Auch am gestrigen Samstag klingelte der Wecker früh, denn ab 8:30 Uhr war ich auf Wahlhilfeschulung. Bislang habe ich ja nur bei einer Europawahl geholfen, das war sehr einfach und ich war lediglich Beisitzerin (das sind die, die nur Anweisungen ausführen). Nächsten Sonntag aber helfe ich Bundestag wählen, und das ist ein bisschen aufwändiger (Königsklasse: Landtagswahl), außerdem wurde ja eine computer-gestützte Übermittlung der Zählergebnisse eingeführt, die geschult werden muss.
Ich spazierte im Regen zum Münchner KVR. Die ganze Sache war recht aufregend: Es ist einfach erstaunlich und erhebend, welcher Aufwand betrieben wird, damit diese Wahlen demokratisch und rechtskonform ablaufen. Ich bin versucht vorzuschlagen, dass Verschwörungstheoretiker einfach mal eine Wahl als Wahlhelfer mitmachen – doch das basiert schon wieder auf der Fehlannahme, dass sie Vernunftargumenten zugänglich sind. Unter anderem machte mir die Schulung klar, wie viel Verantwortung ich nächsten Sonntag trage, ich fühlte mich richtig staatsbürgerlich.
Schön ist die Transparenz des neuen Systems: Alle Unterlagen zur gestrigen Schulung, inklusive Screenshots des neuen Erfassungssystems auf Notebooks, sind hier öffentlich einsehbar.
Da ich bislang noch keine Wahlschulung hatte, war ich dankbar für die Auffrischung von Grundsätzlichem, unter anderem:
– Wahl und Auszählung sind öffentlich: Wenn Sie sich persönlich davon überzeugen wollen, dass bei der Stimmabgabe und bei der Auszählung alles mit rechten Dingen zugeht – in ihrem eigenen Wahlbezirk oder in einem, den Sie schon immer der Mauscheleien verdächtigten -, gehen Sie einfach hin und schauen zu. Überprüfen Sie, ob wirklich nur wählt, wer wahlberechtigt ist. Ob sie das auch wirklich geheim tun. Wie ausgezählt wird, wie über strittige Wahlzettel diskutiert wird und was das Ergebnis ist.
– Der Wahlzettel dient nur der Stimmabgabe. Jede Veränderung des Wahlzettels (Rumschmieren, Durchstreichen, Kommentare) macht die Stimme ungültig.
Wichtigster Schulungsinhalt für mich war allerdings das Trainieren des Umgangs mit einer bestimmten Art von G’schaftlhubern, die die Schulung störten und deutlich verzögerten: Es existiert die Möglichkeit, dass ich am Wahltag mit solch einem Typ Mensch zusammenarbeiten muss; gestern konnte ich schon mal üben, ihm nicht an die Gurgel zu gehen.
Wenn ich Sie an dieser Stelle bitten dürfte, nächsten Sonntag zur Bundestagswahl zu gehen? Sollten Sie überzeugte Nichtwählerin sein, werden ich Sie nicht ohne ausführliches Gespräch umstimmen können. Sollten Sie aber lediglich eine gewissen Trägheit verspüren oder zögern, weil Sie nicht recht wissen, welche Partei Sie wählen sollen: Bitte, bitte gehen Sie wählen. Jede nicht abgegebene Stimme ist eine für die anderen. Unsere Demokratie gehört zu den größten Errungenschaften der Menschheitsgeschichte, so viel man daran auch verbessern könnte. Doch sie ist nichts ohne Demos, das Volk – Wählengehen ist “Wir sind das Volk”.
Sollte Ihnen die Entscheidungsfindung mühsam erscheinen, hilft Ihnen ja vielleicht diese Übersicht: Die Süddeutsche hat dankenswerterweise die Kernaussagen der Wahlprogramme zu einigen wichtigen Themen zusammengefasst. Und zum Thema Bildung empfehle ich in brandeins diese Zusammenfassung der Parteiaussagen in leichter Sprache. Beides hat zumindest mir bei der Entscheidung deutlich mehr geholfen als jeder Wahlomat.
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Auf dem (wegen G’schaftelei um eine halbe Stunde verspäteten) Heimweg besorgte ich Obst und Semmeln fürs Frühstück, es regnete immer noch.
Fürs Techniktagebuch aufgeschrieben:
“Fernwandern verbessern mit elektronischen Karten und Ortung”.
Nachmittags ausführliches Bügeln, dabei hörte ich unter anderem das Radiofeature von Johannes Nichelmann
“Rückkehr in die Provinz
No Land Called Home”.
Recht gruslig. Mich verletzte geradezu, dass die Bewohner und Bewohnerinnen dieses bayerisch-schwäbischen Dorfs behaupteten, für Bayern zu sprechen. Und ich dachte darüber nach, wie viel richtiges Leben es im falschen geben kann – wie einverstanden man mit einer Gesellschaft sein kann, in die man selbst problemlos passt, die aber die meisten Bevölkerungsgruppen ausgrenzt.
Mir gefiel die Struktur des Radiofeatures, in dem die Situation des Aufnehmens der Gespräche immer wieder thematisiert wird, in dem man immer wieder den Autor mit Kopfhörern und Mikrophon vor sich sieht.
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Was ganz Anderes: Künstliche Wimpern.
Nachdem ich mich über die vergangenen Jahre langsam an die hingemalten Manga-Augenbrauen bei Frauen gewöhnt habe, stehe ich jetzt vor einer neuen Herausforderung: Junge Frauen mit aufgeklebten Wimpern – gerne von einer Künstlichkeit, dass sie wie ein Streifen schwarzen Papiers aussehen (vielleicht sogar genau das sind?), in einer Länge und Dichtheit, wie ich sie bis dato nur von Drag Queens kannte. Vermutlich ist das wie Tätowierungen und Piercings eher als Körperschmuck einzuordnen denn als Kosmetik. Ganz erstaunlich. 
die Kaltmamsell