweder et is am rääne oder de Schranke sin zo”, aber ich sage euch: Oft ist die Schranke zu und GLEICHZEITIG REGNET ES.

(John Le Carré hat laut Techniktagebuch-Chat in A Small Town in Germany exakt dieses auf Englisch festgehalten.)

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Ich bin ja so froh, wenn ich mich mal über was nicht aufrege. Anscheinend sind seit einiger Zeit nackte Knöchel modisch so angesagt, dass junge Damen und Herren auch bei den derzeitigen Minusgraden mit knöchelfreier Hose und Sneakersocken in Turnschuhen herumlaufen. Und während ich zum Beispiel lange Vollbärte scheußlich finde, mir Vollbärte ohnehin seit ca. 3 Jahren zum Hals raushängen – finde ich bloße Knöchel sehr hübsch, und kann mit ihrer Unvernunft bei winterlicher Kälte bestens leben. Das hat allerdings damit zu tun, dass meine Jugend in die Zeit der Angora- und Mohairpullis mit Fledermausärmeln und soooo tiefem Rückenausschnitt fiel, die ich wunderschön fand und auch trug (Benetton, dunkelblaues Angora, für 5 Mark auf dem Flohmarkt in der Herrenschwaige gekauft) – was die Erwachsenen ausgesprochen bescheuert fanden (O-Ton Mutter Kaltmamsell: “Oiso, entweder an warma Pulli oder an tiefen Ausschnitt!”).

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Diese Illustratorin und Malerin kannte ich schon, als sie vor 28 Jahren noch für andere Maler Leinwände aufzog. Macht sie schon lange nicht mehr, Tina Berning illustriert untern anderem für die Zeit, den stern, die New York Times. Seit gestern hat sie einen Online-Shop, in dem man Drucke und Originale kaufen kann.

Nachtrag: Der Titel des Le Carré-Romans war zunächst falsch als angeführt worden, am 25.2. korrigiert.

die Kaltmamsell

Journal Donnerstag, 22. Februar 2018 – Medizinische Sounds

Freitag, 23. Februar 2018 um 6:52

Sehr müde und sehr früh aufgestanden. Ersteres lag daran, dass mich nachts wieder die Bandscheibe geplagt hatte, diesmal mit pieksenden Schmerzen im rechten Knie abwärts. Ich hatte Ibu geschluckt und mir wieder eine Stufenlage ins Bett gebaut: Stufenliegen, bis der Schmerz erträglich wurde, Schlaf in Seitenlage bis der Schmerz mich weckte, Stufe etc. Stehen, Gehen oder Sitzen übrigens nahezu schmerzfrei, leider schlecht vereinbar mit Schlaf.

Letzteres war einem frühen Termin bei der Zahnärztin geschuldet. Es war mal wieder Zeit für eine professionelle Zahnreinigung, und die Ärztin machte gleich mal den Jahrescheck. Diesmal nach vielen Jahren inklusive Röntgenaufnahme – und ich war völlig begeistert von dem neuen Rundumgerät: Wenn ich groß bin, will ich Sounddesignerin für Dentalröntgenapparate werden, das muss einen Heidenspaß machen. Ich glaube keine Sekunde, dass das gestern mechanische Töne waren; zum einen kenne ich Röntgengeräte und lautlose rotierende Maschinen, zum anderen klang das nach einem Mash-up von 30 Folgen Star Trek Next Generation. Wahrscheinlich gibt es sogar einen “Ton aus”-Schalter (aber nur für Privatpatienten?).

Nach der Arbeit brachte mich eine U-Bahn zum Josephsplatz, wo ich ein bestelltes Buch abholte. Im dortigen U-Bahnhof entdeckte ich einen Fotoautomaten: Endlich mal wieder mein Altern festgehalten; das letzte Bild stammte von Anfang August, kurz bevor die Automaten in der Baustelle U-Bahnhof Sendlinger Tor entfernt wurden. Daheim blätterte ich im Fotostapel nach: Ich mache das mit den regelmäßigen Automatenfotos seit 2005.

Nachtmahl aus Ernteanteil, sehr wohlschmeckend. Das im Tonbecher ist Weißwein, Rest der Flasche vom Sonntag: Aus irgendeinem Grund mag ich schlichten Wein lieber aus solchen Bechern.

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Hatte ich auf Twitter schon mal in die Runde gefragt: Wie schützen Lehrerinnen und Lehrer an ihren Schulen Schülerinnen und Schüler vor sexuellem Missbrauch durch Mitglieder des Kollegiums? Denn in den letzten Jahren dachte ich oft an die schlimmen Geschichten über übergriffige oder missbrauchende Lehrer, die ich nach meiner Schulzeit über die eigene Schule gehört hatte, und die vielen solchen Geschichten, die während #aufschrei rausgekommen waren. In fast jedem Kollegium wird über Kollegen getuschelt oder gelästert, die ihre Finger nicht von den Referendarinnen lassen können – wie verhalten die sich wohl erst gegenüber Schülerinnen?

Und so wundert es mich, dass das erst jetzt in der Zeit ausführlich thematisiert wird:
“Schulkinder ohne Schutz”.

Das Interesse von Schulleitungen, Aufsichtsbehörden und Landesregierungen ist erschreckend gering. Die Kultusministerkonferenz bleibt weit hinter ihren Versprechen zurück, sexuelle Gewalt und Missbrauch an Schulen offensiv zu bekämpfen.

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Da schau her: Es gibt doch interessante Details an den Olympischen Winterspielen!
“The Winter Olympics Feature 2,951 Of The World’s Greatest Athletes, And Also This Woman”.

That’s her gameplan: show up and stay upright.

Life goals.

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The Moscow Times porträtiert:
“Generation P
The stories of 18 teenagers who have lived a lifetime under Vladimir Putin.”

via @kscheib

Interessante Einzelgeschichten, schön illustriert mit Bildern und Filmchen aus deren Familienalbum.

die Kaltmamsell

Journal Mittwoch, 21. Februar 2018 – Sollten Jugendliche so früh wie möglich selbst Geld verdienen müssen?

Donnerstag, 22. Februar 2018 um 6:13

Seit einer Diskussion darüber vor wenigen Tagen auf Twitter denken einige in meinem Internet darüber nach (z.B. Nessy, dasnuf, Anne Schüßler), ob man Druck auf Jugendliche in Schule und Studium ausüben sollte, selbst Geld zu verdienen.

In meiner eigenen Jugend (1980er) war es sehr üblich, so früh wie möglich Geld zu verdienen, meine Peer Group verband das sogar mit Prestige: Wir konnten es kaum erwarten, endlich alt genug dafür zu sein. So verdiente ich mein erstes eigenes Geld mit Musikauftritten (Querflöte in einem Holzbläserquintett), mit 17 hatte ich den ersten Putzeinsatz in der Fabrik, einmal half ich bei einer Inventur im Kaufhaus, und sobald ich 18 war, verdiente ich Geld als Kellnerin in einer Kneipe.

Das Bedürfnis nach eigenem Geld war bei mir so groß, dass ich nicht sagen könnte, ob meine Eltern nachschoben. Ich bilde mir ein, dass sie meinen Wunsch als selbstverständlich ansahen und weiß, dass sie mir tatkräftig bei der Suche nach lukrativen Jobs halfen.

Nach meinem Zeitungs- und Rundfunksvolontariat verdiente ich im Studium Geld fast nur mit berufsnahen Tätigkeiten: Radiobeiträge, Urlaubsvertretung Zeitung, Hiwi an der Uni. Nur in einem Sommer hatte die Redaktion keinen Job für mich und ich ging wieder sechs Wochen in die Fabrik.

Selbstverständlich habe ich in allen Jobs eine Menge fürs spätere Leben gelernt – doch so empfand ich es nicht: In erster Linie erlebte ich ungeheuer Spannendes, Besonderes. Eine Fabrik von innen! Im Kaufhaus nach Öffnungszeiten! Die Bestellung “a Maß Goaß” war kein Scherz, sowas gab es wirklich!

Doch ähnliche Abenteuer kann auch eine Jugendliche erleben, die auf eine Pfadfinder-Freizeit als Betreuerin mitfährt. Die sich mit ihrem Orchester über Monate auf eine Auslandsfahrt vorbereitet. Ich glaube nicht, dass man durchs frühe Geldverdienen etwas so Unersetzliches lernt, dass das jeder und jede tun müsste. Vor allem nicht gegen ihren Willen.

Und die Jugendlichen, die gar nichts davon machen, weil sie lieber den ganzen Tag Schmink-Tutorials auf YouTube und TV-Serien gucken, haben halt vermutlich kein Bedürfnis nach Abenteuern. Denn darum geht es: Menschen haben verschiedene Bedürfnisse, auch wenn sie noch sehr jung sind.

Unmut und Leid hingegen bereitete mir Hausarbeit. Für Tätigkeiten im Haushalt gab es bei uns kein Geld, meine Mutter priorisierte den Aspekt, dass in einer Gemeinschaft jeder und jede seinen und ihren Teil beitragen muss. Dem stimme ich zu. Doch ich hasste jede dieser Pflichten leidenschaftlich (auch wenn ich selbstverständlich eine Menge dabei lernte), fühlte mich gezwungen und unterdrückt. Dabei hätte es eine Alternative gegeben, wie ich erst vor wenigen Tagen durch Lektüre bei Frau…äh…Mutti lernte:
In “Nähkästchenplauderei” schildert sie, wie sie ihre drei Kinder zu Hilfe bei der Gartenarbeit erzog.

Wir gingen zusammen raus, arbeiteten gemeinsam und am Abend wurde gegrillt oder es gab Pizza vom Italiener.

Wenn ich mir vorstelle, meine Mutter hätte Hausputz als Gemeinschaftsprojekt aufgezogen (und darum ging es ihr ja eigentlich), 1. Was ist alles zu tun? 2. Du putzt das Bad, ich sauge Staub 3. Und dann belohnen wir uns – dann wäre das ganz sicher eine ganz andere Nummer geworden. Aber dann hätte es sich vielleicht nicht mehr nach verdienstvoller Pflichterfüllung angefühlt?

Das mit dem Geld: Ich bin halt schon mal mit einem überdurchschnittlich hohen Autarkiebedürfnis (SELBER!) auf die Welt gekommen, das machte frühes Verdienen eines eigenen Gelds besonders attraktiv. Und ich spüre, dass ich mich irrationalerweise bis heute ein wenig denen überlegen fühle, die sich auch noch zu Zeiten komplett von ihren Eltern durchfüttern ließen, als sie bereits Alternativen für Selbständigkeit gehabt hätten – was völlig bescheuert ist, den damit mache ich persönliche Autarkie zum absoluten Wert. Andere Leute sind anders und haben andere Bedürfnisse: Zum Beispiel lebten manche lieber genügsam, um sich weniger anstrengen zu müssen, oder sie zahlten für Muße den Preis, sich materiell stärker ihren Eltern unterordnen zu müssen.

Mein Jahr im Ausland hat wie kaum etwas Anderes zu positiven Seiten meiner Charakterentwicklung beigetragen – sehe ich das auch als verpflichtend an?

Das mit dem Job neben Schule und Studium gehört wahrscheinlich zu dem weiten Feld “Heute ist es anders als früher – muss es deshalb automatisch schlechter sein?”. Kinder spielen heute deutlich seltener unbeaufsichtigt draußen, sind deutlich weniger Gefahren ausgesetzt, und ich bin sicher, dass das einen Unterschied macht. Aber muss das ein Unterschied zum Schlechten sein? Gefährlich wird diese Haltung, wenn sie eigenes Leiden verherrlicht: “Mir hat’s auch nicht geschadet.” Das kann zum einen Selbstbetrug sein (so neigen Menschen, die in ihrer Kindheit physische Gewalt erfahren haben, später belegbar selbst mehr zu Gewalt). Zum anderen haben Zwang und Leiden, Angst und Stress in frühen Jahren sicher Einfluss auf den Charakter – aber ich wäre sehr vorsichtig mit der Prognose, dass dieser Einfluss auch nur tendenziell positiv ist.

Schwierig waren allerdings schon immer Menschen, die alles zugleich haben wollten: Geld und Dinge, über die sie ungefragt verfügen können, gleichzeitig keine Anstrengung einsahen, sondern bedingungslose Wunscherfüllung beanspruchten – und die Zorn über die gefühlte Unfairness empfanden, wenn Bedingungen gestellt wurden. Doch ob sich solche Charakterfehler durch Zwangsarbeit als Jugendliche beheben lassen, bezweifle ich.

§

Eine US-amerikanische Lehrerin erzählt aus der Schule:

“The Teens Will Save Us”.

Every year, before I teach 1984 to my seniors, I run a simulation. Under the guise of “the common good,” I turn my classroom into a totalitarian regime; I become a dictator.

(…)

I’ve done this experiment numerous times, albeit not consecutively, and every year I have similar results. This year, however, the results were different. This year, a handful of students did fall in line as always. The majority of students, however, rebelled.

Klar ist das Loch in der Geschichte der Lehrerin, dass Klassen miteinander sprechen: Es ist sehr unwahrscheinlich, dass die aktuellen Schülerinnen und Schüler noch nie von dem Experiment gehört haben, das Dina Leygerman ja jedes Jahr an ihrer Schule durchführt. Und doch: Es wehren sich genau die jungen Leute, die unter Verdacht stehen, heutzutage durch Fürsorge und ohne Leiden im Gegensatz zu uns zu verweichlichen.

§

Allerletztens führt mich das zum generellen Nachdenken über die Verherrlichung von Leiden: Das Ideal des “Verlassens der eigenen Komfortzone”, sich in der Fastenzeit zielgerichtet Leid zuzufügen (hat jemand meine Idee mit dem täglichen Hammerschlag auf den eigenen Daumen umgesetzt?), mit “mir hat’s auch nicht geschadet” vorauszusetzen, dass die Erfahrung von Leid einen zum besseren (wertvolleren? höherwertigen? gottgefälligeren?) Menschen macht – soll das so?

§

Jetzt aber noch echtes Tagebuch: Wetter weiter kalt, gestern zumindest mit Sonne. Als ich zwischen 17.45 und 18.15 Uhr zum Sport ging, war es noch nicht ganz dunkel. Sport war eine Runde Crosstrainer und Rudern, dann Hot Iron. Zum Abendessen servierte Herr Kaltmamsell das restliche Hühnerfleisch als aserbaidschanisch-jüdisches Omelett mit Maroni drin: Sehr gut.

die Kaltmamsell

Journal Dienstag, 20. Februar 2018 – Feudales Nachtmahl

Mittwoch, 21. Februar 2018 um 6:43

Den ganzen Tag spazierten gelangweilte Schneeflocken an meinem Bürofenster vorbei. Dabei soll es laut Vorhersage jetzt erst so richtig kalt werden.

Das Abendessen hatte ich mal wieder Herrn Kaltmamsell überlassen – der anscheinend den ganzen Nachmittag in der Küche verbrachte: Es duftete bereits hinter der Wohnungstür mundwässernd.

Als Hauptspeise gab es Enchiladas aus dem Ofen mit einer Füllung aus gekochtem Hühnchenfleisch, Tomaten, grünen Paprika, Sauerrahm, scharf – köstlich und besser als alles, was ich je in einem TexMex-Laden bekommen habe. (Mit den Glasteller kommen Sie zurecht?)

Doch Herr Kaltmamsell wies mich auf den Dämpfer hin, der seit drei Stunden auf dem Herd köchelte: Er hatte Sussex Pond Pudding ausprobiert. Von dem Pudding hatte ich noch nie gehört, doch an Dew Ponds war ich beim Wandern in Südengland immer wieder vorbei gekommen. Jetzt erfuhr ich, dass sie einem sehr altmodischen (Erstbeleg 1672) britischen Nachtisch Pate gestanden hatten.

Außen suet crust, innen eine ganze Zitrone, Butter und brauner Zucker.

Schmeckte sehr exotisch, aber durchaus gut. (Herr Kaltmamsell hat dieses Rezept verwendet.)

§

Es hat sich herausgestellt, dass Mitglieder der Hilfsorganisation Oxfam im Haiti Hilfebedürftige sexuell missbraucht haben – und das ist nur der aktuellste solche Skandal. Mademoiselle Read on kennt aus eigenen Projekten die menschliche und gesellschaftliche Konstellation, die solchen Missbrauch erleichtert und nennt das Gegenmittel:
“Die Suche nach dem Korrektiv”.

§

Eine schöne Vermietergeschichte:
“Stiftung statt ErbschaftDer Fair-Mieter”.

In dem Moment, indem ein Unternehmen Vermieter an Privatpersonen ist, kann man die Hoffnung auf solch eine Haltung natürlich vergessen.

§

Das frage ich mich ja schon lang: Meine Generation, die mit Videospielen groß geworden ist (fragen Sie mal Herr Kaltmamsell nach seiner Jugend vorm Fernseher, am C64 und beim Rollenspielen), die das Web wenn nicht erfunden hat, dann aber gleich nach Erfindung intensiv genutzt: Wie handhaben die den Computer- und Netz-Umgang ihrer Kinder?
Eine Antwort findet man im immer noch guten Buch von Tanja und Johnny Häusler: Netzgemüse.
Weitere Antworten hat der Spiegel gesammelt:
“Wenn Eltern mit den Kindern zocken”.

via @dasnuf

die Kaltmamsell

Journal Montag, 19. Februar 2018 – Dublin-Tipps?

Dienstag, 20. Februar 2018 um 6:38

Kalter Tag, leider wurde auch das Büro nicht recht warm. Gegen Feierabend war mir so kalt, dass ich keine Lust auf den geplanten Einsatz meines Sportrucksacks hatte (Step-Aerobics). Statt dessen ging ich durch die Eiskristalle meines Atems nach Hause und drehte die Heizkörper in der Wohnung bis zum Anschlag auf.

Abends buchte ich eine Unterkunft für die Woche Dublin nach unserer Wanderung des Wicklow Way. Nach Recherche der Zimmerpreise in B&Bs und Hotels hatte ich ein paar Tage Erholungspause gebraucht und dann doch wieder AirBnB genommen. Dafür musste ich mir natürlich einen ersten Überblick über die Stadt verschaffen und war schon mal hoch erfreut. Jetzt sind wieder Sie dran, meine immer hilfreichen Leserinnen und Leser: Kennt hier jemand Dublin? Wo sollte ich essen und trinken? Wo sollte ich Lebensmittel einkaufen? Kann man noch traditionelles irisches Brot bekommen? Welche Ausblicke sind die schönsten? Ich freue mich über jeden Tipp.

die Kaltmamsell

Journal Sonntag, 18. Februar 2018 – Schneelauf und Black Panther

Montag, 19. Februar 2018 um 6:49

Eigentlich hatte ich Schwimmen geplant, aber es war draußen so schön verschneit wie bislang den ganzen Winter noch nicht: Ich wollte die möglicherweise einzige Chance auf einen Isarlauf in weißer Pracht nutzen.

Ich lief Intervall: Laufen – Fotografieren – Laufen – Laufen – Fotografieren etc. Das abschließende Bild machte ich mit Fremdhandy, als ich auf dem Südfriedhof eine Familie von weit her sah, die ihr kleines Kind und einander in allen möglichen Posen mit Schnee und verschneiten Grabsteinen festhielt: Die Herrschaften nahmen mein mit Gesten verdeutlichtes Angebot, alle drei zusammen zu fotografieren, begeistert an.

Es war aber zu und zu schön da draußen. Das wird hier natürlich festgehalten, da müssen Sie jetzt durch, wir sind ja nicht zum Spaß hier.

Nachmittags erwischte ich im Cinema eine 2D-Vorstellung von Black Panther. Der Superhelden- und Marvel-Experte an meiner Seite hatte mich schon beim Erscheinen des ersten Trailers mit seinem Hintergrundwissen darauf vorbereitet, doch die ganz andere Ästhetik, die sich deutlich von allen bisherigen Superheldenfilmen unterschied, überraschte mich dann doch – und das aufs Beste: Die Welt von Wakanda ist liebevoll bis in viele Details ausgestaltet und ganz auf afrikanische Kulturen und Geschichte ausgerichtet. Große Freude auch über die vielen, verschiedenen und wichtigen Frauenfiguren des Films. Positiv überrascht war ich über den Humor, der oft unerwartet eingesetzt wird und unter anderem erleichternd die Heldenhaftigkeit der einen oder andere Szene bricht.

Auf dem Heimweg fragte Herr Kaltmamsell, ob beim Filmschauen wohl auffallen würde, dass fast ausschließlich schwarze Darstellerinnen und Darsteller zu sehen sind – wenn das nicht so stark thematisiert worden wäre. Mir vermutlich erst in dem Moment, in dem eine weiße Figur auftaucht, es gibt ja andere rein schwarz besetzte Filme, vergangenes Jahr zum Beispiel der Oscar-Gewinner Moonlight. Doch genug menschliche Vielfalt bietet Black Panther auch ohne diesen Hinweis.

Für die Süddeutsche analysiert Fritz Göttler den Film:
“Schwarz ist endlich angekommen im Blockbuster-Mainstream”.

§

Christian Stöcker appelliert nochmal für ein Umdenken in der Mobilitätspolitik:
“Nahverkehr vs. Individualverkehr
Holen wir uns die Welt zurück!”

Darin auch viele Hinweise, warum das Kaufverhalten der Verbraucher nicht Maß der Politik sein darf.

§

Weil wir schon mal dabei sind: Maxim Loick erzählt eine Karnevalgeschichte aus dem Bus.
“ÖPNV”.

§

Elisabeth Ranks geht beim Umgang mit seelischen Veränderungen den Behördenweg:
“Antrag auf Verlängerung”.

§

Ute Hamelmann (u.a. Schöpferin der Figur “Goldener Blogger”) hat Deutschlands politische Zukunft in ein Bild gefasst:
“Cartoon: Das Groko”.

§

Eiskunstlauf hat ja gerade viele Freundinnen und Freunde (das deutsches Eiskunstlaufpaar Aljona Savchenko / Bruno Massot hat mit einer sensationellen Kür bei den derzeitigen olympischen Winterspielen in Südkorea gewonnen), vielleicht mag sich jemand eine Nummer von Sonja Henie aus dem Jahr 1945 ansehen (das Kostüm ginge heute noch super):

Aktivieren Sie JavaScript um das Video zu sehen.
https://youtu.be/7sjnfkEOpsE

via @OnThisDayShe

Tweet von gestern:

On this day in 1932 Sonja Henie won her 6th straight World Women’s Figure Skating title. She was also an actress, one of the highest-paid stars in Hollywood, starring in a series of box-office hits such as Thin Ice (1937).

die Kaltmamsell

Journal Samstag, 17. Februar 2018 – Vereinssport: A whole new world

Sonntag, 18. Februar 2018 um 8:35

Nach Ausschlafen und Bloggen besuchte ich gestern zwei Vormittagsturnstunden am neuen Sportort. Vereinssport bewegt sich auf vielen Ebenen in einer ganz anderen Kultur als Fitnessstudiosport, und das finde ich gerade ungeheuer spannend.

In dieser Sportvereinskultur ist sehr wahrscheinlich der MTV nochmal etwas ganz Eigenes, der Geschichte und den Örtlichkeiten geschuldet:

Sie sollten die Turnstunden nach Mitgliedern des bayerischen Königshauses benennen: 45 min. Amalie, Sisi für Fortgeschrittene, Hot Max, Anfänger-Leopold, eine Runde Rudolfen etc.

(Was Anderes: Liest hier eine Steinmetzin oder ein Steinmetz mit, der den falschen Punkt nach 1909 beseitigen könnte?)

Gestern sah ich das Gebäude und den Ausblick aus dem Gymnastiksaal zu ersten Mal bei Tageslicht. Ich bewegte mich bei 45 Minuten “Move & Dance”, was heutzutage die letzten Reste von dem sind, was vor 40 Jahren als Aerobics angefangen hat. Der Schwerpunkt liegt auf tänzerischer Bewegung, nicht mehr auf exakt und mit Spannung ausgeführter Choreografie. Danach 45 Minuten “Bodystyling”, was in meiner persönlichen Sportgeschichte als ruhige, geführte Gymnastik mit möglichst vielen Wiederholungen begonnen hat, doch zumindest gestern aus sehr dynamischen und zum Teil raumgreifenden Übungen mit vereinzelten Sprüngen bestand, die ich mit der Erscheinung “Functional Training” verband – allerdings bei Weitem nicht so belastend.

Überraschung und große Freude nach der Stunde, als mich eine Mitturnerin ansprach, die mein Blog kennt. Sie habe sich gefreut, dass ich zum MTV gewechselt sei und sich schon gedacht, dass wir einander dort früher oder später begegnen würden. Jetzt kenne ich also neben dem lang verflossenen Arbeitskollegen noch jemanden dort.

Und nun der Kulturwechsel: Ich ging heim, ohne zu duschen. Das hatte ich nämlich von Anfang an beobachtet: Dass nur eine Minderheit der Frauen die Umkleide geduscht verlässt. Einige Teilnehmerinnen an den Gymnastik- und Hüpfstunden gehen erst gar nicht in die Umkleide, sondern haben eine Tasche mit Turnschuhen und Handtuch dabei, die sie in eine Ecke des Gymnastiksaals stellen.

Die Duschen sind viele und ordentlich, im Gegensatz zu Nassbereichen von Fitnessstudios aber weit entfernt von aller einladender “Wellness”. Das allein konnte doch nicht der Grund sein.

Wie gut, dass ich einen langjährigen Vereinssportler in der Familie habe, den ich fragen konnte, ob meine Beobachtung überhaupt stimmt und ob er den Grund kennt: Meinen Bruder, Jugend-Basketballtrainer in einem Verein.

Er schätzte im gestrigen Telefonat den Anteil an Nichtduschern bei sich auf 50 Prozent – das sind schon mal 50 Prozent mehr als in einem Fitnessstudio, wo sich jede nach dem Sport duscht, vielleicht mit Ausnahme nach Yogastunden. Zum einen, erklärte mein Bruder, wohnten viele in der Nähe der Sportstätte, auch er zum Beispiel, und gingen deshalb lieber schnell nach Hause zum Duschen. Zum anderen, und diesen Verdacht hatte ich schon gehabt: Trainingsanzug.

Niemand will ja nassgeschwitzt in zivile Kleidung steigen. Doch während Trainingsanzüge in der Fitnessstudiokultur nahezu unbekannt sind, gehören sie laut meinem Bruder fast schon definitorisch zum Vereinssport. Schließlich seien alle Sportarten dort auf Wettkämpfe gegen andere Vereine ausgerichtet. So habe man zum einen auf Wettkämpfen das Bedürfnis, durch Vereinskleidung die Zugehörigkeit zum eigenen Verein zu zeigen – das könne man nicht durch Jeans und Pulli. Zum anderen gebe es in Wettkämpfen immer Pausen, in denen man sich etwas überziehen wolle, um nicht zu frösteln, nämlich einen Trainingsanzug (unverständlicherweise nahm er meinen Alternativvorschlag “Bademantel?” nicht ernst und behauptete, der sehe da nicht gut aus).

Gestern hatte ich meine Winter-Laufkleidung über die Sportklamotten gezogen (plus Janker), in die schlüpfte ich also nach dem Sport für die zehn Minuten Heimweg. Wenn ich direkt nach der Arbeit zum Sport gehe, werde ich aber nicht ums Duschen rumkommen.

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Wenn man nicht mehr raus muss, ist so ein Schneetag ja schon ganz schön. Ich verbrachte ihn mit Wäschewaschen und Lesen.

Letzteres versuchte ich mal in therapeutischer Haltung, um die immer noch zickende LWS-Bandscheibe zu entlasten. (Foto: Herr Kaltmamsell)

Abends – Herr Kaltmamsell war aushäusig – packte ich die jährliche Meldung von Blogposts bei der VG Wort an: Für 2017 gilt es über 170 Einträge einzeln aufzurufen und Überschrift sowie Text ins Online-Formular zu kopieren. Das dauert unter anderem deshalb so lange, weil ich beim Wiederlesen gerne mal an Einträgen hängen bleibe und mich erinnern lasse. So oder so: Die Ausschüttung war bislang immer so reichhaltig, dass sich die Mühe wirklich lohnt.

die Kaltmamsell