Agentur versus Industrie

Montag, 1. März 2004 um 16:30

Ob ich je bereut habe, vor zwei Jahren der Agenturwelt den Rücken gekehrt zu haben?

Einerseits: Ja, täglich. Die Industriewelt, der ich mich statt dessen zugewendet habe, beheimatet keine solchen Spinner, wie sie sich in Agenturen ansiedeln, gleich Moos an der Wetterseite von Bäumen. Spinner, wie sie Anke beschreibt, die um den Namen ihres ungeborenen Kindes pitchen lassen. Spinner, wie ich sie am Wochenende auf zwei Festen von Ex-Kolleginnen, jetzt Freundinnen wiedergetroffen habe. Die zum Beispiel einem gemeinsamen Freund zum Geburtstag eine Tupperparty schenken. Die mit mir täglich Trailer nahender Filmgenüsse auf dem Rechner ansehen, selbst wenn sie als Bildschirmhintergrund einen Fußballspieler des FC Bayern München eingerichtet haben.
Hier in der Industrie gehen die Leute entweder im Ernst auf solche Tupperparties oder wissen nicht mal, was das ist. Und so habe ich in den knapp zwei Jahren hier noch niemanden zum Spielen gefunden. (Der Herr auf der Suche nach dem Schraubenzieher spinnt noch am ehesten. Aber einer unter 2.000 Kollegen?)

Andererseits: Nein, nie. Ich bin einfach draufgegangen, damals. Nicht wegen der Spinner, sondern wegen der Möglichkeit, Spitzenleistung zu bringen. Weil in den inhabergeführten PR-Agenturen meiner Vergangenheit alles darauf angelegt war, dass ich mir Freiräume schaffen konnte und so richtig klotzen – notfalls an der Geschäftsleitung vorbei, solange der Umsatz meines Teams stimmte. Ich bin darauf gepolt, solche Möglichkeiten zu nutzen und meine gesamte Energie reinzustecken. Bis Job sich mit Leben deckt.
Hier in der Industrie sind die Strukturen fest und behäbig. Und ich bin vor mir selbst geschützt.

die Kaltmamsell

7 Kommentare zu „Agentur versus Industrie“

  1. Jens meint:

    Das behäbige ist es aber, was mir im Moment im Job die Luft nimmt. Man kann nichts, aber auch gar nichts ändern, weil es immer eine Abteilung gibt, die "das geht nicht" sagt.

  2. die Kaltmamsell meint:

    Oh, ich habe mir durchaus eine schöne Industrie rausgesucht! Ich werde nie mit "das geht nicht" ausgebremst, ich kriege meine Sachen schon durch. Nur dass sie tatsächlich zehnmal so lange dauern wie in einer Agentur. Und auch die dringendsten Projekte durchaus bis morgen warten können.

  3. Jörg meint:

    Die Werbe- und Medienindustrie lebt von der Selbstausbeutung ihrer Mitarbeiter. Dabei bleiben ausgebrannte und ausgelaugte oder einfach nur zu alte am Wegesrand zurück. Auf Verluste im Kampf um die Aufmerksamkeit der Verbraucher und Konsumenten wird nicht geachtet, weil der Nachschub an jungen unverbrauchten Kriegern, die mit Hurra in die Schlacht ziehen wollen, scheinbar unerschöpflich ist.

  4. Anke meint:

    Ach, Quatsch, Selbstausbeutung, Schmelbstausbeutung. Natürlich gibt es immer Praktikanten aus dem Schwäbischen, die gerne bis Mitternacht in der Agentur bleiben, weil sie glauben, es sei cool, aber je älter/weiser/qualifizierter (!) man wird, desto eher ist man in der Lage, Agentur Agentur sein zu lassen und zu sagen, ihr könnt mich mal, ich hab jetzt Feierabend. Und weil man eben alt/weise/qualifiziert ist, kann einen auch kein junger Hüpfer ersetzen.

    Nebenbei: MEINE FREUNDE SIND KEINE SPINNER :-)

  5. die Kaltmamsell meint:

    Ich glaub schon auch, dass es in Agenturen durchaus Leute gibt, die das rechte Maß finden. Nur bin ich halt so gestrickt, dass ich eins-zwei-drei auf einem Chefstuhl sitze und mich auf die Möglichkeit stürze, ganz ganz große Brote zu backen. Und dann fühle ich mich auch verpfichtet, den Kopf hinzuhalten.
    SPINNER! SPINNER!

  6. Thuner meint:

    Einen Unterschied hast Du vergessen: Damals warst Du Linie. Heute bist Du Stabsstelle. Deshalb hast Du heute den Eindruck, dass alles langsam geht, während Du früher direkt in den Produktionsablauf eingebunden warst.

  7. Anke meint:

    (Für die Erwiderung musste ich nur 20 Stunden überlegen:) SELBER! SELBER!

    :-)

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